19.01.2017 09:40 Portrait des Monats

SYLVIA BRÉCKO: "Comedy macht man wegen dem Geld und Kabarett wegen des Geldes"

Die Kabarettistin Sylvia Brécko begeistert ihr Publikum mit gesellschaftspolitischen Themen (c) Mary Addari

Kabarettistin Sylvia Brécko ist eine Frau mit jeder Menge Energie, Foto (c) Marcel Terrani

Sylvia Brécko gibt eine Autogramme (c) GFDK

Von: GFDK - Michaela Boland

Ihr Metier war lange Zeit reine Männerdomäne. Wenngleich sich der Anteil weiblicher Vertreter auch in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöht hat, befinden sich die XY-Chromosomenträger in diesem Fach mengenmäßig noch immer klar im Vorteil.

Doch diese Tatsache muss sich gar nicht immer so schlecht auswirken, findet sie: Kabarettistin Sylvia Brécko.

Eine Frau mit jeder Menge Energie. Seit 2007 ist sie mit ihren Programmen erfolgreich auf deutschen und europäischen Bühnen unterwegs und begeistert ihr Publikum mit gesellschaftspolitischen Themen, die sie mit einem Augenzwinkern auf wunderbar leichte Art und Weise aufrührt. Kurzweilig, vielfältig und dennoch tiefgründig, so will die Kölnerin mit österreichischem Pass ihre Zuschauer unterhalten.

Dass ihr dies seit Langem gelingt, beweist schon mal ein Punkt: Das empfehlenswerte aktuelle Programm, die-Dauerbrenner One-Woman-Show mit Text und Musik: "Liebling, wir müssen reden" wird im Oktober von der schon sehnsüchtig erwarteten Fortsetzung ("Liebling, wie war ich?“) abgelöst und befasst sich mit dem immerzu aktuellen Mann-Frau-Thema. Zwar geht es nicht nur um die Kommunikation zwischen den Geschlechtern, sondern ebenfalls um Verständigung an sich, die allgemeine Unterhaltung und um Werte.

Große Sprachkrise

Doch vor allem setzt die ausgebildete Schauspielerin eine Beobachtung um: Die große Sprachkrise, auf die wir ihrer Meinung nach zusteuern. "In vielen Schulen wird immer weniger Deutsch gesprochen und die deutsche Sprache nicht mehr richtig erlernt", konstatiert sie.

Sicherlich nicht von der Hand zu weisen, denn seit sich schockierende Erlebnisse von der Bildungsfront sogar aus erster Hand in Lehrerdokumentationen wie beispielsweise der mit dem Titel "Isch geh Schulhof" bis in die  Bestsellerlisten hoch katapultierten, wie wir seit Autor Philipp Möller wissen, erhärtet sich der Verdacht, dass es mit korrekter Sprache hierzulande tatsächlich abwärts gehen könnte.

So schildert auch Sylvia Brécko, wie sie zwar manchmal über Gespräche zwischen Jugendlichen, die sie beim Bahn fahren hin und wieder zwangsläufig mitbekomme, lache, ihr aber jenes Lachen gleichzeitig im Halse stecken bleibe. Immerhin: Derartiges eignet sich regelmäßig ganz gut fürs Kabarett.

Wo sich die Diplom-Sportlehrerin sonst noch Inspiration holt, wie sie neben ihrer Sprech- Tanz- und Gesangsausbildung auch noch einen Magister in Theater-Film- und Fernsehwissenschaften sowie Germanistik und Kunstgeschichte erworben hat, während sie beim WDR moderierte und Filme machte, hat sie beim Gespräch im Klettenberger Café 333 verraten.

Sylvia Brécko erinnert an die Filmdiva Marlene Dietrich

Mit ihren 1,75m, blauen Augen, der hellblonden Mähne und einer Traumfigur lässt Sylvia Brécko gewiss so manches Männerherz höher schlagen. Zwar ist die Wahlkölnerin, die um ihr Alter ebenso ein Geheimnis macht, wie einst Marlene Dietrich und Fragen hiernach regelmäßig genau wie die legendäre Filmdiva mit den Worten, "Der Geburtsschein ist ein Gerücht, das eine Frau jederzeit durch ihr Aussehen dementieren kann", abbürstet, längst in festen Händen, doch  Bewunderer sind der gebildeten Kabarettistin sicher.

Einst habe sie ein Programm über weibliche Mythen gemacht. Neben der gerade zitierten Dietrich seien darin auch Edith Piaf, Marilyn Monroe, Judy Garland und Tochter Liza Minnelli vorgekommen.

Ein Kulturamtschef habe sie daraufhin im Jahre 2007 gefragt, ob sie sich denn nicht auch vorstellen könne, politisches Kabarett zu machen. Doch reine Politik reizt die Blondine weniger. "Ich bin ein politisch durchschnittlich interessiertes Wesen", sagt sie. "Um politisches Kabarett zu machen, musst du überdurchschnittlich an der Politik interessiert sein", findet Brécko.

Immerhin sei sie auf diese Weise jedoch dazu gekommen, es einfach einmal mit gesellschaftspolitischem Kabarett zu versuchen. "Ich habe dann mit Beziehungskabarett begonnen", erzählt sie. "Daran habe ich Spaß, da stehe ich hinter, das sind meine Themen", bekräftigt sie ihre Entscheidung. Wichtig sei ihr, dass ihr Publikum einen schönen unterhaltsamen Abend habe und sich in den darauffolgenden Tagen und Wochen immer einmal wieder daran erinnere, was sie gesagt habe und Dinge wiedererkenne.

Dass ihre Vorstellungen durchaus für Bewusstseinserweiterungen sorgen, bestätigen die zahlreichen E-Mails, die sie häufig als Reaktion auf ihr Programm von Zuschauern erhält. So schrieben ihr die Menschen beispielsweise, "Genau das habe ich dann auch gesehen." Auf die Frage, ob man es nach ihrem Dafürhalten als Frau im Kabarett grundsätzlich schwerer habe als ein Mann, antwortet sie: "Offenbar hat man es schwerer".

Das siehst du ja schon daran, dass es wesentlich weniger Frauen gibt, die Kabarett machen", doch fügt sie lachend hinzu, "das hat ja auch Vorzüge, dass wir in der Minderheit sind". Hintergrund: Vor kurzem war Sylvia Brécko auf einem Ball eingeladen und konnte sich als Stargast für eine geplante Kabarettveranstaltung der Lions ins Gespräch bringen. So wurde ihr nämlich gesagt, dass es doch durchaus etwas wäre, wenn sie als erste Frau dort aufträte, nachdem man bisher nur Männer gehabt habe. "Ich lasse das auf mich zukommen und fühle mich in der Szene nicht benachteiligt", erklärt die im Sternzeichen des Löwen Geborene.

Benachteiligt dürfte sich auch Kollegin Carolin Kebekus derzeit keineswegs fühlen. Der weibliche Shootingstar, der 2011 sein Debütalbum "Ghetto Kabarett" herausbrachte, Deutscher-Comedypreisträgerin und seit 2013 Ensemble-Mitglied der heute-show ist, sorgte jüngst mit dem bei RTL ausgestrahlten, eigenen Programm "Pussyterror Teil 1 und 2" für hohe Einschaltquoten. "Was hältst Du von dieser etwas platteren, aber kommerziell recht erfolgreichen Art des Humors der Kollegen, wie beispielsweise Kebekus und Barth aus dem Comedy-Bereich", möchte ich von Sylvia Brécko wissen.

" Auch wenn es heutzutage sehr durcheinander fließt und man es vielleicht nicht mehr so trennen kann, wie man es einmal konnte, unterscheide ich immer noch zwischen Kabarett und Comedy. Auch denke ich, dass es für jede Richtung, ob es nun rein politisches, gesellschaftspolitisches Kabarett oder Comedy ist, eine Klientel gibt.

Es gibt für alles überall ein Publikum und von daher hat alles seine Legitimation", antwortet die Kabarettistin diplomatisch. Überhaupt: Ihre Ausdrucksweise ist gewählt, die Anmutung elegant. Dann zitiert sie die von ihr hochgeschätzte Kollegin Gerburg Jahnke mit den Worten, "Comedy macht man wegen dem Geld und Kabarett wegen des Geldes".

Welche Motivationen auch immer hinter den Menschen stehen mögen, als Freiberufler bedarf es hin und wieder eines langen Atems. Da trifft es sich gut, dass Durchhaltevermögen durchaus eine Stärke Sylvia Bréckos` zu sein scheint.

Bevor die Tochter eines Österreichers endlich ihre Abschlüsse in Theater-Film und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte sowie Sport machte, absolvierte sie parallel zum Studium noch ihre Schauspiel-, Tanz-, Gesangs- und Sprechausbildung, fungierte als Ansagerin im WDR Fernsehen, moderierte bei der Hobbythek an der Seite von Jean Pütz und arbeitete als Realisatorin für die Lokalzeit im Sender.

"Ich musste immer mehrere Dinge auf einmal machen", erinnert sich Brécko, gibt aber weiterhin zu, "ich habe auch ziemlich lange studiert". Das Beiträge machen sei aber auf Dauer nichts für sie gewesen, gesteht sie. "Ich wollte immer ein Kunstwerk aus den Filmen machen. Für mich musste es immer eine Dramaturgie haben“, erklärt die früher einmal leicht Rothaarige. "Ich war nicht so ein schneller Produzierer und habe mir dann einfach gesagt, `das machen andere besser`".

Es sei "input-output-mäßig" gewesen, man habe unglaublich viel recherchieren und vorbereiten müssen und hinterher nur einen Dreiminüter gehabt, der dann einfach so verpufft sei. Demgegenüber hat sie in ihrem derzeitigen Betätigungsfeld jedwede Gelegenheit ihre Vorstellungen umzusetzen. "Im Theaterbereich entwickle ich eine Show, aber ich kann sie dann auch immer wieder reproduzieren und immer wieder aufs Neue leben und erleben", erläutert Sylvia.

"Wie bestückst du deine jeweiligen Programme, gibt es da einen bestimmten Ablauf", frage ich die passionierte Bühnenfrau. "Es gibt natürlich Arbeitserfolge. Das heißt, man setzt sich hin, man hat den Druck, ich brauche auch immer den Druck, habe jetzt meine Premiere für das Programm auf den ersten Oktober festgelegt und das heißt, ich muss mich einfach hinsetzten und schreiben", erklärt Brécko. Sie treffe sich sodann alle ein bis zwei Wochen mit ihrer Regisseurin und müsse dort auch etwas abliefern.

"Den Ehrgeiz habe ich natürlich, damit wir beide dann produktiv arbeiten können." Zunächst würden einzelne Nummern, die zu einem größeren Themenkreis gehörten, verfasst, die dann in der Gemeinschaftsarbeit sprachlich verfeinert und in eine Dramaturgie gebracht werden müssten. Derzeit laufe sie mit extrem offenen Augen und Ohren durch die Gegend und alles, was ihr auffalle und zu ihrem Thema passe, schreibe sie sogleich auf.

Ihr Geheimnis: Ein kleines rotes Buch, was sie stets bei sich führt und worin sie alles notiert, was ihr in den Sinn kommt, was sie erlebt oder sieht. Inhaltlich, so verrät sie schon einmal, gehe es im geplanten Fortsetzungsstück, "Liebling, wie war ich?" um Dinge, die etwas zu tun hätten mit Ängsten, Unsicherheiten und Selbstbewusstsein, die sich im Leben eines Künstlers oftmals abwechselten. Dieses gewisse Wirrwarr von Emotionen und Zuständen, denen man sich eben auch als Künstler ausgesetzt sehe.

So soll sich dann mit der Premiere am ersten Oktober der "Liebling-Kreis, nach, "Liebling, bin ich zu dick?" und "Liebling, wir müssen reden!" schließen. Getreu dem Motto ihres letzten Trilogie-Teils, "Liebling, wie war ich?", richtet sie als Künstlerin diese Frage, wohlgemerkt in subtilerer Weise, um sich zeitnah ein erstes Feedback einzuholen, spätestens in der Pause gleichsam an ihre private Begleitung.

Eine Art Personal-Kritiker, der bei jeder Show dabei ist und den Verlauf von Anbeginn mitverfolgt? Gut, ein solches Menschen-Barometer zu haben, doch gibt es eigentlich auch Möglichkeiten, die Kabarett-Tauglichkeit des Erdachten schon im Vorfeld auszutesten, interessiert es mich. Brécko`s Testphase sah, wie sie erzählt, wohl immer folgendermaßen aus: "Ich habe zuvor immer befreundete Pärchen zu mir eingeladen und dann haben wir Dinner & Show gemacht." Soll heißen:

Es habe zunächst eine kleine Vorspeise gegeben, Brécko trug erste Show-Elemente vor, es folgte eine Pause, die Zeit für erstes Feedback der Freunde ließ, bevor nach dem Hauptgang der zweite Programmteil zum Besten gegeben worden sei, und das Multitalent Brécko sich nach dem Nachtisch die ehrliche Abschlusskritik hat einholen dürfen. Auf dieses Weise konnte die Künstlerin erkennen, wo etwas ankam und wo nicht.

Ihr häufig gemischtes, aber tendenziell eher intellektuelles Publikum bewegt sich hauptsächlich zwischen 35 und 55 Jahren, wobei ihr jüngster Fan gerade mal zwölf Jahre zählt, die ältesten durchaus schon 80. Gelegentlich verirrten sich durchaus auch solche Menschen in ihre Vorstellung, die wegen des Titels ein Programm mit Mario-Barth-Charme erwarteten. "Was mir auffällt, ist, dass die Leute im Theater heute wesentlich mehr den Anspruch haben, im Sinne eines Schenkelklopfers einfach mal so loslachen zu wollen.

Am besten einer nach dem anderen, wobei das nicht immer eine qualitative Aussage ist. Die Menschen sind da heute sehr verwöhnt, gerade wenn sie viel fernsehen, haben sie einfach einen anderen Humorpegel", analysiert Brécko. Die Nachfrage nach ihren Vorstellungen jedenfalls ist groß. So gastierte sie neben Köln, Bonn, Berlin, Rostock, Lübeck, Hannover, Celle und München sogar im schon im Ausland: In Spanien und in der Schweiz erfreute sie deutschsprachiges Publikum mit ihren Shows.

Im Leben der emsigen Sylvia dürfte es in diesem Jahr wohl kaum zu einem Moment der Langeweile kommen. Neben den Vorbereitungen zum neuen Programm im Herbst plant sie nämlich zum einen noch eine Weihnachtsshow und entwickelt als Choreographin die Tanzeinlagen für die in Köln bekannte Karnevals-Tanzgruppe "De Höppemöztjer".

Bei derartig vollem Terminkalender bleibt die Frage: Wo findet die Kabarettistin Entspannung? Ein bis zweimal im Jahr verweilt Brécko, die in Melbourne Verwandtschaft hat, in Australien. Die unglaubliche Natur und das Meer faszinieren die Künstlerin. Sie liebe das Wellenreiten und die Freundlichkeit der Menschen dort mit ihrer positiven Lebenshaltung, was auch für ihr Programm von Bedeutung sei.

" Ich glaube, dass es mir in gewisser Weise gelingt, etwas von der positiven Energie mitzubringen." Sogar als Reisejournalistin für Fachmagazine hat sich Brécko während ihrer Aufenthalte in Australien schon betätigt. In der knapp bemessenen Freizeit schaut sie sich durchaus schon mal romantische Komödien a la Harry und Sally an.

Beim bevorstehenden Arbeitspensum wird sie in nächster Zeit wohl eher kaum dazu kommen. Doch dafür dürfen sich ihre Fans wohl in Kürze auf ein köstliches neues "Liebling-Programm" freuen. Und darin gibts von der ausgebildeten Tänzerin diesmal sogar einen echten Spagat zu sehen.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

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