22.09.2016 14:12 kurz vor Ende

Ruhrtriennale 2016: Festivalmacher ziehen positive Bilanz - Festival wurde politischer

Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale

Abschlusspressekonferenz der Ruhrtriennale 2016 in der Turbinenhalle Bochum, Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale 2015-2017 © Edi Szekely/ Ruhrtriennale 2016

Von: GFDK - Dijana Tanasić

Eine vorläufige Bilanz der Ruhrtriennale 2016 zogen heute in Bochum Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale 2015 – 2017, und Lukas Crepaz, Geschäftsführer der Kultur Ruhr GmbH. Bis zum Abschluss der diesjährigen Festivalsaison am 24.9. finden noch Vorstellungen von „Earth Diver“ (bis 24.9.), „MEDEA.MATRIX“ (bis 24.9.) „Die Dinge, die vorübergehen“ (bis 24.9.) statt.

Die letzte Premiere der Ruhrtriennale 2016 wird mit „Golden Hours (As you like it)“ am 22.9. in Bochum gefeiert. Die finale Veranstaltung im „Refektorium“ erfolgt am 24.9. mit zwei Performances von Teentalitarismus („Ask for the Moon #2“, „Sexualkunde“).

Die Installationen „The Good, the Bad and the Ugly“, „well,come“, „Truck Tracks Ruhr Album #3“ und „Manifesto“ können noch bis einschließlich 24.9. besucht werden. Die letzte Veranstaltung findet in der Turbinenhalle der Jahrhunderthalle Bochum mit einem Konzert von „Pantha du Prince pres. The Triad“ am späten Abend des 24.9. statt.

Johan Simons und Lukas Crepaz dankten während der Abschlusspressekonferenz den KünstlerInnen und dem Team der Ruhrtriennale für eine erfolgreiche Spielzeit 2016. Ihr Dank gilt auch den zahlreichen Sponsoren, Förderern und Partnern, deren Engagement viele Programmbestandteile der Ruhrtriennale 2016 ermöglicht hat. Die dritte und finale Spielzeit unter Intendant Johan Simons findet vom 18.8. bis 30.9.2017 statt.

Freiheit? Gleichheit? Brüderlichkeit?

Die Ruhrtriennale 2016 war noch politischer und hat die zentralen Werte der Aufklärung befragt: Freiheit? Gleichheit? Brüderlichkeit? Was bedeuten diese Werte heute noch? In Aufführungen hat die Ruhrtriennale das Nachdenken über diese Werte angeregt – manchmal offensichtlich, manchmal subtil. „Alceste“ von Christoph Willibald Gluck, die erste große Oper aus dem Zeitalter der Aufklärung, erzählte von Freiheit und Zweifel angesichts von Krise und Fanatismus. Richard Siegal zog in seiner Choreografie „In Medias Res“ deutliche Verbindungslinien zwischen dem Fegefeuer in Dantes „Göttlicher Komödie“ und aktuellen politischen Diskursen. Die Frage nach der Religion war einer der Schwerpunkte in der Musiktheaterproduktion „Die Fremden“.

Die Uraufführung nach dem Roman von Kamel Daoud „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ stellte Fragen danach, wie schwierig es ist, die Perspektive eines Anderen anzunehmen, ob nun die eines Geflüchteten oder die eines Religionskritikers. Alain Platel wurde für seine Uraufführung „nicht schlafen“ von Gustav Mahler und von der unruhigen Zeit vor dem Ersten Weltkrieg inspiriert. Er zeichnete sichtbare Parallelen zu unserer oftmals brutalen Gegenwart und zu dieser unheilvollen Stimmung, die viele in Europa gerade heraufziehen sehen. Auch das Programm im Refektorium hatte deutliche politische Schwerpunkte mit einer Filmreihe zum Thema Flucht und mit Performances und Installationen, die kulturelle Konflikte thematisierten.

Besucherzahlen: Für die Ruhrtriennale 2016 wurden knapp 50.000 Tickets verkauft, davon 4.300 Tickets für die Filminstallation „Manifesto“. Verkauft wurden 5.200 Tickets mehr als im Vorjahr. Insgesamt waren fast 53.000 Tickets für die Veranstaltungen der Ruhrtriennale im Verkauf (die BesucherInnen von „Manifesto“ und der kostenlosen Installationen „well,come“, Campustriennale Exhibition oder „The Good, the Bad and the Ugly“ nicht einberechnet). Zum Festivalende am 24.9. wird mit einer Auslastung von 86 Prozent gerechnet. Die Installationen und Veranstaltungen bei freiem Eintritt verzeichneten zusätzlich insgesamt ca. 23.500 BesucherInnen. Die bestbesuchten Produktionen der Saison 2016 waren „Alceste“ mit rund 6.000 verkauften Tickets, „Die Fremden“ mit 5.400 Tickets und „Ritournelle“ mit 4.300 Tickets.

Ruhrtriennale - Festival der Künste

Programm: 2016 fanden bei insgesamt 40 Produktionen mehr als 200 Veranstaltungen statt, davon waren 20 Uraufführungen, Neuinszenierungen, Deutschlandpremieren und Installationen. Insgesamt wurden 40 Produktionen, davon 32 Eigen- und Koproduktionen, in 24 verschiedenen Spielstätten in Bochum, Bottrop, Dinslaken, Dortmund, Duisburg, Essen, Gladbeck, Hamm, Marl und Mülheim gezeigt. Mehr als 900 KünstlerInnen aus über 25 Ländern waren 2016 Teil des Festivals.

Neue Spielorte: Die Ruhrtriennale gastierte 2016 zum ersten Mal in Marl. „Die Fremden“, eine der zentralen Produktionen der Saison 2016, wurde in der Kohlenmischhalle der erst im Dezember 2015 stillgelegten Zeche Auguste Victoria uraufgeführt. Der Premiere am 2.9. wohnten sowohl Bundespräsident Joachim Gauck als auch der Autor Kamel Daoud bei, der die Romanvorlage für das Musiktheaterwerk verfasste. Mit „Urban Prayers Ruhr“ erkundete die Ruhrtriennale die religiöse Megacity Ruhrgebiet und war in sechs unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften Bochum, Dinslaken, Dortmund, Duisburg, Hamm und Mülheim a. d. Ruhr zu Gast.

Installationen: Die Installationen der Ruhrtriennale 2016 „The Good, the Bad and the Ugly“, „Manifesto“, „Truck Tracks Ruhr Album #3“ und „well,come“ stießen auf großes Interesse. Zu den Publikumsmagneten des Festivals gehörten „The Good, the Bad and the Ugly“ mit ca. 19.500 und die Filminstallation „Manifesto“ im Landschaftspark Duisburg-Nord mit ca. 4.300 BesucherInnen. Die Installation „well,come“ im Dortmunder Hafen verzeichnete ca. 2.500 BesucherInnen und „Truck Tracks Ruhr Album #3“ ca. 1.500 BesucherInnen. Ungezählt blieben die zahlreichen BesucherInnen der Campustriennale Exhibition „Bude Bett Bargeld“ / „Licht unserer Tage“ in den Foyers der Ruhrtriennale-Spielstätten.

Campustriennale: An der Campustriennale, bestehend aus College, Masterclass und Exhibition, nahmen 2016 rund 120 NachwuchskünstlerInnen aus 12 Ländern teil, darunter u. a. Belgien, Finnland, Israel, Lettland, Norwegen, den Niederlanden, Polen und Russland. Im College besuchten sie Produktionen der Ruhrtriennale, nahmen an KünstlerInnengesprächen teil oder besuchten Workshops. Zum zweiten Mal in Folge ermöglichte die Masterclass drei Theaterkollektiven, eigene Aufführungen im Rahmen des Festivals fertigzustellen mit professioneller Unterstützung der Ruhrtriennale und der drei Koproduzenten Ringlokschuppen Ruhr, Schauspiel Essen und Schauspielhaus Bochum.

Zum ersten Mal hat die Ruhrtriennale eine Foto-Masterclass im Vorfeld der Spielzeit 2016 durchgeführt. Vier Nachwuchs-FotografInnen nahmen an Meisterkursen von Julian Röder („Licht unserer Tage“) und dem kürzlich verstorbenen Daniel Josefsohn („Bude Bett Bargeld“) teil und setzten sich explizit in ihren Fotoarbeiten mit dem Ruhrgebiet auseinander. Für die Exhibition der Campustriennale wurden die Ergebnisse dieser Meisterkurse in eine mobile Ausstellung verwandelt und in den Foyers der Spielstätten dem Ruhrtriennale-Publikum präsentiert. Auch in einer Online-Ausstellung sind die Arbeiten zu sehen
Darüber hinaus erschien im Distanz Verlag ein gleichnamiger Katalog („Bude Bett Bargeld / Licht unserer Tage“).

Teentalitarismus: Ein Teenager-Machtgebiet wurde auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle errichtet, mitten in den Bauten des Atelier Van Lieshout. Hier schuf die Gruppe „Mit Ohne Alles“, 40 Jugendliche aus allen Teilen des Ruhrgebiets mit Wurzeln in neun verschiedenen Ländern der Welt, gemeinsam mit den „Young Mammals“ aus Toronto und den KünstlerInnen von Mammalian Diving Reflex einen Ort, an dem den Ansichten, Wünschen und Regeln von jungen Menschen absolute Priorität eingeräumt wurde.

Die Jugendlichen entwickelten ihren Anteil an der Ruhrtriennale 2016: einen Projektmarathon aus zwölf Einzelprojekten (Performances, Mutproben, Partys oder Konferenzen), die in einem eigenen Manifest kulminieren, das am 24.9. im Refektorium an der Jahrhunderthalle Bochum verlesen wird.

„Seid umschlungen“: Dieses Leitmotiv im Sinne einer Geste der künstlerischen, geografischen und gesellschaftlichen Umarmung verbindet die drei Jahre der Intendanz von Johan Simons miteinander. Es wird sowohl im Programm als auch in der Haltung des Festivals deutlich. Neben einem breiten Programmspektrum, das sowohl ein junges Popmusik- als auch das bestehende Festivalpublikum anspricht, wurde mit „Urban Prayers Ruhr“ ein Stadtraumprojekt entwickelt, das fernab der Ruhrtriennale-Spielstätten einen Raum für einen offenen Dialog zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen ermöglichte.

Das Refektorium im Bochumer Kunstdorf „The Good, the Bad and the Ugly“ wartete erneut mit einem dichten, überwiegend kostenfreien Programm aus Lesungen, Performances oder Partys auf und ermöglichte einen direkten Austausch von Publikum sowie Bevölkerung mit FestivalmacherInnen und KünstlerInnen. Kostenlose Überraschungskonzerte des Chors MusicAeterna im Forum City Mülheim, des B’Rock Orchestra in der Bochumer Innenstadt oder des Asko | Schönberg Ensemble auf dem Markt in Marl-Brassert trugen die Kunst mitten in die Ruhrgebietsstädte.

Auch bot die diesjährige Ruhrtriennale ihrem Publikum die Möglichkeit, aktiver Bestandteil des Festivals zu werden. So drehte der niederländische Künstler Aernout Mik in der Kohlenmischhalle der Zeche Auguste Victoria in Marl einen Film mit rund 80 StatistInnen aus der Region, der zentraler Bestandteil der Ruhrtriennale-Produktion „Die Fremden“ war. Zahlreiche Formate wie „Johans High Noon“ oder auch die Workshops im „Refektorium“ luden Publikum wie Bevölkerung zu Begegnungen und Gesprächen mit Künstlerlnnen und FestivalmacherInnen der Ruhrtriennale ein.

Fachpublikum: 2016 akkreditierten sich 230 Kulturschaffende, KünstlerInnen und Theatermacher-Innen aus ganz Europa, Australien und den USA bei der Ruhrtriennale.

Akkreditierte JournalistInnen: Rund 300 JournalistInnen u. a. aus Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Russland, Spanien, Südkorea oder den USA haben sich zur Ruhrtriennale 2016 akkreditiert. Neben umfangreicher Berichterstattung in Print und Online erfolgte auch nationale wie internationale Radio- und TV-Berichterstattung (u. a. BBC 3, heute journal, Metropolis, Kulturzeit, Westart Live).