11.05.2021 Ohne Rücksicht auf Verluste

BILD, ein rückfälliger Triebtäter oder eine Kirchenzeitung?

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Mit großem Interesse habe ich am Wochenende das neue Sachbuch von Mats Schönauer und Moritz Tschermak mit dem Titel „Ohne Rücksicht auf Verluste - Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet“ gelesen.

Denn als ehemaliger BILD-Reporter interessiert es mich schon, was über meinen ehemaligen Arbeitgeber so berichtet wird.

Schönauer und Tschermak, zwei Journalisten, beobachten und analysieren das Boulevard-Blatt seit nunmehr zehn Jahren, sagen sie.

Ihr Fazit: Unter dem nicht mehr ganz neuen Chef Julian Reichelt sei BILD noch brutaler, noch menschenverachtender, noch populistischer geworden.

Anhand ihrer Recherchen beschreiben die Autoren, wie die Zeitung angeblich Ängste schüre, Kampagnen fahre, demokratische Institutionen untergrabe und der AfD geholfen habe, in den Bundestag einzuziehen.

Nun, von all diesen Dingen habe ich während meiner Zeit bei BILD nichts mitbekommen. Ich fand die Arbeit spannend, die Entlohnung war übertariflich gut, und ich bin auch von meinen Vorgesetzten nie unangemessen behandelt worden, so wie es dem heutigen Chefredakteur Reichelt jüngst vorgeworfen wurde.

Ganz im Gegenteil. Ich habe sehr viel lernen dürfen, was journalistisches Handwerk angeht. Auch die Behauptung, BILD sei das mächtigste Medium des Landes, möchte ich in Zweifel stellen.

Ein Boulevard-Blatt ist, was es ist: ein Boulevard-Blatt eben. Laut, bunt, tendenziös unausgewogen, aber immer wieder neu und unterhaltsam.

(Im Vergleich zu angelsächsischen Boulevard-Blättern liest sich BILD übrigens wie eine Kirchenzeitung.) Und überhaupt, niemand wird gezwungen, BILD zu lesen.

Ich fand die 334 Seiten von „Ohne Rücksicht auf Verluste - Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet“, für 18 Euro bei Kiepenheuer & Witsch (www.kiwi-verlag.de), in der Tat kurzweilig zu lesen; nichtsdestotrotz zweifle ich an, dass die BILD, so wie es der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff immer noch behauptet, ein rückfälliger Triebtäter sei.

(Wallraff machte einst Schlagzeilen mit seinem Buch „Der Aufmacher - Der Mann, der bei BILD Hans Esser war.“) Die Zeiten haben sich geändert. Und das ist gut so. 

Sönke C. Weiss

"Viele Journalisten halten die Meinung des Andersdenkenden für Gift und ihre eigene Haltung für ein Heiligtum. Innerhalb und zwischen den Blättern werden Glaubenskriege geführt, die die Polarisierung der Gesellschaft nicht widerspiegeln, sondern verschärfen. Die knappste Ressource im deutschen Journalismus der Gegenwart ist die Nachdenklichkeit". Gabor Steingart

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