Reden ist silber, Schreiben ist gold

16.03.2013 Heinrich Schmitz über das deutsche Schöffensystem.

GFDK - Heinrich Schmitz

RA Schmitz schreibt hier über das deutsche Schöffensystem, doch die Geschworenen z.B. einer amerikanischen Jury sind nichts anderes als deutsche Schöffen - Laien, die über Recht entscheiden, in einigen (amerikanischen) Fällen sogar über Leben und Tod...!


Und auch hier gilt, dass gebildetere Schichten, Homosexuelle, Minderheiten etc. seltener vertreten sind. Oftmals mit Absicht, wie Untersuchungen zeigen, denn (z.B. bei der Todesstrafe) Schwarze, hoch gebildete Menschen, Homosexuelle und andere Minderheiten neigen dazu, die TS eher weniger auszusprechen und so versuchen Staatanwaltschaften sie auszuschließen und Geschworene zu bekommen, die leichter beeinflussbar sind.


Ein US-Strafverteidiger sagte einmal zu mir: "Sicher muss ich ein guter Schauspieler sein! Wenn die Geschworenen am Ende meines Plädoyers nicht weinen, habe ich meinen Job nicht gut gemacht!"
(Susanne Cardona, Initiative gegen die Todesstrafe e.V.)    

Schöffen - Rechtsprechung im Namen des Volkes?

Stellen Sie sich vor, Sie müssten zu einer Operation ins Krankenhaus. Zur Voruntersuchung erscheinen neben dem Anästhesisten und dem Operateur zwei weitere Menschen an Ihrem Bett, ein Rentner und eine Hausfrau. Sie schauen etwas verwundert. Aber diese beiden beraten ganz ernsthaft mit dem Chirurgen über die Notwendigkeit und die Durchführung der Operation.

Plötzlich kommt es zu einerMeinungsverschiedenheit und einer Abstimmung. Die Hausfrau und der Rentner überstimmen den Facharzt, so dass dieser tun muss, was die Laien meinen.

Absurd? Sollte man meinen.

Aber genau dasselbe kann passieren, wenn Sie wegen einer Straftat angeklagt werden. Außer beim Einzelrichter am Amtsgericht sitzen Ihnen immer zwei Laien gegenüber, die über Ihre Schuld oder Unschuld, über Geld- oder Freiheitsstrafe , über Bewährung oder Knast mitentscheiden. Laien, die weder Jura studiert, noch sonst irgendetwas gelernt haben müssen.

Ehrenamtliche Richter, Schöffen.

Beim Schöffengericht sitzen zwei von ihnen gemeinsam mit einem Berufsrichter über Sie zu Gericht, d.h. die können den Fachmann locker überstimmen. Naja, werden Sie vielleicht sagen, ist ja nicht so schlimm - wenn das Urteil falsch sein sollte, kann ich doch in Berufung gehen.

Ist ja schließlich ein Rechtsstaat. Rechtsmittel und so.

Ja stimmt. Aber wundern Sie sich dann bitte nicht, wenn in der Berufungsinstanz plötzlich wieder - in einer sogenannten kleinen Strafkammer - ein Berufsrichter und zwei Schöffen vor Ihnen sitzen.

Klingt seltsam, ist aber so.

Nur bei der großen Strafkammer haben Sie immerhin mit 3 Berufsrichtern auf 2 Schöffen zu tun. Nur da sind die Fachleute in der Mehrheit.

Ansonsten Laienmehrheit.

Auf der Suche nach der Begründung für diesen auf den ersten Blick recht unheimlichen Umstand stößt man auf folgende Begründungen:

"Die Beteiligung ehrenamtlicher Richter hat in Deutschland eine lange Tradition und ist trotz mehrerer Änderungen von Strafprozessordnung und Gerichtsverfassungsgesetz nie ernsthaft in Frage gestellt worden. Für die Beteiligung von Schöffen in der Strafrechtspflege sprechen vor allem folgende Punkte:

- Repräsentative Teilnahme des Volkes an der Rechtsprechung.

- Erhaltung und Stärkung des Vertrauens der Bevölkerung in die Rechtsprechung durch Teilnahme hieran.

- Besserung der Rechtskenntnisse des Volkes und seines Verständnisses der Rechtsprechung und der dabei auftretenden Probleme. Denn wenn man einen Angeklagten unmittelbar vor sich hat und seine Tat unter Berücksichtigung der konkreten Situation und seiner gesamten Lebensgeschichte beurteilen muss, versteht man manchmal ein Urteil, dass in den Medien als Milde bewertet wird, viel besser.

- Einbringen des "gesunden Menschenverstandes" in die Urteilsfindung.

- Notwendigkeit für die Berufsrichter, die eigenen - juristisch geprägten - Wertungen in eine allgemein verständliche Form zu bringen.

- Erweiterung des Informationsstandes der Berufsrichter durch Sachkunde und Lebenserfahrung der Schöffen."

(Quelle:
http://www.lg-aachen.nrw.de/service/informationen/schoeffen/index.php)

Aha, lange Tradition, das haben wir schon immer so gemacht. Kein wirkliches Argument. Was haben wir nicht alles schon an Traditionen abgeschafft. Nur weil man etwas schon immer gemacht hat, muss man das ja nicht immer weiter so machen. Das hat sogar Papst Benedikt erkannt und hat seinen Rücktritt angekündigt, obwohl die Tradition ja verlangt hätte, dass er sich gefälligst bis zum Tode mit der Bürde seines Amtes rumquält.

Wir haben auch traditionell in der Kneipe geraucht, jetzt stehen wir vor der Kneipe in Regen und Schnee, wir Raucher. Traditionen bedeuten erst mal nur, dass man etwas lange macht, aber nicht dass er auch noch sinnvoll ist.

Und die anderen Argumente?

Repräsentative Teilnahme des Volkes an der Rechtsprechung, Erhaltung und Stärkung des Vertrauens der Bevölkerung in die Rechtsprechung durch Teilnahme hieran. Da habe ich schon ganz große Zweifel. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Qualität der Strafjustiz scheint nicht das größte zu sein. Dafür dass das nicht so ist sorgt ja schon die BILD regelmäßig. Stichwort Kuscheljustiz.

Und dass die Schöffen das Volk repräsentieren, ist auch nicht gewährleistet.

Schon die Auswahl der Schöffen ist nicht gerade ein Musterbeispiel für eine demokratische Wahl.

Die Anzahl der Schöffen wird zunächst durch den Präsidenten des Landgerichts bestimmt. Aufgrund dieser Vorgabe werden von den Gemeinden Vorschlagslisten erstellt, die doppelt so viele Vorschläge enthalten müssen, wie Schöffen gebraucht werden. Auf diese Vorschlagslisten kommen erst mal die Bürger, die sich ganz bewusst für das Schöffenamt bei der Gemeinde bewerben.

Warum sie das tun, bleibt dabei offen. Es gab zum Beispiel einen Aufruf der NPD sich auf die Listen setzen zu lassen, um auf diese Weise die Rechtsprechung zu beeinflussen. Es gibt aber auch Leute, die sonst keine richtige Beschäftigung (mehr) haben. Und natürlich gibt es auch engagierte Bürger, die etwas für ihr Land tun wollen.

Aus den Vorschlagslisten wählt ein Wahlausschuss die Schöffen. Dieser Ausschuss besteht aus einem Richter des Amtsgerichts, einem sogenannten Verwaltungsbeamten sowie sieben Vertrauensleuten.

Diese Vertrauensleute werden von den Vertretungen der Kreise gewählt. Der Ausschuss wählt die Schöffen für das Schöffengericht des Amtsgerichts und für die Strafkammern des Landgerichts. Bei der Wahl soll darauf geachtet werden, dass alle Gruppen der Bevölkerung nach Geschlecht, Alter, Beruf und sozialer Stellung angemessen berücksichtigt werden.

Ob das so richtig klappt darf ebenfalls bezweifelt werden. Während immerhin die Verteilung auf Männer und Frauen eingermaßen zu funktionieren scheint, sind jedenfalls nach meiner persönlichen Beobachtung ziemlich wenige Selbständige, Arbeitnehmer, Menschen mit Migrationshintergrund, Schwarze, Schwule, Lesben und Personen unter 40 Jahren unter den robenlosen Richtern zu finden.

Die Verteilung von Alter und Beruf kann seit einigen Jahren eh nicht mehr kontrolliert werden, weil die Statistik im Jahre 1998 einfach eingestellt wurde.

Die Besserung der Rechtskenntnisse des Volkes und seines Verständnisses der Rechtsprechung können keine wirkliche Begründung für das Schöffenwesen darstellen. Da wäre das von mir seit Jahren geforderte Schulfach "Rechtskunde" über die bisherigen popeligen Arbeitsgemeinschaften hinaus wesentlich effektiver.

Aber diese intensive Besserung der Rechtskenntnisse der Bevölkerung will der Staat offenbar gar nicht so richtig haben. Die rechtskundigen Bürger könnten ja auf die Idee kommen, ihre Rechtskenntnisse dann auch in die Tat umzusetzen.

Aber Fortbildung als Rechtfertigung für die Beteiligung von Laien an der tatsächlichen Rechtsprechung - also sozusagen learning by doing - , dass würde auch als Argument für die Laienoperateure im Krankenhaus nicht greifen, auch wenn diese dann mehr Verständnis für ärztliche Kunstfehler entwickeln würden.

Das beliebte Argument "Einbringen des "gesunden Menschenverstandes" in die Urteilsfindung" ist mir aus zwei Gründen suspekt. Zum einen unterstellt es den Volljuristen ohne nachvollziehbaren Grund eine "kranken" Menschenverstand, zum anderen bewegt sich der "gesunde Menschenverstand" manchmal verdammt nah am "gesunden Volksempfinden", das sich in der Vergangenheit häufig als ganz ungesund erwiesen hat.

Man erinnere sich zum Beispiel an den Emden-Mob und ähnliche Aufwallungen der Volksseele.

Auch das Argument der durch Schöffen erzeugten Notwendigkeit für die Berufsrichter, die eigenen - juristisch geprägten -- Wertungen in eine allgemein verständliche Form zu bringen, hat offenbar in der Vergangenheit wenig Gewinn gebracht.

Dass Urteilsbegründungen von Schöffen- oder Berufungsgerichten allgemeinverständlicher wären als die des Einzelrichters, ist mir jedenfalls noch nie aufgefallen. Es gibt Richter, die sich verständlich und solche, die sich unverständlich ausdrücken. Daran ändert auch ein Schöffe nichts.

Auch das letzte Argument für die Schöffen, dass sie einer Erweiterung des Informationsstandes der Berufsrichter durch Sachkunde und Lebenserfahrung dienen, ist nicht überzeugend. Benötigt der Richter mangels eigener Sachkunde jemanden, der ihn bezüglich eines Themas schlau macht, dann kann und sollte er einen Sachverständigen befragen.

Woher soll der Richter denn wissen, ob das Wissen, dass der Schöffe ihm vermitteln will, auf dem neuesten Stand ist ? Was soll das bringen, wenn der Schöffe seine "Lebenserfahrung" einbringt ?

Nicht, dass ich das teilweise bewundernswerte Engagement von manchen Schöffen nicht zu würdigen wüßte. Es gibt sogar Schöffen, die in der Hauptverhandlung den Mut aufbringen, eigene Fragen zu stellen. Manchmal allerdings auch Fragen, mit denen sie sich wegen Befangenheit gleich aus dem Verfahren schießen, wie zum Beispiel,

"Warum gestehen Sie nicht endlich, wir wissen doch, dass sie schuldig sind ?". Die Schöffen können nichts dafür, sie sind ja Laien.

Aber nochmal, möchten Sie von einem Laien operiert werden ?

von RA Heinrich Schmitz
(Herr Schmitz ist nicht Mitglied der Initiative gegen die Todesstrafe e.V.)

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15.03.2013 Aus Kritikern werden Tastatur-Künstler

GFDK - Christopher Lesko

Kommenden Montag geht die zweite Folge von “Circus Halligalli“ über den Schirm. Der Start bescherte ProSieben vor einer knappen Woche neben guten Quoten die intensive Aufmerksamkeit der TV-Kritik. Einige Kritiker fanden deutliche Worte und ultimative Beschreibungen. An einigen Stellen schien es, als sei manchen Kritikern unbemerkt etwas verloren gegangen: Die Bereitschaft, Formaten auf längeren Sendestrecken Zeit für Wachstum und Entwicklung zu geben. Zeit für ein paar Grundsatzgedanken.

Dass Formate polarisieren freut TV-Verantwortliche weit mehr, als es durchgängig positive Kritiken je verwirklichen könnten. Schließlich entstehen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Identifikation zunächst unabhängig von ausschließlich angenehmen Gefühlen. Ob Zuschauer einschalten, weil sie auf hohem Niveau unterhalten werden, ob sie dabei blieben, weil ein Format  Ziele für Enttäuschung oder Ärger bietet, ob man gar in jener Art zuschaut, in welcher Unfallopfer auf Autobahnen betrachtet werden, ist der Quote egal solange Aufmerksamkeit gesichert ist.

Über eine sehr gute Quote hinaus bescherte der Start des ProSieben-Formates “Circus Halligalli“ Protagonisten, Machern und Verantwortlichen schnell die große Aufmerksamkeit der TV-Kritik.

Dass einige TV-Kritiker nach nur einer Sendung innerhalb eines sehr breiten Spektrums von Einschätzungen derart ultimativ urteilten, trägt paradoxe Züge. Mögliche Ursachen dafür, so scheint es, haben mit dem Format selbst nur symptomatisch zu tun: So schreiben Journalisten und Kritiker nicht im luftleeren Raum, sondern sind einer Reihe grundsätzlicher Aspekte und Phänomene ausgesetzt, die Tempo, Richtung und Qualität ihrer Kritiken mehr oder weniger beeinflussen. Nach einigen Tagen und vor der zweiten Folge der Show wollen wir jenen grundsätzlichen Aspekten einige Zeilen widmen.

Der Quoten-Irrtum

Der Startquote vieler Formate wird häufig paradoxerweise eine besondere Bedeutung zugemessen. Grob vereinfacht gesagt, misst sie die Qualität von Marketing, Promo oder Pressearbeit vor Formatstart. Natürlich repräsentieren erste Quoten auch die grundsätzliche Zuschauerbereitschaft zur Aufmerksamkeit für Inhalt und Protagonisten. Über Qualität des Formates oder gar Chancen auf den grundsätzlichen Erfolg einer Formatstrecke sagt sie annähernd gar nichts.

Dies gilt auch für “Circus Halligalli“. Die Rückkehr von Harald Schmidt zu SAT.1 bot gute Anfangs-Quoten, die im weiteren Verlauf der Sendestrecke völlig zerbröselten, und Schmidt bildet nur ein Beispiel dafür in einer längeren Reihe ähnlicher Beispiele.  TV - Kritiker mit Augenmaß vermeiden es, in Texten die Startquote in Verbindung mit grundsätzlich qualitativen Aussagen zum Format zu setzen.

Nicht nur in einigen Kritiken des “Circus Halligalli“ - Starts  werden allerdings Anfangsquoten immer wieder in Bezug zu einer weitreichenden, inhaltlichen Bewertung von TV-Produkten gesetzt. Die Wahrheit bleibt: Ob sich Formate erfolgreich oder dürftig entwickeln, sieht man kaum an der Quote der ersten Sendung.

Schreiben in Spannungsfeldern

Grundsätzlich handeln TV-Kritiker innerhalb dreier, wesentlicher Spannungsfelder:

Das erste Spannungsfeld beschreibt eine Medienkultur journalistischer Herkunftsorganisationen, die in Fragen ihrer Geschwindigkeit und in Vielzahl und Breite ihrer Kanäle in den letzten Jahren wesentliche Veränderungen erfahren hat: Boten früher TV, Print-Medien und Radio Kritikern sehr fokussierte Kanäle für ihre Bewertungen und Kommentare, stehen heute Lesern durch eine Fülle von Online-Medien und soziale Netzwerken unterschiedlichster Prägung Bewertungen von TV-Produkten annähernd zeitnah in endloser Breite zur Verfügung.

Für viele Journalisten alter Schule und klassische TV-Kritiker bedeutet dies zunächst ungewohnten Wettbewerb mit anderen, die in neuen Medien, in Blogs, usw. durch Veröffentlichungen Aufmerksamkeit und Leser binden.

Die Veränderung bedeutet auch, dass Tempo per se einen neuen Werte setzt und somit eine wichtige Rolle spielt: Viele kommentieren auf allen Kanälen vieles rasend schnell. Nicht schnell dabei zu sein nimmt Sichtbarkeit. Dieser Abhängigkeit unterliegen auch alle Online-Präsenzen großer, orthodoxer Medien.

Nun wäre der Königsweg, nicht nur schnell sondern schnell und gut zu kommentieren. An vielen beobachtbaren Stellen jedoch hat der Wert der Geschwindigkeit nicht zufällig das Bemühen um professionellen Tiefgang  überholt: Zugespitzt gesagt, generiert Tempo grundsätzlich mehr Klicks als Qualität. Zumindest generieren Tempo und hohe Frequenz schneller die erforderlichen Visits. Die nun regulieren nicht nur Reichweite und Bedeutung des jeweiligen Mediums und seiner Autoren, sondern auch Berechnungsgrundlage und Anzahl möglicher Werbekunden. Das zählt.

Es reicht also heute nicht mehr, von Lesern beachtet, geschätzt oder gar geliebt zu werden: Google muss Autoren und ihre Online Medien ebenso lieben. Und manches Mal frisst Tempo Qualität.

Kritiker, Journalisten und Autoren bewegen sich also bereits innerhalb des ersten  Spannungsfeldes in einem Gemisch unterschiedlicher Abhängigkeiten. Sie erleichtern es nicht unbedingt, mit Augenmaß und kritischer Distanz TV-Produkte eines Feldes zu bewerten, dass ohnehin mit der Produktion von Träumen, Unterhaltung und Phantasie weniger von nüchternen Sachaspekten geprägt ist als andere Branchen und somit mehr Anfälligkeit für Extreme bietet.

Kritiker

Ein zweites Spannungsfeld sieht den Kritiker selbst und betrachtet das Phänomen wachsender Angleichung zum TV-Feld,  dem er professionelle Aufmerksamkeit widmet. Vor vielen Jahren ergaben Untersuchungen verschiedener Arbeitskulturen und Branchen: Menschen neigen dazu, sich Besonderheiten ihres beruflichen Umfeldes sukzessive anzugleichen und  - ihnen vielleicht ursprünglich fremde - Charakteristika zu übernehmen. Mitarbeiter von Justizvollzugsanstalten etwa wiesen statistisch eine besonders hohe Kriminalität auf.

Das Phänomen der Angleichung birgt für TV-Kritiker die prinzipielle Gefahr eines zunehmenden Defizites an erwachsener Distanz und auch an der Fähigkeit zur Selbstkritik: Wer sich über viele Jahre mit Künstlern und TV-Größen auseinandersetzt und darüber hinaus noch passabel schreiben kann, ist grundsätzlich einerseits davon bedroht, selbst zum “Star“ zu werden. Und: Mit der professionellen, kritischen Betrachtung anderer geht nicht selten der kritischen Blick auf sich selbst verloren.

Abzuheben, dem Wachsen eigener, medialer Bedeutung kein Gewicht auf der bodenständigen, anderen Seite der inneren Waage entgegen zu setzen, führt potentiell zu Kritikern, deren Selbstwahrnehmung sich kaum noch von jener unterscheidet, die sie als TV-Größen betrachten: Aus Kritikern werden Tastatur-Künstler, denen schleichend Bodenhaftung verloren geht. Mehr und mehr bilden  Fans und Bewunderer den großen Teil ihres Umfeldes. Das Motiv des Schreibens aus Gründen eigener Sichtbarkeit gewinnt zunehmend Raum.

Genauso, wie ein TV- Format den Erwartungen seiner Zuschauer ausgesetzt ist, unterliegen TV-Kritiker den Erwartungen ihrer Leser: Schnell sein zu müssen, sich selbst schnell zeigen zu müssen, fördert statt erwachsener Kritik mit nötiger Distanz immer wieder undifferenzierte Extreme. In Verbindung mit dem oben erwähnten Wert der Geschwindigkeit keine hervorragende Ausgangssituation für profunde, fachlich fundierte und Formaten gegenüber faire Kritiken.

Abhängigkeit und Nähe

Natürlich sind Fernsehmacher abhängig davon, von Medien und Kritikern wahrgenommen und bewertet zu werden. Diese Abhängigkeit jedoch existiert in beide Richtungen: Auch Journalisten und Kritiker sind abhängig von gesunder, gelingender Nähe zu TV – Verantwortlichen, Protagonisten oder Künstlern: Sie reguliert in Teilen Zugänge, Existenz und Erfolg. 

Als Meinungsmacher mit persönlicher Macht und dem Einfluss des Mediums, für welches man schreibt, sensibel und reflektiert umzugehen, ist generell keine leichte Aufgabe. Der Umgang mit Abhängigkeit ist es auch nicht: Zwischen zwei Extremen, die auf der einen Seite des Spektrums Journalisten sehen mögen, die ohne wirkliche Bindung und Nähe aus Elfenbeintürmen auf die TV - Welt herab diagnostizieren und auf der anderen Seite des Spektrums jene finden, die sich durch kritikloses Anwieseln Zugänge erhalten wollen, ist jede Menge Platz für Gestaltung. Nicht jedem, so scheint es,  gelingt der Umgang mit Gegenabhängigkeiten dieser Ebene souverän, selbstbewusst und mit einem guten Gefühl für saubere Distanz.

Kritiker-Texte entstehen also auf dem Boden eines Raumes, der permanent von zumindest drei grundsätzlichen Spannungsfeldern beeinflusst wird. Wie sehr oder wie wenig diese häufig unreflektierten Phänomene für den Einzelnen eine Rolle spielen, hängt von seiner Persönlichkeit und der aktuellen Situation ab. Niemand ist dem schutzlos ausgeliefert. Und niemand kann generell die Bedeutung dieser Aspekte ignorieren.

Mal was vom Pferd

Um einen alten Satz zu bemühen: Natürlich ist es nicht so, dass ein guter Reiter vorher Pferd gewesen sein muss, ein guter Fußballtrainer vorher Spieler oder ein guter TV-Kritiker vorher Künstler oder Produzent.

Manchmal jedoch möchte man Journalisten und Kritikern wünschen, sie verstünden mehr – und anderes - vom Fernsehen: mehr von Leben und Atmosphäre in Produktionen. Mehr von Druck und Aufnahme-Stress. Mehr davon, wie wenig Fernsehen ein nine-to-five-job ist. Man wünschte, sie verstünden ein wenig mehr von inneren Organisations-Wirklichkeiten, mehr davon, wie klein und zwischenmenschlich schwierig einige der ganz Großen der Mattscheibe wirklich sein mögen. Und nicht zuletzt ein wenig mehr von den Sorgen der Verantwortlichen oder der Freude der Teams, wenn ein Format nach harter Arbeit richtig gut werden durfte.

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass eine saubere Bewertung des Formates “Circus Halligalli“ nie und nimmer nach einer Sendung erfolgen kann. Jedes Format mit längerer Sendestrecke braucht seine Zeit für Wachstum, nötige Veränderungen und Justierungen. Ob und mit welchen Modifikationen die große Plattform von ProSieben ein Format erfolgreich tragen kann, dessen Kern in ganz anderen Kontexten lebendig wurde, wird sich im Laufe der Zeit entscheiden.

Ob Joko und Klaas als Hoffnungsträger der Unterhaltung ihre Räume nutzen können, ob sie sich die nötige Zeit für ihr Erwachsen-Werden nehmen können oder gar durch den schnellen Erfolg der letzten Jahre professioneller Deformation und dem Verlust von Bodenhaftung nachgeben, wird man ebenso abwarten müssen.
Wie jedes Format hat “Circus Halligalli“ seine Chance verdient. Und mit dieser Chance Kritiker, die sich selbst und den Machern des Produktes ein wenig mehr Zeit lassen. Manchmal wäre es mutiger, angenehmer und fairer, wenn nicht so schnell, so laut und so extrem geurteilt würde.

Die Liebe von Google ist nicht alles. Hohes Tempo und eigene Sichtbarkeit der Kritiker sind es auch nicht.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

Ersterscheinung: meedia.de

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14.03.2013 eine moralische Instanz

GFDK - Heinz Sauren

Ein Papst dessen Namensgebung ein Versprechen ist. Egal wie anachronistisch das Konklave auch anmutete, durch die Wahl von Franziskus bewies es Zeitgeist. Sein Name steht für freiwillige Bescheidenheit, sein Einsatz gilt den Armen und Verlierern der Marktwirtschaft. Sein Namensgeber gilt als erster Tierschützer und Verfechter von natürlichen Rechten jedes Lebens und jedes dieser Leben strebt nach Glück, Liebe und danach sein Leben leben zu dürfen. Ehrenvolle Ziele.


Die von vielen nicht mehr ernst genommene verstaubte katholische Kirche, hat einen Papst gewählt und der hat als erste Handlung einen Statement gegeben. In Europa wird es kaum gehört werden, doch für 1,2 Milliarden Menschen ist dieser Mann eine moralische Instanz. Es wäre ignorant zu glauben, dass das was er tut und sagt, kein Gewicht mehr habe. Ich zumindest höre ihm genau zu und ich bin nach der herkömmlichen Einteilung der Religionszugehörigkeiten, Agnostiker.

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12.03.2013 Erst mal schießen, töten und dann weitersehen

GFDK - Heinrich Schmitz

Erst Matscheier dann Maschmeyer. Der Sonntagabend in der ARD war anstrengend.

Der Tatort ist kein Bildungsfernsehen, keine Darstellung realer Polizeiarbeit und soll in erster Linie der Unterhaltung dienen. Soweit so gut.

Gekracht hat es ja reichlich und "rumgeblutet" auch beim neuen Tatort aus dem neuen, ganz finsteren Hamburg. Aber reicht Geballer und literweise Blut auch schon für gute Unterhaltung ? Ist Gewalt als solche unterhaltend ? Und transportiert diese Art von Unterhaltung keine bestimmte Einstellung ? Bildet sie nicht auch ?

Na klar tut sie das. Und nicht zu knapp, mehr als jedes offizielle Bildungsprogramm. Und hier fängt die Sache gewaltig an zu stinken.

Tschiller ist nicht der Denker unter den Tatortkommissaren. Geschenkt. Die Anzahl der Philosophen unter realen Ermittlern ist auch begrenzt. Dass er nuschelt. Auch geschenkt. Auch echte Polizisten sind keine ausgebildeten Sprecher, die man immer verstehen muss. Dass er selten jemand festnimmt und deshalb auch niemanden über seine Rechte belehrt. Schon spannender.

Tschiller ist ein Mann der Tat. Man kann auch sagen, der blinden Tat. Nur ein toter Menschenhändler ist ein guter Menschenhändler, scheint das Motto zu sein. Erst mal schießen, töten und dann weitersehen. Erst dachte ich ja der Name Tschiller sei der jugendlichen Neigung zum Chillen geschuldet, er kann aber auch von Killer kommen, mal so dahergenuschelt.

War doch Notwehr. Aber sicher. Auf die Idee sind andere auch schon gekommen. Man provoziert - völlig hirnlos - gefährliche Situationen, in denen man dann recht sicher angegriffen wird und dann erschießt man mal eben drei Menschen, gefährdet das Leben von Zeugen und das des Kollegen. Warum nicht, dient doch nur der Unterhaltung. Ist doch nur im Film, nicht in Echt, Mann.

Wenn's denn nur mal so wäre. Tatsächlich wird dem insbesondere jugendlichen Publikum, dass man mit dieser RTL2-würdigen Raserei anlocken will, eine Problemlösungsstrategie nahe gelegt, die in der nächsten Talkshow mit besorgtem Blick diskutiert wird. Haben wir zu viel Gewalt ? Wird die Jugend immer brutaler ? Wie kommt das denn ? Glücklicherweise stimmt das nicht mal, aber es ist halt eine schönes Talkshowthema. Und dann dieser neue Ermittler, der mit den Eiern. Gewalt und nichts als Gewalt.

Dass es auch im realen Alltag gelegentlich zu Tötungen durch polizeilichen Waffeneinsatz kommt, soll nicht verschwiegen werden. Dass sind durchschnittlich so um die 8 Tote in Deutschland - pro Jahr, nicht pro 90 Minuten. Keine dieser Tötungen ist allerdings durch einen durchgeknallten Rambobullen leichtfertig verursacht worden, sondern regelmäßig durch Beamte, die hinterher gewaltig daran zu knabbern haben, dass sie einen Menschen getötet haben. Wer gerne tötet fliegt raus bzw. kommt gar nicht durch die Stresstests.

Was dieser Tatortkommissar transportiert sind vielleicht amerikanische Werte. Waffen sind cool, Töten ist cool, Regeln sind zum brechen da juppheidi und juppheida. Und ganz ohne künstlerische Überhöhung wie z.B. bei Tarantino, ganz ohne Ironie, was seine Handlungsweise angeht. Ein paar witzige Sprüche. Lukas Podolski würde sagen, Mundabwischen.

Gesetze und Dienstvorschriften sind nur was für Weicheier und Gutmenschen ? Das unkontrollierte Eindringen in Datennetze ist völlig okay, wenn's der Sache dient ? Vorgesetzte darf man belügen ? Zeugen gefährden ? No risk no fun ?

Wer solche Straftaten begeht hat jedes Recht in dieser Gesellschaft verloren. Den letzten Satz hatte der Hauptdarsteller erst vor zwei Jahren allen Ernstes in der Talkshow von Markus Lanz im Hinblick auf Sexualstraftäter zum Besten gegeben und dafür nicht nur den Applaus der rechten Szene und NPD-nahen Gruppen wie "Todesstrafe für Kinderschänder" eingesammelt. Dieses grenzwertige Gedankengut wird nun in Form eines Unterhaltungsformats als Krimi klammheimlich unter die Zuschauer gebracht ? Mit meinen Gebühren ? Ob das tatsächlich im öffentlich-rechtlichen TV passieren muss, wage ich zu bezweifeln. Wozu mache ich eigentlich Rechtskundeunterricht ?

Wenn Qualitätsmerkmal für die ARD nur die Einschaltquote sein soll, dann kann man ja auch öffentliche Hinrichtungen aus dem Iran oder China live übertragen. Toter Verbrecher, guter Verbrecher - nein danke.

Vielleicht sollte Tschiller ins Privatfernsehen abwandern und sich von den nationalen Waffenproduzenten sponsern lassen. Bei Apple scheint's ja auch geklappt zu haben.

Wenn ich es krachen und bluten sehen will, schaue ich mir lieber gleich amerikanische Produktionen an. Da versucht wenigstens keiner Eier zu kochen.

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12.03.2013 Til Schweiger als Nick Tschiller

GFDK - Marie Allnoch

Ja, wir hatten es alle kommen sehen. Nein, deswegen haben wir ihn alle natürlich auch nicht geschaut.

Ich schon. Töricht. Trotz eindeutiger Warnungen von verschiedensten Seiten, so demonstriert beispielsweise die Popkultur ihre Einstellung zum neuen Hamburger Tatort mit einem „Til-Schweiger-Bullshit Bingo“, habe ich versucht Objektivität zu wahren und mich fernab aller Voreingenommenheit wirklich auf den Film einzulassen. Zu Anfang klappt das auch ganz gut: Anstelle des keinohrigen Frauenlieblings präsentiert sich Schweiger als unbeliebter Neuankömmling.

Gleichzeitig mit dem Zuspruch von Wotan Wilke-Möhrings Figur verspielt er sich auch meine versuchte Sympathie. Erfrischend. Auch das nuschelnde Wortspiel „Nick Tschiller“ lässt auf eine gewisse Selbstreflexion schließen.

Mit dem Auftritt von Schweigers Tochter Luna kehr die Erinnerung an dunkle Zeiten und Kuschelrock-Soundtracks jedoch schnell zurück. Es folgen etliche unnötige Schießereien, episch anmutende Szenen des Überlebenskampf auf dem Dach der Kulturruine Elbphilharmonie, die als Fluchtort für osteuropäische Zwangsprostituierte endlich einen Zweck gefundenen zu haben scheint, und deplatzierte Flirts mit Rächern des Rechts gleichermaßen wie mit Handlangern des ach so guten alten Freunds, der die Menschenhändler ja nur ein bisschen berät.

Natürlich wird am Ende alles gut. Das ist in der warm eingefärbten Zeitlupe die Schweiger als Retter der Frauenwelt zeigt, gefolgt von einer Gruppe klischeehaft gekleideter Zwangsprostituierter aus den Trümmern des Schlachtfelds schreitend, nicht zu übersehen. Und natürlich hat Tschiller, anfangs wild um sich schießend, dazugelernt und schaltet seinen Endgegner mit einem eleganten Schlag aus.

Die überdramatische Handlung dieses Tatorts,  so denn dieser Begriff überhaupt einer Schweigershow würdig ist, lässt mich neugierig auf die nächste Ausgabe werden. An Fokussierung auf den Schweigerclan und Hollywood-Action scheint sie nur noch übertroffen werden zu können, wenn Papa Til, Entschuldigung, Nick, im Nasenpiercing seiner Tochter einen mexikanischen (woher auch sonst?) Peilsender entdeckt.

Die Anfängliche Hoffnung auf Selbstironie und damit die Chance auf einen überzeugenden Schweiger-Tatort hat sich leider nicht bestätigt. Mein Schweiger-Bullshit-Bingo bleibt enttäuschend leer, von 25 großartigen Begriffen wie „Mächenhndlä“ und „tsursaite, isch tschieße!“ bleibt mir leider nur „nsere Bziehng macht kn tsinn“. Wenn schon mit Klischees jongliert wird, dann bitte richtig.

Marie Allnoch ist Redakteurin der Gesellschaft Freunde der Künste und zuständig für Literatur, Kino und TV-Tipp

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11.03.2013 virtuelle Revolution scheiterten

GFDK - Heinz Sauren

Aufgrund der Missstände die durch die Diktatur des Kapitals und nichts anderes ist der Kapitalismus, die Freiheit der Menschen, ihre Gesundheit und das gesamte ökologische System der Erde bedrohen und die Zukunft des Einzelnen, wie auch der gesamten Menschheit in Frage stellen, wäre eine Revolution gegen das zwanghafte Bestreben der profitierenden Eliten, diesen vernichtenden Status Quo aufrecht zu erhalten, im Grunde nicht mehr als ein zwingende logische Konsequenz.

Dennoch ist gerade in Europa der Beginn einer solchen unwahrscheinlich, da nicht genügend Menschen für einen solchen die eigene Existenz sichernden Schritt mobilisiert werden können.

Politische Revolutionen, wie die französische, fordern politische Opfer, sowie wirtschaftliche Revolutionen, wie die deutsche Wiedervereinigung, wirtschaftliche Opfer fordern. Die Opfer einer politischen Revolution sind die geistigen Träger des überwundenen politischen Systems. Sie werden mit physischer und psychischer Gewalt zum Schweigen gebracht um ihre Ideologie zum Schweigen zu bringen. Die Opfer einer wirtschaftlichen Revolution sind die Besitzstände der Menschen, die durch Umverteilung oder Enteignung neu geordnet werden.

Für das persönliche Empfinden eines Opfers ist es nebensächlich, aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen Opfer geworden zu sein, da ihre Opferrolle immer den Verlust ihrer Identität und ihres Lebenswerks, mitunter auch ihrer wirtschaftlichen oder physischen Existenzgrundlage bedeutet. Dieser Verlust für einen bestimmten Anteil einer Bevölkerung, ist zwangsläufiger Bestandteil jeder tatsächlichen und grundlegenden Veränderung und das Wissen darum, der tatsächliche Grund aus dem Revolutionen so selten sind.

Tatsächliche Missstände und eine mehrheitliche Empfindung dieser, sind der Grund einer Revolution, aber ihr Auslöser ist die Überwindung einer etablierten Moral. Das revolutionäre Potential einer Bevölkerung ergibt sich aus einer Güterabwägung moralischer Prämissen. Ein gesellschaftliches Moralempfinden ist ein Konsens aller Teilnehmer, also auch der Schwachen innerhalb dieser und deren prägende moralische Position der Empathie.

Eine Empathie die sich nicht auf einzelne Gegebenheiten beschränkt, sondern grundlegend vorab jeder Handlung, als Negativabgrenzung wirkt. Als solche ist sie nicht auf das Handeln selbst gerichtet, sondern auf die Vermeidung von Handlungen, die einem aus ihr begründeten Gerechtigkeitsempfinden widersprechen. Sie beinhaltet, die bewusste und gewollte Schädigung andere Menschen zu verhindern.

Erst die übergreifende Erkenntnis einer gesellschaftlichen Mehrheit, dass diese moralische Grundlage bereits von einer bestimmten Gesellschaftsgruppe verletzt wurde, hebt die absolute Gültigkeit des Empathiegebots auf und erzwingt Handlungen zur Widerherstellung dessen, was als Gerechtigkeit empfunden wird. Es ist der Auslöser der revolutionären Bereitschaft innerhalb einer Bevölkerung.

Nicht der fehlende Grund, von denen es viele gibt, verhindert die tatsächliche Veränderung die immer revolutionär sein müsste, sondern die Ermangelung eines gesellschaftsübergreifenden Ungerechtigkeitsempfindens, eines Auslösers. Dieser Auslöser fehlt immer dann, wenn die Unabänderlichkeit eines Sachzwangs und nicht das moralische Fehlverhalten, eine Situation begründet.

Aus diesem Grund werden Missstände von denen, die eine Revolution zu befürchten hätten, immer mit unumgänglicher Notwendigkeit begründet und damit ein übergeordneter Zwang bescheinigt, der die moralische Verfehlung gegen das gesellschaftliche Empathiegebot ihrer selbst legitimiert.

In einer Informationsgesellschaft sind die Missstände, die eine Revolution rechtfertigen würden offensichtlicher, als in allen anderen Gesellschaftsformen, da eine breite Mehrheit das Wissen um sie erlangen kann. Diese Informationsvielfalt ist aber auch der Grund, der Sachzwänge überproportional stark wertet und damit moralische Verletzungen des Empathiegebots in ihrer Gewichtung mindert.

Dies ist zum einen der Menge der verfügbaren Informationen geschuldet, die ein vermeintliches quantitatives Übergewicht der Sachzwänge begründen, aber auch der Informationswege selbst, die zwar eine unbegrenzte Datenflut ermöglichen, jedoch den Auslöser einer Revolutionsbereitschaft, das Ungerechtigkeitsempfinden als Emotion nur stark abgeschwächt transportieren.

Ein etwaig vorhandenes Ungerechtigkeitsempfinden wird durch die quantitativ unüberschaubare und damit nicht widerlegbare Menge an postulierten Sachzwängen verwässert und führt nicht zu revolutionärer Bereitschaft sondern zu empfundener Orientierungslosigkeit und als Folge daraus zu Lethargie.

Jeder Versuch die Orientierungslosigkeit durch neue oder weitere Informationen aufzulösen, führt ausschließlich dazu diese zu verstärken. Im Weiteren erlaubt die mediale Vernetzung den Gesellschaftsteilnehmern, die Teilnahme an Protesten, Diskussionen und Demonstrationen virtuell vorzunehmen und beschränkt diese durch eine wachsende Zahl der eigenen Teilnahmen auf einen Informationsaustausch.

Die fehlende emotionale Attraktion, die bei persönlicher Interaktion innerhalb von gleichartig konditionierten Menschengruppen, einen gemeinschaftlichen revolutionären Willen erst ermöglicht, führt beinahe zwangsläufig zu einer Gesellschaft der Kritiker, die zwar in ihrer Kritik kaum eine Grenzen kennen, aber analog den Willen zu einer tatsächlichen Veränderung verlieren.

Informationen führen zu Überzeugungen, aber nicht zu überzeugenden Handlungen. Diese basieren auf Emotionen.

Unter Berücksichtigung dieser Gesetzmäßigkeit lässt sich der Erfolg der arabischen Revolutionen ebenso begründen, wie der Misserfolg der „Occupy“ und „Empört Euch“ Bewegungen, die nahezu bedeutungslos geworden sind. Die arabischen Revolutionen haben im Gegensatz zu den europäischen Bewegungen, Informationsmedien vornehmlich benutzt um die Teilnahme an Demonstrationen zu bewirken und konnten erst durch die Anwesenheit der Massen ihre Ziele umsetzen, während die europäischen Bewegungen schon von Beginn an auf Information durch die Medien gesetzt haben.

In Europa waren viel mehr Menschen über die Ziele der Bewegungen informiert, als die in Arabien lebenden Menschen über die Ziele der Revolution. Die persönliche Teilnahme wurde durch das Medium fälschlicher Weise suggeriert und verhinderte die tatsächliche Teilnahme und somit den Erfolg.

Revolutionen folgen Mustern der Massenbeteiligung, sie brauchen Missstände als Begründungen und ein gesellschaftsübergreifendes Ungerechtigkeitsempfinden als auslösenden Konsens. Einstmals wurde versucht möglichen revolutionären Bestrebungen durch Falschinformation zu begegnen. Heute geschieht das weitaus effektiver durch Verunsicherung mittels eines Überangebots an Informationen, die wirkungsvoll einen emotionalen Konsens verhindern.

Es wird in Zukunft nur dann eine zwingend notwendige Revolution geben, wenn das maßgebliche Medium, das Internet sie nicht trägt, sondern nur begleitet.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

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09.03.2013 Galerist, Zitat: Kindergarten und Schlimmer!"

GFDK - Eva Horstick-Schmitt

Persönliche Eindrücke von der Art Karlsruhe - Wenn 220 Galeristen  15000 Werke ausstellen, können sie getrost 12000 davon als DEKO Material für jedwedes Mittelstandswohnzimmer als "schlimmer wohnen" erahnen. Gibt diese Messe Einblicke in die Dekowelten von Heute mit Konzepten der Banalitäten oder ist das der neue deutsche WEG der Kunst?

Mittelmässigkeit, Masse, und die wirklich guten Werke mit der Lupe suchen?

Der alt gediente röhrende Hirsch musste  genauso herhalten für die Leinwand , wie auch einfach nette Blockstreifen auf einer weissen Leinwand. Gemixte Farben auf überdimensionierten Bildern - allein die Grösse macht es dann?  

Einer hängte sogar ein wirklich schlecht gedrucktes Foto auf Leinwand an die Kunstmessewand und scheute sich nicht einen wahnsinnig wichtigen Stich mitten durch zu malen. Ein andere Galerie legte mitten in den Raum eine Ansammlung von bedruckten Kissen mit banalen Motiven. Herzlich willkommen in der Wirklichkeit DEUTSCHER Wohnlandschaften, vertreten durch die Kunst, oder die , die sie dafür halten.

Ist das der Sinn einer Kunstmesse 2013 im Süden von Deutschland?

Ich habe Künstlerinnen, einen Galeristen und Besucher befragt nach ihrer persönlichen Meinung zur Auswahl der präsentierten Werke .

Galerist Zitat : Kindergarten und Schlimmer!"

Skulpturenkünstlerin: "Ich bin durch sämtliche Hallen gelatscht und völlig fertig von all der Deko". Null Energie.

Besucher 60 Jahre alter Sammler: " Die wirklich guten Werke gibt es, gehen aber unter im Dekopalast für "Möbelhersteller".

Neues? Fehlalarm!

Eine andere Künstlerin sagte mir, sie müsse 2000 Euro zum Stand dazu zahlen, wie alle Künstler einer bestimmten Galerie das müssten, damit die Galerie ihren Stand bezahlen kann.

Armes Galerien-DEUTSCHLAND?

Leider habe ich die Eröffnungsrede , sowie die Rede des Künstlers Prof.Markus Lüpertz verpasst.

Hätte mich sehr  interessiert.

Die Ausstellungsflächen sind perfekt, nur die Inhalte lassen wirklich  oftmals zu Wünschen übrig.

Aus meiner Sicht war die Messe professionell installiert.

Leider liessen das viele Galerien vermissen mit ihrer Art der Sicht auf die Kunst.

Das was wir auf etlichen Messeständen sahen, war nicht mehr als Kindergartengeflüster, ausgenommen eben einiger guter Werke bei ausgesuchten Galerien, die man an 10 Fingern abzählen konnte. Was uns am meissten schockte waren banale Malereien , die zeitweise an unsere Schulzeiten erinnern liessen.

Quantität ist nicht immer gleich Qualität.

Lässt sich eine Kunst-Messe mit ausschliesslich wirklich guten und geschulten  Galeristen ein, wäre es sicher mehr als spannend. Aber bei all dem Gewusel an Kunst und Bildchen an weissen Wänden, könnte man meinen, der allgemeine Kunstverstand in DE geht den Bach herunter!

Austauschbare Deko macht keine Wahrhaftigkeit.

Aber irgendwie muss die Messeleitung  220 zahlende Galeristen auf den Plan rufen und vielleicht zählt dann eben nicht mehr insgesamt die Qualität , sondern das was am Ende eingenommen wird durch die Vermietung der QM. Wer auf einer Art Cologne war, der sieht zumeist einen enorm grossen  Anteil an guten und renomierten Galerien und keine Lückenfüller.

Hier ist es umgekehrt.

Es gibt einige gute und der Rest ist Geschichte.

Das Volk, welches über Kunst schwadroniert , zahlt 25 Euro für den Katalog, in dem zum grössten Teil eben Galerien vertreten sind, die das passende Outfit für ihre Wohnung anbieten.

Sammler würden derartiges wahrlich nicht kaufen.

Die Ausstellungsflächen sind perfekt, nur die Inhalte lassen wirklich oftmals zu Wünschen übrig. Inhalte gibt es in DE immer weniger, was zählt ist der Markt und die Eitelkeiten. Nach dem Motto : "Ich war als Galerie dabei!" selbst wenn ich auch meinen Stand auf der Messe die Künstler zahlen lasse. Was solls. Austauschbahre Bühne einer nach rückwärts gerichteten Szene, die auf ihren hohen Hacken der Eitelkeiten sich irgendwann die Beine bricht.

Es war mehr als langweilig hätte es nicht die perfekte Organisation gegeben, aber was nützt der Schein? Sauber und adrett . Alles perfekt.

Das Sein wäre mir lieber.

Das echte und authentische Werk scheint in DE  fast kein Gehör mehr zu finden.

Es gab einige interessante Skulpturen, die sicher sehenswert sind , wie auch Gemälde, die eine treffliche Aussage haben, sowie etliche Fotografien eine Augenweide darstellen.

Insgesamt aber ist die "Kunstmesse" für mich eine Enttäuschung und einige Galeristen haben das auch klar kommuniziert indem sie die Messequlität in frage stellten. Öffentlich äusern will sich aber keiner von ihnen, Warum? Angst vor der Wahrheit, dass diese Messe in Wirklichkeit gehypt wird u.a. durch die gute PR. Den Namen Kunstmesse hat man nur verdient, wenn alle wirklich guten Galerien in einer einzigen Halle wären und den Rest nach Hause schickt. Dann wären allerdings viele Hallen leer.

Nur reicht das aus für eine Messe, die sich im Vorfeld schon selbst erhebt über den Rest der Republik?

Eva Horstick-Schmitt

Die art Karlsruhe (Eigenschreibweise art KARLSRUHE) ist eine internationale Kunstmesse für Klassische Moderne und Gegenwartskunst in Karlsruhe. Sie wird von der Karlsruher Messe- und Kongress-GmbH seit 2004 jährlich im März auf dem Gelände der Messe Karlsruhe durchgeführt. Gründer und Künstlerischer Leiter ist der Galerist Ewald Karl Schrade. Die art Karlsruhe findet jeweils Anfang März statt, im Jahr 2013 vom 7. bis 10. März. Quelle: wikipedia

art KARLSRUHE 2013

Mit Leidenschaft für die Kunst

Die art KARLSRUHE feiert 2013 ihr 10-jähriges Bestehen. One-Artist-Shows, großzügige Skulpturenplätze sowie exklusive Sonderausstellungen sind die Basis für die Erfolgsgeschichte der art KARLSRUHE, die sich zu einer der wichtigsten Kunstmessen im deutschsprachigen Raum entwickelt hat.

Feiern Sie mit uns, wenn die art KARLSRUHE im Jubiläumsjahr erneut den Bogen von der Klassischen Moderne zur Gegenwartskunst spannt. Quelle: www.art-karlsruhe.de

 

 

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09.03.2013 Kein Vertrauen, keine erfüllende Liebe

GFDK - Dr. Liane Bednarz - 7 Bilder

Vielleicht sollten Paare wie Ferdinand und Luise heutzutage Tandem fahren. Denn Tandemfahren „bringt mehr als jede Paartherapie“, wie der Grazer Schriftsteller Clemens J. Setz gerade gegenüber dem österreichischen „Standard“ feststellte. Auf dem Tandem könne man „nicht lügen: Wenn da einer aufhört, seinen Part zu tun, merkt das der andere sofort. Auf dem Tandem kann man sich auch nicht rausreden. Gleichzeitig lernt man aber auch, dem Partner zu vertrauen."

Kein Vertrauen, keine erfüllende Liebe

Gleich vorweg: Fehlendes Vertrauen ist für Regisseurin Amélie Niermeyer der Schlüssel für das Scheitern der Liebe zwischen Schillers beiden Protagonisten: „Diese Liebe hätte auch ohne Intrige keine Sicherheit, weil das Vertrauen fehlt“ und „Ferdinand fällt auf die Intrige rein, weil er nicht vertraut“, sagte sie gegenüber der Münchner Abendzeitung.

Und so zeigt Niermeyer ihr persönliches Lieblingsstück, das sie nun auf Einladung von Residenztheater-Intendant Martin Kusej erstmalig inszeniert, als emotionalen Höllenritt zweier delirierend Liebender, der geradewegs hinabführt in den gemeinsamen Tod. Einen Tod, der Luise (Andrea Wenzl) und Ferdinand (Michael Klammer) im Liebeswahn so süßlich erscheint wie die vergiftete Limonade, die beide schließlich umbringt.

Das Setting von Schillers 1784 uraufgeführtem Meisterwerk kommt in der Niermeyer-Version kühl und puristisch daher. Die ansonsten dunkle Bühne (Stéphanie Laimé) wird von einem beigen, raumgreifenden Gummi-Kubus dominiert, der immer wieder gedreht wird, sich also mal spitz, mal flächig präsentiert. Den Figuren lässt er dadurch wenig Raum. Gespielt wird „Kabale und Liebe“ auf schwarzer Asche.

Ferdinand und Luise sind ein leidenschaftliches Sturm-und-Drang-Paar, aufgeschrieben vom gerade einmal 23-jährigen Schiller. In München 2013 scheitern die beiden allerdings nicht – wie in der Urfassung – primär an den Standesgrenzen, die die Heirat zwischen der Tochter des kleinbürgerlichen Musikers Miller und dem adligen Sohn des Präsidenten an einem deutschen Fürstenhof unmöglich machen. Nein, heute gehen sie vor allem an der Radikalität und Absolutheit, an der bedingungslosen Anbetung ihrer Liebe zugrunde, in der auf Seiten Ferdinands zugleich eine große Verblendung liegt.

Schmerz versus Unreife

Während Andrea Wenzl als Luise die wahrhaft Liebende gibt, fehlt Ferdinand dieser Tiefgang. Er ist vor allem berauscht von einer Idee von Liebe, mehr verliebt in die Liebe als wirklich liebend. Wer gerade „1913“ von Florian Illies gelesen hat, fühlt sich vielleicht an Franz Kafkas Liebe zu Felice Bauer erinnert. Auch damals liebte man aneinander vorbei; kreiste man letztlich mehr um sich selbst als um das Objekt der Begierde.

Als Idee hat eine solche „Verheutigung“ von Schillers wildem Sturm-und-Drang Stück gewiss etwas Modernes, Jetztzeitiges. Standesgrenzen haben im 21. Jahrhundert deutlich an Bedeutung verloren. Leider jedoch wirkt das Gefälle der geistigen und emotionalen Reife von Niermeyers Ferdinand und Luise, wenn auch in Schillers Stück im Ansatz so angelegt, zu groß.

Andrea Wenzls herausragende Luise spielt diesen infantil-trotteligen, vor geschwätzigem Pathos triefenden und zu kindlich-unreifen Wutausbrüchen neigenden Ferdinand buchstäblich an die Wand. Bewegter Mann vor bewegtem Kubus. Nicht mehr.

Inferno der Gefühle

Andrea Wenzls Luise wird so zum Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Sie ist es, die das Publikum in ihren Bann zieht. Virtuos. Ganz Schmerzensfrau. Leid. Depression. Verzweifelte Liebe. Schreie. Tränen. Leidenschaftliche Küsse. Ein düsteres Gemüt. Eine große Depressivität. Hell sind hier nur ihre blonden Haare, ist nur der weiße Kragen der ansonsten stets schwarz gekleideten Musikertochter.

Aber eines ist die zierliche Erscheinung mit der rauhen und durchdringenden Stimme dort oben auf der Bühne nicht: schwach. Luise strahlt zu jedem Zeitpunkt Herrschaftswissen aus. Sie ahnt die Katastrophe. Die Katastrophe scheint sogar in ihr angelegt zu sein. Und so steigt sie bewusst hinab in den leidenden Abgrund, beschwört die Liebe umso stärker, je auswegloser die Situation erscheint. Während alle anderen Figuren durch enge Türen in den Kubus ein- und wieder austreten, bleibt Luise durchweg außen vor. Mal als Akteurin. Mal einfach nur als stille Beobachterin am Rande des Geschehens.

Der infantile Ferdinand, der größenwahnsinnige Wurm

Michael Klammer hingegen spielt einen infantilen Ferdinand, ein Fähnchen im Wind der eigenen Emotionen. Seine Liebesschwüre wirken plappernd, hingesäuselt, emotional so unreif wie seine ganze Person. Ganz anders als etwa der junge Klaus-Maria Brandauer in der legendären Burgtheater-Inszenierung Klingenbergs aus dem Jahr 1975 ist Klammers Ferdinand nicht der distinguierte Edelmann mit stürmischer Seele, sondern ein großes plumpes Kind, das binnen Sekunden zwischen Tränen, Lachen und kolossalen Wutausbrüchen hin und her changiert und sich obendrein aus einer Art Übersprungshandlung die Kleider vom Leib reißt.

Und diese Kleider sind so zusammengestückelt wie Ferdinands emotionaler Setzkasten: Graue Stoffstiefel, ausgebeulte Hose, kariertes Sakko mit apfelgrünem Innenfutter und ein ärmelloser Pullover im Missoni-Style. Klar, Michael Klammer füllt den so angelegten Ferdinand gut aus. Ja, er spielt ihn sogar richtig gut. Aber die Frage bleibt, ob die Rolle von der Regie tatsächlich so gut angelegt ist. Denn es wirkt schon arg unglaubwürdig, dass die ernste Luise eine so zappelige Erscheinung liebt. Da beißt sich was. Und daran vermögen auch die innigen Küsse wenig zu ändern.

Eine Stärke in Niermeyers Inszenierung ist der von ihr gesetzte Fokus auf „Wurm“ (Shenja Lacher). Wurms Rolle bei Schiller: Er möchte Luise zur Frau haben, kann davon aber weder sie noch ihren Vater überzeugen. Der Verschmähte verrät Ferdinands Vater die amour fou mit Luise und ersinnt die Kabale, die Intrige, welche die beiden auseinanderbringen soll. Luise soll sich Wurms perfidem Plan zufolge Ferdinand gegenüber „verdächtig machen“: Sie soll zu diesem Zweck erpresst werden, einen Brief an den Hofmarschall von Kalb zu schreiben, in dem sie diesem eine unwahre Liebe gesteht, was dann natürlich Ferdinand zugetragen werden soll.

Dieses Ansinnen ist ganz im Sinne von Ferdinands Vater, der seinen Filius mit Lady Milford, der Mätresse des Fürsten, verheiraten will, um so seine eigene Stellung am Hof zu festigen. Das alles ist bekannt. Auch dass Wurm auf der Bühne oft als schmieriger Kerl gezeigt wird. So auch bei Niermeyer: mit fettigen Haaren, beiger Lederhose- und -weste, dunkelbraunem Hemd samt ebensolcher Krawatte im Möchtegern-Retro-Style. Ja, Wurm wäre gerne cool. Ist er aber nicht. Er bleibt ein öliger Spießer, der zwar die E-Gitarre rausholt, auf dieser dann aber nur eine italienische Schmonzette zum Besten gibt.

Niermeyer geht nun aber einen Schritt weiter: sie legt einen größenwahnsinnigen Charakter frei, einen narzisstisch gekränkten Außenseiter, dem das „Kinn herausgequollen“ ist, wie Luises Vater voller Abscheu sagt. Shenja Lacher zeigt einen Wurm, der seine narzisstische Kränkung durch Allmachtsphantasien kompensiert und voller Wut von der erträumten Herrschaft über andere fabuliert. Nein, das steht so nicht in Schillers Originaltext. Aber genau diese Zugabe, diese Akzentuierung, dieser psychologische Zoom auf Wurms verdorbene Außenseiterseele, die Freilegung des hässlichen inneren Anlitzes hebt Schillers Klassiker hinüber ins Heute.

Der alte Miller

Die charakterliche Antipode Wurms und Ferdinands ist Luises Vater, der alte Miller, glänzend verkörpert von Götz Schulte. Der als selbstbewusst angelegte bürgerliche Musiker zeigt Haltung, steht immer kerzengerade auf der Bühne, in Weste, Gehrock und – als Coolness-Element – schwarzer Lederhose.

Durch die rigorose Streichung von Luises sozial überambitionierter Mutter kommt die innige Vater-Tochter-Beziehung besonders gut zum Tragen. Ja, ganz sicher: Amélie Niermeyers Miller liebt seine Tochter über alle Maßen, ist tief verzweifelt, will ihre Seele retten, aber sieht sie doch unaufhörlich näher an den Abgrund heranrutschen. So weint er in seiner Hilflosigkeit. Zeigt das blutende Vaterherz. Zeigt, was wahre Liebe und Empathie sind und kontrastiert so die überhitzte, doch eher dem eigenen Ego dienende Verliebtheit Ferdinands, die bei der ersten Enttäuschung, dem ersten vermeintlichen Verrat sofort in rasende Rachegefühle und Hass umschlägt.

Ferdinands Vater (großartig: Guntram Brattia) hingegen ist ein grober und brutal wirkender Machtmensch in schwarzer Hose, schwarzem Rolli und diesen schwarz-weißen Schuhen eines Al Capone-Gangsters. Ihm gegenüber wirkt der völlig im höfischen Chichi-aufgehende und von nichts anderem schwafelnde Hofmarschall von Kalb (Migues Abrantes Ostrowski) noch komischer. Merkwürdig aber, dass Migues Abrantes Ostrowski im Kalbschen Kostüm zugleich als Kammerdiener Lady Milfords auftritt. Geschenkt: Denn auch als solcher bringt er ein paar heitere Momente in das ansonsten so düstere Drama: Immer wieder wirft er der Lady mit maliziösem Blick edle weiße Perlen wie Knallerbsen mit voller Wucht vor die Füße. Klack, klack, peng. Präsente des Fürsten, die dieser durch den Verkauf von Landeskindern ins Ausland erwarb.

Lady Milford (Hanna Scheibe) ist beim Zusammentreffen mit Ferdinand zunächst ganz leidenschaftlich, mondän und besitzergreifend. Im rostbraunen Paillettenabendkleid und ebensolchen Wasserwellen legt sie aber nach und nach ihren besseren Charakteranteil frei, was durch ihren schlichten dunklen Abendzweiteiler in ihrer Szene mit Luise, gegenüber der sie aber verblasst, weiter unterstrichen wird. Auch bei ihr stellt sich die Frage: kann eine solche Frau Niermeyers Ferdinand lieben?

Das Ende

Aber wie schon am Anfang angekündigt, es kommt auch bei Niermeyer, wie es nach Schiller nun einmal kommen muss: Es geht ans Sterben. Ein Limonade-Sterben zwar, aber Tod ist eben Tod. Und dass auch in einer Limonadenvergiftung großes Gefühl stecken kann, verdanken wir der souveränen Schmerzensfrau Luise. Sie allein schiebt den Kubus nach hinten weg, schafft Platz zum Sterben. Als sie Ferdinand gesteht, dass ihr Brief erzwungen wurde, ist dieser wie immer überfordert. Luise aber nimmt den Tod hin. Souverän bis zum Schluss. Wenn also Amélie Niermeyer in München Maßstäbe gesetzt hat, dann ganz sicher mit ihrer eindrucksvollen Luise.

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert und arbeitet als Rechtsanwältin im Bereich "Mergers & Acquisitions". Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und schrieb für die "Westfalenpost Schwelm". 

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07.03.2013 Das erreichen, einer greifbaren Wirklichkeit

GFDK - Georg Wilhelm von Fürstenberg

Heute in einen Zeit, in der wir mit vielen Irrtümern, des menschlichen Geistes gebrochen haben, gibt es trotz der allgemeinen Aufklärung, doch noch viele, tabuisierte Grauzonen unseres Lebens. Da wir, wider unsere realen Wahrnehmung, alter und falscher Ethik verpflichtet sind.

Unsere Sicht der Dinge, auf die Liebe, ist gezeichnet von Vorstellungen einer Zeit, in der Liebe, den Lebensumständen entsprechend verklärt wurde, als die einzige Möglichkeit, eines Glücks von Mann und Frau.

Die Frau hatte die Pflicht, den Mann „glücklich“ zu machen, der Mann hingegen, die Pflicht, die Familie zu versorgen. Sehr vereinfacht formuliert, die Ehe als überlebenswichtige Versorgungsgemeinschaft zur Zeit, des aufkommenden Christentums und des frühen Mittelalters.

Gefühle spielten bis in das frühe Mittelalter, eine untergeordnete Rolle. Ehen wurden nach Notwendigkeiten geschlossen. Die Aufgabe der Anbahnung der Versorgungsgemeinschaft, wurde von den Eltern übernommen. Bis ins 20 Jahrhundert eine globale Praxis, auch unabhängig von der Religion betrachtet. Natürlich machten die Religionen ihren Einfluss geltend, trotzdem wurde nach Stand und Dünkel verheiratet. Die Religion, ins besondere das Christentum, schuf wiederum ein Konzept der besitzergreifenden, einengenden Liebe. In einer unglücklichen Symbiose von christlichen Ethik und Romantik des Mittelalters entstand so, eine eher unreine Liebe.

Im Mittelalter, mit dem Anfang der Romantisierung vieler Lebenswelten, da kam die gefühlsbetonte Liebe wirklich ins Spiel. Legenden, Geschichten, Minnesang, Alles wurde mit viel lieblichen Gefühl betont.

Natürlich gab es Gefühle schon immer, doch wirklich verherrlicht wurde sie erst durch die Boten der Liebe, den Minnesängern und Schreibern. Sie brachten die Romantik der Gefühle unter das Volk. Die vom Christentum favorisierte Form der Ehe und Einzelbeziehungen bekam eine perfekte Ausdrucksform.Der Mensch will glauben, was er fühlt. Eines unser bedeutendsten Lebensprinzipien, die Empathie, wurde plötzlich öffentlich und schön.

Insbesondere im christlich, dominierten Europa passten Einehe und Liebe wunderbar zusammen. Also tat der Mensch, was er immer gerne tut. Er glaubte, dieses mal an die Liebe. Als genormtes Schema, mit christlichen Rahmen. Zweisamkeit und Treu. Zwar frönte der Mensch weiter zügellos, der Lust und der Leidenschaft. Doch Lust und Leidenschaft wurde auch zum Fanal der Verwerflichkeit, wenn man die Lust und Leidenschaft mit Anderen, als dem eigenen Partner teilte.

Das war der Grundstein unserer heute noch dominierenden Sicht der Liebe. Die oft, so wunderschön und romantisch illustriert wird, doch uns auch so viele unendliche Sorgen bereitet. Heute in einer Gesellschaft, die so anders funktioniert, wie vor vielen Jahrhunderten. Schon in der Renaissance, die auch der Vorreiter für die humanistischen Aufklärung war, suchte man nach Erweiterungsmöglichkeiten für das Konzept der Liebe.

Antiken Philosophen wurden gerne zu Rate gezogen, durch das Studium und die Auslegung ihrer Schriften. Platon formuliert in der Liebe ein Streben, das stets vom Besonderen zum Allgemeinen, vom Vereinzelten zum Umfassenden führen sollte. Der grundsätzlichen platonischen Theorie zufolge, waren die Liebenden Philosophen oder musste zu Philosophen werden und als solche, auf eine von Platon beschriebene Weise mit der Liebe umgehen.

Im Sinne Platons wählen die Liebenden bewusst einen philosophischen Weg, der sie zu immer höheren Ebenen der Erkenntnis führen sollte. Plato unterwirft das Lustprinzip der Erotik im Lauf eines Erkenntnisprozesses, einer gestuften Minimierung, um es den Liebenden zu ermöglichen, sich auf immer umfassendere, allgemeinere, höherrangige und daher lohnendere Objekte zu konzentrieren.

Das erreichen, einer greifbaren Wirklichkeit, die Platon als das Schöne an sich bestimmt, ist das würdigste Objekt, das es zu erreichen galt. Das erreichen dieser Stufe, der Erkenntnis ist das Ende, des Strebens der Liebenden, nach der Lehre vollkommener Erkenntnis. Plato an sich definierte die Liebe, eher als geschlechtsloses, allumfassendes Konzept das nicht die Göttlichkeit anstrebte, sondern das menschlich machbare.

Keineswegs sollte die Liebe so vollkommene sein, das sie völlig vergeistigt würde. So wie es die modernen Philosophen interpretieren mochten. Das auf Plato beruhende Konzept der platonischen Liebe, war also ein Missverständnis der moderneren Philosophen. Diese wollten die reine, wahre Liebe ohne des Fleisches Lust. Als kleines exemplarisches und prominentes Beispiel möge heute noch Johann Wolfgang von Goethe und Henriette von Stein genannt sein. Gerne als sich rein platonisches Liebespaar der Zeitgeschichte dargestellt.

War es wohl eher der mangeln an Gelegenheit, der die Keuschheit nötigte, als den der Mangel an Lust. Dem angeregten Schriftverkehr von über 1700 Briefen, ist zum Beispiel zu entnehmen, das Goethe die Dame höflichst gebeten hat, sie möge ihm doch getragene Schuhe zusenden. Nach Möglichkeit häufig getragene. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, was der Herr Dichter mit diesen Schuhwerk wohl anzustellen beabsichtigte.

Heute in unserer Zeit, wissen wir, was Pheromone sind. Goethe wusste das nicht, doch um sich an ihnen zu berauschen, musste er das auch nicht wissen. Dazu sind unsere, heute etwas entzauberten Sinne da, diese wissen was zu tun ist. Denn letztlich, wollen wir unseren Dichterfürsten nicht unterstellen, das er sie tragen wollte.

Viel mehr Sinn macht es, das Verständnis der platonischen Liebe, als Weg über die erotischen Gefühle, hin zu höheren geistigen Ebenen zu sehen, die uns eine tiefe, geistige Liebe zu allen Menschen ermöglicht, die unserer Empathie stärkt und das Zusammenleben schöner und friedvoller macht. Er befreite als erster Philosoph die Liebe von Zwängen jeder Art. Platos Bild von der Liebes, würde man heute wohl, modern als Ganzheitlich bezeichnen.

So gesehen, war Plato der erste Hippi.

Blasphemous Jaw

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27.02.2013 Tatsachen und Beweismittel

GFDK - RA Heinrich Schmitz

In einem Interview mit der "Kölnischen Rundschau" im letzten Jahr habe ich folgenden Satz gesagt:

"Für das Richteramt fehlte mir der dafür notwendige Glaube, dass man die Wahrheit erkennen könne."

Ein Satz, der mir, obwohl er nur als Erklärung dafür gegeben wurde, warum ich mich schon lange vor dem zweiten Staatsexamen für eine Verteidiger- und gegen eine Richterlaufbahn entschieden hatte, einige Kritik von Richtern einbrachte, der aber trotzdem richtig war.

Mein Ding ist der Zweifel, nicht die Gewissheit. Und ich verrate Ihnen auch warum.

Die Strafprozessordnung erweckt in § 244 Abs. 2 StPO zunächst tatsächlich den Eindruck, die Wahrheit ließe sich ermitteln:

"Das Gericht hat zur Erforschung der Wahrheit die Beweisaufnahme von Amts wegen auf alle Tatsachen und Beweismittel zu erstrecken, die für die Entscheidung von Bedeutung sind."

Das Gesetz definiert selbst aber nicht, was diese Wahrheit denn nun sein soll, deren Erforschung es dem armen Richter auferlegt. Selbst Richter sehen ein, dass in der Hauptverhandlung eines Strafverfahrens nicht die "reine" Wahrheit, also eine objektive Wahrheit, ermittelt werden kann. Deshalb müssen sie sich wohl oder übel mit deren kleinen, hässlichen Schwester, der sogenannten "prozessualen Wahrheit" begnügen.

Das macht insofern auch Sinn, als ein Strafverfahren keine philosophische Veranstaltung ist, sondern einem durch die Anklage klar definierten Ziel dient, herauszufinden, ob die Straftat, die dem Angeklagten vorgeworfen wird, tatsächlich stattgefunden hat. Das klingt ja schon mal einfacher als die Suche nach der reinen Wahrheit - ist es aber auch nicht.

Eine geradezu philosophische Bewertung der Problematik hatte bereits das Reichsgericht im Jahre 1885 - wenn auch in einer Zivilsache - zum besten gegeben, als es erkannte,

»Vermöge der Beschränkung der Mittel menschlichen Erkennens kann niemand (selbst im Falle eigener unmittelbarer Anschauung eines Vorganges) zu einem absolut sicheren Wissen von der Existenz eines Tatbestandes gelangen. Abstrakte Möglichkeiten der Nichtexistenz sind immer denkbar. Wer die Schranken des menschlichen Erkennens erfasst hat, wird nie annehmen, dass er in dem Sinne zweifellos von der Existenz eines Vorganges überzeugt sein dürfe, dass ein Irrtum absolut ausgeschlossen wäre.« (RGZ 15, 338 (339))

Ein Satz, den man am besten vor jedem Prozesstag laut vorlesen sollte, um die entscheidenden Menschen an die Fehlbarkeit des Erkennens zu erinnern. Nur so, sicherheitshalber.

Es gibt nicht nur Ärzte, die als "Halbgötter in Weiß" glauben, immer alles richtig zu machen, es gibt leider auch die schwarzen Päpste, die allen ernstes meinen, unfehlbare Überzeugungen zu haben.

Da das Ziel des Strafverfahrens , die Entscheidung über Schuld oder Unschuld des Angeklagten, also nicht über eine objektive Erkenntnis führen kann, muss das Gericht sich mit Hilfe der zulässigen Beweismittel auf einen steinigen Weg machen, die Grundlagen für seine Entscheidung aus der Hauptverhandlung zu erarbeiten - oder sollte man doch besser sagen zu gewinnen ?

Die Beweismittel, also das, was die Staatsanwaltschaft so zusammengetragen hat , um die Anklage zu einer Verurteilung werden zu lassen, sind der Dreh- und Angelpunkt der Hauptverhandlung. Leider sind auch diese selbst mit diversen zwangsläufigen Fehlerquellen behaftet.

Da gibt es einmal die Fehlerquellen im Beweismittel selbst und dann die Fehlerquellen bei der richterlichen Bewertung dieser Beweismittel.

Die größte Fehlerquelle ist dabei natürlich wie immer der Mensch als Zeuge.

So ein Zeuge, also jemand der eine eigene Wahrnehmung "bekunden" soll, um dem Gericht zu einer richtigen Entscheidung zu verhelfen, wird vor seiner Aussage erst einmal belehrt. In § 57 StPO steht drin, was Inhalt dieser Belehrung sein muss:

"Vor der Vernehmung werden die Zeugen zur Wahrheit ermahnt und über die strafrechtlichen Folgen einer unrichtigen oder unvollständigen Aussage belehrt. Auf die Möglichkeit der Vereidigung werden sie hingewiesen. Im Fall der Vereidigung sind sie über die Bedeutung des Eides und darüber zu belehren, dass der Eid mit oder ohne religiöse Beteuerung geleistet werden kann. "

Naja, das mit der Wahrheit kennen wir ja nun schon, die kennt der Zeuge sowenig wie sonst jemand, er soll halt nur nicht lügen, nichts weglassen und nichts hinzufügen.

Name ,Vorname und Alter dürfte in den meisten Fällen halbwegs unproblematisch sein, obwohl viele Zeugen da manchmal plötzlich ins Rechnen kommen oder manche Damen verschämt fragen, ob sie die Frage nach dem Alter wirklich beantworten müssen. Diese Fragen dienen aber auch mehr der Identifikation des Zeugen, als der Rekonstruktion dessen, was denn so passiert sein soll. Die Fragen nach einer verwandtschaftlichen Beziehung zum Angeklagten dient der Feststellung von eventuellen Zeugnisverweigerungsrechten des Zeugen über die dieser ebenfalls zu belehren ist.

Und dann geht es los. Der Zeuge soll dem Gericht nach Möglichkeit zunächst einmal eine zusammenhängende Schilderung dessen geben, was er selbst wahrgenommen hat.

Das scheitert oft aus den unterschiedlichsten Gründen. Es gab z.B. einmal einen Amtsrichter, der die Aussage der Zeugen dadurch in einen Zusammenhang brachte, dass er ihnen nach der Belehrung erzählte, was sie seiner Meinung nach so wahrgenommen hatten, und dann am Ende seines zusammenhängenden Vortrags lediglich sagte, " das war doch so, oder ?" - meistens wurde das dann bestätigt. Die Zeugen freuten sich, so eine schöne, schlüssige , zusammenhängende Aussage gemacht zu haben.

Es gibt auch Zeugen, die noch nie im Leben irgendetwas im Zusammenhang frei erzählt haben und sich in der Schule schon nicht trauten aufzuzeigen oder mal ein Referat zu halten. Manche Zeugen schlottern geradezu vor Angst oder Aufregung und sind dankbar dafür, dass ihnen jemand die Worte in den Mund legt, welche ist dann auch schon völlig egal, Hauptsache sie sind schnell wieder raus aus dem Gerichtssaal. Bei Hauptverhandlungen ohne Verteidiger ist das hoch problematisch, weil natürlich durch eine derartig "angeleitete" Aussage recht stromlinienförmig zum Urteil führt.

Ist ein Verteidiger eingebunden, dessen offizielles Fragerecht erst nach dem Richter und dem Staatsanwalt beginnt, können manche dieser "Aussagen" immerhin wieder korrigiert werden. Mancher Zeuge traut sich dann aber einfach auch nicht einzugestehen, dass er vorher bullshit erzählt hat. Zeugen möchten, wie jeder andere auch, erst mal gut dastehen und viele wollen auch die vermeintlichen Erwartungen des Gerichts bedienen. Das bedeutet gar nicht, dass sie bewusst lügen. Aber auch das gibt es reichlich. Die meisten Menschen sind, was ihre eigenen Wahrnehmungen angeht, gar nicht in der Lage zu differenzieren, was sie wirklich selbst wahrgenommen haben und was Rückschlüsse oder Bewertungen sind.

Das menschliche Gehirn hat die im Alltag ganz praktische Angewohnheit, wahrgenommene Sachverhalte logisch zu ergänzen. Der Stürmer fällt, also muss er wohl gefoult worden sein, und wenn es der Stürmer der eigenen Mannschaft ist, schreit man Foul, Elfmeter, auch wenn man das Foul jedenfalls mit seinen Augen gar nicht sehen konnte. Sie glauben gar nicht, wie oft bei einer konkreten Nachfrage die Antwort kommt, " also, wenn Sie jetzt so ( ein Zeuge ergänzte "brutal" ) nachfragen, nein, gesehen habe ich das nicht, aber dass muss ja so gewesen sein". Muss es natürlich nicht.

Hinzu kommt, dass eine Hauptverhandlung häufig erst sehr lange nach einem Vorfall stattfindet. Wissen sie noch genau, was sie vor einem oder zwei Jahren gesehen oder gehört haben ? Wenn Sie jetzt ja sagen, möchte ich Sie zur Vorsicht anhalten. Auch hier spielt uns unser Gehirn manchen Streich, indem es Erinnerungslücken mit einer autofill-Funktion selbsttätig schließt.

Erinnern ist kein Abrufen von Daten, die auf irgendeiner Hirnfestplatte gespeichert sind, es ist jedes mal ein aktiver, kreativer Vorgang, bei dem das Gehirn aus verschiedenen Teilerinnerungen einen neuen Film zusammenstellt. Deshalb sind Jäger- und Anglerlatein - außer bei den bekannten Aufschneidern - selten bewusste Lügen, sondern subjektiv wahrheitsgemäße Aussagen über eine Jagdbeute, die halt in der Erinnerung immer weiter wächst.

Das Gehirn selektiert schon bei der Wahrnehmung und es selektiert bei dem was behaltenswert erscheint. Die imaginäre - und eigentlich gar nicht vorhandene - Festplatte im Gehirn wird sozusagen zuverlässig von temporären Dateien befreit. Es nützt auch nichts, wenn manche Richter die Zeugen dazu auffordern, ihre Erinnerung gehörig anzustrengen, es schadet sogar. Der Zeuge, der gerade noch wahrheitsgemäß gesagt hat, "weiss ich nich'", steht plötzlich unter einem massiven Erwartungsdruck. Sein Gehirn, dass schließlich für ihn arbeitet und nicht für die Justiz, löst dieses Problem pragmatisch, indem es ihm flink eine Erinnerung liefert, die ihm gerade angemessen erscheint.

Am Ende steht dann so oder so eine Zeugenaussage, deren Beweiswert der Richter zu beurteilen hat. Richtig spannend wird es natürlich, wenn mehrere Zeugen ihre Aussagen machen und jeder etwas anderes erzählt. Das ist weder selten noch verwunderlich, weil eben jeder Mensch seine sehr unterschiedliche Wahrnehmung und auch sehr unterschiedliche Erinnerungen hat.

Es kommt eben immer auf die Perspektive an. Zeugen, die den Angeklagten liebend gerne im Knast sehen wollen, nehmen geradezu zwangsläufig diesem negative Dinge wahr, Zeugen, die dem Angeklagten nahestehen, haben manches Negative entweder gar nicht wahrgenommen oder in ihrer Erinnerung ausgeblendet. Oder beide Gruppen von Zeugen lügen, dass sich die Balken biegen. That's life.

Und jetzt muss der Richter oder auch mehrere sich eine Überzeugung bilden. Nur weil sich die Zeugenaussagen widersprechen, muss er die Flinte noch nicht ins Korn werfen.

Erst einmal macht er sich Gedanken über die Glaubwürdigkeit der einzelnen Zeugen, wobei Zufallszeugen, die in keinerlei Beziehung zum Angeklagten oder zum eventuellen Opfer, grundsätzlich als neutral und deshalb besonders glaubwürdig angesehen werden. Kann stimmen , muss aber nicht.

Auch Polizeibeamte genießen einen gewissen Glaubwürdigkeitsvorschuss. Die Frage, warum sollte der Polizeibeamte denn etwas Falsches sagen, beantworte ich gerne mit der Gegenfrage, warum denn nicht ? Selbst wenn es keinen konkreten Hinweis darauf gibt, bedeutet das ja nicht, dass es nicht so ist.

Und dass ein Polizist als Zeuge ja gar kein Interesse an der Verurteilung eines Angeklagten hat, kann man so auch nicht sagen. Ich hatte vor kurzem einen Polizeibeamten als Zeugen, der sich seit Jahren in den Kopf gesetzt hatte, der Angeklagte sei ein Brandstifter und der bei fast jedem Brand in einer bestimmten Ortschaft gegen Angeklagten ermittelte, und zwar nur gegen Angeklagten.

Auf meine Frage, wie er denn darauf komme, dass mein Mandant ein Brandstifter sei, kam die für einen Polizisten erstaunliche Antwort, "das weiß doch jeder !". Auf Nachfrage, wer denn jeder sei, ob er mir ein paar Namen dieses "Jedermanns" nennen könne, musste er dann einräumen, jeder sei er. Dass dieser Zeuge, der ausweislich der Aussagen von Kollegen seine Meinung auch über den Flurfunk gestreut hatte, kaum als besonders glaubwürdig anzusehen war, liegt auf der Hand.

Bei der ersten Vernehmung des Angeklagten hatte dieser Zeuge dem Angeklagten schon gesagt - und glücklicherweise protokolliert - "Ihnen glaubt hier niemand". Meine Frage , wer dieser Niemand denn sei, antwortete er in erfrischender Einfalt, " Ich bin Niemand", was ich ihm gerne bestätigt habe. Solche Zeugen kennt jeder Verteidiger, nicht immer kommt man ihnen so leicht auf die Schliche.

Der Richter "sortiert" sich also die Zeugen nach Glaubwürdigkeit und guckt dann mal , was so übrig bleibt. Die Kriterien sind kaum überprüfbar, die Begründungen für und wider die Glaubwürdigkeit austauschbar. Da die Beurteilung von Beweismitteln laut Rechtsprechung die "ureigenste Aufgabe" des Richters ist, gesteht sich auch selten mal ein Richter ein, dass es vielleicht hilfreich sein könnte, ein aussagepsychologisches Gutachten einzuholen. Schade eigentlich, obwohl auch diese Gutachten natürlich keine Gewissheit bringen, aber manchmal wenigstens ein paar bedenkenswerte Argumente.

Dass das ganze noch spekulativer wird, wenn die Zeugen gar keine unmittelbaren Tatzeugen, sondern nur Puzzleteile in einem Indizienprozess sind, versteht sich von selbst. Da gibt es dann oft Indizienketten, die an keinem Hals hängen blieben, wenn sie Perlenketten wären.

Ja,werden Sie als aufmerksamer Prozessbeobachter anmerken, es gibt aber doch den Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten". Ja , gibt es. Dummerweise setzt der aber voraus, dass der Richter überhaupt Zweifel hat. Und dann reichen nicht nur "theoretische" Zweifel, sondern es müssen "vernünftige" Zweifel sein. Oft genug wird dann ein Zweifel auf den Vornamen "Theoretisch" getauft, was ist schon vernünftig und was nicht ? Und wenn ein Richter unbedingt gerne verurteilen möchte, hat er noch ein ganz tolles Argument gegen aufkommende Zweifel - die "allgemeine Lebenserfahrung".

Wessen Lebenserfahrung das genau sein soll, erfährt man zwar selten, aber so oft man diesen Begriff hört und liest, muss es sie wohl geben. Der Klassiker "Alle Türken lügen vor Gericht" wurde allerdings vom OLG Karlsruhe bereits 1979 als Erfahrungssatz ebenso kassiert, wie vom OLG Köln 1975 die allgemeine Lebenserfahrung, wonach Polizisten niemandem in Gegenwart von anderen an den Haaren ziehen. Solche an den Haaren herbeigezogenen "allgemeinen Lebenserfahrungen" wollten Richter tatsächlich erkannt haben.

An die "freie" Beweiswürdigung eines Gerichtes kommt man in der Revision nur dann ran, wenn sie logische Fehler, also Verstöße gegen Denkgesetze oder Zirkelschlüsse oder ähnliche Schnitzer - wie bei den "allgemeinen Lebenserfahrungen" - enthält. Das kommt dann doch seltener vor, aber es kommt vor.

Andere Beweismittel, die den Eindruck von naturwissenschaftlicher Präzision erwecken, sind leider auch nicht immer viel besser. Klar ist es ein Indiz, wenn an der Tatwaffe DNA-Spuren des Angeklagten gefunden wird, es ist aber kein Beweis für die Täterschaft. Eine Spur beweist immer nur eine Spur, nicht mehr. Wird am Tatort ein Haar des Angeklagten gefunden, dann bedeutet das nicht, dass der Angeklagte am Tatort war, sondern nur, dass ein Haar von ihm an den Tatort gelangt ist.

Das kann auch schon wochenlang da rum liegen oder vom Opfer dorthin getragen worden sein, unter dem Schuh zum Beispiel oder der wirkliche Täter hat es bewusst dort platziert um eine falsche Spur zu legen. Dass keine Spur einer anderen Person am Tatort gefunden wurde, bedeutet eben nicht, dass keine andere Person am Tatort war, sondern nur, dass keine andere Spur gefunden wurde, sei es weil keine Spur da war, sei es weil die Spurensicherung sie nicht gefunden hat, sei es, dass gar nicht gründlich gesucht wurde.

Ein Fingerabdruck an einem Messer sagt nichts darüber aus , wann er auf das Messer gekommen ist oder wo. Vielleicht hat der Verdächtige sich damit auch nur ein Stück Salami abgeschnitten bevor der Täter das Messer dann mit Handschuhen zum Mord benutzt hat. Spurenlesen konnte Winnetou, aber den gab es ja nicht wirklich. Manche Spur führt zur Verurteilung nur, weil dem Gericht die Phantasie für eine alternative Erklärung fehlt oder weil die alternative Erklärung der Verteidigung als "lebensfremd" - das ist der Bruder der "allgemeinen Lebenserfahrung" - verworfen wird.

Der Richter muss sich eine Überzeugung bilden, so oder so. Ich muss das nicht, ich muss nur zweifeln für den Angeklagten, nach Alternativen suchen, kreativ, nicht unbedingt im Dienste der "Wahrheit", aber im Dienste der Gerechtigkeit.

VAT Verlag André Thiele (http://www.vat-mainz.de/)
Carla Berling
Vom Kämpfen und vom Schreiben
Bericht, Mainz 2013
190 Seiten, gebunden inkl. eBook, 19.90 EUR
ISBN 978-3-940884-N.N.
Erscheint am 1.März 2013
http://www.carla-berling.de/?page_id=1115

Lesungen:

05.03.2013: GESCHER
19:30 Uhr
Lesung aus meinen Büchern
Veranstaltung der Gleichstellungsstelle der Stadt Gescher zum Weltfrauentag
Kutschenmuseum, Armlandstraße 48
48712 Gescher
Telefon: Museumsverwaltung 02542 7144
Eintrittskarten sind demnächst zum Preis von 7 Euro erhältlich bei folgenden Vorverkaufsstellen:
IHR Buchladen
Hauskampstr. 21
48712 Gescher
Tel.: 02542 – 917616
Stadtmarketing Gescher
Armlandstr.15
48712 Gescher
Tel.: 02542 – 98011

8.03.2013 Hannoversch Münden
“Temperamentvolle Gemeinheiten – Lesung aus meinen Büchern”
Veranstaltung der Gleichstellungsstelle zum Weltfrauentag
Veranstaltungsort: Sparkassen-Kommunikationszentrum
Kirchplatz 5
34346 Hann. Münden

8.04.2013 Köln
20:00 Uhr: Lesung aus “Vom Kämpfen und vom Schreiben” (Link zum Inhalt) und “Die Rattenfänger” Link zum Inhalt
Buchhandlung Ulrich Klinger Link zur Buchhandlung
Rochusstraße 93
50827 Köln
Eintritt: 8 €

12.04.2013 Barntrup
19:30 Uhr: Ostwestfälische Gemeinheiten
Veranstalter: Antiquariat “Die Bücher-Berg” und Heimatverein Barntrup
Ort: Stadtbücherei Barntrup
Eintritt: 5,00 Euro
Kartenvorverkauf:
Sparkasse Barntrup, Volksbank Barntrup
Infos unter:

19.04. 2013 WIPPERFÜRTH
Lesung: “Wechseljahre – temperamentvolle Gemeinheiten”
Veranstalter: Kath. Familienbildungsstätte
Ort: Haus der Familie
Klosterplatz 2
51668 Wipperfürth
Ansprechpartner: Susanne Schreiner, pädagogische Mitarbeiterin
Mail : SSchreiner@bildungsforum-gladbach.de

26.04.2013 AHRENSBURG
20:00 Uhr Lesung: “Wechseljahre – temperamentvolle Gemeinheiten”
Veranstalter: Gleichstellungsstelle der Stadt Ahrensburg
Manfred Samusch Straße 5
22926 Ahrensburg
Ansprechpartner: Frau Fricke

07.05. 2013 BAD LAASPHE
19:00 Uhr Lesung: “Wechseljahre – temperamentvolle Gemeinheiten”
Veranstalter: Gleichstellungsstelle der Stadt Bad Laasphe
Ort: Haus des Gastes
Wilhelmsplatz 3
57334 Bad Laasphe
Ansprechpartner: Frau Kunold, Tel. 02752 – 909-133

vom 10. Mai bis 7. Juni 2013 sind keine Termine frei

22.06.2013 Köln KD-Schiff
Lesung “Jesses Maria” auf einer Hochzeit – leider nicht öffentlich

19.10. 2013 Wilster
Lesung: “Wechseljahre – temperamentvolle Gemeinheiten”
Stadtbücherei Wilster
Ansprechpartner: Frau Karin Labendowicz
Rathausstr. 4
25554 Wilster

09.10.- 13.10. 2013 FRANKFURT -reserviert für Buchmesse

27.10.2013 reserviert für HUNSTIG

08.11.2013 KÖLN reserviert für Mayersche Buchhandlung

15.11.2013 reserviert für BLANKENHEIM

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