17.09.2021 „GERMAN SONGBOOK“ TANGO TRANSIT

Was Tango Transit spielt, ist neu, frisch und frei von Konventionen

von: GFDK - Kultur und Medien

Als Martin Wagner (Akkordeon), Hanns Höhn (Kontrabass) und Andreas Neubauer (Schlagzeug) 2008 ihrem Trio den Namen Tango Transit gaben, war ihr Tango schon längst im Transit. Nur einmal interpretierten sie mit dem „Libertango“ einen Klassiker des argentinischen Tango-Revolutionärs Astor Piazzolla.

Ansonsten ließen sie den Assoziationen, zu denen ein Akkordeon meist verführt, freien Lauf.

„Es spielt nicht unbedingt eine Rolle, ob Martin Akkordeon oder E-Gitarre spielt – wir rocken einfach“, meldet sich Bassist Hanns Höhn zu Wort.

Damit verweist er nicht nur auf die Energie, mit der die drei ihre Musik auf Platte und Bühne bringen, sondern auch darauf, dass sie das Handzuginstrument von dem Korsett befreien, das man ihm immer gerne mit Begriffen wie Schifferklavier oder Quetschkommode verpasst hat.

Es gibt keine Vorbilder für eine solche von einem Akkordeon-Trio gespielte Musik, deren Kern – was sich an Harmonik und Improvisation festmachen lässt – der Jazz ist, bei der aber wie selbstverständlich auch Blues, Funk und Dance-Grooves ins Spiel kommen.

Drei höchst unterschiedliche Charaktere bringen ihren diversen musikalischen Erfahrungsschatz ein und verschmelzen ihn zu einer unwiderstehlichen Einheit. Die euphorischen Reaktionen des Publikums bei bislang mehr als 500 Konzerten belegen: was Tango Transit spielt, ist für sie neu, frisch, frei von Konventionen und verweigert sich allen Schubladen. Das begeistert!

Die versierten wie virtuosen, im Zusammenspiel zudem traumwandlerisch sicheren Instrumentalisten, widmen sich in ihrer sechsten Veröffentlichung Volksliedern, und nennen es – eine feine Ironie 

„German Songbook“. Zum einen, weil sie zu dem Typus Jazzmusiker gehören, die ihr Selbstverständnis nicht einzig auf dem genetischen Material der Standards des „Great American Songbooks“ aufbauen, zum anderen, weil sie „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „He Ho, spann den Wagen an“ oder „Ein Jäger aus Kurpfalz“ in ihren eigenen Kontext stellen und kosmopolitisch umsetzen.

„Es sind Lieder aus der musikalischen Welt, mit der für mich der Einstieg in die Musik überhaupt begonnen hat“, erinnert Wagner daran, wie er 1975 zum Akkordeon kam. „Ich nehme sie jetzt mit in die Welt, in der ich heute bin“, erklärt er.

Bei Tango Transit bleibt es nicht bei rhythmischen, harmonischen und melodischen Verschiebungen.

Es gelingen auch mühelos Anspielungen an Franz Schubert bei „Es klappert die Mühle“, wobei der rauschende Bach dank sich einstellendem New Orleans-Groove zum Mississippi wird.

Die Geschichten, die die Lieder erzählen, funktionieren auch ohne Texte. Auch weil die Instrumente oft Worte ersetzen und Szenen illustrieren. Das Schlagzeug setzt die Kraft und Energie von Mühlrad und Mühlstein um und natürlich auch das Klappern der Mühle.

Die Flageoletts des Basses lassen die Glocken in „Bruder Jakob“ läuten, der alles andere als idyllische Motorsägen-Bass konterkariert „Bunt sind schon die Wälder“.

Und in den hohen Registern des Akkordeons fängt das „Schneeweiss Vögelein“ zu singen an. Romantik pur könnte man meinen. „Zwischen Berg und tiefem tiefem Tal“, „Bunt sind schon die Wälder“, „Verstohlen geht der Mond auf“. Aber es mischen sich auch Dissonanzen und ungerade Takte ins musikalische Geschehen. Mit „Was die Welt morgen bringt“ endet das Album.

Von Themen wie Umweltverschmutzung, Trockenheit und Klimakatastrophe ahnte ein Rudolf Baumbach 1882 noch nichts. Sie sind aber ein Subtext im „German Songbook“.

Veröffentlichung am 22.10.2021 bei Klangraum Records

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