Reden ist silber, Schreiben ist gold

25.06.2020 der Wegaufzeichner

GFDK - Reden ist Silber - Eva Horstick-Schmitt

Erstveröffentlichung am 15. März 2013 auf GFDK - Martin Kippenberger war ein genialer,  sich selbstinszenierender Kunst-Clown mit radikaler Selbstironie.

Ich tauche mit Respekt ein in seine verletzliche Seele beim Blick auf sein umfangreiches Werk, präsentiert in der Nationalgalerie Hamburger Bahnhof Berlin.

Sein Leben als Mischpult der Kunst, in der er der Mittelpunkt sein wollte.

Er hinterfragt in seinen Werken sich, die Gesellschaft, die Kunst, den Markt – stilmixend, mit dem Hirn und Herzen eines chaotischen und sympathischen Treppentwisters. 

Die kunstbeflissene Jetztzeitgesellschaft - ob sie sein Werk versteht?

Seine Frösche am Kreuz glänzen auf uns herab wie ein Frosch-Ermahnung, uns besser mit der Natur zu versöhnen, als sie weiter zu quälen.

Martin Kippenberger - ich sage  Dir, egal wo du gerade bist im Universum - es ist ein Genuss  zu verstehen - wenn man mit dem Herzen sieht und nicht nur mit dem Verstand.

Das Bild, welches Du von Dir vermittelst, zeigt mir einen Menschen, der auch geht, wenn ein Tor ohne Kontur ist. Deine Nase ragt ebenso vorwitzig in die Welt, wie die mich berührenden Plakate deiner Ausstellungsankündigungen mit den schrägen Slogans, die an Dadaismus erinnern lassen.

Dein umfangreiches und abwechslungsreiches Lebenswerk in Form von Installationen, Malerei, Fotografie, Grafik und mehr beeindruckt genauso wie deine Statements.

Der Martin in der Ecke - als Skulptur - erinnerte mich an meine eigene Schulzeit  "Eva in der Ecke", wie es viele erinnern wird an eine Zeit, in der das Diktat des Gehorsams galt.

Die Plakate, Malereien und Fotografien lassen nicht nur erahnen, welch ein kluger Kopf hinter dem allen stand, sondern sind der Beweis für humorvolles und zynisches "Zeit-voraus-denken".

Als permanente "Ermahnungsleuchte" im Dickicht dieser Welten sammelte Kippenberger scheinbar alles was ihm vor die Füsse fiel und verarbeitete es zu einem leckeren Menü diverser Speisen, die uns manches Mal auch im Hals stecken bleiben sollen. 

Mich beeindruckte auch der Aufbau der Show, wie sie präsentiert wurde durch die verantwortlichen Kuratoren. Das war eine Höchstleistung, wo es doch 300 Werke kreativ unterzubringen galt.

Diese Kippenberger Show lohnt sich - und es fiel mir äußerst schwer, diese Aura des Werkes zu verlassen. Ich hätte mir gern mein Zelt dort aufgebaut und mehrere Tage diese Ausstellung genossen.

Kippenberger wurde nicht nur zu Lebzeiten von Dortmund ignoriert. 

Als das U gebaut -  2010 gerade fertig geworden - verwarf man in Dortmund schnell die Überlegung den Platz vorm U  "Kippenberger Platz" zu nennen, weil er doch Frösche ans Kreuz nagelte und die Inhaber der Provinzpossen aus Dortmund nicht gerade Durchblick bewiesen haben mit ihrer Art des Denkens.

Sie bekamen die Quittung. Eine Ausstellungsanfrage des Direktors des U wurde von den "Wächtern des Werkes Kippenbergers" zu recht abgesagt.

Martin Kippenbergers Mutter hat in Dortmund eh nur  kurz seine Windeln entsorgt, denn die Familie zog meines Wissen schon frühzeitig aus Dortmund weg.

Einige private sw Bilder des jungen Kippenberger lassen erahnen, welch inniges Verhältnis er zu seiner Mutter, seiner Familie hatte.

Auf mich wirkt er durch seine Kunst wie ein Mensch, der seinen Lebens-WEG ausdrücken wollte mit anderen Mitteln.  Einer, der durch seine Rastlosigkeit etwas suchte, was in der Welt ins Abseits geriet. 

Er verlor sich vielleicht auf der Autobahn des Lebens  und ertrug das alles nur noch mit einer nicht geringen Menge an Alkohol.

1997 starb er und wurde posthum zum berühmten Aussenseiter. Ich hätte ihm von Herzen gegönnt seinen Erfolg geniessen zu dürfen, der ihm seit einigen Jahren entgegen eilt.

Er wäre 2013  60 geworden. 

Trotz gefälltem Baum, eine Wurzel lebt   - und das ist diese seine Kunst. 

Die Kunst-Wurzel in die unendlich verschlungene Tiefe der Erde mit Abzweigwurzeln in alle Richtungen.

Eva Horstick-Schmitt

2013 im Februar 

arteve.de

Kuratiert von Udo Kittelmann und Britta Schmitz, Ko-Kuratorin: Miriam Halwan

23. Februar - 18. August 2013

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin

Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin

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18.06.2020 Bücher von Starken Frauen

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Ihr Weltbestseller „Eat Pray Love“ verkaufte sich 15 Millionen Mal, Elizabeth Gilberts neuestes Werk „City of Girls“ verspricht auch wieder, die Verlagshäuser reich(er) zu machen:

Vivian wird aus der Provinz in die große Stadt geschickt, New York natürlich, wohin sonst, und findet sich in einem Trubel von Musicals, Bars, Jazz und selbstverständlich fiesen Gangstern wieder, bis sie in einen Skandal verwickelt wird, der ihr Leben für immer verändert.

Oha! Genau. Die ganze Schose spielt in den Vierzigern und, das muß Mann schon sagen dürfen, ist auf Frauen gemünzt, ähnlich wie „Eat Pray Love“ gestrickt ist. Vermutlich wird „City of Girls“ auch mit Julia Roberts verfilmt werden, denn das Muster Ende gut, alles gut, trägt die 496 Seiten für nur 16,99 Euro aus dem Hause S. Fischer (www.fischerverlage.de) wohl.

„Der Funke des Lebens“ ist Jodi Picoults 27. Buch und hat wesentlich mehr Tiefgang. Es beschäftigt sich mit dem immer wieder aktuellen Thema: Wie können die Rechte schwangerer Frauen in Einklang mit den rechten ungeborener Kinder gebracht werden?

Was sich zunächst nach einer Wiederholung von „hart aber fair“ anhört, liest ich in der Tat sehr spannend: An einem warmen Herbsttag stürmt ein Schütze in eine Frauenklinik in Jackson, Mississippi, nimmt alle Anwesenden als Geiseln, darunter auch die Tochter des leitenden Polizeiunterhändlers wie eine als Patientin getarnte Pro-Leben-Aktivistin.

Viele andere Nebenpersonen, die alle ihre eigene Geschichte haben, tragen zum Plot bei, ohne nur Seitenfüller zu sein. „Der Funke des Lebens“ ist emotional aufwühlend, ohne dabei zu manipulieren.

Zumindest nicht politisch, was die Autorin, die in Princeton und Harvard ausgebildet wurde, schon mal auszeichnet und verdient zu einer der mutigsten Gegenwartsautorinnen der USA macht.

„Der Funke des Lebens“ gibt keine Antworten, was vermutlich auch die Stärke des Buches ist. Erschienen bei C. Bertelsmann (www.randomhouse.de), hat der Roman 448 Seiten und kostet 20 Euro.

Sönke C. Weiss

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15.06.2020 Zwei Bücher, Passport und Ober-Fläche

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

In seinem jüngsten Buch „Passport“ zeigt uns der französische Fotograf François-Marie Banier (www.fmbanier.com) einfach nur 29 Gesichter junger Afghanen, die er auf den Straßen von Paris porträtiert hat, die ihren Weg vom Hindukusch zum Place de la République geschafft haben, irgendwie.

Der Schriftsteller Atiq Rahimi hat die jungen Männer befragt, daraus entstanden Textfragmente, die zu den Bildern hinzugefügt wurden. Es sind Sätze, die oftmals mehr sagen und einen tiefer treffen, denn mancher Roman auf 500 Seiten. Wie zum Beispiel:

„In your eyes I am the other. Like you in the eyes of another.“ Was so viel heißt wie: In deinen Augen bin ich der Andere. Wie du das in den Augen eines Anderen bist.

„Passport“ ist ein direktes, ein ehrliches Buch, das sich wie eine Herzensangelegenheit der Autoren Banier und Rahimi anfühlt, die voller Empathie Umstände wie Exil, Fremdheit und Dazugehören in Wort und Bild in Frage stellen, so sie doch zu unserer modernen Welt dazugehören.

Das Alltägliche steht auch in Martin D‘Orgevals neuen Buch „Sur Face“ (Ober Fläche) im Mittelpunkt.

Der ebenfalls französische Fotokünstler (www.martindorgeval.com), dem man wohlgetrost als Minimalisten bezeichnen darf, zeigt uns 26 scheinbar banale Dinge auf oder in Oberflächen, wie ein Loch in einer Holzwand, einen Farbklecks auf einer Straße oder eine Zahl auf einer Häuserwand.

D’Orgevals trifft in seiner Fotokunst Aussagen zu Materie, die Sache, die alles verbindet, die sich ihm zu offenbaren scheint und sagt: ‚Ich bin das. Mach mal ein Foto.“

Die große Gabe dieses Künstlers ist, dass bevor der Auslöser klickt, er erkennt, wann sich ihm Materie offenbart. Ich vermute, er kann die Anwesenheit von Photonen wahrnehmen, was kein Witz ist.

Er erkennt das Moment. So oder so, seine Kunst erlaubt uns einen anderen Blick auf die Welt, ist verzückend und legt trotz seiner offensichtlichen Einfachheit etwas sehr Komplexes unter der „Ober Fläche“ frei.

Beide Bücher - unterschiedlich, nichtsdestotrotz auf ihre nonkonformistische Art faszinierend - sind bei Steidl erschienen (www.steidl.de). „Passport“ kostet 24, „Sur Face“ 40 Euro.

Sönke C. Weiss  

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09.06.2020 Lust auf Wandel

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Seit dem 27. Januar 2020 ist die COVID-19-Pandemie in Deutschland präsent, am 27. März trat der sogenannte Shutdown in Kraft, heute, nach den ersten Lockerungen, ist unsere Gesellschaft geteilt in Verschwörungstheoretiker, Vernünftige, Leichtsinnige und denen, die sich irgendwo dazwischen zu Hause fühlen.

Bücher gibt es selbstverständlich auch schon zu unserer neuen Zeitrechnung, zwei davon empfehle ich sehr, weil sie weg von jeglicher Hysterie angesiedelt sind, ein positives Weltbild spiegeln und Lust auf neues Gemeinwohl machen.

In „Trotzdem“ gehen der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach sowie der ebenfalls Jurist und Filmemacher Alexander Kluge der Frage nach, was Corona für unsere Gesellschaftsordnung und unsere bürgerliche Freiheit bedeutet.

Ihr scharfsinniges Gespräch stimmt nachdenklich und bietet viele Lösungsansätze, hat Weitblick und endet mit der Frage, warum eigentlich wenden wir unsere Lehren durch Corona nicht ins Positive?

Von außen ist „Trotzdem“ - bei Luchterhand (www.randomhouse.de) erschienen - ein unscheinbares Buch, in der Flut sensationslüsterner Berichterstattung sind die 80 Seiten für nur acht Euro aber eine lohnende Reflexionshilfe.

Wie „Die Zukunft nach Corona“ des Trend- und Zukunftsforschers Matthias Horx, der auf 144 Seiten beschreibt, wie Corona unsere zwischenmenschliche Kommunikation verändert, die Art wie wir arbeiten, wie wir fühlen, denken und welche Rolle die menschliche Angst in unserer Gesellschaft spielen wird.

Es geht dem Autoren um die gesellschaftlichen Herausforderungen und wie wir diese in Zuversicht wandeln können. Grundsätzlich handelt „Die Zukunft nach Corona“, bei Ullstein (www.ullstein-buchverlage.de) für 15 Euro erschienen, von unserem Umgang mit dem Unberechenbaren und dass es keinen Weg zurück in die Vergangenheit gibt, selbst wenn sich das viele von uns erträumen oder vormachen.

Panik und Verblüffung weichen hier einer wahren Lebenserfahrung, die unser Inneres verändern wird, wodurch Corona auch zum Spiegel unserer selbst wird, unseres Wandels, auf den wir irgendwann die richtigen Antworten finden werden.

Sönke C. Weiss

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05.06.2020 der Schwanz des Mannes

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Der Roman „Pandatage“ von James Gould-Bourn, der diese Geschichte in einem Kursus für kreatives Schreiben entwickelt hat, was man beim Lesen leider auch spürt ist bei Kiepenheuer & Witsch (www.kiwi-verlag.de) erschienen.

Zu witzig, zu übertrieben, zu dramatisch und von daher zu konstruiert erscheinen die Personen in diesem 384 Seiten langen Buch, in dem es schlicht und ergreifend um einen Mann namens Danny geht, der mit Hilfe eines Pandakostüms die Beziehung zu seinem elfjährigen Sohn aufpimpen will, stattdessen jedoch immer neue Probleme erzeugt, statt alte zu lösen.

Alles ist „too much“ würde meine ehemalige Lehrerin für kreatives Schreiben urteilen, nichtsdestotrotz hat Gould-Bourn ein Talent, aus dem er sicher für sein kommendes Buch schöpfen kann. „Pandatage“ kosten 20 Euro.

Für dagegen nur 18 Euro ist jetzt die grandiose Neuauflage des Weltbestsellers einer feministischen Galionsfigur „Salz auf unserer Haut“ von Benoîte Groult bei Ullstein (www.ullstein-buchverlage.de) erhältlich:

George, eine Pariser Intellektuelle, verliebt sich in Gauvin, einem bretonischen Fischer. Schon bald erkennen sie, dass ihre unterschiedliche Erziehung und Bildung zwischen ihnen steht, doch ihr Verlangen zueinander will alle Konventionen brechen und das über viele, viele Jahre hinweg, in denen sie immer wieder einen schmalen Grat zwischen Traum und Wirklichkeit für sich finden.

Es geht um Freiheit, gesellschaftliche Moralverstellung und um das, worum sich das Universum zu drehen scheint, der Schwanz des Mannes. So wurde „Salz auf unserer Haut“, 1988 zum ersten Mal erschienen, im Heimatland der Autorin Frankreich auch als „Frauen-Porno“ und „Hymne an den Phallus“ bezeichnet, verkaufte sich weltweit aber millionenfach und ist schon heute ein Klassiker.

Für mich ist es darüber hinaus ein klares wie kluges und scharfsinniges Buch, federleicht geschrieben, zeitlos und ehrlich. Chapeau für 336 Seiten!

Sönke C. Weiss

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04.06.2020 Buchvorstellung Im Jahr des Affen

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Berühmt wurde Patti Smith in den Siebzigerjahren durch ihre einzigartige Weise, Rock‘n‘Roll und Dichtung miteinander zu verschmelzen. Gekreuzt haben sich unsere Wege 2005 während einer UN-Friedenskonferenz in New York. Beide waren wir Delegierte, saßen zufällig nebeneinander in der Generalversammlung.

Nach vielen hehren Reden brauchten unbedingt eine Kaffeepause, während der wir uns natürlich über Krieg und Frieden unterhielten und warum die Menschen nicht nach der Maxime „peace, love and understanding“ lebten.

Anschließend gaben wir uns die Hände, was heute undenkbar wäre, und gingen unserer Wege. Jetzt habe ich Patti Smiths neues Buch „Im Jahr des Affen“ gelesen und bin erneut begeistert von diesem wunderbaren Menschen, der mir damals in New York begegnet ist.

In Erinnerungen und Rückblenden läßt sie das Jahr 2016 Revue passieren, in dem zwei ihrer engsten Freunde - der Musiker Sandy Pearlman und der Dramatiker Sam Shepard - sterben, Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wird und wo sich eine (fragil) positive Grundstimmung mehr und mehr verflüchtigt.

Die Autorin blickt zurück und dennoch nach vorne, verharrt nie im Konkreten, sondern verzaubert den Leser mit ihrer ganz persönlichen Poesie. „Im Jahr des Affen“ - im chinesischen Horoskop war 2016 das Jahr des Affen - hat mich sehr berührt und ich empfehle es uneingeschränkt: 208 Seiten, 20 Euro, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (www.kiwi-verlag.de).

Sönke C. Weiss

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26.05.2020 Widerstandskämpferinnen aus Augsburg

GFDK - Reden ist Silber - Gottfried Böhmer

Zwei Frauen wehren sich gegen die Corona-Maßnahmen in Augsburg. Weil Auflagen nicht eingehalten wurden, rückte die Polizei zu einem Lokal in Augsburg aus. Dort gingen die Wirtin und ihre Mutter auf die Beamten los, heißt es. Vier Beamte sollen von ihnen verletzt worden sein, drei davon sind dienstunfähig.

Widerstand in Augsburg

Was war da passiert: Der Ordnungsdienst hatte der Mitteilung zufolge in dem Lokal Lärmbelästigung und Verstöße im Rahmen des Ausschankes festgestellt und die Polizei gerufen. Die 30-jährige Lokalbetreiberin ( Jeanne d'Arc) war von den anrückenden Polizei-Kommando nicht sonderlich beeindruckt, und schlug zu, heißt es.

Mutter nimmt sich Polizei zur Brust

Ihre 62jährige Mutter kam ihr sogleich zu Hilfe und nahm sich die Beamten zur Brust. Auch die tapfere Wirtin und ihre Mutter wurden leicht verletzt: Sie erlitten Atemreizungen wegen des Einsatzes von Pfefferspray.

Während des Einsatzes soll sich ein Teil einer Menschenmenge vor dem Lokal mit der Gastwirtin solidarisiert und die Einsatzkräfte bedrängt haben, hieß es weiter in der Mitteilung der Augsburger Polizei, und: „sie skandierten lautstark den Namen des Lokals und warfen Plastikbecher auf die Einsatzkräfte.“

Laut „Bild“-Zeitung sollen die Gäste demzufolge nicht nur die Beamten während des Einsatzes mit Bechern beworfen haben, sondern die Szenen auch gefilmt und ins Internet gestellt haben. Der Einsatz fand der „Augsburger Allgemeinen“ zufolge in der Maxstraße statt, einer zur Abendzeit gut besuchten „Partymeile“.

Nun hat sich die Wirtin selbst zu dem Vorfall geäußert

Erst im November hatte sie das betreffende Lokal in der Maxstraße übernommen. Sie sagte dem Portal "Presse Augsburg": "Ich kann nur sagen, dass ich seit Monaten aufgrund der Coronalage um den Erhalt kämpfe und ich hatte auch nie ein schlechtes Verhältnis zu Beamten."

Die Schilderungen des Vorfalls durch die Polizei seien nicht richtig. "Ich wurde nach einem sehr aggressiven Gespräch seitens der Polizei plötzlich zu Boden gerissen und hatte Pfefferspray im Gesicht. Trotz all dem bekomme ich noch einen Faustschlag von einem Beamten. Ich verstehe die Welt nicht."

Das Schlimmste sei, dass sie wie eine Verbrecherin dargestellt werde. "Ich bin zutiefst erschüttert", zitiert "Presse Augsburg" die Wirtin. Das Landeskriminalamt prüft nun auch den Einsatz der Polizei. Wie auch immer: Ist die Mutter oder Oma anwesend, sollte man auf der Hut sein, das gilt auch für Polizeibeamte.

Auch die berühmte Hamburger Kultkneipe Zwick ist wegen des Verstoßes gegen die Corona-Regeln vorübergehend geschlossen worden. Die Polizei fand am frühen Sonntamgmorgen 89 Personen in der Kneipe vor, nachdem sich Nachbarn beschwert hatten, berichtet der NDR

Hier hatte die Polizei Glück, es war keine Mutter und Oma unter den 89 Personen.

Nach Angaben des Deutschen Richterbundes wurden an deutschen Verfassungs- und Verwaltungsgerichten schon weit mehr als 1000 Eilverfahren gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung angestrengt. Bei Anwaltskanzleien sollen die Telefone seit Wochen nicht mehr still stehen. Derweil will das Kanzleramt die Kontaktbeschränkungen bis 5. Juli verlängern.

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25.05.2020 Die toxische Macht der Narzissten

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

„Die toxische Macht der Narzissten“ heißt das neue Buch der französischen Psychoanalytikerin und Familientherapeutin Marie-France Hirigoyen, die seit ihrem 2006 Beststeller „Warum tust du mir das an?

Gewalt in Partnerschaften“ auch in Deutschland einem breiten Publikum bekannt ist, und das meiner Überzeugung nach zur Pflichtlektüre aller gehören sollte, die die narzisstischen Zeichen unserer Zeit noch nicht erkannt haben wollen.

Auf 253 Seiten erklärt uns die Autorin, was einen gesunden Narzissmus von einem pathologischen unterscheidet, welche Symptome Narzissten entwickeln und wieso manche von ihnen den Bezug zur Realität verlieren, andere dagegen höchst verletzlich sind.

Machtmissbrauch, Lügen, Tricksereien

So nimmt sie in ihrem ersten Kapitel Donald Trumps Psyche in einer Ferndiagnose ordentlich auseinander, erklärt, warum sich der US-Präsident nie ändern wird und wie es gekommen ist, dass er zum Spiegelbild einer Gesellschaft wurde, die wir einst bewunderten.

Wegen dieser Analyse allein schon lohnt es sich das Buch zu lesen. Vor allem aber, weil wir alle durch die Folgen des herrschenden Narzissmus - von Trump über Facebook bis hin zu Anne Will am Sonntagabend - betroffen sind: Machtmissbrauch, Lügen, Tricksereien.

Marie-France Hirigoyen wappnet uns dagegen und zeigt, wie man sich wehren kann. „Die toxische Macht der Narzissten“ ist kein typisches Sachbuch, sondern liest sich spannend wie ein Krimi. 16,95 Euro sind dafür wirklich nicht zu viel verlangt.

Ebenso unterhaltsam wie lehrreich ist Daniel Masons neuer Roman „Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“, in dem der Verfasser, der übrigens auch als Psychiater arbeitet, über die Macht des Einzelnen in Zeiten des britischen Imperialismus berichtet.

Vom Kriegsministerium beauftragt, soll Edgar Drake einen wertvollen Flügel im tiefsten Dschungel von Birma, dem heutigen Myanmar, wo ein britisch-birmanischer Krieg wütet, stimmen.

Der sensible Drake verliebt sich selbstverständlich in die exotische Landschaft des ihm fremden Kontinents wie natürlich auch in eine Person und versucht der Brutalität des Krieges zu trotzen, was schlußendlich fatale Folgen hat.

Die englische Originalausgabe erschien bereits 2002; warum wir in Deutschland 18 Jahre lang auf diese sehr wohl gelungene Übersetzung warten mußten, ist wirklich schade, denn die 398 Seiten sind voller Poesie und Liebe für einen Landstrich und seiner Menschen, über die wir leider noch immer viel zu wenig wissen.

„Der Klavierstimmer Ihrer Majestät“ kostet 24 Euro und erzählt zwar eine fiktive Geschichte, ist aber auch ein historischer Roman, weil umfangreich wie scharfsinnig recherchiert, ohne dabei auf die Menschlichkeit der Figuren zu verzichten.

Nun irgendwie gar nichts mit wahrer Geschichte zu tun hat der Band „Paargespräche“ von Line Hoven und Jochen Schmidt. Weswegen haben sich eigentlich Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir in die Haare gekriegt? Wie tickten Romeo und Julia wirklich?

Und was verband Helmut Schmidt mit Loki? Dass hin und wieder der ganz normale Wahnsinn in jeder Beziehung wütet, zeigen uns treffsicher-komische Dialoge berühmter Kultpaare aus der Popkultur, der Kunstgeschichte und der Bibel.

Die 95 Seiten sind kurzweilig, charmant und zeigen, dass selbst Zeus und Hera „Menschen“ waren. Die imaginären „Paargespräche“ kosten 18 Euro und sind wie die anderen beiden Bücher bei C.H. Beck (www.beck.de) erschienen.

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19.05.2020 Der große Beard - Ein Leben wie ein Gesamtkunstwerk

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Neunzehn Tage lang blieb er spurlos verschwunden, dann stellte sich heraus, der große Fotograf, Maler und Abenteurer Peter Beard war tot. An Demenz erkrankt, hatte er sich wohl im Camp Hero State Park in Montauk, New York, verlaufen und war mit großer Wahrscheinlichkeit nach verdurstet, bis die Polizei ihn am 19. April 2020 fand.

Er war 82 Jahre alt. Peter Beard machte sein Leben auf dem afrikanischen Kontinent zum Gesamtkunstwerk: Eine Collage aus Fotografie, Umweltaktivismus und Tagebuch, jetzt unter dem Titel „Peter Beard“ bei Taschen (www.taschen.com) für 100 Euro erschienen.

Diese XL-Ausgabe auf 770 Seiten präsentiert die gesamte Welt des Künstlers. Ein wahrer Prachtband, den er noch mit seiner Frau Nejma zusammenstellte, in dem Haute-Couture-Models wie Iman, später David Bowies Frau und von Beard entdeckt, unter der kenianischen Sonne Giraffen füttern und Elefantenkadaver Zeugnis für die Zerstörung der Natur durch den Menschen ablegen.

Peter Beard war eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstironie. 1938 in eine beeindruckend reiche US-amerikanische Familie geboren, sein Urgroßvater war Gründer der Great Northern Eisenbahngesellschaft, wollte er zunächst Medizin studieren, fand für sich aber schnell heraus, dass „der Mensch die Krankheit selbst ist“.

Er widmete sich stattdessen der Kunst, wobei er sich auch ein Jetset-Leben mit Freunden wie Truman Capote, Mick Jagger oder Jacqueline Kennedy Onassis gönnte und dabei wie eine Figur aus einem Fitzgerald-Roman wirkte, ein exotischer Aussenseiter, der sich, ermutigt durch die dänische Schriftstellerin Karen Blixen, irgendwann lieber mit 23 nach Afrika aufmachte, um von seiner Hog Ranch in Kenia aus den Kontinent zu fotografieren.

Beards Fotos von afrikanischen Wildtieren erinnern in ihrer Reduziertheit und kristallener Klarheit fast an Kriegsberichterstattung: Gefahr, Tod und alles was dazwischen lauert.

(Bei dem Versuch, einen Elefanten zu fotografieren, spießte dieser Peter Beard auf und verletzte ihn lebensgefährlich.) „Als ich mich 1955 zum ersten Mal nach Ostafrika aufmachte, war es noch eine der absolut unberührten Regionen dieser Welt für wild lebende Tiere.

Heute ist es ein touristenverseuchter Parkplatz“, schreibt er in seinem Buch „The End of the Game“, weniger eine Dokumentation, sondern eher von einem prophetischen Ansatz geprägt, ohne selbst zum Propagandisten zu werden.

Die Retrospektive „Peter Beard“ zeigt, dass dieser Mann ein Künstler war, dessen Medium nicht dieses eine Foto oder jene Fotostrecke in einer beliebigen Zeitschrift war, sondern absolut alles - dass es sich um einen dieser vielschichtigen Jäger und Sammler handelte, denen nichts im Leben entgeht.

Insbesondere seine Collagen zeugen von dieser Nähe zum Sein. Mit Sicherheit gibt es in der Kunstwelt nichts annähernd Vergleichbares, und wer durch die vielen wahnhaften Schichten dringt, fällt in eine Beard-Welt der visuellen Wortspiele und peinigender Parallelen - Models und Massai, Politiker und Popikonen, BH-Werbung und sonnengebleichte Knochen, Löwen und Geisteskranke, Krokodile und Dosensuppe, abgetrennte Köpfe, Blutflecken, Innereien, Stripperinnen und Hungernde.

Mythisch, grenzenlos und absolut einzigartig sind diese Arbeiten eines Mannes, für den das Leben selbst die größte Show der Welt war. „Peter Beard“ ist ein bedeutender Fotoband eines leidenschaftlichen Künstlers, der dies bis zu seinem Tod vor nur wenigen Wochen blieb.

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18.05.2020 der Meister des Augenblicks

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

„Ich bin ein visueller Typ. Ich begreife durch die Augen“ - Henri Cartier-Bresson (1908 - 2004), Meister des entscheidenden Augenblicks, hat ein gewaltiges photographisches Werk geschaffen, das stilprägend für die Moderne im 20. Jahrhundert wurde.

Schriftlich hat er sich wenig über seine Tätigkeit geäußert, das überlies er befreundeten Schriftstellern und der Kunstwissenschaft. In Interviews und Gesprächen hingegen gab er freimütig Auskunft.

Jetzt ist eine vom Centre Pompidou in Paris herausgegebene Auswahl seiner Gespräche und Interviews erstmals in deutscher Übersetzung bei Schirmer/Mosel in München (www.schirmer-mosel.com) erschienen.

Hinter dem vielsagenden Titel „Man redet immer zu viel“ steckt ein mit Verve und Esprit, mit Temperament und Humor erzähltes Buch, das uns durch das Leben des Jahrhundertfotografen Cartier-Bresson führt.

In zwölf Interviews aus knapp 50 Jahren, die sonst schwer zu finden sind, berichtet er von seinen frühen Abenteuerreisen durch Afrika und Mexiko, seiner geliebten Leica-Kamera, seiner Zeit im Krieg und in der Gefangenschaft, der Gründung der Fotoagentur Magnum, wie er vom Surrealismus und Kubismus in seiner Arbeit beeinflußt wurde, spricht über Stil und Ethos und vieles andere mehr.

„Man redet immer zu viel“ liest sich wie eine Autobiografie, die Cartier-Bresson nie geschrieben hat und ist die perfekte Ergänzung zu den Bildbänden des Künstlers, der in diesen Gesprächen auch so manche Legende um seine Person zurechtrückt.

Die 216 Seiten lesen sich spannend und vergnüglich, wie eine Reise um die Welt und durch die Geschichte sein sollte, und kosten 24,80 Euro. 

Sönke C. Weiss

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