07.06.2010 „Es gibt viele, die mit einem sympathisieren"

PORTRÄT DES MONATS ÜBER DANIEL SCHELLHASE - Michaela Boland traf den Vize-Weltmeister in Köln

von: Michaela Boland - mit 3 Bildern

Er ist Fußball-Vize-Weltmeister! Und obwohl er seinen Sport am PC ausübt, ist er auch selbst körperlich topfit. Daniel Schellhase, 26 Jahre, Wirtschaftsinformatikstudent, Passion: E-Sport. (Anm. d. Red.: electronic Sport).

Hierunter nämlich versteht man wettbewerbsmäßiges Spielen von Computer- und Videogames im Mehrspielermodus. Ebenso wie bei vielen herkömmlichen Sportarten sind auch beim E-Sport gewisse Leistungsmerkmale, wie Körperbeherrschung, Teamplay und taktisches Kalkül bei den Spielern vonnöten.

Der E-Sport ist nicht nur eine Wachstumsbranche und Ausdruck einer vernetzten Community, sondern hat sich längst zu einem globalen Phänomen gemausert. Eine der internationalen Plattformen im Bereich dieser sportlichen Betätigung ist die sogenannte Electronic Sports League (ESL).

Inzwischen zählt sie bereits weit über 2,2 Millionen registrierte Mitglieder und über 500.000 Teams, womit sie innerhalb Europas die größte und bedeutendste Computerspiel-Liga darstellt.

Monatlich erreichen die Website der ESL, hinter der das erfolgreiche in Köln ansässige Unternehmen Turtle Entertainment GmbH steht, unter www.esl.eu mehr als 1,1 Millionen Unique Visitors und verzeichnet mehr als 100.000 Neuregistrierungen.

Mit insgesamt 10 Millionen IVW-geprüften Visits (IVW: Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern; messen u.a. den von Netz-Nutzern verursachten Datenverkehr) im Monat zählt das Liga-Portal zu den größten Internetauftritten Deutschlands.

Eine der „Züchtungen“ von Turtle ist auch Daniel Schellhase. Die Erfolgsgeschichte des blonden Studenten beginnt bereits in der Kindheit. Schon damals nämlich tritt der Gelsenkirchener im Rahmen von Fußball-Computerspielen regelmäßig gegen seinen Zwillingsbruder Dennis an.

Im Jahre 2003 dann, versucht sich der eloquente Virtual-Fußballer dann erstmals online in seiner favorisierten Sportart. Hier merkt er offenbar schnell, dass er „ganz gut“ darin ist und meldet sich sodann für Tuniere an, in denen er spielend von Runde zu Runde weiter kommt.

Ich treffe den erfolgreichen E-Sportler mit auffällig hellblauen Augen in der Domstadt Köln. „Wie geht so ein Computerfußballspiel von statten“, frage ich als begeisterte Fechterin mit weniger Ahnung vom Online-Fußball den sympathischen ESL-Star.

„Ich spiele FIFA am PC, das ist eine Fußballsimulation, das heißt, ich kann jeden einzelnen Spieler selbst steuern und kann ihm die Befehle geben, ob er jetzt in eine bestimmte Richtung passt, ob er schießt, ob er in einen Zweikampf hineingeht oder ob er einen anderen Spieler foult.“

Innerhalb der ESL gebe es circa 2000 Spieler, die FIFA relativ ambitioniert spielten, glaubt Schellhase. Unter jenen 2000 Spielern befänden sich, so der amtierende Vize-Weltmeister, ungefähr 20 Profis, also solche, die so wie er, für ihren sportlichen Einsatz mit Leistungen durch entsprechende Sponsoren, wie beispielsweise SENNHEISER oder auch anderen, versehen würden.

Ich möchte gerne wissen, ob Daniel jeweils mit einer fiktiv zusammengestellten Mannschaft „ins Rennen“ geht oder wie die virtuellen Spieler aussehen. „Die Mannschaften sind genauso abgebildet wie im echten Fußball, das heißt, ich kann Deutschland nehmen, da habe ich dann Ballack, Klose, Podolski und stelle die dann auch auf.

Ich bin also auch Trainer und bestimme beispielsweise, ob die Aufstellung mit zwei oder drei Stürmern erfolgen soll. Ich kann alles genauso wählen, wie ich möchte“, berichtet der Ruhrpottler lächelnd.

Dass solche Spiele, bei denen man im Internet gegen andere antritt, bei Daddlern (Anm. d. Red.: Menschen, die an einem Automaten oder an einem Computer spielen) schon seit einigen Jahren hoch im Kurs stehen, kann auch Daniel bestätigen.

Besonders in Spielen wie Fußball seien gerade deutsche Computerfreaks sehr erfolgreich. So haben Daniel Schellhase und Zwilling Dennis beim Fußball auf dem Monitor durchaus schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt:

Weltmeisterschaften, Europameisterschaften sowie Titel in Deutschland. Daniel selbst konnte den Weltmeistertitel übrigens schon in den Jahren 2006 und 2007 für sich verbuchen.

Auf die Frage, wie viel Zeit man investieren müsse, um in dieser Sportart derart erfolgreich zu werden antwortet Daniel: „ Vor einer Weltmeisterschaft trainiere ich schon bis zu fünf Stunden am Tag. Ansonsten komme ich im Durchschnitt auf zwei bis drei Stunden.“

Um ein Weltmeister zu werden, muss man sich zuerst online qualifizieren und sich dann unter die besten 16 Teilnehmer spielen. In der Regel werde dann auf der berühmten Games Convention nochmals eine Meisterschaft ausgeschrieben, die zwischen den besten 16 ausgetragen werde.

Dann würden noch einmal drei Teilnehmer ausgespielt, die ihrerseits zur Weltmeisterschaft fliegen dürften und dort dann auf die besten Spieler aus der ganzen Welt treffen würden.. „Wenn Meisterschaften ohnehin online ausgetragen werden, warum müssen die teilnehmenden Spieler dann überhaupt am selben Platz vor Ort sein“, frage ich den jungen Schellhase.

„Es geht darum, dass die Bedingungen für alle gleich sind, denn wenn man online spielt, hat man immer eine Verzögerung, die physisch bedingt ist und wenn man vor Ort ist, hat man diese Verzögerung nicht“, erklärt der E-Sportler.

Außerdem sei es natürlich viel schöner für die Spieler gemeinsam vor Ort zu sein, nachdem das Procedere ein wenig so ablaufe wie bei den Olympischen Spielen. „Es gibt eine Eröffnungsfeier, es gibt eine Abschlusszeremonie und es werden Medaillen umgehangen“, schwärmt Daniel Schellhase.

Außerdem sei es natürlich wesentlich komfortabler für all jene, welche die ganzen Livestreams verfolgten, denn bei der Weltmeisterschaft habe man insgesamt über 200 Millionen Zuschauer, über die drei bis vier Tage, die die Meisterschaft andauere, fügt er hinzu.

Ein solches FIFA-Online-Spiel dauert gerade mal fünfzehn Minuten. „Wer als erstes zwei Spiele gewinnt ist der Sieger“, weiß Daniel. Dass er in Kürze hoffentlich wieder siegen wird, kann er schon bald erneut unter Beweis stellen. Demnächst finden nämlich in Köln die Deutschen Meisterschaften statt.

Ein bis zwei Wochen im Vorfeld, will Schellhase dann noch ein wenig mehr trainieren. „Momentan ist das nicht nötig, denn ich kann mich auch so noch gegen meine Gegner wehren“, erzählt er siegessicher.

In jedem Fall seien die Möglichkeiten für ihn besser, als wenn er jetzt arbeiten gehen würde, ist sich der Online-Fußballer im Klaren. Seit wann er gesponsert werde, möchte ich vom Internet-Fußball-Profi wissen. „Man muss hierfür erst mal entdeckt werden“, erklärt er.

„Es ist wie beim Fußball, man fängt zunächst klein an und spielt und möchte gut werden und irgendwann wird man dann von den Profiteams entdeckt und unter Vertrag genommen.“

Dann erst beginne das eigentliche Sponsoring. Ob bei mehreren Stunden Training pro Tag und einem nicht gerade nebenbei zu bewältigenden Wirtschaftsinformatik-Studium noch viel Zeit für andere Dinge, wie Familie, Freundin oder sonstige Hobbys bleibt? „Es kommt natürlich auch vor, dass man immer mal unterwegs ist.

Ich habe wahrscheinlich mehr Zeit als jeder Mensch, der acht oder neun Stunden am Tag arbeiten geht. Es ist alles eine Frage des Zeitmanagements. Ich muss lediglich planen, was am Tage so ansteht, was ich dann mache und wann ich dann lerne.

Ich gehe aber auch ins Kino oder am Wochenende raus, auch schon mal in einen Club.“ Das zu hören, wird mit Sicherheit gerade die asiatischen Fans von Schellhase freuen.

Denn bei seinem letzten Wettkampfbedingten Asientrip campten gleich mehrere weibliche Anhänger des attraktiven jungen Mannes vor der Tür seines Hotelzimmers, um Fotos mit ihm und Autogramme zu ergattern.

„Wie sieht es denn in Deutschland mit den passionierten Unterstützern aus“, frage ich Daniel. „Also Fans ist nicht der Begriff, den ich in Deutschland benutzen würde“, gibt der Erfolgsonliner zu.

„Es gibt viele, die mit einem sympathisieren. In Asien ist das halt alles ein bisschen ausgeflippter, ein bisschen verrückter und die laufen einem dann wirklich richtig die Bude ein wegen Autogrammen und Fotos.“ Ob er denn bereits eigene Autogrammkarten besitze, hake ich nach.

„Ja, Autogrammkarten haben wir auch“, antwortet er nun im Pluralis Majestatis. Wie man sich bei soviel Stunden täglich vor dem Bildschirm selbst schlank und fit hält, weiß der Internet-Ballartist aber auch, denn echten Sport kennt er ebenfalls noch:

„Ich habe früher selbst bei Schalke Fußball gespielt, spiele sogar immer noch ein wenig und gehe ab und zu im Wald laufen.“ Trotz seines ebenso ambitionierten Zwillingsbruders scheinen die Geschwister ihr Online-Fußball-Talent nicht gerade von den Eltern geerbt zu haben.

Während Daniels Mutter zwar rege alle Aktivitäten der Söhne im Netz verfolge, soll der Vater, auf dessen Berufsbezeichnung der Vize-Weltmeister nicht kommen will, aber weiß, dass dieser im Rohrbau tätig sei und hierfür Pläne und Skizzen anfertige, jedoch keineswegs online affin sein. „Ich glaube, er weiß nicht mal, wie man einen Computer an und aus macht“, plaudert Daniel Schellhase aus dem Nähkästchen.

Um so besser, dass Daniel sich auf diese „Disziplin“ hervorragend versteht und unser Land darüber hinaus innerhalb seines Fachgebiets, dem Computer-Fußball, bislang immer wieder erfolgreich vertreten hat.

Mit seinen zwischenzeitlich 26 Jahren hebt der Vize-Weltmeister augenblicklich bereits deutlich den Altersdurchschnitt des typischen E-Sportlers an. Dieser nämlich soll laut einer deutschen Umfrage unter Jugendlichen so aussehen:

19 Jahre alt, männlich und auch abseits des Computers aktiv Sport treibend, mindestens zweimal wöchentlich. Dabei seien Fußball, gefolgt vom Workout im Fitnessstudio sowie Jogging, die mit Abstand beliebtesten Sportarten, wie Turtle berichtet.

Außerdem besuchten über 42 Prozent der Spieler noch die Schule, davon 23 Prozent der ESL-User ein Gymnasium, weitere 7,7 Prozent studierten an einer Hochschule. Ganze 18,9 Prozent setzten sich aus Auszubildenden und jungen Berufstätigen zusammen. Auffällig:

In diesem Sport-Segment scheinen derzeit noch kaum Frauen so recht Fuß gefasst zu haben: Schlappe 3,3 Prozent machten den Anteil der Damenwelt augenblicklich nur aus. Das Erfreuliche: Die Anzahl weiblicher User steige gerade kontinuierlich an.

Und so bleibt zu hoffen, dass in absehbarer Zeit vielleicht nicht nur ein Daniel oder Dennis den Weltmeistertitel zu uns nach Hause tragen, sondern womöglich ja schon bald einmal eine Daniela oder Denise

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR-Sonntags-Nachmittags-Show „HOLLYMÜND“. Für „Guten-Abend-RTL“ arbeitete sie als Redakteurin und On-Reporterin.

Auf 3-Sat moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, außerdem die Casinoshow „Casinolife“ auf TV NRW.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

Infos unter:

www.michaelaboland.com

http://www.stern.de/digital/computer/world-cyber-games-deutschland-ist-fussball-weltmeister-553277.html

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,437731,00.htmlhttp://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,437731,00.htm

http://www.sueddeutsche.de/thema/Daniel_Schellhase

http://tvtotal.prosieben.de/tvtotal/videos/player/?contentId=19942

http://www.computerbild.de/videos/Fifa-Weltmeister-Daniel-Schellhase-und-PES-Europameister-Mike-Linden-Interview-2106278.html