Reden ist silber, Schreiben ist gold

13.11.2019 Tannenduft mit Todesfolge

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Himmlische Ruh? Bei Tatjana Kruse, Königin der Krimödie, wie der Haymon Verlag aus Innsbruck die Autorin bezeichnet, niemals nicht! In ihrem neuen Buch mit dem schicken Titel „Tannenduft mit Todesfolge“ hat sie kriminell komische Weihnachtsgeschichten, in denen es alles andere als besinnlich zugeht, aus ihrem Repertoire in einem Band zusammengefaßt.

Ihre Stories heißen „Süßer die Fäuste nie fliegen“, „Der Ruckizucki-Weihnachtsgansmord“, „Der Killer-Santa von Backemoor“ oder „Wenn Santa zweimal klingelt.“ Tatjana Kruse, die in eine Vielschreiberin ist, auf ihrer Wikipedia-Seite findet man rund 30 Bücher von ihr, hat einen ziemlich schwungvollen wie schrägen Humor - ich lehne den Begriff schwarzer Humor bewußt ab - und weiß, wie man sein Publikum bei Laune hält.

Kann man sich auch schenken und dann schön unterm Weihnachtsbaum vorlesen, falls einem der Gesprächsstoff ausgehen sollte. „Tannenduft mit Todesfolge“ kostet 9,95 Euro.

Apropos Geschenke: In den zurückliegenden Jahren habe ich regelmäßig den Photodarium-Kalender aus dem Hause www.seltmannundsoehne.de empfohlen.

Kurzum: frivole Polaroids fürs ganze Jahr. Für 2020 indes rege ich die „Art of Vinyl Covers-Kalender“ aus dem gleichen Hause an. Vinyl Schallplatten und Record-Stores erleben aktuell ein Revival und damit rücken auch die kunstvoll gestalteten Cover der vergangenen Jahrzehnte wieder ins Bewusstsein.

Jeder Abreißkalender besteht aus 366 Vinyl-Covern von bekannten und unbekannten Musikern aller Genres. Es gibt auch eine Punk-Version. Super ist: die Kalender haben Spotify-Codes, so dass man jedes Album gleich Probehören kann. Ziemlich cool. Preis: 24,80 Euro. So hat man dann was zu tun am heiligen Abend, wenn die Bio-Gans erst aufgefuttert worden ist.

Sönke C. Weiss

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12.11.2019 Duisburgs Rache

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Sönke C. Weiss ist richtig sauer, und zu Recht meinen wir. Eines vorweg: Grundsätzlich ist die Serie „111 Orte in...“ aus dem Emons Verlag originell und empfehlenswert. Autoren präsentieren Sehenswürdigkeiten in Städten, die sie offensichtlich schätzen.

Überzeugt hat mich beispielsweise die Neapel-Ausgabe, in der man spürt, wie sehr Natalino Russo diese Stadt liebt und einem zeigen möchte, so dass man sich ebenfalls darin verliert. Umso geschockter war ich - als Wahl-Dortmunder - bei der Lektüre dieser eher verstörenden Nummer, die Ralf Koss zu verantworten hat.

Ehrlich gesagt, ich war sprachlos. Beispielsweise versäumt Koss so wichtige Höhepunkte zu erwähnen wie etwa das Westfalenstadion. Heimat des BVB. Europas viertgrößtes Fußballstadion und - in der Tat - das Wahrzeichen der Stadt, in das jährlich unzählige Besucher aus der ganzen Welt strömen und immer ausverkauft ist.

Selbst auf Japanisch werden Touren angeboten. Dafür schickt er den Leser zu einem vollgekackten Taubenturm irgendwo in der Innenstadt. Zweites Beispiel: Statt über das Mahnmal Bittermark zu berichten, zu dem regelmäßig Hunderte pilgern, um den 300 Opfern der Nazis zu gedenken, die hier wenige Tage vor Kriegsende ermordet wurden, lotst Koss den uneingeweihten Leser zum einem beschmierten Friedrich-Ebert-Denkmal nach Dortmund-Hörde, an das regelmäßig Alkis pissen und das auch so aussieht.

(Pardon.) Der Phönix-See in unmittelbarer Nähe aber, einst ein Stahlwerkareal, heute ein beliebtes Wohn- und Naherholungsgebiet, scheint für ihn nicht zu existieren. Apropos Nazis: Allen Ernstes bewirbt Koss einen Kletterturm in Dortmund-Dorstfeld, Hochburg der Neo-Nazi-Szene, die jedem Besucher, der nicht ihrer Gesinnung nachkommt, potentiell als Feind betrachtet und dementsprechend behandelt.

Dorstfeld ist eine No-Go-Area, Herr Koss!

Auf der anderen Seite vernachlässigt er so wunderbare Dinge wie die Syburg, von wo aus man kilometerweit bis ins Sauerland blicken und in einem schönen Park spazieren gehen kann; den Rombergpark hat er auch unterschlagen, ein botanisches Kleinod für Forscher aus aller Welt; das Kreativzentrum Dortmunder U fehlt ebenfalls, wie das wunderbare Kreuzviertel, ein total cooles Szeneviertel; das Hoesch-Gelände wie das Hoesch-Museum, das dem Besucher die Geschichte des Industriestandortes Dortmund erklärt, und natürlich das ehrwürdige Café Strickmann im Zentrum, wo man sich an das Wien der Jahrhundertwende erinnert fühlt, um nur einige Beispiele zu nennen: alles fehlt oder wurde schlicht totgeschwiegen.

Ich meine: Entweder kennt sich der Autor in Dortmund nicht aus, vielleicht aber ist sein Buch auch nur die Rache dafür, dass er aus Duisburg kommt. Nun, die Reihe „111 Orte in...“ kostet übrigens 16,95 Euro. 

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10.11.2019 Veröffentlichte Tagebücher

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Veröffentlichte Tagebücher prominenter Zeitgenossen sind eine delikate Angelegenheit. Meist muten sie schöngefärbt an, und das echte Leben scheint redigiert zu sein, oder sie sind so schonungslos, dass man sich beim Lesen fast fremdschämen muß

Die Schauspielerin Angela Winkler indes erzählt in ihren autobiografischen Skizzen mit dem Titel „Mein blaues Zimmer“ so warmherzig und offen von all ihren Dramen auf und von der Bühne entfernt, dass man sie am liebsten in den Arm nehmen möchte.

Dabei wird sie zum Glück nie zu privat, sondern bewahrt sich eine wohl temperierte Diskretion. Sie schreibt über ihre Anfänge in der deutschen Provinz - sogar in Gescher ist sie in den 70er Jahren aufgetreten - bis hin zu den Inszenierungen mit Regie-Stars wie Peter Zadek, Robert Wilson und Volker Schlöndorff, der sie fürs Kino entdeckt hat, doch nur das Theater nimmt Angela Winkler, 1944 in Templin geboren, so ernst wie ihr Leben und glaubt bis heute, trotz aller internationaler wie nationaler Erfolge, dass sie vielleicht gar keine richtige Schauspielerin sei.

„Mein blaues Zimmer“, das Angela Winkler mit der Autorin Brigitte Landes geschrieben hat, umfasst 229 Seiten und hat viele schöne Fotos. Es kostet 22 Euro und ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Anmerkung der Redaktion: Erst im August diesen Jahres hat Angela Winkler mit 75 Jahren den Deutschen Schauspielpreis für ihre Leistung im Theater erhalten.

Ebenso wahrhaftig liest sich Benoite Groults irisches Tagebuch mit dem Titel „vom fischen und von der liebe“, das Ullstein jetzt drei Jahre nach ihrem Tod der Autorin des Weltbestsellers „Salz auf unserer Haut“ posthum herausgebracht hat.

Auf 398 Seiten läßt Benoite Groult, die ihren Feminismus stets mit großer Lebenslust paarte, 26 Sommer in Irland Revue passieren, uns am Wunder ihrer Schönheit teilhaben und den Dämonen des Älterwerdens begegnen.

Sie ist Intellektuelle und Liebende zugleich, schreibt über geistiges und sinnliches Begehren, über Sehnsüchte und Verlangen und zeigt dem Leser darüber hinaus, dass auch eine Frau Jägerin sein kann.

Benoite Groult war eine bemerkenswerte Hochseefischerin, vor der selbst ein Hemingway seinen Hut gezogen hätte. „Vom fischen und von der liebe“ kostet ebenfalls 22 Euro. Beide Bücher sollten auch von Männern gelesen werden.

Sönke C. Weiss

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09.11.2019 echte Helden sind langsam Mangelware

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Salman Rushdies „Quichotte“ ist ein Reisender, der besessen ist von der „unwirklichen Wirklichkeit“ des Fernsehens. Er will das Herz der Königin der Talkshows erobern und begibt sich auf eine Fahrt quer durch die USA, um sich ihrer als würdig zu erweisen.

Erschienen bei C. Bertelsmann, nimmt uns „Quichotte“ - eine Satire, ein Roadtrip-Roman, eine Parabel - auf 459 Seiten für 25 Euro mit in unsere eigene verrückte Gegenwart von Fake-News und Post-Wahrheiten.

Es geht um Vater-Sohn-Beziehungen, den alltäglichen Rassismus, Cyber-Spione und natürlich die ewige und wahre Liebe. „Quichotte“ ist in der Tat scharfsinnig, komisch, absurd und messerscharf und Rushdies bestes Buch seit Jahren. Es passt wunderbar in unsere digitale Zeit, wo echte Helden langsam Mangelware werden.

In den kommenden Wochen befindet sich der Autor auf Lesereise in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Termine siehe unten. Gleichermaßen intelligent wie unterhaltsam ist Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“, den Rowohlt verlegt hat und ebenso 25 Euro kostet. Worum es geht: um Krieg und Lüge, also wie bei „Quichotte“ auch um Fake-News, die uns wohl schon immer begleitet haben.

John Glueck, US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln, befindet sich tief im Hürtgenwald. Das Jahr: 1944. Die Wehrmacht verteidigt das Gehölz bei Aachen eisern. Hier entdeckt unser Held ein Geheimnis, das ihm auch zwanzig Jahre später in Vietnam erneut begegnet.

Kopetzky gelingt es, über 490 Seiten einen Spannungsbogen zu halten, der den Leser tief in Schlachten, aber auch tief ins Innere eines Mannes mitnimmt, der letztendlich nur eines retten will: seinen eigenen Charakter. Zugabe.

Sönke C. Weiss

Salman Rushdie kommt nach Deutschland, Österreich und die Schweiz: Berlin, 11. November, Babylon Berlin Mitte. Hamburg, 12. November, Altonaer Theater. Köln, 13. November, Großer Sendesaal WDR. München, 14. November, Große Aula der LMU. Zürich, 15. November, Volkshaus. Wien, 16. November, Volkstheater Wien. 

Foto: commons.wikimedia.org/wiki/User:Heike_Huslage-Koch

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08.11.2019 Spaß beim Lesen im Herbst

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

„Messer“ heißt der neue Krimi des norwegischen Starautoren Jo Nesbo, in dem sich wieder alles um seinen Helden Harry Hole dreht, der Ehe und Karriere versoffen hat und sich als einfacher Ermittler auf die Jagd nach einem Serienvergewaltiger macht.

Aus den 575 Seiten trieft Testosteron, Männerschweiß und Erbrochenes, was manche Leser in einer tief anachronistischen Weise sicher anmacht, auf Dauer aber ermüdet.

„Messer“ ist bei Ullstein erschienen und kostet 24 Euro. Weitaus charmanter und subtiler ermittelt Martin Suters Gentleman-Gauner-Privatdetektiv Johann Friedrich von Allmen, Heino Ferch spielt diese Rolle übrigens sehr wohl in den TV-Verfilmungen dieser Reihe, auch in seinem sechsten Band „Allmen und der Koi“, in dem sich Allmen und sein Sidekick Carlos, der zu dieser Serie gehört wie Butter bei die Fische, nach Ibiza in die Szene der Koi-Sammler aufmachen.

Auf der Suche nach einem verschwundenen Exemplar, Wert: eine Million Euro, erleben die beiden allerlei Kurioses, womit sich der Autor offensichtlich auszukennen scheint.

Nicht umsonst sind die Allmen-Bücher große Erfolge, auch und gerade, weil sie nicht diese Brutalität transportieren, wie sie beispielsweise in „Messer“ geschildert wird, sondern immer wieder überraschen, ohne den Leser zu unterschätzen. 213 Seiten. Preis: 22 Euro, Verlag: Diogenes.

Aus diesem Hause kommt auch Dror Mishanis Thriller „Drei“, der in Tel Aviv spielt und von drei Frauen handelt, die alle im selben Mann etwas anderes suchen.

Auf was für dünnes Eis sie sich dabei begeben und wie tödlich die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit sein kann, erzählt Mishani in einer atemberaubenden Art und Weise, so dass man „Drei“ gar nicht mehr aus der Hand legen mag.

In Israel ist das Buch bereits ein Mega-Bestseller, eine Verfilmung ist geplant, was bei der Qualität des Buches kaum verwunderlich ist. Seit Dan Browns „Da Vinci Code“ habe ich so etwas Spannendes nicht mehr gelesen. 330 Seiten für 24 Euro. Absolut gerechtfertigt. 

Sönke C. Weiss

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06.11.2019 Schuld und Scham

GFDK -Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Was bedeutet Verantwortung? Wie greifen Schutz und Herrschaft ineinander? Was haben Hoffnung und Versöhnung miteinander zu tun? Diesen und anderen Fragen geht Nora Bossong in ihrem neuen Roman „Schutzzone“ nach.

Ihre Heldin Mira, die nach Stationen bei den UN in New York und Burundi, nun für die Vereinten Nationen in Genf arbeitet, gerät in tiefste Gewissenskonflikte, als ihre Rolle bei der Aufarbeitung des Völkermords in Burundi, den es neben dem Genozid in Ruanda auch gab, hinterfragt wird.

Ihre innere „Schutzzone“ gerät ins Wanken, Schuld und Scham ersetzen die große politische Bühne, auf der sich die Akteure des Friedens und der Kriege sonst so gerne aufspielen.

Nora Bossong schafft es auf 328 Seiten diese oftmals weltfremde Atmosphäre hinter den geschlossenen Türen von Geopolitik spannend und wohl informiert zu beschreiben, das Äußere nach innen zu kehren und uns in eine Welt mitzunehmen, in der Wahrnehmung und Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben.

„Schutzzone“ ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 24 Euro. Ebenso spannend ist Karin Kalisas neuer Roman „Radio Activity“, der bei C.H. Beck erschienen ist und 22 Euro kostet. Ihre Heldin namens Nora hat eine perfekte Radiostimme und einen Plan: Sie will um jeden Preis den Täter stellen, dessen Opfer ihre Mutter als Kind geworden war.

Dabei strapaziert Nora die Grenzen der Legalität und die Autorin unser vermeintliches Verständnis, wenn es um Rache oder Gerechtigkeit geht. Die 348 Seiten lesen sich kurzweilig und sind prickelnd konstruiert, wie eine gute Partie Schach. Starke Nerven verlangt Sandra Newman auch von ihren Lesern. „Ice Cream Star“ heißt ihr neuer Roman, der bei Matthes & Seitz in Berlin erschienen ist und 28 Euro kostet:

In einer nicht allzu fernen Zukunft sorgt eine Pandemie dafür, dass in den USA die Weißen vollständig vernichtet werden, während die Schwarzen jung sterben. Ice Cream, so der Name unserer Heldin, die mit 15 Jahren bereits zur älteren Generation zählt, wird zur Anführerin berufen, um über das Schicksal ihrer Leute zu entscheiden, was immer wieder auch an „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins und „Cloud Atlas“ von David Mitchell erinnert.

Auf 667 Seiten schreibt Sandra Newman, wirklich sehr geschickt von Milena Adam aus dem Englischen übersetzt, in einem Slang, an den sich der Leser erstmal gewöhnen muß, der aber notwenig ist, um in diese Vision dieser speziellen Zukunft einzutauchen.

Wer die ersten 100 Seiten schafft, wird dafür aber später umso mehr belohnt und Teil eines unerschütterlichen Optimus werden, der „Ice Cream Star“ ausmacht. Kurzum gesagt: drei ungewöhnliche Autorinnen, die uns drei ebenso außergewöhnliche Heldinnen schenken. Mehr davon.

Sönke C. Weiss

Foto: mons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57417153 CC BY-SA 4.0

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02.11.2019 Demokratische Volksfrontkoalition

GFDK - Reden ist Silber - Gottfried Böhmer

Nachlese zu der Wahl in Thüringen: Wer ist die ominöse "bürgerliche Mitte" fragen sich die Wähler nach der Wahl in Thüringen, und ich frage mich das nun auch. 23,4 Prozent der Dumpfbürger hätten einen Faschisten gewählt, so der Spiegel. Also, die gehören demnach schon mal nicht zu der ominösen bürgerliche Mitte.

Und auch Udo Lindenberg zeigte sich entsetzt über das Wahlergebnis der AfD und „Horror-Höcke“ und ist verzweifelt auf der Suche nach der Mitte. „Das Grauen geht um im Land, nicht nur an Halloween,“ meinte er.

Demokratische Volksfrontkoalition, was ist das?

CDU und Linke sollen eine demokratische Volksfrontkoalition bilden, konnte man im "Spiegel" lesen. Es geht ja um die Verteidigung der liberalen Demokratie. Nur, die Volksparteien trocknen jetzt aus, sagt das Professoren-Ehepaar Marina und Herfried Münkler. Der effektivste Geschichtenerzähler der Gegenwart seien die Populisten von rechts und von links zu Gabor Steingart. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der TU Dresden, er Historiker an der Humboldt-Universität in Berlin.  

Ich habe vorsichtshalber mal bei Wikipedia nachgeschaut: "Volksfront bezeichnet oft unscharf ein politisches Bündnis linker Parteien untereinander oder auch eine Koalition von Linksparteien mit liberalen oder anderen bürgerlichen Kräften". Ok, so stellt sich der "Spiegel" eine Regierungsbildung vor, auch nicht schlecht.

Blöd ist nur: Innerhalb der Politikwissenschaft wird der Begriff enger gefasst. Hier bezieht sich Volksfront insbesondere auf die Volksfrontbündnisse der in der kommunistischeniInternationale (Komintern) organisierten kommunistischen Parteien. Also, beim "Spiegel" muß man wohl feuchte Träume haben.

Was heißt hier, demokratische bürgerliche Mitte? Und wer bestimmt wär die ist?

An dem Wahlabend betonten alle, es seien die politischen Ränder gestärkt worden. Die demokratische Mitte hingegen, so sagen sie, sei geschwächt worden. So so, Parteien mit 30 und 24 Prozent sind also die Ränder, und Parteien mit 20 und 5 Prozent sind die "demokratische Bürgerliche Mitte". Kann das einer nachvollziehen? Nach dieser Lesart haben in Thüringen 55 Prozent der Wähler nicht demokratisch gewählt.

Dabei stelle ich mir die Frage, warum wollen die überhaut in der "Mitte" sein. Die Mitte ist der beschiessenste Punkt auf der Welt. Gehen sie mal in einen Schießverein, es wird immer auf die "Mitte" geschossen, Treffer auf die "Ränder zählen nicht. Schon Helmut Schmidt hatte einmal festgestellt, dass das Unglück von Deutschland daran lag, dass Deutschland in der "Mitte" von Europa liegt.

Das nur mal so zu der "Mitte", in die die Wähler und "Dumpfbürger" in Thüringen partou nicht wollten. Aber, was ist nun die "bürgerliche Mitte", ich habe mich schlau gemacht. Die "bürgerliche Mitte" besteht aus einem Mann, einer Frau, einem Kind und einem Hund, das nennt man eine Familie.


Der CSU-Generalsekretär Markus Blume warnte die Thüringer CDU vor einem Bündnis mit der Linken. „Wer mit Linkspartei oder AfD koaliert, begeht einen schweren Fehler. Da darf es kein Wackeln geben“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Die Linkspartei möchte eine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in Deutschland. Das muss aus der Mitte der Gesellschaft heraus bekämpft werden.“

Der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak lehnt eine Zusammenarbeit der Union mit der Linken kategorisch ab. „Das wäre ein Verrat an den Grundsätzen und Werten der Christdemokratie“, schreibt er in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring hat einen an der Klatsche: Er wollte mit dem Ministerpräsidenten sprechen, nicht mit der Vorsitzenden der Linken. Wo ist da der Unterschied fragen sich alle erstaunt. Mohring betonte, wenn die CDU sich all dem verweigern würde, dann käme sie ihrer Verantwortung nicht nach. „Wir sind Volkspartei, weil wir Verantwortung tragen wollen.“ Volkspartei mit 20 Prozent?

Nur Gauland hatte bei dieser Idee gute Laune

„Das ist eine gute Idee, damit die CDU endgültig untergeht”, sagte der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland zu Spekulationen über eine mögliche Beteiligung der Thüringer CDU an einer neuen Regierung unter der Führung von Ministerpräsident Bodo Ramelow.

Die Minderheitsregierung von Mike Mohring

Mike Mohring hat nun eine neue Idee: Er denkt dabei an eine „Minderheit der bürgerlichen Mitte“ aus CDU, SPD, Grünen und FDP – also allen im Landtag vertretenen Parteien außer den Linken und der AfD, meinte er in der Sendung von Markus Lanz. Das wäre sein neues Modell, um in Verantwortung zu kommen. Der  thüringische FDP-Vorsitzenden Thomas Kemmerich ist auf das verblödete Angebot sofort angesprungen.

Keine Toleranz mit den Schmudelkindern

Mein Gott, die müssen es nötig haben. Mit den Schmudelkindern der Linken und der AfD will Mike Mohring weiterhin nicht spielen. Auch eine Duldung noch Tolerierung" von Rot-Rot-Grün hat die CDU nun ausgeschlossen, erklärte der CDU Fraktionschef Mike Mohring. Der Thüringer CDU-Politiker Michael Heym, Vize von Mike Mohring, will nun aber doch Gespräche mit der AfD führen.

Die AfD könnte Teil eines bürgerlichen Bündnisses sein, meint er. Auf die Frage, ob die AfD für ihn eine bürgerliche Partei sei, antwortet er, er sehe sie als „konservative Partei“. „Wenn über die AfD gesprochen wird, sehe ich zuerst die fast 25 Prozent Wähler, die dieser Partei ihre Stimme gegeben haben“, so Heym, im Morning Briefing Podcast von Gabor Steingart.

Na ja, das kann ja noch heiter werden. Kaum hatte Michael Heym die Worte ausgesrochen, war das Geheule in der CDU groß, umgehend wurde sein Parteiausschluß gefordert. Klar doch, das nennt man heutzutage Demokratie.

Mit Professor Rupert Scholz hat Gabor Steingart gesprochen. Der ehemalige Berliner Justizsenator und frühere Verteidigungsminister zählt zum Urgestein der CDU. Mit der Bundeskanzlerin und ihrem innenpolitischen Vermächtnis, von der Flüchtlingsfrage bis zur Sozial- und Steuerpolitik, geht er hart ins Gericht. Er wirft ihr Verfassungsbruch und Staatsversagen vor.

Das auch noch: Nach Angaben des “Tagesspiegel” liegt eine Anzeige gegen den Thüringer FDP-Generalsekretär Robert-Martin Montag vor. Ihm werde vorgeworfen, auf FDP-nahe Wahlhelfer Einfluss genommen zu haben. Die Staatsanwaltschaft prüfe nun , ob Ermittlungen aufgenommen werden. FDP-Landeschef Thomas Kemmerich wies die Vorwürfe zurück.

So, ich mach mich nun auf die Suche nach der Mitte. Wenn ich sie gefunden habe, werde ich euch unterrichten.

Gottfried Böhmer

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24.10.2019 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Wie bereits berichtet, war Norwegen ja dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Auch haben wir in der Vergangenheit schon einige norwegische Autoren vorgestellt. Wie Johan Harstad (Max, Mischa & die Tet-Offensive) und Jon Fosse (Der andere Name). Vier weitere Schriftsteller und Werke möchte ich an dieser Stelle erwähnen, so sie mich doch sehr berührt haben.

Da ist zum einen Merethe Lindstrom, die mit „Tage in der Geschichte der Stille“ einen Roman über das Schweigen und die Liebe zweier Menschen geschrieben hat, die sich im Laufe ihres Lebens eingestehen müssen, dass es in der Tat Dinge gibt, die man besser nicht ausspricht, weil ansonsten die heile Welt, die man sich mühsam erschaffen hat, in kleine Stücke zerbricht.

Wie sehr sich Wahrnehmung und Wirklichkeit in einer Ehe voneinander trennen, beschreibt Lindstrom haargenau und immer kurzweilig. Fast glaubt man, einen Krimi zu lesen, dabei geht es auf den 221 Seiten um eine Familiengeschichte; aber sind diese nicht meist auch Thriller? Das Buch ist bei Matthes & Seitz erschienen und kostet 22 Euro.

Ebenfalls bei Matthes & Seitz für 22 Euro ist Tomas Espedal Buch „Das Jahr“ erschienen und ist weder ein Roman noch eine Erzählung oder gar ein Gedichtband, obwohl Espedal auf 196 Seiten fast versartig erzählt, poetisch, von den großen Erfahrungen des Lebens: Liebe, Verlust, Krieg, Tod, Krankheit und dass wir oftmals in einem Kreislauf gefangen sind, der nur mit größter Kraft zu durchbrechen ist.

„Das Jahr“ ist zart und sensibel und lädt einen immer wieder zum Reflektieren des eigenen Selbst ein. Das gelingt auch Jostein Gaarder mit seinem Buch „Genau richtig - die kurze Geschichte einer langen Nacht.“ Erschienen bei Hanser für 16 Euro erzählt uns der Autor auf 125 Seiten die Geschichte von Albert, dem die Ärzte eine tödliche Krankheit diagnostizieren und der nun überlegt, ob er sich das Leben nehmen soll.

In einem Tagebuch läßt er zunächst aber seine Vergangenheit Revue passieren: die große Liebe, die ernüchternde Ehe, die unerfüllten Erwartungen an das Kind. Albert schreibt und schreibt, bis plötzlich ein Fremder auftaucht und etwas Wunderbares mit unserem Helden passiert. Es lohnt sich, das herauszufinden.

Ähnlich gestrickt ist auch Per Pettersons Roman „Männer in meiner Lage“, für 22 Euro ferner bei Hanser erschienen. Wie der Titel schon sagt, geht es um Männer, beziehungsweise in erster Linie um einen Mann, Arvid, dessen Leben einer nie enden wollenden Katastrophe gleicht. Die Ehe ist hin, die Eltern und der Bruder sind bei einem Unglück ums Leben gekommen, die Töchter völlig entfremdet.

Männerschmerz ohne Selbstmitleid auf 285 Seiten, von denen wirklich keine einzige langweilig ist. Denn Petterson gelingt es, die Seele des Mannes genauestens zu beschreiben. Diskret und behutsam, ehrlich und zügellos.

Ein Autor, an dem ein Psychologe verloren gegangen ist und der mit Recht zu den erfolgreichsten Schriftstellern Norwegens gehört. Bemerkenswert ist: moderne deutsche Autoren lassen ihre Geschichten eher im Außen spielen, ihre norwegischen Kollegen gehen direkt unter die Haut. So kann der literarische Herbst wohl beginnen.

Sönke C. Weiss

Foto: commons.wikimedia.org/wiki/User:Clemensfranz

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21.10.2019 Höhepunkt der Frankfurter Buchmesse

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Fünf Tage. 302.267 Besucher. 7.450 Aussteller aus 104 Ländern. Das sind die nüchternen Zahlen der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, die wegen ihres Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels etwas ganz Neues spiegelte, denn gewöhnlich: sichtbare Menschlichkeit und Liebe. Und das ein Bild in der Tat mehr als 1000 Worte sagen kann.

Denn Literaten wie Literaturliebhaber sind ja meist ein wenig spröde und eher sparsam, wenn es darum geht, Gefühle zu zeigen. Der Kopf scheint immer im Vordergrund zu stehen, der Intellekt. Besonders bei den Deutschen.

Güte und Wärme. Licht und Zorn

Ganz anders demonstrierte es Sebastiao Salgado, der gestern den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche entgegengenommen hat. Als erster Fotograf überhaupt. Ein Mann, der gelebten Humanismus ausstrahlt, Güte und Wärme, aber auch Melancholie und das Wissen um das, wozu Menschen fähig sind in ihrem Zorn.

Der Journalist und Buchautor Sönke Weiss hat für die Gesellschaft Freunde der Künste Sebastiao Salgado auf der Buchmesse gleich mehrfach getroffen. „Meine Sprache ist das Licht,“ sagte Salgado. „Ich zeige Schönheit, aber lasse das Licht auch auf die Ungerechtigkeiten auf unserem Planeten scheinen.“

Salgado wurde 1944 in Brasilien geboren, mußte 1969 mit seiner Frau Lélia, die bis heute seine Bücher konzipiert, vor der Militärdiktatur seines Landes nach Paris ins Exil fliehen, und arbeitet seit Beginn der 70er Jahre als Fotograf. Mehr als 120 Länder hat Salgado für seine Sozialreportagen bereist, immer wieder monatelang mit indigenen Völkern gelebt und der Welt das oftmals Unsichtbare sichtbar gemacht.

Sozialreportagen über die Abgründe der Menschheit

Dabei hat er auch in die Abgründe der Menschheit geblickt; der Völkermord in Ruanda 1994 hat ihn fast gebrochen, heute fotografiert Salgado fast ausschließlich Natur, wie sein Buch „Genesis“ spiegelt. „Durch seine Fotografien fördert Salgado soziale Gerechtigkeit und Frieden und verleiht der weltweit geführten Debatte um Natur- und Klimaschutz Dringlichkeit“, sagte der Chef des Deutschen Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, in seiner Laudatio am Sonntag.

Mit Leidenschaft und oftmals Tränen in den Augen widmete Salgado den Preis all denen, die ihn immer wieder in ihre Leben ließen. Die Arbeiter, die Armen und Gebrochenen, vor allem die Ureinwohner Brasiliens, deren Existenz durch Gier seitens der Regierung gefährdet sei und wo sich Salgado heute dem Naturschutz widme.

2021 erscheint ein neues Werk von Sebastiao Salgado

Bis heute hätten er und seine Mitstreiter mehr als 2,5 Millionen Bäume gepflanzt und wirkten so dem Naturraub entgegen. So sei es auch schwierig gewesen, ihn zu erreichen, als man ihm von dem Preis berichten wollte. Salgado war irgendwo in Amazonien unterwegs, wo er sein neues Werk fotografiert, was 2021 erscheinen soll.

Mit 75 Jahren ist Salgado noch immer unermüdlich und gibt all seine Kraft unserem Planeten: „Ohne meine Frau wäre all dies nicht möglich gewesen; es ist unser Leben, nicht nur meines. Ich bin glücklich, dass ich seit über 50 Jahren mit der schönsten Frau der Welt verheiratet bin. Dieser Preis gehört ihr genauso wie mir.“

Soviel Liebe und Wärme

Bei diesen Worten hätte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören, soviel Liebe und Wärme gab‘s bei dieser speziellen Preisverleihung sicher noch nie. Über den Taschen Verlag (www.taschen.com) sind Salgados Bücher erhältlich.

Neben diesem wahrhaftig großartigen Höhepunkt ging es auf der Messe vor allem um Nord-Literatur, Norwegen war das Gastland, über die wir unter anderem in den kommenden Wochen weiter berichten werden. Es sind wirklich grandiose Bücher für die Wintermonate dabei. Bemerkenswert noch war indes, dass sich so viele junge Menschen noch immer oder wieder für Literatur begeistern.

Besonders am Wochenende schien das Durchschnittsalter zwischen 16 und 20 zu sein. Grandios. Überhaupt gab es in diesem Jahr einen Besucherzuwachs von 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Was aber auch zur Folge hatte, dass die Bewegungsfreiheit auf der Messe recht eingeschränkt war. Lange Fußwege zwischen den Hallen, nicht alle zwölf Hallen waren belegt, sondern nur sechs, vielleicht sollte die Messeleitung im kommenden Jahr auch die andern öffnen, und eine mangelhafte Beschilderung, besonders hinsichtlich der Parkmöglichkeit, lassen bei der Planung und Umsetzung Raum für Verbesserung.

Und: Dass die Causa Handke und der Literaturnobelpreis das prominenteste Gesprächsthema war, beziehungsweise die Polarisierung der Person, lasse ich mal kommentarlos, darüber werden sich die Geister, die sich gerne zurufen, sicher weiterhin streiten. Ich bin gespannt auf Leipzig im kommenden Jahr...

Sönke C. Weiss

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19.10.2019 mal was über Gedichte

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Meine erste Begegnung mit dem Werk Federico Garcia Lorcas hatte ich Ende der 80er Jahre in Hamburg. Am Schauspielhaus inszenierte der grandiose Peter Zadek Lorcas Theaterstück „Yerma“ mit der wunderbaren Eva Mattes in der Titelrolle.

Obwohl Lorcas Poesie nur unzureichend aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt werden kann, schien das Zadek-Ensemble den kulturellen wie emotionalen Hintergrund Lorcas Kunst zu verstehen und - wichtiger noch - zu fühlen.

Mich jeden Falls haute die Inszenierung total um, so dass ich sie drei Mal hintereinander sah, um tiefer und tiefer in dieses auf so vielen Ebenen funktionierende Kunstwerke zu dringen.

Anfang der 90er Jahre dann war ich Edward Albees Regieassistent für seine Inszenierung des „Lorca Plays“, ein Stück, das er im Auftrag des spanischen Kulturministeriums geschrieben hatte und nun an der University of Houston, wo er Albee auch mein Mentor war, auf die Bühne brachte. Auf die Frage, warum ihn Lorca so interessiere, antwortete Albee mir:

„Er war ein Künstler, er war schwul und er war ein Kommunist. Darum haben ihn die Faschisten 1936 ermordet. Das reicht mir aus für einen Helden.“ Ich glaube, dass das US-amerikanische Publikum das Stück nie zu würdigen wußte; Texas war sicher nicht der richtige Ort für diesen vielschichtigen Poeten.

Nun haben sich unsere Wege, Lorcas und meiner, erneut gekreuzt, und zwar wegen seinen famosen Poesiebands „Dichter in New York - Poeta en Nueva York“, das jüngst in der Bibliothek Suhrkamp - zum Glück zweisprachig - neu erschienen ist und 17 Euro kostet. 211 Seiten plus Anhang.

„Lyrik zum Die-Pulsadern-Aufschneiden“ bezeichnete Lorca, 1898 im andalusischen Teil Spaniens geboren, schon damals die Gedichte, die er 1930 aus New York mit nach Hause brachte; deren Druck, 1940 zum ersten Mal, er aber nicht mehr erlebte.

Es sind unruhige Gedichte eines nicht mehr ganz so jungen Mannes, der sich ganz offensichtlich nicht wohl in New York fühlte, dem das täglich wechselnde Gesicht der Metropole überforderte, der trotzdem weltläufig und urteilssicher über seine Beobachtungen in der Lage zu schreiben war, der sich aber trotzdem immer wieder in der Fremde verliert und ganz sicher kein Buch über New York zurückgelassen hat, sondern durch metaphorische Splitter seine eigene - vielleicht auch unsere - Identitätsnot spiegelt.

Leider ist mein Spanisch zu rudimentär, um die Übersetzung von Martin von Koppenfels beurteilen zu können; Lorcas Gedichte wirken auf jeden Fall auf mich einzeln und als Gesamtkunstwerk nachhaltig, um dieses Modewort zu gebrauchen. Nur leicht sind sie nicht. Sie passen aber wunderbar zum Herbst. Und zu einem schweren Rotwein...

Sönke C. Weiss

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