21.06.2017 Konzert von Depeche Mode

Im Bann von Synthie-Pop und Blues - Depeche Mode begeistern im Münchner Olympiastadion mit neuen Klängen

von: GFDK - Liane Bednarz

Artikel aktualisiert am 21.6.2017 - Im September 2013 hat Liane Bednarz für uns das Depeche Mode Konzert in München besucht und einen tollen Artikel dazu geschrieben. Die Sommerkonzerte 2017 sind alle ausverkauft, aber wer sie verpasst hat kann sich freuen. Die Global Spirit Tour geht weiter in die Wintertermine. Los geht es am 24.11.2017 in Frankfurt.

Die ungebrochene Faszination der Fans für Depeche Mode. Wenn Depeche Mode zum Auftakt einer neuen Tour nach Deutschland kommen, ist ihnen ein ausverkauftes Haus sicher.

Nichts und niemand kann daran etwas ändern. Weder trübes Wetter noch Kälte. Und so wollen sich die deutschen Anhänger der britischen Synthie-Pop-Könige auch anno 2013 den deutschen Start der „Delta Machine“-Tour nicht entgehen lassen.

63.000 zieht es ins Münchner Olympiastadion. Nicht einmal das zeitgleich im Fernsehen übertragene DFB-Pokalfinale sorgt für leere Ränge, obwohl es für den Bayerischen Rekordmeister an diesem Abend immerhin um das mögliche „Triple“ ging. Depeche Mode spielen eben in ihrer eigenen Liga.

Für sie gilt, um einen ihrer Hits zu zitieren, bei jeder Tour: „Everything counts in large amounts“. Weil sie einzigartig sind, weil sie ihr Publikum jedes Mal erneut in ihren Bann ziehen. Und so singen auch an diesem Juni-Abend Zehntausende jeden Vers mit, verströmen Hingabe, Begeisterung, Leidenschaft.

Oben auf der Bühne steht Dave Gahan, der Dirigent der „Music for the Masses“, und versprüht sein vielbeschriebenes Charisma, ist regelrecht „mesmerisierend“, ein Begriff, der wie für ihn geschaffen zu sein scheint. „Music for the Masses“ lautet der Titel eines der Schlüsselalben von Depeche Mode aus dem Jahr 1987.

Und die Massen betören Depeche Mode bei jedem ihrer Konzerte, auch wenn sie niemals nur schnöder Massengeschmack, sondern immer auch Avantgarde waren, neben „Kraftwerk“ die Pioniere von elektronischer Musik schlechthin.

„Trentemøller“ – mehr als ein „Supporting Act“

Ihre elektronischen Wurzeln haben sie vor zwei Jahren mit dem Album „The Remixes 81-2011“ betont, auf dem zahlreiche renommierte DJs der Techno- und House-Szene sowohl Depeche-Mode-Klassiker als auch neue Songs in den Club-Sound der 2010er Jahre hineingezoomt haben. Darunter findet sich auch der dänische Produzent „Trentemøller“, der auf diesem Album mit einer technobeatartigen Version des 2009er Hits „Wrong“ glänzt.

Jener „Trentemøller“, in der Elektro-Szene hochgeschätzt, wurde mit seiner Live-Band nun zum „Supporting Act“ des Münchner Konzerts auserkoren und bringt das Publikum mit seinem Mix aus kühlen elektronischen Beats und feinsinnigen Melodien in Wallung. Ganz besondere Begeisterung löst er mit einem Remix von „Lullaby“, dem Gruseltrack von „The Cure“ aus. Kein Wunder, da zumindest die älteren Jahrgänge der Depeche Mode-Fans zumeist auch Feuer und Flamme für die 80er-Jahre New-Wave-Stars rund um den Sänger Robert Smith sind.

Dave Gahan zurück in alter Form

Wer die Entwicklung von Depeche Mode in den letzten Jahren verfolgt hat, war vor allem aus zwei Gründen auf die „Delta Machine“-Tour gespannt. Zum einen fragte man sich: Wie fit würde Dave Gahan sein? Die 2009/10er „Tour of the Universe“ der Band war bekanntlich von seiner inzwischen überstandenen Blasenkrebserkrankung überschattet. Die Konzertreise setzte Gahan zwar nach kurzer Unterbrechung fort, jedoch sah und hörte man ihm die Erschöpfung zum Abschluss der Tour in Düsseldorf im Februar 2010 deutlich an.

In München erlebt man die Rückkehr des alten Dave Gahans. Offenbar haben die letzten drei Jahre regelrecht verjüngend auf ihn gewirkt, offenbar hat ihm das musikalische Soloprojekt mit den „Soulsavers“ und dem hochgelobten gemeinsamen Album „The Light the Dead See“ ausgesprochen gut getan.

Im Olympiastadion jedenfalls sieht man einen topfitten Frontman, einen mittlerweile Fünfzigjährigen mit der Ausdauer und der Figur eines Dreißigjährigen – nicht umsonst war Gahan vor einigen Monaten Teil einer Fotoserie der „Vogue Vibes“ mit dem passenden Titel „The Godfathers of Glam Rock Skinny Suits“.

Wie ein Derwisch dreht er seine berühmten Pirouetten, spielt mit dem Mikrofonständer, zeigt seinen lasziven Hüftschwung und also all das, was Fans der Band gemeinhin den „Dave Dance“ nennen. Und sprintet quer über die Bühne, läuft auf dem Steg hinein ins Publikum vor und wieder zurück. Das Outfit? Wie immer. Oder fast wie immer.

Ein schwarzer Dreiteiler, dieses Mal aber mit optischen Highlights. Das Sakko, das Gahan bis zum dritten Song trägt, hat eine leichte, goldene Nadelstreifenoptik. Und die Rückseite der wechselnden Westen ist mal knallgelb, mal eierschalenfarbig.

Synthie-Pop meets Blues

Zweitens war man gespannt, ob und wie das neue Album „Delta Machine“ live funktionieren würde. Denn damit haben sich Depeche Mode in eine Richtung bewegt, die ihnen zumindest in dieser Konsequenz kaum jemand zugetraut hätten. „Delta Machine“ ist zwar immer noch Synthie-Pop, aber zugleich sehr bluesig, sehr rauh. Und der Titel des Albums ist demgemäß nicht bloß eine Spielerei mit den Initialen der Band, sondern auch eine Reminiszenz an den Südstaatenblues aus der sumpfigen Gegend des Mississippi-Deltas.

Nie zuvor waren Depeche Mode so gitarrenlastig, nie zuvor hätte man ihnen einen Track wie das fast schon an Muddy Waters erinnernde „Slow“ zugeschrieben, das es allerdings nicht auf die Tour-Setlist schaffte.

„Delta Machine“ ist „Electro-meets-Blues“, hart und melancholisch zugleich, aber ohne die Eingängigkeit der früheren Hymnen der Synthesizer-Heroen. Hitverdächtige Tracks wie zuletzt „Wrong“ auf dem „Sounds of the Universe“-Album (2009) oder wie „Precious“ auf „Playing the Angel“ (2005) sucht man vergebens.

Von „Violator“ über „Songs of Faith and Devotion“ bis hin zu „Delta Machine“

Und dennoch fügt sich das neue Album in die Bandhistorie ein. Martin L. Gore sagte in einem Interview, „Delta Machine“ sei eine Mischung aus „Violator“ (1990) und „Songs of Faith and Devotion“ (1993). Und genau diese Anknüpfungspunkte spiegelt die Setlist der aktuellen Tour mit vier „Violator“- und drei „Songs of Faith and Devotion“-Stücken wieder.

Auch wenn „Violator“ anders als „Delta Machine“ wohl das Album mit den berühmtesten Hits der Gruppe ist, war es doch auch ein Wendepunkt, führte die zuvor mit „Never let me down again“ des Vorgängers „Music for the Masses“ begonnene Hinwendung weg von der reinen Synthie-Lehre hin zum Einzug der Gitarre erst richtig fort: wer kennt es nicht, das berühmte Gitarren-Intro von „Personal Jesus“?

Drei Jahre später sollte „Songs of Faith and Devotion“, erkennbar beeinflusst von der Grunge-Welle jener Zeit, noch stärker auf Gitarren setzen und einen dezidiert rauhen Ton einführen. Und so sind namentlich die in München gespielten „Walking in my shoes“ und „I feel you“ gewissermaßen ein Vorläufer von dem, was mit „Delta-Machine“ zwanzig Jahre später seinen vorläufigen Höhepunkt finden sollte.

Der besondere Stellenwert, den die Gitarre für Depeche Mode inzwischen hat, wird in München nicht zuletzt optisch betont. Fast bei jedem Song wechselt Martin L. Gore das Instrument und zeigt im Laufe des Abends eine ganze Sammlung: von einem gelben über ein blaues bis hin zu einem knallroten Modell, von einer klassisch gerundeten Form über eine Art Sternfrucht bis hin zum holzigen Quader reicht die Auswahl.

Live funktioniert die gegenüber der letzten Tour insgesamt deutlich ruhigere, melancholischere und auch düstere Setlist erstaunlich gut. Der langsame Auftakt mit den neuen Stücken „Welcome to my world“ und „Angel“ setzt den Grundton für das, was folgen wird. Darin fügen sich gefällige Hits wie „Just can’t get enough“ oder „A question of time“ allerdings manchmal nicht ganz so gut ein, wirken bisweilen etwas abgehackt.

Aber andererseits: was wäre ein Depeche-Mode-Konzert ohne die Klassiker? Und überdies ist die Mischung aus Emotion, aus Passion, aber auch technischer Akkuratesse, die die Bandmitglieder in jeden einzelnen Song legen, eine Ehrerbietung an die treuen und passionierten Fans.

Blitze, Vulkaneruptionen und satte Farben

Wilder als beim letzten Mal, bei dem ebenfalls Anton Corbijn die Videos für die Großleinwände konzipierte, fällt indes die Bebilderung der Show aus. Auf den Videoleinwänden wird das Bühnengeschehen immer wieder in harten Schwarz-Weiß-Übertragungen gezeigt. Mal zucken rote und weiße Blitze und Scheinwerfer (etwa zu „Black Celebration“), mal wird die Bühne in eine Art sprühende Lava getaucht. Dann wieder sieht man Filmaufnahmen der Band selbst, etwa auf einer Bank inmitten einer nach den Südstaaten der USA aussehenden Landschaft.

Und immer wieder leuchtet die Bühne in satten Farben auf, in grellem Grün, intensivem Rot und tiefem Blau. Ein Höhepunkt für das deutsche Publikum ist gewiss das lange Einblenden der Berliner Mauer zu „Halo“, jenes Grenzwalls, der für die Band eine besondere Bedeutung hat. Drei der - stark vom „Industrial“-Sound - geprägten Alben aus den 80ern wurden in den Berliner Hansa-Studios aufgenommen. Und vor allem war Depeche Mode eine der ganz wenigen westlichen Gruppen, die 1988 im damaligen Ost-Berlin spielen durften, ein bis heute legendäres Konzert.

Martin L. Gore – melancholischer Mastermind

Wie immer auf einem Depeche Mode-Konzert ist Martin L. Gore für die größte Melancholie zuständig, singt akustische Versionen von „When the body speaks“, „Higher Love“ und „Home“.  Ganz in Schwarz gekleidet und mit seinen mittlerweile zum Markenzeichen avancierten schwarzen Fingernägeln. Der Mastermind und geniale Songschreiber hat den Sound der Band erfunden und drückt ihr auch mit seinen poetischen Texten seit Jahrzehnten einen Stempel auf.

Erst kürzlich schrieb der Schriftsteller Joachim Lottmann in der WELT, dass der „Wiener Kritikerfürst Christoph Schachinger“ Depeche Mode im Scherz „eine sehr katholische Band" genannt habe. Und in der Tat, textlich dreht sich auch weiterhin alles um Schmerz und Sünde, um Erlösung und die Suche nach Gott. Auch das ist gewiss ein Grund für die ungebrochene Faszination, die Depeche Mode bis heute auf ihre Fans ausübt.

Global Spirit Tour: Wintertermine

24.11.2017 Frankfurt, Festhalle
28.11.2017 Stuttgart, Schleyerhalle
30.11.2017 Mannheim, SAP Arena
11.01.2018 Hamburg, Barclaycard Arena
15.01.2018 Köln, Lanxess Arena
17.01.2018 Berlin, Mercedes-Benz Arena
19.01.2018 Berlin, Mercedes-Benz Arena
21.01.2018 Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung
04.02.2018 Wien, Stadthalle


Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert und arbeitet als Rechtsanwältin im Bereich "Mergers & Acquisitions". Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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