19.02.2015 08:53 erfolgsstory geht weiter

Ins Kino geschafft: Aussteigergeschichte "Imperium" von Christian Kracht wird jetzt verfilmt

Christian Krachts Erfolgsroman Imperium wird verfilmt

Christian Krachts Erfolgsroman "Imperium" wird verfilmt, war aber damals ein echter Aufreger: Dem Autor wurde 2012 im Spiegel vorgeworfen, mit seinem Roman „rechtes“ Gedankengut zu verbreiten. (c) Kiepenheuer & Witsch

Von: GFDK - Redaktion

Christian Krachts Roman »Imperium« war, als er 2012 erschien, ein Bestseller und ein Kritikererfolg. Kracht erhielt für das Buch den renommierten Wilhelm Raabe-Literaturpreis sowie den Grossen Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern. Mittlerweile ist der Roman auch ein internationaler Erfolg: Er ist in 17 Ländern erschienen und ins Spanische, Koreanische, Türkische, Dänische, Russische, Englische, Schwedische, Italienische, Norwegisch und Tschechische übersetzt worden.

Nun geht die Erfolgsstory weiter: Laut Hollywood Reporter wird die Geschichte des kokosnussgläubigen Nudisten August Engelhardt von Jan Ole Gerster verfilmt. Die Hauptrolle soll Tom Schilling übernehmen. Jan Ole Gerster und Tom Schilling haben gemeinsam zuletzt die Tragikomödie Oh Boy gedreht.

Im Imperium der Kokosnuss

Tom Schilling wird den Vegetarier und Nudisten August Engelhardt (1875 bis 1919) verkörpern, eine der skurrilsten Gestalten der an solchen Gestalten reichen deutschen Geschichte. Engelhardt war 1902 in das damalige Deutsch-Neuguinea übergesiedelt, wo er auf der Insel Kabakon eine Kokosplantage erwarb, um sich fast ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren und die Sekte »Sonnenorden – Aequatoriale Siedlungsgemeinschaft« zu gründen. »Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille«, schrieb Engelhardt in seinem Buch »Hoch der Äquator! Nieder mit den Polen! Eine sorgenfreie Zukunft im Imperium der Kokosnuss«. »Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott.«

Christian Kracht erzählt dieses Leben im »Imperium« der Kokosnuss als Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans eines Melville, Joseph Conrad, Robert Louis Stevenson oder Jack London spielt.

Stimmen zum Roman von Christian Kracht

»Mit wachsender Bewunderung habe ich Imperium […] gelesen. Ein Roman, der in seiner Thematik und sprachlichen Kraft an Joseph Conrads Herz der Finsternis erinnert.« Uwe Timm

»Christian Krachts Imperium ist der große deutschsprachige Roman dieses Frühjahrs [2012]. Ein Buch, das uns noch lange beschäftigen wird.« ARD Druckfrisch, Denis Scheck

»Einen Satz über […] Imperium zu sagen, ist, als wollte man Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten in einen Orangenkern eingravieren. […]. Ein Abenteuerroman. Kein Zweifel.« Elfriede Jelinek

Die »Imperium«-Verfilmung ist keineswegs Christian Krachts erste Werk-Berührung mit dem Kino: Zuletzt schrieb er selbst für das Kino, nämlich das mit dem Preis der Deutschen Filmkritik ausgezeichnete Drehbuch für den preisgekrönten Spielfilm Finsterworld, bei dem seine Frau Frauke Finsterwalder Regie führte.

 

2012 haben die Freunde der Künste eine Rezension über Christian Krachts "Imperium" veröffentlicht

Ein Abenteuerbuch für Erwachsene. Und ein echter Aufreger: Denn dem Autor wurde im Spiegel vorgeworfen, mit seinem bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Roman „rechtes“ Gedankengut zu verbreiten.

Die Antwort: eine erstaunliche Solidaritätswelle renommierter Schriftsteller und des versammelten deutschsprachigen Feuilletons. Und Ausgangspunkt eines ausgewachsenen Literaturstreits, wie ihn die Republik seit Christa Wolfs „Was bleibt“ lange nicht mehr so ausführlich zelebriert hat. Aber trotz der zahlreichen Fürsprecher hatte Kracht „bedrückt“ die angekündigte Buchpremiere im Deutschen Theater Berlin abgesagt.

Dann las er in Zürich. Kracht ist Schweizer. Also sicheres Terrain. Würde er sich nun über München ans zuvor verschmähte Berlin herantasten? Und vor allem: wie spannend kann es werden? Passionierte Leser lieben Lesungen. Hier kann man den Autor leibhaftig erleben, ihm zuhören.

Also Potenzial für ein sinnliches Vergnügen. Eine wachsende Hörbuchgemeinde spricht dafür. Also Hörbuch live. Bei Kracht aber ist das so eine Sache. Jürg Altwegg schrieb unlängst für die FAZ über die Zürich-Lesung des Erfinders der Popliteratur: „Kracht las mit leicht heiserer Stimme, etwas mehr als eine Stunde lang. Es war ihm offensichtlich nicht sehr wohl in seiner Haut.

Minutenlang streichelte seine Hand die Tischplatte. Kaum je modulierte er seinen Ton.“ Nein, das klingt nicht vielversprechend, hielt aber offenbar die Münchner Literaturfreunde nicht davon ab, für ein ausverkauftes Haus zu sorgen. Welche Passagen wird Kracht aus seinem neuen Roman lesen?

Was sagt er zu den Vorwürfen des Spiegels? Erscheint er so dandyhaft wie auf den seltsam inszeniert wirkenden wenigen autorisierten Fotografien? Fragen über Fragen. Nervös, Herr Kracht? Rauchen auf der Bühne wie zuletzt in Zürich wird für den Romancier jedenfalls keine Option sein; in Bayern gilt auch für Kracht striktes Rauchverbot.

Christian Kracht Superstar. Gepflegtes Mysterium, Ästhet, aber auch enfant terrible der zeitgenössischen deutschen Literatur, der er mit seinem Bestseller-Debütroman „Faserland“ vor fast zwei Jahrzehnten ein neues Genre spendierte. Der Opener der Popliteratur führt nach Sylt und dann quer durch die Republik. High Society.

Der Nachfolgeroman „1979“ begibt sich in die mondäne Oberschicht im vorrevolutionären Iran und endet im Straflager in der Wüste Lop Nor. Sein neuer Roman „Imperium“ spielt in den deutschen Südseekolonien. Darunter macht es Kracht nicht mehr. Das brandenburgische Zehdenick („Deutschboden“ von Moritz von Uslar) und der Harz („Deutscher Sohn“ von Ingo Niermann und Alexander Wallasch) sind seine Sache nicht.

Kracht also kam, sah und – um es vorweg zu nehmen –  siegte! Der Wahlargentinier – oder Florentiner, Berliner oder doch Afrikaner, wie er unlängst Denis Scheck ins Mikro flüsterte? – begeisterte seine Zuschauer, wie der Applaus nach einer Stunde zwanzig unzweifelhaft klärte. Die Ouvertüre gab Christopher Schmidt von der Süddeutschen Zeitung.

Und der machte keinen Hehl aus seiner Begeisterung für den Roman. Der Feuilletonist bot als Aperitif eine leidenschaftliche Analyse und wischte die im Spiegel erhobenen Vorwürfe kurzer Hand vom Tisch. Der Weg für Krachts Lesung war also freigeräumt.

Schmidt erklärte nochmals die Vielschichtigkeit des Romans. Für ihn eine Reise in die verdrängte deutsche Kolonialgeschichte. Krachts Protagonisten Engelhardt – Nudist und die Kokosnuss verehrender Sinnsucher – gab es übrigens wirklich. Der spleenige Deutsche war zu Beginn des 20 Jahrhunderts nach Herbertshöhe ausgewandert.

"Herbertshöhe" – das klingt nach Eckkneipe unter Palmen. Nach Schrankwand im Gelsenkirchener Barock vor Fototapete mit Palmen am türkisblauen Meer. Aber der Ort ist so verbürgt wie die Person Engelhardt. Nicht im Harz oder im Weserbergland, sondern da, wo bis heute die Sehnsucht ein Zuhause hat: in der Südsee. Dennoch ist „Imperium“ keine Chronik dortiger Ereignisse.

Und keine Biographie über Engelhardt. Oder jedenfalls nicht nur. Denn Engelhardts Leben und die Erzählung sind – wie Schmidt unter Hinweis auf die zahlreichen Fehldatierungen überzeugend illustrierte – eben nur fast identisch.

Und die Unterschiede beider gerade so groß, um das Vertrauen des Lesers in den dokumentarisch anmutenden Charakter des Romans zu erschüttern. Weshalb Schmidt die merkwürdige „Verschiebung“ von Herbertshöhe als Schlüssel für das literarische Verfahren des Romans sieht.

Verschiebung? Ja, Verschiebung. Herbertshöhe wird im Roman – nachdem der Hafen mehr und mehr versandete – Stück für Stück abgetragen und nicht einmal 20 Kilometer strandaufwärts wieder aufgebaut. In fast, aber eben nur fast identischer Anordnung der Gebäude.

In der Realität hat es die Verschiebung von Herbertshöhe nie gegeben. Sie entspringt der Fantasie Krachts, ist konstruiert. Schmidt mahnt deshalb „höchste Vorsicht“ vor dem Erzähler als Chronisten an. Mal übernehme er die großdeutsche Sprache der Kolonialisten, dann wieder distanziere er sich deutlich vom Geschehen, zeige Ekel vor Totschlag und Kannibalismus.

Kracht geht es Schmidt zufolge in „Imperium“ um die „unhintergehbare Realität des 20. Jahrhunderts“, den stellvertretenden Schritt Engelhardts aus der Zivilisation in die „exquisiteste Barbarei“. Herbertshöhe und Kabakon als „Brennglas“ der „blutigsten Epoche“ in der Geschichte.

Als „Untergang im Mikrokosmus der Südsee“. Inmitten von lauter „absonderlichen Blüten der Blumen des Bösen.“ Mit „Menschheitsutopien, die den Kern der Vernichtung in sich tragen“.

Und warum dann keine Chronik? Warum die Verschiebungen? Weil Geschichtsschreibung immer auch Interpretation sei. Und weil deshalb die Echtheit der eigenen Position stets reflektiert werden müsse. Eben dies zeige „Imperium“.

So gut vorbereitet kann es dann auch losgehen. Kracht betritt die Bühne. Feinstes Parkett. Spotlight. Ein kleiner viereckiger Tisch. Weißes Tischtuch. Wasserglas. Das Logo des Veranstaltungsortes auf dunkel-rot bestimmt optisch den Hintergrund des Geschehens.

Der Erwartete wie man ihn erwartet: jungenhaft-charmant, fast schüchtern. Er grüßt kurz, setzt sich dann und sagt verlegen, beinahe verdruckst: „Ich beginne dann mal am Anfang und lese ein paar Kapitel“. Selbst aus der Nähe wirkt Kracht jung. Frisch. Ausgeruht.

Ok, ein paar Fältchen im fein geschnittenen Gesicht des 45-Jährigen, aber nicht der Rede wert. Für Modeinteressierte: Beige Hose, hellblaues Hemd, darüber ein grauer Pullover mit V-Ausschnitt, klassisch – halbhohe Wildlederschuhe, dunkelblauer Kurzmantel wie in Zürich.

Kein Problem, Batman trägt ja auch immer dasselbe. Jetzt fehlt nur noch der Joker. Aber halt, der war ja schon. Nur dass er ungeschminkt und als Freund kam: Christopher Schmidt.

Krachts erster Satz ist auch der erste Satz seines Romans „Imperium“: „Unter den langen weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malayischer Boy schritt sanftfüßig und leise über das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück eingeschlafen waren“.

Huch, ist das tatsächlich der Kracht, der in Zürich „kaum je seinen Ton modulierte“? Hier und jetzt macht schon der erste Satz Lust auf mehr. Eine tiefe, sonore, mit Bedacht und Betonung lesende Stimme.

Ziemlich gut also, denn man sieht die Szenerie auf dem Oberdeck regelrecht vor sich, die skurrilen Gestalten, spürt die Atmosphäre an Bord der Prinz Waldemar – so heißt der Dampfer – und schippert mit Kracht durch das erste Kapitel von „Imperium“ gen Herbertshöhe.

Man hört, man lauscht, und man lässt sich entführen mitten hinein ins Abenteuer. Und natürlich treffen wir an Bord Engelhardt, „ein zitterndes, kaum fünfundzwanzig Jahre altes Nervenbündel mit den melancholischen Augen eines Salamanders“, wie Kracht mit ganz fein anklingender Ironie bemerkt.

Um dann durch seine dunkle Hornbrille jene Stelle zu lesen, die den Parabelcharakter des Romans deutlich macht, das von Schmidt beschriebene „Brennglas“ der Ereignisse in Europa: „und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent.“ 

Hier an Bord ist Engelhardt allerdings zunächst noch ein spinnerter Zeitgenosse. Kurz darauf ist der vorlesende Kracht schon mit seinem Protagonisten in Herbertshöhe angekommen.

„Ich springe jetzt etwas vor, eigentlich eher zurück“, sagt Kracht und beamt dann seinen Engelhardt in einen Zug von Nürnberg nach München. Nicht ungezogen nackig, wie später in der Südsee, sondern noch ganz angezogen.

Wir erfahren beispielsweise mehr über dessen Frisur: „Seine Harre, beiderseits des Antlitzes offen getragen, reichen hinunter bis zum Sternum“ – Kracht unterstreicht dies, indem er mit der linken Hand vom Kopf abwärts den Oberkörper hinabfährt, so als streiche er über eigenes langes Haar. Knappe Gesten. Schön anzuschauen. Lustig.

Der Schmunzelwert ist überhaupt stellenweise sehr hoch. Weiter geht’s nach Memel, wo Engelhardt - inzwischen schon wieder ganz nackt - „hinaus aufs baltische Meer starrt.“ und sich wohl entschließt, „für immer und für alle Zeiten in die Deutschen Überseegebiete im Stillen Ozean zu reisen.“

Krachts Augenkontakt zum Publikum wird häufiger, so als läse er sich in Fahrt: „Wuchsen einst fünf junge Mädchen schlank und schön am Memelstrand. Sing, sing was geschah. Keines den Brautkranz wand. Keines den Brautkranz wand.“

Zum Abschluss liest Kracht noch ein „ganz kurzes Kapitel.“ Wirklich „ganz kurz“. Und dann sieht der Zuhörer Engelhardt „an Kabakons Strande“, an dem er gerade überlegt, „ob seine Uhr nicht etwa langsamer lief“ und daraufhin „in die Zeit hinab“ fiel, und zwar die Zeit seiner Kindheit. Kurz. Knapp.

Schön. Und damit ist die Lesung tatsächlich schon vorbei. Schon? Nein, die Zeit verging nur einfach wie im Flug dank Krachts Münchner Lesequalitäten. Die Zuhörer danken es ihm mit langem Applaus.

Der Autor verbeugt sich formvollendet, geht von der Bühne ab. Ein weiterer imaginärer Vorhang folgt. Wieder Verbeugung. Fragen des Publikums sind allerdings nicht erlaubt. Ok, es kann ja nicht plötzlich alles ganz anders sein. Verstörungen gab es schon genug im Vorfeld.

Gemach sprach der Kaiser. Das gilt auch für die Schlange der Kracht-Fans mit Buch in der Hand, die weit bis zur Tür zum Vorraum reicht. Signierstunde. Thea Dorn ist auch in der Nähe von Kracht. Autorin des Bestsellers „Die deutsche Seele“. Ein Kapitel darin heißt „Freikörperkultur“ und beschreibt die Nudistenwelt der vorletzten Jahrhundertwende, der eben auch Engelhardt angehörte.

Wer beides gelesen hat, genießt einen Mehrwert. So wie zweifellos die Zuhörer an diesem Abend in München, wo sich vor über einem Jahrhundert ein junger Nürnberger Namens August Engelhardt mit dem Wanderprediger Gustaf Nagel im Englischen Garten sonnte.

Und wäre es schon Sommer 2012, sicher auch ein toller Platz für eine Kracht-„Imperium“-Lesung. Solange allerdings bleibt der Salvatorplatz 1 unangefochtene Top-Frühlingsadresse.

Rezension von Liane Bednarz

Christian Kracht: „Imperium“ (Roman), Kiepenheuer & Witsch, gebunden, Köln 2012, 243 S., € 18,99.