16.09.2011 07:27 Auch im Städtebau gibt es Todsünden

Zubetoniert, ungegliedert, trostlos - Christoph Mäckler prangert öde Plätze am Beispiel Kassel an

Foto: hr/Christoph Mäckler

Von: Birgit Nelles - 2 Bilder

Auch im Städtebau gibt es Todsünden – und keiner kann sie besser anprangern als Christoph Mäckler, vielbeschäftigter Architekt und Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst.

Nach dem großen Erfolg der Reihe „Architektursünden in Hessen“ haben sich Christoph Mäckler, hr-Autor Manfred E. Schuchmann und das hr-Kulturmagazin „Hauptsache Kultur“ erneut zusammen getan:

„Die sieben Todsünden des Städtebaus“ heißt die Reihe, die jeweils donnerstags um 22.45 Uhr im hr-fernsehen eine Todsünde des Städtebaus vorstellt: Von den Verkehrsschneisen, die unsere Städte zersägen, über Einkaufszentren als Killer der Innenstädte bis zur Monotonie der Fußgängerzonen.

Die Befunde werden anhand von Beispielen aus hessischen Städten analysiert, im Anschluss knöpft sich Christoph Mäckler einen ganz besonders heiklen Fall vor, für den er mit einer oder mehreren Skizzen eine Lösung vorschlägt.

Am Donnerstag, 15. September, steht „Todsünde Nr. 7“ auf dem Programm: Öde Plätze. „Jeder kennt Plätze, die durch ihre Schönheit unvergesslich geworden sind: die Piazza Navona, die Place des Vosges oder irgendein anderer alter europäischer Platz“, erklärt Christoph Mäckler.

Plätzen der Nachkriegsmoderne spricht er diese Qualität ab, es seien betonierte, ungegliederte Plätze, umgeben von trostloser Architektur – unwirtliche Orte. Paradebeispiel dafür: der grün asphaltierte Platz vor dem Kasseler Hauptbahnhof.

So empfängt die Stadt der Weltkunst-Ausstellung „documenta“ ihre Gäste. Seit der ICE-Bahnhof ausgelagert wurde, geht es mit dem Viertel rund um den alten Bahnhof bergab: „Warum ist dieser Platz so hässlich?“, fragt Mäckler.

„Das liegt zunächst daran, dass der Platz keine vernünftige Fassung durch die umstehenden Gebäude hat. Und dann hat man natürlich auch mit der Neuanlage des Platzes hier eine autobahnbreite Verkehrsschneise geschaffen.“

Was wäre eine machbare Lösung für eine Stadt, die kein Geld hat, um die Gebäude der Umgebung zu verändern? Mäckler demonstriert es in seinem Skizzenbuch: „Man könnte hier einen großen Baum-Platz anlegen, und man könnte wieder seinen Gast am Bahnhof absetzen, man kann vorfahren. Das ist einfach wichtig:

Der Bahnhofsplatz ist ein Umsteigeplatz vom Individualverkehr auf die Bahn.“ Ein bewaldeter Bahnhofsvorplatz, freie Zufahrt mit Gepäck, die unschönen Fassaden verdeckt durch Bäume – so könnte es gehen. Plätze sind ein Stück Freiheit im Stadtbild. Sie sollten nützliche und schöne Orten sein. So jedenfalls das Plädoyer unseres Städtebaukritikers Christoph Mäckler.

Bilder

Oben: Beispiel für eine übliche Fußgängerzone: Der Seltersweg in Gie§en.
Unten: Der Architekt und Professor für Städtebau Christoph Mäckler skizziert einen Vorschlag zur Umgestaltung der Fußgängerzone in Gießen, dem Seltersweg.

Foto: hr/Christoph Mäckler

Birgit Nelles

bnelles@hr-online.de