17.05.2017 08:21 Man fragt sich: Wo habe ich das schon einmal gesehen?

Portrait des Monats: Die Künstlerin Marina Sailer

In juengster Zeit entfuehrt Marina Sailer den Betrachter hinaus ins Freie

In jüngster Zeit entführt Marina Sailer den Betrachter hinaus ins Freie: auf einer Brücke, an einem See, im Wald handelt das Bildgeschehen. Foto: (c) Marina Sailer

Von: Dr. Ulrich Heimann

Beginnen wir damit, ein Bildinventar anzulegen, uns einen Überblick über die Requisiten der ganz eigenartig reizvollen, phantastischen Bildwelten Marina Sailers zu verschaffen.

In älteren Bildern werden wir als Betrachter oft in Innenräume versetzt, angefüllt mit Postermöbeln, Stühlen, Betten, Kissen, üppig floralen Stoffen, Teppichen,  Kleiderständern, Lampen, Treppenhäusern mit reich verzierten Geländern.

Gelegentlich werden diese Räume bewohnt von einer träumerischen weiblichen Person, meist mehr oder weniger ausgeprägt  ein Selbstbild der Künstlerin, manchmal als Gips- oder Marmorbüste.

Außerdem werden die Innenräume bevölkert von Adlern, Tauben, Schwänen und verschiedenen exotischen Vögeln; von Katzen, Schmetterlingen, Möpsen, Tigern und Fischen.

Die Fische tummeln sich (wenn sie nicht unter unseren Augen den Adlern zum Opfer fallen) im Wasser, das auf vielen Bildern von einer offenstehenden Tür her die Räume überflutet und Gegenstände wie Schuhe, Bücher, Farbflaschen, Bilder in Bewegung versetzt.

In jüngster Zeit entführt Marina Sailer den Betrachter hinaus ins Freie: auf einer Brücke, an einem See, im Wald handelt das Bildgeschehen, bei dem die Künstlerin nurmehr Regie führt statt selbst zu agieren. Denn neuerdings tritt die Künstlerin in ihren Bildern nicht mehr als Selbstporträt kostümiert auf, sondern ihre Präsens in den Bildern zeigt sich in dem, was sie schildern.

Oftmals hat dieses – in den Augen eines Mannes sehr weibliche – Bildinventar etwas an sich, das es uns irgendwie bekannt vorkommen lässt. Man fragt sich: Wo habe ich das schon einmal gesehen? und findet im eigenen Bildgedächtnis recht schnell Antworten:

Dieser Fußboden erinnert mich an eine Zeichnung Picassos aus der Zeit um 1920; dieser Wald  – einschließlich des Farbauftrags – an Max Ernst, die Stoffe oder die Geländer an Matisse, der Tiger an Delacroix. Das sind aber nur die Konnotationen eines Betrachters; wenn man die Künstlerin fragt, versichert sie, sie wisse meist nicht so genau, von woher ihr Unterbewusstsein ihr die Bilder zuspiele.

Wenn sie sich doch erinnert, bekommt man  – verbunden mit dem Vergnügen eines Aha-Erlebnisses – bereitwillig Auskunft: diese nackte Frau auf einem altertümlichen Fahrrad stammt von einem Bild aus einem Band mit pornographischen Fotografien aus dem 19. Jahrhundert; dies ist eine „Real doll“, mit der sich irgendein Rockstar hat fotografieren lassen.

Jedenfalls wird deutlich, wie sich Marina Sailers Phantasien bebildern: sie bedienen sich – wie ein Großteil der aktuellen Kunst – aus dem uferlosen Haushalt, den die flottierende Bilderflut unserer Tage bereitstellt.

Auffällig ist dabei die häufige Bezugnahme auf künstlerische Bildwelten von den „Klassikern“ bis in die aktuellste zeitgenössische Malerei. Beispielsweise mach sich neuerdings eine neonfarbene, giftig-vulgäre Nuance in Marina Sailers Kolorit bemerkbar, dem man bei so manchem anderen Zeitgenossen ebenfalls begegnen kann.

So bieten ihre Bilder sich den Betrachtenden als Konfigurationen aus heterogensten Elementen und Quellen dar, die sich jedoch – selbst wenn man um deren Herkunft weiß – keinesfalls dauerhaft enträtseln lassen; vielmehr bestehen die Bilder und die Geschichten, die sie erzählen, unerschütterlich auf ihrer Hermetik, auf ihrer Privatheit, auf ihrer Undechiffrierbarkeit.

Es sind ausnahmslos Bilder von rückhaltloser Subjektivität, in denen Marina Sailer ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Träume und ihren Humor verarbeitet. Diese Verarbeitungen von wie auch immer – im Tagtraum oder in Wirklichkeit – erlebter (vor allem gesehener) Wirklichkeit sind sichtlich weniger Resultat von Reflexion als vielmehr von Intuition. 

Zwei Stichwörter - Heterogenität der Bilder sowie ihr erzählerischer Charakter, ihre narrativen Eigenschaften - bedürfen einer kurzen Erläuterung. Mit dem Narrativen, dem Erzählerischen der Bilder ist gemeint, dass Marina Sailers Bilder sich als Fixierungen von Momenten aus geheimnisvollen Erzählungen geben.

Diese fixierten Momente sind keine „fruchtbaren Augenblicke“ im Sinne Lessings, lassen also keine Rückschlüsse auf ein „Davor“ und ein „Danach“ zu, bieten keine Möglichkeit, ein im „fruchtbaren Augenblick“ kulminierendes Geschehen schlüssig zu rekonstruieren.

So stehen sich alle Faktoren der Erzählung in den Augen der Betrachtenden unverbunden und einander fremd gegenüber, so sehr wir Betrachtenden auch ihre ursprüngliche Stimmigkeit spüren.

Für Novalis, einen der frühromantischen Vordenker der künstlerischen Moderne, ist genau diese Heterogenität unverzichtbares Ferment aller modernen – und wir Heutigen können ergänzen: auch und erst recht der postmodernen Kunst. Poesie sei, so schrieb Novalis in seinen Fragmenten, offenbartes Gemüt, und weiter, als habe er Bilder wie die von Marina Sailer vor Augen:

„In unserem Gemüt ist alles auf die eigenste, gefälligste und lebendigste Weise verknüpft. Die fremdesten Dinge kommen durch Einen Ort, Eine Zeit, Eine seltsame Ähnlichkeit, einen Irrtum, irgend einen Zufall zusammen. So entstehen wunderliche Einheiten und eigentümliche Verknüpfungen.“

In Kunstwerken sei, so Novalis keine Einheit als die Einheit des Gemüts, und „nichts ist poetischer als als alle Übergänge und heterogene Mischungen“. (Fragmente und Studien II Nr. 337, 343, 419, 221, in: Novalis, Werke, Tagebücher und Briefe, Bd. 2, München 1978)

Die Einheit dieser heterogenen Kompartimente stellt sich in Marina Sailers Bildern vor allem über die malerische Handschrift her; die Fabulierlust der Malerin teilt sich auch als lustvolle Malerei mit, und so steckt sie uns Betrachtende an, unter das Interieur ihrer zur eigenen Dezentrierung animierenden Innenräume und unter die Requisiten ihrer Landschaften auch unser Innenleben, unsere Phantasien, Wahrnehmungen und Konnotationen zu mischen. 

Dr. Ulrich Heimann, Kunstakademie Düsseldorf