03.02.2020 Buchbesprechung von Sönke C. Weiss

Kein Schlussstrich unter die Geschichte

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Seit 2018 schreibt Alexander Osang für den „Spiegel“ aus Israel; sein jüngstes Buch heißt „Die Leben der Elena Silber“, kostet 24 Euro und ist bei S. Fischer erschienen.

Inspiriert von seiner eigenen Familiengeschichte erzählt er den Lebensweg seiner Titelheldin, die aus einer russischen Provinzstadt einem deutschen Ingenieur 1936 nach Berlin folgt, wo dieser aber in den Wirren der Nachkriegszeit verschwindet und sie ihre vier Kinder alleine durchbringen muß.

Nach packenden ersten 100 Seiten verliert sich Osang dann leider in seinen Nebenfiguren, die wenig oder nichts mit der eigentlichen Story zu tun haben und uns trotzdem bis auf Seite 617 begleiten, bis wir den Roman erschöpft zur Seite legen, um uns Lisa Taddeos „drei frauen“ zu widmen:

Lisa will begehrt, Maggie verstanden und Sloane bewundert werden. Auf 413 Seiten geht es um viel Sex, der sehr wohl beschrieben wird, Lust wie Macht und spiegelt die #metoo-Generation in ihrer Psyche wie Physis.

Leider sind den Stories anzumerken, dass sie konstruiert wurden und irgendwie hat man immer wieder das Gefühl, alles schon mal bei „Sex and the City“ gesehen zu haben. 22 Euro kostet der Bestseller, der in deutsch bei Piper erschienen ist.

Dass es nach 75 Jahren keinen Schlussstrich des Gedenkens geben darf, demonstriert Andrea von Treuenfelds Buch „Leben mit Auschwitz“, das im Gütersloher Verlagshaus erschienen ist, 20 Euro kostet und auf 255 Seiten in berührenden wie persönlichen Zeugnissen Menschen zu Wort kommen läßt, die die dritte Generation nach dem Holocaust repräsentieren.

Mir persönlich fehlen angemessene Worte, um zu beschreiben, was ich beim Lesen dieses Buches empfunden habe. Ich weiß nur eines, diese Interviews sollten zur Pflichtlektüre an allen deutschen Schulen werden, vielleicht sogar weltweit, was mich zum letzten Buch der heutigen Kolumne bringt:

„Du bist so viel mehr als Deine Angst“ von Chris Gust, herausgebracht im Main Verlag. Auf 304 Seiten widmet sich die Autorin Angststörungen, die sicher zu den häufigsten Erkrankungen unserer westlichen Welt gehören und oftmals ein Tabuthema sind.

Wie Betroffene aus diesem Teufelskreis finden können, beschreibt Gust kurzweilig und amüsant aus ihrer eigenen Perspektive. Nichtsdestotrotz: Wer in der Tat unter ständigen Angstzuständen leidet, sollte sich professionelle Hilfe suchen, ein 22-Euro-Buch ist kein Anker.

Sönke C. Weiss

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