09.07.2012 07:44 wo die bloße Existenz von Bildern provoziert

Harter Wirklichkeitstest - eine fixe Kuratorenidee, ein modischer Nice-to-have der Kulturschickeria?

Von: Neue Osnabrücker Zeitung

Eine Außenstelle in Kabul? Im Kontext der Kunst klingt das zunächst nach einer fixen Kuratorenidee, nach einem modischen Nice-to-have der Kulturschickeria. Die Documenta 13 entfaltet damit hingegen nicht nur in Kassel ihre Brisanz. Sie bringt Kunst dorthin, wo sie über Jahre keine Chance hatte, in ein Gebiet des Krieges und der religiös motivierten Intoleranz.

Kunst besteht dort den härtesten Wirklichkeitstest, wo die bloße Existenz von Bildern provoziert und die Vorstellung, es könne mehr als eine Lesart des Lebens geben, zur tödlichen Herausforderung avancieren kann. Die Documenta liefert keinen Kulturkitt für ein Land voller Risse, sondern etabliert Werkstätten, in denen selbstständiges Denken und Gestalten geübt werden können.

Das Konzept der Kunstschau führt vor allem in überraschender Parallele zusammen, was denkbar weit voneinander entfernt zu sein scheint. Kassel und Kabul: Sie eint das Schicksal der Kriegszerstörung, das Erbe des Fanatismus. Der erhellende Vergleich trifft, und macht demütig.



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