22.11.2021 „All that I can’t leave behind“

Der Autor und Fotograf Sönke C. Weiss eröffnete seine Austellung in Nairobi

von: GFDK - Kultur und Medien

Noch bis zum 9. Januar 2022 zeigt unser Autor und Fotograf Sönke C. Weiss seine Fotoausstellung „All that I can’t leave behind“ in der Red Hill Art Gallery for Contemporary Art in Nairobi, Kenia. Die Ausstellung wurde mit Hilfe der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Nairobi und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen realisiert. Hier Auszüge aus seiner Eröffnungsrede: 

Fotografie ist zuallererst eine Sichtweise. Sie ist nicht das Sehen selbst. Seit annähernd 25 Jahren fotografiere ich Afrika und bereise den Kontinent, habe dort viele Jahre lang gelebt.

Reisen ist nicht immer schön. Reisen ist nicht immer bequem. Manchmal tut es weh, es bricht dir sogar das Herz. Aber das ist OK. Jede Reise verändert dich; sie sollte dich verändern.

Sie hinterlässt Spuren in deinem Gedächtnis, in deinem Bewusstsein, in deinem Herzen und in deinem Körper. Du nimmst etwas mit, und hoffentlich lässt du etwas Gutes zurück

Im Südsudan fing meine Reise durch Afrika an, die mich mittlerweile durch beinahe drei Dutzend Länder geführt hat; zuletzt nach Kenia, Tansania und Ruanda, um in den Jahren 2020 und 2021 die Folgen von Covid-19 zu dokumentieren.

Ich habe viele territoriale Grenzen überquert, physische wie kulturelle. Doch ein ganzes Leben würde nicht ausreichen, um zu behaupten, Afrika zu kennen.

In meiner Fotoausstellung „All that I can‘t leave behind“, also „Alles was ich nicht zurücklassen kann“, vereine ich viele meiner Aufnahmen zu einem Gesamtbild. So wie Afrika für mich ein Gesamtbild ist, ein Mosaik aus Diversität, eine Sinfonie der menschlichen Existenz.

Hier ist meine Tochter aufgewachsen; hier habe ich Freunde fürs Leben gefunden; hier habe ich Menschen sterben sehen. Nicht nur vor dem Objektiv meiner Kamera.

Es sind heute aber die Spuren des Lebens, die ich nicht zurücklassen kann; auf die des Sterbens verzichte ich bewußt, auf die Hungersnöte, die Bürgerkriege und Aids-Pandemie.

An diesen Fotos wäre ich einst selbst erstickt. Ich entscheide mich heute, nur das Leben zu zeigen, den Bildern Raum zum Atmen zu schenken und das zu teilen, was uns als Menschen verbindet, nicht trennt. Kunst als verbindendes Glied zwischen den Kulturen. 

Denn ich gehöre nicht zu der Armee von mechanisierten Fotografen, die durch Afrika donnern und abdrücken. Was meine Arbeit hoffentlich hervorhebt, ist eine gewisse Ruhe, die dem Kontinent den Respekt schenkt, den er verdient. Ein Foto ist ein Bruchstück.

Ein kurzer Blick. Wir häufen Blicke, Bruchstücke an. Wie im wahren Leben. Letztendlich aber ist ein gutes Foto ein Kind vieler Eigenschaften: Technik, Timing, Fügung, Psychologie, Beharrlichkeit, purer Zufall und schlußendlich gesunder Menschenverstand.

Alle Fotos streben nach Einprägsamkeit. Das heißt, nach Unvergesslichkeit. So sind meine Bilder eine Zeitreise. Auch durch meine eigene Geschichte.

So bin ich wohl ein Geschichtenerzähler. Vermutlich kann ich mit den hier präsentierten Fotos alle Geschichten erzählen, die ich zu erzählen habe. Ich gehe an Orte, ich komme zurück. Ich zeige, wie ich mich an den Orten gefühlt habe.

Damals wie heute. Man kann die Vergangenheit nicht zurücknehmen oder ungeschehen machen, manche Paradiese sind für immer verloren, während sich neue Chancen bieten, innen wie außen.

Während ich diese Fotoausstellung vorbereitet habe, hat ein Virus namens Corona unser Leben und unseren Alltag stark verändert. Auf der ganzen Welt.

Neue Spielregeln im sozialen Umgang miteinander beeinflussen vorübergehend unser Leben. Wir halten mehr Distanz zueinander, tragen Masken und sind zum Teil von Angst getrieben. Ich hoffe, dass das alles bald vorbei ist.

Wir sind soziale Lebewesen. Toleranz, Verständnis und Menschenliebe im Herzen helfen uns im Alltag. Ein neues Wir-Gefühl wächst heran. Afrika im Umbruch wahrzunehmen ist ein großartiges Erlebnis.

Afrika war und ist Teil der Weltgemeinschaft. Auch wenn die Welt oftmals nicht hingeschaut hat, wenn sie es hätte tun sollen. Doch eine neue Generation fordert diese Aufmerksamkeit seit Jahren beharrlich ein. Das ist gut so.

Auch Covid-19 kann dies nicht stoppen. Black Lives Matter wird zu einem globalen Phänomen. Auch das will ich nicht zurücklassen. Ich hoffe, meine Bilder transportieren diese Philosophie, diese Lebensauffassung.

Denn ich habe keine Agenda, aber ich habe einen Standpunkt, der sich von Minute zu Minute ändern kann. Wenn ich etwas Neues erkenne. Denn das Erkennen bedeutet zuallererst Notiz nehmen. Anerkennung ist die Form von Erkenntnis, die ich mit der Kunst gleichsetze.

Wohin die Reise gehen wird, für mich wie für Afrika, das wird die Zukunft zeigen. Klimawandel. Globalisierung. Pandemie. Die Herausforderungen sind groß. Auch und insbesondere für Afrika.

Ich werde dabei sein. Ich habe viele Spaziergänge durch diese schöne Welt gemacht. Ich fühlte den Regen auf meinen Schultern, die Sonne auf meiner Haut, die Wärme der Menschen in meiner Seele. Meine Kamera wird mich begleiten. Auch die kommenden 25 Jahre