29.03.2013 09:58 WAZ: Die Zeichen eines langen Winters

Üben wir uns in Demut und Geduld - Wir sind nichts, weil das Wetter alles ist

Schneespaß auf einem Bauernhof von „Roter Hahn“ © „Roter Hahn“

Schneespaß auf einem Bauernhof von „Roter Hahn“ © „Roter Hahn“

Von: GFDK - Lars von der Gönna

Essen (ots) - Der späte Frost hat mir alles verdorben. Ich habe schon über 100 Pflanzen verloren." Diese Notiz eines Hofrates, liebe, gänzlich zu Recht über den nicht enden wollenden Winter klagende Leser, ist uralt.

Doch weniger die Tatsache, dass sie von 1793 stammt, ist der Erwähnung wert als ihr Datum: Mitte Juni! So wird all unser Klagen relativ: über die Heizkosten, das Lichtjahre entfernte Holzkohlegrillen und die schlappen Primeln, die wir vor zwei Wochen in frühlingshaftem Frohlocken gesetzt haben.

Kein Thema, nicht mal der doppelte Papst, beschäftigt uns derzeit so hartnäckig wie dieser gefühlte Dauerfrost. Warum lässt uns die Kälte nicht kalt? Weil uns die beißenden Ostwinde die Grenzen unserer Macht um die Ohren pfeifen lassen. Ob wir das neue Smartphone horten oder per Knopfdruck die Garage öffnen: Wir sind nichts, weil das Wetter alles ist.

Für unsere Gefühle, die Hormone, die Gesundheit, das Glück. Und so ist die große Kälte mit dem langen Atem vielleicht kein schönes, aber eben doch ein Zeichen. Es steht für fast unmodische menschliche Tugenden, die wir noch ein paar Tage brauchen: Demut und Geduld. Wir sprechen uns noch, wenn die Hitze im Oktober wieder kein Ende nehmen will.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung