Reden ist silber, Schreiben ist gold

14.02.2013 Der Valentins Tag im 21. Jahrhundert

GFDK - Georg Wilhelm von Fürstenberg

Der Valentins Tag im 21. Jahrhundert - Ein wenig Historisches, ein wenig Nachdenkliches ....
Einer der wirklich schönen, nicht gesetzlichen Feiertage des Jahres. Ich persönlich mag diesen Tag sehr. Ganz klar ist natürlich auch, dass ich es nicht lassen kann, mehr zu schreiben. Diesen Tag nur zu würdigen, reicht mir nicht. Ich möchte meine Betrachtung auch kritisch reflektieren. Es gibt in unserer modernen Zeit, leider immer mehr Gründe, den Leser auch darauf hinzuweisen, dass er sich freiwillig und unbewusst, dem Diktat der Kommerzialisierung unterordnet. 

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte.

Historisch gibt es über den Valentins Tag so viel zu berichten, dass man sagen kann, der wirkliche Ursprung ist historisch eher unklar.

Der Valentinstag reicht wohl weiter als 2000 Jahre zurück und hatte mit den Liebenden noch wenig zu tun. Allein drei Heilige der katholischen Kirche sind potentielle Namensgeber. Vermutungen zum Ursprung des Valentinstages sind sehr populär.

Der Tag diente dem Gedenken der Bestattung der Heiligen Valentine, um 270 n. Ch. Mitte Februar, ist eine Spekulation. Eine andere Vermutung geht davon aus, dass der Valentinstag der Christianisierung des heidnischen Festes Lupercalia bezweckte, dass um den 15. Februar gefeiert wurde.

Lupercalia war das Fest zu ehren des Faurun, der römische Gott des Ackerbaus. Es wurde mit diesen Fest auch den Gründer Roms, Romulus und Remus gehuldigt. Die Feier war ein Fruchtbarkeitsfest. Der Legende nach wurden in einer späteren Zeitperiode, die Namen junger Frauen in einer Urne gesammelt und die Junggesellen der Stadt, durften einen Namen aus der Urne ziehen, um sich ein Jahr lang mit der jungen Frau zu vergnügen. Ziel war die Eheanbahnung. Eine schöne Vorstellung, wie ich finde.

Gesichert ist, dass Papst Gelasius den 14. Februar am Ende des 5. Jahrhunderts zum Valentinstag erklärte. Bis zum Tag der Liebenden, verging noch viel Zeit.

Im mittelalterlichen England und Frankreich glaubte man, der 14. Februar datierte den Beginn der Paarungszeit der Vögel. Einer unmittelbaren Verbindung mit der Romantik der Liebe, stand somit nichts mehr im Wege.

Das Fest erfreute im 14. Jahrhundert bereits die Damenwelt. Besonders der Liebhaber und der Angetraute machten ihrer Herz Damen, ihre Aufwartung. Oft in Form kleiner schriftlicher Aufmerksamkeiten. Beliebt waren Liebesbriefe und Gedichte.

Erhalten ist ein Gedicht aus dem Jahre 1415, des Charles Herzog von Orleon an seine Frau. Charles war zu diesen Zeitpunkt im Tower of London, als Kriegsgefangener der britischen Krone inhaftiert war.

Eine umfangreiche Handschriften Sammlung dazu, ist in der British Library in London erhalten.

Ab dem 17. Jahrhundert erfreute sich der Valentinstag bereits im gesamten angelsächsischen Sprachraum und Kolonien größter Beliebtheit. Die heute bekannte Tradition der Valentins Grußkarten wurde mit dem Aufkommen von Massendruck Sachen im 19. Jahrundert populär. Bis heute werden geschätzte 1 Mrd. Grußkarten zum Valentinstag versandt. Ohne dabei, die im Internet generierten Grüße zu berücksichtige, die vermutlich nicht weniger zahlreich sind.

Somit wird diesen Tag der Liebenden offensichtlich eine große Wertschätzung, durch den Menschen geschenkt. Wen wundert das, es geht um die Liebe.

Ein Herz für Commerz?

In unserer heutigen, hektischen Zeit, hat sich unser Repertoire von dargereichter Wertschätzung unter den Liebenden, nochmals erweitert. Heute werden nicht nur Blumen und Süßwaren an den Liebsten oder die Liebste verschenkt. Auch hochwertigeres Konsumgut findet den Weg zum Herzen.

Eine Notwendigkeit, die wenigstens, die Werbeindustrie zu erkennen scheint. Langsam wird auch Tag der Liebenden, von dem Gedanken befreit, die Wertschätzung für den Partner mit kleinen Aufmerksamkeiten zu zeige.

Wobei ich mir gestatte, zu fragen, wo der Sinn darin liegt, sich immer mehr freiwillig den Gesetzen des Kommerzes zu unterwerfen. Ist es wirklich nur der irrwitzige Werbekrieg, der gegen den Bürger geführt wird? Oder ist es das oberflächliche Weltbild, - VIEL hilft VIEL -, als Ausdruck des Unterbewussten für ein schlechtes Gewissen gegenüber, dem in der Regel vernachlässigten Partner?

Ich beantworte diese Fragestellung, aus meiner Sicht.

Sicher sind die beiden, vorgenannten Gründen gewichtig, doch auch viele andere Gründe spielen eine Rolle. Diese will ich aber unberücksichtigt lassen. Der vordergründige Kommerz sorgt in der Hauptsache für das Gefühl der Generierung von Bedürfnissen und Verpflichtungen. Doch spielen auch Schuldkomplexe eine Rolle. Die uns, unter den schon, als teils neurotischen Zwang setzen, Versäumnisse in der Partnerschaft mit Konsumgeschenken wieder gut zu machen.

Allerdings sehe ich keinen Grund sich freizukaufen. Ist es nicht so, das wir Alle versuchen müssen, einen Tag, der den Liebenden gewidmet ist, auch die geistige Würdigung zu geben? Ohne uns mit den in Modetrend liegenden Firlefanz indirekt zu entschuldigen.

Der Tag der Liebenden.

Der Valentinstag, der Tag der Romantik und der Liebe. Wir sollten an diesen Tag, Zeit für unseren Partner finden. Diesen besonderen Tag mit einer kleinen Aufmerksamkeit am frühen Morgen beginnen und mit ein paar schönen Stunden am Abend beenden. Ein schönes Essen, ein Kino oder ein Theaterbesuch, die Dinge im Leben, die oft zu kurz kommen. Sich mehr Zeit für Zweisamkeit nehmen. Einmal Zeit finden, besonders schöne Blumen für die Partnerin auszusuchen. Es zählt der Gedanke der Zweisamkeit.

Haben das so viele Menschen schon vergessen? Was Liebende sich wirklich schulden, Aufmerksamkeit und Zeit füreinander.

Wir sind oberflächlich geworden und verlieren dadurch zu viel.

Wir Alle machen es uns oft so einfach. Lieblos ausgesuchte Geschenke, ein „Ich liebe Dich“ und dann wird zur Tagesordnung übergegangen. Ich empfinde, das zu viel vom Zauber der Romantik verloren geht. Geschuldet der oberflächlichen Gedankenlosigkeit vieler Menschen.

Menschen die zu gerne der Werbeindustrie zuhören, die Lösungen in Form von Konsumgütern anbietet, als sich selber zu bemühen.

Doch Ausreden zählen nicht, wer Wertschätzung für seinen Partner hat, der wird auch an diesen Tag einen Weg finden, etwas Zeit zu opfern. Dem wertvollsten Gut unserer modernen Zeitrechnung. Das ist doch der Sinn dieses Tages, die Pflege der Partnerschaft.

Ich wünsche Euch Allen einen wunderschönen Valentinstag und macht etwas daraus.

PS. Mein etwas boshaftes Foto soll euch nicht den Valentinstag vermiesen, es soll euch nur errinnern, dass dieser Tag nicht vom banalen, alltäglichen Dingen verdorben werden sollte.

mehr

12.02.2013 Chance auf fünf Minuten Ruhm

GFDK - Michael Hesemann

Die Stimmungsmache gegen engagierte Katholiken im deutschen Fernsehen hat mit der gestrigen Günther Jauch-Talkshow einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nicht einmal vor einem öffentlich inszenierten Brudermord wird zurückgeschreckt. Ein Kommentar von Michael Hesemann

Das manchmal nicht ganz unproblematische Verhältnis zwischen Brüdern hat viele große Werke der Weltliteratur inspiriert. Doch der Klassiker ist und bleibt die Bibel, genauer gesagt: Die Geschichte von Kain und Abel im Buche Genesis. Sie spielt in grauer Vorzeit, zwischen der Vertreibung aus dem Paradies und der Sintflut, ja sie handelt vom ersten Brüderpaar überhaupt, den Söhnen Adams und Evas. Es ist eine häßliche Geschichte, denn es geht um Neid und Mißgunst, tief aus der Jauchegrube der menschlichen Seele.

Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer, einer also, der sich täglich abmühen muss, der im Schweiße seines Angesichts erntet, während Abel scheinbar alles so zufiel. Als beide opferten, fand Abels Opfer den Zuspruch Gottes, während Kain sich zurückgewiesen fühlte. Die Eifersucht zernagte seine Seele, bis er das Urverbrechen schlechthin beging: Er erschlug seinen Bruder Abel.


Seit dieser Zeit gab es immer wieder Bruderzwiste. Jakob erschlich sich den Segen, der seinem Bruder Esau zustand. Josephs Brüder waren eifersüchtig auf ihn und verkauften ihn in die Sklaverei nach Ägypten. Doch der Brudermord des Kain überschattete sie alle. Er haftete als Urmotiv im kollektiven Gedächtnis der Völker. Im Gründungsmythos Roms erschlug Romulus den Remus, in der ägyptischen Mythologie war es Seth, der seinen Bruder Osiris tötete und zerstückelte, um dessen Auferstehung zu verhindern. Geschichten, die auch als Mahnung galten.

Denn dem Schreckensbild des Brudermordes stand ein Ideal entgegen, das der Philadelphia, der brüderlichen Liebe – es war auch das Grundprinzip der christlichen Urgemeinde. „Bleibet fest in der brüderlichen Liebe“ mahnte etwa der Hebräerbrief (13, 1). Das aber heißt: Es gibt kaum einen teuflischeren Zustand als Bruderhass, das exakte Gegenteil der gottgewollten Bruderliebe. So war dieser, bis gestern noch, eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft.

So etwas gehört sich nicht

Man mochte noch so sehr dem telegenen Voyeurismus frönen, mochte Fernsehluder und krawallaffine Starlets im RTL-Dschungel aufeinander loslassen, Familienstreits in semifiktiven Reality-Soaps inszenieren, ja genüsslich Rosenkriege ausschlachten – doch vor dem öffentlichen Brudermord hat uns bislang noch der Anstand bewahrt. Selbst als ihnen zweifache Millionenbörsen für einen öffentlichen Boxkampf angeboten wurden, sagten die ukrainischen Prachtburschen unter den Brüderpaaren, Vitali und Vladimir Klitschko, ab: So etwas gehört sich nicht. Und wir lieben sie dafür.

Einen aufrechten Christen zu desavouieren

Doch wenn schon im Krieg und in der Liebe alles erlaubt sein soll, wie das Credo unserer werterelativistischen Zeit lautet, dann gilt dies umso mehr im Kampf mit dem ideologischen Gegner. Nur so ist zu erklären, dass dieses letzte Tabu am Sonntag abend fiel. Immerhin ging es darum, einen aufrechten Christen zu desavouieren. Den Buhmann der Nation. Jenen K-TV Chefredakteur Martin Lohmann, der es gewagt hatte, auf unverschämt ruhige, ja freundliche Art die Lehrmeinung der Kirche zu vertreten: Töten ist Sünde, eine Pille, die abtreiben könnte, daher höchst problematisch. Die Freiheit der Frau ist nur dann unbegrenzt, wenn sie nicht das Lebensrecht eines Kindes verneint.

Chance auf fünf Minuten Ruhm

Dieser Martin Lohmann hat einen Bruder. Einen, den es, nach diversen Brüchen im eigenen Lebenslauf, nach Hamburg verschlug, wo er, nach einer gescheiterten Ehe und mit neuer Partnerin, von seinem freundlichen Pfarrer die Leitung des Gemeindekindergartens anvertraut bekam. Man merkte ihm an, dass es in ihm brodelte. Die Worte kamen nur stockend heraus, er wirkte blass und unbeholfen in seinem viel zu engem Anzug, in dem er sich offenbar höchst unwohl fühlte. Er ist das Gegenteil von seinem großen Bruder Martin, der, stets in feinem Zwirn, vor Souveränität und Eloquenz nur so trotzt. Aber Klaus Lohmann saß nicht zufällig an diesem 10. Februar im Berliner Gasometer.

Der bessere Lohmann

Nein, er nutzte seine Chance. Eigens an Günther Jauch geschrieben hatte er, als er letzte Woche seinen Bruder in der Talkshow sah, um sich öffentlich von ihm zu distanzieren. Da witterte er wohl schon seine Chance auf fünf Minuten Ruhm. Hatte Faust mit Mephisto noch um einen ziemlich hohen Preis geschachert, bekam der Teufel diese Seele fast zum Nulltarif. Er brauchte nur vor der feixenden und johlenden Meute seinen Bruder zu demontieren. Auch wenn er nichts grundlegend anderes sagte. Nur eben, dass er der bessere Lohmann sei.

Auch wenn es schäbiger kaum ging

Und Günther Jauch, der um der Quote willen jede Woche seine Seele neu verkauft, lächelte zufrieden. Er hatte sein Spektakel, seine Sensation, die Schlagzeile von morgen, auch wenn es schäbiger kaum ging. Die Familie Lohmann ist halt kein Stück besser als andere deutsche Familien auch – auch sie hat ihr schwarzes Schaf. Das lenkte zumindest kurzfristig einmal von der eigentlichen Botschaft des unbequemen Katholiken ab.

Schauprozesse totalitärer Regime

Man fühlte sich an die Schauprozesse totalitärer Regime erinnert oder dachte spontan an das Jesus-Wort von der Aufforderung zum furchtlosen Bekenntnis: „Brüder werden einander dem Tod ausliefern … und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 10, 21-22) Das, was am Sonntagabend über deutsche Bildschirme flimmerte, war jedenfalls eine Fernhinrichtung auf anti-katholisch. Ein televisionär inszenierter Brudermord. Kain und Abel 2.0, verfolgt aus der ersten Reihe, jetzt vor einem Acht-Millionen-Publikum.

Dagegen sind Schlammkämpfe ästhetisch. Eine Talkshow ist zur Jauchegrube der Nation verkommen, in der ein Bruder zum Gejohle und Gegröle der Menge die öffentliche Hinrichtung des anderen vollzog, dessen große Schuld es ist, ein aufrechter Christ zu sein. Doch die eigentliche Schande war, dass ihn keiner davon zurückhielt. Gut, vielleicht ist es zu viel verlangt, von Deutschlands meistüberschätztem Moderator Respekt vor der Gürtellinie oder gar guten Stil zu erwarten. Doch es war auch kein Bischof bereit, dieser Christenhatz im Zirkus Jauchus Einhalt zu gebieten.

Dabei hätte er dazu nur das Buch Genesis zitieren brauchen: „Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zum Himmel!“ (Gen 4,10)

Der neue Kulturkampf in deutschen Landen hat jedenfalls an diesem 10. Februar 2013 eine neue Dimension erreicht. Die letzten Tabus sind gefallen. Jetzt wird ganz offen zur Jagd geblasen. Political Uncorrectness wird nicht nur in Anwesenheit des Täters mit Spott und Häme bestraft. Von nun an finden die Schauprozesse auch in absentiam statt. Und bei der Wahl der Waffen ist man nicht mehr zimperlich.

Michael Hesemann (*22. März 1964 in Düsseldorf) ist ein international tätiger Historiker, Autor, Verleger, Dokumentarfilmer und Fachjournalist, u.a. für kirchenhistorische Themen.

Hesemann lebt und arbeitet in Düsseldorf und Rom.

www.kathpedia.com/index.php

mehr

08.02.2013 Echte Abstinenz erfordert mehr als Verzicht auf Alkohol

GFDK - Christopher Lesko

Als Jenny Elvers-Elbertzhagen, 40, im Herbst 2012 für sechs Wochen in eine Klinik zur Kurzzeittherapie mit körperlicher Entgiftung ging, wünschte jeder ihr Glück. Dieser Wunsch ist ebenso ehrenwert wie untauglich: Glück ist kein effektives Mittel zur Neugestaltung eines Lebens Abhängiger. Ihre laute Rückkehr in die Medien scheint – bei aller prognostischen Vorsicht – kein gutes Zeichen: Niemand kann neue Ziele mit gewohnten Mitteln und auf alten Gleisen erreichen. Auch Jenny nicht.

Alkohol ist ein Nervengift.

Grob vereinfacht gesagt, kompensieren Suchtmittelabhängige durch Alkohol, Medikamente, Drogen oder gar Spielsucht für sich subjektiv innerlich Unerträgliches. Alkoholiker etwa trinken, um die Wahrnehmung ihrer Welt angenehmer, spannungsfreier, leichter zu machen. Subjektiv verschwinden scheinbar ihre Ängste, sie spüren die eigene Unfähigkeit wirklicher Kontaktgestaltung zu anderen nicht mehr, fühlen sich mutiger, lebendiger, handlungsfähiger.

Sie machen irgendwann in ihrem Leben die Erfahrung: Alkohol hilft. Medikamente helfen. Drogen helfen. Sie helfen dabei, tief drinnen nicht mehr spüren zu müssen, was an sich selbst  als Ergebnis der eigenen Geschichte sie einengt, ängstigt und behindert. Suchtmittelabhängige werden scheinbar durch den Einsatz von Alkohol und Co. für Stunden zu einem andereren Menschen.

Irgendwann und lange unbemerkt wird diese innere Kopplung fatal, und es kommt zu einem fürchterlichen Reflex: Jeder Anflug von Angst, jeder zarte Beginn des sich innerlich Klein-Fühlens, jeder Form zu bewältigenden, emotionalen Stresses, jeder Anflug von Einsamkeit, jede Bedrohung, nicht wahrgenommen, anerkannt, oder gemocht zu werden, jede Sorge um eigene Defizite oder mangelnde Leistungsfähigkeit, so der trügerische Reflex, wird scheinbar leichter und verschwindet, wenn Alkohol oder Medikamente genutzt werden.

Suchtmittel übernehmen also – subjektiv betrachtet – Funktionen, die bei gesunden Erwachsenen aus Entwicklung und Erfahrung geboren werden: Wir lernen durch Erfolge und Niederlagen eine zunehmend realistischere Selbsteinschätzung. Wir überwinden Täler, Hoffnungslosigkeit und unsere Furcht. Wir stehen auf, nachdem wir gefallen sind, wir halten Trennungen aus, ertragen öde Strecken ohne Perspektive, gestalten Beziehungen.

Wir lernen immer wieder neu damit umzugehen, dass unsere Welten aus mindestens zwei Seiten einer Münze gebaut sind: einer sichtbaren, angenehmen, schönen, hellen und lebenswerten. Und einer dunkleren, der wir ebenso ungerne begegnen, wie wir sie vermeiden können. Wir lernen im Laufe unseres Lebens immer wieder neu, die ganze Münze zu greifen.

Übernehmen Alkohol, Medikamente oder Drogen – scheinbar – wesentliche Teile dieses erforderlichen Reifungsprozesses und gewinnen eine wesentliche Bedeutung dabei, uns all dies scheinbar leichter zu machen oder uns es gar subjektiv zu ersparen, ist – lange vor der körperlichen Abhängigkeit – die psychische Abhängigkeit eingetreten. Auch bei Jenny Elvers-Elbertzhagen. Irgendwann hing auch sie wie ein Fisch an der Angel eben dieses Reflexes: Alkohol hilft. Wie Atempause und Ausatmen dem Einatmen folgen, folgt der Griff zum Glas oder zu Medikamenten aufkeimender, innerer Angst, befürchteter Spannung oder Belastung. Dieser Reflex bereits ist der Anfang vom Ende. Und er hat eine unglaubliche Kraft.

Der psychischen Abhängigkeit folgt irgendwann zwangsläufig die körperliche. Unterschiedliche, auch sehr ernste und lebensbedrohliche Entzugssymptome treten auf, wenn dem – inzwischen körperlich auf ein gewisses Quantum an Stoffen eingeschwungenen – System Nahrung und Boden entzogen werden.

In beiden Dimensionen psychischer und physischer Abhängigkeit hat längst die Sucht die Steuerung übernommen. Der Rest gleicht dem Gefangen-Sein eines Kleinwagens im Stau einer Einbahnstraße: Abhängigkeitserkrankungen verlaufen manchmal über lange Jahre in einem individuell unterschiedlichen Tempo, aber sie kennen stets nur eine Richtung. Nach unten. Ganz nach unten. Bis alles zerstört ist und der Boden erreicht ist.

Die Umwelt merkt davon in der Regel über lange Zeit wenig. Alkohol ist sozial und kulturell akzeptiert, gilt für viele als Genussmittel und Geselligkeits-Tool. So irritiert heute eher jener, der in gesellschaftlichen Kontexten keinen Alkohol  trinkt. Die Welt der Medien ist darüber hinaus ein Mekka der Polytoxikomanie, also der Nutzung von Alkohol in Verbindung mit Medikamenten oder Drogen wie Kokain. Häufiger als bei Männern gestalten sich gerade die Abhängigkeitserkrankungen von Frauen in der Kombinationswelt gleichzeitig mehrerer Suchtmittel.

Verzerrung der Realität

In der Regel merken Abhängige selbst zunächst ihre Erkrankung. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt und annähernd zeitgleich halten sie diesen Impuls weit weg aus Ihrer Wahrnehmung. Sie bagatellisieren und rationalisieren: In erstaunlicher Kreativität finden sie im Dialog mit sich und anderen ungezählte Begründungen dafür, dass alles entweder nicht so schlimm sei, oder durch Umwelteinflüsse verursachte Anlässe ihr Trinken rechtfertigten.

So beginnt ein langer Weg der Verbiegung von Wahrheit, der Verzerrung von Wirklichkeit. Auf diesem Weg konstruieren Abhängige immer wieder neu Situationen, in denen sie sich unverstanden oder gar zu Unrecht beschuldigt fühlen. Sie konstruieren wieder und wieder aktiv Erlebnisse, in denen Stress, Belastung durch Umweltbedingungen ihr Weitertrinken rechtfertigen. Statt die Verantwortung für Lage und Situation zu übernehmen, wird die Situation verantwortlich gemacht.

Diese Verbiegung und Verzerrung von Wirklichkeit ist einerseits die massive Abwehr von Wahrheit, und sie dient auf der anderen Seite ausschließlich einem Ziel: Weitertrinken zu können. Weiter Medikamente nehmen zu können. Die Kontrolle über den freien Willen zur Entscheidung hat lange schon die Erkrankung.

Partner

Wesen und Effekt von Abhängigkeitserkrankungen haben im Kern eine dauerhafte, tief zerstörerische Dynamik, der sich alles unterordnet. Alles. Sie zerstören zwangsläufig Körper, Seelen und beschädigen jede Form sozialer Bindung und Beziehung.

In das kreative Netz von Lüge und Rationalisierung werden Ehepartner, Eltern und nahe Freunde eingebunden. Da auch sie aus Selbstschutz einen natürlichen Widerstand dagegen haben, sich Katastrophe und Ernst der Lage einzugestehen, glauben sie lange konstruierten  und Begründungen und Versprechungen. Auch, weil es leichter ist: Sie lernen, Wahrheiten zu übergehen, die sie tief im Kern eigentlich spüren. Sie beginnen, wie der Abhängige selbst, mitzufühlen, wie schwer doch die Welt für den Partner sei, lernen wegzuschauen und auszuweichen.

Sie werden co-abhängig.  Sie wollen vielleicht verstehen und helfen, und sie spüren nicht, dass sie lange schon Teil eines Systems der Stabilisierung von Sucht sind. So mag auch Götz Elbertzhagen unbemerkt über einen längeren Zeitraum neben Jenny im Kleinwagen gesessen haben. Jahre als Beifahrer in der Einbahnstraße.  Er konnte kaum verstanden haben, was in der Tat auch schwer zu verstehen ist: Alkoholikern oder Medikamentenabhängigen in einer klassischen Art und Weise Verständnis für ihre schwere Situation entgegen zu bringen, ist keine Hilfe. Im Gegenteil: Es stabilisiert sie sozial und schafft ihnen Sicherheit, um weitertrinken zu können. Diese Form von Zuwendung verlängert das Leid.

Der Verzicht auf Wahrheit mit allen möglichen Konsequenzen, bis hin zur Trennung, wenn nichts geändert wird ist letztlich unterlassene Hilfeleistung und hilft Abhängigen dabei, weiter zu trinken.

Therapie und neue Wege

Menschen sind viel zäher, als uns allen lieb sein mag. Sehr viel zäher. Wir ertragen wieder und wieder unglaubliche Mengen an immer neuem Leid. So ist die Frage, wann Abhängigkeitskranke so weit am Boden sind, dass mit den richtigen Schritten und der nötigen Konsequenz Umkehr und Veränderung erfolgreich sein können, sehr schwer zu beantworten. Viele müssen sich durch eine lange Strecke von Rückfällen baggern, bevor sie wirklich verstanden haben. Jene Strecken sehen zwischenzeitlich immer wieder Phasen guter Vorsätze und Zeiten der Trockenheit, die häufig schöngeredete Trinkpausen darstellen. Mehr nicht.

Nach einer körperlichen Entgiftung widmen sich – in Qualität, Tiefgang und Dauer sehr unterschiedlicher – Therapien Kernelementen eines neuen Weges:

Man vermittelt ein Verständnis inner Reflexe des Einsatzes von Suchtmitteln. Man arbeitet auf unterschiedlichem Niveau an einem inneren Zugang zu prinzipiellen, innerseelischen Ursachen der Abhängigkeitserkrankung. Man sensibilisiert Patienten für das immense Bündel eigener innerer Fallstricke und Selbstbetrugs-Konstrukte desjenigen, der “in ihnen“ weiter trinken möchte. Man beginnt damit, die enorme Kraft alter eingeschwungene Routinen und Kontakte durch Angebote des neuen Weges Schritt für Schritt zu ersetzen. Selbsthilfegruppen trockener Alkoholiker, die sich mit ähnlichen Fragen auseinandersetzen etwa ersetzen alte Saufkumpels und stützen den langsamen Bau eines neuen Umfeldes.

All dies ist ein langer und zerbrechlicher Weg in ein neues Leben, bevor es tragen kann. Neben vielem anderen setzt dieser Weg eines voraus: die immer neue Bereitschaft zur absoluten Konsequenz der Abkehr von gewohnten Routinen.

Niemand kann ein bisschen schwanger sein. Und niemand, der Alkohol eine Absage erteilen will, kann beispielsweise Medikamente nehmen, die seine Welt subjektiv leichter machen. Dies gilt in den ersten Jahren selbst für Kopfschmerztabletten, und es gibt nicht wenige Therapie-Kliniken, die ihre Patenten alleine deshalb während einer Therapie rauswerfen, weil sie eine Vitamintablette genommen haben. Zu stark, zu tödlich ist dieser gelernte Reflex: Wenn ich etwas nehme, hilft es mir. Wer hier die Tür auch nur einen kleinen Spalt öffnet, sitzt längst im Kleinwagen und steuert Einbahnstraßen an. Ganz ernst. Ähnliches gilt für das früher gewohnte Umfeld.

Jenny und die Medien

Jenny Elvers-Elbertzhagen ist eine erwachsene Frau mit Verantwortung: Zunächst und in aller erster Linie für sich selbst. Dann als Mutter für Ihr Kind, als Partnerin ihres Mannes im Rahmen ihrer Ehe. Und zuletzt in ihren Beziehungen zu Freunden, Beruf, Medien und Fans. In dieser und keiner anderen Reihenfolge.

Man muss also tun, was Jenny lange nicht mit sich selbst – und denen, die ihr nahe waren – hat tun können: Man muss sie wie eine Erwachsene behandeln und ihr Handeln auch so kommentieren.

Sicher gibt es eine ganze Reihe realer, erfundener, phantasierter oder auch platt gelogener Gründe für ihre aktuellen medialen Auftritte und Interviews: Kohle, Aufmerksamkeit, Verträge, was auch immer. Keiner der Gründe taugt in Einbahnstraßen. Nicht, wenn man die nötige Konsequenz der Bereitschaft zu neuen Wegen unterstellen will.

Sich mit Frauke Ludowig und einer Batterie von Schnaps- und Weinflaschen im Hintergrund in eine Kneipe oder Hotelbar zu begeben, um mitten in der alten, sozialen Kultur der eigenen Suchterkrankung ein Interview zu geben, ist eine echte Katastrophe. Sie zeigt, wie tragisch wenig wirklich verstanden ist.

Photo-Shootings, Interviews und TV-Auftritte bedeuten für Jenny exakt dasselbe, als würde ein Alkoholiker, der an Würstchenbuden mit Saufkumpels getrunken hat, nach der Therapie auf einen Kaffee an dieselbe Würstchenbude zurückkehren und sich dabei einreden, eine Wurst wäre doch irgendwie ganz schön, wenn man Hunger hat.

Würde ein Fixer, der an Bahnhöfen Heroin gedrückt hat, seine Freizeit an eben jenen Bahnhöfen mit dem Argument verbringen, er wolle Fahrpläne studieren, kaum jemand glaubte es. Das abenteuerliche Argument, die “Offenheit von Jenny mache anderen Mut“ ist nicht nur inhaltlich paradox: Eine erfolgreiche Frau, eine Medienfigur mit Mann, Kohle und öffentlicher Bedeutung hat noch nie jenen Mut gemacht, die in ernsten sozialen Verhältnissen unterhalb des Existenzminimums vereinsamt ihre Tage wegsaufen. Diese Bilder schaffen eher Distanz als Nähe, weil im Leben von Jenny so vieles so anders ist als in Ein-Zimmer-Wohnungen, Dorfkneipen oder Obdachlosen-Asylen. Der Reflex ist eher ein Gegenteiliger: Jeder Standardalkoholiker mag denken, Frau Elvers habe es besonders leicht, und unter Bedingungen wie diesen könne selbst er locker aufhören zu trinken.

Schlimmer noch: Diese in die eigene Tasche gelogene Argumentation ist letztlich die Fortsetzung alter und gewohnter Realitätsverzerrung mit nun neuen Mitteln.

Die Wahrheit ist: Jenny Elvers-Elbertzhagen ist nicht trocken. Sie trinkt nur gerade nicht. Dies allerdings ist etwas ganz anderes. Wirkliche Abstinenz ist weit mehr, als vielleicht kurzfristiger Verzicht auf Alkohol und Drogen. Sie ist konsequente Umkehr und Veränderung des gesamten, gewohnten Systems. Bleibt es, wie es aktuell scheint, kann das nicht halten. Niemals.

Dies alles ist nicht traurig, und vielleicht sollten öffentliche Kommentatoren schnell damit beginnen, Schleim, Mitleid und plakatierte Sorge ins Regal zu stellen. Sie nämlich helfen nicht.

Bewegt sich Jenny Elvers-Elbertzhagen nicht in allen wichtigen Fragen konsequent auf einen anderen Weg, ist dies nicht, wie gerne kommentiert, traurig. Es ist bodenlos dumm, unehrlich, ignorant und aggressiv sich selbst und anderen gegenüber.

Jenny Elvers-Elbertzhagen hat kein schweres Schicksal. Sie hat als erwachsener Mensch die Freiheit sich zu entscheiden. Im Rahmen dieser Entscheidung ist es schwer genug, sich gegen Alkohol und alte Wege zu entscheiden. Über das “Wogegen“ hinaus: Noch schwerer wird irgendwann die Frage wofür und ganz genau für wen es sich zu entscheiden gilt.

Die Antwort heißt: für Jenny Elvers-Elvertzhagen. Wer auch immer das sein mag. Sie muss es herausfinden. Und sie wird damit beginnen müssen, die Person, die ihr begegnen wird, wirklich zu mögen.

 

Der Autor hat über zehn Jahre in einer Berliner Fachklinik für Entwöhnungstherapie psychotherapeutisch mit Suchtkranken gearbeitet.

 

Mehr über den Christopher Lesko: www.leadership-academy.de

(c) meedia.de

mehr

06.02.2013 Die beiden Städte mit B

GFDK - Stefanie Tendler - 26 Bilder

Auf den ersten Blick verbinden die beiden Hauptstädte Deutschlands und Thailands lediglich ihr Anfangsbuchstaben und evtl. noch die geographische Situierung im jeweiligen Land.

Bereits das vierte Mal begegne ich der asiatischen Metropole. Abermals ist mein erster Berührungspunkt Bangkok- eine Millionenstadt mit B, gleich dem dicken B, das ich nun seit einem Jahr „zu Hause“ schimpfen darf.

Dieses Mal schaue ich noch etwas genauer, schärfe meine Sinne. Mit dem gereiften Blick einer Wiederkehrenden fallen mir Ähnlichkeiten auf, die mir so vorher nie wirklich bewusst waren.

Vernachlässigt man den Aspekt, dass Berlin im Zentrum Europas liegt und Bangkok ein Herzstück Südost-Asiens ist sowie die kulturellen oder gar ökonomischen Unterschiede, fühlt man sich vor allem im Backpacker- Viertel der Khao San-Road sehr an Stadtteile und Entwicklungen im heutigen Berlin erinnert.

Die Warschauerstr. In Friedrichshain oder die Oranienstr. In Kreuzberg sind im Laufe der letzten Jahre zu touristischen Ameisenstraßen mutiert, in den geschäftige Menschen aus aller Welt oft ihr erstes Erlebnis mit der deutschen Hauptstadt erfahren.

Mit der Khao San Road verhält es sich ähnlich.  Angezogen von dem lebhaften Treiben das hier nie zur Ruhe kommt und den moderaten Preisen für eine Unterkunft, zieht es viele Rucksacktouristen, die ihre erste Erfahrung mit Thailand und dem asiatischen Raum machen, in dieses chaotische Wirrwarr.

Denn in der Khao San Road gibt es alles was das Konsumentenherz begehrt- Bars, die mit Buckets locken, um den Durst zu befriedigen, Muscle Shirts mit den absurdesten Motiven, Massagen für die müden Füßchen, Pad-Thai für den kleinen Hunger oder frittierte Grashüpfer für die ganz Mutigen. Auch zur Ping Pong Show, einer Live-Sex Show, bei der Frauen akrobatische Kunststückchen mit ihrem Geschlechtsorgan vollführen, wird man an jeder Ecke mit laut schmatzenden Klacklauten eingeladen.

Der Vergleich dieses Treibens mit dem Gewusel Berlins mag für manch einen nicht nachvollziehbar sein, doch wer den Mauerpark an einem sonnig heißen Sonntag erlebt hat, kann vielleicht manchen Gesichtspunkt verstehen. Hier zieht es nahezu genauso viele Touristen aus aller Welt hin, die von Flohmarktartikeln, selbstdesignten Shirts, handgemachtem Schmuck, Merguez-Dürüm, bis hin zum eingeflogenen Khao-San-Shirt, jede Menge konsumieren können. Für die Unterhaltung ist auch gesorgt, denn statt Ping Pong Show findet im Mauerpark jeden zweiten Sonntag im Sommer Karaoke statt.

Beide Städte haben sich im Laufe der letzten Jahre zu Touristenmagneten entwickelt und einen massiven Aufschwung erlebt. Aus ökonomischer Sicht mag diese Entwicklung vielleicht positiv sein, allerdings erleiden die beiden Bs einen Identitätsverlust. Die Städte unterziehen sich einem Wandel, der auf monetärer Grundlage basiert. In Bangkok wird in den letzten Jahren ein Hochhaus nach dem anderen aus dem Boden gestampft und in Berlin verschwinden kulturelle Hochburgen wie z.B. das Tacheles, um neue gewinnbringendere und lukrativere Möglichkeiten für deren Nutzung zu schaffen.

Die Globalisierung und unser globales Wirtschaftssystem verändern den besonderen Charakter vieler individueller Orte schneller als wir es fassen und begreifen können. Geld, mit seinem weltweiten Ansehen setzt einen anderen Akzent, lässt die Menschen ihre Kultur vergessen und sich in das Korsett des Konsumgüterwahns zwängen.

Ein Lächeln in Bangkok ist heute nicht mehr umsonst erhältlich und in Berlin muss man krampfhaft an jedem kulturellen Erbe, jeder unter Denkmalschutz stehenden Bauruine festhalten, denn es könnte bereits der nächste Investor auf der Lauer liegen.

Beide Städte müssen um ihre städtische Seele bangen- um den Verlust von Individualität und Einmaligkeit.

Jedoch ist es notwendig diese mit aller Macht zu schützen und zu verteidigen, auf das Bangkok sein gütiges Lächeln zurück gewinnt und Berlin ein kultureller Abenteuerspielplatz bleibt.

Bangkok (wörtlich übersetzt: Dorf im Pflaumenhain, thail. offiziell Krung Thep Mahanakhon [kruŋtʰêːp máhǎː-nákʰon], Thai: กรุงเทพมหานคร ( anhören?/i), kurz Krung Thep, กรุงเทพฯ – meist übersetzt mit Stadt der Engel) ist seit 1782 die Hauptstadt des Königreichs Thailand und ein besonderes Verwaltungsgebiet. Es hat den Status einer Provinz (Changwat) und wird von einem Gouverneur regiert. Die Hauptstadt hat 8,249 Millionen Einwohner (Volkszählung 2010). Sie ist die mit Abstand größte Stadt des Landes. In der Bangkok Metropolitan Region (BMR), der größten Metropolregion in Thailand, leben insgesamt 14,566 Millionen Menschen (Volkszählung 2010).[1]

Die Stadt ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Thailands mit Universitäten, Hochschulen, Palästen und über 400 Wats (buddhistische Tempelanlagen und Klöster) sowie wichtigster Verkehrsknotenpunkt des Landes. Das Nationalmuseum in Bangkok ist das größte seiner Art in Südostasien. In Bangkok ist auch die Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik (UNESCAP) beheimatet.

Quelle Wikipedia

Berlin ( [bɛɐ̯ˈliːn]?/i) ist Hauptstadt und Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland. Als Stadtstaat ist Berlin ein eigenes Bundesland und bildet das Zentrum der Metropolregion Berlin/Brandenburg. Berlin ist mit 3,5 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste und mit rund 892 km² die flächengrößte Stadt Deutschlands und Mitteleuropas sowie nach Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Europäischen Union. Berlin ist in zwölf Bezirke unterteilt. Im Stadtgebiet befinden sich die Flüsse Spree und Havel, mehrere kleinere Fließgewässer sowie zahlreiche Seen.

Urkundlich erstmals 1237 erwähnt, war Berlin im Verlauf der Geschichte und in verschiedenen Staatsformen Hauptstadt Brandenburgs, Preußens und des Deutschen Reichs. Faktisch war der Ostteil der Stadt Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 ist Berlin gesamtdeutsche Hauptstadt mit Sitz des Bundespräsidenten seit 1994, des Deutschen Bundestags seit 1999 sowie des Bundesrats seit 2000.

Die Metropole Berlin gilt als Weltstadt der Kultur, Politik, Medien und Wissenschaften.[5][6] Sie ist ein wichtiger europäischer Verkehrsknotenpunkt und eine der meistbesuchten Städte des Kontinents. Institutionen wie die Universitäten, Forschungseinrichtungen und Museen genießen internationalen Ruf. In der Stadt leben Firmengründer, Kunstschaffende, Diplomaten und Einwanderer aus aller Welt.[7] Berlins Geschichte, Nachtleben, Architektur und vielfältige Lebensbedingungen sind weltbekannt.[8]

Quelle Wikipedia:

mehr

04.02.2013 eine Branche dreht sich um sich selbst

GFDK - Christopher Lesko

TV-Galas: das Ende der Berührbarkeit

Samstag strahlte das ZDF mit der Verleihung der Goldenen Kamera einen weiteren unterirdischen Meilenstein des Zerfalls der TV-Preisverleihungs-Galas aus. Die mehrstündige, zähe Mammut-Routine setzte die lange Kette öder Selbstdarstellungsveranstaltungen fort: Es gesellte sich zu Bambi-, Deutschen Comedy- und Deutschen Fernsehpreis - Verleihungen als Mitglied einer Liga altbackener Formate. Ihr scheinbares Ziel: die maximal mögliche Entfremdung von Zuschauern. Es wird Zeit für eine Revolution.

Fernsehen als Medium und Kanal sieht seinen zentralen Lebensnerv, sieht Daseinsberechtigung und Aufgabe im erfolgreichen Transport von Informationen und Emotionen.

TV-Macher verkaufen uns Träume und Identifikation. Sie produzieren Loser und Helden. Sie irritieren uns, lassen uns nachdenklich werden, laden uns auf mit Spannung oder begeistern uns. Als Zuschauer fiebern, leiden, streiten und lachen wir. Wir entspannen, genießen, fühlen Momente kindlich-verrückter Freude. Wir hängen gebannt vor den Schirmen, wenn uns Katastrophen elektrisieren und wir dabei sein wollen, wenn es wieder gut wird. Wir raten mit bei Günther Jauch, wünschen Kandidaten den Sieg, oder wir verfolgen Filme, Serien und Sitcoms.

Wir ärgern uns, wenn die Falschen gewinnen, und wir träumen uns Woche für Woche hinein in immer neue Filmrollen: Wir träumen Tellerwäscher zu Millionären. Wir wünschen endlosen Pechvöglen, sie mögen um Himmelswillen dieses - nur dieses eine Mal - gewinnen, den Mörder finden oder diese phantastische, wunderschöne, erotische Frau erreichen können. Wir leiden mit Kindern, denen Grausamkeiten geschehen. Wir wünschen Politikern in Talk-Shows Aufrichtigkeit. Wir hassen stumpfe Sprechblasen, und wir schreien unsere Fangesänge in TV-Mattscheiben, obwohl uns niemand hören kann im Stadion. Wir schlagen Klitschkos linken Jab, und unser rechter Fuß ist seltsam müde nach jedem Vettel-Rennen.

All dies tun wir, weil wir uns identifizieren: weil, was und wen wir hören und sehen zu einem kleinen Teil von uns selbst werden darf. Manchmal nur für Minuten oder Stunden. Wir tun dies, weil jeder von uns – zumindest ein wenig  –  diese Million will, dieser schönen Frau begegnen oder diesen Mörder in den Knast bringen will. Wir identifizieren uns, weil, was wir sehen und hören, Beziehung zu uns herstellt: Tag für Tag, Abend für Abend sind wir für kurze Zeit zuhause in den Welten auf der anderen Seite des Schirms.

All dies gelingt uns, weil Menschen ein Zuhause auch in Träumen brauchen. Und es gelingt auch deshalb, weil Fernseh-Macher eine gute Arbeit machen:

Sie bauen mit Formaten jene Häfen und Bahnhöfe, an denen wir als Zuschauer andocken:  mit Kreativität und Spannung, mit Herzblut, Leidenschaft und Liebe. Mit  lebendiger Erfahrung und immer wieder großer Professionalität.  Mehr noch: Sie sorgen dafür, dass der Bahnhof zu uns als Passagier und der Hafen zu uns als Schiff kommt. Nicht umgekehrt. Wir müssen nur noch einschalten. All dies beschreibt das Fernsehen. Und mit ihm zwischen Kopf und Herz  ein Bündel ernster - manchmal großer -  Leistungen.

Preisverfall

Die besten Ihrer Zunft, die besten Bahnhofs- und Hafenbauer also, werden jährlich im Rahmen einer ganzen Reihe unterschiedlicher Preisverleihungen für ihre herausragende Arbeit ausgezeichnet. Und genau an dieser Stelle beginnt eine unglaubliche Paradoxie:

Kaum ein Stück Fernsehen ist so öde, so starr, so zäh, verlogen und verkrampft, wie die jährliche Serie öffentlicher Ehrungen der besten Traumverkäufer, Hafen-  und Bahnhofsbauer. In Formaten ohne Format grüßen verkrampfte Murmeltiere im Smoking: Denn lange schon feiert eine Branche die Leistungen ihrer Lichtgestalten mit Galas, die wirken wie Tunnel am Ende des Lichts.

Es gibt eine ganze Reihe von Fragen, die unterhalb der Ebene offizieller Begründungen und Verlautbarungen zunächst alleine im Kontext der Preisvergabe selbst gestellt werden können: Etwa exemplarisch für viele, warum gerade Celine Dion 2012 ihren 3. Bambi gewonnen hat. Und warum genau war gerade Salma Hayek Bambi-Preisträgerin 2012?  Die offiziellen Jury - Begründungen hat man natürlich gehört. Sie klingen wie müde Etiketten, die ebenso für viele andere Künstler zuträfen.

Wer eigentlich setzt Jurys mit welchen Begründungen zusammen? Nach welchen Kriterien genau wird über die Preisvergabe entschieden? Vielen Jury-Urteilen aller TV-Preise fehlen Transparenz und präziser, nachvollziehbarer Fokus. All dies ist weit, weit weg für Zuschauer, und damit fehlt ein nicht unwesentlicher Pfeiler ihres Andock- Hafens. Vieles wirkt willkürlich beliebig, und: Beliebigkeit holt keine Quote. Die Baumeister von Identifikation haben hier keine Bindung geschaffen.

Die Gala

Man weiß es: Feierliche Smokings und Abendkleider sind selbstverständliche Elemente der Kleiderordnung feierlicher Anlässe. Soweit die eine Seite. Niemand käme wirklich auf die Idee, der Festgesellschaft lockere Kleidung anzuraten. Eine Banalität?

Die andere Seite des Fernsehschirmes jedoch sieht Zuschauergruppen vor TV-Screens, denen für sich selbst diese Bekleidung eher fremd ist. Nun ist eine TV-Preisverleihung keine englische Königshochzeit und Zuschauer-Fremdheit stets ein Bindungsrisiko: Nur wenige Zuschauer dürften samstags mit Bier und Chips in Bitterfelder Einraum-Wohnungen in Smoking und Abendgarderobe auf ihrer Couch die Goldene Kamera verfolgt haben. Ein scheinbar  unwesentlicher, kalkulierter Bruch.

Will man Zuschauer erreichen, gilt es stets, vorab tragfähige Antworten auf jede Form möglicher Brüche zu finden. Und  in der Tat ist Bekleidung hier nur deshalb erwähnt, weil dieser Bruch Teil einer ganzen Reihe von ernsten Brüchen ist. Dass Zuschauer die Feiern ihrer Helden nicht mehr sehen wollen, hätte lange schon die Veranstalter der TV -Preisverleihungen viel ernster sorgen müssen.

Obwohl im Gesamtgebinde der TV - Preise als Macher, Preisträger oder Laudator angeblich die absolute Branchenspitze am Werk ist, gelangen wesentliche Veränderungen nicht. Das System genügt lange schon sich selbst. Kein Zuschauer verzeiht, wenn er unwichtig wird. Die Liste paradoxer Brüche ist lang:

Bei aller Wertschätzung für ihre Lebensleistung und bei allem Verständnis dafür, dass Verleger, Stifter von Preisen und ihre Repräsentanten eine wesentliche Rolle in den Preisverleihungen spielen wollen und müssen: Dass annähernd jeder mehr oder weniger nachvollziehbar Preisbeworfene sich ausführlich wieder und wieder bei Friede Springer, Hubert Burda, Matthias Döpfner und Co bedankt, wirkt selbstverständlich höflich. Es wirkt jedoch auch unglaubwürdig und scheint manches Mal wie ein lebensferner, emotionslos gelernter Kniefall.

Ein redundanter, aber leise spürbarer Bruch, der unter der Oberfläche gesprochener Dankesworte in seiner Wirkung mehr schadet als hilft. Fünf bis zehn gelernte Verleger-Danksagungen pro Abend schaden nur dann nicht, wenn sie mit aufrichtiger Lebendigkeit glaubwürdig transportiert werden. Dies, so scheint es, ist nicht die Regel sondern eher die Ausnahme.

Ein weiterer Bruch: Wer um Gotteswillen Laudatoren auswählt, wer auch immer ihnen abgehobene, humorlose Grabreden-Laudatios schreibt, bleibt ein weiteres Rätsel: Reden, manchmal  blutleer und ohne eben jene zentrale Kraft vermittelt, die nur in der Beziehung wohnen kann. Laudatoren, die ohnehin schon große Künstler zusätzlich aufblasen und sich selbst dabei unbemerkt ein wenig zu klein machen. Reden, denen anzumerken ist, wie fremd sie jenen sind, die sie zu halten haben.

Bis auf sehr wenige Ausnahmen ist dieser Standard-Programmpunkt aller Preis-Galas schlecht gelöst, und er wird darüber hinaus auch häufig künstlich präsentiert: Jahresbeste Traumverkäufer der Branche, die dafür geehrt werden, in besonderer Art und Weise emotionale Bindung zu Zuschauern hergestellt zu haben, hätten allemal  häufiger eine liebevollere, bindungsfähigere und ehrlichere Laudatio verdient. Gerade sie. Stattdessen kultiviert sich auch hier ein Bruch: Zuschauer sehen statt Gala-Augenblicken eine Gala emotionaler Gebrechlichkeit.

Brüche sind  wie Zutaten einer Pizza: Jeder für sich betrachtet, könnte vernachlässigt werden. Die Summe macht es. Sie entscheidet über die Qualität der Pizza, über Erfolg und Misserfolg der TV-Gala. Aktuell ist vieles ungenießbar.

Dass TV-Profis gelernt und routiniert lächeln, sobald sie spüren, dass Kameras über Gästeränge fahren und plötzlich auf sie gerichtet sind, trägt man als verbliebener Zuschauer gelassen: ein kleiner und bekannter Bruch. Wir sind beim Fernsehen, jeder weiß dies. Dass jene beiden Finalisten – als einer von dreien im Rennen um den Preis –  die leider nicht gewannen, sich für den Sieger sofort nach Verkündung ihrer Niederlage Löcher in ihre Bäuche und die auf sie gerichtete Kamera freuen, wirkt sicher kollegial.

Auch dies ein leiser Bruch. Die Mimik der Enttäuschung wäre vielleicht für Schauspieler-Kollegen fatal, gehört doch die Kontrolle von Mimik und Gestik zu ihren zentralen Kompetenzen. Sich allerdings auf Knopfdruck für andere sichtbar zu freuen, hat eine andere Qualität: Nur wenige Zuschauer können dies wirklich glauben. Weil Menschen nicht so sind und spontane Altruismus-Reflexe als Standard befremdlich wirken. Richtige Menschen sind durchaus enttäuscht, wenn sie verlieren.

Dass selbst Moderatoren mit anerkannt großer Lebensleistung - wie Hape Kerkeling Samstag bei der Verleihung der Goldenen Kamera - innerhalb eines drittklassigen Korsetts wirken wie eine schlechte Karikatur ihrer eigenen Moderatoren-Parodien, kann zuschauerseitig kaum als Lustgewinn verbucht werden. Auch Kerkeling repräsentierte einen Dauer-Bruch des letzen Samstagabends: angestrengt locker und seltsam fremd mit sich und seiner Rolle. Als würde ein großer, routinierter Entertainer immer wieder in einen Sumpf distanzierter Künstlichkeit gezogen, den er selbst ein wenig mit kreiert hatte.

Eine insgesamt lausige Pizza: All dies und noch viel mehr bildet – so hart es klingen mag-  als Format aktuell eine Symbiose des TV - Elends. Die öffentlich-zähe Selbstbeweihräucherung einer Branche von Fernsehnasen ist bis auf wenige Ausnahmen kaum mehr als eine endlose Gala von Plastikgefühlen. Dies ist ein Grundsatzproblem aller aktuellen Preisverleihungsformate. Will man als Zuschauer dennoch dabei bleiben, muss man zäh sein. Und unsensibel. Stundenlang.

Was nun?

Der Einwand, Preis -Galas böten doch auch schöne Momente, stimmt. Sie allerdings wiegen die kritischen Aspekte nicht auf. Die Wahrheit ist: In der Ehrung ihrer Besten hat eine Branche von Berührungsprofis lange schon annähernd jede Berührbarkeit verloren. Und mit ihr auch Fähigkeit, innerhalb ihrer Jubel-Formate Zuschauer berühren zu können. Wer Fernsehen kennt,  liebt und schätzt, muss dies so offen schreiben.

Bleibt es, wie es ist, reißt ein zentraler Lebensnerv. TV-Macher - auch TV-Medienkritiker übrigens- sind anfällig dafür, sich selbst zu genügen und den Blick für Zuschauer zu verlieren. In beiden Gruppen von Medienprofis gibt es viele Beispiele dafür.

Vielleicht sollte man eine sehr heterogene Gruppe erfahrener und junger Autoren und Fachleute zwei Wochen lang einschließen, sollte sie nachdenken, reden, experimentieren lassen. Vielleicht sollte man jene neuen Wege zu gehen versuchen, die weder am gelebten Standard noch am exakten Gegenteil orientiert sind. Vielleicht sollten jene Aspekte des TV-Lebens – auch des der Preisträger – Raum erhalten, die als Täler und Krisen eben nicht nur Glanz und Leistung zeichnen. In jedem Fall muss lebendiger werden dürfen, was zunehmend selbstzufriedener, starrer und künstlicher zu werden droht.

Es gilt der alte Satz: Wer nicht vom Weg abkommt, wird auf der Strecke bleiben.

 

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

(c) meedia.de

 

 

mehr

31.01.2013 Teil 2 des Talks mit Alexander Kissler und Christopher Lesko

GFDK - Christopher Lesko

Im zweiten Teil des Gespräches zum Format “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ bewegen Kissler und Lesko Aspekte von Niveau, Wirkung und den Besonderheiten einer Hochleistungs-Produktion. Sie sprechen über Ökonomie, Kreativität und die Kraft der Identifikation. Selbst Bekleidungsfragen Sonja Zietlows in ihrer Rolle als “Dschungel-Domina“ bleiben nicht unerwähnt. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Am Ende des Gespräches steht der gemeinsame Bau einer Kandidatenliste für ein imaginäres Camp.

Von politischen und journalistischen Dschungeln zurück zum Medienwissenschaftler Alexander Kissler und der Frage, wie genau er fernsieht: Sind Ihnen bei der Betrachtung des Dschungelcamps die anderen professionellen Ebenen des Formates zugänglich, oder sind Ihre Antennen humanistisch verbaut?

Nein, sie sind nicht verbaut, den Anspruch habe ich selbstverständlich an mich. Ich bin ja nie an die Dschungelcamp-Staffel mit dem inneren Auftrag herangegangen nun aber einmal wirklich zu zeigen, wie schlimm das ist. Mir geht es immer darum, welche Felder von Bedeutung mir das Fernsehen als seit langer Zeit elaboriertestes Zeichensystem anbietet: Wie stellt das Fernsehen heute Bedeutung her? Welche Zeichensprache produziert es? Und die Zeichensprache des Dschungelcamps ist in der Tat komplex und raffiniert.

Ich fürchte mich ein wenig vor Nähe, wenn Sie so weiter machen.

Um den Gedanken abzuschließen: Reiz und Interesse, den Dschungel auf einer abstrakten Analyseeben zu behandeln, verstehe ich. Aber ich kritisiere, dass man oft auf dieser Ebene stehen bleibt und dadurch die Absichten der Macher 1:1 nachbuchstabiert. Letzten Endes müsste man sich immer den Mut zu einer gegenläufigen Lektüre bewahren.

Dies allerdings darf auch für Sie gelten: Betrachten wir doch Produktion, Handwerk, Arbeitsbedingungen, Leistung. Gerne auch die aus meiner Sicht sehr gute von Daniel Hartwich. Wenn in Australien unter Druck und im 16-tägig-engen Korsett  eines Hochleistungs-Szenarios das Team von Sender und Produktion seine Arbeit macht, und Sie kommentieren Leistung und Ergebnis: Folgen Sie mir in meinem Respekt und in meiner Anerkennung dafür?

Ja, in Grenzen. Das ist definitiv Hochleistungssport für alle Beteiligten, sowohl für die Insassen als auch für das Produktionsteam. Dem neuen Moderator Hartwich etwa sieht man die Anstrengung viel stärker an als seinem Vorgänger Dirk Bach. Und man sieht ihm den Ehrgeiz an, den Schatten seines Vorgängers zu besiegen. Hartwich wirkt auf mich im Gegensatz zu Bach eher wie ein Insasse des Dschungels. Aber Hartwich hat eine neue Farbe hinein gebracht: die Farbe dessen, der nicht so recht weiß, wie er dort hineingekommen ist. Er ist auf eine etwas unironischere Weise derb, Dirk Bach war ironischer. Hartwich gleitet mehr ins Obszöne ab.

Mir gefällt das von den Autorentexten aufgenommene Spiel mit dem sensiblen Thema und seiner neuen Rolle gut. Das ist intelligent gelöst.

Das Gesündere wäre es gewesen, das Format mit dem Ableben Bachs einzustellen, weil Zietlow/Bach wirklich ein kongeniales Paar waren. Aber es durfte nicht sterben, weil das Dschungelcamp der größte Umsatzbringer von RTL ist.

Eine Bemerkung Ihrer dunklen Seite: Einem Format den Tod zu wünschen. Ob und wie weit man die Lebensfähigkeit eines Unterhaltungsformates von herausragenden Einzelpersonen abhängig macht,  ist keine leichte Frage. Hier bestand sie sicher nie. Bedenkt man den Zeitpunkt des tragischen Todes von Dirk Bach, bekommt man ansatzweise eine Idee dafür, wie wenig Zeit bestand, um handlungsfähig zu werden. Wie gefällt Ihnen Daniel Hartwich?

Selbstverständlich war Dirk Bach die stärkere Besetzung, Hartwich ist mehr in der Rolle des Schülers. Frau Zietlow hat eher die Rolle der Domina, die dem Frischling als Dschungel-Veteranin sagt, wo es lang geht.

Wie finden Sie als Mann des Wortes Niveau, Kraft und Qualität der Autoren und Texte?

Kraft, Niveau und Qualität halte ich für falsche Kategorien.

Ich will Ihnen gerne jede Freiheit lassen, andere Kriterien anzulegen. Hier sind dies nun einmal meine.

Sie sehen Fragen von Niveau - anders als ich - im Dschungelcamp? Sie sehen dort allen Ernstes überhaupt Niveau?

Ja. Und ich sehne mich nach einer Antwort. Die Texte.

Die Texte werden unterschiedlich gekonnt präsentiert und sind in der Regel auf Pointe geschrieben. Die Pointen versanden nicht. In diesem Jahr sogar habe ich den Eindruck, als seien sie teilweise noch stärker für das Feuilleton geschrieben mit Anspielung auf geschichtliche Personen und Vorgänge bis zurück ins 19. Jahrhundert. Man will durch die Moderation dafür sorgen, dass auch das hohe Feuilleton vom Dschungelcamp Notiz nimmt. Und leider funktioniert das.

Und: Daumen hoch oder Daumen runter?

In der Regel kommen die Pointen an. Die Texte sind gut geschrieben. Ja.

Gibt es sonst noch Positives, dass Sie sich abquälen könnten?

Hmhh. Ich finde den Vorspann sehr gut gemacht. Die im Urwald abgeworfene Limousine und die Teilnehmer, die mit ihren sprechenden Posen gezeigt werden: Das hat fast schon Hollywood-Format. Und generell sehr gut, wenn auch zu niederen Zwecken, ist die Verwendung von Musik und Zeitlupe. Natürlich auch zynische Szenen werden herausgehoben, gedoppelt durch Zeitlupe und mit Musik unterlegt. Da merkt man schon: Die machen sich Gedanken über die Art und Weise der Darstellung. Einen ganzen Tag zusammenzufassen und in einer Erzählung so darzustellen, ist natürlich eine Leistung, wenn man es leistungsökonomisch sieht.

Unter Druck von Prozess und engem Zeitrahmen Kreativität immer wieder neu zu mobilisieren, ist ja kein rein ökonomisches Phänomen. Dafür muss man schon auch gebaut sein. Das wird Ihnen bei Ihrer Kolumne in Teilen ja ähnlich gehen. Und die Jungs da unten haben nicht die Möglichkeit, mal eben einen Text auf morgen zu verschieben.

Das stimmt. Und das Böse dort wird ja auch in den Texten reflektiert und in Distanz zum eigenen Vorgehen gebracht. Neulich hörten wir, das Dschungelcamp sei eine kommunistische Veranstaltung, jedem werde das gleiche Maß an Häme zugeteilt. Das stimmt natürlich. Im Kommunismus wird von oben zugeteilt, das Camp ist eine autoritäre Veranstaltung, und die Währung des Dschungelcamps ist Häme.

Sonja Zietlow gefällt Ihnen? Ich frage wegen Ihrer Domina von vorhin nach. Ich kenne ja Ihre Biographie nicht und weiß nun nicht, ob Alexander Kissler in irgendeiner Form biographisch mit jener Berufsrolle verbunden war.

(Lachend): Sonja Zietlow zieht mich nicht in erotischer Weise an. Überhaupt nicht. Ich finde sogar, dass sie sich in letzter Zeit etwas zu sehr als leicht geschürzte Jane inszeniert.

Sie hat Ihnen zu wenig an heißt das?

Ja, das heißt es. Das ist mir zu platt. Das doppelt das obszöne Sprechen. Wenn ich an Varieté-Veranstaltungen aus der Hoch-Zeit des Kabaretts denke, waren sie voller Schlüpfrigkeit und Anzüglichkeiten. Aber sie wurden im Anzug präsentiert. Dadurch erhält man zusätzliche Fallhöhe.

Sie beziehen sich ja in Ihrer Kritik häufig auf die niederen Instinkte, die provoziert würden. Was ist denn Ihre Erklärung dafür, dass so viele Zuschauer eines doch sehr breiten intellektuellen Spektrums “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ einschalten?

Einerseits präsentiert das Dschungelcamp als Mischung von Casting-Show und Daily Soap eine fortlaufende Erzählung mit ihrer Dramaturgie bis zur finalen Entscheidung. Das sorgt dafür, dass man dran bleibt. Dann kann der Zuschauer tatsächlich oder vermeintlich selbst mitspielen, indem er durch seine Anrufe jene Kandidaten zu den besonders ekligen Prüfungen zitiert, die er selbst als außerordentlich nervig empfunden hat. Man kann also Richter spielen, kann belohnen und bestrafen. Dieses Vergnügen öffentlicher Belohnung und Bestrafung hat man an anderen Stellen nicht, zumindest nicht im Schutz der Anonymität. Drittens stimmt natürlich der Satz, Schadenfreude sei die schönste Freude.

Das kennen Sie von sich auch?

Ich bin davon auch nicht frei. Das muss ich gestehen.

Jetzt, wo Sie dies Thema so vehement ansprechen, wann begegnete Ihnen Ihre Schadenfreude das letzte Mal?

(Lachend) Vor etwa einem halben Jahr. Wenn einem Kollegen, den man für überschätzt hält, seine Überschätzung offenbar wird, freut man sich nicht nur heimlich.

Mich interessiert nicht, wer es ist. Aber passen Sie auf, wir rücken uns näher. Der dunkle Kissler gefällt mir.

Ich möchte allerdings deutlich betonen, dass Geschehnisse wie dieses selbstverständlich eine Ausnahmesituation sein müssen.

Natürlich! Übrigens: Die Grundlage für alle von Ihnen beschriebenen Einschaltgründe bildet stets Identifikation. Der Dschungel schafft es auf unterschiedlichen Ebenen sehr unterschiedlichen Zuschauern gegenüber Bindung herzustellen. Ich persönlich erkenne dies als eine der zentralen Leistungen im TV an.

Ja, guter Punkt. Völlig richtig. Die Konflikte dort bieten ein großes Potential an Identifikation in der Zuneigung und in der Abneigung. Wir bekommen sympathische und weniger sympathische Personen angeboten, und in der Tat identifizieren wir uns. Auch aufgrund der Inszenierung. Identifikation ist der Königsweg zur Popularität. Auch in der erfolgreichen Bühnenkunst, im Theater, brauchen Sie Dreierlei: Ein Setting, eine Dramaturgie und identifikatorisches Potential. Ein Theaterstück nur aus Versagern oder Helden würde nie funktionieren. Natürlich brauchen Sie Identifikationsmöglichkeiten für die eigene, dunkle Seite. Und die Frage, die dieses Format den Zuschauern stellt, ist eben auch: Wie weit würdest Du gehen?

Ich will Sie zu einem Perspektivwechsel einladen: Stellen wir uns vor, wir beide wären Kandidaten im nächsten Dschungelcamp. Welcher Alexander Kissler würde mir begegnen?

I don´t know. Das  sind ja wirklich extreme Bedingungen. Wenn ich nichts zu essen bekäme, würde ich bestimmt sehr unleidlich. Daran habe ich keinen Zweifel. Vermutlich würde ich auch sehr ungeduldig und würde irgendwann versuchen, mich aus der Gruppe zurück zu ziehen, was diese mir dann übel vergelten würde. Also, ich wäre ein  Kandidat dafür, unter diesen Bedingungen schnell gereizt zu sein und meine Contenance zu verlieren.

Erschwernis oder Entzug von Nahrung und Privatsphäre, würde bei Ihnen die Toleranzgrenze schnell ausreizen?

Ja, so ist es: Und Sie? Wie wäre denn Lesko im Dschungel?

Sie vermuten sicher, für mich sei die größte Hürde, während des Camps kein RTL mehr schauen zu können. Ich zeigte als sozial untaugliche Belästigung für andere hartnäckige Isolationsimpulse bei gleichzeitig tiefem Wunsch danach, die Gruppe zu dominieren. Körperlich überfordert, kulturell und intellektuell durchschnittlich.

Stellen wir uns weiter vor, wir beide könnten mitbestimmen, wer mit uns als Kandidat ins Camp sollte. Jeder von uns darf sich drei Frauen und drei Männer wünschen. Mit Begründung für die Wahl. Als gemeinsamen vierten Kandidaten können wir uns ja auf Matthias Matussek einigen. Fangen Sie an, oder soll ich?

Fangen Sie bitte an. Sie hatten ja im Gegensatz zu mir Zeit sich vorzubereiten.

Der mit den Haaren, Nr.1: Richard David Precht als Silva Gonzales der Philosophie.

Der wäre interessant.

Der mit den Haaren Nr. 2: Hajo Schumacher als junger Klaus Baumgart. Meine dritte Wahl: Womanizer Lothar Matthäus als Joey Heindle der Trainer- und Frauen-Branchen.

Das heißt, Sie stecken dort Leute hinein, von denen Sie nicht viel halten, um sie zu bestrafen?

Keine ungeschickte Fangfrage. Meine weiblichen Kandidaten?

Raus damit.

Charlotte Roche: weiblicher Hajo Schumacher und Georgina-Klon. Alice Schwarzer als weiblicher Helmut Berger. Ursula van der Leyen als politischer Fiona-Erdmann-Kampf-Klon mit Zickenpotential.

Das wäre eine sehr schöne Mischung!

Danke. Alle Frauen und Männer haben in ihrer Außenwirkung eine außerordentlich kühne Gestaltung der eigenen Geschlechterrolle. Dass Matthias Matussek den Papst akquiriert, hielte ich für nachdenkenswert aber wenig erfolgversprechend. Nun Sie.

Vielleicht komme ich aus dem Bauch heraus nicht auf drei Kandidaten. Ich würde auf jeden Fall schauen, dass jemand dabei ist, der gut geeignet ist, die sportlichen Voraussetzungen zu bestehen. Ein ehemaliger Sportler: Ich könnte mir Michael Groß vorstellen.

Den Albatros.

Ja, es gibt ja auch Wasser-Übungen und Übungen, in denen es gut ist groß zu sein. Er könnte dafür sorgen, dass wir im Camp nicht verhungern. Um gruppendynamische Prozesse zuzuspitzen, wäre es darüber hinaus interessant, wenn Jürgen Fliege mitmachen würde. Und bei den Frauen ist es in der Tat wichtig, dass man wie in jeder Staffel auch ein mütterlich nährendes, fürsorgendes Element hat. Da könnte man sich vorstellen…

Rita Süßmuth?

(Lachend): Nein, bitte nicht, die ist mir zu nervig. Ich fände es sehr interessant, wie sich unter diesen Bedingungen eine Iris Berben schlage würde. Und für den Posten des jungen Kükens sollte man sich eines weiblichen, jungen Daily-Soap-Stars bemühen. Vielleicht jemand aus “Verbotene Liebe“? Zu irgendwelchen Zwecken müssen die ARD-ZDF-Zwangsgebühren ja gut sein.

Lothar Matthäus wäre zumindest bei dieser Idee im Boot.

Ja.

Da man den Dschungel ohnehin unter Aspekten der Verteilungsgerechtigkeit organisieren sollte: Niemand könnte das besser als Renate Künast. Die käme dazu.

Das weibliche Element also repräsentierten in der Camper-Gruppe unter anderem Renate Künast, Ursula van der Leyen, Alice Schwarzer, Charlotte Roche und Jürgen Fliege. Ich wüsste nicht, ob ich unter diesen Bedingungen 16 Tage überstünde.

Ich helfe Ihnen: Dann bräuchten wir natürlich noch Claude-Oliver Rudolph. Mit der Machete im Mund. Oder Heinz Hoenig.

Aber, sie wissen ja: Ich wünschte die Teilnahme am Dschungelcamp keinem!

Bezogen auf Fliege bin ich mir da nicht sicher. Wie würde Alexander Kissler Dschungelprüfungen so konzipieren, dass der unterhaltsame Kern des Formates in ethisch einwandfreier Weise repräsentiert ist? Dürfte man in Käfer beißen? In – nicht: im.

Nein! Diese ganzen ekligen Prüfungen sind nur eines: eklig. Wenn überhaupt, müsste man das sportliche Element stärken. Vielleicht gemeinsam in Teamaufgaben.

Wer der Kandidaten läge Ihnen näher, wer eher nicht?

Dem Albatros würde ich schon zutrauen, sich zumindest mit sportlichen Leistungen um die Gruppe verdient zu machen. Und ich wäre sehr gespannt darauf, ob vielleicht Jürgen Fliege esoterische Übungen im Kreise seiner Mitinsassen macht.

Da wären Sie im Boot?

Auf keinen Fall.

Der eröffnet nach Staffelende eine Firma, die Dschungelwasser verkauft.

Dschungelwasser: genau, gesegnet vom heiligen Jürgen.

Von den Campern der aktuellen Staffel: Ist Ihnen irgendeiner der Personen innerlich ansatzweise nahe?

Ich finde natürlich – das hört sich böse an – geistige Schlichtheit nur in Ausnahmefällen anziehend. Wir haben ja aktuell in Australien eine Gruppe derer, die ihre Stärken nicht überwiegend im intellektuellen Bereich sehen. Ansatzweise dann doch am interessantesten finde ich den Schlagersänger in Wartehaltung, Herrn Patrick Nuo.

Nee.

Ansatzweise. Weil er sich doch die Bereitschaft zu sportlicher Aktivität ebenso bewahrt hat, wie die Bereitschaft sich zurück zu ziehen, anstatt seinen Ego-Trip zu leben. Er hat keine so ganz festgelegte Rolle. Er wirkt dadurch souverän.

Nuo weiß gar nicht, was das ist: ein Ego. Mich irritiert eher die emotionale Distanz, die ich ihm im Umgang mit sich selbst zumesse.

Das mag sein. Ich finde Menschen, die sich immer mal zurück ziehen, interessanter als die permanente Ego-Show. Die anderen Charaktere, die sich in den Vordergrund spielen, sind zu schnell festgelegt. Nuo kann immer noch überraschen.

Wir nähern uns dem Ende des Gespräches. Wenn man versuchte, das Dschungelcamp so zu machen, dass ein Alexander Kissler keinen Grund für humanistische Kritik fände: Was müsste man tun?

Das sollte man gar nicht machen. Das Dschungelcamp ist nicht therapierbar. Nehmen Sie dem Format die Schadenfreude, die Demütigungsbereitschaft und den Ekel weg, dann bleibt nichts mehr.

Mich beruhigt, dass Sie am Ende unseres Gespräches zu alter Form zurück finden. Wie sieht denn Ihr Freizeitverhalten in den nächsten Tagen der aktuellen Staffel aus – so gegen 22.15h?

Ich werde mir das weiterhin professionell anschauen.

Ich kann meinen sogenannten professionellen Blick kaum abschalten. Meine regelmäßigen Live-Kommentare finden familienintern beim Fernsehen selten begeisterten Zuspruch.

Sie sind halt ein Stimmungstöter, Herr Lesko. Aber auch Bau-Ingenieure können ohne ihre berufliche Brille kaum an Häusern vorbeigehen. Ich sehe Fernsehen immer auch mit einem beruflichen Blick.

Wie sehr oder wie wenig stimmt nun am Ende des Gespräches Ihre Eingangsvermutung über Stimmung und Ergebnis unseres Austausches?

Meine Befürchtung, das Thema könnte unsere Zeit nicht tragen jedenfalls, hat sich in der Wirklichkeit unseres Gespräches nicht eingestellt. Danke. Ich habe gerne mit Ihnen gesprochen.

Danke gleichfalls. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Zum Teil 1 des großen Dschungel-Streitgesprächs gelangen Sie hier entlang.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

(c) meedia.de


mehr

30.01.2013 Facebook, Xing oder Twitter Abmahnungen

GFDK - Bruno Kramm

Ein neues Gutachten zum Leistungsschutzrecht bestätigt, dass nur Gerichte entscheiden können, ob und wie das Leistungsschutzrecht auch für die Kommunikation in sozialen Netzwerken gilt. Damit drohen Nutzern von sozialen Netzwerken wie Facebook, Xing oder Twitter Abmahnungen und Gerichtsverfahren, sollten sie unbedacht oder unwissentlich vom Leistungsschutzrecht geschützte Bilder und Texte einstellen oder teilen.

Die Piratenpartei Deutschland fordert die Bundesregierung erneut auf, von diesem Vorhaben endlich Abstand zu nehmen. Dazu Bruno Gert Kramm, Beauftragter für Urheberrecht der Piratenpartei Deutschland:

»Das geplante Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist eine Zeitbombe für die digitale Gesellschaft in Deutschland. Auch wenn Blogger zwar großmütig von der Lizenzpflicht ausgeschlossen wurden, hat die Bundesregierung mittlerweile zugegeben, dass sie keine Ahnung hat, welche Auswirkungen das Leistungsschutzrecht auf Nutzer und Plattformbetreiber von sozialen Medien hat. Mit diesem Leistungsschutzrecht kann sich kein Facebook- oder Twitter-Nutzer mehr sicher sein, nicht Opfer von Abmahnanwälten zu werden.

Sollte der Regierung noch etwas am Internetstandort Deutschland oder an der Weiterentwicklung der digitalen Gesellschaft liegen, lässt sie die Lobbyisten der Verlagsindustrie zugunsten unserer Bürger abblitzen. Der Verzicht auf die Internetübertragung der morgigen Anhörung zum Leistungsschutzrecht im Rechtsausschuss lässt jedoch befürchten, dass die schwarz-gelbe Regierung auch weiterhin die Interessen der Bürger unserer Informations- und Wissensgesellschaft zurückstellt.«

Quellen:
[1] Gutachten LSR: http://www.udldigital.de/neues-gutachten-leistungsschutzrecht-gefahrdet-social-media-in-deutschland/

mehr

29.01.2013 Wo leben diese hoch sensibilisierten Frauen eigentlich?

GFDK - Jennifer Nathalie Pyka

Wie ich nun den Medien entnehme, bin ich ein Opfer. Oder nein, ich bin es nicht nur, ich war es schon immer und werde es womöglich immer bleiben: ein Opfer des alltäglichen und überall auflauernden Sexismus und der Männer, die ihn praktizieren. Handküsse, Komplimente, Avancen – alles schon erlebt, alles für unspektakulär und nicht sexistisch gehalten.

Doch nun, da sich die Dirndl-Brüderle-Affäre zu einer Sexismus-Debatte auswächst, weiß ich es besser. Von gestern auf heute wurde ich zum Opfer befördert und muss mich erst mal in meiner neuen Rolle einrichten.

So erfordern nette Komplimente für das Aussehen gemäß „Spiegel“ unbedingt ein lautes „Stopp“, Alice Schwarzer rät indes vom Lächeln ab, und zwischendurch soll, nein, muss frau auch noch laut auf Twitter #aufschrei-en, um die Geschlechter-Revolution endlich zu vollziehen. Ziemlich stressig also. Und wie verrückt ist es eigentlich, das ganze Leben lang ein Opfer zu sein und genau das komplett verpennt zu haben? Warum hat mir niemand Bescheid gesagt?

Es liegt an der Sensibilisierung, diagnostizieren geübte Feministinnen, die dahingehend schon weiter sind. Aber ich bin ja auch noch neu in der Opferrolle. Während mir beigebracht wurde, gute Manieren zu schätzen, sich gegen aufdringliche Idioten zu wehren und sonst ein gewisses Maß an Ignoranz an den Tag zu legen, spezialisierten sich circa gleichaltrige Damen offenbar auf die Feinjustierung ihrer Sexismus-Sensoren.

Heute betreiben sie Blogs, wo sich primär alles um sie selbst, sexual harassment, rape culture und den alltäglichen Sexismus, der allerorts zuschlägt, dreht. Wo Handküsse quasi als Vorspiel zur Vergewaltigung geahndet werden und eigentlich nur noch der gelbe Stern fehlt, um die dramatische Inszenierung zu vollenden.

Nun fragt man sich: Wo leben diese hoch sensibilisierten Frauen eigentlich? In Kalkutta, Kinshasa oder Caracas? Tatsächlich sind es deutsche Städte, in denen kein Tag ohne „sexual harassment“ und Narben für die weibliche Psyche vergeht. Ich hingegen habe das nicht mitbekommen, weil ich nicht wusste, dass sporadisch hinterherpfeifende Bauarbeiter und schräge Blicke in öffentlichen Verkehrsmitteln eine so desaströse Wirkung auf meine Seele haben sollen. Doch auch das, so die „Wir Frauen“ – Fraktion, sei Teil des Problems. Wer gesteht, unter den Chauvis dieser Welt nicht entsetzlich zu leiden, dem wird unverzüglich „Verdrängung“ attestiert. Aha, wieder was gelernt.

Umso nützlicher erscheint der #Aufschrei auf Twitter, wo frau als Opfer-Newcomerin noch viel dazu lernen kann.  Einiges von dem, was dort erzählt wird, entspricht sexueller Nötigung und bedarf absolut der Thematisierung. Der überwiegende Rest hingegen kommt mir bekannt vor. Etwa der Physiklehrer, der meint, Mädchen hätten kein Talent für Naturwissenschaften - womit er in meinem Fall sogar Recht hat. Es war aber vielmehr die Quantenchromodynamik, die mich nachhaltig traumatisierte, und nicht der „Sexismus“ des dazugehörigen Lehrers, dessen Namen ich vergessen habe. Doch in Tagen wie diesen, da halb Deutschland zum Opfer gekürt wird, muss man eben Prioritäten setzen. Die Differenzierung zwischen Petitessen, Sexismus und sexueller Gewalt gehört nicht dazu. Verharmlosung? Iwo.

Indes schreien auch viele Männer gegen die Brüderles und Physiker dieser Welt auf. Gerne wüsste ich, ob es sich hier um die gleichen Exemplare handelt, die sich abends in der Kneipe lieber ihrem Bier widmen, anstatt eine Frau kurz zum Taxistand zu begleiten. Wobei: Auch das wäre Sexismus, denn der liege immer dann vor, wenn Frauen in einer bestimmten Situation anders als Männer behandelt werden. So erklären es zumindest die Aufschreienden.

Ich merke mir: Künftig muss ich ganz laut „Stopp!“ rufen, sobald ich Opfer eines Mannes werde, der mir in den Mantel zu helfen droht. Oder gibt es etwa doch positiven Sexismus? Und by the way: Was soll ich eigentlich tun, wenn Brad Pitt auf meine Tanzkarte will?

Ich gebe zu: Mein neues Leben als Opfer überfordert mich ungemein. Es gehe nicht darum, sich nicht wehren zu können, sondern es nicht mehr zu müssen, erfahre ich beiläufig. Also um eine rosa Welt, in der Frauen nachts keine Angst mehr haben müssen. Das wiederum ist eine prima Idee. Wenn die Feministinnen mit den Vergewaltigern dieser Welt fertig sind, sollen sie sich bitte auch die Mörder, Psychopathen und Taschendiebe vorknöpfen, die mindestens genauso ein Grund sind, als Frau nachts nicht allein durch dunkle Gassen zu marschieren.

In dem Glauben, das Böse dieser Welt ausradieren zu können, tragen „wir Frauen“ allerdings gleichzeitig zu einer sterilisierten Gesellschaft bei. Herrenwitze sind nicht mehr nur geschmacklos, sie mutieren zu Kapitalverbrechen. Menschen gefährden den Antisexismus, der erst dann einkehrt, sobald sich kein Blick – ob bewusst oder unbewusst – in ein Dekolleté verirrt. Schließlich gibt es ja keinen Unterschied mehr zwischen Kompliment und Sexualmord, zumindest nicht in dieser Debatte.

Aber vielleicht hat genau das auch einen tieferen Sinn. Frauen werden zu Opfern, Handküsse zu Verbrechen und Tagebücher inklusive Selbstskandalisierung zu journalistischen Inhalten. Mir hingegen fehlt für den Aufstieg zum Opfer noch ein eigener Mädchenblog, um meine verdrängten Wiesn-Traumata zu verarbeiten. Die „Dirndl-Falle“ wäre doch ein nettes Motto. See you next time bei Jauch!

Hier weiter Lesen:

jennifernathalie.blogspot.de/2013/01/himmelreichs-beschwerden.html

http://jennifernathalie.blogspot.com/

Quelle: die Achse des Guten

 

mehr

26.01.2013 Gruppendynamische Prozesse im RTL-Erfolgsformat

GFDK - Christopher Lesko

Das RTL-Erfolgsformat “Dschungelcamp“ nähert sich der Hälfte seiner aktuellen Staffel. Kaum ein TV-Format steht auch nur annähernd so im Zentrum öffentlichen Interesses wie jene Gruppe bezahlter, australischer Edel-Camper, in der Minderheiten die Mehrheit bilden. Und kaum ein TV-Format ist unter schwierigen Bedingungen professionell so erstklassig gestaltet. Ab heute dürfen Zuschauer ihre Favoriten für den Verbleib im Camp wählen. Zeit für die Betrachtung von Rollen, Personen und Team-Prozessen.

Das Rezept des Dschungelcamp-Erfolges baut auf gruppendynamisch einfache Prinzipien: Man stellt eine heterogene Gruppe von Menschen zusammen und bietet ihnen Raum für die mögliche Verwirklichung ihrer Ziele.

Diese Ziele bestehen in der Chance auf Korrektur mangelnder medialer Sichtbarkeit und Bedeutung einerseits und im Genuss finanzieller Zuwendungen auf der anderen Seite. Es gibt also Aufmerksamkeit und Kohle. Zunächst nicht die schlechteste aller denkbaren Grundvoraussetzungen für Menschen, denen aus sehr unterschiedlichen Gründen subjektiv oder in Wahrheit beides fehlt.

Grob vereinfacht gesagt, besteht das Konzept jeder Staffel darin, zwangsläufige Prozesse der Dynamik einer Gruppe, die – bis hin zur Wahl des “Königs“ – dem Ziel von Wettbewerb und Selektion folgt, extrem zu verdichten, zu beobachten, unterhaltsam zu präsentieren und ironisch zu kommentieren. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Man nutzt hierfür zunächst das grundsätzliche Wissen darum, dass die Dynamik aller Gruppen unter bestimmten Bedingungen im Kern stets ähnliche Phänomene zeigt. Ob Vorstandsgremium oder Kindergeburtstag, Redaktionsteam, Studenten- oder Beamtengruppen: Jede willkürlich zusammengestellte oder real existierende Gruppe würde sich im Dschungelcamp zumindest in Ansätzen verhalten wie RTLs Dschungelcamper 2013.

Verdichtung

Nun unterliegt der Dschungel als Unterhaltungsformat nicht nur gestalterischen Aspekten, sondern auch einer zeitlich begrenzten Sendestrecke. Aus beiden Gesichtspunkten heraus ist es also erforderlich, die Dynamik schnell zu verdichten. Das Dschungelcamp tut dies durch Entzug oder Erschwernis zweier zentraler Grundbedürfnisse aller Menschen: dem Bedürfnis nach Nahrung einerseits und dem nach Privatsphäre auf der anderen Seite.

Oberflächlich betrachtet dienen Dschungelprüfungen der Zuschauer-Unterhaltung. Georgina an Rattentunneln scheitern zu sehen und ihr als Zuschauer so indirekt die Belästigung durch ihre verwöhnten, hysterischen Impulse heimzahlen zu können, bietet vielen Zuschauern unterhaltsamen Mehrwert. Olivia Jones etwa souverän und mit Würde in Käfer beißen zu sehen, bietet Raum für positive Identifikation.

Unterhalb dieser Betrachtungsebene allerdings regeln Erfolg oder Misserfolg bei Dschungelprüfungen unbewusst weit mehr als oberflächlich sichtbar ist: Für die eigene Nahrung kämpfen zu müssen und darüber hinaus durch Erfolg oder Misserfolg in den Prüfungen den Umfang der Nahrung aller zu beeinflussen, berührt innerseelisch sehr archaische Grundthemen von Menschen. Wir alle sind unbewusst daran angeschlossen, auch wenn der mitteleuropäisch satte Alltag sie für die meisten von uns aus der persönlichen Wahrnehmung hat verschwinden lassen.

Dass TV-Kameras ganztägig aufzeichnen, weiß jeder der Kandidaten. In der Regel wird dies bewusst für Kandidaten-Promo genutzt oder aber zwangsläufig in vielen Situationen ausgeblendet: Niemand kann sich in verdichteten Szenarien über Wochen ganztägig kontrollieren, auch wenn er weiß, dass Kameras beobachten. Kameras jedoch bilden nur den unwesentlichen Teil des Verlustes von Privatsphäre: Sich unter Belastung in einer Gruppe, die miteinander nicht auf die Sicherheit eingeschwungener Rollen, Routinen und einer gemeinsamen Entwicklungsgeschichte zurückgreifen kann, ohne tragfähige Rückzugsmöglichkeit permanent zeigen zu müssen, ist eine echte Herausforderung.

Selbst der Umgang mit Primärbedürfnissen von Ruhe, freier Entscheidung über Wahl und Gestaltung der Kontakte, das Maß von Intimität bei Körperpflege oder Anzahl und Frequenz von Toilettenbesuchen geschieht im Camp sozial ausgehandelt und öffentlich. Das ist für alle Kandidaten weit schwerer, als man es sich vorab von draußen rational vorstellen kann.

Gruppendynamisch betrachtet verdichten beide Gestaltungselemente – Nahrung und Privatsphäre – nach den ersten Tagen der Orientierung jene Prozesse, die in allen Gruppen, die sich finden müssen, immer (!!) entstehen: Man beginnt Beziehung zu gestalten, sucht nach Sicherheit, regelt Macht und Einfluss untereinander. Bündnisse bilden sich, man grenzt sich ab, findet allein oder mit anderen Rollen und Positionen.

Im Dschungel geschieht dies ebenso wie im richtigen Leben, nur hochverdichtet und unter einem Brennglas sichtbar. Elf Kandidaten auf der Suche nach Antwort auf die Frage, wie genau das wohl gehen mag, sich im gruppendynamischen Dschungel Australiens zurecht zu finden. Der wahre Dschungel, so erfährt man schnell, ist nie das Camp, ist nie Australien: Er ist die Gruppe der Kandidaten.

Rollen und Kandidaten: Männer, Frauen, Knackis

Man darf davon ausgehen, dass Sender und Produktion nicht nur Einzelpersonen gewinnen, sondern bei der Wahl der Protagonisten ihre mögliche Bedeutung im Kontext der Campergruppe vorab betrachten. Viele Staffeln, auch die aktuelle, zeigen grundsätzliche Typen und Rollen:

Junge, athletische Männer auf der einen Seite und attraktive Frauen mit Paarungspotential sichern dem Format Optionen, die im Idealfall Camp-interne Begattungskonkurrenzen befeuern oder gar wie in der Kombi Kim Debkowski / Rocco Stark die Produktionsprozesse von Nachwuchs anstoßen. Im wahrsten Sinne des Wortes. In der aktuellen Staffel scheint das Thema eher unterbelichtet. Die Auswahl der Kandidaten trägt daran weniger Schuld als die Umsetzungsfreude der Beteiligten.

Frauen mit Zicken- oder Außenseiterneigung, an denen sich die gesamte Gruppe abarbeiten kann, gehören zwingend ins Portfolio: mindestens eine – besser – zwei Frauen, die in Konkurrenz zueinander stehen. Von unschätzbarem Wert sind hysterische Neigungen, insbesondere dann, wenn über sie hinaus der persönlich nutzbare Raum des Spektrums sozialer Kompetenzen den Camp-Knappiks und Georginas nicht in jeder Sekunde des Tages vollumfänglich zur Verfügung steht. Falls überhaupt.

In der aktuellen Staffel werden diese Rollen von Georgina Fleur, 23, und Fiona Erdmann, 25, besetzt. Model-Pitbull Erdmann, als kachektische, kotzende Kampfsau konkurrierte von Beginn an mit der intellektuell außerordentlich unauffälligen Georgina um den Rang des visuell attraktivsten weiblichen Camper-Exemplars. Ein enger Realitätsbezug in Fragen eigener Attraktivität ist nicht die vordringlichste Stärke beider Damen. Obwohl grundsätzlich nicht unansehnlich, ist das Interesse der Männer im Camp übersichtlich. Beide konkurrieren miteinander eher um Akzeptanz in der Gruppe als um einen Prinzen.

Die dunkle Seite des Lebens wird rollentechnisch abgebildet von Menschen mit Knacki-Vergangenheit oder zumindest dem einen oder anderen Strafverfahren. Hilfsweise oder zusätzlich taugt auch die eine oder andere Insolvenz einer ehemals zumindest halbwegs erfolgreichen Medienfigur. Aktuell besetzt Arno Funke, 62, diese Rolle: Der große, kreative Dagobert jedoch konnte trotz biographisch hervorragender Eignung bislang aus nachvollziehbaren Gründen keinerlei Leben in die putzige Campergemeinschaft blasen. Man hätte dies schon bei der Auswahl wissen können. Da jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand der RTL-Verantwortlichen Jahre als Strafgefangener in Haftanstalten zubrachte, wurde möglicherweise übersehen, dass dauerhaftes Überleben in Gefangenengruppen ein besonderes Bündel an zu erlernenden Fähigkeiten voraussetzt:

Unempfindlich zu werden gegen jede Form von Umwelteinflüssen. Im inneren Dialog mit sich selbst Gedanken an die Hoffnungslosigkeit einer endlos langen Knast-Zukunft abschalten zu können. Anpassungsfähigkeit, mitschwimmen zu können, ohne sich “zum Obst“ zu machen. Sich einigeln zu können in sich selbst und viele Bedürfnisse abschalten. Stumpf werden zu können an Stellen, wo Verzweiflung und Panik drohen. All dies ist Arno Funke, all dies hat er über Jahre gelernt und lernen müssen.

Funke ist lange schon kein Dagobert mehr. Der Puls von Funke als Reduktions- und Überlebensprofi wäre nicht einmal durch Überschwemmungen oder Feuersbrünste in australischen Camps über 90 zu bewegen. Der Mann hat Schlimmeres überlebt als den australischen Dschungel. Formattechnisch ein Langweiler, ist er ist als stiller, freundlicher Mann mehr in sich selbst zuhause als im Kontakt zu anderen.

Das Ding mit den Männern

Der Dschungel gleicht dem richtigen Leben ebenso, wie er sich von ihm unterscheidet. Immer wieder sieht die Gruppe der Kandidaten Menschen, deren sexuelle Orientierung über jene orthodox verheirateter Heteros hinausgeht. Lorielle London, 29, oder Olivia Jones sind Beispiele dafür. Den Kern der eigentlichen Aufmerksamkeit bilden hier weniger die Personen selbst.

In einer Situation ohne Privatsphäre gestatten sie den anderen Begegnung und Auseinandersetzung mit Fremdem und bieten Raum für leise oder deutliche Irritation: Plötzlich kann im Alltag der Camp-Bewohner normal und greifbar werden, was für den einen oder die andere bislang allein aus der sicheren Distanz des Vorurteiles betrachtet schien. Eine Transe auf dem gemeinsamen Dschungel-Klo ist qualitativ allemal etwas anderes, als ihr beim Sekt auf roten Teppichen zu begegnen.

Die aktuelle Transe ist der als Travestie-Künstler, Drag-Queen und Kultfigur Olivia Jones bekannte Oliver Knöbel, 43: Einerseits im doppelten Sinne des Worte “ein Typ“, andererseits ein erwachsener Sympathieträger mit einer sauberen Mischung aus Humor, Selbstironie, Konfliktfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Doch Knöbel-Jones ist auch Beleg des tragischen, männlichen Dilemmas der aktuellen Gruppe:

Oliver Knöbel, der sich als Transe Olivia Jones gegen klassische Männerrollen entschieden hat, ist mit Abstand die erwachsenste und männlichste Figur der gesamten Gruppe. Die Rollen insuffizienter Witzfiguren und maskuliner Minderleister werden im Gegensatz zu Jones von denen bekleidet, die sich für die Fortsetzung ihrer männlichen Geschlechtsrolle entschieden haben. Kein Wunder also, dass Fiona und Georgina sich weitgehend auf ihren gemeinsamen Konflikt konzentrieren: Der einzig im Camp verfügbare Mann will keiner sein und steht nicht zur Verfügung. Alternative Prinzen mit lebendigem Begattungspotential existieren nicht wirklich.

Über diesen Aspekt hinaus übernahm Olivia Jones immer wieder eine zentrale Führungsrolle: Teams funktionieren generell nur, wenn in der Gestaltung der Beziehungen untereinander, in der Übernahme von Verantwortung für System und Regeln und auch für Gestaltung eines Klimas relativer Klarheit und Gemeinsamkeit Verantwortung übernommen wird. Gerade in Kontexten einer kontrolliert inszenierten Krise: Nichts anderes ist das Dschungelcamp. Auch seitens der Produktion wird Olivia Jones eine deutlich herausgehobene Rolle eingeräumt: Kein anderer Bewohner kommentiert im “Interview“ so häufig den Prozess.

Männer?

Die Krone des Wettbewerbes um den männlichsten Mann im Camp hätten Patrick Nuo, 31, und Silva Gonzalez, 33, Olivia Jones streitig machen können. Nuo wirkte weitgehend wie ein DSDS-Jury-Roboter, den man versehentlich farblos und kantig in den Dschungel gestellt hat. Der Mann, so mag man denken, wird noch in 30 Jahren aussehen wie heute, und niemand wird es merken.

Berichte über seine ehemalige Porno-Sucht taugten mehr für Schlagzeilen und Moderatoren-Witze als für die Steigerung seiner Attraktivität und behinderten mögliches, weibliches Interesse im Camp. Nur wenige Frauen sind Hefte. Auch die zweite, klassisch männliche Domäne, Krieg und Konflikt, gehört sichtbar nicht zu Nuos Kernkompetenzen. In dieser Frage half es auch nicht, dass Nuo Küken Joey auf eine ungelenke Traumreise führte und ihn so in die Grundzüge des Volkshochschulkurses für Meditation einführte. Mehr, so ahnt man, wird Nuo in dieser Camp-Staffel nicht einführen.

Silva Gonzales hingegen stochert unglaubwürdig primär aus Gründen des Self-Marketing in Konfliktfeldern herum, ohne sie sich wirklich zu eigen zu machen. Dass ein Mann mit seiner Außenwirkung allen Ernstes in einer Gruppe mit dem Namen "Hot Banditoz“ singt, klingt paradox genug. Noch paradoxer scheint dies, wenn man Silva in Camp-Pausen falsch und dünn singen hört. Gonzales switcht zwischen scheinbarer Bereitschaft zur Konfrontation und dem Abziehbild des Verständnisvollen, ist schnell und schnell laut, aber im Kern ohne Kontur. Silva Gonzales trägt das Selbstbild eines Steaks mit der Außenwirkung eines Würstchens.

Die Alten

Der Raum zwischen Respekt oder Bewunderung auf der einen Seite und dem uns allen vorgegeben Diktat des Schwächer-, Müder-Werdens, des Verfalls ist maximal so breit wie die Schneide einer Rasierklinge. Er sieht Wracks der Menschenschrottplätze in einer Ecke oder bewundert Erfahrung und Würde in der anderen Ecke des Spektrums. Von Werner Böhm über Helmut Berger bis zur Dschungelkönigin Ingrid van Bergen und Arno Funke war diese Position der Alten häufig besetzt.

Kaum jemand der Dschungelcamp-Kandidaten ist in einer Vier-Generationen-Großfamilie sozialisiert. Kandidaten, deren vor ihnen liegende Lebenszeit deutlich geringer ist als jene, die sie hinter sich gelassen haben, bieten über den Umgang mit Alter hinaus gruppendynamisch Chancen für Generationenkonflikte, Schutzimpulse, Beißhemmungen oder die Begegnung mit unbekannten Haltungen zu Leben und Werten.

Helmut Berger bot für kurze Zeit Einblick in eine Art des Alt-Werdens, die kaum jemand frei für sich wählen würde. Dem Mann, der an wenigen Tagen öffentlich im Dschungel fortsetzte, was er lange vorher schon in seinem Leben begonnen haben mochte, wurde von einigen Betrachtern paradoxerweise Würde zugesprochen. Die Wahrheit ist: Ein vielleicht aus pharmakologischen Gründen lethargischer, autodestruktiver, alter Mann wirkte wie ein ruhiggestelltes Wrack. Wracks haben eine Geschichte. Würde haben sie nicht. So war Bergers Ausscheiden aus dem Camp ebenso richtig wie die darauf folgenden Australien-Temperatur-Diskussionen befremdlich schienen, weil sie einen nebensächlichen Detailaspekt in den Blick nahm.

Berger-Nachfolger Klaus Baumgart, 58, scheint – wracktechnisch gesehen – für sich auf einem erfolgreichen Weg. Und dies, so mag man denken, wahrscheinlich schon seit jungen Jahren. Anders ist das aktuell sichtbare Ergebnis kaum zu interpretieren. Dass der grundsätzlich stumpfe Baumgart freizügig mit seinem Geschlechtsteil umging, mochte man lustig finden, man mochte ihm mangelndes Feingefühl oder gar Inszenierung unterstellen.

Die Art und Weise allerdings, in der er die sich quälende Iris Klein bei der Schatzsuche anfeuerte, erotisierte und begrapschte, trug Züge, wie man sie von alten Säcken und sabbernden Lustgreisen kennt. Diesem Klaus zusehen zu müssen, hatte mehr Ekel-Potential als der Genuss von Käsefrucht und Kakerlaken. Sichtbarkeit und Bedeutung in der Gruppe sind darüber hinaus annähernd auf unterirdischem Niveau.

Küken

“Joey the brain“ als Küken löst Welpenschutz-Impulse bei Mit-Campern alleine dadurch aus, dass es nicht versteht, wo es hingeraten ist, obwohl es einen Vertrag unterschrieben hat und Geld für die Dschungel-Teilnahme erhält. Jemand, der in entzückender Naivität jene Themen anspricht, die von den Tabu-Filtern der anderen reflektorisch vernichtet werden, bevor sie Hirn und Zunge je erreichen können. Staunen zu müssen, noch staunen zu dürfen, statt erwachsen zu ein, hat große Attraktivität.

Das ist Joey Heindle. Die dunklere Seite des Reizes sieht vor eben diesem Hintergrund einen Jungen, der schneller und schutzloser an seine wahren Belastungsgrenzen gelangt. Auch dieser Aspekt bindet die Aufmerksamkeit von Zuschauern, so gerne man es Joey ersparen mag. Ein Grenzformat ohne Protagonisten, die spürbar mit ihren Grenzen konfrontiert werden, wäre nicht nur langweilig, sondern auch unehrlich.

Restbestände

Beschriebe man gruppendynamische Rollen, böte der Rest der Gruppencamper das, was man als Mitläufer beschriebe. Allegra Curtis, 46, ist in ihrer Außenwirkung von ihrem Vornamen etwa so weit entfernt wie Michael Steinbrecher von seinem Nachnamen, auch wenn sie in den letzten Tagen begann, sich zumindest eine Intrigantinnen-Rolle zu erschließen. Claudelle Deckert, 39, als Playboy-Projektionsfläche für Männerphantasien hat bislang maximal die emotionale Präsenz eines weiblichen Arno Funke.

Nur will eben dieser nicht überspringen, auch wenn das eine oder andere männliche Exemplar der Camper-Truppe Claudelle unter Umständen gerne bespringen würde: Claudelle ist farblos, ohnehin spränge jeder ins Leere. Zur Steigerung visueller Attraktivität an der äußeren Hülle zu schrauben, reicht für den Playboy allemal. Für die Rolle einer lebendigen Frau im Dschungelcamp ist dies zu dünn.

Auch Iris Klein, 45, hat bislang nicht viel dafür getan, sich aus dem Rollenbild der Katzenberger-Mutti zu befreien. Sie ist zwar nicht so passiv wie andere im Camp, trägt jedoch die historische Bürde eines Menschen, der ohne jede Eignung und Talent um jeden Preis ins Fernsehen will. Ins Fernsehen muss. Dieses Ziel mit lebendigem Erfolg verfolgen zu können, ist für Frauen mit der Ausstrahlung einer hessischen Hauswarts-Gehilfin, die ab und an auf dem Markt am Kartoffelstand der Tochter aushilft, nicht so ganz leicht zu erreichen. Das wird auch diesmal nichts, es sei denn, Iris steuert noch das eine oder andere unbedeutende Kindheitstrauma bei und weint dabei ganz heftig.

Rollen und Dynamik in Gruppen sind nie statisch. So ist es – auch für Iris Klein – immer möglich, sich aus bestehenden Rollen heraus in andere hinein zu entwickeln. Selbst ein Arno Funke könnte dies theoretisch. Es brauchte allerdings den Druck eines spürbaren Anlasses. Peer Kusmagk, 37, etwa hat dies in der dramatischen Dynamik der Konflikte um Sarah Knappik, 26, bis zum Dschungelkönig verwirklicht. Wahrscheinlich für die Gruppe der Mitläufer scheinen Entwicklungen nach aktuellem Stand der Dinge nicht.

Wer geht?

Medien sind Kanäle, das gilt auch fürs Fernsehen. Nüchtern betrachtet dienen sie dazu, am Eingang des Kanals etwas zu produzieren und so zu vermitteln, dass auf der anderen Seite bei Zuschauern Identifikation, Interesse und Bindung entstehen. Ob Sympathieträger oder Kotzbrocken, Heldin oder Klassenfeind ist zunächst so lange egal, wie Sichtbarkeit und emotional spürbare Präsenz verwirklicht sind. Menschen – auch Zuschauer – identifizieren sich stets durch emotionale Bindung. Man folgt Personen, kaum Konzepten, rationalen Aspekten oder Theorien. Gerade in der Welt des Fernsehens.

Unsichtbar zu sein ist also unverzeihlich. Bleibt es, wie es ist, werden Arno Funke, Allegra Curtis, Kaus Baumgart, Iris Klein, Claudelle Deckert und Patrick Nuo als Lagerware schnell um ihren längeren Verbleib fürchten müssen. Auch für Silva Gonzales könnte es bald eng werden, weil mit der Glaubwürdigkeit ein weiteres zentrales Kriterium fehlt.

Unterhaltung und Erfolg

Die alte Frage, ob das Dschungelcamp unangemessen Grenzen überschreite, muss jeder für sich selbst prüfen. Lägen die Ursachen für den Erfolg des Camps ausschließlich in dem Genuss, als Zuschauer von der Fernsehcouch gruppendynamische Randgruppen-Prozesse schriller Vögel zu betrachten, müsste Big Brother ebenso erfolgreich sein.

Die Wahrheit ist zunächst, dass das gesamte Team von Sender und Produktion auf hohem professionellem Niveau unter schwierigen Bedingungen eine hervorragende Arbeit macht. Man spürt – bis hin zu Auswahl und Einspielung unterlegter Musik – auf allen Ebenen die Aufmerksamkeit, die dem Produkt gewidmet wird, und dies ist eben nicht Standard im deutschen Fernsehen. Die Texte der Autoren Micky Beisenherz  und Jens Oliver Haas sind hervorragend, und auch Sonja Zietlow und Daniel Hartwich haben als neues Moderatoren-Duo einen sehr guten Start hingelegt.

Dass selbsternannte Medienexperten bei Facebook oder in Medien-Kommentaren wie Stammtisch-Bundestrainer Daniel Hartwich bereits am ersten Tag als mittelmäßig bezeichneten, nach dem Ausscheiden von Berger penibel Wetterkarten posteten und schließlich RTL Olivia Jones als künftige Hartwich-Nachfolgerin anempfahlen, ist nicht nur inkompetent und peinlich, sondern darf als Beleg für die Kraft der Identifikation angesehen werden, die der Dschungel auslöst. Daniel Hartwich im Übrigen ist durchaus talentiert, macht im Dschungel einen guten Job und hat ein wenig Zeit für Entwicklung allemal verdient.

Letztlich ist der Dschungel im Kern Brennglas dessen, was Menschen im Leben zu tragen haben. Dies verdichtet zu betrachten, macht einen weiteren Baustein des Erfolges aus. Auch, wenn es viele nicht gerne hören mögen: Jeder Kandidat repräsentiert auf seine Art in Teilen Themen von uns allen: das Werben um Anerkennung. Durchzuhalten, wenn es eng und eklig wird. Alt zu werden. Sich Würde zu bewahren. An Grenzen zu stoßen. Ausgegrenzt zu sein. Hinter dem Rücken über andere zu lästern. Hässlich oder attraktiv gefunden zu werden. Drinnen oder draußen zu sein. Unseren Voyeurismus, wenn andere in Krisen oder an Grenzen kommen.

Im Kern sind wir alle Camper. In unserem Leben und in unseren Dschungeln. Wir bekommen nur kein Geld dafür.



Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

mehr

25.01.2013 die Bewusstlosigkeit der Masse

GFDK - Iris Nicole Masson

ACHTUNG, Ihr politischen Gegner, Unbequemen, Whistleblower, Widerständler, Revoluzzer: Jetzt geht´s Euch an den Kragen. Ihr werdet nun nicht mehr nur als "Verschwörungstheoretiker" oder "Spinner" abgewatscht. Nein, seid Ihr aufmüpfig, kann es Euch passieren, dass Ihr einfach weggesperrt werdet. Ja, ja, ab ins Zwangsjäckchen und Pilleken geschluckt.

So wie Gustl Mollath ... Und wenn man dann bedenkt, dass lediglich 44 (!!) korrupte Hanseln von insgesamt 620 Abgeordneten in einem nahezu LEEREN Plenarsaal mal so eben ein Gesetz durchwinkt, das jegliche Grund- und Menschenrechte mit Füßen tritt, indem JEDER ZWANGSWEISE mit Psychopharmaka oder in der Klapse ""behandelt" werden kann ...

... dann lässt das 3. Reich grüßen!


Doch die größte Schizophrenie ist die Bewusstlosigkeit der Masse, das allgemeine Desinteresse an Politik!

Geht auf den Link, dort könnt ihr die Abstimmung sehen:

ca. 44 Bundestagsabgeordnete beschließen Gesetz zur psychiatrischen Zwangsbehandlung – WAS IST HIER LOS?

kulturstudio.wordpress.com/2013/01/23/ca-44-bundestagsabgeordnete-beschliesen-gesetz-zur-psychiatrischen-zwangsbehandlung-was-ist-hier-los/

 

mehr
Treffer: 751