30.01.2012 07:44 62. Internationale Filmfestspiele Berlin

Berlin - 7. Forum Expanded 2012 - Die vorgestellten Arbeiten erproben auf experimentelle Weise individuelle Formsprachen

Von: Berlinale.de

Neben den Ausstellungen in den Kunstsaelen Berlin (Kritik und Klinik) und im Gutschow-Haus sowie den Veranstaltungen im HAU präsentiert Forum Expanded zehn Filmprogramme im Arsenal und im Delphi. Das Programm ist offen für sämtliche Längen und Formate.

Die vorgestellten Arbeiten erproben auf experimentelle Weise individuelle Formsprachen, um neue, kritische Perspektiven auf die Welt herzustellen. Am radikalsten versucht dies whiteonwhite:algorithmicnoir von Eve Sussman/Rufus Corporation.

Der live und in Echtzeit geschnittene Film, der die Überwachung eines Mannes in einem fiktiven osteuropäischen Staat zeigt, wird jeden Tag anders, jedesmal neu zusammengesetzt. Wir präsentieren ihn täglich im Arsenal 2.

Viele der anderen Arbeiten stellen sich ihren Präformierungen durch Figuren und Gespenster aus der Vergangenheit. Dazu zählen Vorbilder wie William S. Burroughs und Brion Gysin, deren Cut-up-Methode der libanesische Filmemacher Geith Al-Amine aufgreift, oder Luc Moullet, dessen unvollendetes Projekt über zwei Diebe (Mutter und Tochter), die hinter einer 35mm-Kamera der Firma Aaton her sind, von der französischen Filmemacherin Isabelle Prim in La Rouge et la Noire fortgeschrieben wird.

Ebenso unvollendet blieb der Roman „Petrolio“ von Pier Paolo Pasolini, den Rosalind Nashashibi als Ausgangpunkt für ihren Film Carlo's Vision (Großbritannien/Italien) gewählt hat.

Eva Heldmann präsentiert mit r I v e r r e d eine Hommage an Cocteaus Orpheus, und The Last Days of British Honduras von Catherine Sullivan und Farhad Sharmini (Großbritannien/USA) ist eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Ronald Tavel. Dieses filmische Abenteuer des Absurden kommt im HAU 1 zur Aufführung.

Es sind nicht nur Wahlverwandtschaften, sondern auch immer wieder die eigenen Elternhäuser, die Spuren hinterlassen. Isabell Spengler (Deutschland) versucht in ihrem Beitrag Vater, Mutter, was soll ich heute filmen? die filmischen Fantasien ihrer Eltern umzusetzen, der kanadische Videokünstler Steve Reinke kommt in seinen seriell angelegten  kurzen Filmen, in denen er sich mit queerer und kanadischer Identität befasst, immer wieder mit beißender Ironie auf seine familiären Wurzeln zurück.

Auch in den Videoarbeiten aus der arabischen Welt steht die Aufarbeitung der Familiengeschichte im Vordergrund: Ahmad Gossein betitelt seinen Film, in dem eine Mutter Audiobriefe an ihren abwesenden Mann schreibt, My father is still a communist, intimate secrets to be published (Libanon/Vereinigte Arabische Emirate).

Hicham Ayouch (Marokko/Vereinigte Arabische Emirate) erzählt in As they say die brutale Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts, der körperlich ausgetragen wird. Paul Geday (Ägypten/Niederlande) verabschiedet sich in Bye Bye inmitten der ägyptischen Revolution vom Klavier seiner Eltern.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Ästhetik des Kinos zu nutzen, um es aus sich selbst heraus neu zu erfinden. Chris Kennedy (Kanada), Guillaume Cailleau und Ben Russell (Deutschland), Joshua Bonnetta (Kanada) und Nicolas Rey (Frankreich) stellen das vermeintliche Ende des Zelluloids in einen künstlerischen und politischen Zusammenhang.

Doch nicht nur die Digitalisierung verändert die Kinolandschaft. Machtpolitische Kräfte wie Zensur und Wirtschaft nehmen regulativ auf das Kino Einfluss. Der Beitrag von Mohammadreza Farzad Blames and Flames thematisiert die iranische Revolution aus der Perspektive des Kinos. Azin Feizabadi (Deutschland/USA/Iran) setzt eine Gerichtsverhandlung performativ in Szene, in der der Angeklagte ein Filmemacher ist.

Forum Expanded stellt sich die Aufgabe, das Kino auseinander zu nehmen, wieder zusammen zu setzen, oder es neu zu erfinden. Das geht häufig spielerisch, aber nie ohne Diskussion, und so wird es auch diesmal wieder fünf international besetzte Podiumsgespräche geben:

Cairo: The City, the Images, the Archives mit Khalid Abdalla, Hala Galal, Maha Maamoun und  Sarah Rifky, moderiert von Marcel Schwierin

Programming the Archive mit Entuziazm, Vinzenz Hediger, Angela Melitopoulos, Constanze Ruhm, Christoph Terhechte und TeilnehmerInnen des Projekts „Living Archive“, moderiert von Stefanie Schulte Strathaus

Working the Crisis mit Minze Tummescheit, Duncan Campbell und Anjalika Sagar, moderiert von Stephan Geene

Written by: The Artist mit Deimantas Narkevičius, moderiert von Jan Verwoert

Psychosphere and Capitalism mit Kodwo Eshun, Angela Melitopoulos und Iram Ghufran, moderiert von Anselm Franke.

Das Foyer des Kino Arsenal wird zum zweiten Mal von den Prinzessinnen­gärten bepflanzt, die auch die Filmhaus-Bar betreiben. Wie jedes Jahr ist auch das b_books-Kollektiv Teil des Geschehens und bietet Bücher, Zeitschriften und DVDs an.

Forum Expanded wird kuratiert von Stefanie Schulte Strathaus (Leitung), Anselm Franke, Nanna Heidenreich, Bettina Steinbrügge sowie Ulrich Ziemons (Assistenz). 

Das Programm im Überblick:

Ausstellungen

Kunstsaele Berlin: Kritik und Klinik mit Beiträgen von Heike Baranowsky (Deutschland), Duncan Campbell (Irland), Luke Fowler (Großbritannien), Iram Ghufran (Indien), Virlani Hallberg und Jennifer Rainsford (Schweden), Ken Jacobs (USA), Steffen Köhn und Paola Calvo (Deutschland), Eline McGeorge (Norwegen), The Otolith Group (Großbritannien), Florian Wüst (Deutschland)

Gutschow-Haus: Elle Flanders und Tamira Sawatzky (Kanada), Yazan Khalili (Palästina), Anne Quirynen (Belgien)

Botschaft von Kanada – Marshall McLuhan Salon: Steve Reinke (Kanada)

Arsenal 2: Eve Sussman/Rufus Corporation (USA)

Filmscreenings

Geith Al-Amine (Libanon), Hicham Ayouch (Marokko/Vereinigte Arabische Emirate), Joshua Bonnetta (Kanada), Guillaume Cailleau/Ben Russell (Deutschland), Mohammadreza Farzad (Iran), Azin Feizabadi (Deutschland/USA), Luke Fowler (Großbritannien), Rainer Ganahl (Großbritannien),  Paul Geday (Ägypten/Niederlande), Ahmad Ghossein (Libanon), Eva Heldmann (Deutschland), Chris Kennedy (Kanada), Wolfgang Lehmann (Schweden/ Deutschland), Deimantas Narkevičius (Litauen), Rosalind Nashashibi (Italien/Großbritannien), Isabelle Prim (Frankreich), Laure Prouvost (Großbritannien/ Frankreich), Steve Reinke (USA), Nicolas Rey (Frankreich), Fern Silva (USA), Isabell Spengler (Deutschland), Catherine Sullivan/ Farhad Sharmini (Großbritannien/USA

Forum Expanded  Lectures and Performances

Harun Farocki (Deutschland); Angela Melitopoulos/Constanze Ruhm (Deutschland/Österreich); Avi Mograbi mit Noam Enbar, Ariel Armoni, Adam Scheflan, Yoni Silver (Israel)

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