06.11.2019 Schuld und Scham

Drei außergewöhnliche Heldinnen - Schutz und Herrschaft, Hoffnung und Versöhnung

von: GFDK -Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Was bedeutet Verantwortung? Wie greifen Schutz und Herrschaft ineinander? Was haben Hoffnung und Versöhnung miteinander zu tun? Diesen und anderen Fragen geht Nora Bossong in ihrem neuen Roman „Schutzzone“ nach.

Ihre Heldin Mira, die nach Stationen bei den UN in New York und Burundi, nun für die Vereinten Nationen in Genf arbeitet, gerät in tiefste Gewissenskonflikte, als ihre Rolle bei der Aufarbeitung des Völkermords in Burundi, den es neben dem Genozid in Ruanda auch gab, hinterfragt wird.

Ihre innere „Schutzzone“ gerät ins Wanken, Schuld und Scham ersetzen die große politische Bühne, auf der sich die Akteure des Friedens und der Kriege sonst so gerne aufspielen.

Nora Bossong schafft es auf 328 Seiten diese oftmals weltfremde Atmosphäre hinter den geschlossenen Türen von Geopolitik spannend und wohl informiert zu beschreiben, das Äußere nach innen zu kehren und uns in eine Welt mitzunehmen, in der Wahrnehmung und Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben.

„Schutzzone“ ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 24 Euro. Ebenso spannend ist Karin Kalisas neuer Roman „Radio Activity“, der bei C.H. Beck erschienen ist und 22 Euro kostet. Ihre Heldin namens Nora hat eine perfekte Radiostimme und einen Plan: Sie will um jeden Preis den Täter stellen, dessen Opfer ihre Mutter als Kind geworden war.

Dabei strapaziert Nora die Grenzen der Legalität und die Autorin unser vermeintliches Verständnis, wenn es um Rache oder Gerechtigkeit geht. Die 348 Seiten lesen sich kurzweilig und sind prickelnd konstruiert, wie eine gute Partie Schach. Starke Nerven verlangt Sandra Newman auch von ihren Lesern. „Ice Cream Star“ heißt ihr neuer Roman, der bei Matthes & Seitz in Berlin erschienen ist und 28 Euro kostet:

In einer nicht allzu fernen Zukunft sorgt eine Pandemie dafür, dass in den USA die Weißen vollständig vernichtet werden, während die Schwarzen jung sterben. Ice Cream, so der Name unserer Heldin, die mit 15 Jahren bereits zur älteren Generation zählt, wird zur Anführerin berufen, um über das Schicksal ihrer Leute zu entscheiden, was immer wieder auch an „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins und „Cloud Atlas“ von David Mitchell erinnert.

Auf 667 Seiten schreibt Sandra Newman, wirklich sehr geschickt von Milena Adam aus dem Englischen übersetzt, in einem Slang, an den sich der Leser erstmal gewöhnen muß, der aber notwenig ist, um in diese Vision dieser speziellen Zukunft einzutauchen.

Wer die ersten 100 Seiten schafft, wird dafür aber später umso mehr belohnt und Teil eines unerschütterlichen Optimus werden, der „Ice Cream Star“ ausmacht. Kurzum gesagt: drei ungewöhnliche Autorinnen, die uns drei ebenso außergewöhnliche Heldinnen schenken. Mehr davon.

Sönke C. Weiss

Foto: mons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57417153 CC BY-SA 4.0

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