Reden ist silber, Schreiben ist gold

19.12.2012 Favorit ist der Markt am Schloss Charlottenburg

GFDK - Stefanie Tendler - 4 Bilder

Pünktlich zur Adventszeit werden in ganz Deutschland viele kleine Holzbuden aufgebaut, die vor allem auf den traditionellen Märkten nicht fehlen dürfen. Im 14. Jahrhundert gab es bereits die ersten Märkte, die während der Weihnachtszeit zum Treffpunkt für Jung und Alt wurden, um in der kalten Jahreszeit das Warten auf Heilig Abend zu verkürzen.

Denn im dunkelsten Monat, gibt es für manch einen kaum etwas Schöneres, als der Besuch eines Weihnachtsmarkts.

Gemütlich lässt es sich hier von Bude zu Bude schlendern, während der Duft von gebrannten Mandeln und Lebkuchen in der Luft liegt. Ein heißer Glühwein, der nicht nur den Bauch wohlig warm werden lässt und die Backen rosig färbt sondern auch die ausgekühlten Hände wärmt, ist der Höhepunkt eines jeden Besuchs.

Während es mancherorts gerade mal eine Handvoll dieser Märkte zur Auswahl gibt, hat man in Berlin die Qual der Wahl. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Wer die  traditionsreichen Weihnachtsmärkte mag, wird sich auf dem großen Markt in der Spandauer Altstadt wohlfühlen.

Die vielen kleinen, historischen Weihnachtsmärkte Berlins bis hin zum Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt oder dem Disko Weihnachtsmarkt Alexa am Alexanderplatz könnten unterschiedlicher kaum sein und sind nahezu so vielfältig wie Berlin selbst.

Mein persönlicher Favorit ist der Markt am Schloss Charlottenburg. Während viele Berliner Weihnachtsmärkte sehr kommerziell sind, trifft man hier auf abwechslungsreiche Buden, leckeres Essen und kann die unterschiedlichsten Glühweinsorten vor einem illuminierten Schloss genießen.

Unter der Woche kann man sich hier ziemlich entspannt über die ganze Fläche bewegen und hat die Möglichkeit das angebotene „Kunsthandwerk“ und die zahlreichen anderen Buden in Ruhe zu begutachten.

Ein Besuch des Charlottenburger Weihnachtsmarkts versetzt einen in eine weihnachtliche Vorfreude und erschlägt einen nicht mit einem Überangebot an kitschigem Schrott.

Das Schönste am Besuch eines Weihnachtsmarkts ist allerdings das Zusammensein mit lieben Menschen, gemeinsames Bibern in der winterlichen Kälte und die gute Laune, die spätestens nach dem dritten Glühwein aufkommt.

In diesem Sinne wünsche ich allen eine besinnliche Weihnachtszeit.

 

 

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18.12.2012 zum aktuellen thema

Eva Horstick-Schmitt arteve - 14 Bilder

2010 habe ich als Projekt - Kunstdoku- Schilder in den USA fotografiert. Verbotsschilder!
Es gab natürlich kein Schild innerhalb 6000 gefahrene Reise- km, wo es verboten war Waffen zu tragen oder zu kaufen.


Anbei einige der bescheuersten Schilder, die mir je begegnet sind. Auf dem Woodstockfestivalgelände gab es ein Schild, auf welchem sogar das Rauchen auf dem freien Gelände verboten war und weitere merkwürdige Anordnungen der woodstock-Bethel-Betreiber. Woodstock, der Inbegriff von Hippie und Freiheit. Ich war geschockt beim Anblick des Schildes.

Unfassbar !


In den USA darf jeder Waffen besitzen, durch die Gegend ballern und sein Grundstück auf dieses Weise verteidigen.
Für mich eine der Gründe, warum es dort soviele Shootings gibt von durchgeknallten jungen Menschen.
Sie wachsen in teils biederen Welten auf , in denen alles verboten ist, nur nicht der Besitz von Waffen.
Was glauben etliche  Amis denn bei ihrem Intelligenzquotienten, den sie nie nutzen, oder nicht haben, warum es soviele Verrückte gibt?


In den USA gibt es mehr Verbotsschilder als irgendjemand eine Vorstellung hat. Dort wohnen zum Teil derart biedere Gedanken, dass diese beim Anblick von einer barbusigen Frau am Strand gleich ne Krise bekommen. Am Kiosk werden die Zeitungen umgedreht, wo z.B. etwas unverhülltere Damen zu sehen sind.


Diese allgemein biedere Haltung findet man ebenso in den Metropolen wie z.B NYC. Dort sagte mir 2010 ein Künstler beim Anblick meiner wirklich ästhetischen Bodypaintingfotos, ich wäre verrrückt"and a freak"( was soviel heisst wie extrem ausser der Norm) mit meinen Fotografien. Ich dachte wirklich, das kann nicht sein....Anachronismus pur.


Bei den Waffen sind sie in den USA mehr als  offen und der Rest ist Geschichte.
Sie fahren ohne entsprechende Bekleidung auf dem Moped, laufen mit Kampfhunden durch die Gegend und sind bewaffnet bis unter die Zähne.


Es ist eine Tragödie, dass wieder einer durchdrehte, der sicher in einer mehr als biederen Welt aufwuchs, die sich durch Verbote definiert , aber nicht begriffen hat, dass Waffen und deren Besitz die grösste Gefahr für Leib und Leben sind.

Eva Horstick-Schmitt arteve

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18.12.2012 Kritik zu "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise"

GFDK - Marie Allnoch

Große Erwartungen

Mit der epischen Verfilmung der „Herr der Ringe“-Saga hat Peter Jackson sich vor 11 Jahren endgültig in den Regieolymp katapultiert. Seither wurde viel rezipiert und gelobt, nun wird viel erwartet. Die offizielle Meldung, Peter Jackson werde sich auch dem „Kleinen Hobbit“, der ebenfalls von J.J.R. Tolkiens verfassten Vorgeschichte, annehmen liegt 5 Jahre zurück. Die Spekulationen haben sich überschlagen, erste Bilder und Trailer wurden pedantisch unter Verschluss gehalten und dann heroisch gefeiert. Zur Weltpremiere in Wellington/Neuseeland, Heimatstadt von Peter Jackson und Heimatland von Waldläufern und Orks, ließ sich kein Mitglied der geladenen Hollywoodprominenz zweimal bitten.

 

Zuckersüße Reisevorbereitungen

Nun ist es also soweit, der Tag der Wahrheit. Mit einem Softdrink bewaffnet, der New Yorks  Bürgermeister Bloomberg die Tränen in die Augen treiben würde, suche ich den richtigen Kinosaal. Eigentlich kann ich ihn gar nicht verfehlen, am Premierentag läuft nur auf einer einzigen der elf Großleinwände ein anderer Film. Spannung und Erwartungshaltung steigen, meine Reise nach Mittelerde kann beginnen.

Es ist als wäre ich nie weggewesen. Frodo Beutlin, Star der „Herr Der Ringe“-Trilogie, empfängt mich im Haus seines Onkels Bilbo, gelegen im Auenland, der Heimat der Hobbits. Friedfertigkeit und Ruhe des Halblingsdorfes lassen sofort ein Gefühl von Vertrautheit aufkommen und entführen mich in die umschwärmte Phantasiewelt Tolkiens. Auch das Buch, in dem Bilbo seine Erlebnisse aufzeichnet, kommt mir bekannt vor: in den „Herr der Ringe“-Filmen hat er hier kontinuierlich seine Abenteuer festgehalten. Mit einem brillanten Schachzug, fast unmerklich, lässt Jackson den Zuschauer in die niedergeschriebene Geschichte eintauchen und führt ihn so zurück in die Vergangenheit, der Zeit des jungen Bilbo Beutlin.

 

Ein polemisches Manifest

Die Uhren sind um 60 Jahre zurückgedreht: Eine Gruppe Zwerge hat sich aufgemacht, ihre vor langer Zeit verlorene, von einem Drachen besetze Heimat zurückzuerobern. Gandalf der Graue, seines Zeichens einer der mächtigsten Zauberer Mittelerdes und enger Freund des Beutlin-Clans, bietet Bilbo das Abenteuer seines Lebens an. Er soll sich der Zwergengemeinschaft anschließen, die Position eines Meisterdiebes besetzen, denn er ist flink und wendig. Weshalb ausgerechnet Bilbo Beutlin der Auserwählte ist? Ich tappe im Dunkeln. Eine pathetische Antwort darauf bekomme ich im späteren Verlauf des Films, eindrucksvoll und rhetorisch ausgefeilt hält Gandalf auf Nachfrage einer Elbin eine Ode an den kleinen Mann, droht sich in einer Phrasenpredigt über soziale Gleichstellung zu verlieren. Vor karamellisiertem Sonnenuntergang kratzt er grade noch die Kurve und gesteht Selbstzweifel und Angst. Der kleine Mann wird’s schon richten.  Nach einigem Zögern entschließt sich Bilbo, neue Wege einzuschlagen und den Zwergen zu folgen.

 

Die Kreuzritter des 21. Jahrhundert?

Im weiteren Verlauf der Reise werden tiefe Verstrickungen der „Herr der Ringe“- Trilogie aufgeklärt, beispielsweise die bisher willkürlich scheinende Feindschaft zwischen Elben und Zwergen. Wohltuende Antworten, die erneut eine Verknüpfung zur nachfolgenden Geschichte herstellen. Viele Figuren aus der Trilogie werden wieder aufgegriffen, aber das epische Gefühl das diese ehemals fabelhafte Welt vermittelte bleibt aus. Trolle, von Nasensekreten angewidert und über Salbei streitend, irritieren. Überhaupt scheint das 21. Jahrhundert Einzug gehalten zu haben im zeitlosen Reich Mittelerde. Trotz der dank neuester HFR 3D – Technik noch martialischer wirkenden Kampfszenen scheinen die Protagonisten verweichlicht, den bisher ehrwürdigen „Gefährten“ und „Männern“ raunt man jetzt im Akkord „Los, Jungs!“ zu. Der neue Mann? Nur einer einzigen Frau, der Elbin Galadrien, kommt eine Rolle von Bedeutung zu. Ich frage mich, wo all die anderen bildschönen weiblichen Fabelwesen verblieben sind. Mit ihrer Karriere beschäftigt?

 

Ein oscarverdächtiger Martin Freeman zerrt am  Niveau

Ganz anders die Figur des Bilbo Beutlin, brillant gemimt von Martin Freeman. Schon im Verlauf des ersten Teils der „Hobbit“-Trilogie durchlebt der Charakter des jungen Halblings eine fesselnde Wandlung. In Coming-of-Age-Manier trägt Jackson den heimelichen, gemütlichen Hobbit durch geistreich kreierte Sequenzen hin zum selbstbestimmten Helden. In der ersten Begegnung Bilbos mit der bedauernswerten Kreatur Gollum (Andy Serkis) beweisen die beiden Schauspieler überwältigendes Feingefühl, das an die großen Theaterbühnen der Welt erinnert. Der Charakter Beutlin bleibt dabei jederzeit in Bewegung, zeigt unterschiedlichste Facetten und bietet so dem in der „Herr der Ringe“-Saga stagnierenden Charakter Frodo erfolgreich die Stirn.

 

Trotz großartiger Technik und imponierenden Aufnahmen kann Peter Jacksons Adaption nicht gänzlich überzeugen. Die verkrampfte Dreiteilung der Romanvorlage lässt den Handlungsverlauf künstlich in die Länge gezogen wirken. Zu offensichtlich ist die Sorge um finanzielle Ausschöpfung größer als die um die Klärung wichtiger Aspekte, wie der Bedeutung des Rings für den folgenden Handlungsverlauf. So verliert das Geschehen im ersten Teil der Trilogie seine Notwendigkeit, der Film wirkt unselbstständig und ohne Fortsetzung sinnwidrig. Dennoch lohnt die Beschäftigung mit der „Unerwarteten Reise“: Martin Freeman fesselt den Zuschauer mit bescheidener Zurückhaltung und Authentizität über die 169 Minuten hinaus und macht damit umso besser, was ich an anderer Stelle misse.

Als der Vorhang sich schließt frage ich mich, was Tolkien, Professor für englische Sprache in Oxford, an meiner statt wohl niedergeschrieben hätte. Ich werde es niemals erfahren, nur so viel ist sicher: Martin Freeman alias Bilbo Beutlin hat sich mit britischem Charme Tolkiens Idee würdig gezeigt und so das Niveau der Produktion beflügelt. Marie Allnoch

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17.12.2012 Die Armen und Kaufkraftschwachen

GFDK - Heinz Sauren

Kaum jemand versteht in vollem Umfang die Mechanismen und absurden Möglichkeit des Finanzkapitalismus. Auch unsere Regierungen nicht, trotz aller Versuche der Gesicht wahrenden und gegenteiligen Darstellungen. Zwar mühen sie sich, einen roten Faden für ihr Handeln zu finden und bemühen ganze Heerscharen von Analytikern und vermeintlichen Fachleuten, müssen jedoch immer wieder aufs neue feststellen, dass die Finanzjongleure ihnen immer einen Schritt voraus sind, in dem undurchdringbaren Dickicht finanztechnischer Gaukeleien.

Die Interessen der einstmals an einem Strang ziehenden Hauptakteure stehen sich konträr gegenüber seitdem, auch durch eine fehlgeleitete Politik, einer der beiden, hier die Finanzwelt für sich erkannte, wie leicht es ist exorbitante Gewinne zu realisieren, bei gleichzeitig nahezu vollständiger Abwälzung der Risiken, auf den anderen, die Politik und in Folge dessen auf jeden einzelnen Teilhaber an dem Geldsystem.

Die Regierungen, die einstmals ebenso maßlos an den Gewinnen partizipieren durften, fühlen sich von dem warmen Geldregen abgekoppelt und müssen nunmehr ihren Bevölkerungen erklären, warum diese immer mehr für ein System bezahlen müssen, von dem sie nicht mehr profitieren.

Solche Belastungen sind unpopulär, gefährden einstmals sicher geglaubte Mehrheiten und führen zu politischen Verwerfungen, die eine etablierte Politik nicht hinnehmen kann, wenn sie nicht grundsätzlich ihren eigenen Machterhalt gefährden will. Die Zeit der beruhigenden Geschenke an die Wähler, des billigen Kaufes der eigenen Macht ist vorbei. Zwangsweise sieht sich die Politik mit den Realitäten konfrontiert. Realitäten, die sich nicht verändert haben, die von der Politik so gewollt wurden, unter den neuen Vorzeichen aber nicht mehr profitabel für die Politik sind.

Die Macht des Geldes hat der Politik ihre Machtlosigkeit gezeigt und den Kampf vorerst gewonnen. Ein Kampf der eigentlich schon entschieden war, als die beiden Akteure miteinander antraten, um die Welt unter sich aufzuteilen. Entschieden durch die Naivität der Politiker, die sich durch Geldgeschenke blenden ließen und nicht Fragen wollten, wie dieses Geld eigentlich generiert wurde, solange sie davon profotierten. Diese „Nach mir die Sintflut“ Mentalität, war bezeichnend für die Politprominenz gegenüber der Finanzwelt, in den letzten zwanzig Jahren.

Nun ist alles anders. Der ehemalige Verbündete ist zum neuen Feind erklärt worden und der Einfachheit halber, gleich mit alle Fehlern der Vergangenheit belastet. Die eigenen Hände in Unschuld waschend, versucht die Politik nun, zu retten was zu retten ist. Diese Rettungsversuche sind dem neuen Feindbild angepasst und folgen dem großen Ziel, der unbedingten Erhaltung der Strukturen, zur Erhaltung der bestehenden Machtverhältnisse. Es wäre naiv zu glauben, dass die Politik sich generell in der gleichen machtlosen Position, wie gegenüber dem Finanzmarkt, befindet.

Ihre Macht ist auch weiterhin gegeben, zwar nicht in Hinsicht auf die Akteure des Finanzkapitalismus, jedoch auf die eigenen Bevölkerungen. Folgerichtig versucht die Politik auch nicht die Finanzjongleure zu Rechenschaft zu ziehen, diese Mitursache befindet sich außerhalb des Machtbereiches der Politik, sie versucht die Symptome zu mildern und Lösungen zu etablieren, auf den Feldern, in denen sie Macht hat, der Gesellschaften und ihren Bevölkerungen. Zwangsläufig muss nun der einzig unter den Machtstrukturen der Politik verbleibende Beteiligte, zur Lösung der Strukturkrise heran gezogen werden.

Einer Krise die nur an einem krankt, dem Geld und daher auch nur mit einem zu heilen ist, mit Geld. Zumindest solange wie man die grundsätzlichen Strukturen nicht in Frage stellen möchte, was die Politik mit Sicherheit nicht wird, da eine solche Infragestellung, einer Infragestellung ihrer selbst gleich käme. Daher ist es auch irrelevant ob und wann dieses Geldsystem aus sich heraus kollabiert, da Systeme unbegrenzten Wachstums, innerhalb geschlossener Systeme nun einmal nicht funktionieren. Das eigentlich bereits unter gehende Geldsystem hat einen Befreiungsschlag vollbracht.

Abzulesen ist dieser an dem Bruttoinlandsprodukt der Ländern, bei welchem der durch Dienstleistungen erbrachte Mehrwert seit einigen Jahren beständig wächst. Die Dienstleistungsgesellschaft ist die Lösung gegen ausgehenden natürlichen Ressourcen, so ist der Glaube der Politik, da diese Ressource geeignet scheint, den wegbrechenden Mehrwert aus den natürlichen Ressourcen zu kompensieren. Die Ausbeutung des Menschen wird von einem geduldeten Nebeneffekt zu einer System relevanten Ressource. 

 Solange die vorhandenen Strukturen wirken, würde ein Zusammenbruch des Geldsystems schlicht ignoriert und der Glanz durch immer neue Finanzgaukeleien erhalten werden. Wenn zwei Spieler sich einig sind und einfach weitermachen, lassen sich Fakten lange vertuschen, wenn es einen Dritten gibt, der sich zum füllen der aufgerissenen Lücken auspressen lässt.

Viele haben dieses bereits erkannt und hoffen auf einen generellen Neustart. Ein Neustart mit Hilfe eines neuen und gerechten Währungssystems, welches zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, nicht auf der Mittellosigkeit und Armut einer breiten Masse basieren würde. Die Euphorie die diese Gruppe der Abtrünnigen trägt, wird zum einen durch die bestechende Richtigkeit ihrer Erkenntnis und zum anderen aus dem gefühlten Zuspruch einer breiten Masse, genährt. Sich diesen Zuspruchs sicher zu fühlen, ist jedoch zumindest eine gutgläubige Sichtweise auf die breite Masse der Bevölkerung.

Es besteht ein eklatanter Unterschied für die meisten Menschen innerhalb der Bevölkerung, eine offensichtliche Fehlentwicklung als Lippenbekenntnis zu kritisieren und dem gegenüber der tatsächlichen Zustimmung zur Zerschlagung des etablierten Geldsystems. Dieser Unterschied besteht in der Zustimmung zu einer theoretischen Möglichkeit und dem tatsächlichen erleiden der Konsequenzen, die zwangsläufig wären. Diese Zwangsläufigkeit ist dem Großteil der Menschen bewusst. Da ihnen jedoch die Komplexität eines solchen Ereignisses Angst macht und etwaige positive Folgen daraus den meisten zu abstrakt bleiben, bewerten sie die möglichen Ereignisse an ihren persönlichen Umständen.

Geld ist seinem Sinne nach ein positiver Wert und wird von den Menschen auch so verstanden. Obwohl dies einen der folgenschwersten Irrglauben der menschlichen Geschichte darstellt, ist es eine unabwendbare Tatsache. Geld hat ihnen ihren schönen Mittelklassekombi beschert und auch ihr Häuschen ist Geld Wert. Geld ist die Belohnung ihrer Arbeit, gibt ihnen Sicherheit und einen verdienten Urlaub auf Mallorca. Ihre Rente ist Geld und damit ihre Zukunft.

Die Infragestellung von Geld, ist die Infragestellung der wichtigsten Werte der Menschen. Es wäre naiv zu glauben, den Willen einer Gesellschaft dazu zu erhalten, ihr Selbstverständnis, ihr Leben und ihre Zukunft zu zerschlagen, für die Hoffnung auf ein besseres danach.

Für die Abtrünnigen bedeutet das, je größer sie an Anzahl und Einfluss werden und damit die Wahrscheinlichkeit ihres Erfolges erhöhen, desto größer wird die qualitative und quantitative Abwehr gegen sie sein. So lange die Werte dieser Gesellschaft bestehen, solange ist für die Abtrünnigen keine Mehrheit denkbar und damit auch keine grundlegende Änderung des Systems.

Die Veränderung eines grundsätzlichen Wertes wie des Geldes, der an Universalität und Einfluss weltweit seines gleichen sucht, Gesellschaften in ihrer Funktion trägt und formt, wird nicht die Folge einer vielleicht sogar kollektiven Einsicht sein. Ein derart etablierter und bestimmender Wert, ist das Produkt vieler Generationen gelebter Entwicklung und mit nahezu allen anderen unserer Werte verhängnisvoll verknüpft. Der Wert Geld ist Teil unserer eigenen kulturellen Evolution. Dieser Wert ist im Grunde die Fortsetzung des Feudalismus mit neuen Feudalherren und stellt sicherlich keine Weiterentwicklung in zivilisatorischer Hinsicht dar, aber er ist gegeben.

Um das finanztechnische Instrument Geld zu zerschlagenen, müssten zuerst die grundsätzlichsten und im Weiteren, alle daraus abgeleiteten Werte, in den Köpfen der Menschen verändert werden um so eine allgemeine Akzeptanz für den Wandel und die Etablierung eines Ersatzwertes zu schaffen. Eine Mammutaufgabe die sich im 20.ten Jahrhundert der Kommunismus in der Sowjetunion gestellt hatte und nach nahezu 80 Jahren daran zerbrach. Dennoch ist es eine Aufgabe, der es sich jetzt zu stellen gilt. Schließlich befinden wir uns bereits in der dritten Generation der Werteneugewinnung, die Anfang der 1960er Jahre begann und in den 68er Revolten ihren ersten Höhepunkt fand.

Die bestehende Geldkrise wird in diesem Wertesystem beendet werden. Dieses Wertesystem wird auch die Lösung für die Geldkrise bereit stellen, da es sich ansonsten selbst in Frage stellen würde. Es wird ein Kompromiss der beiden minderheitlichen aber machtvollen Akteure sein, der plakativ zur Beruhigung der Volksseele beide bluten lassen wird, jedoch bei gegenseitiger Bestandsgarantie. Die Lasten aus diesem Kompromiss wird die Gruppe tragen, über die einzig gemeinsam die Macht besteht sie zur Ertragung der Lasten zu zwingen. Die Bevölkerung. Aus Sicht dieser zwar hart und ungerecht, aber kein Totalverlust, der ihnen schon sicher gewesen schien, wenn sie den Abtrünnigen gefolgt wären.

Wirklich leiden in diesem Spiel, in dem sich die Finanzwelt und die Politik den Gesetzen des Machterhaltes folgend jegliche Regelwerke, Gesetze und Richtersprüche bricht, solange es dem Ziele dienlich zu sein scheint, sind jene die in diesem Geldsystem am wenigsten Systemrelevanz haben. Es sind die Armen und Kaufkraftschwachen. Dem folgend sind es auch immer zuerst die Sozialsysteme eines Staates, die geplündert oder zusammen gekürzt werden. Obwohl dies soziales Konflikte vermuten lassen würde, ist das am wenigsten systemgefährdend in einem Wertesystem der Besitzenden.

Solche zu erwartenden Unruhen haben zwar eine insbesondere mediale Dramatik und erhöhen das kollektive Unrechtsempfinden, sind aber für ein Geldsystem strukturell nicht gefährdend, da die dann zu erwartenden Forderungen einer wütenden Mehrheit auf den gefühlten Ausgleich der bestehenden Not gerichtet sein werden und dieses durch das Geldsystem erbracht werden kann. Die Vergangenheit hat gezeigt, das der Wert des Geldes und das streben nach ihm, nach sozialen Unruhen oder Kriegen immer zunahm, ja sogar das zusammen gebrochene Geldsysteme (z.B. 1929) sich in nachfolgenden Zeiten sozialer Unruhe (z.B. die große Depression der 30er Jahre des 20.ten Jahrhunderts), sich regenerieren und neu strukturieren konnten.

Wir sehen einer Zeit entgegen, in der soziale Mindest-Standards in Frage gestellt und der Begriff Armut sowohl Quantitativ als auch Qualitativ, völlig neu definiert werden. Diesen Kampf werden die Besitzenden für sich entscheiden, da sie den eigentlichen Schlüssel ihrer Macht,  die Deutungshoheit über die Werte, in Händen halten.

Die Folge wird eine noch dramatischere Öffnung der Besitzschere sein, die  einen minder privilegierten Teil der Bevölkerung zunehmend entrechtet. Entrechtet nicht durch die Wegnahme von Rechten, die ab einem gewissen Maße des Leidens einer Bevölkerung, für jede Regierung selbstmörderisch wäre, sondern durch Aufwertung des Besitzes und damit des Besitzenden und ihrer Privilegien.

Die Armen und Kaufkraftschwachen sind die einzigen, die durch das erduldete und noch zu erduldende Unrecht was ihnen geschieht, die Ausbeutung ihrer Existenz durch Arbeit um ihr Leben bezahlen zu können, die Legitimation haben, ein Unrecht durch eines neues zu ersetzen und eine Revolution zu wagen. Dieses Recht ist das Recht auf Notwehr und das einzige Recht welches das Unrecht gegen andere legitimiert. Aber auch diese Legitimität wäre temporär begrenzt.

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

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12.12.2012 Buch von Jörg Kachelmann „Recht und Gerechtigkeit

GFDK - DR. RALF HÖCKER

Claudia Dinkel, die unseren Mandanten Jörg Kachelmann fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt hatte, hatte vor dem Landgericht Mannheim eine einstweilige Verfügung erwirkt, mit der es Kachelmann verboten worden war, sie in seinem Buch „Recht und Gerechtigkeit – Ein Märchen aus der Provinz“ mit vollständigem Namen zu nennen. Auf den hiergegen gerichteten Widerspruch hob das Landgericht Mannheim bereits am 25.10.2012 die einstweilige Verfügung und erlegte Claudia Dinkel die Kosten des Rechtsstreit auf.

LG Mannheim begründet, weshalb Anzeigenerstatterin im Buch von Jörg Kachelmann „Recht und Gerechtigkeit – Ein Märchen aus der Provinz“ namentlich genannt werden darf.

In der nunmehr vorliegenden Begründung des Urteils stellt das Landgericht Mannheim fest, dass Claudia Dinkel in ihrem Antrag entscheidende Fakten verschwiegen habe. So habe sie sich eben nicht nur im Juni 2011 für eine exklusive Titelstory in der Zeitschrift „BUNTE“ samt einem halben Dutzend Hochglanzfotos darstellen und unverpixelt sowie mit nur abgekürztem Vornamen darstellen lassen. Vielmehr habe sie zudem auch noch ihre “Geschichte vom Frühjahr 2010” an eine TV-Produktionsfirma “verkauft” und sich Ende 2011 in einem weiteren „BUNTE“-Interview über dieses Projekt wie folgt geäußert:

“Auf die Frage wen sie sich spontan für die männliche Hauptrolle vorstellen könne, antwortet Claudia D. mit einem Augenzwinkern: „Hollywood-Star Georg Clooney“. „Er könnte das nette, freundlich-charmante wie auch das manipulative Element sicher überzeugend verkörpern“, sagt die 38-jährige zu „BUNTE“”.
 
Nach dem Landgericht Mannheim habe Claudia Dinkel durch den „Verkauf ihrer Geschichte an die Filmgesellschaft“ und „ihre Werbung für dieses Projekt seit Ende des Jahres 2011“ „ihre eigene Rolle dabei zum Gegenstand einer Darstellung in der breiten Öffentlichkeit gemacht“. Da Frau Dinkel hierfür auch bereits Zahlungen erhalten habe und im Zuge dieser „kaum reversiblen Preisgabe weiterer Bereiche ihrer Privatsphäre“ weitere Sachinformationen an die Filmgesellschaft liefern müsse, habe sie „deutlich gemacht, dass sie jetzt nicht mehr in privater Zurückgezogenheit die Geschehnisse für sich verarbeiten möchte“.
 
Genau hierauf weise zudem auch die „Sorglosigkeit ihres Anwalts beim Umgang mit Journalisten“ hin, der nach Erlass der einstweiligen Verfügung einem ihm bis dato unbekannten Journalisten Auszüge aus der Strafakte des Verfahrens gegen Jörg Kachelmann übermittelt und zudem auf der Kanzleihomepage den Verfügungsantrag samt vollständiger Namensnennung von Claudia Dinkel veröffentlicht hatte:
 
„Hätte die Klägerin in privater Abgeschiedenheit unbeachtet bleiben wollen, hätte es sich hier aufgedrängt, strenge Weisungen für Medienkontakte zu erteilen“

Anmerkung:

Die Pressemitteilungen geben den Sachstand zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung wieder. Sie erfüllen also eine Archivfunktion und erheben keinen Anspruch auf Aktualität. Nicht alle dargestellten Entscheidungen sind rechtskräftig. Verfahren können in der Zwischenzeit vergleichsweise oder durch eine abweichende gerichtliche Entscheidung mit anderem Ergebnis beendet worden sein als noch in der Pressemitteilung beschrieben.

Höcker Rechtsanwälte Friesenplatz 1 50672 Köln

Exklusiv für freundederkuenste.de - Porträt des Monats über DR. RALF HÖCKER von Michaela Boland

www.freundederkuenste.de/aktuelles/portrait-des-monats/menschen/exklusiv-fuer-freundederkuenstede-portraet-des-monats-ueber-dr-ralf-hoecker-von-michaela-boland.html

 

 

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10.12.2012 Eine gänzlich erfundene Fallgeschichte

GFDK - Christopher Lesko

Eine alte Lebensweisheit sagt: Manchmal wachsen die größten Erfolge aus schwierigsten Anfangssituationen. Häufig werden zu besten Freunden jene, mit denen die Beziehung anfangs schwer beginnt. Dass vor morgendlichem Sonnenaufgang die Nacht saudunkel sein kann, weiß man auch im Fernsehen. “Als das Ziel fiel, war der Weg weg“ stimmt jedoch nicht für RTL. Dies zeigt die nicht ganz so ernst gemeinte, fiktive Entstehungsgeschichte der RTL-Begattungs-Saga: Aus “Bauer bucht Sau“ wurde “Bauer sucht Frau“.

Nicht jedes Erfolgsformat hat in der Konzeptphase einen leichten Start. MEEDIA gilt nicht zu Unrecht als treusorgende Mutter dokumentarischer Mediendienste: Wir lieben nicht nur Fernsehen. Wir lieben auch Zuschauer. Wir lieben Journalisten und Mediendienste. Im Grunde genommen lieben wir alles und jeden. Täglich sprechen wir mit ihm, dem Markt, als hätten wir eine wahrhaftige Person vor uns. Wir leiern in Interviews Prominenten gelangweilte Reaktionen aus der Jacke. Wir schleimen, was das Zeug hält, ohne genau zu wissen, was das eigentlich sein soll - das Zeug.

Aber, wir haben es: das Zeug zu erschütternd dokumentarischer Recherche. Auf eben diesem steinigen Weg der Recherche sind wir auf wahrhaftig frei erfundene Geburtswehen des Ächt-Tee-Äll-Wegschmeißer- und Knaller-Formates “Bauer sucht Frau“ gestoßen. Sie belegen, wie schwer selbst für nobelpreisverdächtige Erfolgsformate konzeptuelle Anfänge geraten können.

Gerade in schnelllebigen Zeiten emsiger Betriebsamkeit geht Zuschauern frühlingsleichter TV-Formate, wie “Bauer sucht Frau“  der Kontakt zu jenem Bündel aus Blut, Schweiß und Tränen verloren, dass Fernsehmacher auf ihren Irrwegen vor Formatstart zu meistern haben. Wir wollen - und wir dürfen! - aus historischer Verantwortung unseren Lesern diese Informationen keinesfalls vorenthalten. Brisanz und Sensibilität des Ursprungmaterials dieser Zusammenfassung haben uns dazu bewogen, unseren Quellen absolute Vertraulichkeit zuzusichern. Wir bitten diesbezüglich um Nachsicht. Hier die Bilanz eines schweren Beginns:

Formatidee: russisches Roulette

Als vor Jahren zwei spätrussische, freiberufliche TV-Formatentwickler in Köln ihre Konzeptidee vorstellten, bestand die erste Reaktion der Senderverantwortlichen in rückblickend tiefem, Misstrauen gegen die Versprechungen deutscher Politik der späten 80er Jahre. Sie nämlich sicherte zu, dass - bis auf hochfrequente Zufuhr unterschiedlichster Pilzsorten - der Reaktor-Unfall in Tschernobyl keinerlei Beschädigungen für die Bevölkerung hinterlassen haben sollte. Zweifel schienen angebracht: Nun also saßen zwei Format-Russen am Konferenztisch des Senders und präsentierten ihre verstrahlte Idee:

Eine Moderatorin aus dem Osten sollte ein Suchformat moderieren. Irgendetwas mit Glück. Einfach sollte es sein. So insgesamt. Auch sprachlich. Sächsinnen also schieden aus. Nett sollte sie sein, am besten auch noch singen können: Man wisse ja nie. Kern des Formates: Irgendwer sollte über längere Programmstrecken irgendetwas oder irgendwen suchen und finden. Oder auch nicht.

Die Idee kam einer Revolution gleich. Sie begeisterte und irritierte gleichzeitig. Gut, die Idee der Russen schien bislang noch nicht bis ins letzte Detail präzise ausgereift. Aber, der epochale Geist des Großen wehte durch den Konferenzraum: Die Russen hatten Sprit, ihre Idee Spirit.

Daumen hoch fürs Erste, so der Sender. Eine Kölner Projektgruppe erarbeitete mit Unterstützung eines Muster-Russen Feinheiten des Russenmusters. Zunächst Thema und Titel.

Schnell war klar: Hunde und Kleintiere schieden aus. Das Thema “Hundchen sucht Frau“ sollte dem kleinen Schwestersender VOX vorbehalten bleiben, um die knappen Zwischenräume der Koch-Shows mit Naturalien füllen zu können.

Das Entspannungsformat “Urlaub für lau-rein in den Stau!“ wurde schnell verworfen, die Handwerker-Formate: “Ärger beim Bau: klage nicht, hau!“ und: “Bunt im Verhau - Farbe statt grau!“ fanden auch keine Mehrheit. Beide Ansätze schienen zu saisonal. Auch für den Hacker-Contest „Nerd oder Ratte - wer hackt uns die Platte?“ schien zielgruppentechnisch die Zeit noch nicht gekommen.

Als die Russen nach Wochen entmutigt von Bord gingen, wuchs die entscheidende Idee: Irgendetwas mit Land. Hof mit Vieh und seinen Hütern. Bauern, Schweinezüchter oder Schäfer, so fand man, passten am besten bei RTL auf den Schäfer-Court. Eine nimmermüde Saga einsamer Lands- und Landmänner, die in intellektuell schlichter Grundhaltung nach Stubenkameradinnen Ausschau halten sollten.

Immerhin: Suchen und Sammeln war kein leichtes Thema. Nicht wenige Mitglieder von Projektgruppe und Redaktion hatten als Fußballbild-Sammler am eigenen Leib erfahren müssen: Die größte Krise tritt für Sammler und Sucher immer dann ein, wenn man am Ziel ist, man gefunden hat und das Album plötzlich entsetzlich voll ist. Mit dem Verlust des Sammeln-Dürfens bricht ein zentraler Sinn des Lebens weg. Dennoch, so beschloss man,  sollte der Arbeitstitel des Formates zunächst das Finden, nicht die Suche, im Blick haben.

“Bauer sucht Bau“ schied also aus. Trotz erster, moralischer Bedenken entschied man sich halbherzig für “ Bauer bucht Sau.“ Man folgte so der Empfehlung einer renommierten Agentur: Nach Abschluss eines aufwändigen und kostenintensiven, kreativen Prozesses, in dessen Verlauf Horden gepflegter, junger Agentur-Berater mit mittellangem Haupthaar monatelang in Cabrios vorfuhren um Senderparkplätze zu blockieren, zu brainstormen und ihre Apple-Produkte auszulasten, war klar:

Moral, so die hippen Werbegurus, sei irgendwie total Eighties und quotenfeindlich. Dass sie in ihrer Abschlusspräsentation Ethik ohne “h“ schrieben, sei als bewusstes, kreatives Gestaltungselement vorgesehen, um “die Message zu fokussieren“. Senderseitig war man tief beeindruckt. Die hohe, sechsstellige Summe für die Agentur schien gut investiert:

“Bauer bucht Sau“ war als Arbeitstitel gebunkert.

Von Toren und Moderatoren

Mit der Wahl der Moderatorinnen hatte man zunächst kein Glück: Carmen Nebel ließ den Sender lange im ebensolchen und sagte letztlich ab. Mit Achim Mentzel war man sich handelseinig, bis dem hausinternen Juristen kurz vor Unterschrift des Vertrages auffiel, dass Favoritenbarde Mentzel gar keine Frau war. Man sagte ihm ab, auch Mentzel konnte nach mehrwöchigem Nachdenken die Begründung spontan nachvollziehen.

Zu welcher Botox-Birne also sollte man greifen? Wer blieb auf der Shortlist? Vera int Veen formattechnisch aufzublähen, schien unverdaulich.  Britt Hagedorn war bei den Sportskameraden der Konkurrenz, die darüber hinaus auch die Wiederbelebung der rüstigen Rentnerin Ulla Kock am Brink planten. Barbara Schöneberger “sehe zwar Synergien im Kontext avisierter Angebote für ihren Weg als Webe-Ikone für Elektroautos“, sei jedoch “absehbar mehrjährig“ in Aspekten der Vervollständigung ihrer Familie gebunden.

Eine Initiativ-Anfrage von Bild-Reporterin Alice Schwarzer lehnte man mit der Begründung ab, sie sei versehentlich im Spam-Filter versackt. Man bedauere dies zutiefst und habe inzwischen andere Wege beschritten.

Thomas Gottschalk hatte sich selbst ins Spiel gebracht und durch seinen Agenten vorsorglich absagen lassen, weil er mit den Bedingungen, die er nicht kannte, keinesfalls einverstanden wäre, würde er sie denn kennen. Man könne ihn allerdings jederzeit anrufen. Er, Gottschalk, habe sich bislang noch nie durch geschlechtsspezifische Hürden irritieren lassen.

Die Wahl fiel auf Inka Bause. Inka war eben nicht, wie Kritiker es später hinter vorgehaltener Hand andeuten sollte, ein grenzdebiles Sonnenscheinchen, sondern eine ehemalige Zonenamsel in allerbestem Sinne: Kaum verstrahlt, sondern strahlend. Sie konnte singen, hatte diese Energie eines Hartgummiballs, der nie aufhört zu springen, und sie hatte jenes harte Arbeiten  gelernt, wie man es aus der Zeit von Fünfjahres-Plänen kannte. Und Inka war drahtig: Kameraleute konnten sich das Int-Veen-Weitwinkel sparen, um sie formatfüllend auf den Screen zu beamen. Inka, die Frau mit der Sandmännchen-Frisur,  hätte man jederzeit an die Seite von Harald Glööckler stellen können, um Fummel an jene Hausfrauen zu verkaufen, die ihre Garderobe bislang aus Altkleidersäcken an Straßenrändern zerrten. Mit Inka ging einfach die Sonne auf.  Man war erleichtert.

Auch Inka.

Bauern. Wir brauchen Bauern!

Schnell waren eine Gruppe begattungswilliger Bauern gecastet:  Man warb in Stadtmagazinen und Bauernzeitungen mit dem Text: “ Einsam? Schnepfen-Schießen? Ab ins Fernsehen, Bauer!“ Der Formatverantwortliche Sascha Naujoks selbst, so hörte man, soll Hand an den Auswahlprozess gelegt haben. Alle Kandidaten absolvierten vor dem Casting einen Intelligenztest mit spiegelverkehrter Bewertungsskala: Aus der Wahl sollten jene Kandidaten fallen, deren Testergebnisse Belege durchschnittlicher oder gar überdurchschnittlicher Intelligenz aufwiesen. Diese feine Differenzierung, so die späteren Testergebnisse, hätte es nicht unbedingt gebraucht. Jeder der Kandidaten fiel auf, niemand fiel heraus. Eine teuflische Hürde bot die integrierte Freitext-Aufgabe mit annähernd philosophischem Ansatz. Sie nutzte Elemente bäuerlicher Alltagsroutinen und setzte die Kandidaten unter mörderischen Kreativ-Druck:

“Schreiben Sie einen kurzen Aufsatz mit freiem Text (Achtung: müssen Sie sich ausdenken!!!) zum Thema: Nicht jeder, der Hand an sich legt, ist ein Selbstmörder“.

Viele Zettel blieben leer. Insgesamt erzielten alle Kandidaten Ergebnisse im oberen Drittel der spiegelverkehrten Skala. Kaum jemand versaute sich durch hinderliche Intelligenz die potentielle Teilnahme: Bei einigen ließen die Testergebnisse selbst den Erwerb eines handelsüblichen Graubrotes aufgrund intellektueller Unauffälligkeit weitgehend ausgeschlossen erscheinen.

Schnell war eine Gruppe von Landmännern und Mägden für einen möglichen Piloten zusammengestellt: Zoltan, Sabine, Willy, Wilma, Werner, Bernd , Waldemar und andere sollten den Anfang machen.

Man war also gut unterwegs, und die gute Laune im Team von Produktion und Sender schlug durchaus Purzelbäume. Als einer der Autoren beim Pausen-Prosecco fand, irgendwie fehle noch etwas, “irgendwas mit Alimenten oder so“, wollte sich niemand die Stimmung versauen lassen: “Mach mal“, antwortete man ihm. Der Autor googelte, der Prosecco tat, was Prosecco tut, wenn er gallonenweise in Autorenmünder fließt: “Alimente“ wies zu viele Suchergebnisse für weiterführende Recherche auf. Das Stilelement der Alliteration war geboren:

Inka Bause sollte keck aus dem Off die Bauern durch Buchstabendopplungen aufeinander folgender Anfangssilben necken. Was für Cäsar mit “veni, vid, vici“ gut genug war, sollte bei “Bauer bucht Sau“ mit “Freier, Frauen und Fäkalien“ doch locker eine sinnvolle Fortsetzung finden können.

Absturz des Piloten

Prosecco-Piloten gehören nicht in Kanzeln. Auch im Fernsehen stürzen Piloten manchmal ab, bevor sie überhaupt auf Sendung gehen.

Zu ungelenk schraubten die Erst-Bauern an ihren Auserwählten herum. Vieles, so schien es,  blieb ungescripted einfach zu langweilig, und bäuerliche Trägheit konterkarierte die quicklebendige Inka Bause. Inka selbst tat sich schwer mit Alliterationen, die aus Autorenfedern ihre Kommentare färbten. Der Autor -inzwischen Gefangener der eigenen Idee- kannte kein Halten mehr:

“Der zotige Zerberus Zoltan und die suppende Sause Sabine säuseln süffig in Bauses blumigem Bauernbegattungs-Bunker. Wo weiland der wühlende Willy sich wohlig an Wurm-Wilma wärmte, wuppt “Wettbewerbs-Wotan Werner“ Wilhemas Vagina, weil Waldbauer Waldemar wiehernd wankte.

Bananen-Bäuerchen Bernd, bisexuell, baut bange Busen-Burgen. Beseelt bricht Beate Butterblumen, doch zu banal  baldowert Bernd Beates bärtige Basis. Bernd baggert blank, Beate bangt: bizarr! Haltlos und harsch hämmern Hormone, zu lästig lauert der liebende Lurch. Landlust lebt Liebe leider langsam.“

Die Wende. Der Erfolg.

Es kam, wie es kommen musste: Der Prosecco-Autor öffnete seine Schleusen und verliebte sich in Inka Bause. Inka schien zunächst geschmeichelt. Doch kurz, bevor seine tiefen Gefühle ihrer Vollendung zustreben konnten, sagte Bause genervt ab. Der gekränkte Autor reagierte mit Alliterationen: Als Inka eine Sequenz mit den Worten beginnen sollte:

“Ideale, Irrlicht und Immergrün? Irrtum und Irrweg! Schnell schnappt das scharfe Schaf: Schmink-Inka schmollt schmalbrüstig Schmutz.  Schauder statt Schloss und Scham statt Chance. Statt Schönheit Schmerz und schaler Schluss!“, war die Zusammenarbeit beendet. Man vereinbarte noch am Set ein Treffen zwischen Produktionsleitung, verantwortlichem Redakteur und Autor: Man sei zusammen gekommen, um sich auseinander zu setzen, und wo man gerade schon beim Thema sei: 

Man danke dem Autor für seine bahnbrechenden Leistungen und rege nachhaltig an, es sei ab heute nun Zeit für ihn als “Mann der ersten Liga“, nach neuen Herausforderungen zu suchen. Diese Formulierung, so Produktion und Sender dem Autor gegenüber, habe sich in vielen Pressemitteilungen nach Trennung von intern Verantwortlichen bestes bewährt. Auch für ihn als Autoren müsse dies nicht grundsätzlich das Ende des Weges bedeuten. Man greife bei Gelegenheit jederzeit gerne wieder auf ihn zurück, im aktuellen Format jedoch sei er einfach unterfordert.

Nach Abschluss seiner Psychotherapie, so raunen Eingeweihte,  leite der Autor inzwischen selbstständig ein Text-Büro für Kontaktanzeigen in den Neuen Bundesländern und  nimmt  nebenberuflich als Schatzmeister eine zentrale Steuerungsfunktion der “Unsere Inka: glücklich Single“ - Fangruppe Bitterfeld wahr. Bitterfeld selbst betrachte er nach erfolgreicher Therapie als sprachliches  Symbol seiner überwundenen Krise. Prosecco trinke er nicht mehr, auch Alliterationen habe er insgesamt abgeschworen.

Die Produktion des  Piloten wurde gestoppt, der “Bauer bucht Sau- Pilot“ selbst komplett neu überarbeitet.

Auch die Agentur ging, so wörtlich “…den Change der Message, die in die Welt geht,  echt total offen mit!“. Man brainstormte und brainstormte, bis ein neuer Titel geboren war: “Bauer sucht Frau“.  Auf den Begriff der Ethik verzichtete  man in der 60-minütigen Abschlusspräsentation. Aber das fiel niemandem mehr auf.

Als die ersten Sendungen On Air ging, blies der Erfolg der ersten Staffeln den halben Sender weg. Man hatte alles richtig gemacht! Die Zuschauer schalteten scharenweise ein. Viele Menschen wollten dabei sein, um betagten Herzen auf ihrem Weg zueinander zur Seite zu stehen. Trümmer, Tragik und Traktoren – ein Genre war in Köln geboren.

Niemand im Sender hatte nach den zähen Anfängen mit diesem Erfolg gerechnet. Mehr noch: Deutschlandweit beschäftigten sich Journalisten und Medienbeobachter mit dem Format und gaben der Quote so den entscheidenden, zusätzlichen Schub. Endlich war es wieder möglich, als Journalist Teil einer friedensnobelpreisverdächtigen Glaubensgemeinschaft zu sein und in Deutschland über Anstand und Moral zu schreiben. Alles fühlte sich für alle einfach gut an. Tom Sänger, so hörte man, soll unter der Dusche mehrmals seinem Nachnamen alle Ehre gemacht haben.

Bis heute scheint der Begattungsmarkt für Bauern und Mägde nicht gesättigt. Und ein Format, das so lange darum ringen musste, sich aus dem zähen Schleim ernster Geburtswehen heraus zu kämpfen, hat wahrhaftige TV-Geschichte schreiben dürfen.

Auch wir von MEEDIA erinnern uns gerne an Lichtgestalten und magische Momente.

An Schlüpfer- und Chart-Stürmer Schäfer Heinrich etwa. An Josef und Narumol: Wie gerne waren wir mit  Narumol “fick und fertig“ auf dem Schäfer-Court!

“Bauer sucht Frau“, Folge 11 der 8.Staffel läuft heute um 21.15 auf RTL.

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07.12.2012 Der syrische Schurke

GFDK - Heinz Sauren

Der amerikanische Präsident stimmt zur medialen Primetime sein Volk auf einen neuen Krieg ein. Wenig Fantasie hatte er allerdings bei der Begründung. Seit mehr als einem Jahrzehnt dient der vermeintlich drohende Einsatz von Chemiewaffen, der US – Administration als Generallegitimierung für Kampfeinsätze.

Auffälliger Weise steht der Einsatz von Chemiewaffen immer dann zu befürchten, wenn ein schurkischer Diktator die diplomatischen Beziehungen zu den USA abgebrochen hat und eine nicht westliche Entwicklung des betroffenen Landes wahrscheinlich wird.

Bezeichnend ist auch, das solche Chemiewaffen dann für gewöhnlich unauffindbar bleiben.

Syrien ist seit einem Jahr im Bürgerkrieg und es gab genügend Gründe militärisch zu intervenieren, sowohl völkerechtliche als auch moralische. Nun gibt es auch einen machtpolitischen Grund. Die Besetzung Syriens durch US- oder NATO Truppen erlauben ein effizientes Drohszenario vor den Toren Teherans, lösen Israel aus seiner geopolitischen Isolation auf der arabischen Halbinsel und schaffen Raum für die Stationierung und Raketenabwehrstellungen.

Ein unschätzbarer militärischer Vorteil für den amerikanischen Verbündeten Israel, insbesondere in Hinsicht auf die bevorstehende israelisch – iranische Auseinandersetzung. Ein wenig machtpolitische Widergutmachung an Israel dürfte ebenfalls im Spiel gewesen sein, da Amerika trotz seines Vetos die de facto Anerkennung Palestinas nicht verhindern konnte.

Business as usual. God bless America.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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03.12.2012 Lesung im Literaturhaus München

GFDK - Liane Bednarz - 3 Bilder

Lesung aus dem Bestseller „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ im Literaturhaus München.

„Die ‚Welt der Frau‘, eine Beilage der ‚Gartenlaube‘, meldet in Nummer 5: ‚Das Abendkleid dieser Saison zeichnet sich durch luxuriöse Gepräge und phantastische Drapierungen aus, die auch der geschicktesten Schneiderin manch harte Nuss zu knacken geben.‘ Man kann sich für die schönsten Kleider direkt Schnittmuster bestellen. Interessant sind die möglichen Hüftbreiten: 116, 112, 108, 104. Darunter ist nichts denkbar. Erst in der Nummer 9 hat dann die Redaktion ein Erbarmen und kündigt groß an: ‚Mode für schlanke Damen‘!“ Rund 99 Jahre später, im November 2012 nämlich, sorgt diese Meldung aus dem Jahr 1913 für große Heiterkeit. Ja, es war anders, das Leben damals, in das uns Florian Illies in seinem neuen und rasant auf die Bestsellerlisten geschossenen Buch „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ hineinzoomt.


„Berlin, Paris, München, Wien. Das waren die vier Frontstädte der Moderne 1913“, heißt es in Illies' bei S. Fischer erschienenem Buch. In München nun las der Autor daraus. Eingeladen dazu hatte das Literaturhaus. Zu einem Podiumsgespräch mit Illies ebenfalls eingeladen: Michael Krüger, Geschäftsführer des Münchner Hanser-Verlags.

Ein Jahr des geistigen Umsturzes: Avantgarde vs. Tradition

Illies, ehemaliger Feuilletonchef der ZEIT, ist heute geschäftsführender Gesellschafter des Auktionshauses „Villa Grisebach“. Sein als Sachbuch eingestuftes neuestes Werk erntete flächendeckendes Lob von der taz bis zur WELT, von der FAZ bis zur SZ, vom SPIEGEL und vom Deutschlandradio Kultur.


Was ist so interessant am Jahr 1913? Zunächst einmal war es das letzte Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs. Ein „Schlüsseljahr“ also, gewissermaßen das „Gipfeljahr der neueren Kulturentwicklung Europas“, wie Reinhard G. Wittmann in seiner Begrüßung hervorhob. Für den Leiter des Literaturhauses ist 1913 ein „Jahr des geistigen Umsturzes“ und ein „Gegeneinander“ avantgardistischer Bestrebungen einerseits und konservierender Kräfte andererseits. Nicht nur in den Künsten, auch in den Wissenschaften und in Alltagsphänomenen. Fortschrittsbegeisterung traf auf den Untergang der Titanic als „Menetekel“.

Die Lust am Verfall und am Untergang

Hoffnung also traf auf Verfall. Bestens illustriert durch Michael Krüger, der seine Einführung mit einem Schlüsselsatz Thomas Manns begann: „Mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall, und das ist es wohl eigentlich, was mich hindert, mich für den Fortschritt zu interessieren.“ Ach ja, die Lust am Verfall, die Lust am Untergang. Man gefiel sich darin, anno 1913: „alle wollen jetzt kompliziert und geheimnisvoll sein“, zitierte Michael Krüger aus der Novelle „Am Südhang“ des verarmten baltischen Grafen Eduard von Keyserling, natürlich auch ein Protagonist in „1913“. Und dann war da natürlich jenes Leiden, das damals so viele Künstler peinigte, jenes Leiden, das irgendwo zwischen Weltschmerz und Depressionen angesiedelt war und sich wie ein roter Faden durch „1913“ zieht: die „Neurasthenie“, bei Musil etwa wie folgt diagnostiziert: „allgemeine Neurasthenie schweren Grades unter Mitbeteiligung des Herzens (Herzneurose). Illies schreibt dazu: „Schöner lässt sich das Leiden an der Moderne nicht zusammenfassen.“

„1913“ – „ein Schnitt durch die Zeit“

Was aber ist nun das Besondere an Illies „1913“? Für Krüger – mit dem Blick des Verlegers – ist es Illies‘ „Schnitt durch die Zeit“, mit dem er das Jahr in zwölf Monate unterteilt und in diesen wiederum die Geschehnisse in kurzen Sequenzen aneinanderreiht. Und so das „Disparate“, das „Zentrifugale“ zusammenfasst, ohne „dass ein großer Thesenapparat aufgebaut wird“. Vielmehr überlasse der manchmal süffisante, manchmal ironische Ton Illies‘ dem Leser die Interpretation dieser bisweilen „komischen Leidensgeschichten“. Gemeint sind die Leiden all jener Geistesgrößen, deren Namen uns bis heute elektrisieren: Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Oskar Kokoschka, Alma Mahler und viele andere mehr.

Duchamp und Malewitsch - Beginn statt Ende im Jahre 1913

Illies, klassisch elegant gekleidet mit rosa Hemd und dunklem Sakko, berichtete zunächst von zwei Kunstwerken, die 1913 entstanden und ihn zu seinem Buch inspirierten: Marcel Duchamps erstes „Ready-Made“ und Kasimir Malewitschs „Schwarzes Quadrat“. Urpunkte der Moderne, die Illies vor die zentrale Frage stellten: „Könnte es so sein, dass 1913 gar nicht alles zu Ende ging, sondern eigentlich alles begann?“ Illies, so erfuhren wir, interessiert sich nämlich nicht so sehr für den Verfall. Blickt also gewissermaßen Thomas-Mann-antipodisch auf die Welt. Und eben dieser Focus auf den Beginn, ohne schon die Ereignisse des Folgejahres 1914 im Blick zu haben, die ja auch die Künstler 1913 noch nicht kennen konnten, sei die eigentliche Herausforderung beim Schreiben gewesen. Dem Münchner Publikum versprach Illies einen Sprung durch die Monate, um so ein Gefühl für das „ungleichzeitige Gleichzeitige“ zu vermitteln, das das Buch in seiner Collagentechnik ausmache.

Humorvoller Parforceritt durch das Jahr 1913

Chronologisch korrekt begann der 42-jährige Autor am Anfang des Jahres 1913: „Es ist die erste Sekunde des Jahres 1913. Ein Schuss hallt durch die dunkle Nacht.“ Abgefeuert durch den damals Zwölfjährigen Louis Armstrong. In New Orleans. Das zentrale Jahr der kontinentaleuropäischen Moderne fängt bei Illies in New Orleans an. Mit der zweiten „Livetickermeldung“, wie die taz die einzelnen Passagen nannte, landet Illies im Herzen Europas, in Prag. Und im leidenden Herzen Franz Kafkas, der sich – wie auch das weitere Jahr 1913 hindurch - in an Skurrilität kaum zu toppenden Liebesbriefen nach Felice Bauer in Berlin verzehrt. Weiter geht es nach Paris. Dort wurde im Louvre die „Mona Lisa“ gestohlen.


Das Münchner Publikum im ausverkauften Literaturhaus erlebt einen Parforceritt durch das Jahr 1913. Und man muss immer wieder über den trockenen Humor Illies‘ lachen, wenn er seine spitzen ironischen Kommentare zu all den Begebenheiten vorliest, die das Buch so ungemein leichtfüßig machen. Man erfährt etwa, wie sehr sich Arnold Schönberg mit seiner Phobie vor der Zahl „13“ herumplagte. So sehr, dass er aus dem Titel seiner Oper „Moses und Aron“ das zweite „a“ von „Aaron“ strich, um bloß nicht 13 Buchstaben zu haben. Und was für eine Angst er hatte, an einem Freitag, den 13. zu sterben. Doch Illies-typisch heißt es sodann trocken: „Aber es half alles nichts. Arnold Schönberg starb an einem Freitag, dem 13.“ Schwarzer Humor at its best. Lachen im Publikum.


Wir begegnen Rilke, der „zeitlebens angewiesen war auf die Handlungsanweisungen reifer Damen“ und wiederum Kafka, der Felice in seinem „etwa zweihundertsten Brief“ fragt: „Kannst Du eigentlich meine Schrift lesen?“ Wieder muss man herzlich lachen. Wie sehr sich die Zeiten doch ändern. Denn heute schreibt man längst auch Liebesbriefe durchaus via Email oder Facebook.

München – die Gediegene unter den „Frontstädten der Moderne“

In München – wir erinnern uns: eine der „Frontstädte der Moderne“ - ging es, Frontstadt hin, Frontstadt her, alles einen Tick gediegener als andernorts zu, blies der Sturm der Moderne nicht ganz so orkanartig, wie Illies das Münchner Publikum wissen lässt: „München hingegen war stilvoll und doch etwas zur Ruhe gekommen – was am deutlichsten daran zu sehen ist, dass man in München bereits mit der Selbstglorifizierung anfängt (wofür in Berlin kein Mensch Zeit hat)“.


Wesentlich wilder war das Leben in Wien, für Illies die „Zentrale der Moderne anno 1913“. Zu erleben etwa an der zügellosen Leidenschaft, die Oskar Kokoschka für Alma Mahler - das „schönste Mädchen Wiens“ - ergriffen hatte und die ihn aus lauter Angst vor potentiellen Nebenbuhlern leiden lies, wie Illies mit hoher Stimme intonierte: „Almi, ich möchte nicht, dass irgendein Auge Deinen offenen Busen sieht, im Schlafrock oder Kleid.“ Alma wiederum war „besessen von seiner Besessenheit“.

Doch Illies nimmt dem Publikum schon im Februar jede Illusion und kündigt an, dass Alma dereinst nicht Kokoschka, sondern Gropius ehelichen wird: „Aber unter uns“ – Illies schaut direkt ins Publikum – „er ist es am Ende, der Alma heiraten wird, nicht Kokoschka.“ Im Juni begegnen wir wieder Kafka, der Felice Bauer mit einer pathetischen Selbstanklage in Briefform, „The Worst Heiratsantrag in the World“ macht. „Ein Heiratsantrag als Offenbarungseid“, wie Illies treffend vorliest. Das Jahr endet schließlich am 31. Dezember mit einem Tagebucheintrag Arthur Schnitzlers, in dem er über die Abendgesellschaft an jenem Tag schreibt: „Es wurde Roulette gespielt.“

LEIDENschaftliche Lieben

Unterbrochen wurde Illies' Ritt durch die Monate durch ein Gespräch mit Krüger, der immer wieder mit klugen Anmerkungen glänzte. Etwa damit, dass die Liebesgeschichten der Künstler in „1913“ nie gut ausgehen, egal ob bei Kafka, Rilke oder Kokoschka, der sich für Alma Mahler „abgemüht hat wie ein Depp“. Illies griff den Gedanken auf und beleuchtete das doch recht „freizügige Zusammenleben in der Avantgarde“, das weite Kreise bis in die bürgerliche Welt hinein zog und zu regelrechten „Zivilisationsbrüchen“ und Auflösungen vieler gesellschaftlicher Prägungen des 19. Jahrhunderts führte. Und der Autor erklärte weiter, dass die Maler jener Zeit für ihn besondere „Seismographen“ waren, was sich etwa bei Franz Marc zeige. Er, der sonst in „paradiesischen Tiervisionen“ schwelgte, in denen er Tiere fast unanimalisch zeigte, sei 1913 plötzlich hiervon abgerückt, habe in dem Bild „Die Wölfe (Balkankrieg)“ das Zerfleischen zum Thema gemacht.


Nach 90 fesselnden Minuten ging es zurück ins Jetzt. Zurück aus dem Jahr 1913 ins Jahr 2012. Und hin zu einem lang anhaltenden Beifall des Publikums. Und einer beeindruckenden Schlange am Signiertisch. Illies hat es ohne Zweifel geschafft, das Zentraljahr der Moderne dem postmodernen Publikum so nahezubringen, als wäre man selbst dabei gewesen.

 

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert. Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und schrieb für die "Westfalenpost Schwelm."

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27.11.2012 Carla Berling - "Die Rattenfänger"

GFDK - Heinrich Schmitz

Kurz nach unserer Hochzeit in den 80er Jahren erschienen nach telefonischer Anmeldung bei uns zu Hause zwei Herren in schicken Anzügen, angeblich auf Empfehlung eines Kommilitonen, unterhielten sich freundlich mit meiner Frau und mir - und zogen nach zweieinhalb Stunden mit einem Antrag für eine Kapitallebensversicherung von dannen. Da war ich noch Student. Unser Familieneinkommen reichte so gerade.

Hätte ich damals bereits Carla Berlings "Die Rattenfänger" gelesen, wäre mir das garantiert nicht passiert. Gab's aber leider noch nicht. In der ein oder anderen Form hat vermutlich nahezu jeder von uns einmal Kontakt mit einem oder mehreren Strukturvertrieben gehabt, mit mehr oder weniger großem finanziellen oder persönlichem Schaden, oft ohne es tatsächlich zu bemerken.

Wer meint, ein Roman über den Aufbau und die Methoden eines Strukturvertriebes, der zudem auch noch in den 80ern spielt, sei kalter Kaffee, überholt, überflüssig und langweilig, der irrt gewaltig. Carla Berlings Roman ist auch heute brandaktuell, notwendig, lebensnah, informativ. Trotz aller Not, die die beiden Protagonisten, Kellnerin Rena und DJ Mike, vor den Augen des Lesers erleiden, äußerst vergnüglich. Filmreif.

Noble Hotels, Seminare, Alkohol, Sex und Eitelkeiten

Rena und Mike, gerade frisch verheiratet, chronisch klamm und voller Träume, geraten an die JUNO, einen Strukturvertrieb des Pegasus-Konzerns. Sie erliegen schnell dem Sog der wunderbaren Versprechungen von Reichtum, Reisen und Luxus und geraten innerhalb kurzer Zeit in ein Netzwerk, dass fortan ihr Leben bestimmt und beinahe auffrisst. Noble Hotels, Seminare, Alkohol, Sex und Eitelkeiten.

Dieser Roman enthält zweifellos Insiderkenntnisse über Methoden, Argumentationsstrategien, Orgien, Provisionen und kleine und große Betrügereien. Informationen ,die mehr leisten als jede Verbraucherberatung. Informationen, die einen den großen Beschiss durchschauen lassen. Hier schreibt eine Autorin, die drin war, die weiß wie es läuft und das auch verrät.

Kein Satz Langeweile

Wie persönliche Beziehungen zwischen Menschen eiskalt dem Profit eines Strukturvertriebes geopfert werden, wie die nächste Stufe innerhalb der Struktur zum wichtigsten Lebensziel wird, wichtiger als ein Baby, wie arglose Mitarbeiter zu gewissenlosen Arschlöchern werden, die auch Freunden und Familienmitgliedern ohne mit der Wimper zu zucken unsinnige Finanzprodukte verkaufen, das erzählt Carla Berling unterhaltsam und trotz der ja eigentlich drögen Thematik spannend und folgerichtig. Kein Satz Langeweile.

Neben der verständlichen Darstellung der Geschäftspraktiken ist der Roman auch eine flotte Zeitreise in die 80er mit ihrer aus heutiger Sicht merkwürdigen Mode, ihrer Musik und ihrer Discoszene. Bei der Lektüre bekam ich "Money for nothing and chicks for free" nicht aus dem Kopf. Für diejenigen, die diese Zeit bewusst miterlebt haben, eine bildhafte Erinnerung, für die jüngeren ein kleiner Ausflug in die skurrile Vergangenheit ihrer Eltern.

Nach der Lektüre dieses Romans werden sie sich so schnell nichts mehr von freundlichen "Anlageberatern" aufschwatzen lassen. Sie werden bei entsprechenden Versuchen mit Freude feststellen, dass die im Buch beschriebenen rhetorischen Tricks immer noch angewendet werden und vielleicht werden sie manche davon selbst mit Vergnügen anwenden. Vielleicht legen Sie auch ab und zu einfach mal den Telefonhörer auf oder gar nicht erst ab.

Die Kommerzialisierung persönlicher Beziehungen

Heute nennt man Strukturvertriebe vielleicht nicht mehr Strukturvertriebe ,sondern MLM (Multi-Level-Marketing ), Netzwerk-Marketing oder auch weniger stylisch Mundpropaganda - am zynischen Vertriebssystem hat sich aber nicht viel geändert. Der pyramidenartige Hierarchieaufbau hat genauso überlebt wie die Kommerzialisierung persönlicher Beziehungen.

Die Feststellung, dass Carla Berling (http://www.carla-berling.de/) selbst das Prinzip des beschriebenen Mundpropaganda-Marketings äußerst geschickt für die Vermarktung ihrer Bücher z.B. bei facebook eingesetzt hat, sei gestattet. Aber, damit hat sie niemandem, der sich wegen der persönlichen Empfehlung von Freuden zum Kauf und zur Lektüre der "Rattenfänger" entschieden hat, geschadet. Das Gegenteil ist der Fall.

Ergo, die Anlage von 19,90 € für dieses Buch ist eine sehr gute Anlage, die Sie vor größerem Schaden bewahren wird und die Ihnen erheblichen Profit bringt.

Ich beglückwünsche Sie zu dieser Entscheidung, die ihr Leben verändern wird. Die beiden letzten Sätze werden sie nach der Lektüre der "Rattenfänger" vielleicht nochmal lesen und kritisch überdenken. Ganz falsch sind sie jedenfalls nicht.

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24.11.2012 vor dem Schmerz der Armut

GFDK -Heinz Sauren

Je größer eines jeden Angst, vor dem Schmerz der Armut, desto einfältiger sind seine Begründungen, dieser Armut zu entrinnen. Sie sind dem Wahn verfallen das Lebensqualität sich in Besitz bemisst und sehen nicht den eigenen Verlust an Leben, den ihr Besitz mit sich bringt.

Gehetzt und geschunden an Geist und Gemüt, zermürbt auf der nie enden wollenden Flucht, vor dem permanent lauernden Abgrund der Mittellosigkeit, ist ihr Leben ein beständiges Leiden, zum Nutzen der Gemeinschaft.

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

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