12.03.2013 Erst mal schießen, töten und dann weitersehen

Ballermann Tschiller - Braucht der Tatort Eier? Geballer und literweise Blut sind kein Qualitätsmerkmal

von: GFDK - Heinrich Schmitz

Erst Matscheier dann Maschmeyer. Der Sonntagabend in der ARD war anstrengend.

Der Tatort ist kein Bildungsfernsehen, keine Darstellung realer Polizeiarbeit und soll in erster Linie der Unterhaltung dienen. Soweit so gut.

Gekracht hat es ja reichlich und "rumgeblutet" auch beim neuen Tatort aus dem neuen, ganz finsteren Hamburg. Aber reicht Geballer und literweise Blut auch schon für gute Unterhaltung ? Ist Gewalt als solche unterhaltend ? Und transportiert diese Art von Unterhaltung keine bestimmte Einstellung ? Bildet sie nicht auch ?

Na klar tut sie das. Und nicht zu knapp, mehr als jedes offizielle Bildungsprogramm. Und hier fängt die Sache gewaltig an zu stinken.

Tschiller ist nicht der Denker unter den Tatortkommissaren. Geschenkt. Die Anzahl der Philosophen unter realen Ermittlern ist auch begrenzt. Dass er nuschelt. Auch geschenkt. Auch echte Polizisten sind keine ausgebildeten Sprecher, die man immer verstehen muss. Dass er selten jemand festnimmt und deshalb auch niemanden über seine Rechte belehrt. Schon spannender.

Tschiller ist ein Mann der Tat. Man kann auch sagen, der blinden Tat. Nur ein toter Menschenhändler ist ein guter Menschenhändler, scheint das Motto zu sein. Erst mal schießen, töten und dann weitersehen. Erst dachte ich ja der Name Tschiller sei der jugendlichen Neigung zum Chillen geschuldet, er kann aber auch von Killer kommen, mal so dahergenuschelt.

War doch Notwehr. Aber sicher. Auf die Idee sind andere auch schon gekommen. Man provoziert - völlig hirnlos - gefährliche Situationen, in denen man dann recht sicher angegriffen wird und dann erschießt man mal eben drei Menschen, gefährdet das Leben von Zeugen und das des Kollegen. Warum nicht, dient doch nur der Unterhaltung. Ist doch nur im Film, nicht in Echt, Mann.

Wenn's denn nur mal so wäre. Tatsächlich wird dem insbesondere jugendlichen Publikum, dass man mit dieser RTL2-würdigen Raserei anlocken will, eine Problemlösungsstrategie nahe gelegt, die in der nächsten Talkshow mit besorgtem Blick diskutiert wird. Haben wir zu viel Gewalt ? Wird die Jugend immer brutaler ? Wie kommt das denn ? Glücklicherweise stimmt das nicht mal, aber es ist halt eine schönes Talkshowthema. Und dann dieser neue Ermittler, der mit den Eiern. Gewalt und nichts als Gewalt.

Dass es auch im realen Alltag gelegentlich zu Tötungen durch polizeilichen Waffeneinsatz kommt, soll nicht verschwiegen werden. Dass sind durchschnittlich so um die 8 Tote in Deutschland - pro Jahr, nicht pro 90 Minuten. Keine dieser Tötungen ist allerdings durch einen durchgeknallten Rambobullen leichtfertig verursacht worden, sondern regelmäßig durch Beamte, die hinterher gewaltig daran zu knabbern haben, dass sie einen Menschen getötet haben. Wer gerne tötet fliegt raus bzw. kommt gar nicht durch die Stresstests.

Was dieser Tatortkommissar transportiert sind vielleicht amerikanische Werte. Waffen sind cool, Töten ist cool, Regeln sind zum brechen da juppheidi und juppheida. Und ganz ohne künstlerische Überhöhung wie z.B. bei Tarantino, ganz ohne Ironie, was seine Handlungsweise angeht. Ein paar witzige Sprüche. Lukas Podolski würde sagen, Mundabwischen.

Gesetze und Dienstvorschriften sind nur was für Weicheier und Gutmenschen ? Das unkontrollierte Eindringen in Datennetze ist völlig okay, wenn's der Sache dient ? Vorgesetzte darf man belügen ? Zeugen gefährden ? No risk no fun ?

Wer solche Straftaten begeht hat jedes Recht in dieser Gesellschaft verloren. Den letzten Satz hatte der Hauptdarsteller erst vor zwei Jahren allen Ernstes in der Talkshow von Markus Lanz im Hinblick auf Sexualstraftäter zum Besten gegeben und dafür nicht nur den Applaus der rechten Szene und NPD-nahen Gruppen wie "Todesstrafe für Kinderschänder" eingesammelt. Dieses grenzwertige Gedankengut wird nun in Form eines Unterhaltungsformats als Krimi klammheimlich unter die Zuschauer gebracht ? Mit meinen Gebühren ? Ob das tatsächlich im öffentlich-rechtlichen TV passieren muss, wage ich zu bezweifeln. Wozu mache ich eigentlich Rechtskundeunterricht ?

Wenn Qualitätsmerkmal für die ARD nur die Einschaltquote sein soll, dann kann man ja auch öffentliche Hinrichtungen aus dem Iran oder China live übertragen. Toter Verbrecher, guter Verbrecher - nein danke.

Vielleicht sollte Tschiller ins Privatfernsehen abwandern und sich von den nationalen Waffenproduzenten sponsern lassen. Bei Apple scheint's ja auch geklappt zu haben.

Wenn ich es krachen und bluten sehen will, schaue ich mir lieber gleich amerikanische Produktionen an. Da versucht wenigstens keiner Eier zu kochen.