07.05.2014 Archäologische Alltäglichkeiten

Buch: Thomas Kalaks fotografische Reise durch die vielfältigen Arbeitswelten der Archäologen

von: GFDK - Rasmus Kleine

Scheinbar verloren in der Landschaft ist eine mobile Toilette abgestellt und eine Playmobil-Figur, bewaffnet mit Speer und Schild, steht auf einem Schreibtisch – manch einer mag sich fragen, was diese vordergründig belanglosen Bilder mit Archäologie zu tun haben, diesem Wissenschaftsbereich, der sich in der allgemeinen Vorstellung irgendwo zwischen Abenteuer und Langeweile bewegt, der Faszination und Desinteresse gleichermaßen erzeugt.

Archäologen – das sind, so mag sich der Laie denken, die großen Heroen der Vergangenheit, Heinrich Schliemann etwa, Howard Carter und natürlich auch Indiana Jones, die sich an exotischen Orten durch Wüsten graben und spektakuläre Entdeckungen machen; andererseits sitzt nach wie vor auch das Klischee vom Eigenbrötler fest in den Köpfen, der in seiner eigenen Welt lebt und im fensterlosen Archiv Tonscherben sortiert.

Realistische Einblicke in die Arbeit der Archäologen

Gegen diese verqueren, fortwährend tradierten Bilder kam eine realistische, gewissermaßen nicht von Verklärung bestimmte Vorstellung der Arbeit von Archäologen bisher kaum an. Zwar werden nicht nur in Fachpublikationen, sondern auch in Ausstellungskatalogen archäologische Arbeitsmethoden vorgestellt, umfangreichere Einblicke in die Alltäglichkeiten dieser Wissenschaft aber lassen sich nur schwer erlangen. Es ist Thomas Kalak zu verdanken, dass diese Lücke nun geschlossen wird – mit einer Serie dokumentarischer Fotografien von Grabungskampagnen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL).

Abenteuer Archäologie

Das Vorhaben ist umso wertvoller einzuschätzen, als es gerade nicht an einer Ausgrabungsstätte durchgeführt wurde, die als tausende Kilometer von Deutschland entfernter touristischer Sehnsuchtsort per se das Interesse weckt, sondern in westfälischen Städten wie Haltern, Herne oder Rheine, wo sich das Abenteuer Archäologie in gleicher Weise abspielt wie an vielen anderen Orten auch. Denn ob nun unter der sengenden Sonne der ägyptischen Wüste, in den nebligen Hochebenen Perus oder im herbstlichen Nieselregen in der Einkaufsstraße einer westfälischen Kleinstadt – die systematischen Verfahren der Archäologen, mit denen dem Boden die in ihm verborgenen Geheimnisse über unsere Vergangenheit entlockt werden, sind überall vergleichbar. So bricht Kalak durch die Wahl Westfalens als Ort seiner fotografischen Expedition ganz bewusst mit gängigen Vorstellungen einer Wissenschaft, die vor allem in südlichen Ländern und fremden Kulturen ausgeübt wird und auch daraus ihren abenteuerlichen Reiz bezieht.

Archäologie in Westfalen

Wie aber nähert man sich fotografisch diesem hochkomplexen Berufsfeld an, in dem zahlreiche Spezialisten an verschiedenen Arbeitsplätzen Hand in Hand zusammenwirken? Thomas Kalak wählte einen dokumentarischen Ansatz, der allerdings weniger erklärt, sondern vielmehr durch eine Vielzahl von Einzelbeobachtungen das Thema umkreist und dadurch eine Vorstellung von der täglichen Arbeit der Archäologen in Westfalen vermittelt, die er über rund drei Jahre begleitete. Kalak hat die Wissenschaftler bei ihren ganz gewöhnlichen Tätigkeiten aufgenommen, Details aus dem unmittelbaren Grabungsbereich ebenso abgelichtet wie die Landschaft der Umgebung und auch die abstrakten Ausdruckswerte von Strukturen im Bild eingefangen, die entstehen, wenn Archäologen sich durch die verschiedenen Schichten des Erdbodens in die Vergangenheit graben. Die Aufnahmen, die direkt oder auch nur indirekt mit der archäologischen Forschung zu tun haben, wurden von Kalak systematisch in Themenblöcken angeordnet, die durch Leerseiten voneinander abgetrennt sind.

Archäologen bei der Arbeit

Kalaks fotografische Reise durch die vielfältigen Arbeitswelten der Archäologen beginnt mit Eindrücken von Westfalen, die als Auftakt des Buches eine unaufgeregte Grundstimmung festlegen. Ihnen folgen erste Impressionen von der Grabung, deren Kontext sich dem Betrachter allerdings nicht unmittelbar offenbart, sondern allenfalls erschlossen werden kann. Auch der nächste Block, der die Ausgrabungsstätten selbst vorstellt, bleibt praktisch menschenleer und zeigt lediglich Spuren von Aktivität. Erst im anschließenden Abschnitt kann man Menschen bei der Arbeit sehen. Dem weiteren Weg der Ausgrabungsstücke folgend geht es dann in die Werkstätten, wo die einzelnen Fundstücke konservatorisch behandelt werden, sowie in ein Depot, wo sie vorübergehend eingelagert werden. Einigen Eindrücken von individuell eingerichteten Arbeitsplätzen folgen Aufnahmen aus der Zentrale der LWL-Archäologie in Münster, in der die Ergebnisse zusammengetragen und wissenschaftlich bearbeitet werden, bevor sie schließlich ihren Weg in die Öffentlichkeit antreten, hier exemplarisch dargestellt an den LWL-Museen in Herne und Haltern sowie in der Paderborner Ausstellung „Credo“, deren Aufbau im vorletzten Bild zu sehen ist.

 

Dadurch, dass Kalak die verschiedenen Themenfelder aus dem Bereich der archäologischen Arbeit nach Gruppen sortiert vorstellt, folgt seine Serie einem systematisierten Prinzip. Zugleich ist sie aber vor allem essayistisch angelegt. So verzichtet Kalak auf jede Form von beigefügten Texten, die seine Aufnahmen näher erläutern würden. Außerdem legte er eine Anordnung der einzelnen Bilder fest, die keiner stringenten Logik folgt, sondern eher dramaturgisch-ästhetisch motiviert ist. So ist es auch nur konsequent, dass Kalaks Fotografien keinen durchgängig angewandten Aufnahmemodus besitzen, der etwa in strenger Frontalität zu sehen wäre, sondern dass die unaufgeregte Beiläufigkeit der Bilder eher einen Blick erkennen lässt, der bei aller Sachlichkeit etwas Spontanes besitzt und ohne jede Inszenierung auskommt. Kalak zeigt sich in dieser Serie als unaufgeregter Beobachter, als der er seine bisherige Arbeit konsequent fortsetzt.

Bangkok Cable Ways, Thailand - Same same, but different!

Auch frühere seiner Werkgruppen wie die „Bangkok Cable Ways“ oder „Thailand - Same same, but different!“ sind durch seinen offenen, unvoreingenommenen Blick für Details, Merkwürdigkeiten, Skulpturales und Abstraktionen gekennzeichnet. Für „Thailand - Same same, but different!“ etwa stellte Kalak Stillleben mit kaputten, verbrauchten und umgenutzten Gegenständen zusammen, die als Zeugnisse einer bisher unerkannten Alltagskultur Thailands erscheinen und viel über das Leben dieses Landes, über den Einfallsreichtum und die Improvisationskünste seiner Bewohner erzählen. Doch während sich Kalak dort auf Gegenstände und Arrangements konzentrierte, die durch seinen ureigensten fotografischen Blick die Anmutung von Skulpturen und Installationen erhielten, erweitert er in seiner archäologischen Serie sein Ausdrucksspektrum und seine fotografischen Perspektiven, indem er neben stillebenartigen Arrangements zusätzliche Aspekte wie Landschaft oder Menschen und deren Arbeit in den Fokus rückt.

Dokumentarischer Ansatz

Trotz des dokumentarischen Ansatzes seines Vorhabens besitzen Kalaks Bilder etwas Rätselhaftes, Überraschendes, Mehrdeutiges, das einen weiten Spielraum für mögliche Geschichten enthält, die hinter den Dingen liegen. So verselbstständigen sich die einzelnen Motive seiner Aufnahmen bisweilen und lassen sich nicht mehr eindeutig einer Funktion oder einem Arbeitsschritt innerhalb der archäologischen Grabung zuweisen. Die vieldeutig-erzählerischen Bilder stehen somit in einem gewissen Widerspruch zum dokumentarischen Charakter des Projektes, was ihnen ihren besonderen Reiz verleiht. Ein Spielzeugauto in einem Baum nahe der Ausgrabungsstätte etwa ist ein Fundstück, das eine kleine Geschichte vom Verlieren und Finden erzählt. Eine solche Beobachtung hat nur indirekt mit der Grabung zu tun, sie schlägt aber auf eine elegante Weise das Thema des Findens an, das auch die archäologische Forschung bestimmt. Die Bild-Zeitung hingegen, ein Paar Schuhe, ein BVB-Kalender an der Wand eines Büros oder geschichtete Eimer mit Erde sind Beobachtungen Kalaks, die direkt mit der Arbeit des Grabungsteams sowie den persönlichen Vorlieben der Menschen, die hinter dem Wissenschaftler stehen, zu tun haben. Doch lassen auch sie dem Betrachter viel Raum für eigene Schlüsse.

Archäologische Normalität im 21. Jahrhundert

Konsequenterweise werden auch die Menschen, die zu sehen sind, nicht namentlich genannt, wodurch sie praktisch anonym und offen für Projektionen bleiben. Da gibt es beispielsweise eine junge Frau mit einem T-Shirt, das sie als Abiturientin des Jahres 2013 ausweist, Personen beim Graben in funktionaler Kleidung oder den Professor, der in Jeans, legerer Jacke und mit umgelegtem rotem Schal die Ausgrabungsstätte besucht – Menschen, die der heutigen Zeit entsprechend gekleidet sind und nichts zu tun haben mit dem Bild des Wissenschaftlers klassischer Prägung, der sich in Anzug mit Fliege und Hut präsentiert. Zu Kalaks Darstellung der archäologischen Normalität im 21. Jahrhundert gehören auch Anblicke, die sich den Archäologen während ihrer Kampagnen tagtäglich bieten, etwa eine Einkaufsstraße, in der eine Grabung stattfindet, oder ein offensichtlich von Kindern bemaltes Erdgeschossfenster einer Schule, deren aufgelassenes Schwimmbad als vorübergehendes Depot für die Fundstücke dient.

In solchen Bildern kommentiert die Profanität des Gezeigten in besonderem Maße die Welt der Archäologen in aller unverklärten Alltäglichkeit – weiter entfernt als von hier könnte Indiana Jones kaum sein. Kalak nimmt die Rolle des stillen, unbeteiligten Beobachters ein, der seine Eindrücke spontan festhält. Er präsentiert Menschen beim Graben, Sortieren, Auswerten und Zeichnen sowie unbesetzte, moderne Arbeitsplätze, die Rückschlüsse auf die dort ausgeführten Tätigkeiten erlauben. Seine Bilder zeigen Details ebenso wie größere Szenerien, eine Hand, die Erde abträgt, ebenso wie einen nur zu erahnenden Menschen auf der Grabungsstätte, dessen Tun gänzlich im Verborgenen bleibt. Nur vereinzelt blicken die Dargestellten in die Kamera, meistens werden sie bei ihren Tätigkeiten fotografiert. In diesen Aufnahmen wird nicht posiert und nicht inszeniert, sondern es wird gezeigt, was sich in einem bestimmten Moment zeigt. Durch dieses offene Vorgehen trägt Kalak die Klischees, die die Vorstellung vieler Menschen von der Arbeit der Archäologen bestimmen, Schicht für Schicht ab und nähert sich dadurch der Normalität.

Thomas Kalak - seine Bilder erzählen Geschichten

Ein zentraler Block der Serie zeigt zudem Aufnahmen des Bodens selbst, in dem die Grabungen stattfinden. Die Bilder lassen geometrische Vertiefungen und stufenartige Abtreppungen erkennen, Ritzungen in der Erde, einen einzelnen Löwenzahn vor braunem Hintergrund oder gespannte Schnüre und Markierungen, deren Bedeutung im Unklaren bleibt. Es sind vor allem diese Bilder, die eine abstrakte, bisweilen archaisch anmutende Ausdruckskraft entwickeln, die zugleich rätselhaft erscheint. Doch nimmt Kalak auch den größeren Kontext ins Visier, etwa wenn er das Hermannsdenkmal zeigt, das sich winzig klein über dem Teutoburger Wald erhebt, vor dem im Vordergrund eine Steinmauer aufragt. Das Denkmal ist historischer Legendenbildung entsprungen, die auch durch die archäologische Forschung längst überholt ist. Ob die Mauer im Vordergrund zur Ausgrabung gehört und damit ein Verweis auf die erkenntnisorientierte Arbeit der Archäologen ist, lässt sich nicht sagen. Es gehört zur Stärke der Bilder, dass sie Geschichten in Gang setzen – und immer wieder auch dazu anregen, über die Erforschung von Geschichte nachzudenken.

Als Abschluss der Serie zeigt das letzte Bild des Buches in hochästhetisierter Form ein Fundstück, dessen Form und Material praktisch nicht zu erkennen ist. Es steht damit im Widerspruch zu der um größtmögliche Sachlichkeit und Übersichtlichkeit bemühten Aufnahmetechnik, derer sich die Archäologie bedient. Kalak deutet auch hier nur an, er lässt offen und erlaubt allenfalls eine Vorahnung dessen, was an Geheimnissen im Boden verborgen liegt und dank der Forschung der Archäologen ans Licht gebracht wird, einer Forschung, die Kalak auf den vorhergehenden Seiten entzaubert, normalisiert und vermenschlicht und damit zugänglicher gemacht hat

RASMUS KLEINE, Leiter des Kallmann-Museums Ismaning

Kontakt: mail@thomaskalak.com