01.03.2012 07:37 Wahlkampf in Amerika

USA - Amerika sucht den Superstar - Sabine Müller kann über Amerikas verrücktem Wahlkampf oft nur den Kopf schütteln

Auslandskorrespondentin und Leiterin des ARD-Hörfunkstudios in Washington: Sabine Müller - Bild: © hr

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Jubel und Gekreische, peinliche TV-Auftritte, Europa-Schelte und frittierte Butter am Stiel - Amerikas verrückter Wahlkampf lässt Sabine Müller, Auslandskorrespondentin und Leiterin des ARD-Hörfunkstudios in Washington, oft kopfschüttelnd zurück.

Meine erste Nahkampferfahrung mit dem amerikanischen Präsidentschaftsrennen ist zuckersüß. Es ist August 2011, und ich bin auf dem platten Land in Iowa. Dort findet die „Ames Straw Poll“ statt, das ist ein allererster Stimmungstest, wie die republikanischen Bewerber beim Parteivolk ankommen.

Vor der Wahl lassen sich die Kandidaten – gerne in Jeans und Cowboystiefeln - alle auf der „Iowa State Fair“ blicken, einer Mischung aus Kirmes und Landwirtschaftsshow. Fast alles, was man dort essen kann, ist frittiert und wird aufgespießt am Stiel serviert.

Neu in diesem Jahr: „Fried Butter“, tiefgekühlte Butterstücke, die in einem Honig-Zimt-Teig ausgebacken werden. Ziemlich bizarr und recht schwer verdaulich – das gilt nicht nur für die frittierte Butter sondern auch für diesen verrückten Wahlkampf, der so ganz anders ist als alles, was ich aus Deutschland kenne.

In Iowa ist noch alles klein und familiär: Kandidat Rick Santorum verteilt selbst gemachte Pfirsichmarmelade an die Wähler, und Herman Cain, der später wegen Sex-Vorwürfen aus dem Rennen aussteigen muss, singt Gospel. Iowa ist der Auftakt zu einem Vorwahlkampf, der selbst vielen eingefleischten Republikanern wie eine schlechte Castingshow vorkommt: mit Kandidaten, die von langweilig über ignorant bis durchgeknallt reichen.

Der Kampf wird vor den Augen der amerikanischen Fernsehöffentlichkeit ausgefochten, denn die Kandidaten geben nicht nur ununterbrochen Interviews, sie treffen sich auch regelmäßig zu Fernsehdebatten. Das Ganze bietet reichlich Gelegenheit zum Fremdschämen, wenn sich Möchtegern-Präsidenten selbst demontieren.

Rick Perrys Blackout, als er sich nicht mehr an die drei Ministerien erinnern konnte, die er abschaffen will, ist mittlerweile ein Klassiker, genau wie Herman Cains freimütiges Eingeständnis, ihn interessiere nicht, wer Präsident von „Us-beki-beki-stan-stan“ ist.

Ältere Damen kreischen wie Teenager

Europa dagegen kann sich in diesem Wahlkampf nicht über mangelndes Interesse beklagen, im Gegenteil. In kaum einer republikanischen Kandidatenrede fehlt die Warnung, Präsident Obama müsse auch deshalb unbedingt abgewählt werden, weil er die USA in ein zweites Europa verwandeln wolle – einen sozialistischen Sozialstaat, der die Bürger ihrer Freiheiten beraube.

Diese Angstmache zieht bei vielen Menschen. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft mir Amerikaner ins Mikrofon gesagt haben, ich solle das jetzt bitte nicht persönlich nehmen, aber so wie in Europa wollten sie wirklich nicht leben. Da fällt es mir manchmal sehr schwer, keine politischen Grundsatzdiskussionen loszutreten.

Auf das Selbstverständnis, dass die USA das großartigste Land dieser Erde sind, treffe ich hier immer wieder, bei Republikanern wie Demokraten gleichermaßen, und im Wahlkampf potenziert sich dieser Nationalstolz.

Vor einem Auftritt des Kandidaten Newt Gingrich spricht der ganze Saal das „Pledge of Allegiance“, das Treuegelöbnis auf die Nation und die Nationalflagge, Kandidat Mitt Romney zitiert gerne aus „America the Beautiful“, das ist eine Art inoffizielle Nationalhymne, in der die USA, ihre Landschaften und ihre heldenhaften Menschen gepriesen werden.

Kürzlich hat Romney diesen Patrioten-Song sogar gesungen – er hatte sich wohl von Barack Obama inspirieren lassen. Als der bei einer Wahlkampfveranstaltung im Schwarzenviertel Harlem in New York anderthalb Zeilen Soulmusik ins Mikrofon schmalzte, da sorgte das für mehr Schlagzeilen und Youtube-Clicks als seine politischen Initiativen.

Wahlkampf in Amerika – das ist oft mehr Schein als Sein, mehr Show als Inhalt. Fernsehduelle der Kandidaten werden mit Musik und Lichteffekten aufwändiger inszeniert als so manche Broadway-Show, die Kandidaten laufen zu Rockmusik in volle Hallen ein wie Boxchampions, und ältere Damen kreischen wie Teenager auf einem Boyband-Konzert.

Der Wahlkampf läuft jetzt schon seit Monaten, aber vieles bleibt für mich befremdlich. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass vor manchen Wahlkampfauftritten dafür gebetet wird, Gott möge bitte diesen Kandidaten ins Weiße Haus einziehen lassen.

Erstaunlich finde ich auch, wie bitterböse dieser Wahlkampf ausgefochten wird, und zwar nicht nur zwischen den Parteien, sondern auch zwischen den einzelnen republikanischen Kandidaten. In der amerikanischen Politik muss man sich noch ein deutlich dickeres Fell zulegen als anderswo.

Und was mich immer wieder sprachlos macht, sind die unglaublichen Summen, die in diesen Präsidentschaftswahlkampf gesteckt werden. Am Ende wird er alles in allem irgendwo zwischen einer und zwei Milliarden Dollar gekostet haben. Natürlich, Politik ist nicht umsonst zu haben – aber bei so viel Geld stelle ich mir doch die Frage, ob man damit nichts Sinnvolleres anfangen könnte.

Redaktion: sare Bild: © hr