22.01.2013 08:50 Sergej Filin wurde schwer verletzt

Der Ruf Russlands steht auf dem Spiel - Krieg hinter pompöser Fassade

Sergej Filin

Sergej Filin, Foto: bolshoi.ru

Von: GFDK - Stefan Lüddemann

Ein Unbekannter hat am späten Donnerstagabend dem künstlerischen Leiter des Bolschoi-Balletts, Sergej Filin (42), ehemaliger Meistertänzer, offenbar Säure ins Gesicht geschüttet.

Laut der Pressesprecherin des Theaters, Jekaterina Nowikowa, ereignete sich der Vorfall gegen 23.00 Uhr Moskauer Zeit auf einem Parkplatz vor seinem Haus in Moskau.

"Der Ruf unseres Landes ist in Gefahr. Es geht um unseren Ruf in der Welt und um das Image Russlands.“ Die Pressesekretärin des Theaters, Katerina Nowikowa

Zickenkrieg in der Ballett-Compagnie? Weit untertrieben. Hinter der pompösen Fassade des Bolschoi tobt offenbar ein Machtkampf wie unter verfeindeten Mafia-Clans. Und der wird mit Methoden ausgetragen, die sich mit grazilem Spitzentanz kaum zu vertragen scheinen. In der Welt des schönsten Scheins geschehen ekelhaft hässliche Dinge. Wie furchtbar, und wie nachvollziehbar.

Denn das Bolschoi funktioniert nach den Gesetzen von Kaste, Kaderschmiede und Kaserne. Wer sich in Moskaus Theatertempel etablieren will, muss extrem leistungsbereit und durchsetzungsfähig zugleich sein. Das geschlossene Elitesystem erzeugt einen Binnendruck, der sich jetzt in extremer Weise entladen hat. Wie der Alltag zermürbender Konkurrenzkämpfe aussieht, kann man sich auf dem Hintergrund des Anschlags bestens plastischvorstellen.

Der Säureanschlag trifft doppelt, weil er der Gesundheit und dem Nimbus des Ballettchefs in gleicher Weise gilt. Filin wird wohl entstellt bleiben, in der Welt glatter Schwanensee-Eleganz ein vernichtender Makel. Er hat offenbar nicht nur Karrieristen gekränkt, sondern auch Interessen mächtiger Männer geschadet. Das Bolschoi im Fadenkreuz des Verbrechens? Was für eine Vorstellung.

Stefan Lüddemann

Neue Osnabrücker Zeitung Redaktion