02.08.2018 12:39 Analyse von NDR und WWF

Holzkohle-Branche mit Lug und Trug - Grillkohle aus Tropenholz

In Deutschland werden pro Jahr durchschnittlich 250.000 Tonnen Holzkohle verbraucht und dabei werden Tropen- und Urwaelder zerstört

In Deutschland werden pro Jahr durchschnittlich 250.000 Tonnen Holzkohle verbraucht und dabei werden Tropen- und Urwälder zerstört. Foto: GFDK

Von: GFDK - Medien

Erst mal eine gute Nachricht: Die Firma Profagus (Produkte Grillis und Buchenholz Sommerhit) ist in Deutschland nach eigenen Angaben die einzige Firma, die aus reinem, aus Deutschland stammenden Buchenholz, industriell Holzkohle produziert.

Und nun die ganz schlechte - Tropen- und Urwälder werden zerstört

In Deutschland verkaufte Grillkohle enthält bedenklich hohe Anteile an Tropenholz und Holz aus geschützten osteuropäischen Urwäldern. Das ergibt eine gemeinsame Marktanalyse des NDR und des „World Wide Fund for Nature“ (WWF) für die Dokumentation „Die Story im Ersten - Das schmutzige Geschäft mit der Grillkohle“ ( Zu sehen am Montag, 2. Juli 2018 um 23.45 Uhr im Ersten).

Fragwürdige Zertifikate vom FSC

Untersucht wurden 36 Grillkohlen aus Baumärkten, von Tankstellen, Supermärkten und Discountern. Danach enthalten 42 Prozent der getesteten Produkte Tropenholz-Anteile. 61 Prozent sind hochrisikobehaftet, weil sie aus Regionen mit umfangreichem illegalen Holzeinschlag stammen.

Die Prüfergebnisse des renommierten Thünen-Instituts für Holzforschung bestätigen den Befund einer vergleichbaren Untersuchung aus dem Vorjahr. Entgegen aller Beteuerungen der Holzkohle-Branche, sich für Artenschutz und nachhaltige Waldwirtschaft einzusetzen, hat sich also nichts geändert.

Grillkohle aus Tropenholz

Erstmals fanden die Forscher des Thünen-Instituts auch Tropenholz in Produkten mit den Öko-Siegeln FSC oder PEFC: „Grill-Meister-Briketts“ werden bei Lidl verkauft, „Best of BBQ-Holzkohle“ bei Netto. Auch getestete Produkte von ALDI, Penny, REWE und anderen Märkten enthalten Tropenholz - sie tragen allerdings kein Öko-Siegel.

Die Holzkohle von Lidl und Netto stammt vom polnischen Händler Dancoal, einem der Großen in der Branche. Lidl erklärt auf Anfrage, man werde der Sache nachgehen. Grundsätzlich vertraue man auf die Zertifizierung durch den FSC, außerdem seien die Lieferanten vertraglich verpflichtet, nur Kohle aus nachhaltiger Forstwirtschaft zu verwenden.

Netto reicht NDR und WWF die Auskunft von Dancoal weiter, es handele sich um „Resthölzer“ aus der Produktion in den Tropen. Dem Zertifizierer PEFC schreibt Dancoal hingegen, die Hölzer stammten aus Spanien und Polen.

Ein weiteres Problem: Viele der untersuchten Produkte enthalten keine oder falsche Angaben zu Holzart und Herkunft. So wirbt die bei Bauhaus vertriebene „Flash Barbecue Season“-Holzkohle mit dem Aufdruck „Kein Tropenholz“. Tatsächlich besteht die Ware jedoch laut Thünen-Institut - wie schon im Vorjahr - zu mehr als der Hälfte aus tropischen Holzarten.

85 Prozent der in Deutschland verkauften Holzkohle sind importiert. Einzige einheimische Hersteller sind das Startup Nero in Saarbrücken und proFagus in Bodenfelde. In den Produkten, die unter dem Markennamen „proFagus“ vertrieben werden, fanden die Forscher keine Auffälligkeiten.

Zur proFagus-Gruppe gehört allerdings auch die Grill-Country Vertriebsgesellschaft mbH. Ihre bei Penny unter dem Namen „Grill Country“ vertriebenen Holzkohlen und Briketts enthalten Tropenholz. Laut Penny handelt es sich um nicht-zertifizierte Altware, die abverkauft werde. Mittlerweile verwende man nur noch FSC-zertifizierte Produkte.

Regelungslücke erlaubt Import

In Deutschland werden pro Jahr durchschnittlich 250.000 Tonnen Holzkohle verbraucht, in diesem Jahr wegen des guten Wetters sicher noch viel mehr. Als Kohle-Griller sind wir Europameister. Und tragen damit, meist ohne es zu wissen, zur Zerstörung von Tropen- und Urwäldern bei.

Denn während der "reine" Import von Tropenholz oder illegal geschlagenem Stammholz aus osteuropäischen Urwäldern verboten ist, gilt das nicht, wenn diese Hölzer vorher zu Kohle verarbeitet wurden. Hier klafft eine Regelungslücke in der seit 2013 geltenden EU-Holzhandelsverordnung EUTR.

Eine wichtige Drehscheibe für den Handel mit Holzkohle ist Polen. Hier wird Holzkohle aus vielen Ländern handelsfertig portioniert und verpackt. Darunter Kohle aus Nigeria, Paraguay und der Ukraine.

Diese Länder sind bekannt dafür, dass sie es mit dem Schutz des Waldes nicht so genau nehmen. Vielmehr begünstigen Korruption, organisierte Kriminalität und die Armut der Menschen den systematischen Raubbau an der Natur.

Zudem sind Nigeria und andere Länder Westafrikas schon länger im Visier von Interpol und anderen internationalen Organisationen. Der begründete Verdacht: Zusammenarbeit mit organisierter Kriminalität, aber auch Finanzierung von Terror durch die Holzmafia, zum Beispiel der Terrormiliz Al Shabaab.

Keine Garantie durch Siegel und Zertifikate

Ein zentrales Problem neben der Regelungslücke in der EUTR-Verordnung stellen fragwürdige Zertifikate dar, die den Verbrauchern trügerische Sicherheit vortäuschen. Insbesondere beim größten Siegel FSC, es steht für "Forest Stewardship Council®" und ist ein internationales Zertifizierungssystem für Waldwirtschaft, gibt es im Zusammenhang mit Holzkohle Unregelmäßigkeiten.

Gründungsmitglied Greenpeace hat den FSC kürzlich unter Protest verlassen. Importeure, Handel und Zertifizierer sind sensibilisiert und bemühen sich nach eigenem Bekunden um "saubere" Holzkohle.

Die NDR Dokumentation zeigt jedoch, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist. Denn die Kontrollen sind schwach und die Strafen in den Problemländern gering.

Hinzu kommt: Die Zertifizierung beispielsweise durch den FSC ist freiwillig, Hersteller und Händler müssen für die Zertifikate zahlen. Ein FSC-Mitarbeiter in der Ukraine räumt ein: Eigentlich müssten wir strenger und häufiger kontrollieren. Das aber würde teurer, und wir würden möglicherweise Kunden verlieren.

Der WWF und andere Umweltschutzorganisationen unterstützen zwar weiterhin den FSC. Eine bessere Alternative zu diesem Siegel gebe es nicht, heißt es. Gleichzeitig kämpft insbesondere der WWF für eine Novelle der Europäischen Holzhandelsverordnung EUTR.

Die Holzkohlebranche in Deutschland will von Gesetzesverschärfungen und besseren Kontrollen allerdings offenbar nichts wissen. Eine entsprechende Anfrage beim Verband BIAG blieb unbeantwortet.

Die Story im Ersten: Das schmutzige Geschäft mit der Grillkohle

Die "Story im Ersten" bildet "Das schmutzige Geschäft mit der Grillkohle" umfassend und facettenreich ab. Die NDR Autoren Johannes Bünger und Vivien Pieper begleiten Johannes Zahnen vom WWF, Deutschlands führenden Experten für Holzhandelsströme, bei seinen Recherchen in Polen und der Ukraine. Zahnen wird unterstützt von lokalen WWF-Mitarbeitern und Umweltaktivisten.


„Die Story im Ersten - Das schmutzige Geschäft mit der Grillkohle“, war zu sehen am Montag, 2. Juli, ab 23.45 Uhr im Ersten.

Tropenholz auf dem Grill

Bäume fallen, Tiere fliehen – und das nur für billige Grillkohle. Rewe verkauft Kohle, für die der Regenwald abgeholzt wird. Dabei wirbt der drittgrößte deutsche Lebensmittelhändler mit Nachhaltigkeit. Wir fordern: Rewe muss Tropenkohle aus dem Sortiment nehmen. Unterzeichnen Sie jetzt unseren Appell.

Nun hat uns Compact angeschrieben:

Lieber Gottfied Böhmer,

was kommt bei Ihnen auf den Grill? Nein, nicht auf den Rost, sondern darunter. Meist ist es Holzkohle. Doch was Grillbegeisterte oft nicht wissen: Ein großer Teil unserer Holzkohle kommt aus dem Regenwald.

Das Thünen-Institut für Holzforschung hat jüngst Proben aus deutschen Supermärkten, Discountern und Baumärkten untersucht – und in 40 Prozent der Kohlesäcke Tropenholz gefunden.[1]

Mit fast jeder Grillparty geht so ein Stück Regenwald in Rauch auf. Die Folge: Seltene Tiere wie der Jaguar und Papageienarten verschwinden, und das Klima heizt sich auf. Doch nun haben wir die Chance, den Regenwald vor dem Grill zu retten.

Denn die drittgrößte deutsche Supermarktkette hat Kund/innen für sich entdeckt, die nachhaltig einkaufen. Rewe wirbt groß mit einer Kampagne für den Schutz des Regenwalds.[2] Wir fordern, dass Rewe diesem Anspruch nun auch gerecht wird.

Rewe erwartet dicke Umsätze mit Holzkohle und Grillgut. Wenn Kundinnen und Kunden sich gegen die Regenwald-Kohle wehren, muss Rewe handeln. Sollten mehr als 100.000 Menschen unseren Appell unterzeichnen, laden wir den Rewe-Chef zu einem „Grillfest“ ein.

Vor der Zentrale in Köln überreichen wir Lionel Souque die Unterschriften – neben einem Riesengrill, auf dem der Regenwald brutzelt. Unterzeichnen Sie bitte jetzt unseren Appell und machen Sie klar, dass Sie kein illegal gefälltes Holz in Ihrem Grill wollen.

„Die REWE Group setzt sich für den Schutz der Wälder und der dort lebenden Tier- und Pflanzenarten ein.“ Das schreibt der Lebensmittelkonzern im Nachhaltigkeitsbericht 2017 auf der eigenen Webseite.[3] Der Anspruch ist erst einmal löblich.

Doch eine Marktanalyse der Naturschutzorganisation WWF vom Juli 2018 zeigt: Rewe verkauft Grillkohle mit Tropenholz – und ohne das Nachhaltigkeitssiegel FSC. Offenbar ist Rewe gar nicht interessiert daran, woher genau das Holz für seine Kohle kommt.

Forschen die deutschen Supermärkte und Discounter nicht nach, handeln die Vertragspartner oft illegal. Diese Nachlässigkeit zerstört Regen- und Trockenwälder in Paraguay und Nigeria.

Und was macht die Politik? Eigentlich gibt es ein EU-Gesetz, das die Tropenwälder schützen soll: die europäische Holzhandelsverordnung. Doch Holzkohle gilt hier als Ausnahme – und wird nicht weiter überprüft. Jetzt sind wir Konsument/innen am Drücker.

Rewe will nachhaltig sein – wir verpflichten den Supermarkt-Riesen dazu, seinem Anspruch gerecht zu werden. Aldi hat es schon vorgemacht und seit diesem Jahr auf FSC-zertifizierte Holzkohle ungestellt

. Jetzt muss Rewe nachziehen. Schützen Sie den Regenwald davor, auf unseren Grills zu landen – und unterzeichnen Sie jetzt unseren Appell.