26.01.2012 07:49 62. Internationale Filmfestspiele Berlin

Politisch, Engagiert, Kinofähig - Panorama Dokumente mit 19 Programmplätzen fast komplett

Von: Berlinale.de

Wie schon in den Vorjahren zeigt sich der Dokumentarsektor als gleichbleibend stabil, politisch engagiert, kinofähig in seiner Vielfalt und auch als Fundgrube für Themen, die den Spielfilm inspirieren.

Eröffnungsfilm der Reihe ist The Reluctant Revolutionary des Briten Sean McAllister, in dem ein jemenitischer Touristenführer schrittweise seine professionelle Distanz gegenüber dem politischen Frühling im eigenen Land aufgibt und durch seinen Gast, einem der letzten Touristen in dieser unruhigen Zeit, seine Politisierung erfährt. The Reluctant Revolutionary wird am 10.2.2012 im Cinestar7 gezeigt.

Schwerpunkte

Arabischer Raum und Nahost

Der Eröffnungsfilm öffnet den Blick auf eine Reihe von Filmen über den arabischen Raum und Nahost; etwa auf die Spielfilme Wilaya der bei den zur Unbeweglichkeit gezwungenen Nomaden in West-Sahara spielt oder Sharqiya, in dem israelische Beduinen ihre angestammten Wanderräume verlieren und in feste Neubaudörfer verbannt werden sollen.

Drei in Kairo angesiedelte Dokumentationen geben anspruchsvolle Einblicke in das Geschehen um den "arabischen Frühling“. In Words of Witness befragt eine 22jährige Journalistin die Menschen auf der Strasse zur Parlamentswahl und zur Demokratie und gibt damit das Bild einer gut informierten Öffentlichkeit, deren Ziele häufig klar formuliert zu Forderungen werden an die neue Zeit.

In In the Shadow of a Man legen Frauen eloquent ihre Sicht der Ereignisse dar und geben auch einen wichtigen Einblick in die viele Jahre dauernde Zeit der Vorrevolution, ohne die der heutige Aufstand nicht verstehbar ist: es geht damals wie heute um gleiche Verteilung von Macht - was niemals erreicht werden kann ohne Geschlechteremanzipation:

Schlagzeilen der Erkenntnis lauten „My Silence makes me lose my Rights“, „Divorce is Freedom“ oder „My Patience has reached its End“. Der ganz anders gelagerte La vierge, les Coptes et Moi erzählt die Ereignisse, die einer Marienerscheinung im koptischen Dorf folgen, deren Beweis auf einer VHS-Kassette nicht ganz überzeugend festgehalten werden konnte: auch hier zeigt sich die Stärke der Frauen, ob in der neuen französischen Heimat oder im Herkunftsdorf in Ägypten selbst.

G8 und die Antiglobalisierung

Die traumatischen Nachwirkungen der brutalen Ereignisse um den G8-Gipfel in Genua 2001, bei denen ein Mensch ums Leben kam und hunderte Globalisierungsgegner teils schwer verletzt wurden, sind in Europa noch nicht verheilt.

Der Spielfilm Diaz - Don’t Clean Up This Blood des Italieners Daniele Vicari ist eine aus verschiedenen Perspektiven erzählte Annäherung an die Ereignisse, bei denen eine aus allen legalen Rudern gelaufene Staatsmacht das hässliche Gesicht des neuen Europa zur eindringlichen Warnung an die Gegenwart erlebbar macht.

Die Dokumentation zum selben Thema The Summit zeigt sowohl Hintergründe und das Netz von Lügen um die Tötung des Demonstranten Carlo Giuliani als auch die Einbindung neofaschistischer Provokateure zur Eskalation von Gewalt und gibt Einblicke in die Genese brutalen Staatsverhaltens im Hinblick auf vorhergegangene Demonstrationen von Brokdorf über Neapel und Göteborg bis nach Seattle. 

Das „Queere Gedächtnis”

zeigt sich in Filmen aus den USA, Uganda, Indonesien und Deutschland. Im Portraitfilm Vito wird die politische Zeit der 80er Jahre lebendig. 1983 hielt der US-amerikanische Filmhistoriker Vito Russo seine berühmte Lecture „The Celluloid Closet“ im Panorama, damals „Info-Schau“.

Auf dem daraus entstandenen Buch, dem Standardwerk queerer Filmgeschichte, basierte der gleichnamige Film von Rob Epstein und Jeffrey Friedman, der 1996 den TEDDY Award gewann.

Audre Lorde - The Berlin Years 1984 to 1992 beleuchtet die Berliner Jahre der „lesbischen, feministischen, schwarzen Dichterin, Mutter, Kämpferin“, in denen sie die Bewegung der Afrodeutschen anstieß und Mentorin für eine ganze Generation junger Studentinnen wurde.

Anak-Anak Srikandi ist ein Kollektivfilm von acht jungen Frauen und beschreibt was es heißt, im islamischen Indonesien als queere Frau zu leben. Dem brutalen Mord und seiner politischen, christlich-religiösen und medialen Vorbereitung an dem ugandischen Schwulenaktivisten David Kato 2009 geht Call Me Kuchu nach.

Die deutschen Schwulenbewegungen in Ost und West schließlich beleuchten zwei Filme: Unter Männern - Schwul in der DDR und Detlef. Rosa von Praunheim erzählt aus dem Leben und von der Arbeit eines der größten deutschen Comic-Autoren, Ralf König, in König des Comics.

Deutschland

Mit weiteren renommierten Namen wie Andreas Dresen, Romuald Karmakar, Brigitte Kramer und Uli M Schueppel zeigt die deutsche Produktion im Panorama 2012 die Stärke auf der dokumentarischen Seite.

Das Panorama Hauptprogramm 2012 eröffnet am 9.2. im CinemaxX mit einer Neuentdeckung aus Österreich, Kuma, von Umut Dag. 

Panorama Dokumente

Anak-Anak Srikandi (Children of Srikandi) vom Children of Srikandi Collective, Deutschland/Indonesien - WP

Angriff auf die Demokratie - Eine Intervention (Democracy Under Attack - An Intervention) von Romuald Karmakar, Deutschland - WP

 

Audre Lorde - The Berlin Years 1984 to 1992 von Dagmar Schultz, Deutschland - WP

 

Brötzmann - Da gehört die Welt mal mir (Brötzmann – That’s When The World Is Mine) von Uli M Schueppel, Deutschland - WP

mit Caspar Brötzmann, Eduardo Delgado Lopez, Danny Lommen

 

Call Me Kuchu von Malika Zouhali-Worrall, Katherine Fairfax Wright, USA - WP

 

Detlef von Stefan Westerwelle, Jan Rothstein, Deutschland - WP

mit Detlef Stoffel, Anneliese Stoffel, Gustav-Peter Wöhler, Lilo Wanders, Corny Littmann

 

Herr Wichmann aus der dritten Reihe (Henryk from the back row) von Andreas Dresen, Deutschland - WP

 

In the Shadow of a Man von Hanan Abdalla, Ägypten - WP

 

König des Comics (King of Comics) von Rosa von Praunheim, Deutschland - WP

mit Ralf König, Joachim Król, Hella von Sinnen, Ralph Morgenstern

 

La Vierge, les Coptes et Moi (The Virgin, the Copts and Me) von Namir Abdel Messeeh, Frankreich/Katar/Ägypten

 

Marina Abramović The Artist is Present (Marina Abramović The Artist is Present) von Matthew Akers, USA 

 

Olhe pra mim de novo (Look at me again) von Kiko Goifman, Claudia Priscilla, Brasilien

 

The Reluctant Revolutionary von Sean McAllister, Großbritannien

 

The Summit  von Franco Fracassi, Massimo Lauria, Italien - WP

 

Ulrike Ottinger - die Nomadin vom See (Ulrike Ottinger - nomad from the lake) von Brigitte Kramer, Deutschland - WP

mit Ulrike Ottinger, Ingvild Goetz, Irm Hermann, Ulrich Gregor

 

Unter Männern - Schwul in der DDR (Among Men – Gay in East Germany) von Markus Stein, Rösener Ringo, Deutschland - WP

mit Eduard Stapel, Frank Schäfer, Jürgen Wittdorf, John Zinner, Helwin Leuschner

 

Vito  von Jeffrey Schwarz, USA

 

Words of Witness von Mai Iskander

USA - WP 

Spielfilme

Diaz - Don’t Clean Up This Blood von Daniele Vicari, Italien/Rumänien/Frankreich

mit Elio Germano, Alessandro Roja, Claudio Santamaria - WP

 

Sharqiya (Central Station) von Ami Livne, Israel/Frankreich/Deutschland

mit Adnan Abuwadi, Naisa Abel El Haidi - WP

Das komplette Programm folgt Ende Januar.