19.09.2012 07:04 Ein herausragender Protagonist des Regietheaters

Niederrheinischer Literaturpreis der Stadt Krefeld geht an Hans Neuenfels – Preisübergabe am 9. Dezember geplant

C. Bertelsmann

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Der Niederrheinische Literaturpreis der Stadt Krefeld 2012 wird verliehen an den Regisseur und Autor Hans Neuenfels. Die Entscheidung der Jury teilte Kulturdezernent Gregor Micus dem Kulturausschuss in der gestrigen Sitzung mit. Mit Neuenfels würdigt der Preis einen der herausragenden Protagonisten des Regietheaters und der neueren Oper.

Seine Arbeiten setzen Literatur in ureigener Handschrift in Szene. Zu ehren ist mit dem Niederrheinischen Literaturpreis vor allem der Urheber eines unvergleichlichen Lebensromans: Mit seinen „Autobiografischen Stationen“, die unter dem Titel „Das Bastardbuch“ erschienen sind, hat der 1941 in Krefeld geborene Neuenfels das Genre der Memoiren um eine radikal individuelle Variante erweitert.

Im Bastardbuch hallt nach, wie sehr es Hans Neuenfels zeitlebens darum ging und geht, Literatur mit aller Leidenschaft immer neu, immer wieder anders auf die Bühne zu bringen, damit sie zum gültigen, stimmigen Reflexionsraum der Gegenwart wird. Das Bastardbuch spiegelt und durchdenkt ein halbes Jahrhundert deutscher Bühnengeschichte. Es ist weit mehr als die Bilanz eines Lebens im Dienste der Bühne: Es ist das Porträt einer Epoche, versehen mit dem Antlitz dessen, der sie maßgeblich geprägt hat.

Und so, wie das Theater des Hans Neuenfels stets
Realitätsmodell und ästhetisches Gegenbild in einem umfasste, ist auch seine
Autobiografie eine radikal offene, immer wieder auch rücksichtslos ehrliche
Rückschau. Es sind „Confessions“, Bekenntnisse in bester Rousseau’scher
Tradition, Widersprüche riskierend und voller Widerhaken. Zugleich ist diese
Autobiografie in weiten Zügen literarisch gearbeitet, ohne auf theatrale Mittel, wie das leidenschaftliche Extemporieren zu verzichten.

Neuenfels, der freiwillige Bastard seines Buches, der vogelfreie, heimatlose, keinesfalls astreine Mischling, führt die streunende Rastlosigkeit vor, mit der er sich selbst, Gesellschaft und Geschichte befragt, hinterfragt und verbellt – wenn er nicht gleich zubeißt, „ohne Rücksicht auf sich und andere“.
Hans Neuenfels lernte Anfang der 1960er-Jahre an der Folkwangschule in Essen und am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Er war über ein Jahr lang Assistent des Malers und Bildhauers Max Ernst in Paris.

Seit 1964 inszeniert Neuenfels auf deutschen, österreichischen und schweizerischen Bühnen. Unter anderem inszenierte er in der Spielzeit 1966/67 als Oberspielleiter an den Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach unter Generalintendant Joachim Fontheim die „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke.


Das Schauspiel Frankfurt prägte Hans Neuenfels ab 1975 gemeinsam mit Peter Palitzsch nicht nur als demokratisch verfasstes Mitbestimmungstheater, sondern vor allem mit provokanten Inszenierungen. Von 1986 bis 1990 war er Intendant der Freien Volksbühne Berlin. Neuenfels hat Filme über Kleist, Musil, Genet und Strindberg gedreht sowie zahlreiche Essays, Zeitungsbeiträge und Erzählungen verfasst. In seiner Jugend publizierte er Gedichtbände, 1991 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Isaakaros“.

Er ist seit 2005 Mitglied der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, seit 2006 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. 2005 und 2008 wurde er zum Opernregisseur des Jahres gewählt. Der Niederrheinische Literaturpreis der Stadt Krefeld wird seit 1992 vergeben.

Die bisherigen Preisträger sind: 1992 Andreas Mand, 1993 Hubert Schirneck, 1994 Herbert Genzmer, 1995 Professor Dr. Werner Ross, 1996 Herbert Sleegers, 1997 Robert Steegers, 1998 Gisbert Haefs, 1999 Christoph Peters, 2000 Elke Schmitter, 2001 Ulrich Peltzer, 2002 Dieter Wellershoff, 2003 Anja Lundholm, Reinhard Kaiser, 2004 Burkhard Spinnen, 2005 Dieter Forte, 2006 Paul Ingendaay, 2007 Norbert Hummelt, 2008 Martin Heckmanns, 2009 Markus Orths, 2010 Dr. Reinhard Feinendegen und Dr. Hans Vogt, 2011 Sascha Reh.

Der Niederrheinische Literaturpreis der Stadt Krefeld ist mit 10 000 Euro dotiert. Oberbürgermeister Gregor Kathstede wird Neuenfels den Preis am 9. Dezember um 17 Uhr im Rathaus überreichen.

Der Jury, die sich einstimmig für Hans Neuenfels entschied, gehören an: Verlegerin Dr. Renate Birkenhauer, Schriftsteller Peter Klusen, Literaturkritiker Jens Dirksen, Literaturwissenschaftlerin Waltraud Fröchte und – als „geborenes“ Mitglied – der Krefelder Kulturdezernent Gregor Micus.