12.02.2020 Dokumentarfotografie

Fotos als Völkerverständigung - das visuelle China

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Zwischen 1992 und 1994 ließ sich eine Gruppe junger Künstler, zu denen auch der heutige Weltstar Ai Weiwei gehörte, in einem Bauerndorf kurz vor Peking nieder. Nach nur zwei Jahren schloss die Polizei die Künstlergemeinschaft, nachdem die Nachbarn sich über Nacktvorstellungen beschwert hatten.

Rückblickend scheint das kurzlebige Beijing East Village nur noch ein winziger Lichtblick in der Geschichte der zeitgenössischen chinesischen Kunst zu sein.

Doch RongRong, geboren 1968 und ein zeitgenössischer Fotograf, dokumentierte diese Jahre in seinem Buch „RongRong’s Diary: Beijing East Village“, das jüngst bei Steidl (www.steidl.de) in The Walther Collection herausgekommen ist, 248 Seiten umfasst und 48 Euro kostet.

Mit seinem Tagebuch macht RongRong dieses kurze Zeitfenster der Freiheit unsterblich. Selbst wenn es nunmehr über 25 Jahre her ist, dass er und seine Freunde mit spektakulären Performances nicht nur ihre eigenen Grenzen ausloteten, sondern die Grenzen der Kunst im Reich der Mitte selbst erweiterten.

Davon zeugen die eindrucksvollen schwarz-weiß Fotografien sowie die intimen als auch aufschlußreichen Aufzeichnungen des Künstlers, leider nur in Englisch wie chinesischen Schriftzeichen abgedruck. In China sind Ai Weiwei, RongRong, Cang Xin, Ma Liuming und Zhang Huan trotz Zensur und politischer Repression Helden hinter vorgehaltener Hand.

„RongRong’s Diary: Beijing East Village“ liefert einen aufschlußreichen Einblick in die Köpfe und Seelen dieser außergewöhnlichen Menschen, die für uns oftmals so unergründlich und fremd bleiben.

Ein ebenso faszinierender Augenöffner ist der Fotoband „A Life in a Sea of Red“ des chinesischen Fotojournalisten Liu Heung Shing, der uns die Welt mit seinem ganz besonderen Blick wahrnehmen und neu sehen läßt.

„A Life in a Sea of Red“ ist ebenfalls bei Steidl erschienen, hat 286 Seiten und enthält die beiden wichtigsten Werke des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Shing: Fotos der entscheidenden Jahrzehnte des Kommunismus in China und Russland, aufgenommen zwischen 1976 und 2017.

In Anlehnung an ein chinesisches Sprichwort über den Selbsterhalt in Zeiten großer Turbolenz zeigt dieses wahre Kunstwerk - Shings Arbeiten lediglich als Dokumentarfotografie zu bezeichnen wäre zu wenig des Lobes - Szenen der Hoffnung, Not wie den gesellschaftlichen Wandel unter und nach der kommunistischen Herrschaft.

Das nachhaltigste Foto ist wahrscheinlich das von Michail Gorbatschow während seiner Rede am 25. Dezember 1991, als er seinen Rücktritt ankündigt und damit das Ende der Sowjetunion und des Kalten Krieges einläutet.

Dieses Foto repräsentiert Shings Talent, komplexe Zusammenhänge in einem einzigen Bild zu erzählen. Der Pulitzer-Preis für diese Serie war wohl verdient.

„A Life in a Sea of Red“ kostet 85 Euro, ist jeden Euro wert und wie „RongRong’s Diary: Beijing East Village“ ein visueller Türöffner in eine Kultur, mit der wir uns in der Zukunft noch intensiv auseinandersetzen müssen. Für mich sind diese beiden Bände erstmal Teil der Völkerverständigung. Ich empfehle sie sehr.

Sönke C. Weiss

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