23.02.2012 11:19 vom 10. – 15. April 2012

Das XVIII. Else Lasker-Schüler-Forum findet gegen Ende der Osterferien in Wien statt

Hajo Jahn, Vorsitzender der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, die er vor 20 Jahren gegründet hat Quelle: Veranstalter

Von: Doris Rother

Was tun Sie da in… Wien? Der Titel des XVIII. Else Lasker-Schüler-Forums ist einem Brief der deutschen Künstlerin entnommen, den sie aus Berlin am 20. April 1912 an den bekanntesten Kunstkritiker in Deutschland richtete, an den Wiener Karl Kraus: „Meine Bilder sind hier ausgestellt, süße wilde Juden, kommen Sie bitte sofort!“

100 Jahre später kommt die nach der Wuppertaler Dichterin benannte Literaturvereinigung nach Wien, auch mit süßen Judenbildern (Faksimiles, aus Kostengründen) der „Poetin der Zeichenfeder“.

Mit dem XVIII. Else Lasker-Schüler-Forum vom 10. – 15. April 2012 präsentiert sich erstmals eine deutsche Literaturgesellschaft in Österreich. Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer hat ein Grußwort dazu geschrieben; der israelische Botschafter in Wien, Aviv Shir-On, ist Schirmherr der von Wuppertal aus organisierten sechstätigen Veranstaltung.

Der „Prinz von Theben“ alias Else Lasker-Schüler war mit dem österreichischen Schriftsteller Karl Kraus befreundet; beide waren Juden.

Die Verfolgung von Künstlern und Intellektuellen verbindet die deutsche mit der österreichischen Geschichte und wird in Wien thematisiert mit inszenierten Lesungen von Theaterstücken des Wuppertaler Autors Gerold Theobalt (bis in dien Gegenwart mit einem Werk über die ermordete Anna Politkowskaja mit Doina Weber und Nikolaus Kinsky) oder mit den Lasker-Schüler-Lyrikvertonungen durch Charles Kalman, der mit seinem Vater, dem Operettenkomponisten Emmerich Kalman, aus Wien über Paris in die USA exilieren musste – präsentiert von den Berliner Künstlerinnen Peggy Voigt, Piano, und Carola Krautz-Brasin, Gesang.  

Aus Paris kommen Alfred Grosser und Georg Stefan Troller, der u.a. mit Jugendlichen des Gymnasiums diskutieren wird, das er 1938 verlassen musste. Das gilt ähnlich auch für die in Wien geborenen Zeitzeuginnen Hazel Rosenstrauch und Greta Klingsberg aus Jerusalem.

Sie spielte im KZ die „Annika“ und ist damit die letzte überlebende Hauptdarstellerin der Theresienstädter Kinderoper-Aufführung „Brundibár“ von Hans Krasa, der in Auschwitz ermordet wurde. Greta Klingsberg ist mehrsprachig. Sie spricht Arabisch und selbstverständlich auch Englisch. Aber die „Brundibár“-Texte kann sie nur auf Tschechisch singen wie damals in Terezin.

Seit 1993 organisiert Hajo Jahn, Vorsitzender der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, Kulturforen im Namen der malenden Dichterin. Nach Foren in Wuppertal und Solingen fanden solche mehrtägigen Veranstaltungen in Polen, Tschechien, der Schweiz, Italien und Israel (Jerusalem und Tel Aviv) statt – auch in diesen Ländern waren es die ersten Präsentationen einer deutschen Literaturvereinigung.

Das Programm des ELS-Forums in Wien wartet u.a. mit österreichischen Erstaufführungen auf: Einem Stück des Solinger Theaterkollektivs ARTCORE über die jung ermordete Malerin Charlotte Salomon, mit Diskussionen, Lesungen (u. a. mit der Schriftstellerin Eva Menasse), Filmvorführung (Michael Verhoeven) bis hin zu einer Ausstellung von (faksimilierten) Else Lasker-Schüler-Zeichnungen, die 1937 als „entartet“ aus den Museen entfernt worden sind.

„Wir wollen damit zeigen, wie ein Zentrum für verfolgte Künste arbeiten kann. Das ist bereits realisiert mit Sammlungen verfemter Maler und verfolgter Autoren unter dem Dach des Kunstmuseums Solingen und im Internet unter www.exil-zentrum.de mit einem Exil-Archiv und rd. 1.600 Lebensläufen einst und jetzt verfolgter Künstler und anderer Intellektueller sowie mit dem pädagogischen Internetportal www.exil-club.de“, so Hajo Jahn.

Das Forum beginnt am Dienstag, d. 10. April, um 18 Uhr in der Freien Bühne Wieden mit einer Ausstellung von Else Lasker-Schüler-Zeichnungen (Faksimiles) und einer Sprach-Musik-Collage über Ernst Jandl. Seine Lebensgefährtin Friederike Mayröcker wird als Trägerin des Else Lasker-Schüler-Preises von 1996 Ehrengast sein, wenn um 20 Uhr die offizielle Eröffnung stattfindet.

Mayröcker und Jandl dürften den Besucher einer Matinee im Schauspielhaus Wuppertal in bester Erinnerung sein, denn da stellte am 3. November 1996 Ernst Jandl seine Lebensgefährtin Friederike Mayröcker einfühlsam und poetisch vor, die sich hin und wieder in seine Worte einmischte. Es war eine Sternstunde!

Die Burgschauspielerin Therese Affolter und ihre Wiener Kollegin Dagmar Schwarz leihen in einer inszenierten Lesung der „Verscheuchten“ ihre Stimme: Else Lasker-Schüler. Das international renommierte Wiener „aron-quartett“ spielt im Rahmenprogramm eine Korngold-Komposition. Erich W. Korngold, der aus Wien stammt, hatte sich vor den Nazis in die USA retten können.

Beendet wird das VVIII. ELS-Forum mit einer Diskussion unter dem Titel “Illusionen der Vergangenheitsbewältigung oder: Verordnete Gedenkkultur versus >Betroffenheits-Kitsch<“

Alle Abendveranstaltungen finden in der Freien Bühne Wieden, Wiedner Hauptstr. 60b, statt. Am Tag im Theater Akzent, Theresianumgasse 16-18.

Der Eintritt ist frei.  

Veranstalter ist die internationale Else Lasker-Schüler-Gesellschaft e.V. mit rd. 1.400 Mitgliedern, Sitz ist Wuppertal. Kooperationspartner ist in Wien die Erika Mitterer-Gesellschaft.

Von Wuppertal aus startet ein Fernreisebus, sofern sich mindestens 20 Mitreisende anmelden. Anmeldungen nimmt die ELS-Gesellschaft entgegen, Tel. 305198, Fax 7475433, Mail vorstand@else-lasker-schueler-gesellschaft.de

Hajo Jahn

Vorsitzender der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft

und der Stiftung „Verbrannte und verbannte Dichter –

Für ein  Zentrum der verfolgten Künste“

Herzogstr. 42

D-42103 Wuppertal

www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de

www.exil-zentrum.de

www.exil-archiv.de

www.exil-club.de

Tel: 0049 202 305198

Mobil: 0173 5 72 88 00

hajo.jahn@else-lasker-schueler-gesellschaft.de

„Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür

Seitdem die Welt verrohte...“

Else Lasker-Schüler