Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

31.03.2014 potrait des monats von Michaela Boland

GFDK - Michaela Boland

Verona Pooth hat er einst ebenso zu ersten Erfolgen verholfen wie Shermine Sharivar. Gerade kürte er in Magdeburg die Miss Intercontinental aus 60 teilnehmenden Nationen. Und schon im April darf er dann in Ägypten den kompletten Ablauf des Finales "Top-Model of the world" koordinieren.

Es erscheint wie ein Privileg: Er umgibt sich mit den schönsten Frauen dieser Erde - natürlich rein beruflich - und dabei hat er offenbar selten eine Ausnahme gemacht: Mit der schönen Jana Ina (heute Zarella, 37) verband den geschäftstüchtigen Bergheimer allerdings einige Jahre lang durchaus mehr als nur der Job.

Das hübsche Model, welches an der Seite von Hape Kerkeling in dessen Kino-Erfolg, "Samba in Mettmann", bekannt wurde, später mit der eigenen Show auf Pro 7, "Das Model und der Freak", für Furore sorgte und ab 10. April 2014 das Format "Catwalk 30+" beim neuen Discovery-Frauensender, TLC, moderieren wird, war nämlich einst seine Entdeckung.

Die Rede ist von Detlef Tursis. Der heute 51-Jährige ist Chef und Gründer der MGO (Miss Germany Organisation). Seit 1999 führt der Self-Made-Man mit seinem Unternehmen exklusiv die Wahlen zu Miss, Mr. und Mrs. Deutschland durch.

Elf Jahre zuvor hatte sich Tursis mit der Vorgängerfirma, "Miss Germany Association" sogar nahezu alle Lizenzen von internationalen Schönheitswettbewerben wie der "Miss Intercontinental", der "Miss Europe" und der "Miss Universe" gesichert. Eine Erfolgsgeschichte, die ihm augenscheinlich nicht alle Mitbewerber gönnten.

Als sich zu Beginn der 90-er Jahre das Business rund um Schönheitswettbewerbe auch finanziell zum lukrativen Erfolgshit mauserte, wollte so manch einer etwas vom hübschen Kuchen ab haben. Ergebnis: Rechtsstreits um die  Lizenzen. Wie Detlef Tursis sie gemeistert hat, was ihn überhaupt auf die Idee brachte, sich mit Beauty-Contests selbständig zu machen und ob die Branche heute noch genauso viel hergibt, wie damals, hat er mir erzählt.

"Die Leute sagen immer, `Mensch, du hast so einen geilen Job und bist jeden Tag mit den tollsten Frauen zusammen, du musst doch Spaß haben ohne Ende`."

Davon, dass diese Vorstellung nicht unbedingt den Tatsachen entspricht, wissen wohl nur diejenigen ein Lied zu singen, die nach anstrengenden Vorbereitungswochen im Vorfeld einer Miss-Wahl allabendlich todmüde und allein ins Bett fallen.

Er besitzt eine angenehm ruhige Art und die braucht er auch, denn seit annähernd 30 Jahren führt Detlef Tursis höchst erfolgreich Miss-Wahlen durch. Sein Geld verdient er üblicherweise zunächst durch Deals mit den Locationgebern. Der Service garantiert nämlich hohe Besucherzahlen.

In seinem Team beschäftigt er regelmäßig bis zu 25 freie Mitarbeiter auf Abruf. Zurzeit plant er die gesamte Finale-Produktion des "Top-Model of the World"-Contests in Ägypten. Hierbei einen kühlen Kopf zu behalten, ist offensichtlich Gold wert. Schließlich gilt es, nicht nur den Auftraggeber zufriedenzustellen, sondern ebenso 60 internationale junge, oftmals wilde Models von der Anreise bis zum Rückflug zu koordinieren, was offenbar manchmal beinahe der Arbeit eines Dompteurs gleichkommt. Das Geheimnis: "Draußen darf niemand wissen, was hinten passiert." Wer der Mann ist, dem dies immer wieder bravourös zu gelingen scheint, möchte ich heute herausfinden.

Ich besuche den gebürtigen Düsseldorfer sonntagsmittags in seiner Wahlheimat Bergheim. Sein großzügiges Anwesen besteht gleich aus zwei Häusern, die "über Eck" miteinander verbunden sind. Der Vorteil: Detlef Tursis firmiert unter zwei verschiedenen Anschriften auf nur einem Fleck. Der Nachteil: Wer im Hinblick auf geographisches Verständnis nicht gerade der Versierteste ist, marschiert oder fährt erst ein paar Mal um den Block, bevor ersichtlich wird, dass sich die eine der beiden Hausnummern in der gesuchten Straße rein faktisch nicht  finden lässt .

Nun denn, endlich angekommen, gewährt mir ein aufmerksamer "Missen-Macher" persönlich Einlass. Detlef Tursis, der große Blonde, geleitet mich in sein Untergeschoss, wo er sich ein großzügiges Büro eingerichtet hat. Dies ist also seine Schaltzentrale, von welcher aus erstmalig Miss-Anwärterinnen begutachtet, groß angelegte Wettbewerbe organisiert und, wenn nötig, Lizenz-Angelegenheiten geklärt werden.

Eine ins Auge stechende rote Tapete mit allerlei asiatischen Motiven darauf, wie Frauen und Landschaften, zieren die Wände. Ein großer schwarzer Hochglanz-Schreibtisch bietet mit Sicherheit ausreichend Platz für die Arbeit und der riesige Flat-Bildschirm oberhalb jenes Tisches läuft pausenlos und hält seinen Inhaber offenbar jederzeit auf dem aktuellsten Stand des Zeitgeschehens.

An der Wand neben der großzügigen Schreibstätte entdecke ich unter mehreren eingerahmten Fotos auch eines, auf welchem ich ihn mit einem schönen Vierbeiner zu erkennen glaube und frage sogleich begeistert, "bist du das mit Hund". "Nein, das ist meine Mutter", antwortet der 51-Jährige und sieht charmant über meinen kleinen Fauxpas hinweg. Schon 18 Jahre lang wohnt Detlef Tursis in seinem Eck-Haus mit den zwei Adressen. Dabei ist er schon viel herumgekommen:

In Düsseldorf geboren und aufgewachsen, von wo aus es ihn nach Bad Bentheim verschlagen hat, ging es dann zurück in die Geburtsstadt, um anschließend nach Aachen zu ziehen. Danach führte der Weg erst nach Kaarst und dann nach Mönchengladbach. Erst nach dieser Station landete Tursis im beschaulichen Bergheim. Wohl fühlt er sich hier gerade deshalb, weil er mit diesem "Trickhaus" nicht nur zwei Eingänge, sondern auch die Möglichkeit hat, Privates und Geschäftliches zu trennen. 

Eigentlich gibts ja heute, am Sonntag, immer Essen bei Mutti in Grevenbroich. Da traut man sich kaum zu fragen, ob der Erfolgsmensch eigentlich verheiratet oder zurzeit liiert ist. Ich tue es aber dennoch. "Nee", antwortet er kurz und bündig. Er habe noch einen Bruder, der ausgebildeter Koch und Konditor sei und Grillkurse gebe.

Zwar sei es nicht so, dass man täglich telefoniere, erklärt er mir auf die Frage nach dem geschwisterlichen Verhältnis, aber, da der Bruder ebenso wie die Frau Mama, in Grevenbroich lebe, sehe man sich hin und wieder eben dort, wenn es sonntags zum Essen gehe, halt bei Mutti. Eine eigene Familie habe der zwei Jahre jüngere Bruder allerdings bisher ebenso wenig wie er selbst.

"Wo kommt der nicht eben häufig vertretene Nachname, `Tursis` her", möchte ich noch wissen. " Das weiß ich auch nicht", erklärt der 1,78m große Missen-Macher mit den blauen Augen, "aber, es ist sehr spannend. Den Namen gibt es auch nicht mehr. Mein Bruder und ich sind die beiden letzten, die ihn tragen.

Sollten wir also nicht irgendwann Kinder in die Welt setzen, würde der Name wahrscheinlich aussterben, was ich schade fände. Ich habe zwar mal gehört, dass `Tursis` aus dem Norddeutschen komme, allerdings bin ich auch eigentlich ein geborener `Oberkönig`, denn meine Mutter hat nach meinem Vater nochmal geheiratet."

Ein außergewöhnlicher Nachname, ein attraktives Äußeres und eine offenbar recht fürsorgliche Mutter. Sind das womöglich Erfolgsgaranten auf dem Weg nach oben zum Beauty-Contest-Veranstaltungs-Olymp, frage ich mich und so hake ich bei Detlef Tursis nach, "wie ist dein Weg bis zum Schönheitswettbewerb-Veranstalter verlaufen". "Ich habe mittlere Reife in Kaarst-Büttgen gemacht und eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in der Unterhaltungselektronik angehangen.

Das dauerte insgesamt drei Jahre. Von dort aus ging es erst Mal zur Bundeswehr in Düsseldorf", erinnert sich der Wahl-Bergheimer. Auf die Fragen, ob er somit automatisch ein "Heimschläfer" gewesen sei und ob er sich noch seines Tauglichkeitsgrades bei der Musterung entsinne, antwortet Tursies, "mein Tauglichkeitsgrad war toll. Und ja, ich konnte, Gott sei Dank, meine Mutter wegen einer Herzkrankheit so ein bisschen vorschieben und mich so vor einer Stationierung in Kiel drücken." 

Zweieinhalb Berufsausbildungen

Bevor dem cleveren Detlef jedoch der Gedanke kam, zum Veranstalter von Schönheitswettbewerben zu werden, absolvierte er zuerst noch mal eine weitere Ausbildung zum Speditionskaufmann in Bad Bentheim. "Warum war dir wichtig, noch eine zweite Berufsausbildung anzuhängen", möchte ich von ihm wissen. "Meine Mutter und mein (Stief)Vater sind nach Bad Bentheim gezogen und haben ein großes Haus gebaut. Da mussten die Kinder mit", erklärt Detlef Tursis.

"Obgleich Du mit bereits abgeschlossener erster Berufsausbildung und nach dem Bund schon selbst im Leben gestanden haben dürftest", hake ich nach. "Ja", sagt er, "dadurch, dass die Eltern nun umgezogen und meine Mutter natürlich wollte, dass wir Söhne mitkommen, habe ich eben zugestimmt und gesagt, dass ich es probiere", begründet er sein Handeln. Die Ausbildung zum Speditionskaufmann habe ihm jedoch so gar keinen Spaß gemacht.

"Es war extrem dröge und viel zu trocken", sagt der heutige Veranstalter. Die Firma sei jedoch nur ein halbes Jahr später Pleite gegangen und so brauchte Detlef Tursis die unliebsame Lehre auch nicht zu beenden. Doch, wie es der Zufall wollte, hatte ein neuer Freund an der Seite seiner Mutter dann eine Firma für Dichtungstechnik in Aachen gekauft, woraufhin die Familie prompt in die Printenstadt zog und Detlef nunmehr in jener neuen Firma eine weitere Ausbildung, diesmal zum Industriekaufmann, beginnen konnte.

Nach drei Jahren war diese erfolgreich beendet. Als Sohn des Chefs - die Mutter war mittlerweile in dritter Ehe mit jenem neuen Freund und Firmeninhaber verheiratet - habe er natürlich diverse Vorteile genossen, weiß Tursies noch genau. "Ich habe mein Englisch durch Kurse verbessern können, hatte ein Fahrzeug sowie eine Wohnung in Aachen, die der neue Stiefvater gekauft hatte und habe zeitgleich noch immer meine Wohnung in Düsseldorf behalten.

Dort hatte ich schließlich meine Freunde und wollte somit das Wochenende gerne in der alten Heimat verbringen." Nachdem die dreijährige Industriekaufmanns- Ausbildung erfolgreich abgeschlossen war, überlegte Tursies, was er nun anfangen könnte. Eine Idee war schnell geboren. "Damals kamen die ganzen Sonnenstudios heraus, und weil ich selbst sehr oft auf die Sonnenbank ging, habe ich mir überlegt, einfach eins zu eröffnen", weiß der 51-Jährige noch genau. Als Standort fürs erste eigene Unternehmen entschied er sich für Kaarst.

"Da ich ohnehin auch eine Wohnung suchte, bin ich in einem Wohnpark fündig geworden, denn dort entdeckte ich oben eine Maisonette Wohnung für mich und unten ein Ladenlokal, das frei war." Als sich für den Jungunternehmer nach über drei Jahren herausstellte, dass er mit der Geschäftsidee zwar seinen Lebensunterhalt bestreiten, jedoch nicht reich werden konnte, wurde ihm klar, dass ihn der Job nicht befriedigte. "1988 habe ich dann im Bochumer Tarm Center zufällig eine Miss-Wahl gesehen und die gefiel mir ganz gut. Da hat es irgendwie Klick gemacht", schwelgt der MGO-Chef in Erinnerung.

Miss Monat

So traf es sich gut, dass ein gewisser Gert Garant in einem Tanzlokal in Kaarst, der Heimat Tursies`, eine Talentshow veranstalten wollte. Dieser fragte Sonnenstudio-Besitzer Tursis nach Zehner-Karten-Spenden für die Sonnenbank, um die Teilnahme am geplanten Event ob der Preise attraktiver zu gestalten. Tursies ließ sich nicht lange bitten und wurde prompt schon kurz darauf sogar selbst zum Jury-Mitglied bei der Talentshow erkoren.

Wegen des Erfolgs ging die Veranstaltung schnell in Serie. "Das war mein erster Kontakt zum Showbusiness", erzählt der 51-Jährige. Dies sei auch der Grundstein zu seiner Vorstellung gewesen, selbst Wettbewerbe zu veranstalten. Denn als die Talentshow-Reihe zu Ende ging, ward` Tursis` neuer Schönheitswettbewerb-Plan längst ausgegoren.

In Zusammenarbeit mit einem lokalen Anzeigenblatt, welches das Ganze bewerben, und einer Boutique Besitzerin, die für die Outfits der Teilnehmerinnen verantwortlich zeichnen sollte, stellte der Sonnenstudio-Inhaber sodann seinen ersten Miss-Contest, (`Miss Monat`) auf die Beine.

"Woher hast du die Teilnehmerinnen rekrutiert", frage ich den Unternehmer. "Die Zeitung hat Aufrufe gestartet, Motto: `Wer möchte mitmachen´. Weitere Mädchen habe ich selbst in meinem Sonnenstudio angesprochen", sagt Tursis. "Kriterien waren damals ja noch unbekannt", erzählt der Missen-Macher, "es war eine Veranstaltung `just for fun` und jede konnte mitmachen."

Konkurrenz belebt das Geschäft

Das änderte sich später zwangsläufig. Denn bevor Tursis professionell ins Miss-Wahl-Business einstieg, hatten sich auf dem Markt schon längst weitere Mitbewerber etabliert. Die Miss Germany Corporation, die bereits seit 1977 bestand und  Mitte der 80-er Jahre vom österreichischen Erich Reindl an Horst Klemmer überging  und Dieter Rissen, der 1986 mit der Miss Germany Company  ins Geschäft eingestiegen war.

"Ab 1988 war ich dann eben auch dabei", erzählt Detlef Tursis, so habe es etwa alle zwei Jahre einen Neuen gegeben. "Der Markt schien schon damals umkämpft gewesen zu sein. Wie sieht das heute aus", frage ich ihn. "Ich will gar nicht sagen, dass der Markt hart umkämpft war, denn Deutschland war groß genug, man hatte den Bedarf und jeder wollte etwas machen", ist sich Tursis sicher.

Auch sei es damals einfach gewesen, etwas zu verkaufen, denn allen sei es finanziell sehr gut gegangen. Das notwendige Knowhow konnte sich der Neu-Miss-Wahl-Ausrichter dann auch durch eine Verquickung mehrerer glücklicher Umstände aneignen. "An meine Preise bin ich gekommen, weil ich jemanden kennengelernt habe, der mir diktiert hat, wie man sie gestalten kann.

Außerdem hatte ich auch insofern Glück, als meine damalige Freundin, mit der ich sieben Jahre lang zusammen war und die Deutschland auch einmal bei einem internationalen Wettbewerb vertreten hatte, mir weitere hilfreiche Kontakte machen konnte" schwelgt der Bergheimer in Erinnerungen. "Der Veranstalter der Miss-Türkei-Wahl, der schon 15 Jahre lang im Geschäft war, konnte mir ebenso wertvolle Tipps geben."

Miss NRW-WAHL

Dann veranstaltete Tursis in Kaarst die erste "Miss-NRW"-Wahl und plötzlich standen Bild Zeitung, Rheinische Post, ein Fernsehteam des WDR und RTL auf der Matte, die allesamt wissen wollten, wie es denn nun weiter gehe und ob er auch "Miss Germany" mache. Tursis antwortete prompt, "ja, mache ich". Gesagt, getan. Seine erste Miss Germany-Wahl fand sodann 1989 prompt unter Tursis Leitung in Lippstadt statt. Das erste gesamtdeutsche Finale habe es allerdings erst nach dem Mauerfall gegeben.

In Dresden. "Das waren damals Goldgräberzeiten", weiß der Veranstalter noch ganz genau. "Die Bildzeitung und die Morgenpost haben sich gegenseitig überboten und sogar Druckmaschinen angehalten, nur um unsere Siegerin als erstes auf der Titelseite zu haben", erinnert sich Detlef Tursis. Nicht nur die gesamte Mannschaft von Dynamo Dresden haben dem Spektakel damals beigewohnt, sondern auch zahlreiche Prominente.

"Unmittelbar nach dem Mauerfall hat man pro Person 100,- DM Eintritt genommen und der Laden war mit über 1000 Leuten proppe voll", sagt der Missen-Macher. Obwohl sich zu diesem Zeitpunkt noch alle drei Mitbewerber-Veranstalter, die "Miss Germany Corporation", die "Miss Germany Company" und die Miss Germany Assoziation (Tursis) auf dem Markt befanden, und es somit dazu kam, dass sich zeitgleich sogar drei Miss Germanys in unserem Lande tummelten,  sollte sich das Kräfteverhältnis der Veranstaltungs-Giganten schon bald verändern.

1992 erhielt Tursis nämlich einen Anruf von der amerikanischen Madison-Square-Garden-Event-Production. Er wurde gefragt, ob er die Lizenz zur Ausrichtung der "Miss Universe" haben wolle. Auch der Anruf der Pariser "Miss Europe-Organisation" ließ nicht lange auf sich warten und bot dem versierten Tursis an, sowohl die Miss Europe als auch die Miss International auszurichten.

Konkurrenten vom Platz gefegt

"Damit war die "Miss Germany Company" weg", erinnert sich Tursis, denn die hatten dann keine internationalen Lizenzen mehr und waren somit aus dem Rennen." "Wer hat denn den Rang der wahren Miss Germany für sich in Anspruch genommen als ihr noch zu Dritt wart", möchte ich wissen. "Jeder behauptete immer, die wahre Miss Germany zu haben", erzählt Tursis, "ich habe mich damit nie gemessen. Zwar war es für mich auch ein Geschäft, doch zunächst war es ja auch erst mal ein Spaß.

Deshalb orientierte ich mich nicht an den anderen. So wurden wir beispielsweise auch bei Fernsehshows oftmals alle eingeladen. Bei Frank Elstners `Nase vorn` waren alle drei Miss Germanys anwesend". Als der dritte Mitbewerber, die "Miss Germany Company", vom Markt gedrängt war und nur noch die beiden Haupt-Kontrahenten, Horst Klemmer ("Miss Germany Corporation") und Tursis ("Miss Germany Association") existierten, sei der Wettkampf ein wenig härter geworden.

"Sie haben dann schon versucht, mir das Leben ein wenig schwerer zu machen", erzählt Tursis. Es folgte eine wahre Prozess-Schlacht. Zwar seien die Lizenzen eindeutig geklärt gewesen, jedoch wurde der unlautere Wettbewerb plötzlich ein Thema. "Wenn du gesagt hast, `wir sind die besten`, bekamst du eine Abmahnung.

Wenn die sagten, `wir sind das Original’, erhielten sie wiederum eine Abmahnung, da sie ja nun mal nicht das Original waren, denn dies war schließlich der Gründer, Reindl, gewesen. Auch, wenn sie sagten, `wir sind seit 36 Jahren im Geschäft`, erhielten sie die nächste Abmahnung, zumal sie selbst ja nicht über diesen Zeitraum im Business waren", erklärt Detlef Tursis. Die Hälfte des Jahres hätten die Widersacher dann in Gerichtssälen verbracht und als sie bemerkten, dass die Anwälte reicher und reicher, die eigentlich Beteiligten jedoch ärmer und ärmer wurden, habe man sich geeinigt.

Miss-Germany-Flut

Zwar sei es in der Zwischenzeit zu einer wahren Flut an Miss-Germany-Wahlen durch weitere Veranstalter gekommen, so wie beispielsweise Alt-Playboy Rolf Edens` Miss Germany - Contest in Berlin, Evelyn Rebensburg aus Nürnberg, die Miss Germany Classic, Models aus lizenzierten Modelagenturen, kürte, sowie die von der Firma Lasso Entertainment ausgeschriebene Miss Erotic-Germany.

Die beiden Wichtigen auf dem Markt, die ernst genommen wurden, seien jedoch das Unternehmen von Tursies`und das des Langzeitmitbewerbers Klemmer gewesen. "Wir haben das nun mal nach dem klassischen System gemacht, nämlich Städtewahlen, Landeswahlen und Endausscheidung", erzählt Detlef Tursis. Teilweise habe Tursis 150 Veranstaltungen pro Jahr gehabt, sein Hauptkontrahent fast doppelt so viele.

So verlief die mediale Berichterstattung in der Regel so, dass gefragt worden sei, "Wer ist die richtige Miss Germany?" Es habe beispielsweise bei RTL Punkt 12 Vergleiche gegeben. "Und da haben wir eigentlich immer gewonnen", berichtet Detlef Tursis stolz, "also, unsere Miss Germanys waren eindeutig hübscher." Das Besondere an Tursis Unternehmen: Er hat die internationalen Lizenzen.

Das bedeutet zum einen, dass die jungen Frauen, die sich bei Tursis bewerben und weiter kommen, die Chance haben, auch international Karriere zu machen, zum anderen, dass sie bei Contests im Ausland große Summen Geld verdienen können. "Im Gegensatz zu dem, was unser Kollege aus Oldenburg immer sagt, nämlich, das Geld werde in Deutschland verdient, ist das totaler Quatsch. Wenn ich im Ausland gewinne und mit einem Mal mit 45.000 Euro nach Hause komme, muss seine Miss Germany hier aber erst mal eine ganze Menge tun, damit sie auf diese Summe kommt", ist sich Detlef Tursis sicher.

1500,- Euro pro Auftritt seiner Miss Germany

Für einen hiesigen Auftritt seiner Gewinnerin muss ein Honorar von 1500,- Euro bezahlt werden. "Wenn du einmal mit den Preisen runter gehst, kommst du nicht mehr hoch", weiß Tursis. 1999 ließ sich der Miss-Wahl-Ausrichter den Titel "Miss Deutschland" schützen. "Miss Germany" hier schützen zu lassen, sei wegen des Freihaltebedarfs nicht möglich gewesen, erzählt er.

Durch einen cleveren Schachzug sei dem Kontrahenten aus Oldenburg jedoch der Coup gelungen, rekonstruiert Tursis: Über das Europäische Harmonisierungsamt in Alicante konnte sich der Kollege aus Oldenburg offenbar zur selben Zeit die Marke "Miss Germany" im europäischen Ausland und somit auch für Deutschland eintragen lassen."

Trotz des Ärgers konnte man sich jedoch dann einigen. "Wir haben uns dann 1999 getroffen und gesagt, wir klären jetzt den Markt. Wir bleiben bei "Miss Deutschland", Du machst "Miss Germany", also kümmere du dich um deine Konkurrenten, wir kümmern uns um die, die unsere Marke nutzen. Seitdem haben wir eigentlich so eine Art Friedensabkommen", berichtet Tursis zufrieden. 

"Es gibt keine Konstante mehr."

Wie entwickelt man ein Gespür dafür, wer das Zeug zur erfolgreichen Miss hat", frage ich den Experten "Du musst heute eine sehr offene Art haben, humorvoll sein, auf Leute zugehen können. Das kommt ganz selten vor. Von tausend gibts eine, die das schafft. Auch musst du natürlich den Willen dazu haben und dich darauf konzentrieren. Das Problem heute ist, dass viele junge Frauen, ja gar nicht mehr wissen, was sie aus ihrem Leben machen wollen.

Die rennen ja alle wild durch die Gegend", meint Detlef Tursis. Auf die Frage, woran das liegen könnte, wird der Contest-Veranstalter nachdenklich. " Das liegt vielleicht an der Schnelllebigkeit, der Konsumveränderung, dem Internet, an Handys, Flatrates oder finanziellen Problemen. Ich finde, dass sich die Leute sehr verändert haben. Die waren früher alle viel relaxter. Heute hat keiner mehr Zeit. Alle wollen alles schnell, aber genauso schnell ändern sie auch wieder ihre Meinungen. Es gibt keine Konstante mehr."

"Wenn Du heute Bewerbungen bekommst und da steht unter Zukunftswunsch, `Ich möchte Miss Deutschland werden“, dann rotzen die das einfach so dahin, weil sie denken, sie hätten dann mehr Chancen. Natürlich reiche das allein nicht, sagt der Fachmann. "Früher meinten die jungen Frauen, die das schrieben, es auch so.

Es gibt Mädchen, die haben das nötige Aussehen und die entsprechende Figur, aber trotzdem fehlt denen innendrin etwas. Die können es nicht herüberbringen, denn in dem Moment, wo keine Kamera auf sie gerichtet ist, fallen sie zusammen wie ein Kartenhaus. Es fehlt der Sinn für Humor oder der Charme. Es ist wie ein Sechser im Lotto jemanden zu finden, der all das in sich verkörpert und dann auch noch auf dich hört und das alles macht, was du sagst."

Internet-Bewerbungen nehmen zu

"Wie läuft eine Bewerbung zur Miss bei Dir", frage ich den Veranstalter. "Ich bin früher häufig quer durch das ganze Land gereist, habe dort Veranstaltungen in Discotheken durchgeführt. Heute machen wir sehr viel über das Internet oder durch Bewerbungen. Davon bekomme ich nämlich jeden Tag jede Menge. Ich lade dann auch schon mal Bewerberinnen zu einem Gesamtcasting ein.

Wenn ich beispielsweise im Kölner Diamonds etwas mache, lade ich ungefähr 30 Mädchen dazu ein. Von denen, die kommen, suchen wir dann welche für das Finale aus. Oder ich mache die Regionalveranstaltung Nord, Süd, Ost und West. Ich packe die alle zusammen und dann wird daraus die Favoritin für das Miss Deutschland-Finale gewählt. Das machen wir dann gemeinsam mit entsprechenden Juroren, unter anderem aus den Bereichen Schauspiel.

Auf die Frage nach einem typischen Tagesablauf im Hause Tursis, beschreibt der leidenschaftliche Veranstalter: "Ich komme morgens zwischen halb zehn und zehn Uhr ins Büro, checke meine ganzen E-Mails und gucke dann, dass ich mit Kunden spreche, Konzepte entwickle oder an internationalen Sachen mitarbeite. Für das Projekt in Ägypten bin ich für den kompletten Produktionsablauf zuständig.

Flüge organisieren etc. Die Leute sagen immer, `Mensch, du hast so einen geilen Job und bist jeden Tag mit den tollsten Frauen zusammen, du musst doch Spaß haben ohne Ende`. Leider kapieren sie nicht, dass du abends auf dein Hotelzimmer gehst, die Türe schließt und ins Bett fällst, weil du platt bist." Die Vorbereitung eines solchen Groß-Events, dem internationale Beachtung geschenkt wird, stelle nämlich eine Mammut-Aufgabe dar.

"Wenn Du zwischen 50 und 60 Models hast, hat jede von denen ein Problem: Die eine vermisst ihren Freund, die andere ihre Eltern, die nächste hat ihr National-Kostüm noch nicht, wieder einer anderen fehlen die Schuhe. Eine hat ihr Handyladekabel vergessen und eine weitere kommt mit der Zimmergenossin nicht klar, weil diese bis morgens um vier Party macht, das Licht anlässt und auch noch schnarcht. Zwar hat man entsprechende Betreuerinnen an der Seite, jedoch leider meistens ohne jedwede Eigeninitiative.

Dann hast du einen Moderator, der sein Script haben will, außerdem die Kameraleute, die koordiniert werden wollen. Plötzlich sagt dir noch ein Jury-Mitglied ab, weil irgendetwas dazwischen gekommen ist und du kannst seinen Flug stornieren", beschreibt Tursis das Bevorstehende im Detail.

Auch die internationalen Foren, die immerhin mehrere Millionen Klicks generierten, dürfe man nicht vergessen, und müsse sich natürlich kümmern, wenn dem Repräsentanten urplötzlich einfalle, dass er doch gerne vor Ort dabei sein und ein Ticket haben wolle, obwohl man gar kein Budget mehr habe. Ebenso müsse natürlich auch die Presse regelmäßig versorgt werden. Am Ende nicht zu vergessen:

Der Auftraggeber, der zufrieden gestellt werden möchte. "Vieles von dem Geschilderten klingt nach dem typischen Aufgabenbereich eines Aufnahme- bzw. Produktionsleiters", sage ich zu Detlef Tursis, "trotz zweieinhalb Berufsausbildungen hast du ausgerechnet dieses Metier nicht klassisch erlernt. Wie meisterst du die Anforderungen als Allein-Verantwortlicher?" "Was wichtig ist", antwortet er gelassen, "Draußen darf niemand wissen, was hinten passiert. Hinten kann das Chaos herrschen, aber das darf vorne niemand mitbekommen."

Intellekt und Humor

Auf die Frage, ob er nach fast 30 Jahren in diesem Geschäft einmal einen Sättigungsgrad erreicht und ein beruflicher Richtungswechsel im Raum gestanden habe, sagt der Missen-Macher: "Ja, eigentlich schon mehrfach. Doch dann eher in die Richtung, dass ich gar nichts mehr machen möchte". Nun möchte ich gerne wissen, ob sich sein Verständnis von Schönheit durch den Job verändert hat. Für ihn mache einen schönen Menschen das Mehr an Kommunikation aus, sagt Tursies.

"Wenn du eine schöne Frau hast, mit der du nicht kommunizieren kannst, ist es langweilig", erklärt er mir. "Das ist für das erste, zweite und vielleicht auch noch für das dritte Mal spaßig, doch irgendwann sagst du dann, was willst du damit", fügt er hinzu. Intellekt und Humor seien einfach wichtig, das habe sich in seiner Anschauung auch nicht verändert, vergleicht er mit seiner Meinung von früher.

"Lassen sich Überschreitungen des rein professionellen Verhältnisses immer ausschließen, wenn man als nicht-schwuler Single-Mann immer wieder von traumhaft schönen Frauen umgeben ist", frage ich Tursis. Das könne man nicht machen, da man Verantwortungsbewusstsein habe, sagt der Veranstalter. "Ich würde niemals die Situation einer Kandidatin, die im Wettbewerb ist, ausnutzen", erklärt er.

Leider gebe es da aber auch einige andere, die dann zu den jungen Frauen sagten, "wollen wir nicht heute Abend mal bei mir auf dem Zimmer etwas trinken gehen", weiß der Bergheimer. "Das fände ich furchtbar und könnte morgens dann auch nicht mehr in den Spiegel gucken", fügt er noch hinzu. Zwar sei er selbst auch schon mit ehemaligen Wettbewerbsteilnehmerinnen zusammengekommen, jedoch habe sich das jeweils ausschließlich einige Zeit nach den Contests ergeben.

Auf die Frage, wie es denn mit potentiellen Avancen von jungen Teilnehmerinnen aussieht, die sich möglicherweise Vorteile dadurch erhoffen, erläutert Tursis, "Nein, so etwas habe ich nie bekommen. Natürlich kokettieren sie, aber sie wissen vom ersten Treffen an ganz klar, was sie dürfen und was sie nicht dürfen."

Detlef Tursis hat bereits einige Missen hervorgebracht, die anschließend große Erfolge in Deutschland zu verzeichnen hatten. Darunter u.a. Verona Pooth, ehemals Feldbusch, Shermine Sharivar, Nadine Schmidt (Miss Germany 1997; Ex-Michael-Schumacher-Manager, Willy Weber, kaufte sie vor Begeisterung aus dem Vertrag mit Tursis heraus) oder Jana Ina Zarella. Daher möchte ich wissen, ob der Kontakt zu den einen oder anderen auch über einen längeren Zeitraum bestehen bleibt.

"Nein", plaudert der Veranstalter aus dem Nähkästchen. "Mit Jana Ina war ich ja fünf Jahre zusammen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass sie sich doch sehr veränderte." Mit Verona habe er sich nachher noch ein paar Mal getroffen und "mit Nadine Schmidt schreibe ich mir immer noch regelmäßig zum Geburtstag", erzählt er.

Nach annähernd zwei Stunden, die wie im Fluge verstrichen sind, verabschiede ich mich von Detlef Tursis. Immerhin wartet schon längst leckeres Essen in Grevenbroich auf den sympathischen Missen-Macher aus Bergheim und danach geht es wohl, wie gewohnt, weiter an die detaillierte Vorbereitung einer Mammut-Show mit Schönheiten aus aller Welt. Schließlich weiß auch ein Contest-Veranstalter: Ohne Fleiß kein Preis.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

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05.02.2014 Exklusivinterview für freundederkuenste.de

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Letzte Meldung:
Die Kölner Band Phrasement ist seit zwei Jahren in der über-lokalen Musikwelt angekommen.
Sie tourten durch England, Schottland, Frankreich und natürlich auch durch ganz Deutschland, wobei sie unter anderem mit Madsen, Max Herre und Glasperlenspiel auftraten.

Das Debutalbum „Cumberland Street No.9“ erschien im Sommer 2012 in Kooperation mit Universal Germany.
Das aktuelle Studio Album wird in Deutschland in Kooperation mit Na Klar Records | Sony Music und in Südafrika in Kooperation mit Showtime Records erscheinen.
Für das Jahr 2014 ist eine umfangreiche Deutschland- und Südafrika-Tour mit Liveauftritten und hoher medialer Präsenz geplant.

Unterstützt von:
ZDF-Morgenmagazin, Tigerentenclub, RTL Explosiv, Pro7 (TAFF), Super RTL, BILD, NDZ Backstage, BRAVO, POPCORN, EXPRESS, Neue Presse Hannover und vielen weiteren TV- und Printmedien.

Michaela Boland sprach mit  David und Jonas Zauels, Oliver Giffels und Dominik Dahm für die Gesellschaft Freunde der Künste. - Sie sind eine deutsche Musikband, männlichen Geschlechts, zuckersüß, herrlich jung (18,18, 18 und 20 Jahre alt), sehen blendend aus, haben Köpfchen und Hunger - auf Erfolg.

Ihre Vorbilder sind die Beatles, musikalisch und PR-technisch, denn in Anlehnung an deren erste Auftritte in Deutschland 1960, haben sie es den früheren Pilzköpfen gleichgetan, doch den Spieß herumgedreht: Kurzerhand organisierten die Teens ihre erste eigene Tournee ganz allein einfach mal im United Kingdom. Obwohl sie noch niemand kannte, ließ der Erfolg  nicht lange auf sich warten:

Ein  Plattenvertrag mit keinem geringeren Label als der Universal flatterte ins Haus. Beflügelt von so viel Glück, wollen sie es jetzt auch hier wissen. Wie sie das anstellen, aus welchem Grund sie meinen, das Abitur im Frühjahr mit links nehmen zu können und ob sie glauben, genauso groß herauszukommen wie einst Tokio Hotel, verraten sie mir im Gespräch.

Wie man es auch ohne Castingshow vielleicht bis ganz nach oben schaffen könnte

One Direction feiert riesige Erfolge. Seit die englische Boygroup einen Auftritt bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele 2012 in London hatte,  kennt und liebt sie ein Millionenpublikum. Auch hier. Ob dies bedeutet, dass das Zeitalter der hysterischen Kreischattacken fanatischer Zahnspangengeschwader auch in Deutschland wieder Einzug halten wird, bleibt jedoch fraglich.

Denn nachdem der erfolgreiche deutsche Teenie-Musik-Export, Tokio Hotel, sich vorübergehend nach L.A. abgesetzt hat, und nur das Zwillingspaar Bill und Tom derzeit gelegentlich für ihren Jurorenjob neben Dieter Bohlen bei DSDS in der Heimat on air in Erscheinung tritt, ist es in unseren Gefilden  im Hinblick auf gelebte Teenie-Idol-Anbetung als Massenerscheinung insgesamt deutlich ruhiger geworden .

Offenbar vorbei die Zeiten kampierender Achtklässlerinnen vor längst ausverkauften Konzerthallen. Wir kannten New Kids on the Block, The Backstreetboys, TAKE THAT, Boyzone, N`Sync, Caught in the Act, World`s apart, Touche, US 5 und wie sie nicht alle hießen. Ein großer Erfolg, Massen pubertierender Mädchen, die abdrehten oder in Ohnmacht fielen, manchmal auch deren Mütter, ein riesiger Medienhype und vor allem eins: ein Millionengeschäft.

Die Mitglieder jener Bands sind älter geworden, ebenso ihre damaligen Fans. Jetzt scheint da eine Lücke in unserem Land. Vielleicht ja genau die, die ihnen zum Sprung nach ganz vorne verhelfen könnte? Wobei sie eins von vorneherein klarstellen: Eine klassische Boygroup wollen  sie nicht sein.

Phrasement, das sind David (18) und Jonas (20) Zauels (Gesang und Bass) , Oliver Giffels (18) und Dominik Dahm (18) (Gitarre und Drums). Ihre Single "Hello Sunshine" erhellt derzeit unzählige Herzen junger und junggebliebener Mädchen. Das selbstbewußte Musik-Quartett, das für Britpop und Indie-Rock steht, erfährt augenblicklich schon recht detailgetreu, wie sich das Leben von Popstars anfühlen kann: Seit Wochen sind die Freunde quasi pausenlos unterwegs.

TV-Auftritte, PR-Termine, Releases, Gigs und Charity-Events meistern sie neben den Vorbereitungen fürs Abitur offenbar mit links. Für den erhofften Erfolg sind sie bereit, viel zu investieren. Dass sie großen Spaß daran haben, merkt man den vieren in jedem Moment an.

Ich treffe die Jungs  beim Fotoshoot in Köln-Ehrenfeld. Gerade haben sie ihr erstes Album mit dem Titel "Cumberland Street No 9" herausgebracht. Entspannt stehen mir die Musiker abwechselnd inmitten zahlreicher Scheinwerfer und Fotokulissen heute Rede und Antwort.

Michaela Boland:   

Wie habt ihr zueinander gefunden?

David:                       

Jonas, unser Bassist, und ich,  wir sind Geschwister, also kennen uns schon ein wenig länger. Die anderen haben wir in der Schule und im Sportverein kennengelernt. Dann waren wir lange Zeit Freunde bis sich irgendwann herausstellte, dass jeder von uns ein Instrument spielte. Also haben wir uns getroffen und festgestellt, dass das Zusammenspiel recht schnell ziemlich gut harmonierte. Mittlerweile spielen wir so seit fünf Jahren zusammen.

Michaela Boland:   

Wie seid ihr auf den Namen Phrasement gekommen?

David:                                   

Der Name besteht erst seit ein oder zwei Jahren. Am Anfang hatten wir immer wieder unterschiedliche Namen, mit denen wir eigentlich nie zufrieden waren. Die Bandnamen, die wir ausgewählt hatten, gab es schon und das wollten wir auf gar keinen Fall mehr. Dann haben wir mit diesem Neologismus etwas Neues kreiert, was es so noch nicht gibt und einfach die Begriffe "Phrase" (Anm. d. Red.: altgriechisch: Redeweise, umgangssprachlich: Floskel; Slogan) und "Basement", Fundament, zusammengefügt und so entstand der Name.

Michaela Boland:   

Wie beschreibt ihr selbst eure Musikrichtung?

David:    

Das ist Indie-Rock. Es ist durchaus Britpop-mäßig. Es klingt ein wenig wie die Beatles früher, jedoch auf jeden Fall deutlich  moderner. Wir versuchen jeden Song, den wir herausbringen, zum Ohrwurm zu machen. Das war ja bei den Beatles auch der Fall. Es ist musikalisch nichts Überanspruchsvolles, allerdings versucht man immer durch die Instrumente, die man hat, einen harmonischen Sound hinzubekommen. Ich glaube, dass uns dies ganz gut gelingt.

Michaela Boland:   

Wer ist bei euch für das  Songschreiben verantwortlich?

David:                                   

Vor allem ich. Ich mache viel die Musik und bei den Texten arbeiten wir alle zusammen.

Michaela Boland:   

Wie gehst Du konkret beim Songschreiben vor? Setzt du dich hin und kannst loslegen oder wartest du bis du eine Inspiration hast und schreibst sie erst dann nieder?

David:                                   

Ich glaube, man setzt sich nicht hin, um Songs zu schreiben, man setzt sich einfach nur hin, weil man Spaß daran hat zu singen und Gitarre zu spielen. Dann probiert man eben einfach aus und wenn man dann gerade viel erlebt hat, dann kommt meistens etwas Besseres dabei herum. Aber es kann durchaus auch so sein, dass man sich manchmal eine Scheiße zusammenspielt. Das gibts auch. Es ist aber schon davon abhängig, was man erlebt hat und wie man inspiriert worden ist.

Michaela Boland:  

Hast du zuerst den Text oder die Melodie im Kopf?

David:                                   

Bei mir ist es so, dass ich erst die Melodie im Kopf habe, bzw. sie mir mit der Gitarre zusammenstelle. Und dann kommt der Text oft von allein. Ein wenig habe ich ihn vielleicht sogar schon im Kopf und es ist so, dass dann einfach die eine oder andere Phrase in den Kopf kommt, was auch noch mal unseren Bandnamen, bzw. die Entstehung unserer Songs beschreibt, und der Rest des Textes baut sich dann einfach wie von selbst irgendwie drum herum auf.

Michaela Boland:   

Die Beatles sind euer Vorbild. Ihr seid 18,18,18 und 20 Jahre alt. Was fasziniert euch  an einer Band, die derartig viele Jahrzehnte von euch entfernt liegt?

David:                                   

Das, was sie gemacht haben, ist einfach so authentisch. Sie hatten ja auch nicht gerade viele Mittel um ihren Sound  hochzupushen. Und trotzdem kamen sie immer einfach geil herüber. Das, was ich am meisten an ihnen bewundere, ist einfach das Songwriting. In der verhältnismäßig kurzen Zeit, in der sie in der Formation existiert haben, haben sie so viele Songs geschrieben. Das ist wirklich sensationell. Auch ihre Geschichte ist faszinierend. Sie entstammen ja eher armen Arbeiterfamilien und haben immer weiter versucht, ihren Traum durchzusetzen, und genau das versuchen wir ja auch. Da gibt es also schon Parallelen, insoweit ist an den Beatles durchaus viel, was mir gefällt.

Michaela Boland:   

Hast du einen Lieblingsbeatle?

David:                                   

Vom Songwriting her auf jeden Fall John Lennon. Aber so an sich kann ich das nicht sagen, denn ich mag Yoko Ono nicht.

Michaela Boland  

Eure Musik soll sich aus altem Equipment der Beatles und modernem Recording zusammensetzen. Was ist damit gemeint? Habt ihr da eine alte Hammond-Orgel ausgegraben?

David:                                   

Ja, eine Hammond-Orgel haben wir im Studio auf jeden Fall benutzt. Wir stehen nämlich sehr auf den Sound. Ich denke, es gibt auf unserem aktuellen Album kaum einen Song, bei dem keine Hammond zum Einsatz gekommen ist. Aber hier geht es doch eher um den Gitarrensound. Wir spielen mit Gitarrenverstärkern, mit denen die Beatles auch gespielt haben, um  den ähnlichen Sound hinzubekommen. Aber natürlich ein wenig fetter. Denn ansonsten  klingt das schon alt und das wollen wir selbstverständlich nicht. Wir wollen ja nicht klingen wie die Beatles. Wir wollen zwar Songs schreiben wie die Beatles, aber das Ganze schon ein bißchen moderner. Deshalb haben wir einen ähnlichen aber durchaus wesentlich moderneren Klang.

Michaela Boland:  

Wenn ihr  euch trotz eigener Identität dennoch recht stark an die Beatles anlehnt, glaubt ihr dann, mit eurer Musik im Zeitalter von Rihanna, Lady Gaga und Justin Biber tatsächlich kontinuierlich einen leichten  Zugang zu euren vornehmlich jungen Fans haben zu können? Setzen die sich heute denn überhaupt noch großartig mit der Musik der Beatles auseinander?

David:                                   

Das ist eine gute Frage. Aber, ich denke mal, dass dieser Retro-Style total angesagt ist. Ich würde zwar nicht sagen, dass dies extrem ausgeprägt ist, aber das kommt auf jeden Fall.

Michaela Boland:   

Ihr habt einen regen Austausch mit euren Fans auf eurer Facebookseite. Legt ihr großen Wert auf engen Kontakt zu eurem Publikum?

David:                                   

Ja, auf jeden Fall. Wir antworten den Fans auch immer gern, denn die ersten Fans, die müssen schon gut behandelt werden. (lacht) Das ist uns wichtig.

Michaela Boland:   

Mit welchen Anliegen treten die Fans denn so an euch heran?

Oliver:                                   

Ganz unterschiedlich. Mal wollen sie nur ein Foto machen, mal wollen sie etwas wissen oder auch einfach nur ihr Gefallen zum Ausdruck bringen oder schlicht ein Autogramm.

Michaela Boland:   

Wie alt ist euer Publikum?

Oliver:                                   

Von 13 bis 19.

Michaela Boland:   

Was lassen sie sich alles für euch einfallen?

Oliver:                                   

Neulich haben uns Fans Plätzchen gebacken,  Collagen angefertigt, Jutebeutel hergestellt mit der Aufschrift "We love  Phmt". Im Gegenzug haben wir aber auch schon mal auf spezielle Bitte einen Fan angerufen. Das Mädchen wollte verreisen und ihre Freundin bat uns dringend darum, uns bei ihr telefonisch zu verabschieden, weil sie sich sehr darüber freuen würde. Das haben wir auch gerne gemacht. 

Michaela Boland:   

Ist es ein Vorteil, wenn man schon Fan wird, solange sich eine neue Band noch in den Anfängen  befindet?

David:                                   

(lacht) Unbedingt.

Michaela Boland:   

Jetzt geht es gerade so richtig los bei euch. Ihr habt einen Plattenvertrag mit einem renommierten Label an Land gezogen, einen Vertrag mit Super RTL ergattert, verschiedene PR-Auftritte absolviert. Wie haben sich diese ersten Schritte in der Öffentlichkeit für euch angefühlt?

David:                                  

Das ist sehr cool. Wir haben ja schon lange davor Musik gemacht und immer darauf hingearbeitet, dass es irgendwann einmal so professionell werden kann. Damit ist ein großer Traum für uns in Erfüllung gegangen.

Michaela Boland:   

Was erhoffst du dir vom Star-Dasein, David?

David:                                   

Am liebsten würde ich einfach mein ganzes Leben lang das machen, was mir Spaß macht. Und das ist eben die Musik. Es ist total schwierig, das zu machen, aber wenn ich zu den Leuten gehören würde, die das machen können, dann wäre das eigentlich schon alles für mich.

Michaela Boland:   

Stellst du dir vor, dass du leicht mit Star-Ruhm umgehen könntest, gesetzt den Fall, dass ihr nun schnell zu bekannten Größen der Musikbranche avanciert?

David:                                   

Es gibt ja so viele Geschichten, dass man kaum so naiv sein kann und sagen würde, dass einen so etwas nicht irgendwann doch einmal belasten würde. In die Situation kann man sich auch nicht so leicht hineinversetzen, solange sie nicht tatsächlich vorliegt. Jedoch, wie auch immer, ich würde es gerne ausprobieren.

Michaela Boland:   

Auf eurer Seite war zu lesen, dass eure Musik für ein breites Publikum angelegt ist. Bedeutet das im Klartext, dass ihr Massenware anbieten wollt?

David:                                   

Angelegt kann man eigentlich so schon gar nicht sagen, zumal wir die Musik gerade so machen, wie es uns Spaß macht. Das heißt, wir haben nicht gesagt, wir machen jetzt die und die Musik, sondern die Musikrichtung hat sich bei uns entwickelt. Wir haben ja von Emo-Ballden bis zu Rockabilly Songs alles gemacht bis wir dann ein Mittelding zwischen dem, was uns allen gefällt, gefunden haben. Deshalb ist es auf gar keinen Fall Massenware, sondern wir machen das, was uns Spaß macht und wenn das bei allen gut ankommt, umso besser.

Michaela Boland:   

Leiten deine und Jonas` Eltern noch immer eine Musikschule?

David:                                   

Sie haben eine Musikschule gegründet und lange aufgebaut. Nach Jahren haben sie dann die Leitungsposition abgegeben, sind aber nach wie vor noch sehr aktiv in dem Bereich.

Michaela Boland:   

Wenn man so eine gute musikalische Grundlage nutzen kann, wieviele Instrumente spielt man dann eigentlich?

David:                                   

Ich habe sehr früh angefangen, Harfe zu spielen, übrigens auch recht erfolgreich. Das habe ich insgesamt 14 oder sogar 15 Jahre lang getan. Aber irgendwann kam dann jedoch die Gitarre hinzu, die die Harfe ein wenig in den Hintergrund geschoben hat. Wobei ich immer denke, dass ich das Harfe spielen irgendwann noch einmal fortsetzen werde. Jetzt aber konzentriere ich mich zunächst einmal auf das Singen und die Gitarre. Nichts desto trotz ist man schon mit Musik aufgewachsen. Den ganzen Tag lief Musik im Haus, die nicht nur aus Boxen kam, sondern eben live gespielt wurde. Und das ist schon gut gewesen.

Michaela Boland:   

Welche Instrumente spielt dein Bruder Jonas außer dem Bass?

David:                                   

Klavier und Flöte. Der hat auch viel gemacht. Allerdings hat es bei ihm auch etwas gedauert bis er sein richtiges Instrument gefunden hatte.

Michaela Boland:   

Für wie wichtig hälst du es, als Musikstar eine fundierte musikalische Ausbildung aufweisen zu können?

David:                                   

Man muss da unterscheiden. Es gibt ja Leute, die nur singen und kein Instrument spielen können. Das halte ich aber nicht für schlimm, wenn man es zumindest richtig gut macht. Ich selbst kann es mir für mich nicht vorstellen, denn ohne die Basis wüsste ich nicht, wie ich meine Songs schreiben sollte. Das von jemand anderem machen zu lassen, würde mir weder gefallen, noch würde ich es annehmen. Es ist insoweit auf jeden Fall ein großer Vorteil, musikalisch aufzuwachsen.

Michaela Boland:   

Wenn es uns im TV derzeit an etwas nicht mangelt, dann sind es wohl Musik-Castingshows. Wer dort mitmischt, hat zumindest die Möglichkeit, auf die schnelle Tour zu einer Art Take-away-Ruhm zu kommen. Habt ihr jemals darüber nachgedacht, euch bei einer solchen Show zu bewerben oder habt ihr diese Variante von vorneherein abgelehnt?

David:                                   

Wir kommen ja  aus der kleinen Provinz, Bad Neuenahr- Ahrweiler, wo wir lange gespielt haben und wurden später zufällig bei einem Auftritt in dem Kölner Club Underground sogleich entdeckt. Seither geht es ja steil bergauf und das ist der Grund, warum wir gar nicht daran gedacht haben, an einer Castingshow teilzunehmen. Es geht offensichtlich auch ohne. Wer weiß, vielleicht macht man das ja irgendwann schon mal, wenn es mal nicht mehr so gut läuft. Aber im Moment kommt das nicht in Frage.

Michaela Boland:   

Es wäre also eine Option gewesen, wäre euer Weg nicht so verlaufen, wie er augenblicklich verläuft?

David:                                   

Ich habe da, ehrlich gesagt, immer ein bißchen Angst vor. Denn man ist ebenso schnell wie man gekommen ist auch schon wieder weg. Es liefert zwar Bildschirmpräsenz, aber wichtig ist ja auch immer, welches Image man verpaßt bekommt und genau diesen Punkt haben wir nun selbst in der Hand und das ist natürlich das Beste, was es gibt, wie ich finde.

Michaela Boland:   

Wie habt ihr es in so jungen Jahren geschafft, einen Plattenvertrag mit der Universal zu bekommen?

David:                                   

Unser Management -und Presse -Team hat uns durch  Kontakte zu Medien zunächst sehr gepusht. Dann  wurde man durch  einen Promiflash-Artikel auf uns aufmerksam. Es kam zu einem Deal mit Super RTL. Die wollten Werbung für uns machen und dafür sollten wir ein paar Shows für sie spielen. Das war schon cool. RTL arbeitet mit der Universal zusammen. Bevor sie sich allerdings dazu bereit erklärt haben, etwas mit uns zu machen, mußte geklärt werden, ob die Universal mit uns arbeiten würde. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte RTL es auch nicht gemacht. Also haben wir uns mit der Universal zusammengesetzt, mußten aber zunächst noch regelrechte Überzeugungsarbeit leisten.

Michaela Boland:     

Wie sah die aus?

David:                                   

Wir haben viel von unserer England-Tour erzählt und auch Videos gezeigt, um zu demonstrieren, wie wir uns live ausdrücken und live überzeugen können.

Michaela Boland:   

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, auf eigene Faust eine Tour in England auf die Beine zu stellen, ohne   dass euch irgendwer kannte?

David:                                   

Das war ja noch vor der Zeit unseres Plattenvertrages. Nachdem die Beatles ja aus England  kamen und ihrerseits nach Deutschland gekommen sind als sie so alt waren wie wir, sind wir einfach so, wie sie damals nach Deutschland gefahren sind,  nach England gefahren. Das war wirklich cool.

Michaela Boland:   

Euch kannte zu diesem Zeitpunkt noch niemand, wie seid ihr da bei der Organisation vorgegangen?

David:                                   

Wir haben das nach ein paar Schritten gemacht. Ehrlich gesagt, war das eine Idee, wo wir alle ein bißchen betrunken waren (lacht), aber egal. Und dann haben wir erst mal so eine Route zusammengestellt, bei der wir jeden gewünschten Punkt in England abdeckten. Dann hat jeder eine Stadt bekommen, um die er sich kümmern mußte. Das heißt, er mußte sich um Unterkunft kümmern und um Auftritte. Ja, und dann haben wir das irgendwie so hinbekommen, also die Clubs einfach immer angeschrieben und angerufen.

Michaela Boland:   

Klingt mutig.

David:                                   

Ja, vor allem, weil wir ja nichts hatten und deshalb haben wir auch erst mal mit keinen Antworten gerechnet. Da haben wir eben gedacht, dass wir im Notfall dann einfach nur Urlaub dort machen würden, zumal wir die Hotels ja bereits gebucht hatten.

Michaela Boland.   

Und das aus eigener Tasche?

David:                                  

Ja, natürlich. Aber dann kamen nach und nach immer mehr Auftritte. Und in England vor Ort haben wir uns hin und wieder sogar noch spontan Auftritte verschaffen können. Dann sind wir eben einfach in den Club hineingegangen und haben gefragt, ob wir auftreten können.

Michaela Boland:   

Gab es denn wenigstens einen kleinen Obolus dafür?

David:                                   

Ja, doch. Auf jeden Fall.

Michaela Boland:   

Wie kamt ihr beim englischen Publikum an?

David:                                   

Es war unterschiedlich, aber 90 Prozent gut.

Michaela Boland:  

Hat es dort auch schon Autogrammwünsche gegeben?

David:                                   

Ja, in Liverpool zum Beispiel, wo die Beatles ja herkommen, haben wir in einem Club gespielt, in dem sie damals auch schon häufig gespielt hatten und das haben wir spontan bekommen und das war richtig gut. Dort waren nämlich zum Teil Leute, die schon die Beatles live gesehen hatten.

Michaela Boland:   

Also älteres Publikum?

David:                                   

Älter, jünger. Eigentlich war alles dabei. Ein paar Touristen und Einheimische. Und dann haben wir da eben gespielt und das war mit Abstand der beste Auftritt in England.

Michaela Boland:   

Wie lang dauerte die Tour insgesamt?

David:                                   

Zwei Wochen.

Michaela Boland:   

Wird es eine Wiederholung geben?

David:                                   

Auf jeden Fall.

Michaela Boland:   

Was macht ihr alle im sogenannten normalen Leben, wenn ihr nicht in Sachen Phrasement unterwegs seid?

David:                                   

Wir gehen noch zur Schule, sind in der Dreizehn und machen jetzt Abitur.

Michaela Boland:   

Was hast du für Leistungskurse?

David:                                   

Deutsch, Erdkunde und Englisch.

Michaela Boland:   

Und du, Oliver?

Oliver:                                   

Mathe, Englisch und Geschichte.

Michaela Boland:   

Wann beginnen eure Prüfungen?

David:                                   

Im Februar.

Michaela Boland:   

Was nimmst du derzeit in Deutsch durch?

David:                                   

Wir machen Gedichtanalysen.

Michaela Boland:   

Wie klappt es neben der Musikkarriere denn zeitlich mit der Vorbereitung fürs Abi?

David:                                   

Man muß dann halt die Sachen schon mit auf Tour nehmen und unterwegs lernen. Manche Lehrer fragen dann auch schon zum Teil: "Ach, du bist auch mal wieder hier?“. Das ist dann schon ein bißchen komisch. Aber das klappt schon alles. Das ist ja jetzt nicht mehr viel und wenn die Klausuren sind, dann machen wir mal wieder ein bißchen ruhiger und dann gehts richtig los.

Oliver:                                   

Ist auch nicht so schlimm, weil wir nur noch drei Klausuren vor uns haben. Wenn man es jetzt noch nicht kann, naja dann. Also, die Schule, die ist halt irgendwie da. Für die Musik aber muß man  arbeiten und das macht auch Spaß.

Michaela Boland:   

Bist du ein guter Schüler, David?

David:                                   

Es geht so.

Michaela Boland:   

Stehen eure Familien voll hinter euch oder machen sie sich augenblicklich Sorgen darüber, ob das mit dem Abi unter den jetzigen Umständen gut geht?

David:                                   

Sie stehen absolut hinter uns und haben sogar gesagt, dass, wenn das jetzt ganz durch die Decke gehen sollte, dann könnten wir das Abi auch verschieben.

Michaela Boland:   

Wieviel Zeit geht denn augenblicklich für Phrasement drauf?

David:                                   

Eigentlich rund um die Uhr. Denn wir proben sehr viel und am Wochenende sind wir ja ohnehin immer unterwegs. Selbst wenn wir mal einen Tag frei haben, ist es ganz selten der Fall, dass wir nicht aufeinander hängen.

Michaela Boland:   

Versteht ihr euch immer gut oder knallt’s auch schon mal zwischen euch?

David.                                   

Natürlich hat man auch schon mal einen Konflikt miteinander. Vor allem, wenn man mal so richtig lange zusammen ist. Im Sommer hingen wir acht Wochen aufeinander, aber wirklich rund um die Uhr und waren keinen einzigen Tag zu Hause. Da hatten wir natürlich schon mal einen Konflikt, aber der ist immer friedlich gelöst worden. Wenn man mit einem Stress hat, kann man auch immer noch zu einem anderen gehen. Vor allem kann ich immer zu Jonas, meinem Bruder, gehen.

Michaela Boland:   

Wenn man kontinuierlich im Show-Einsatz ist, bekommt man dann eigentlich noch ausreichend vom politischen Weltgeschehen mit? Was sagst du beispielsweise zur Problematik im Gaza-Streifen?

David:                                   

Ja, man bekommt das schon mit, aber nicht mehr oder weniger als vorher. Es ist natürlich so, dass man in die Zeitung  blickt. Schön ist das nicht, dass es Teile auf der Welt gibt, wo es kriegerische Auseinandersetzungen gibt. Ich halte das für zurückgeblieben.

Michaela Boland:   

Interessierst du dich für Politik?

David:                                   

Kommt immer drauf an für was. Für manche Sachen durchaus, aber manches finde ich auch trocken und langweilig.

Michaela Boland:   

Wäre politisches Engagement etwas für dich, wenn du ausreichend Zeit hierfür hättest?

David:                                   

Meine Eltern haben immer  gesagt, ich solle Politiker werden, weil ich so gut reden kann. Ich weiß es nicht. Aber das muß nicht unbedingt sein. Musik ist mir gerade viel wichtiger.

Michaela Boland:   

Was liest du, wenn du Zeit dazu hast und was hast du zuletzt gelesen?

David:                                   

An Büchern? Bücher lese ich nicht viel.

Michaela Boland:   

Mit Deutsch als LK?

David:                                   

Klar, die Bücher, die ich da lesen muß, die lese ich dann, aber sonst lese ich nicht so viel.

Michaela Boland.   

Kommst du nicht dazu oder magst du es grundsätzlich eher weniger?

David:                                   

Normal lesen die meisten Leute ja im Auto, wenn man sonst nichts zu tun hat. Doch im Auto kann ich nicht lesen, weil mir sonst schlecht wird. Außer vielleicht so eine Klatsch-Zeitschrift. Aber wenn mir ein gutes Buch über den Weg läuft, dann lese ich das auch. Doch nicht so oft. Die Überwindung, ein Buch anzufangen, ist sehr hoch. Aber, wenn man dann einmal drin steckt, dann ist es schon ganz cool.

Michaela Boland:   

Was hälst du von solchen Bands wie beispielsweise Tokio Hotel? Sind das Vorbilder, bloße Kollegen oder lehnst du diese Art der Musik und des Images ab?

David:                                   

Auf gar keinen Fall. Ich habe das früher, ehrlich gesagt, schon immer sehr cool gefunden. Es gab ja immer viele, die das Scheiße fanden. Die hatten ja mehr Hater als alles andere, aber trotzdem noch die treuen Fans, was eigentlich ganz gut war. Ich habe immer bewundert, wie man in so kurzer Zeit so viel erreichen kann. Die Musik war o.k, sie hat mich nicht umgehauen, aber ich habe sie auch manchmal gehört, fand sie also nicht schlimm. Ich denke, dass es vor allem die Person Bill Kaulitz gewesen ist, die der Band einen solchen Antrieb gab. Bill Kaulitz ist natürlich schon etwas Besonderes.

Michaela Boland:   

Inwiefern?

David:                                   

Seine Erscheinung. Am Anfang, als ich die Band zum ersten Mal gesehen habe, da dachte ich, "boah, die sieht ja gut aus". Wenn man schon darüber nachdenken muß, ob es eine Frau oder ein Mann ist, dann ist das schon ein Hingucker. Ich kann also schon verstehen, dass die gut durch die Decke gegangen sind, vor allem auch im Ausland. Von der Sache mit DSDS weiß ich jetzt nicht, was ich davon halten soll. Die hätten auch weiter Musik machen können.

Michaela Boland:   

Wie hoch schätzt du eure Chancen ein, einen solchen Erfolg wie Tokio Hotel zu erreichen?

David:                                   

Das ist auf jeden Fall ein Traum. Aber die Chancen sind schon eher gering.

Michaela Boland:   

Ihr habt augenblicklich doch einen recht guten Lauf.

David:                                   

Das auf jeden Fall. Eigentlich ist Tokio Hotel aber auch gar kein Maßstab.

Michaela Boland:   

Bietet es nicht auch Chancen für andere, wenn eine erfolgreiche Jungs-Band gerade als Band nicht sehr Bühnen-präsent ist?

David:                                   

Sicherlich, aber momentan gibt es ja auch andere Künstler, die präsent sind. So zum Beispiel Cro, der innerhalb kürzester Zeit total durch die Decke gegangen ist. Augenblicklich reden ja auch viele von ihm. Es ist somit ja nicht so als hätten wir keine Konkurrenz.

Michaela Boland.   

Cro als einzelner Künstler ist nun keine klassische Boyband.

David:                                   

Richtig, aber ich weiß nicht, wie die Leute das handhaben, ob die jetzt nur Bands hören oder nur Rapper hören. Es ist jetzt keine direkte musikalische Konkurrenz, aber es ist schon ein Künstler, der halt da steht und die anderen schon auch ein bißchen im Schatten stehen läßt.

Michaela Boland:   

Ihr seid vier Jungs. Versteht ihr euch als Boygroup?

David.                                   

Eigentlich verstehen wir uns viel mehr als Rockband (lacht). Es ist immer so schwer, das zu definieren. Wenn man sagt, die Beatles waren eine Boyband, dann sind wir auch eine Boyband. Aber, wenn man sagt, eine Boyband ist das, was One Direction ist, dann sind wir keine Boyband.

Michaela Boland:   

Erläutere bitte den Unterschied. 

David:                                   

Unter einer Boyband verstehe ich Take That oder One Direction. Das sind immer so vier fünf Jungs, die dann da herumtanzen und herumsingen.

Michaela Boland:   

Auf einem eurer Videos sieht man euch ebenfalls im Wasser herumtanzen während ihr singt.

David:                                   

Ja (lacht). Bei uns ist das aber so, dass jeder ein Instrument in der Hand oder vor sich hat und wir schreiben die Songs selbst, was bei Boybands ja nicht der Fall ist. Vor allem singt in einer Boygroup ja eigentlich jeder mal und bei uns bin ich der Hauptsänger. Die anderen singen zwar auch mit, aber es gibt keine fünf Leadsänger. Es ist, wie ich schon sagte, immer recht schwierig mit der Definition.

Jonas:                                  

Der  Mensch verbindet normalerweise damit eine gecastete Band, die weder live spielt noch Instrumente spielt, sondern Playback singt. Wir machen handgemachte Musik, kennen uns schon ewig und sind nicht gecastet.

Michaela Boland:  

Das gute Aussehen und gewisse Styling spielt bei euch auch eine Rolle?

Jonas:                                  

Klar, ich sage immer: "Das Auge hört mit."

Oliver:                                   

Das Musikbusiness ist genau wie alle anderen Businesses.

Jonas:                                  

Alles oberflächlich.

Oliver:                                   

Man will ja auch irgendwie noch gut aussehen. Man macht Musik zwar in erster Linie für die Musik, aber es war ja auch schon früher mit einem bestimmten Lebensgefühl verbunden. Da gehört auch Mode einfach dazu, das kauft uns ja sonst keiner ab.

Michaela Boland:   

Wenn ein Bandkollege nun nicht dem optimalen Bild vom schönen jungen Musik-Star entsprochen, sondern eher einem Quasimodo geähnelt hätte, wäre das um des Erfolgs Willen ein Grund für euch gewesen, jemand Passenderen miteinzubeziehen?

Jonas:                                  

Wir machen ja jetzt schon ewig zusammen Musik , sind auch länger befreundet als wir Musik  machen. Als dann die ersten Verträge kamen, die man so unterschreiben muß, da haben wir uns gesagt, entweder wir machen das in dieser Konstellation zu viert zusammen oder gar nicht. Das hatte weder mit Styling, Aussehen oder irgendwelchen musikalischen Kenntnissen zu tun, sondern einzig damit, dass wir  zu viert klar kommen und das zusammen machen wollen.

Oliver:                                   

Es ist ja auch gut, dass jeder von uns seinen eigenen Charakter hat. Ich halte das für sehr wichtig.

Michaela Boland:   

Dominik, beschreibe du doch bitte mal eure unterschiedlichen Charaktere.

Dominik:                  

Ich finde, wir ergänzen uns alle sehr gut. Jonas ist so der Band-Papa, das Glied, das alles zusammenhält. Er ist der Reifste, was ja nicht nur etwas mit dem Alter zu tun hat. David ist als Frontmann  mehr  unsere Rampensau. Das braucht man natürlich auch innerhalb einer Band.

Jonas:                                  

Und die Diva.

Dominik:                  

Ja, genau, die Diva (lacht).

Michaela Boland:   

Welche Rollen habt ihr, Oliver und du?

Oliver:                                   

Wir sind da.

David:                                   

Die spielen keine Rolle in der Band. Die sind wie Gustav und Georg bei Tokio Hotel (lacht).

Michaela Boland:   

Womöglich ja eines Tages auch  mal in der DSDS-Jury?

David:                                   

Aber dann vielleicht wir alle vier, weil wir Bohlen rausgekickt haben (lacht).

Jonas:                                  

Dominik ist auf alle Fälle der Stille.

Dominik:                  

Stimmt, ich sage sonst eigentlich nie etwas.

Michaela Boland:   

Eure Lieder sind alle in englischer Sprache gesungen. Soll das auch so bleiben?

David:                                  

Man hat es sich natürlich schon mal überlegt, es auch auf Deutsch zu machen, aber eigentlich kam bei uns immer nur Englisch in Frage.

Michaela Boland:   

Aus welchem Grund?

David:                                   

Es ist ja eine internationale Sprache und da hat man die Türen vielleicht auch in anderen Ländern eher offen stehen als nur mit Deutsch. Man kann ja nicht erwarten, dass man nur mit deutscher Musik, so wie Tokio Hotel, in fast jedem Land ankommt. Allein das war ja schon phänomenal.

Michaela Boland.   

Die Titel einiger eurer bisherigen Songs wie beispielsweise "Hello sunshine", "Skinny Jeans", "Disco" oder "British girl" muten auf den ersten Blick wie verhältnismäßig leichte Kost an. Ist das so gewollt?

David:

Es kommt immer drauf an. "Hello Sunshine" klingt natürlich irgendwie wie ein Sommersong, aber da geht es um Abschied und es ist kein Happy-Happy-Song. Das ist schon tiefgründiger. Disco ist demgegenüber schon etwas leichter gehalten. "The Chance to win is low", der Titel sagt es ja schon aus, dass es schwer ist, etwas zu erreichen. Das ist genau das, was wir auch erlebt haben. Es geht also schon ein bißchen tiefe

Michaela  Boland:  

Gibt es auch schon thematische Ideen für weitere Titel?

David:                                   

Wir haben auf jeden Fall auch schon daran gedacht, mal etwas Sozialkritischeres zu machen. Wie das genau aussieht, muss man dann sehen. Eigentlich schreiben wir immer darüber, was wir erleben. Das hat auch oft etwas mit Frauen zu tun, mit Beziehungen oder mit Freunden. Auch, wenn  man mal eine ganze Nacht unterwegs war, was man da so alles erlebt hat oder aber wir schreiben über Enttäuschungen.

Michaela Boland:   

Seid ihr gerade alle in Beziehungen?

David:                                   

Ich glaube nicht. Jeder hat schon irgendwie mal so, aber nichts Festes.

Michaela Boland.   

Titel eurers ersten Albums ist "Cumberland Street No 9". Was hat es damit auf sich?

David:                                   

Wir waren in England ja in  verschiedenen Städten und eine solche Straße gab es einfach in jeder Stadt, in der wir waren. Es war wie ein running Gag. Da haben wir uns dazu entschieden, das als Namen zu nehmen. Und No 9 ist ein Bezug auf die Beatles, denn sie haben einen Song, der heißt "Revolution  9". Den haben wir eigentlich die ganze Tour über immer wieder rauf und runter gehört. Der ist so ein bißchen krank. Und dann haben wir das Album einfach danach benannt. Und es klingt einfach ultracool.

Michaela Boland:   

Seht ihr auch Gefahren innerhalb des Show-Bizz, in den hier hineindrängt?

David.                                   

Auf jeden Fall. Man muss immer gucken, wem man wirklich vertrauen kann und wem nicht. Man darf keinesfalls leichtsinnig  an die Sache herangehen. Ich glaube, es gibt schon viele, die einem nicht unbedingt das Beste wollen und wünschen. Wir haben zwar jetzt noch nichts wirklich Negatives erlebt, aber man wird schon immer wieder gewarnt. Die Verträge, die wir unterschrieben haben, die haben wir lange geprüft, bevor wie sie unterschrieben haben.

Michaela Boland:   

Was war das interessanteste Erlebnis, das ihr in jüngster Zeit hattet?

Oliver:                                   

Eindeutig unser Tourauftakt. Wir sind in Liverpool angekommen und sind in den Cavern Club gegangen. Der Club war um zwölf Uhr nachts total voll und wir haben da eigentlich relativ spontan spielen können und haben anschließend noch bis drei Uhr mit den Leuten gefeiert. Schon beim Auftritt gab es eine so unbeschreibliche Atmosphäre. Diese Nacht war einfach unvergesslich.

Michaela Boland:  

Was glaubt ihr eigentlich, selbst tun zu können, um es in der Musikbranche wirklich zu schaffen?

Oliver:                                   

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass es grundlegend ist, dass man irgendetwas hat, was einen besonders macht. Entweder einen Supersong, super gutes Aussehen oder einfach nur eine Aura. Auch Disziplin ist wichtig, ebenso wie Spaß an der Sache. Wenn man keinen Spaß an der Sache hat, dann macht es auch keinen Sinn. Wir haben beispielsweise bei Auftritten Spaß, im Studio Spaß, eigentlich an allem, was wir machen.

Michaela Boland:   

Was bist du bereit, für die Karriere zu geben?

Oliver:                                   

Musik ist schon das Leben. Man opfert auch einiges. Das sehen wir alle so. Mit Freunden, mit denen wir früher viel herumgehangen haben, können wir kaum noch Zeit verbringen. Das kommt mittlerweile sehr kurz. Doch das ist es uns wert. Wir sind eben zu viert und kommen so gut miteinander aus, auch mit dem Management klappt es super.

Jonas:                                  

Dieses Opfer muß man schon bringen. Man hat nicht mehr ebenso viel Zeit, wie man vorher hatte. Und die Leute in der Heimat bekommen das natürlich zu spüren.           

Michaela Boland:   

Interessiert sich jemand  von euch für bildende Kunst?

Jonas:                                  

Ja.

David:                                   

In England waren wir zum Beispiel in einem Kunstmuseum.

Jonas:                                  

In Glasgow.

David:                                   

Da haben wir uns auch an einen Tisch gesetzt, an dem man  selbst malen durfte.

Oliver:                                   

Das war zwar eigentlich für die Sechs- bis Zwölfjährigen, aber wir sind nicht aufgefallen (lacht).

David:                                   

Auf jeden Fall haben wir da auch gemalt. Ich habe mein Bild sogar hinterher einer Kunststudentin gezeigt und die fand es gut.

Oliver:                                   

Eigentlich fand sie meins besser.

David:                                   

Nein, sie fand meins besser.

Jonas:                                  

Das war abstrakte Kunst muß man dazu sagen.

David:                                   

Sie fand wirklich meins besser, Leute.

Michaela Boland:   

Gäbe es für euch eigentlich eine berufliche Perspektive, falls es mit der Musikkarriere nicht in gewünschter Weise liefe?

Oliver, David.                    

Rennfahrer, Astronaut.

David:                                   

Es gibt bestimmt Sachen, über die man schon mal nachgedacht hat. Doch eigentlich will man darüber gar nicht nachdenken. Wir werden auf jeden Fall alles probieren.

Oliver:                                   

Es gibt ja kein Rezept, aber, wir versuchen es zu finden (lacht).

Michaela Boland:   

Ihr wart vor Kurzem im ZDF-Morgenmagazin mit Cherno Jobatey und Dunja Hayali zu sehen. Macht sich so ein TV-Auftritt sogleich spürbar bemerkbar?

David:                                   

Auf jeden Fall. Man sieht es beispielsweise sofort bei den Facebook-Likes.

Oliver:                                   

Auch Freunde und Bekannte sprechen einen sehr schnell darauf an.

Michaela Boland:   

Was steht als nächstes an?

David:                                   

Jetzt steht zuerst mal ein Benefitzkonzert in Essen an. Für so etwas setzen wir uns nämlich auch gerne ein.

Michaela Boland:   

Für eure Zukunft in jeder Hinsicht die allerbesten Wünsche und vielen Dank für dieses Interview.

Infos unter:

 

www.phrasement.de


www.facebook.com/phrasement

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

 

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

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das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

 

 

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25.01.2014 Dieter Falk: "Musik muss anstecken."

GFDK - Michaela Boland

Erster Teil des Exklusiv Interviews von Michaela Boland mit Dieter Falk  für die Freunde der Künste - Als Produzent von PUR feierte er Millionenerfolge. Auch wenn er sich eher als Mann im Hintergrund versteht, verhalf er Künstlern wie Monrose, Jennifer Rush, Howard Carpendale, Gitte Haenning, DJ Ötzi, Pe Werner, Paul Young, Karel Gott, Katja Ebstein oder Marshall & Alexander mit Hits zum Triumph.

Seit der Pro 7- Casting-Produktion "Popstars" im Jahre 2006 ist er auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt, denn dort fungierte er neben Nina Hagen und  Detlef D! Soost als Jury-Mitglied. Der Absolvent der Musikhochschule Köln, der im Rahmen des Projekts "Falk & Sons" mit seinen beiden Söhnen, Max und Paul, nach dem Debüt-Album "Celebrate Bach" nun mit "Toccata" schon die zweite Familien-Scheibe herausgebracht hat, hat seit diesem Wintersemester sogar eine Professur an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf inne.

Dort will er dazu beitragen, die Nordrhein-Westfälische Regierungsmetropole als Medienstadt auch musikalisch weiter voran zu bringen. In seinem schönen Familienanwesen im Düsseldorfer Süden treffe ich den sympathischen Passions-Musiker, der im Gegensatz zu vielen anderen Showgrößen, die dies als "unsexy" empfinden, keinen Hehl aus seinem christlichen Glauben macht.

MICHAELA BOLAND TRIFFT DIETER FALK

Michaela Boland: Seit wann lebst du mit deiner Familie hier?

Dieter Falk: Wir waren lange im Schwabenland. Hierher sind wir wieder zurückgekehrt, weil meine Frau Düsseldorferin ist.

Michaela Boland: Dann warst du ein Wahl-Schwabe?

Dieter Falk: Ja, allerdings wirklich nur "nei g`schmeckt", denn ich komme ursprünglich aus dem Siegerland. Ins Schwabenland bin ich eigentlich schon während des Studiums gekommen. Ich habe ja in Köln Musik studiert, dann ging es nach Schwaben, doch wir sind wieder hier aufgeschlagen, bevor unsere Söhne Gefahr liefen, irgendwelche schwäbischen Slangs aufzugreifen.

Michaela  Boland: Im Schwabenland kann man es sich doch durchaus gut gehen lassen.

Dieter Falk: Ach, das war auch schön. Das Schwabenland ist viel besser als sein Ruf. Wir haben ja wirklich lange dort gelebt. Insgesamt über 20 Jahre. Als wir gerade frisch verheiratet waren, zogen wir hin. Das war 1985. Dann sind wir bis 2006 dort geblieben. Dieses Haus hier in Düsseldorf hatte ich schon für meine Schwiegereltern gekauft und dann sind wir hier hinein gezogen und haben ein bisschen um- und angebaut. Anfänglich hatte ich mein Studio ja in Köln, im belgischen Viertel.

Michaela Boland: Von Köln nach Düsseldorf gesiedelt, also ein Verräter?

Dieter Falk: Das mit Köln und Düsseldorf ist alles Schnack. Als unsere Kinder allerdings ein bisschen größer wurden, bin ich aus dem Kölner Studio raus gegangen und wollte mein Studio hier im Haus einrichten, damit die Kinder ein wenig von dem mitbekommen, was ich mache und umgekehrt. Mitten in Düsseldorf habe ich noch ein etwas größeres Studio mit einem Partner zusammen, doch meistens arbeite ich hier. Hier komponiere ich, hier nehme ich auf, ich habe hier auch Aufnahmekabinen. Das ist ganz o.k., man kann hier ganz entspannt arbeiten. Man läuft von hier aus auch nur fünf Minuten bis zum Rhein.

Michaela Boland: Gehst du dort  joggen?

Dieter Falk: Ja.

Michaela Boland: Täglich?

Dieter Falk: Nein, alle zwei Tage.

Michaela Boland: Weihnachten steht unmittelbar vor der Tür. Hast du schon alles beisammen?

Dieter Falk: Nein, noch gar nichts. Das liegt aber daran, dass meine Mutter vor zwei Wochen verstorben ist.

Michaela Boland: Herzliches Beileid.

Dieter Falk: Dankeschön. Dadurch ist natürlich der ganze Ablauf ins Stocken geraten. Normalerweise machen wir nämlich in jedem Jahr Weihnachtskärtchen mit Familienfotos und verschicken diese dann. Also, so richtig klassisch, wie die Amis. Jetzt sind wir allerdings zu gar nichts gekommen. Ich musste den Haushalt auflösen und damit ist viel Arbeit verbunden.

Michaela Boland: Kam es überraschend oder war es absehbar?

Dieter Falk: Es war absehbar. Sie war auch recht betagt. Außerdem spielen meine Kinder und ich gerade an jedem Wochenende Konzerte. Morgen geht es zur Kanzlerin nach Berlin. Wir spielen auf deren Weihnachtsfeier. Wir sind also zur Zeit nur auf Jück und deswegen haben wir noch nichts gekauft. Ich muss außerdem im Moment auch noch den Haushalt machen, da meine Frau nach einem Eingriff am Auge etwas lädiert ist und sich nicht groß bewegen darf. Das heißt, ich bin jetzt auch noch Hausmann und das alles kurz vor Weihnachten. Mit anderen Worten: Ich bzw. wir haben noch gar nichts. Wir werden das noch endspurtmäßig machen. Aber, die Kinder sind alt genug.

Michaela Boland Wie alt sind Eure Söhne?

Dieter Falk: 17 und 19 Jahre alt. Max, unser Schlagzeuger und unser Großer, studiert Medizin. Und der Kleine, Paul, hat noch zwei Jahre bis zum Abi.

Michaela Boland: Studiert Max in Düsseldorf oder Köln?

Dieter Falk: Er studiert hier in Düsseldorf. Die Jungs wissen auch schon, was sie bekommen. Das hat alles etwas mit Musik zu tun. Deswegen gibt es eigentlich keine große Überraschung mehr.

Michaela Boland: Wie wird bei euch üblicherweise Weihnachten gefeiert?

Dieter Falk: Heilig Abend sind wir es erst mal nur zu viert. Am ersten Weihnachtsfeiertag gibt es dann Gans. Ich hatte in der letzten Woche noch eine Fernsehshow zusammen mit TV-Koch Nelson Müller und er kochte gerade Gans mit einer Sauce, die war ein derartiger Knaller, da habe ich mir gleich noch ein paar Tipps geholt.

Ich koche nämlich ganz gerne und so wird es das eben am ersten Feiertag geben. Da haben wir dann auch ein wenig Familie da und am zweiten Weihnachtsfeiertag haben wir dann die große Family bei uns. Und dann verschwinden wir vielleicht, aber das wissen wir noch nicht genau. Weihnachten läuft bei uns jedenfalls immer ganz traditionell mit Weihnachtsbaum und dem Weihnachtsoratorium von Bach im Hintergrund.

Michaela Boland: Wenn man deinen musikalischen Werdegang betrachtet, stellt man schnell fest, dass dieser recht kirchlich orientiert ist. Welche Rolle spielen Kirche und Glaube heute noch für dich?

Dieter Falk: Der ist sogar ziemlich kirchlich orientiert, was daran liegt, dass ich musikalisch in der Kirche sozialisiert wurde.

Michaela Boland: Inwiefern?

Dieter Falk: In der Kirche, aus der ich komme, haben mein Bruder und ich einen Gospelchor mit 50 Teenagern gegründet und "Oh happy day" geschmettert. Parallel dazu haben wir im gemischten Kirchenchor meiner Mutter gesungen, die Chorleiterin war. Da gab es eben das Weihnachtsoratorium, die Matthäus-Passion und was es sonst noch so alles gibt. Insofern haben Musik und Kirche bei mir schon immer so eine Art Parallel-Gang genommen.

Ich habe dann selbst an der Orgel auch Kirchenmusik gespielt. Und dann kam ich als Produzent so ein bisschen in die Gospelszene hinein. Ich glaube, ich habe über hundert Gospelplatten gemacht. Von Gospel wie man ihn so kennt bis hin zu Rockbands mit christlichen Texten. Für Edwin Hawkins, den Oh-happy-day-Komponisten, habe ich Klavier gespielt oder auch für Amy Grant, die ja ebenfalls ein Star in der Gospelszene ist.

Michaela Boland: Die erfolgreiche Amy Grant wird als Contemporary Christian-Musikerin beschrieben. Kannst du erläutern, was darunter konkret zu verstehen ist?

Dieter Falk: Contemporary Christian Music ist in Amerika ein riesiger Markt. Amy Grant hat da Millionen von Platten verkauft. Oder Petra, das war eine Heavy -Band. In Amerika gibt es eine riesige Szene mit Musik, so wie du sie im Radio hörst, aber die Texte sind eben christlich oder kirchlich. Genauso bin ich eigentlich groß geworden.

Da habe ich auch einen Haufen Musiker kennengelernt, die ebenfalls Christen waren und sich auch nicht davor  gescheut haben, das zu sagen. In Deutschland ist das immer so eine Parallelgesellschaft.

Es gibt eine Menge Leute in der Medienbranche, die ursprünglich auch mal im CVJM groß geworden sind oder in der Kirche, aber lieber ihre Schnauze halten, weil sie es als sehr unsexy empfinden zu sagen, dass sie gläubig sind.

Das finde ich manchmal ein bisschen schade. Nun bin ich, und das muss ich ganz klar sagen, weit davon entfernt, irgendein Holzhammer-Missionar zu sein. Ich bin in der Kirche groß geworden, empfand das auch als natürlich und schön. Allerdings habe ich auch meine ganz starken Anfragen an die amerikanische Frömmigkeit und an dieses Halleluja-Getue.

Charismatisch und diese Fernsehgottesdienste, wie man sie manchmal im Privatfernsehen sieht, sind natürlich wirklich fürchterlich und das ist auch nicht meine Welt. Aber die Musik, die in Amerika von Schwarzen und Weißen in Kirchen gemacht wurde, hat mich natürlich immer schon unfassbar stark berührt.

Michaela Boland: Gab es einen ganz bestimmten Auslöser für dich, der deine Entscheidung, Berufsmusiker zu werden, perfekt gemacht hat?

Dieter Falk: Mein Kick oder mein entscheidender Moment hierfür war, als ich mit Edwin Hawkins gespielt habe. Ich war der einzige Weiße in der Band und habe dort Klavier gespielt mit dem Erfinder von "Oh happy day". Das war natürlich für mich wie so ein Virus. Die schwarze Musik aufzusaugen, Soul und Gospel. Das hat natürlich auch viel mit Kirche zu tun. Wenn eine Beyonce oder Mariah Carey sich für den Grammy bedanken und danach immer sagen, "und vielen Dank an den lieben Gott", dann ist das auf der einen Seite eine Floskel, auf der anderen Seite hat es aber auch damit zu tun, dass sie wirklich in der Kirche groß geworden sind.

Die kommen alle aus Gospelchören, daher war es für sie immer ganz natürlich und normal. Im Vergleich dazu hat Deutschland manchmal ein bisschen ambivalentes Verhältnis zu Frömmigkeit und Musik in der Kirche. Ich habe da nie einen Hehl daraus gemacht. Selbst im Finale von Popstars habe ich eine Funkversion  von "Nun danket alle Gott", einem Choral, gespielt, ebenso bei Stefan Raab. Für mich war der Spagat nämlich auch interessant.

Michaela Boland: Hat dir dein öffentliches Bekenntnis zu Kirche und Glaube im Laufe deiner Karriere jemals zum Nachteil gereicht? In dem Sinne, dass jemand gesagt hätte, das sei uncool?

Dieter Falk: Ach, nein. Wenn du mich darauf ansprichst, dann sage ich das ja auch. Ich werde jetzt zwar nicht ungefragt herum posaunen, dass ich hin und wieder in die Kirche gehe. Ich bin auch kein ständiger Kirchgänger. Dazu spielen wir noch zu oft an Wochenenden Konzerte, häufig auch in Kirchen wegen unseres Bach-Repertoires. Doch ich habe keinen Nachteil dadurch gehabt habe, weil ich mich hin und wieder mal als gläubiger Christ geoutet habe.

Ich habe wahrlich keinen Heiligenschein über mir. Aber ich denke, dass der christliche Glaube auch im Leben hilfreich sein kann. Ich erinnere mich sehr gerne an tolle Diskussionen beispielsweise während "Popstars" mit Senna (Anm. d. Red.: Staffel-Gewinnerin und Sängerin der aus der Castingshow hervorgegangenen Girlsgroup "Monrose"), die ja bekennende Muslimin ist. Bahar auch so halbwegs. (Anm. d. Red.: Bahar war ebenfalls Mitglied der Girlsgroup "Monrose") Für mich war das nie ein Thema, so haben wir beispielsweise auch zusammen gebetet. Sie als Muslimin, ich als Christ.

Michaela Boland: Mit Bahar oder mit Senna?

Dieter Falk: Mit beiden. Bahar hat auch die Hauptrolle in einem christlichen Musical gehabt, das ich geschrieben habe.

Michaela Boland: Welcher Gedanke steckte dahinter?

Dieter Falk: Das sind einfach Dinge, bei denen ich versuchen möchte, den Bogen zu erweitern. Wenn die Kirche in Deutschland etwas braucht, und ich rede jetzt von beiden Kirchen, dann ist es frischer Wind. Wir versuchen das durch die Musik zu machen. Deswegen ist für mich Glaube, Musik und Kreativität ganz eng beieinander.

Michaela Boland: Inwieweit kritisierst und verurteilst du solche Vorkommnisse wie jüngst im Fall Limburg mit Franz-Peter Tebartz-van Elst?

Dieter Falk: Wer das nicht verurteilt, ist ziemlich bescheuert. Mich macht es eher traurig. Natürlich gibt es, wie überall, in beiden großen Kirchen auch nur Menschen. Solche, die Fehler machen, die falsche Entscheidungen treffen oder maßlos sind. Es ist genau wie im normalen Geschäftsleben oder wie im Privatleben. Man soll nicht annehmen, dass nur, weil es um Kirche und um Gott geht, da nicht auch menschliche Fehler begangen würden.

Mich stimmt es aber deshalb traurig, weil es die gute Arbeit von Kirche im Alltag manchmal in den Schatten stellt. Das finde ich schade, denn es gibt landauf und landab wirklich super Pastoren und Pfarrer, über die nie geredet wird. Nur, wenn einer plötzlich mal zugegebenermaßen Mist baut, dann wird der von den Medien so in den Fokus gerückt, dass man das viele Gute, was die Kirche tut, auch schön unter den Teppich kehrt.

Michaela Boland: Reihenweise Austritte in der katholischen Kirche vorprogrammiert?

Dieter Falk: Nicht nur innerhalb der katholischen Kirche. Witzigerweise hat Tebartz-van Elst auch der evangelischen Kirche viele Austritte beschert. Weil Otto Normalbürger einfach sagt, "Ja, das ist Kirche", also pauschal Kirche.

Michaela Boland: Es wird insoweit deiner Meinung nach also keine Differenzierung mehr vorgenommen?

Dieter Falk: Wer da woher kam? Nein. Aber, ich glaube, das einzige, was man dagegen tun kann, ist, dass man positive Signale für die Kirche setzt. Zusammen mit Michael Kunze mache ich das, indem wir mittlerweile schon das dritte Musical über biblische Stoffe schreiben. Michael Kunze hatte ja als Musicalkomponist die größten Erfolge in Deutschland, auch weltweit. Er ist ja die Nummer Eins im Musicalbereich. Er hat die deutschen Texte gemacht für Elisabeth, Mamma Mia, Phantom der Oper oder König der Löwen.

Michaela Boland: Ich las, dass ihr gemeinsam zum einen das Musical "Die 10 Gebote", zum anderen "Moses" gemacht habt. Spielte bei Moses auch ein ganz kleines bisschen der gute alte Charlton Heston-Film eine Rolle?

Dieter Falk: Ja, klar. Mit dem bin ich groß geworden. Ich bin Baujahr 1959 und habe den Film in den 60ern als Kind natürlich immer gesehen. Das war so der Klassiker, ein alter Blockbuster. Natürlich war er sehr schwülstig, aber das war sicherlich ein Thema.

Michaela Boland: Was wird es im Bereich Musical jetzt Neues von Michael Kunze und Dir geben?

Dieter Falk: Jetzt fangen wir an mit "Luther". Luther ist natürlich eine wichtige historische und theologische Figur. In ein paar Jahren gibt es ein großes Luther-Jubiläum. Wir tun das, weil wir wissen, dass wir ein dankbares Publikum dafür haben.

Die freuen sich, wenn man eben auch in der Kirche Entertainment praktiziert, das heißt, dass man einfach auch Leute mit Themen unterhält, die spannend,  gut und wichtig sind. Das zusammenzubringen ist ein Versuch, der schon bei den beiden ersten  Musicals sehr gut geklappt hat. Dass man Kirche vielleicht auch mal in ein anderes Licht stellt.

Michaela Boland: Ist dir das ein persönliches wichtiges Anliegen?

Dieter Falk: Ja, sicherlich. Es ist natürlich nicht der einzige Grund, aber es ist mir vor allem gerade deshalb ein wichtiges Anliegen, weil ich aus der Kirche komme. Es ist ja immer auch schön, wenn man da mal positive Nachrichten schreibt.

Michaela Boland: Ist Konfession für dich ein wichtiger Punkt? Du hast ein evangelisches Gymnasium besucht.

Dieter Falk: Das war Zufall. Konfession spielt eigentlich keine Rolle. Gut, ich gehe öfter in die evangelische Kirche, aber ich gehe auch sehr gerne in katholische Kirchen, wenn ich irgendwo in der Großstadt bin. Manchmal setze ich mich auch einfach mal eine halbe Stunde irgendwo in den Dom hinein oder irgendwo in eine Kirche.

Da sind die katholischen Kirchen häufig besser dran, weil die einfach immer offen sind. Die evangelischen zunehmend nicht mehr, was ich schade finde. Einfach mal runter kommen, das kann man ganz gut in Kirchen. Ich habe viele Freunde in der katholischen Kirche, kenne auch viele Leute in der jüdischen Gemeinschaft und viele Muslime. Für mich ist das ein Teil meiner Kultur. Musiker oder Schauspieler sind da vielleicht auch eher Brückenbauer zwischen Konfessionen und so sehe ich mich.

Michaela Boland: Lässt sich in der Rückschau sagen, dass die evangelische Schulerziehung grundlegend anders war als vergleichsweise die katholische Erziehung?

Dieter Falk: Die evangelische Kirche war zwar Träger meines Gymnasiums, aber es war ja keine christliche Erkenntnisschule in dem Sinne, dass man jeden Morgen zum Beten gezwungen wurde, was ich auch nicht gut finde. Wenn so etwas jedoch aus freiem Willen heraus passiert, dann finde ich das durchaus gut. Aber bei uns war die schulische Erziehung  nicht explizit kirchlich oder evangelisch. Es war ein ganz normales, eigentlich humanistisch geprägtes, Gymnasium. Sicherlich ist dort der Religionsunterricht ein wenig anders behandelt worden als an anderen Schulen. Das mag schon sein.

Michaela Boland: Deine Mutter war, wie du sagtest, Chorleiterin. Hatte dein Vater auch einen musikalischen Hintergrund?

Dieter Falk: Er hat immer nur Mundharmonika gespielt. Er kam aus Ostpreußen vom Lande und hat nie großartig Musikunterricht gehabt. Er hat allerdings in Chören gesungen und verfügte auch über eine ganz gute Tenorstimme. Ich erinnere mich daran, dass wir als Kinder an Weihnachten immer diese blöden Blockflöten spielen mussten, während meine Mutter am Klavier saß und mein Vater dazu Mundharmonika spielte.

Michaela Boland: Klingt nach schöner Weihnachtsatmosphäre.

Dieter Falk: Manchmal war es skurril (lacht). Später haben wir Kinder dann Klavier gespielt. Mein Bruder ist auch sehr musikalisch. Er arbeitet heute als Musikredakteur beim SWR. Mein Vater war immer der, der mir als jüngerem Sohn ermöglicht hat, die gleichen Chancen zu bekommen wie mein Bruder. So hat er mir beispielsweise ein Zweitinstrument ermöglicht.

Ich lernte dann Geige zu spielen. Auch hat er als Schreiner mit eigener Schreinerei immer gesagt, "selbst wenn du später beruflich nicht in unsere Fußstapfen trittst, wir unterstützen das". Eigentlich kann man sagen, dass mein Vater als bodenständiger Handwerker meine künstlerische Laufbahn am meisten unterstützt hat.

Michaela Boland:  Ist deine eigene Familie zwangsläufig durch deine Arbeit mit involviert gewesen?

Dieter Falk: Meine Frau und ich sind ja schon seit 29 Jahren zusammen und ewig verheiratet. Silber-Hochzeit hatten wir schon. So hat meine Frau diese Branche natürlich auch mit kennengelernt. Inklusive der ganzen Künstler, die ich produziert habe. Die Kinder sind da ebenso naturgemäß mit hineingewachsen. Bei uns zu Hause gingen immer irgendwelche Künstler ein und aus und haben bei uns zu Mittag oder zu Abend gegessen. Und da lernt man viele Musiker oder Schauspieler kennen.

So wurden unsere Kinder eigentlich automatisch in dieses Zirkusleben mit hineingeführt und empfanden das auch als spannend. Ich nehme an, mein jüngerer Sohn, Paul, wird auch dort landen. Er schauspielert schon jetzt recht viel und schreibt seine eigenen Songs. Aber, dass unser Älterer, Max, Medizin studiert, finden wir eigentlich gut. Vor allem deshalb, weil ich ein Hypochonder bin und es ist immer gut, einen Arzt in der Familie zu haben (lacht)

Michaela Boland: In welchem Alter hast Du begonnen, Instrumente zu erlernen?

Dieter Falk: Mit sechs habe ich Blockflöte gelernt, um die Noten kennenzulernen. Mit sieben fing ich mit Klavier an. Als ich elf Jahre alt war, begann ich mit der Geige, weil die Hand da einfach schon ein bisschen größer war. Saxophon habe ich dann viel später während des Musik-Studiums erlernt. Ich denke, dass Klavierunterricht so ab sechs, sieben oder acht Jahren Sinn macht.

Trotzdem kenne ich viele, die erst im Erwachsenenalter mit dem Unterricht beginnen. Die sagen sich dann, "ich habe jetzt meinen Job, aber ich habe jetzt noch mal Bock auf Musik". Viele sind dann Mitte 30, auch Anfang 40 oder sogar Mitte 50, kaufen sich dann ein Klavier und fangen an. Das finde ich klasse. Ich habe auch selbst Musikschulen für Popmusik geschrieben.

Michaela Boland: Während deines Studiums an der Musikhochschule in Köln hast du die Fächer Schulmusik und Kirchenmusik belegt. Wohin genau sollte dein Weg mit dieser Kombination führen?

Dieter Falk: Ich fand damals, dass Schulmusik mir die beste Ausbildung bot, weil sie sehr breitbandig war. Ich bekam Gesangsstory-Unterricht,  im Hauptfach Klavier, im Nebenfach Saxophon, dann vor allen Dingen Chor, Orchesterdirigat, Harmonielehre, -theorie, Gehörbildung und Musiksoziologie. Das fand ich alles super. Vor allem hatte ich einen phantastischen Prof. Alfons Silbermann, ein absoluter Crack. Diese Vorlesung werde ich nie vergessen.

Es ging um die Frage, was bewirkt Musik? Beispielsweise in der Werbung. Da war Silbermann ein wunderbarer Professor und eine absolute Koryphäe. Insgesamt war die Ausbildung an der Musikhochschule Köln wirklich sensationell. Zunächst rein klassisch. Zwei Jahre später hatten sie dann angefangen, dort auch Jazz zu etablieren. Jiggs Whigham, der Soloposaunist der WDR Big Band, war der Chef und hat dann als erster Professor Jazz in Köln unterrichtet. Dann habe ich das parallel belegt, hatte Jazz-Unterricht, was ich als den absoluten Knaller empfand. Schulmusik habe ich dann auch fertig gemacht.

Kirchenmusik habe ich parallel durchgezogen, aber habe mir mein Studium eigentlich schon finanziert, indem ich Pianist von Katja Ebstein und Gitte war, weil ich kein BaföG bekam. Also, ich war zu dieser Zeit ständig auf Jück. Doch meine Professoren waren sehr kulant, weil sie wussten, dass ich nicht irgendwann in der Schule landen, sondern schon eher der Exot werden würde. Jazz konnte ich aber nicht mehr zu Ende bringen, weil ich da schon einen Job bei einer Plattenfirma erhalten hatte.

Michaela Boland: War das zufällig bei der EMI?

Dieter Falk: Nein, bei einem ganz kleinen christlichen Gospellabel in Süddeutschland. Deshalb sind wir eben nach Stuttgart gezogen.

Michaela Boland: Für Katja Ebstein und Gitte Haenning warst du auch als Produzent tätig.

Dieter Falk: Später ja, aber anfangs war ich der Pianist und ich war meist der jüngste in der Band. Katja ist wirklich eine Freundin unserer Familie. Sie kennt unsere Kinder noch als Babys. Sie war ganz oft bei uns. Doch ich habe sie erst später produziert. Zunächst war ich ihr junger, damals noch blond gelockter Pianist. Das war zu der Zeit ihres ganz großen Hits "Theater", während meines Studiums.

Michaela Boland: Wie kam der Wechsel von der Kirchenmusik zum Schlager zustande?

Dieter Falk: Das lief zunächst parallel. Aber, ich muss auch sagen, dass ich mit kirchlicher Musik  irgendwann aufgehört habe, weil ich nicht davon leben konnte. Ich habe auch irgendwann mit dieser Gospelproduktion aufgehört. Als Pianist bin ich in der Schlagerszene gut gebucht gewesen und habe als Sessionmusiker in der normalen Musikszene, also als Studiomusiker eben für alle, Tod und Teufel, Klavier und Keyboard gespielt. Im Studio gab es das damals noch:

Du hattest eine Vier-Mann-Band, die wurde gebucht und hinten saß der Produzent, der ich dann später auch mal wurde. Aber anfänglich war ich nur Session- und Studiomusiker für alle möglichen Leute und habe halt da geklimpert. Das war dann schon zu der Zeit, als ich in der Gospelmusikszene  ein bisschen weniger gemacht habe und als die ersten Leute auf mich zukamen.

Später gab es dann auch schon die ersten Erfolge mit Pe Werner, "Kribbeln im Bauch" und danach vor allem auch mit Pur. Schließlich kam es dazu, dass ich für die Leute, für die ich zuerst gespielt hatte, dann auch produziert habe.

Michaela Boland. Du bist Produzent, Arrangeur und gleichzeitig Komponist. Was davon bist du denn in erster Linie?

Dieter Falk: Eigentlich bin ich noch so ein wenig old school, der alles auch mal gelernt hat. Also auch Partitur zu schreiben.

Michaela Boland: Viele Musikwissenschaftler beschäftigen sich auch mit Mensuralnotation. Musstest du das als Absolvent der Musikhochschule auch beherrschen?

Dieter Falk: Ich weiß, was es ist, aber, ich notiere eigentlich Noten schon ganz klassisch. Mensur ist eine ganz eigene Bezeichnung, die eigentlich in der Popmusik nicht so stattfindet. Ich habe, wie du ja weißt, klassisch studiert und  das, was ich im Kopf hatte, immer alles notiert. Oft ist es ja heute in der Popmusik so, dass du die Sachen in den Macintosh, in die Programme hinein haust.

Ich schreibe es immer noch auf, weil ich es auch gut finde, wenn ich etwas vor mir habe und das für alle Zeiten gesichert ist. Deswegen siehst du hier auch überall diese Ikea-Papp-Kartons, wo dann die Nino de Angelos dieser Welt oder Daliah Lavi notenmäßig vertreten sind. Da sind die Noten aus den 35 Jahren meiner Berufstätigkeit alle immer noch vorhanden. Mein Verlauf war eigentlich zuerst Studiomusiker, dann Arrangeur und daraus wurde dann der Produzent.

Du kommst dann nämlich in mehr Verantwortung hinein. Heute bin ich, wenn ich produziere, manchmal alles: Arrangeur, Komponist und Produzent. Manchmal aber eben auch nur Produzent , wenn ich eine Band produziere und ihr dann hin und wieder ein paar Tipps gebe, wie sie ihre Lieder vielleicht ein bisschen besser arrangieren kann. Und wenn wir mal einen Streicher brauchen, dann setze ich mich eben hin und schreibe die Streicher-Arrangements.

Michaela Boland: Spielst du heute auch noch ab und zu Geige?

Dieter Falk: Nein, das habe ich gesteckt. Da war ich auch nicht gut genug. Aber, es war nicht schlecht, einfach mal fünf Jahre Geige gespielt zu haben, um zu wissen, was man machen muss, wenn man manchmal Streicher arrangiert.

Michaela Boland: Ist man ein besserer Produzent, wenn  man so wie du, alles von der Pike auf gelernt hat?

Dieter Falk: Besser? Das weiß ich nicht. Es gibt phantastische Produzenten, die nicht diese klassische Laufbahn wie ich genommen haben. Es ist mir eine Hilfe und ich weiß, dass viele andere, auch große Namen wie David Foster in Amerika, der ja die ganzen großen Erfolge von Chicago bis Buble mit zu verantworten hat, auch so klassisch groß geworden sind. Foster war für mich immer ein Vorbild. Er war auch Keyborder, Arrangeur, Produzent, Komponist. Jetzt ist er ein großer Boss in der Plattenindustrie.

Ich finde das hilfreich, weil ich mich gut in ein Orchester hineinversetzen kann, wenn ich es produziere. Wenn ich zum Beispiel mit dem Babelsberger Filmorchester arbeite, weiß ich genau, was die teilweise zu leiden haben, wenn sie manche Sachen spielen müssen.

Aber, wenn ich sie selbst schreibe, dann achte ich darauf, dass das auch spielbare Sachen sind und dass es auch Spaß macht, sie zu spielen. Denn ich will ja, dass alle Beteiligten, mit denen ich zusammenarbeite, auch ihren Spaß haben. Umso besser spielen sie und umso besser wird letztendlich das Produkt. Insofern ist es schon hilfreich zu wissen, was man produziert, was man komponiert und  was man arrangiert.

Michaela Boland: War es für dich von jeher absehbar, dass es einmal in Richtung Produzent gehen würde oder kam eins zum anderen?

Dieter Falk: Das hat sich homogen entwickelt. Es war schon mein Wunsch ab 18, 19 oder 20 Jahren. Heute, nach so vielen Jahren in der Musikbranche ist das nicht mehr mein Fokus. Ich produziere nur noch ganz wenig. Vor allen Dingen für gute Freunde, weil die Branche natürlich auch eine extreme Abwärtstendenz erfahren hat. Die Musikbranche generell. Die Umsätze sind stark zurück gegangen. Goldene Platten bekommt man nicht mehr so häufig wie früher und wenn, nur noch für wesentlich weniger verkaufte CDs als noch vor fünf sechs oder zehn Jahren.

Michaela Boland: Lieber Dieter, vielen Dank für dieses ausführliche Gespräch und viel Erfolg auch weiterhin für die Zukunft.

PS: Der zweite Teil des Interviews erscheint morgen.

Infos unter: www.falk-music.de/falk_fr.htm

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27.12.2013 Sie faucht, er flirrt, es dröhnt

GFDK - Gottfried Böhmer

Liebe Leser, die Freunde der Künste wollen Euch nach Flora P., Kat Edmonson, Anna Alina, Tanja Selzer, Cäthe, Elif Demirezer, Lana Del Rey, Leslie Clio, Valentine, Nina Bradelin, Barbara Petzold, Anna Witt, Nina Nolte, Anna Pusica und vielen anderen Künstlerinnen nun Antonia Dering und das Bandprojekt Bartomuk vorstellen.

Die 24-jährige in München geborene Antonia Dering ist ein kleines Multitalent. Schon in jungen Jahren nahm sie Klavier und Gesangsunterricht, tanzte sich die Seele aus dem Leib und erprobte ihr Schauspieltalent in verschiedenen Schauspieljugendgruppen.

Bartomuk, das sind Antonia Dering, Julia Kellner und Leonhard Kuhn

Nach ihrem Abitur war sie 6 Monate in Bogamoyo, Tansania auf dem College of Art, wo sie verschiedene Tanz und Trommelkurse absolvierte und Kiswahili erlernte. Kiswahili ist eine Bantussprache und die am meisten verbreitete Sprache in Ostafrika. Kiswahilil, auch Swahili geschrieben wird von mehr als 80 Millionen Menschen gesprochen und ist Amtssprache in Tansania.

Im Juli 2012 machte Antonia Dering ihr künstlerisches und pädagogisches Diplom im Fach Jazz-Gesang an der Hochschule für Musik und Theater in München. Seit Herbst 2013 studiert das junge Allroundtalent zudem noch Jazz-Kontrabass auf Bachelor am Konservatorium der Privatuniversität in Wien.

Bass spielt Antonia Dering nun schon seit zwei Jahren. In der Vergangenheit arbeitete sie in verschiedenen Formationen: Einem Jazz-Duo namens Ladybird, einem Vocal-Trio genannt "The Twitter Sisters and Band", in der sie mit Carlotta Dering und Pia Hinze auftritt. Bis vor kurzem spielte sie auch noch in der Max-Manouche-Band, in der sie Stücke von Django Reinhard spielte. Die Hauptband von Antonia Dering ist das experimentierfreudige Jazz-Rock-Minimal-Trio Bartomuk, mit denen sie auch ihr Diplomkonzert absolvierte.

Bartomuk ist eine Liebeserkärung an die Musik

Die Band Bartomuk macht die junge Künstlerin, mit ihrem vielfältigen Anspruch besonders glücklich, da sie dort sowohl ihren Gesang, Kontrabass, das Schauspiel und ihre Tanzleidenschaft verbinden kann.

2014 soll es aber erst richtig losgehen. Antonia Dering (Gesang/Bass), Julia Kellner (Baritonsax, Bassklarinette) und Leonhard Kuhn (Gitarre/Effekte) lassen es dann richtig krachen. Sie verbinden sich in herrlich kleinkarierten minimal, donnernden und wütend, drohenden Rock, sie projezieren farbenprächtige Musikcollagen an jede sich bietende Leinwand. So haben es die drei Künstler jedenfalls versprochen.

Das Münchener Kollektiv Bartomuk spielt nach der Devise: Wo endet Lärm, wo beginnen Klang und Harmonie?

Sie, so ihre Botschaft, vertonen den Moment und entlarven die ewig Frage "was macht Musik zur Musik?" als falsch gestellt. Antonia Dering, Julia Kellner und Leonard Kuhn sind der Meinung, dass Musik nicht bezwungen oder gebändigt werden kann. Musik erfordert aus ihrer Sicht auch den Blick von unten und Musik, so die Drei, ist mehr als ein Instrument zur Selbstdarstellung.

Sie erschöpfe sich nicht im Monströsitäteten-Kabinett der Solisten. Die drei Musiker sprechen der Musik ein längst überfälliges Dankeschön aus: "Danke, dass Du Dich so bereitwillig anpasst und dabei doch - ohne, dass wir es bemerken, uns veränderst".

Am 29. und 30. Januar 2014 geht es dann in Wien los. Dann heisst es:

Sie faucht, er flirrt, es dröhnt, sie wabbern wellenförmig vor sich hin, dann strahlt es wieder, krächzt und stöhnt. Wär´s nicht Musik, wär´s Widersinn.

Am 6. Februar sind die Drei dann in Einbeck, am 7. und 8. Februar dürfen sich die Berliner auf die Band freuen. Am 9. geht es weiter nach Hamburg und auch die Frankfurter kommen am 11. Februar in den musikalischen Genuss, bevor es am 13. Februar wieder in die Heimatstadt München geht. Am 15. Februar dürfen sich dann die Augsburger an den drei Künstlern erfreuen und am 25. Mai 2014 gibt es einen Auftritt in Straubing.

Die Gesellschaft Freunde der Künste wünschen diesem außergewöhnlichem Musikprojekt und ihren drei Protagonisten viel Erfolg und alles Gute für die Zukunft.

Gottfried Böhmer

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16.11.2013 Kanon heißt Richtschnur, Maßstab, Regel, Leitfaden.

GFDK - Stefanie Tendler

In der bildenden Kunst besagt der Begriff:“.. die Gesetzmäßigkeit der in den Maßverhältnissen all ihrer Teile ausgewogenen Gestalt..“ Inge Mahn ist Bildhauerin, langjährige, jetzt emeritierte Professorin von der Kunsthochschule Weißensee und neuerdings auch Direktorin des von ihr gegründeten Stallmuseums in Groß Fredenwalde (Uckermark), einem Ort für Landkultur und künstlerische Arbeit. Im November feiert sie ihren 70. Geburtstag. Die Emerson Gallery Berlin begeht das Ereignis mit einer besonderen Ausstellung.

S.T.: In der Ausstellung „Kanon“, die in der Emerson Gallery Berlin gezeigt wird verbinden Sie Werke aus vier Generationen ihres kreativen Schaffens, was möchten Sie mit der Ausstellung aussagen?

Es sind nicht vier Generationen geworden sondern eine neue Orientierung älterer Arbeiten.
Das "Mahnmal Mahnmahl", "Berge mit Fahnen" und "Blumenvase". In der Zusammenstellung bekommt die Emerson Gallery eine neue Installation. Die Plastiken korrespondieren mit dem Raum und entwickeln ein Eigenleben. Im Sinne des Kanons, einem Ordnungssystem, entstehen Harmonien. Was ich mit der Ausstellung ausdrücken will ist allerdings unwichtig, die Gegenstände sprechen auch nicht für sich, sie sind, Gegenstände, zum Glück still, wichtiger ist, was der Betrachter erfährt und denkt. Die Formen erinnern vielleicht an etwas Bekanntes, sprechen an.

Russell Radzinski: Emmet Williams hat diese Albernheit als kosmologischen Humor bezeichnet.

Inge Mahn: Diese Art künstlerischer Arbeit hat mit Humor zu tun, das stimmt, der bleibt allerdings auf dem Boden der Tatsachen, ist eher Realismus, der manchmal weh tut. Der Realismus zeigt nicht nur Stärken sondern auch Schwächen, Dummheiten.

S.T.: Wie wählen Sie die Gegenstände aus, die Sie für Ihre Arbeiten verwenden?

Ich wähle die Gegenstände nicht aus, weil sie da sind, für den jeweiligen Ort bestimmt.
Die Säulen zu "Mahnmal Mahnmal" z. B. waren im Raum vorhanden ich habe sie (auf übermenschliches Maß) verkürzt, hervorgehoben und durch Kopfbedeckungen gekennzeichnet und ihnen damit eine spezielle Bedeutung gegeben. In der Zeit 1978 als ich die Sache in Hamburg gebaut habe war Minimal Art angesagt, der ich damit natürlich widerspreche.

S.T.: Wie wichtig ist Ihnen der persönliche Bezug, die Zugänglichkeit zum Kunstwerk?

Inge Mahn: Mir ist es wichtig, dass man gleich einem naiven Betrachter um das Werk herumgehen kann, einen Eingang bzw. Zugang zum Werk findet und dass eine Brücke zwischen beiden geschlagen wird. Im Rahmen der Minimal Art, in der Kunst nichts aussagen wollte, entwickelte ich das Bewusstsein, dass es unmöglich ist, seine persönliche Wahrnehmung und Erfahrung auszublenden. Jeder Mensch versucht ganz automatisch einen Bezug herzustellen und diese Vorstellung habe ich weiter entwickelt.

Ich finde auch die Logik der Statik, Physik und Metaphysik unglaublich spannend. Es gibt eine wunderbare Stelle in der Bibel: "Einer trage des anderen Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen" Dabei handelt es sich aber nicht nur um ein religiöses oder gar moralisches Gesetz, sondern um ein physikalisches und auch philosophisches, das ich in einer meiner Arbeiten, mit zwei aneinander kippenden sich gegenseitig haltenden Stühlen, aufgegriffen habe.

S.T.: Bereits als sehr junge Künstlerin mit Anfang 30 bekamen sie die Gelegenheit bei der documenta 5, die als weltweit einflussreichste Ausstellung Moderner Kunst nach dem zweiten Weltkrieg gilt, mitzuwirken. Wie würden Sie diese Erfahrung rückblickend beschreiben? Mit welchem persönlichen Werk haben Sie zur documenta 5 beigetragen?

Inge Mahn: Ich hatte das Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, denn die Hochschule in Düsseldorf genoss eine besondere Aufmerksamkeit in den 70er Jahren. Zu der Zeit war mein Arbeitsplatz im Flur der Akademie, die Plastiken waren also offensichtlich und waren nicht nur Anstoß zum Ärgernis.
Infolgedessen wurde die Staatsexamensarbeit (für Kunsterziehung) "Schulklasse", eine altmodische Schulklasse aus Gips zur documenta 5 eingeladen.

Dabei zu sein war eine gute Erfahrung, ich war noch sehr jung und die Vorbilder der Zeit wie z.B. Klaas Oldenburg waren freundliche und unkomplizierte Kollegen, "normal" im Gegensatz zu den Gegendemonstranten vor dem Fredericianum, die sich wie die "wahren" Künstler benahmen.Zu der Zeit habe ich  den Wert dieser Ausstellung für mich noch nicht ganz greifen können, was allerdings auch daran liegen mag, dass ich nicht besonders geschäftstüchtig bin, wenn es um die Vermarktung meiner eigenen Person geht. Für mich steht die Arbeit, das Handwerk im Vordergrund.

Kanon heißt Richtschnur, Maßstab, Regel, Leitfaden.

S.T.: Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu New York?

Inge Mahn: Als ich 1981 mit dem PS1 Künstlerstipendium in New York ankam, bin ich eines Sonntags durch das Bankerviertel geschlendert, ohne wirklich viel Geld in der Tasche zu haben und dort auf Plastikeimer gestoßen, die ich mitnahm und mit ihnen quer durch die Stadt lief. Niemand schaute mich dabei seltsam oder irritiert an. Es war überhaupt kein Problem. In jeder anderen Stadt wie z.B. Düsseldorf hätte man komisch oder herablassend geguckt, nach dem Motto -- was macht die denn da mit den Plastikeimern -- aber hier war es schon fast eine Selbstverständlichkeit. 

Wenn ich an die Zeit zurück denke, habe ich überhaupt nur gute Erinnerungen an New York, auch wenn es meiner Meinung nach eher eine Stadt für Erwachsene ist, es gab auch manch einen, der unheimliche Probleme dort hatte, ich für meinen Teil habe mich stets sehr wohl gefühlt und jeden Tag genossen, an dem ich dort spazieren gehen konnte.

Später als ich bereits an der Hochschule doziert habe, bin ich regelmäßig in den Semesterferien zurückgekehrt, um hier zu arbeiten und hatte drei Ausstellungen in der Diane Brown Gallery. Die New York Times wurde zu dieser Zeit auch auf mich aufmerksam und hat einen Artikel über meine Arbeit veröffentlicht. New York war damals noch eine Stadt der Macher, für Leute, die anpackten und bereit waren zu arbeiten. Die Stadt stand für tolle Musik, tolles Theater und tolle Ausstellungen.

Russell Radzinski: Jetzt ist es eher eine Stadt für Leute die Arbeiten lassen.

Inge Mahn:  Ich hab sehr viele Künstler kennen gelernt, die nur um in New York zu sein, zahlreiche Jobs annahmen, gut dotierte Jobs hatten, um ihre Galerie bezahlen zu können, und dann Kunststudenten für sich arbeiten ließen. Für mich persönlich ist das „selber machen“, das leider einen Wertverlust erlitten hat, das Gefühl für einen Raum wie dieser funktioniert und was in ihm funktioniert und das Erschaffen von etwas Eigenständigen unheimlich wichtig. Der Wandel der Stadt war für mich ein Grund New York zu verlassen.

S.T.: Wie war es für Sie an der Kunsthochschule Weißensee zu dozieren?

Ich war vorher in Stuttgart an der Hochschule tätig und habe mir im Anschluss überlegt, ob ich nach Hamburg oder Berlin gehen sollte. Ostberlin schien mir naheliegend, da meine Familie ursprünglich aus Schlesien stammt. Zu Berlin hatte ich außerdem bereits durch Freunde und Bekannte in Bethanien einen engen Bezug und freute mich auf die Zusammenarbeit. Allerdings war der Einstieg nicht ganz so leicht.

Ich kam mir wie die Unschuldige aus dem Ausland, vor als ich 1995 nach Ostberlin kam. Dennoch bin ich sehr stolz darauf, was meine Ostkollegen und ich vor allem für die Bildhauerei in Gemeinschaftsarbeit erschaffen haben. Ich denke wir haben eine Art Grundstein gelegt und vorbereitend gute Arbeit geleistet. Die Professur an sich lag zudem nicht so weit entfernt von der Kunst, da ich sehr eng mit den Studenten zusammen gearbeitet habe und ein richtiger Austausch dabei entstanden ist.

S.T.: In Großfredenwalde haben Sie 2012 das Stallmuseum gegründet, was hat es hiermit auf sich?

Inge Mahn: Ich komme ursprünglich vom Land, aus Oberschlesien und habe eine sehr starke Verbundenheit zur dörflichen Gemeinschaft. Mir ging es mit dem Projekt darum andere nicht auszuschließen und habe in Großfredenwalde einen unter Denkmal stehendes Haus restauriert und es als Museum deklariert. Aber was ist ein Museum ohne Ausstellungsstücke? Mir war es ein Anliegen, dass jeder der Dorfbewohner seinen persönlichen Anteil zur Ausstellung beitragen sollte.

Berliner Freunde kommentierten die Ausstellung und verglichen sie mit Joseph Beuys, der auch eine sehr große Verbindung zu ländlichen, ursprünglichen Dörfern hatte. Betonen möchte ich hier jedoch, dass ich keine Auswahl der Ausstellungsobjekte getroffen hatte, sondern lediglich die Anordnung der Objekte übernahm, bei denen es sich um ländliche Artikel handelte, die von der Dorfgemeinschaft zusammen getragen wurden. Insgesamt ist es eine sehr schöne Ausstellung geworden.

An der Eröffnung habe ich das Haus als Gemeinschaftsobjekt des Dorfes  und als weltoffenes Haus deklariert. Großartig finde ich, dass im Dorf alle Menschen gleichwertig angesehen werden und dass dort Künstler, die Rang und Namen haben, keinen Bekanntheitsgrad genießen und Menschen, die sich kreativ beteiligen möchten so freier in ihrem Schaffen sind.

Das Projekt ist jetzt allerdings auch wieder beendet, da es mir kein Anliegen ist, einen Ausstellungsbetrieb zu eröffnen. Zur Weihnachtszeit ist das Dorf wieder an der Reihe, da stellen wir einen großen Weihnachtsbaum auf und schmücken ihn zusammen.

S.T.: Sie gelten als Meisterschülerin von Joseph Beuys. Haben Sie eine besondere Erinnerung an ihn?

Über einen Zufall kam ich zu Beuys. Ich hab in Bielefeld Abitur gemacht und die Akademie von Düsseldorf lag am nächsten zu meiner Heimatstadt. Ich war zuerst bei einem Herrn Bobek, der von der Berliner Schule kam, der uns vermitteln wollte, dass man als Künstler leiden müsse und dass Frauen sowieso keine Kunst machen könnten.

Die Klasse von Beuys stach mir ins Auge, da sie sehr lustig waren, einen ziemlich entspannten Umgang pflegten und in einer bodenständigen Art mit Kunst umgegangen sind. Beuys kam vom Land und schwebte nicht in Wolken, nein er hatte beide Beine auf dem Boden. Ich hab Beuys dann angesprochen, und gefragt, ob ich zu ihm kommen könne, und er nahm mich auf, und ich fand wieder einen richtigen Bezug zur Realität und zur Kunst.

Russell Radzinski: Aber du siehst dich nicht als Nachfolgerin der Fluxus Bewegung?

Ich sehe mich als überhaupt keine Nachfolgerin von einer Kunstrichtung an. In der Nachkriegszeit war es wichtig etwas Neues zu erschaffen. – Schluss mit dem was vorher war, auf keinen Fall figürlich, sondern nur bedingt. Ich sehe mich nicht als Jünger oder Nachfolger von einer Bewegung der damaligen Zeit. Es gibt gewisse Parallelen, denn natürlich spielt der Einfluss des Studiums eine gewisse Rolle. Ich hab Kunst damals als Appell aufgefasst, etwas Neues zu entwickeln.

Hier geht es zur englischsprachigen Version von unserem Kollegen in New York

www.station-station.com/berlin/inge-mahn-going-strong/

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15.11.2013 "Was nix kostet is auch nix"

GFDK - Heinrich Schmitz - 3 Bilder

Heinrich Schmitz ( HS) :„Herr Salentin, Sie gelten als einer der besten Trompeter der heutigen europäischen Jazz-Szene, haben eine Professur in Würzburg für Jazz und konzertieren international. Heute Morgen erschien auf SPIEGEL-ONLINE ein Artikel über die trüben Zukunftsaussichten von jungen Jazzmusikern (http://www.spiegel.de/kultur/musik/jazz-nachwuchs-esra-dalfidan-s-fidan-und-hammer-klavier-trio-a-906917.html ).

Sie haben schon vor ein paar Wochen haben auf Ihrer Facebook-Seite einen Mindestlohn für Künstler gefordert. Wie kam es zu diesem Aufruf?“

Hans Peter Salentin (HPS): ,,Das haben viele nicht auf dem Schirm, das Kunst kosten muss. Schüler, die alles umsonst downloaden, Veranstalter, Kneipen z.B., die permanent bei ,,freiem Eintritt'' veranstalten, aber leider genauso auch Musiker, die permanent umsonst spielen.

Es ist eine,, umsonst Mentalität ''entstanden, bei denen die, die Musik schaffen, finanziell auf der Strecke bleiben, weil niemand mehr bereit ist, die Künstler angemessen zu entlohnen.

Bei Künstlern glauben viele offenbar, eine Bezahlung wäre entbehrlich. Es ist ja Kunst .“

HS: „ Sie haben als international anerkannter Künstler mit vielen Jazz-Größen national wie international gespielt wie : die vielleicht der Allgemeinheit noch geläufigsten Namen sind: Chick Corea, Bob Mintzer, Simon Phillips (Toto), Brandford Marsalis, John Scofield u.v.a. mit denen sie zusammen gespielt haben.

Sie gehören damit zu den renommierten Musikern.

Sind Sie trotzdem von dieser ,,umsonst Mentalität'' der Veranstalter auch selbst betroffen?“

Berufsmusiker möchten von ihrer Kunst leben.

HPS: „ Ja, selbstverständlich. Aber auch meine Studenten. Gerade für die ist dieses Thema sehr wichtig. Es ist wichtig, weil ihnen mit dem Status Quo die ökonomische Grundlage genommen wird. Offenbar sind viele Veranstalter der Meinung, es sei für Künstler eine reine Freude umsonst spielen zu dürfen. Wir haben z.B. hier einen Veranstalter bei dem jedes Wochenende bei freiem Eintritt Live-Veranstaltungen stattfinden und manchmal sogar an 2 Tagen in der Woche.

Auf meine Frage, was das denn soll, weil man damit ja anderen Veranstaltungen, die Geld kosten, das Wasser abgräbt, lautet die Antwort des Bookers, „die Musiker wollen es so. Er ist übrigens derjenige, der daran verdient. Er macht die grafische Werbung, die er sich normal bezahlen läßt.''


HS: „ Können Sie diese Antwort bestätigen?“

HPS: „ Nein, denn Berufsmusiker möchten von ihrer Kunst leben. Und auch eine große Anzahl von Hobby-Spielern kümmert sich darum nicht. Ja, diese wollen um jeden, Entschuldigung, um keinen Preis spielen. Es ist ja völlig in Ordnung, wenn eine Band dies tun, ich gebe aber zu bedenken, wenn sie da umsonst spielen, warum soll man ihnen später woanders etwas zahlen? Berufsmusiker, die diesen gefährlichen Unsinn auch noch mitmachen, schädigen sich und nachfolgende Kollegen. Und damit meine ich nicht nur die Musiker, sondern auch die Musik selbst.

Natürlich spielt jeder Musiker gerne vor Publikum und freut sich über den Applaus.Vom Applaus alleine kann aber niemand existieren. Es gibt viele Veranstalter, die sich diese, nennen wir es einmal freundlich Unsitte, zu eigen gemacht haben und manche lassen Musiker nur noch gegen Eintritt spielen, d.h. sie selbst zahlen keine Gage. Davon kann kein Musiker leben, weil oft auch der Werbeanteil dieses Veranstalters nicht wirklich professionell funktioniert. Da spielt man oft vor einer Hand voll Leute, weil kein Mensch überhaupt etwas von dem Konzert erfahren hat.“

HS: „Sie hatten jetzt in ihrem Aufruf einen garantierten „Mindestlohn“ von für Jazz-Klassik-Folk-Spirituelle ect. -Musiker von 150,- € Garantie plus 7% plus Fahrtkosten Zuschuß gefordert. Welchen Sinn hat diese eher moderate Forderung?“ (Anmerkung: in der Klassik werden oft per se andere Gagen gezahlt.)

HPS: „Die genannten Beträge liegen weit unter dem beim Finanzamt abrechenbaren Satz. Wenn man alle abzugsfähigen Kosten zusammen zählt , macht man sogar Gewinn. Soll heißen, man ist soweit im Minus, das ohnehin nichts bezahlt wird.Die meisten Künstler in der KSK ( Künstlersozialkasse ) verdienen pro Jahr 1000,-Euro.

Wir brauchen einen garantierten Mindestlohn.

Da ist es ziemlich egal ob Netto oder Brutto. Mein Vorschlag zur Abwicklung eines Konzertes soll einem Veranstalter möglich machen, seriös zu arbeiten und evtl. auch mal bei „freiem Eintritt“. Natürlich wird durch diesen „freien Eintritt“ der Wert der künstlerischen Arbeit der Musiker in den Augen der Öffentlichkeit dauerhaft entwertet. ,,Was nix kostet is auch nix''.

Wenn es an jeder Ecke gute Musik ,,für umsonst'' gibt, glaubt der Konsument irgendwann, Musik sei nicht nur kosten- , sondern auch wertlos. Das sollte auch jedem Musiker bewusst werden. Der Veranstalter könnte z.B. auf Spendenbasis einen Obulus einfordern,was ich wie bereits erwähnt, grundsätzlich aber auch nicht für wünschenswert halte.

Die oft entstehende Differenz könnte durch einen Sponsor aufgefangen werden. Beispiel: ein Trio bekommt 450 Euro plus 7% garantiert. An Spenden , bei freiem Eintritt kamen aber nur 250 Euro zusammen. Die Differenz zahlt der Sponsor. Durch das Bemühen um einen Sponsor belegt der Gastronom auch, das ihm die Musik etwas wert ist.

HS: „ Die Musik ist also, wenn ich Sie richtig verstehe, aus Sicht der Veranstalter heute oft nicht Hauptzweck der Veranstaltung, sondern nur ein Mittel um den Verzehr oder den Verkauf anzukurbeln? “

HPS: „ Leider oft ja. Es geht den Veranstaltern, in der jetzigen Situation, letztlich einfach nur um den Getränke und Verzehr-Umsatz. Die Musik ist denen häufig völlig egal. Bitter, aber wahr.“

HS: „ Haben Sie Reaktionen auf Ihren Aufruf nach Einigkeit unter den Musikern bekommen?“

Die berufliche Zukunft einer ganzen Sparte ist längst aus den Angeln gehoben worden. “

HPS.“ Na ja, das ist ein wirklich heißes Eisen und man muss um dieses Anliegen werben. Im ersten Moment wird dies allen Beteiligten nicht so ganz klar und es bedarf durchaus einiger Gespräche um dann Verständnis zu wecken. Es geht aus meiner Sicht nicht um Verständnis allein, sondern darum wieder eine Existenzgrundlage für Musiker zu generieren. Die berufliche Zukunft einer ganzen Sparte ist längst aus den Angeln gehoben worden. “


HS: „Es gibt eine ganz Reihe hervorragender Musiker, gerade im Jazzbereich, die trotz ihrer künstlerischen Brillianz von ihrer Musik nicht oder nur prekär leben können. Worauf führen Sie das zurück?“

HPS: „ Das ist leider richtig und ebenfalls ein schwieriges Thema. Nicht ganz so einfach zu beantworten. Weil damit auch die Frage der Schuld oder was ist falsch gelaufen verbunden ist.Dies wäre ein extra Aufsatz und meine Sicht der Dinge werde ich gerne zu einem andern Zeitpunkt ausführlich erörtern“

HS: „ Macht es Sie wütend, wenn z.B. sogenannte volkstümliche Musiker fette Honorare einstreichen und ständig im Radio gespielt werden, obwohl deren musikalische Qualitäten sich bestenfalls im Hobbybereich bewegen?“

Für Künstler ist es immer schwer von ihrer Kunst zu leben.

HPS: „ Ganz so ist es ja nicht. Auch da gibt es sehr gute Leute. Richtig ist , auch diese Branche jammert. Und nicht zuletzt sind Casting Shows von Plattenfirmen entwickelt worden, um wieder einen Absatzmarkt zu schaffen. Leider hat oft die musikalische Qualität eines Musikers wenig mit seinem kommerziellen Erfolg zu tun hat. Millionen Fliegen fressen …....dieses Wort muss ich hier nicht aussprechen. Aber haben die Fliegen dadurch recht ? Ist ein Bohlen ein großer Künstler oder ein sehr guter Vermarkter, der die Gesetzmäßigkeiten erkannt hat und für sich auslegt.

Für Künstler ist es immer schwer von ihrer Kunst zu leben. Darum fordere ich ja auch nichts Unmögliches, nur 150 Euro. Kommerzieller Erfolg ist schwierig, aber nicht unmöglich bzw. um bei der Wahrheit zu bleiben, für die meisten Künstler schon. Viele Größen der Musikgeschichte sind erst Jahre nach ihrem Tod wirklich „entdeckt“ , entsprechend vermarktet und gewürdigt worden. Da hatten dann nur die Erben und Verlage etwas von der Kunst. “

HS: „ Der Marktanteil der Jazzmusik bei den verkauften Tonträgern liegt bei knapp 2%, auch im öffentlich-rechtlichen Radio findet man Jazzmusik nur gelegentlich in Spartensendungen oder Kulturkanälen. Ist der Jazz tot?“

HPS: „ Nicholas Payton, ein in der heutigen Zeit wichtiger Vertreter des Jazz in USA, sagte in einem Interview:,,Jazz ist 1950 gestorben.'' Ich teile diese Meinung. Abgekürzt , Musik ist viel zu spannend und interessant , als das man sie laufend mit Etiketten belegen sollte und in Schubladen ablegen sollte. Musik mit hohem improvisatorischen Anteil ist für mich spannend. Alzu vorhersehbare Musik leider nicht . Miles Davis sagte :,, Call it Jazz -call it Anything.''

HS: „ Zumindest in den wenigen Musikgeschäften die es überhaupt noch gibt bin ich ganz froh, wenn nicht alle Musik alphabetisch sortiert ist und ich gleich in die Abteilung Jazz/Blues/Fusion gehen kann.“

HPS:,,Das hat sich leider auch verändert. Das Internet hat den normalen Läden längst den Rang abgelaufen.Und dort gibt es alles umsonst.Von jedem You Tube Video kann man die Musik rausfiltern und hat dann den Song als Mp3. Damit sind wir dann schnell beim illegalen Download, der als Kavaliersdelikt gehandelt wird.

Da bedarf es viel Aufklärung in den Schulen, ohne aber gleich mit dem Zeigefinger zu kommen : das dürft ihr nicht , das ist illegal. Nein, auch da sollte Aufklärung betrieben werden,z.B Musiker in die Schulen schicken und den Menschen erklären,was eine Musikstück eigentlich in der Produktion kostet ect.. Es gibt eine Plattform im Netz, wo die Leute die Musik , nach ihrer subjektiven Wertigkeit ,runter laden und zahlen können.

Wenn du Musik um ihrer Wertigkeit willen machst , hast du schon verloren.''

HS: „ Sie sind neben Ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit , Besitzer eines Platten Labels -Dewey Records-und auch noch Professor an der Hochschule für Musik Würzburg . Müssten Sie Ihren Studenten nicht eigentlich raten vom Jazz die Finger zu lassen? Ist ein Jazzstudium nicht heute ein Studium für das finanzielle Desaster? Sind Ihre Studenten nicht eigentlich Irre oder muss man als Jazzmusiker irgendwo ein Irrer sein?“

HPS: Ich möchte hier wieder ein Zitat von einem deutschen Musiker Mathias Schriefel, einem wirklich interessanten und frechen Selbst -Verwirklicher im besten Sinne, verwenden:,, Wenn du Musik um ihrer Wertigkeit willen machst , hast du schon verloren.'' Heißt , wenn du es nicht um der Musik selbst Willen machst, hat es keinen Sinn. Dies ist jedenfalls meine Interpretation und ich füge hinzu , die Wertigkeit in ökonomischer Hinsicht sollte eine Rolle spielen.

Den Rest dieser Frage werde ich ebenfalls an andere Stelle in einem Artikel noch ausführlich beantworten. Das wird eine Zustandsbeschreibung und ein möglicher Ausblick. Ich würde grundsätzlich nicht das Wort Irre nehmen, sondern die Leute lieber als -Zitat Calli Calmund :,, postiv Bekloppte'' , bezeichnen.

HS:“ Was muss passieren, damit diese positiv Bekloppten auch von ihrer Kunst, für die sie ja eine Menge Ausbildungs- und Übungszeit investiert haben, auch wieder leben können?“

Die Leistung eines Musikers kann nicht umsonst sein.

HPS:“ Es muss ins Bewusstsein der Musikkonsumenten dringen und zur Selbstverständlichkeit werden, dass die Leistung eines Musikers nicht umsonst sein kann. Kunst hat einen Auftrag Menschen nicht nur abzulenken, sondern sie zum Gegenteil dem Nachdenken zu drängen. Nur wenn man Dinge reflektiert, hat man eine Chance auf Veränderung.

Kunst soll drängen. Und nach :,, Geiz ist geil'' ist es an der Zeit wieder über Wertigkeit zu reden. Was und wie viel ist mir Kunst wert ? Und ich gebe auch zu bedenken: gute Kunst entsteht aus einer zeitlich sehr aufwendigen Beschäftigung mit derselben. Da wird viel Zeit zB mit täglichen Üben verbracht, damit es dann auch die Wertigkeit hat, die sie haben soll.

HS:“ Vielen Dank für dieses Gespräch und viel Erfolg auf dem Weg zum Mindestlohn für Musiker.“

HPS: Das war mir die Zeit wert. Vielen Dank.

Dazu schreibt Benjamin Schaefer


Musiker haben es derzeit aus verschiedenen Gründen nicht leicht. Die KSK gibt das durchschnittliche Jahreseinkommen dieser Berufsgruppe mit gerade einmal 12.400 Euro brutto an; bei den Berufsanfängern sind es sogar weniger als 10.000 Euro brutto. Damit sind Musiker nicht nur meilenweit entfernt von den üblichen Einstiegsgehältern für Hochschulabsolventen, sondern schneiden sogar innerhalb der freiberuflichen Kreativszene am schlechtesten ab.

 

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17.10.2013 Michaela Boland trifft Francisco Medina

GFDK - Michaela Boland

Früher verachtete er das Genre, mit dem er später Berühmtheit erlangte. Heute schätzt er, wieviel man dabei lernen kann.

Seit sechs Jahren verkörpert er die Rolle des Bösewichts Maximilian von Altenburg in der Täglich-Serie "Alles was zählt" höchst erfolgreich. Jetzt macht der diplomierte Theaterschauspieler und Max-Reinhardt-Preisträger mit chilenischen Wurzeln jedoch  plötzlich Schluss mit dem Daily-Drehstress. Schon am 28. Oktober flimmert der Mime zum Leidwesen seiner riesigen Fangemeinde wohl zum vorerst letzten Mal über den Serienbildschirm. Doch von sich reden macht Francisco Javier Medina mit Sicherheit schon in Kürze erneut:

In Zusammenarbeit mit Promotion-Manager Armin Hupp aus Niedernberg präsentiert der 36-Jährige das Kulturprogramm "Hungrig"  mit preisgekrönten jungen Instrumentalisten in unterschiedlichen Städten Deutschlands. Das Konzept: Klassische Musik interpretiert von jungen Talenten, umrahmt von Texten, Liedern und Gedichten des beliebten TV-Stars. Wie es dazu kam, was er nach seinem Serienausstieg plant und warum er fest an einen Wandel in der Gesellschaft glaubt, hat mir der passionierte Künstler beim Gespräch im Kölner Savoy-Hotel erzählt.

Michaela Boland: Du hast deine Schauspielausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in Rostock absolviert, mit Diplom abgeschlossen und jede Menge Theaterrollen in klassischen Stücken von Shakespeare, Goethe oder Schiller übernommen. Außerdem inszenierst du sogar Bühnenstücke wie Antigone als Regisseur und bist Max-Reinhardt-Preisträger. Wie wahrscheinlich war es, dass jemand mit derartig klassischem Hintergrund sechs Jahre lang in einer RTL-Daily-Soap mitwirken würde?

Francisco Medina: Ich glaube, sehr unwahrscheinlich. Es gibt Ausnahmen. Kaja Schmidt-Tychsen, die ja meine Schwester spielt (Anm. d. Red: verkörpert die Jennifer Steinkamp in der Serie AWZ/ Alles was zählt, tägl. 19.05 Uhr) hat einen ziemlich ähnlichen Background. Wenn ich mir die Soap-Landschaft so ansehe, gibt es immer wieder mal Kollegen, die aus diesem Stall kommen. Aber eigentlich ist es schon eher die absolute Minderheit.

Michaela Boland: Wie kam es bei dir zur Zusammenarbeit mit der Grundy Serial Drama ?

Francisco Medina: Es kam dadurch, weil ich Lust darauf hatte, genau das zu machen. Eigentlich kam es von mir, denn ich war einfach ein wenig Theater- müde. Ich hatte zwar das große Glück, eine Hauptrolle nach der anderen zu spielen und das waren auch schöne Rollen, aber ich hatte einen sehr hohen Anspruch an mich. Wenn du beispielsweise so eine Rolle wie Ödipus spielst, anschließend die Hauptrolle in einem Shakespeare verkörperst, dann hast du meistens sechs Wochen Zeit, probst das, dann kommt die Premiere.

Doch es gibt in der Regel nur einen Tag Pause dazwischen und du fängst anschließend sogleich mit dem nächsten Stück an, während du nebenbei abends noch in fünf bis acht anderen Stücken spielst. Das ist zwar toll, aber wenn du den Rollen wirklich noch gerecht werden willst, ist das, wie ich glaube, nicht produktiv. Wenn man die Essenz einer Figur wirklich ausfüllen und etwas erfinden will, was noch nicht da war, dann kann man das nicht wie am Fließband tun.

Zuletzt habe ich einen Shakespeare in Bad Hersfeld gemacht, was zwar ein großer Erfolg war, aber ich selbst hätte zufriedener mit mir sein können. Das hat mich genervt und da wusste ich, dass das Theater für mich erst mal gegessen ist. Es kamen zwar weitere interessante Theater-Angebote, aber ich wollte ganz klar ins Fernsehen, denn ich hatte den Wunsch, etwas völlig anderes zu machen.

Michaela Boland: Hast du dich insofern aktiv bei der TV-Produktionsfirma beworben?

Francisco Medina: Nein, das war eigentlich ein Zufall. Der Gedanke entstand und drei Tage später, ungelogen, wurde ich für "Alles was zählt" angerufen.

Michaela Boland: Bestellungen beim Universum?

Francisco Medina: Ja, ich ticke auch so. Alle haben mich ausgelacht und gesagt, "Ja, Francisco, jeder will doch Fernsehen machen". Ich antwortete dann: "Naja, das kann ja sein." Jedenfalls war es ein ziemliches Wunder. Sie riefen mich an, doch dann habe ich das Casting abgelehnt, zumal ich schon ganz oft für die Grundy gecastet wurde, immer bis zur Endrunde kam und dann hieß es: "Ja, sie waren ganz toll, aber sie sind zu exotisch."

So etwas habe ich recht häufig vernommen und irgendwann wird man dann einfach müde es zu hören. Darauf hatte ich erneut keine Lust. Also habe ich das Casting erst mal abgesagt, bin aber dann doch hingegangen. Dort waren nur blonde Männer. Die Rolle war auch ein Engländer: Maximilian St. John Delane. Da dachte ich mir, "ihr könnt mich mal, das war das letzte Mal, dass ich für euch gecastet habe", und dann bin ich das Casting einfach mit der Einstellung angegangen, dass sie sich ärgern sollten, wenn sie mich nicht nehmen würden.

Michaela Boland: Das scheint funktioniert zu haben.

Francisco Medina: Ja, denn dann haben sie mich engagiert. Es war eigentlich eine Fügung des Schicksals. Ich hatte sehr viel Glück.

Michaela Boland: Gab es von Seiten anderer Theaterschauspieler jemals Voreingenommenheiten, nachdem du nun zum Soap-Darsteller geworden warst?

Francisco Medina: Ja, bestimmt. Doch das ist mir egal. Es gibt immer total viel Neid unter den Theaterschauspielern oder überhaupt unter den Menschen. Das muss man ausblenden, denn es spielt keine Rolle.

Michaela Boland: Ist das Soap-Genre unter Theaterleuten noch immer so verpönt wie vor zehn bis 15 Jahren?

Francisco Medina: Ich denke, das ist es immer noch. Wobei ich glaube, dass es beides gibt. Ich selbst habe Soaps als junger Schauspieler beispielsweise sehr verachtet. Zwar habe ich sie kaum gesehen, doch wenn ich zufällig durchgezappt habe, war ich ziemlich befremdet von dem, was Schauspieler dort so gemacht haben. Ich empfand es als unglaubwürdig und schlecht, was ich da sah. Insofern hätte ich nie geglaubt, dass ich selbst jemals bei einer Soap landen würde. Auf keinen Fall.

Michaela Boland: Kommt es nicht immer anders als man denkt?

Francisco Medina: Genau. Ich war zwar kein glühender Soap-Hasser, aber, es gibt durchaus Schauspieler, die sagen, dass das für sie niemals in Frage komme, doch es gibt auch viele darunter, die würden es sofort machen, obwohl sie dagegen wettern. Andere finden es wirklich schlecht. Ich kann nur sagen, mit den Jahren lernt man viel. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, welches Label über dir steht oder für was für ein Produkt du arbeitest. Das Wichtige ist einfach, mit wem du zusammen arbeitest und wie sehr du dich bemühst.

Michaela Boland: Oftmals erhalten Soap-Schauspieler zunächst nur Ein-Jahresverträge und sind darauf angewiesen, dass diese regelmäßig verlängert werden. Was stellt an einer Soap-Rolle, die in der Regel anders angelegt ist als beispielsweise die Rolle in einem Shakespeare-Stück, im Hinblick auf deren Entwicklungs- und Ausbaufähigkeit die Herausforderung dar?

Francisco Medina: Ich hatte viel Glück. Ich glaube, ich bin wirklich in einer Sonderposition, denn ich habe es nie so empfunden, dass ich nur einen Jahresvertrag hatte. Überall wo ich war, haben die Leute mir das Gefühl gegeben, dass sie die nächsten zehn Jahre mit mir zusammenarbeiten würden. Insofern war das immer eher meine Entscheidung, ob ich bleiben wollte oder nicht.

Michaela Boland: Hat man als Schauspieler Einfluss auf die Entwicklung eines Rollencharakters in einer Seifenoper?

Francisco Medina: Ja, du hast schon Einflussmöglichkeiten. Es hängt sehr davon ab, wieviel du dich einbringst und mit den Leuten redest. Ich habe mich aber aus den Geschichten sehr herausgehalten und immer gesagt, dass sie mir relativ egal sind, solange sie stimmig sind. Ich empfand es nicht als meine Aufgabe, Geschichten zu erfinden.

Michaela Boland: Gab es nach deinem Dafürhalten eine Entwicklung des Bösewichts, Maximilian von Altenburg, welchen du in der Serie verkörpert hast?

Francisco Medina: Ich habe mich sehr bemüht und  darum gekämpft, doch am Schluss war es manchmal schwierig.

Michaela Boland: Aus welchem Grund?

Francisco Medina: Weil der Figur zum einen schon viel passiert war und ich nicht immer ganz mit der Erzählweise der Figur d`accord gegangen bin. Ich finde schon, dass sie nicht mehr das hatte, was sie am Anfang oder in der Mitte hatte, also sie hatte schon ein wenig abgebaut. Doch das ist mein subjektiver Blick.

Michaela Boland: Gab es Szenen, die für dich in der Vorbereitung besonders schwierig waren?

Francisco Medina: Nein (lacht). Wie arrogant. (lacht).

Michaela Boland: Also, lief immer alles glatt?

Francisco Median: Ich habe neulich mit Bryan Cranston (Anm. d. Red.:US-amerikanischer Schauspieler und Regisseur u.a. Breaking Bad, Malcolm mittendrin, King of Queens, Larry Crowne, Total Recall) gesprochen. Er sagte zu mir: " Wenn du den `Emotional Core` einer Figur findest, kannst du mit ihr alles spielen." Cranston spielt ja hauptsächlich Figuren, die sehr absurd und sehr weit von ihm weg sind. Also, sogenannte Fremdfiguren, was ich auch meistens viel spannender finde. Das hat mir mein Vater mal beigebracht, es gibt zwei Arten von Schauspielern: Den Persönlichkeitsschauspieler und den Fremdfigurenerfinder bzw. - Hersteller.

Michaela Boland: Was ist der Unterschied?

Francisco Medina: Gerard Depardieu ist beispielsweise ein Persönlichkeitsschauspieler. Er ist immer Gerard Depardieu. Aber, er ist so ein spannender Typ, dass er, wenn er sich vorstellt, König oder Bettler zu sein, dieser als Gerard Depardieu ist. Während beispielsweise ein Daniel Day Lewis schaut, wie ein König oder Bettler sein könnte und diesen erst entsprechend erfindet, sich ihn baut und zu ihm wird. Beide Arten sind super, doch meistens beherrscht man nur eine davon. Aber, wenn man den Core gefunden hat, kann man eben alles machen.

Michaela Boland: Was genau ist der Core?

Francisco Medina: Im Grunde genommen die Summe all deiner handwerklichen, technischen Fähigkeiten, kombiniert mit deiner Intuition und der Erarbeitung einer Figur. Wenn du dann den Kern einer Figur begriffen hast und auch leben kannst, dann kannst du alles tun.

Michaela Boland: Man muss also nicht mehr groß überlegen, wie die Figur in bestimmten Momenten sein würde, sondern hat sozusagen ihre Seele inhaliert?

Francisco Medina: Genau, denn du bist dann dieser Mensch und müsstest nicht mehr darüber nachdenken, wie du in einzelnen Situationen reagieren würdest, weil du den Kern erfasst hast. So hatten wir beispielsweise jetzt am Schluss in meiner Rolle als Maximilian eine Szene, in der er zum ersten Mal nach sechs Jahren tanzen musste. Ich selbst bin eher jemand, der sehr aus sich herausgeht, wenn er tanzt. Auch finde ich, dass die Frage, wie  die Figuren eines Schauspielers tanzen, ein sehr spannendes Thema ist.

Wenn sämtliche Figuren eines Schauspielers immer gleich tanzen, also so, wie der Mensch selbst tanzt, halte ich das für langweilig. Denn Menschen denken, fühlen, reden, riechen, schmecken und bewegen sich einfach anders. Und Maximilian war eben so ein Typ, der Tanzen eher doof fand. Der hat sich nur so ein bisschen bewegt und fand sich dabei cool. Ganz im Gegensatz zu mir.

Darüber musste ich bei der Umsetzung gar nicht nachdenken, Das war eine Kleinigkeit, die den meisten gar nicht auffiel, doch die Producerin, die die Rolle schon Jahre lang erarbeitet, kam dann zu mir und sagte, "das war so herrlich und witzig, wie du als Maximilian getanzt hast, wie bist du darauf gekommen". Ich habe einfach gedacht, dass Maximilian eben genau so tanzt. Der bewegt sich nun mal nicht exaltiert, sondern hat dabei dann eher noch einen Drink in der Hand. Das ist sozusagen der Emotional Core.

Michaela Boland: Erstaunlich ist, dass es während der Rolle kaum Gelegenheit zum Tanzen gegeben hat, wo "Maximilian von Altenburg" doch diverse eigene Hochzeiten gefeiert hat, wie in seiner Vita steht.

Francisco Medina: Ja, es gab aber immer nur einen Walzer.

Michela Boland: Hast du nach so einem Drehtag am Set einer Daily eigentlich auch mal etwas Emotionales mit nach Hause genommen oder war nach Drehschluss einfach Dienstschluss?

Francisco Medina: Leider nimmt man  nicht viel mit nach Hause. Ganz selten.

Michaela Boland: Ist das etwas anderes, wenn man auf der Bühne steht?

Francisco Medina: Ja.

Michaela Boland: Warum ist das so anders?

Francisco Medina: Weil Theater mit Wahrheit zu tun hat. Um wirklich ein guter ein Schauspieler zu sein, hat alles, was du tust, mit Wahrheit zu tun. Im besten Fall lernst du von jeder Rolle. Das hat einst George Tabori, der einer der wichtigsten Theatermenschen Deutschlands und der Welt gewesen ist, gesagt: "Spielen hat immer damit zu tun, dass du dich mit deinen Lügen, Ängsten und mit deinen Ticks konfrontierst."

Du kannst kein Stück über Drogen machen und dich nicht fragen, was für Süchte du selbst hast, denn das funktioniert nicht. Das ist aber leider die Art wie viele spielen, daher ist es so belanglos. Wenn du immer mit einer Art Übersetzung auf dein Leben auf die Bühne gehst, dann ist es eine echte Konfrontation, die dir tatsächlich an die Nieren geht und wobei du dann das berühmte "Pfund Fleisch" auf der Bühne lässt.

Das sind dann die Leistungen, wovon die Leute sagen, dass es faszinierend ist. Das ist das, woran ich glaube und das geht auf der Bühne leichter als bei einer Soap. Dort musst du nämlich in zwanzig Minuten eine Szene machen und dort ist ganz selten gewollt, dass du wirklich in eine intensive Auseinandersetzung mit einem Thema gehst.

Michaela Boland: Muss ein Schauspieler es nicht vermögen, sich auch in kürzester Zeit authentisch in ein Thema hineinzufinden?

Francisco Medina: Das kannst du schon, aber auch nicht dauernd. Bei so vielen Bildern am Tag kannst du es nicht ständig schaffen. Dafür werden Sachen ja zum Teil auch Wochenlang geprobt. Also, es geht und es geht nicht. Teilweise gab es ja auch das Klischee, man würde das Publikum überfordern, denn sie würden es dann nicht verstehen. Ich halte das für Blödsinn. Ich denke, das ist falsch. Zurzeit schneide ich ja mein Demoband und sehe mir meine Szenen und auch andere Dinge an. Da sind Sachen, bei denen ich womöglich zehn oder zwanzig Prozent drüber bin. Aber, mir ist es lieber, etwas zu wagen und etwas auszuprobieren als einfach nur zu funktionieren.

Michaela Boland: Bist du sehr kritisch mit dir?

Francisco Medina: Nein, eigentlich nicht. Oder sagen wir ja und nein. Ich habe gelernt, nicht mehr so kritisch mit Dingen zu sein, die ich ohnehin nicht verändern kann.

Michaela Boland: Deine Mutter ist Schauspielerin, dein Vater war Theater-Regisseur u.a. am Berliner Ensemble. Sagen deine Eltern dir da hin und wieder, dieses oder jenes war gut, anderes weniger gut?

Francisco Medina: Nein, eigentlich nicht. Meine Mutter ganz selten, so gut wie nie. Mein Vater ist, glaube ich, ein großer Fan von mir, sagt es aber auch nicht oft. Nein, wenn meine Eltern mal etwas gesagt haben, war es wichtig, hatte also Gehalt, aber ich hatte keine Eltern, die mich mein Leben lang angefeuert haben. Das ist aber gut, weil ich dadurch gelernt habe, mich selber anzufeuern.

Michaela Boland: Sind sie denn stolz auf dich?

Francisco Medina: Ja, ich glaube schon. Aber, so ganz sicher bin ich mir nicht. Das war auch eine lange Zeit ein großes Thema in meinem Leben, das mich nicht so glücklich gemacht hat. Dass ich wenig Anerkennung von meinen Eltern bekommen habe. Das war auch nicht schön und es gab viele Leute, die darüber echt sauer waren, denn meine Eltern haben sich so gut wie nie Stücke von mir angesehen. Das war komisch, weil sie ja auch in dem Beruf sind.

Aber, ehrlich gesagt, ist das im Nachhinein gut, weil ich gelernt habe, dass ich in erster Linie die Anerkennung und das Feedback von einer Person brauche: Das bin ich selbst. Das ist wie in einer Partnerschaft. Wenn du mit jemandem zusammen bist, dann ist der andere Luxus, er ist eine Dreingabe. Aber, er muss dich nicht lieben, damit du glücklich bist. Dann ist alles viel besser und viel entspannter. In den meisten Beziehungen geht es ja darum, dass der andere deine Defizite ausgleicht und das schafft er vielleicht ein paar Wochen oder Monate, doch das geht nicht ewig gut und dann fängt das Drama an.

Michaela Boland: Befindet sich die Eltern-Kind-Beziehung nicht noch mal auf einer anderen Ebene als die partnerschaftliche?

Francisco Medina: Ja, auch.

Michaela Boland: Du hast am eigenen Leib erfahren müssen, dass es für manche psychisch auffällige Menschen, die sich natürlich auch unter den Fernsehzuschauern befinden, keine Grenzen zwischen der Realität und der Rolle, die du verkörpert hast, mehr gibt. Eine geistig verwirrte Frau plante offenbar, dich zu töten und zu "zerstückeln", weil sie dich für den Freitod ihrer Schwester verantwortlich machte. Wie bist du mit den Morddrohungen dieser offensichtlich kranken Frau fertig geworden?

Francisco Medina: Die hat mir gerade geschrieben, das fand ich ganz schön. Sie schrieb mir jetzt: "Vielen Dank, dass du ausgestiegen bist. Dann muss ich mir den Scheiß nicht mehr anschauen." Ich dachte, das ist irgendwie unlogisch (lacht).

Michaela Boland: Laut Medienberichten wurden längst juristische Schritte gegen die Frau eingeleitet. Wie gelangte sie an deine Kontaktdaten und wie konnte sie den Kontakt noch weiterhin aufrecht erhalten?

Francisco Medina: Die Kontaktdaten hat sie sich ergaunert. Ich habe in der Alles-was-zählt-Zeit mit so vielen Menschen Kontakt gehabt, die mich bedroht oder gestalkt haben, doch mir war das relativ gleichgültig, solange nicht andere Menschen mit hineingezogen wurden. Aber, gerade diese Frau hat meine Familie mit hineingezogen.

Michaela Boland: Wie zu lesen war, wurde auch dein Bruder von ihr bedroht.

Francisco Medina: Genau. Das war auch der Grund dafür, dass ich mich abgegrenzt habe. Das ist dann erschreckend. Es gibt auch viele Leute, die sagen, "da musst du doch jetzt die ganze Zeit über deine Schulter gucken". Das habe ich zwar nicht getan, doch es ist schon unfassbar, wie viele Menschen wirklich krank sind.

Michaela Boland: Wie bist du konkret gegen die Täterin vorgegangen?

Francisco Medina: Mit anwaltlicher Hilfe.

Michaela Boland: Gab es eine einstweilige Verfügung?

Francisco Medina: Ja. Ach, das bringt kaum etwas. Das hat alles irgendwie kaum Effekt. Das ist ja das Traurige, dass du dich gegen Stalker kaum wehren kannst. Das ist bei Frauen, die betroffen sind und sich gegen Männer zur Wehr setzen müssen, nochmal viel krasser. Das ist noch ein viel größeres Thema.

Michaela Boland: Kannst du nach deinen persönlichen Erfahrungen Menschen, die von anderen gestalkt werden, etwas raten?

Francisco Medina: Nicht darauf reagieren.

Michaela Boland: Du selbst hast zunächst reagiert.

Francisco Medina: Ja, weil ich damit wenig Erfahrung hatte und sie mir eine herzzerreißende Geschichte erzählt hat und ich einfach Trost spenden wollte. Aber, wenn du angeschrieben wirst, am besten nicht darauf einlassen und antworten. Denn sie wollen erst deinen kleinen Finger, doch dann wollen sie immer mehr und mehr. Zuerst behaupten sie, ein Gespräch am Telefon würde ihnen ausreichen, doch  es wird mehr und hört nicht mehr auf. Ich bin Leuten gegenüber gerne herzlich, doch man fängt irgendwann an, nicht mehr so herzlich zu sein, wenn man solche Erfahrungen gemacht hat.

Das ist schade, weil ich gerne offen bin. Doch einige Menschen interpretieren das leider fehl. Sie denken dann, dass man verliebt sei oder etwas von ihnen wolle. Ich habe interessanterweise immer viel Erfahrung mit Menschen gemacht, die sehr verwirrt sind. Anscheinend habe ich sie angezogen. Auch habe ich mich manchmal gefragt, ob ich vielleicht selbst verrückt bin, dass ich sie alle anziehe. Und die Antwort war definitiv "ja".

Doch der Hauptgrund liegt wohl eher darin, dass ich sehr viel Empathie für Menschen besitze, die schwärmen. Ich glaube, dass sie das spüren. Womöglich ist das auch der Grund dafür, dass ich eher jemanden wie Maximilian spielen kann, wobei ich natürlich auch Romeo spielen kann. Doch die vermeintlich dunklen Charaktere fallen mir vielleicht leichter, weil ich sie verstehe. Man kann jemanden nur darstellen, wenn man versteht, was er durchmacht. Wenn du die Leute, die du spielst, verurteilst, funktioniert es nicht.

Michaela Boland: Wie setzt du dich dann mit Rollen auseinander, die Charaktere beinhalten, für die man im wirklichen Leben eher gar keine Sympathie entwickeln könnte? Stichwort Mörder oder Vergewaltiger.

Francisco Medina: Du kannst immer unterscheiden zwischen dem Menschen und dem, was er tut. Das ist immer eine gute Möglichkeit, sich mit solchen Charakteren auseinanderzusetzen. Du hast in Jedem immer noch einen menschlichen Kern, eine Person und ein Wesen. Das kannst du anerkennen, du kannst dieser Person sogar Liebe geben. Doch du kannst trotzdem unterscheiden, dass das, was sie getan hat, absolut verurteilenswert ist. Das ist die Art und Weise, wie ich mich als Schauspieler solchen Figuren nähere. Ich habe Empathie für ihre Menschlichkeit und null Toleranz für das, was sie getan haben. So kriegst du da einen Fuß hinein.

Michaela Boland: Die Presse hat vor Kurzem ausführlich darüber berichtet, dass du jetzt aus der Serie ausscheidest. Ist das nur ein vorübergehender oder ein Abschied für immer?

Francisco Medina:  Ich glaube, das ist allen nicht so klar.

Michaela Boland: Du bist noch bis Ende Oktober zu sehen, doch wann war dein letzter Drehtag?

Francisco Medina: Mitte August.

Michaela Boland: Du hast geschildert, dass du  nun ein wenig Zeit für dich brauchst. Was genau hast du vor?

Francisco Medina: Das wandelt sich ständig. Das Hauptargument ist, mich weiterzuentwickeln. Noch etwas anderes sehen, etwas anderes erleben, etwas anderes sein, etwas anderes fühlen und etwas anderes erschaffen.

Michaela Boland: Wenn man in einem solch erfolgreichen Format mitwirkt, stellt dies zunächst auch eine gewisse finanzielle Sicherheit dar. War es insofern eine mutige Entscheidung, die Serie zu verlassen oder betrachtest du sie als rein konsequente?

Francisco Medina: Beides. Mutig und konsequent.

Michaela Boland: Wie siehst du die Entwicklung der derzeitigen Nachmittags- bzw. Vorabend-Unterhaltung im TV generell?

Francisco Medina: Das kann ich nicht beurteilen. Ehrlich gesagt sehe ich kaum fern. Eigentlich habe ich das mein Leben lang selten getan. Einen Fernseher habe ich mir erst geholt als ich bei `Alles was zählt ‘angefangen habe. Dann habe ich mir mal alles angeschaut, auch dieses Dschungelcamp und DSDS (Anm. d. Red.: Deutschland sucht den Superstar). Man kann sagen, dass ich mir vor sechs Jahren wirklich jede Show angesehen habe, die es so gibt.

Michaela Boland: Und dein Urteil?

Francisco Medina: Wenn man es sich einmal anschaut, ist es unterhaltsam. Doch beim zweiten Mal fängt es dann schon an, irgendwie langweilig zu werden. Deswegen kann ich es kaum beurteilen, denn ich habe vor drei Jahren eigentlich wieder damit aufgehört, Fernsehen zu schauen.

Michaela Boland: Ist das Gerät wieder weg?

Francisco Medina: Nein, ich habe den Fernseher noch, aber ich gucke nur Filme.

Michaela Boland: Was siehst du dir dann gezielt an?

Francisco Medina: Alles Mögliche. Was mir ebenso als DVD in die Hände fällt. Jetzt gerade habe ich zum Beispiel `Silver linings" geschaut. Ein großartiger Film.

Michaela Boland: Hast du das Gefühl, dass sich das Bild des Daily Soap-Formates generell in den letzten Jahren gewandelt hat?

Francisco Medina: Das weiß ich nicht. Ich glaube ja,  Bei mir auf jeden Fall. Ich habe viel mehr Hochachtung vor dem, was die Leute da machen. Ich weiß jetzt, dass du auch bei einem solchen Format ein sehr guter Schauspieler sein kannst. Als ich dort angefangen habe, waren tolle Schauspieler dabei und tolle Geschichten. Es war einfach insgesamt toll.

Michaela Boland: Wenngleich du selbst nicht viel Fernsehen schaust, hast du womöglich von den verhältnismäßig neuen Täglich- Formaten "Berlin Tag und Nacht" bzw. "Köln 50667" gehört, bei denen derzeit Laiendarsteller Traumquoten einspielen. Hast du vielleicht sogar schon einmal rein geschaut?

Francisco Medina: Ja, ich habe es mir nur leider nicht lange angesehen, weil ich es nicht aushalten konnte.

Michaela Boland: Wie erklärst du dir den Erfolg solcher neuen Formate?

Francisco Medina: Ich glaube, wir haben in Deutschland ein Problem: Wenn Laiendarsteller interessanter anzuschauen sind als Schauspieler, dann sollte man sich Gedanken darüber machen, woran das liegt. Ich kann zwar verstehen, warum die Leute sich diese Sendungen ansehen. Das hat wohl damit zu tun, dass sie sich wiedererkennen und dass diese Menschen so sind wie sie sind. Sie spielen zwar ganz grauenvoll, aber, sie müssen auch nicht spielen.

Denn im Endeffekt  sieht man ja, dass die Darsteller genauso sind, wie jene, die sie spielen. Das heißt, sie sind zu neunzig Prozent auch im wirklichen Leben so. Vielleicht sind jene Darsteller in ihrem schlechten Spielen authentischer als wir Schauspieler in unserem bemühten Spielen. Das sollte uns zu denken geben. Vielleicht sollten wir authentischer sein, dann würden die Leute auch wieder uns anschauen.

Michaela Boland: Sollte man also womöglich nur noch Persönlichkeitsschauspieler hervorbringen?

Francisco Medina: Nein, ich glaube es gibt einfach eine Sache, die Menschen lieben, fürchten, von der sie fasziniert sind und von der sie nicht genug kriegen können. Und das ist die Wahrheit. Anscheinend sind die Leute bei Berlin Tag und Nacht wahrhaftiger als die in so manch anderer Soap. Das ist eine ziemlich krasse Aussage, aber, es ist auch nur eine These, die ich aufstelle. Diese Darsteller sind in gewisser Weise authentisch, zwar nicht in ihrem Spiel, aber so wie sie sind.

Das müssen wir als Schauspieler auch sein. Wenn wir authentisch sind und authentische Geschichten erzählen, dann werden die Leute automatisch einschalten und zuschauen. Denn jeder will die Wahrheit wissen. Das ist der Grund, warum die Menschen ins Kino gehen. Sie gehen ja nicht nur dahin, um sich abzulenken und um eine gute Zeit zu haben, sondern, weil sie wissen wollen, wie man zu leben hat und wie Leben funktioniert.

Sie wollen von denjenigen, die Hoffnung haben, lernen, dass sie mit ihren Problemen zurecht kommen und ein besseres Leben haben. Das ist der einzige Grund, warum es Theater gibt. Es geht darum, die Wahrheit zu Tage zu fördern. Das ist das Spannendste, was du tun kannst, alles andere ist Sinn- und Belanglos und hat  meiner Meinung nach keinen Wert.

Michaela Boland: Siehst du das genauso im Hinblick auf die sogenannten gescripteten Reality-Formate, die mit normalen Komparsen für das Nachmittagsprogramm umgesetzt werden?

Francisco Medina: Ich bin nicht die Zielgruppe. Mich langweilt das total. Ich sehe da niemanden, mit dem ich mich identifizieren kann. Das wäre vielleicht anders, wenn ich da einen Typen sehen würde, der so wäre wie ich. Vielleicht würde ich es dann interessant finden.

Michaela Boland: Gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den Menschen, die zu dir ins Theater kommen, um dich auf der Bühne zu sehen und denen, die dich regelmäßig auf dem Bildschirm verfolgen?

Francisco Medina: Ja, ich denke schon, dass es da eine unterschiedliche Klientel gibt. Aber schön ist, wenn die beiden sich immer wieder in das andere Medium verirren.

Michaela Boland: Du bist in Rostock, der ehemaligen DDR, geboren.1989 kam die Wende. Wie hast du diese Zeit damals als Kind erlebt?

Francisco Medina: Das war eine wichtige und spannende Zeit. Auch war sie sehr abenteuerlich und hat mich sehr geprägt. Ich stand an der Straße als Gorbatschow mit dem Auto vorbei gefahren ist. Ohne zu wissen, wer Gorbatschow war, habe ich ganz heftig eine Sowjet-Fahne geschwungen. Ich war sehr inspiriert und aufgebracht. Ich war vollkommen erfüllt, denn ich hatte mich nur im Unterricht damit beschäftigt, dass das ein Mann war, der Gutes tun und Gerechtigkeit bringen wollte. Das hat mir damals sehr imponiert.

Michaela Boland: Ist man dir zu irgendeinem Zeitpunkt in Westdeutschland einmal mit Ressentiments entgegengetreten, wenn bekannt wurde, dass du aus dem Osten des Landes kommst?

Francisco Medina: Nein,  denn die meisten wissen ja  nicht, dass ich aus Ostdeutschland komme. Aber, interessant ist natürlich, wenn man mit Leuten unterwegs ist und die schimpfen dann über Ossis und man sagt dann, "übrigens, ich bin auch..." Es wird immer Vorurteile geben.

Michaela Boland: Du entstammst einer Künstlerfamilie, deine beiden Eltern sind politische Emigranten aus der chilenischen Pinochet-Diktatur. Wie ist deine Familie damit umgegangen?

Francisco Medina: Meine Eltern haben mir schon ein bisschen darüber erzählt, allerdings nicht viel. Es war natürlich ein großes einschneidendes Erlebnis und der Grund dafür, warum meine Eltern damals geflüchtet sind. Es war viele Jahre ein wichtiges Thema, über das aber kaum gesprochen wurde. Ich glaube, dass man an einer solchen Erfahrung sehr wächst.

Als Familie und auch als Mensch. Deswegen ist es ja auch so, dass die interessantesten Theatermacher,  die es in Europa gegeben hat, diejenigen sind, die nach dem Krieg die erste Generation war. Weil die einfach wussten, warum sie taten, was sie taten. Die waren einfach am nächsten dran. Man muss im Grunde ja auch heute nicht weit gehen, um zu sehen, wie es auf der Welt bestellt ist. Daher glaube ich auch ganz fest, dass es demnächst einen großen Wechsel geben wird.

Michaela Boland: Welcher Art?

Francisco Medina: Die Gesellschaft wird sich in den nächsten Monaten oder Jahren verändern. Vielleicht zum Positiven, vielleicht auch zum Negativen, womöglich sogar zu beidem. Jedoch denke ich, dass wir in dieser Gesellschaft, die so oberflächlich und weltfremd ist, nicht so weiterleben können. Es geht nicht, dass wir mit genau dem Lifestyle, den wir haben, so weiter existieren können. Dafür sind wir zu wenige und viele Laien. Das kann nicht gut gehen.

Wenn wir unseren Lebensstandard und unseren Reichtum nicht dafür einsetzen, um die Lebensverhältnisse aller Menschen zu verbessern, wird es ein böses Erwachen geben. Diese ganze Aktienblase war doch nur so ein Vorausbote. Es ist doch ohnehin absurd, dass Menschen Geld damit verdienen, Dinge zu verschachern oder irgendwelche Papiere hin und her zu transferieren. Das braucht man gar nicht. Es gibt viel elementarer Dinge, die wir benötigen. Daher glaube ich ganz fest daran, dass es zu einem Wechsel kommen wird.

Michaela Boland: In welcher Weise wird sich diese Veränderung deiner Meinung nach vollziehen? Denkst du an einen sich von unten nach oben vollziehenden Wechsel im Sinne einer Revolution?

Francisco Medina: Ich weiß es nicht, könnte mir aber vorstellen, dass es von beiden Seiten passiert. Von oben nach unten und unten nach oben. Es wird einfach die Notwendigkeit gegeben sein. Es gibt zu viel Leid. Zwar gibt es auch sehr viele schöne Dinge, doch leider auch viel zu viele Sachen, die so nicht akzeptabel sind.

Michaela Boland: Du selbst tust bereits etwas, denn du bist in verschiedenen Hilfsprojekten engagiert. Was genau machst du da?

Francisco Medina: Die Thomas-Engel-Stiftung hat ein Projekt mit Aidskranken Waisen in Swasiland. Dort will ich hinfahren und die Kinder besuchen. Ich möchte dort mit einem Freund einen kleinen Film drehen und versuchen, mit dieser Dokumentation ein wenig Geld für die Kinder zu akquirieren.

Michaela Boland: Mit dem Filmen beschäftigst du dich somit auch aktiv. War dein Weg in die Schauspielerei durch den familiären Background eigentlich vorgezeichnet oder hätte durchaus auch etwas anderes in Frage kommen können?

Francisco Medina: Ich glaube, nein.

Michaela Boland: Du hast auch Tanztheater-Erfahrung und kannst steppen. Kannst du bei all deinen Fertigkeiten wie der Schauspielerei auf der Bühne, vor der Kamera, dem Regieführen oder dem Tanzen benennen, wo deine Präferenzen liegen?

Francisco Medina: Ich glaube, dass das, was du da gerade aufzählst, alles vorbei ist. Jedenfalls könnte ich mir das vorstellen. Ich denke, dass das, was jetzt kommen wird, mir am meisten Spaß machen wird. Und was das sein wird, das weiß ich, ehrlich gesagt, noch nicht. Ich könnte mir auch vorstellen, gar nicht mehr zu spielen.

Michaela Boland: Du scheinst sehr offen zu sein für das, was jetzt auch immer kommen mag?

Francisco Medina: Ja, total.

Michaela Boland: Man trifft verhältnismäßig selten auf Menschen, die Menuett tanzen können. Ich las, dass du es kannst. Muss man das beherrschen, wenn man bei dir auf eine Party eingeladen wird?

Francisco Medina: Oh Gott, wo hast du das denn her?  Ich habe tatsächlich Menuett an der Schule in Rostock gehabt, aber ich bin aus dem Unterricht rausgeflogen. Da hat die Lehrerin, die mich sehr liebte und die einfach toll war, zu mir gesagt, "alles, nur nicht Menuett, das ist nicht deine Kultur. Du wirst es einfach nie kapieren. Es ist, als ob ein Indianer aus dem Dschungel kommt. Das ist total absurd. Bitte nicht". Das war eben wirklich einfach nicht meine Kultur. Die Musik ist schön, doch der Tanz ist irgendwie künstlich.

Michaela Boland: Im Rahmen eines Liveprogrammes mit dem Titel "Hungrig", welches in gewissen Abständen in unterschiedlichen Städten stattfindet, stellst du jetzt regelmäßig hoffnungsvolle, bereits preisgekrönte  junge Instrumentalisten vor. Was hat es damit auf sich?

Francisco Medina: Das ist einfach etwas, was ich just for fun tue. Da mache ich einen Abend mit jungen Solisten, die ein tolles Instrument beherrschen und vielversprechend sind. Die spielen dann ein bis zwei Stücke. Etwas Klassisches und etwas Modernes. Die eine oder andere Nummer machen sie dann auch mit mir zusammen und ich werde durch den Abend führen und zwischendurch auch meinerseits ein paar Gedichte, Geschichten, Anekdoten und Lieder zum  Besten geben.

Ich mache das jetzt zum dritten Mal. Das macht Spaß und vielleicht kann ich durch meinen Namen und das Fernsehen ein paar Leute dazu motivieren, da hin zu gehen Dann entdecken sie vielleicht klassische Musik oder ein paar neue Künstler für sich. Ich selbst schätze klassische Musik mit den Jahren auch immer mehr.

Michaela Boland: Hast du an der Hochschule auch ein Instrument erlernt?

Francisco Medina: Nein. Ich aber habe als Schüler mal E-Gitarre in einer Rockband gespielt. Das war cool. Aber das Liveprogramm mache ich einfach aus Spaß. Ich glaube, wenn einem etwas Spaß macht und man es mit anderen Leuten tut, die auch Spaß daran haben, ist das immer etwas, das unterhaltend sein kann. Und vor allem ist es etwas mit tollen Texten, tollen Liedern und tollen Musikstücken.

Das ist einfach etwas, wo du raus gehst und als Zuhörer inspiriert bist und auch etwas mitnimmst. Das Schönste ist immer, wenn Leute dir anschließend sagen, "ich habe noch zwei Tage über den Text nachgedacht, den sie vorgetragen haben". Das sind entweder sehr nachdenkliche oder leidenschaftliche Texte. Es geht um Liebe, um den Tod oder um das Erwachsen werden. Das finde ich ganz gut.

Michaela Boland: Wo rekrutierst du die neuen Talente?

Francisco Medina: Das macht Armin Hupp. (Anm. d. Red.: ah-promotion.de ) Er hat da so ein Auge für, entdeckt sie und bringt sie dann alle zusammen.

Michaela Boland: Sind das immer dieselben jungen Leute oder jedes Mal andere?

Francisco Medina: Es sind immer unterschiedliche Leute. Beim nächsten Mal sind es Künstler aus der Region, in der der Abend stattfindet. Beim letzten Mal war ein ganz toller Künstler namens Tristan dabei. Er kam aus London, hat eine ganz spezielle Orgel selbst gebaut und spielt darauf seine eigenen Popsongs.

Michaela Boland: Wie alt sind die Künstler im Durchschnitt?

Francisco Medina: Zwischen 16 bis Ende 20 oder Mitte 30.

Michaela Boland: Warum heißt das Programm "Hungrig"? Geht es um den Hunger auf Erfolg?

Francisco Medina: "Hungrig" war der ursprüngliche Titel eines Programmes, das ich vor Jahren einmal gemacht habe, oder immer wieder mal mache. "Hungrig bin ich" ist nämlich der Titel von einem Liebesgedicht von Pablo Neruda. Da beschreibt er die Frau, die er liebt, wie Nahrung. Armin hat das wohl einfach mal weiter verwendet.

Michaela Boland: Du wünschst dir eine Familie. Gibt es zwischenzeitlich eine Liebe in deinem Leben?

Francisco Medina: Nein. Aber, ich gucke auch gar nicht so sehr.

Michaela Boland: Sind dir als TV-Star regelmäßig viele Herzen zugetan?

Francisco Medina: Ich kriege das, ehrlich gesagt, gar nicht so mit. Viele Angebote blende ich wohl aus. Bin aber gerade mit anderen Dingen beschäftigt und null Komma null auf der Suche.

Michaela Boland: Du hast erwähnt, dass du gerne Vater werden möchtest. Ist das noch so?

Francisco Medina: Ja. Ich hätte schon Lust, Vater zu werden. Das kann ich mir gut vorstellen, das würde Spaß machen.

Michaela Boland: Was liest du derzeit?

Francisco Medina: Ich lese gerade "Heirate dich selbst" von Veit Lindau. Und ein weiteres Buch über Meditation von diesem Mönch, Ricard. Außerdem noch ein Buch über basische saure Ernährung.

Michaela Boland: Achtest du auf deine Ernährung?

Francisco Medina: Ja. Ich achte zumindest darauf, mich so zu ernähren wie mein Vater sich sein Leben lang ernährt hat. Nämlich von viel Gemüse, Obst, Nüssen und Fleisch. Er ist Sohn eines Bauern und kommt vom Land. Ich versuche, diesen ganzen Müll zu meiden und ich gönne mir nur ab und zu mal Fleisch, auch aus Gründen der Massentierhaltung. In was für einer Zeit leben wir? Betrachtet man nur mal das Fernsehen. Es geht doch nur darum, die Menschen still zu halten.

Mit Zucker, mit Drogen in Form von Fernsehen, in Form von Nahrung, damit ein paar entscheiden können, was auf der Welt passiert. Darum geht es im Grunde genommen. Ich versuche mich da einfach raus zu halten, um einen gesunden klaren Geist und einen gesunden Körper zu haben. Ich glaube, das geht Hand in Hand.

Auch denke ich, dass du nur so Weiterentwicklung erreichst, indem du dich von allem fern hältst, was dein Leben beeinträchtigt. Ich trinke auch schon mal Cola oder erlaube mir mal Eiscreme oder esse Süßigkeiten, aber ich tue es dann mit einem guten Gefühl und mache es bewusst. Es geht nicht einfach nur um gutes Aussehen  oder darum, sich gut zu fühlen, sondern es geht um eine ganze Lebensweise.

Michaela Boland: Lieber Francisco, für alle anstehenden Projekte, die nun kommen mögen, viel Glück und herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

 

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29.09.2013 MICHAELA BOLAND TRIFFT KONRAD BEIKIRCHER

GFDK - Michaela Boland

Seit 35 Jahren begeistert er ein Millionenpublikum vor den Bildschirmen und auf den Bühnen Deutschlands. Als "Spezialist für das Rheinland" hat es sich der Kabarettist Konrad Beikircher u.a. zur Aufgabe gemacht, den Menschen in puncto Mundart einen Spiegel vorzuhalten. Dabei schaut der hochgebildete Südtiroler den Leuten nicht nur ganz genau "aufs Maul", sondern seziert und analysiert deren Verhaltensweisen auf derart charmante Weise, dass sie ihm selbst das eigene Vorgeführt-werden höchst gern verzeihen.

Der 67-Jährige, der sein rheinisches Dialekt-Basiswissen einst als Gefängnispsychologe auch bei inhaftierten Analphabeten erwarb, hält den Boden für politisches Kabarett dank des Privatfernsehens für tot. Dennoch ist er sich sicher, dass es auch in 500 Jahren noch Menschen geben wird, die die Odyssee in griechischer Sprachen lesen wollen. Warum es den Kabarettisten nach Bonn verschlug, aus welchem Grund er größten Respekt vor Kinderpublikum hat und wie er sein Zusammentreffen mit Jürgen Bartsch empfand, hat er mir im Kölner Gürzenich erzählt.

Michaela Boland: "Das Beste aus 35 Jahren" präsentieren sie heute einer geschlossenen Gesellschaft, nämlich den Mitgliedern eines "Grund- und Boden-Vereins. Bereiten sie sich auf ein spezielles Publikum grundsätzlich auch in spezieller Weise vor?

Konrad Beikircher: Nein, das trage ich heute genauso vor wie sonst auch. Es ist ja sozusagen "normales Publikum", wenn auch aus einem eingeschränkten Pool. Etwas anderes ist es, wenn man so etwas wie  eine Gala hat. Wenn beispielsweise der Deutsche Übersetzer-Preis verliehen wird, bin ich im Vorfeld schon etwas nervös. Deutschland ist ja das Mekka aller Übersetzer, was wenige wissen. Gleichzeitig wird den Übersetzern ausgerechnet in Deutschland mit am wenigsten Honorar bezahlt. Ich glaube, pro Seite Literatur gibt es ungefähr 80 Cent. Bei Sachtexten ist es noch viel weniger.

Bei Gedichten liegt es, wie ich meine, ungefähr bei einem Euro zehn. Wenn man weiß, was Übersetzen heißen sollte, ist das natürlich ganz furchtbar. Es gibt einen ganz tollen Satz, der lautet: "Ohne Übersetzer gäbe es keine Weltliteratur." Denn ohne jene Übersetzer hätten wir ja nur nationale Literatur. Jedenfalls existiert ein Übersetzer-Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist.

Wenn ich dann engagiert bin, um im Düsseldorfer Schauspielhaus einen zweistündigen Abend zum Thema "Übersetzen am Beispiel einer Mozart-Arie aus Figaros Hochzeit", die im Original italienisch ist, jedoch immer wieder übersetzt wurde, zu machen, dann ist das natürlich schon etwas Besonderes.

Auch wenn ich  bei internen Firmen-Festakten als "Experte für das Rheinland" gebucht werde, schreibe ich dann natürlich extra etwas. Das läßt man sich dann auch gut bezahlen, da kriegt man auch Schmerzensgeld. Du nimmst Versatzstücke von dem, was passt und schreibst natürlich nicht nur verbindende Worte, sondern man muss da dann auch ein wenig zu der entsprechenden Gesellschaft  sagen.

Michaela Boland: Das klingt nach einer längeren Vorbereitungszeit für besonderes Publikum.

Konrad Beikircher:  Wenn es um so etwas wie das Übersetzen geht, durchaus. Ich habe selbst einiges übersetzt und kenne die Stolperfallen. Also, zwei Wochen bin ich insgesamt schon damit beschäftigt.

Michaela Boland: Sind sie bilingual aufgewachsen?

Konrad Beikircher: Ja, Italienisch und Deutsch. In Südtirol hatten wir eine italienische Nachbarschaft und ungefähr ab meinem dritten Lebensjahr wuchs ich dann entsprechend zweisprachig auf. Das heißt, eigentlich hatte ich Dialekt, Hochdeutsch und Italienisch. Da der Dialekt ganz anders ist als Hochdeutsch, bin ich eigentlich sogar dreisprachig aufgewachsen.

Michaela Boland: Die Sprachbegabung scheint vorhanden. Wie sah es denn in Mathematik aus?

Konrad Beikircher: Bis zur Matura (Anm.d. Red: Abitur in Österreich) war ich immer schlecht in Mathematik Das lag aber ganz offensichtlich an den Unterrichtenden. Das kann ich deshalb sagen, weil ich Psychologie studiert und währenddessen drei Semester Statistik gemacht habe. Obwohl ich davon zuvor quasi nie etwas gehört hatte, ging mir das leicht von der Hand. Mein Vater war ein guter Mathematiker, also offensichtlich bin ich dann eben doch mathematisch begabt gewesen. Doch leider zu spät. Was willst Du machen?

Michaela Boland: Ist es nach ihrem Dafürhalten ein Vorurteil, dass Menschen, die eine sprachliche Begabung haben, angeblich häufig Defizite in Mathe aufweisen.

Konrad Beikircher: Bei mir kommt eher die andere Verwandtschaft zum tragen. Musik und Mathematik. Musiker haben immer ein Gefühl für rhythmische Strukturen und für Gebilde. Ich habe es zwar nie erlebt, doch ein Freund von mir hat fünf Jahre lang Musik in Indien studiert und ist auch immer noch von der sechs- bis siebentausend Jahre alten Tradition fasziniert. Für viele Inder ist Beethoven ja ein zeitgenössischer Komponist.

Da gibt es in den klassischen Ragas, die mit großen Symphonien vergleichbar sind, Takteinheiten, die bis zu 800 Takte beinhalten, dann kommt die nächste Einheit mit ebenso vielen Takten. Das Ganze geht dann vier bis fünf Mal so. Da sitzt dann ein Fussballstadion voll mit hunderttausend Indern, die Musik läuft und plötzlich schreien sie alle. Das tun sie deshalb, wie mein Freund mir erklärt hat, weil im Takt 799 die Musiker das Richtige getan haben. Der kleine Change ist erfolgt und Schwupp, die neue Einheit wurde wieder angebahnt. Genau das hören sie eben heraus.

Michaela Boland: Klingt nach gut geschulten Ohren.

Konrad Beikircher: Ja, einerseits geschult, doch das bedeutet auch, dass musikalische Strukturen zu erkennen auch die Fähigkeit des Erkennens von mathematischen Strukturen voraussetzt.

Michaela Boland: Ob das grundsätzlich so sein muss?

Konrad Beikircher: Naja, es ist ja kein Muss. Von Einstein hieß es das ja immer, aber Einstein war immerhin ein schlechter Musiker und da gibt es eine schöne Geschichte. Nämlich die, die er mit dem großartigen Weltgeiger, Fritz Kreisler, erlebt hat. Wenn der in die USA reiste, dann kam er nach Princeton, denn die beiden waren gut befreundet. Dann haben sie gerne Streichquartett gespielt. Einstein hat Geige gespielt und dann haben sie ihn halt die zweite Geige spielen lassen.

Fritz Kreisler hat die erste Geige gespielt. Außerdem gab es noch jemanden für die Bratsche und einen Cellisten. Also haben sie sich mit einem Haydn Quartett, einem Menuett im Dreiviertel Takt abgeplagt. Einstein ist immer  wieder rausgeflogen und dann hat Fritz Kreisler den legendären Satz gesagt, " aber Herr Professor Einstein, bis drei werden sie wohl noch zählen können". Aber, man muss natürlich sagen, dass Einstein in der Tat kein guter Musiker war.

Michaela Boland: Sprache ist ihr Arbeitsmittel. Was bedeutet sie Ihnen?

Konrad Beikircher: Sprache ist neben den Urlauten, also den Schmuse- und Ablehnungslauten, natürlich die engste und früheste Beziehung zur Mutter. Sprache ist ein unglaublich wichtiges Instrument, sich vertraulich mitzuteilen. Gerade die Zärtlichkeits,- Zuwendungs- und Liebessprache, empfinden ja viele auch als Erwachsene als gar nicht so einfach. Insoweit als man erst einmal lernen muss, sich auch in der Paarbeziehung fallen zu lassen. Nehmen wir einmal folgendes Beispiel:

Ich kam ja aus Südtirol, habe mich dann unsterblich in eine Kommilitonin verliebt und wir haben dann auch geheiratet. Sie kam aus "Meenz", also Mainz, sprach allerdings ansonsten Hochdeutsch. Ich habe zu der Zeit noch stark südtirolerisch gesprochen. Ich hätte natürlich gesagt, "i mog di", denn das wäre in meinem Idiom die richtige kleine Liebeserklärung gewesen, bzw. die Steigerung, "i mog di so viel gern". Das wäre, "ich hab dich ganz doll lieb" gewesen. Das ging aber nicht. Ich habe dann zu ihr gesagt, "Ich habe dich lieb" oder "ich liebe dich", aber, ich kam mir immer vor wie ein Lügner, obwohl das Gefühl stimmte.

Trotzdem war es ganz eigenartig, irgendwie wie eine ganz gespaltene Zunge. Also, Sprache ist unglaublich wichtig als ursprünglichste Kommunikation nach den Lauten. Auch ist sie nunmal die Möglichkeit, die Welt, in der du lebst, rational zu beschreiben und sie damit zu bewältigen. Das geht nämlich ansonsten nicht. Autisten können es vielleicht mit Malen oder Ähnlichem bewerkstelligen.

Aber üblicherweise brauchen die Menschen die Sprache, um effektiv mit anderen kommunizieren zu können. Das kannst du sachlich oder poetisch machen, kannst ein Rilke sein oder ein Kleist. Auch kannst du Sprache mit einem messerscharfen Verstand übersetzen oder wie ein Mörike mit wundervollen Gemütsgedichten. Das ist der Bereich, wo Sprache bereits ein bisschen an die Musik heranreicht.

Michaela Boland: Sie haben 35 Jahre ihres kabarettistischen Programms zusammengefasst und sind ebenso lange im Geschäft. Sind sie da vor Auftritten noch aufgeregt?

Konrad Beikircher: Das ist ganz unterschiedlich. Bei Abenden, die Routine sind, z.B. "Routine heisst mein Sprachprogramm" oder wenn ich mit `meinen Musikern` aus Frankfurt ein Programm spiele, "Apropos schön drauf sitzen", dann freue ich mich nur darauf und es ist wunderbar. Da gibt es Lampenfieber im klassischen Sinne eigentlich nicht mehr. Höchstens eine Minute bevor es los geht. Wenn es andere Dinge sind, wie beispielsweise die Moderation eines Klassik-Konzerts oder Kinderkonzerte, die ich auch häufiger moderiere, dann habe ich wahnsinniges Lampenfieber.

Da kann man mich schon zwei Tage vorher vergessen, weil ich kein Publikum mehr schätze als Kinder. Es ist das ehrlichste Publikum, aber es vergibt dir keinen falschen Zungenschlag. Kinder sind unglaublich sensibel. Du trittst falsch auf, vielleicht ein bisserl arrogant oder so, Kinder reagieren sofort darauf und dann hast du verspielt wie sonst etwas. Ich habe relativ viel Erfahrung, denn ich habe eine ganze Reihe Kinderhörspiele geschrieben. Mitte der Neunziger Jahre habe ich Sonntags Nachmittags eine Reihe in der Philharmonie in Köln gehabt, bei der immer 2000 Leute anwesend waren.

Das war der Wahnsinn. Es ging um zeitgenössische Musik für Kinder. Da war es in der Regel so, dass die Erwachsenen "buh" geschrien oder getobt haben und die Kinder haben großen Spaß gehabt, weil ich versucht habe, sie eben in eine ganz andere Art von Musik einzuführen. Bei Globoca, dem Laboratorium, ist es ganz brutal gewesen. Da sind Bohrmaschinen und Mischer auf der Bühne und damit wird Musik gemacht, dazwischen ist eine Geige. Das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Aber, du kannst es Kindern erklären, weil es etwas Spielerisches hat. Und schon glänzen die Augen und sie sind dabei.

Außerdem haben wir auch solche Dinge wie einen Verkehrsunfall gemacht. Dabei waren sie die Bremsen und sie waren der Crash. Dann kam die Straßenbahn und wir haben das alles durchstrukturiert. Also, man kann mit Kindern sehr viele hübsche Dinge machen, aber Lampenfieber habe ich da immer tierisch. Ansonsten eigentlich nur kurz vor einem Auftritt. Das ist auch gut so, denn das muss sein.

Ich gucke allerdings schon, wenn eine Umgebung ungewohnt ist. So zum Beispiel in Saarbrücken vor einem Konzert. Im letzten Jahr habe ich für einen Staatsakt die Festrede gehalten, "100 Jahre Staatsorchester". Da war ich aber nie zuvor und solche Dinge sind ja dann immer so erdrückend offiziell. Da schaue ich mir dann schon vorher an, wie die Leute ausschauen und wie sie sitzen. Das ist dann natürlich durchaus Lampenfieber.

Michaela Boland: Macht man sich bei einem derartigen Publikum dann auch Gedanken darüber, ob man "sie auch kriegt"?

Konrad Beikircher: Die Gedanken habe ich mir, ehrlich gesagt, noch nie gemacht, "Gekriegt" habe ich sie immer. Das ist mir überhaupt noch nie passiert, dass ich sie nicht gekriegt hätte. Ich bin auch noch nie von der Bühne gepfiffen worden. Ein einziges Mal habe ich selbst das Handtuch geworfen.

Michaela Boland: Was ging dem voraus?

Konrad Beikircher: Das war in Aachen. 7000 Leute standen auf dem Katschhof und es ging um Alemania Aachen. Die haben eine Jubelfeier veranstaltet. Ich glaube, weil sie in die Bundesliga aufgestiegen waren. Die hatten mich im Vorfeld für eine Open-Air Veranstaltung engagiert und direkt vor mir waren die Kolibris-"und-dann-die-Hände-zum-Himmel" dran. 7000 Leute waren voll auf der Welle und sie sangen eine halbe Stunde und danach kam ich.

Michaela Boland: Die waren wohl nicht mehr ruhig zu bekommen?

Konrad Beikircher: Das kann man vergessen. Da sind 7000 Leute wirklich einfach ganz woanders und auch völlig zu Recht. Da können weder die noch ich etwas dafür. Da hast du einfach keine Chance. Also, bin ich raus und habe gratuliert. Allerdings hatte ich der Band hinten schon vorher gesagt, dass sie gleich dran seien, weil mein Auftritt nämlich keinen Sinn mehr gemacht hätte. Dann war das ein netter Applaus und ich bin von der Bühne herunter gegangen und ein paar Leute, die davor standen,  sagten zu mir, "Ja, dat hätte auch nisch mehr jeklappt.

Dat wär ja furschtbar jewesen". Aber, das war auch das einzige Mal und da habe ich die Entscheidung getroffen. Ansonsten gab es da nur mal eine unsägliche Karnevalsendung, die der WDR gemacht hat, bei der ich umgeswitcht habe. Ich sollte ab 21.00 Uhr  live für eine Produktion von WDR 3 mit meinen Sprachspielereien auftreten. Hinter der Bühne waren sie schon alle hacke. Der Moderator, von einer großen Kölner Karnevalsgesellschaft, ebenfalls. Der ist dann rausgeschmissen worden und wohl nach Berlin gegangen. Die haben dem Affen Zucker gegeben. 700 Leute im Publikum haben nur Ramba Zamba gemacht und waren um zwölf auch breit.

Dann kannst du  denen natürlich nicht mehr mit dem "Rheinischen Genitiv" kommen. So etwas geht einfach nicht. Vor mir war die Band Brings dran. Ich kam dann raus und habe nur gesagt, "Singen ist schön, mitsingen ist auch schön. Aber, am schönsten ist selber singen und dat könne mer och". Und dann haben wir a capella gesungen und die Leute waren außer Rand und Band.

Das waren aber die beiden einzigen Situationen, in denen es anders als geplant lief. Aber, Angst, sie nicht zu kriegen, habe ich nicht. Da bin ich ein verwöhntes Kind, habe auch nie darüber nachgedacht, was man tun könnte, um sie zu bekommen. Das würde auch nicht funktionieren. Du kriegst die Leute mit Authentizität. Bei dem, was ich mache, musst du raus gehen und du sein. Bei Florian Silbereisen ist es wahrscheinlich wurst.

Michaela Boland: Sie sind seit mehreren Jahrzehnten im Rheinland  und haben das rheinische Herz und seine Sprache sozusagen assimiliert. Verzeiht man ihnen bei  Besuchen in der alten Heimat, Südtirol, dass sie der Sprache in professioneller Hinsicht ein wenig abtrünnig geworden sind?

Konrad Beikircher: Na, (Anm. d. Red.: fährt im Dialekt Südtirols fort) der Sproche bin i nid abtrünnig geworden. Das kann ich noch (lacht). Ach, das ist wie immer. Auf diese Dinge ist man in Südtirol stolz. Das erfahre ich oft genug. Sie freuen sich, dass ein Brunecker aus dem Pustertal da draußen so ein Star geworden ist. Alles prima, wunderbar.

Das merke ich auch immer an der Resonanz, wenn ich selbst mal da bin. In Südtirol zählt aber etwas anderes und da habe ich die A-Karte gezogen: Denn ich habe viele italienische Lieder geschrieben, komponiert und immer wieder gesungen. Das sind Lieder, die Dinge aus meiner Jugend in Bozen zum Thema haben. Meine Klassenkameraden und ich waren eine sehr italophile Generation.Wir haben ein positives Verhältnis zu Italien gehabt.

Das hast du in Südtirol nicht ungestraft, wenn du es öffentlich machst. Und es ist immer noch so. Als ich das letzte Mal mit der Band da war, haben wir auch italienische Lieder gesungen, beispielsweise etwas von Celentano, da habe ich es auch bei den Jüngeren wieder gemerkt. Es gibt ja auch die CDs, also die wissen in Südtirol natürlich alle, was ich so treibe. Das verzeiht man mir nicht. Natürlich nicht alle.

Michaela Boland: Gestaltet sich dieser Umstand nach all den Jahren seines ernsten Ursprungs mittlerweile ähnlich wie die historisch bedingte Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf  bei uns im Rheinland?

Konrad Beikircher: Nein, eher wie das Verhältnis zwischen dem Elsass und Frankreich oder dem zwischen Basken und Spaniern. Es ist schon kämpferischer. Das tut man eben nicht. Man ist nicht ein deutschsprachiger Südtiroler und singt walsch, also italienisch. Das ist in der Wertigkeit unanständig. Kürzlich war ich wieder für eine Woche dort und habe eine Lesung über meine Kindheitserinnerungen abgehalten. An einem Tag habe ich mich mit meinen ehemaligen Klassenkameraden, mit denen ich Abi gemacht habe, getroffen.

Dabei haben wir auch über diese Problematik gesprochen und sie sagten, "für uns ist es kein Problem, denn du hast ja immer schon Celentano gesungen. Aber, du musst dich nicht wundern, wenn ansonsten keiner kommt". Ich antwortete, dass ich das wisse. Das wird als politisches Statement gesehen. Insofern stehe ich auch dazu, weil es natürlich auch so ist. Wir sind bei uns zu Hause drei Brüder. Ich bin der jüngste, mein ältester Bruder ist acht Jahre älter und da ist bei diesem Thema schon die Mauer vorhanden. Der kann es nicht begreifen, dass wir aus einer Familie sind und sein jüngerer Bruder italienisch singt. Der war ganz tief getroffen.

Michaela Boland: Aber, man versteht sich doch hoffentlich wieder?

Konrad Beikircher: Das schon, die Basis bleibt natürlich unberührt.

Michaela Boland: Sie sind 1965 nach Bonn gekommen?

Konrad Beikircher: Ja, ich bin am 19. Oktober 1965 nach Bonn gekommen. Um 16.04 Uhr.

Michaela Boland: Das wissen sie aber noch sehr genau.

Konrad Beikircher: Das ist ein Zufall. Ich weiß nicht, warum man sich so einen Blödsinn merkt. Doch da war die Bahnhofsuhr in der Bahnhofshalle von Bonn und ich stand dort plötzlich in einer fremden Welt. Deshalb hat sich das vermutlich so eingeprägt.

Michaela Boland: Sie sind seinerzeit für das Studium der Psychologie, Musikwissenschaften und Philosophie hier her gekommen. Wie lange hat es gedauert, bis sie als Südtiroler mit dem rheinischen Dialekt, den sie heute zum professionellen Werkzeug gemacht haben, zurechtkamen?

Konrad Beikircher: Es hat natürlich lange gedauert. Die ersten drei Tage war ich  bei einer Zimmerwirtin aus Ostpreußen eingemietet. Das ging nicht. Sie war sehr traumatisiert, sprach ständig von Kinderärmchen. (Anm. d. Red.: Imitiert den ostpreußischen Dialekt in hoher Stimmlage) "Ich werde die Bilder nicht los, wie die Kinder beim großen Dreck da runterjefallen sind", so hat sie mich schon empfangen. Dann hat sie mir das Ganze eine Stunde lang Handhaltend erzählt.

Da fragte ich mich, in welcher geschlossenen Abteilung ich hier wohl gelandet sei und habe dann zwei Tage später ein anderes Zimmer gefunden. Da war ich dann drei Jahre bei Frau Münch. Sie war eine ganz einfache Frau, sehr streng, ein regelrechter Dragoner, aber, dafür auch sehr witzig. Sie sprach jedenfalls kein Hochdeutsch.

Die hät nur Bönnsch jeschwaat. Und wohl oder übel musste ich lernen, es zu verstehen. Ich weiß noch, dass ich während der ersten vier bis fünf Wochen täglich überlegte, ob ich die Koffer packen sollte, da ich nichts verstand und es beinahe nicht aushielt. Und dann kam ich über Frau Münch langsam doch ein Bisschen in die Anfänge hinein. Nachdem ich mein Studium abgeschlossen und angefangen hatte, im Knast zu arbeiteten, kam dann der zweite Schub.

Michaela Boland: Aufbaukurs "Mundart" im Gefängnis?

Konrad Beikircher: Ja. In Siegburg habe ich mich dort morgens immer sehr intensiv um die inhaftierten Analphabeten gekümmert. Da waren regelmäßig zwischen vierzig und fünfzig jugendliche Analphabeten, die fast ausschließlich aus Köln-Kalk und Köln-Poll kamen. Da wurde so richtig Kölsch "jeschwaat". Darunter waren oft ganz goldige Gemüter, einige waren auch hoch intelligent, aber sie konnten eben nicht lesen und schreiben. Einer ist heute Abteilungsleiter bei den Stadtwerken.

Michaela Boland: Dank ihnen?

Konrad Beikricher: Nein, (lacht), das hat er schon sich selbst zu verdanken.

Michaela Boland: Ging ihnen die Tätigkeit dort leicht von der Hand?

Konrad Beikircher: Die Arbeit mit den Leuten hat großen Spaß gemacht. So kam ich an die rheinische Mundart. Doch, natürlich spielte auch meine Liebe zum Beobachten eine Rolle. Ich schaue auch einfach gerne in die Welt und in die Menschen. Das finde ich immer spannend.

Michaela Boland: War das auch die Motivation für den Schritt zum Psychologiestudium?

Konrad Beikircher: Nein, das war Wahrnehmung. Als ich 17 Jahre alt war, schrieb mein Bruder bereits seine Dissertation, hätte aber eigentlich noch Vorlesungen gehabt. Also habe ich zuzüglich der Sommerüberlappung ganze zwei Monate in der Schule frei bekommen und für ihn die Vorlesungen mitgeschrieben. Hierdurch war ich auch in einer Psychologievorlesung und darin ging es um Wahrnehmung. Mich hatte von jeher das ganze Naturwissenschaftliche und Experimentelle interessiert.

Wie funktioniert es, dass ich genau weiß, welcher Ton am Anfang war, ein weiterer als dritter, siebter oder noch später kam, wenn ich eine Melodie höre? Wie erkennt man das? Wie geht das? Wird im Ohr schon gerechnet? Damals hat man noch nicht so gedacht, es gab ja noch keine Computer. Das hat mich unglaublich interessiert, das wollte ich genauer wissen und deshalb habe ich Psychologie studiert. Heute würde das als Motiv wohl nicht mehr ausreichen, weil man sich vorstellen kann, wie ein Rechner funktioniert.

Michaela Boland: Heute würde man wahrscheinlich ein Fach wie Neurowissenschaften auswählen?

Konrad Beikircher: Das würde ich heutzutage machen. Damals war das völlig apart. Es hat mich immer interessiert, deshalb habe ich auch vier Semester Physiologie belegt, obwohl ich kein Mediziner werden wollte. Die hatten natürlich eine neurale Abteilung in der Physiologie, was ich als wahnsinnig spannend empfand. Doch das war zum damaligen Zeitpunkt alles noch gar nicht vernetzt, das gab es noch nicht. So etwas wie Kybernetik kam erst während meines Studiums auf. Man nannte es Kybernetik und hat versucht, mittels elektrischer Schaltkreise Denk-und Synapsenvorgänge zu erklären. Wenn ich das mit heute vergleiche, war das natürlich absolut steinzeitlich.

Michaela Boland: In welcher Fachrichtung ist ihr Bruder, dem sie das Psychologiestudium quasi "verdanken", promoviert?

Konrad Beikircher: Er ist Altphilologe und hat über die Satire von Persius Flaccus promoviert. Er ist ein riesen Wissenschaftler geworden. Er war lange Zeit Chefredakteur des Thesaurus Latinus bei der Akademie der Wissenschaften in München. Das ist die Erfassung des gesamten lateinischen Wortschatzes mit allen Stellen, wo jedes Wort vorkommt. Ein irrsinniges Unterfangen. Seit hundert Jahren läuft das insgesamt. Sie sind jetzt beim Buchstaben V, wenn ich mich nicht täusche. Mein Bruder ist allerdings nun seit einem dreiviertel Jahr pensioniert.

Michaela Boland: Ihr Bühnenprogramm wird auch als "hochprofessionelle, manchmal atemlose Büttenrede" bezeichnet. Können sie das unterschreiben?

Konrad Beikircher: (prustet) Wer schreibt denn so etwas?

Michaela Boland: Die Rheinische Post unter anderem.

Konrad Beikircher: Die Rheinische Post? Ach, wie schön, meine Güte. Das liegt an einem wundervollen Vorurteil. Jenes Vorurteil besteht darin, dass wenn etwas rheinisch ist und vielleicht auch noch kölsch gefärbte Töne beinhaltet, und wenn das auch noch etwas zu lachen ist, muss es ja Karneval sein. Das geht ja gar nicht anders. Die Rheinländer tun sich ein bisschen schwer damit, rheinisches Kabarett als Kabarett zu akzeptieren.

So etwas ist gleich in dieser Schiene drin. Das ist immer ein bisschen "gefährlich". Wobei das ja auch nichts Schlimmes ist. Es ist nicht jeder Trachtenanzug in Bayern ein Bekenntnis zu Bayern. Die Austauschbarkeit sieht man daran, wenn die Kölschen beim kölschen Oktoberfest in bayerischen Trachten herumlaufen. Das hat wohl ein bisschen damit zu tun. Was die "Büttenrede" anbelangt, so könnte ich natürlich auch ernsthaft reagieren. Mich schmerzt das natürlich schon ein wenig, obwohl ich Respekt vor Büttenrednern habe. Das ist völlig etwas anders. Die Büttenrede ist ein anderer Humor.

Du musst bei Büttenreden nämlich einen ganz linearen Humor haben, dieser muss ganz klar nach vorne gehen, er darf keinen Knick und keine Kurve haben. Da geht sonst nichts. Ich kenne keinen Kabarettisten, der als Büttenredner reüssiert hätte. Ein paar haben es probiert. Andreas Etienne und Michael Müller von der Springmaus haben es letztes Jahr versucht und sind grandios baden gegangen.

Michaela Boland: Zu intelligent?

Konrad Beikircher: Ja, klar. "Intelligent" ist aber nicht das richtige Wort, denn es gibt auch intelligente Büttenreden. Bei der Büttenrede darfst du nicht um eine Ecke, anschließend um noch eine Ecke gehen, dann auf die Assoziation warten und dann haben sie es. Das geht nicht. Im Kabarett ist das die Voraussetzung, ohne die gar nichts geht. Mein absoluter Favorit in puncto Büttenredner ist "Die Doofnuss" . Jetzt ist er Mitte 80. Das war ganz klassische kölsche Büttenrede. Das hat so funktioniert: Der hat sich mit tief ernstem Gesicht hingestellt und Witze erzählt. In langsamem Tempo.

Es reicht ein halber Satz, selbst, wenn er Wort- und Interpunktionsgenau immer dasselbe erzählt, selbst, wenn der ganze Saal jedes Wort kennt, ist es egal. So etwas wird zelebriert und erwischt meinen Humornerv dann sehr, wenn es derart gekonnt gemacht ist. Ich habe also schon Respekt vor Büttenrednern- und -Rednerinnen, wenn sie gut sind. Doch, was mich selbst betrifft, so ist dies überhaupt nicht meine Art des Humors.

Ich bin eigentlich immer eher recht assoziativ in meinem Humor, manchmal auch ein bisschen drastisch, denn da hat ja auch jeder Spaß dran. Hin und wieder bewege ich mich auf Kantinenebene, wo ich mir manchmal denke, "jetzt musst du da aber mal wieder raus". (lacht). Auch bin ich schon einmal, wie jede Rampensau, die da oben auf der Bühne steht, in der Gefahr, einen Lacher nur um des Lachers Willen produzieren zu wollen. Aber, Büttenredner würde ich für mich jetzt nicht unbedingt gelten lassen.

Michaela Boland: Sie unterstützen den Verein "Leben mit Krebs". Ihre erste Frau haben sie bedauerlicherweise schon vor langer Zeit verloren. Gibt es da einen Zusammenhang?

Konrad Beikircher: Nein, sie war sehr depressiv und ist im Suizid gestorben. Zur Unterstützung des Vereins kam es als ich von Frau Schürheck von der Organisation angesprochen wurde. Ich habe von Anfang an die Einstellung gehabt, dass, wenn man etwas bekannter ist, es eine Verpflichtung darstellt, öffentlich Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört, dass man sich für Dinge auch öffentlich engagiert, denn das finde ich ganz wichtig.

Du musst Vorbild sein, wenn du bekannt bist. Ich finde, um diese Verpflichtung kommt man gar nicht herum. Es tun aber nicht viele. Ich habe es aber immer schon gemacht, mit unterschiedlichem Erfolg natürlich. Für ungefähr fünf Jahre habe ich im Rahmen eines Kölner Projektes eine Schule in Guinea-Bissau unterstützt. Da bin ich dann auch immer mit der Büchse herumgelaufen und habe gesammelt, gemacht und getan, aber seit ungefähr anderthalb Jahren kann ich das nicht mehr machen.

Michaela Boland: Aus welchem Grund geht es nun nicht mehr?

Konrad Beikircher: Es wird  fast nicht mehr akzeptiert und das nicht wegen Afrika, sondern, weil die Zeiten schlechter geworden sind. Ich spiele ja auch viel in kleinen Orten und die Veranstalter sagen dann, "nein, wir haben gerade eine Sammlung für unseren Kindergarten", oder sie haben eine Sammlung für dieses oder jenes. So haben sie dann Angst, dass man ihnen etwas abschöpft. Das kann ich ja dann auch  nicht machen. Die Zusammenarbeit mit dem Verein "Leben mit Krebs" in Siegburg läuft jetzt ungefähr seit 1995.

Michaela Boland: Wie sieht ihre Unterstützung für den Verein konkret aus?

Konrad Beikircher: Ich spiele dort, trete umsonst oder lediglich für einen Unkostenbeitrag auf. Das Problem ist, du zahlst doppelt, denn du hast dort 700 bis 1000 Leute in der Halle, für die du umsonst spielst und kannst dann jedoch mindestens für ein halbes Jahr da nicht mehr auf Kasse spielen, weil sie dich da ja schon alle gesehen haben und das Programm kennen. Das heißt, Siegburg ist für mich eigentlich seit 1995 als bezahlter Auftrittsort gestorben. (lacht). Daran denkt man auch nicht immer.

Michaela Boland: Sie sprachen gerade ihre Tätigkeit in der Siegburger Justizvollzugsanstalt an. War ein solcher Job als Gefängnispsychologe von Anfang an im Bereich ihres Vorstellungsvermögens?

Konrad Beikircher:Ja, natürlich, schon nach meinem Vordiplom. Ich war ein sehr  bewegter 68er, habe die Hand immer schon zum Rot-Front-Gruß erhoben. In der Zeit damals musste das ja sein. Ich war politisch links zu orten, meine damalige Frau auch. Nach dem Vordiplom haben wir uns überlegt, vielleicht an der Uni zu bleiben. Ich wollte aber eigentlich nicht an der Universität bleiben und dann war klar, wenn man daraus einen Beruf macht, muss es ein sozial-verantwortlicher sein. Unsere Deduktion war dann, dass es nur Psychiatrie oder Knast sein könne.

Daraufhin haben wir uns für den Knast entschieden. Danach haben wir noch ein paar juristische  Vorlesungen besucht, um uns in dieser Hinsicht in allem, was man so braucht, vor allem im Strafrecht, ein wenig kundig zu machen. Dann kamen wir als völlig überqualifizierte Überflieger, denn wir hatten beide das Diplom mit sehr gut und Auszeichnung gemacht, weil wir nunmal gut waren -  was willst`e machen - (lacht) beim Düsseldorfer Justizministerium an. Wir waren somit im November 1971 die ersten Psychologen dort, die mit sehr gut aufgetaucht sind.

Die sind da beinahe von den Stühlen gekippt. Bis dahin haben die Grobzeug gekriegt. Da gab es sieben oder acht Psychologen. Wer wollte denn in der Zeit als Psychologe schon in den Knast gehen? Das war politische Überzeugung und ein Bekenntnis zur sozialen Verantwortung und ich habe es nie bereut. Das war mein Motiv, dort hinein zu gehen. Ich habe zunächst in Köln-Ossendorf angefangen. Übelster Knast. Der war damals ganz neu.

Der alte Klingelpütz wurde abgerissen und in Ossendorf neu gebaut. Gänge 240m lang, 2m hoch, man bekam schon die Paranoia, wenn man nur hinein ging. Ich bin dann anderthalb Jahre später nach Siegburg gekommen, weil ich mit Jugendlichen arbeiten wollte. Anschließend habe ich dann jede Menge Ausbildungen gemacht, also Leute ausgebildet und unterschiedlichste Gebiete abgedeckt.

Michaela Boland: Kann man den Job als "hartes Brot" bezeichnen?

Konrad Beikircher: Das denkt man immer. Aber, das stimmt so nicht. Es ist innen dann immer noch mal etwas anderes. Es ist in jedem Fall ein intensives Berufsfeld. Gerade in einem Beruf wie Geistlicher, Psychologe oder Sozialarbeiter, denn da bist du ja ganz nahe dran. Man ist ja dann nicht, so wie ein Jurist, Anstaltsleiter oder zuständig für die Sicherheit bzw. die Disziplinierung, sondern du bist ganz nahe an der Seele, an den Menschen. Es ist natürlich auch intensiv im Negativen.

Es ist fünf oder sechs Mal vorgekommen, dass ich in eine Zelle kam und der Insasse hatte sich erhängt. Er hing da oben und das Herunterheben ist dann nicht schön. Besonders, wenn das noch jemand von den Knackis ist, den du besser kanntest. Ich bin gerne oftmals auch sonntags hingegangen, um Zeit zu haben, den Schreibtisch aufzuräumen und  solche Dinge, denn in der Woche kam ich nicht dazu. Ich habe fast während der ganzen Zeit mein Büro im Knast selbst gehabt.

Eine Zeitlang war ich der einzige in ganz Deutschland, der dies so gehandhabt hat. Und zwar aus folgendem Grund: Der Psychologe sitzt vorne in der Verwaltung. Der Knacki, dem es nicht gut geht oder der irgendein Anliegen hat, schreibt einen Antrag an den Psychologen. "Ich müsste sie unbedingt mal sprechen." Das gibt er dem Abteilungsbeamten. Der Abteilungsbeamte gibt es der Zentrale. Die Zentrale gibt es zur Briefstelle. Die Briefstelle tut es dann in dein Fach. In der Regel war das ein Weg von zwei Tagen.

Michaela Boland: Wenn es dringend war, hätte es in dieser Zeit wohl schon längst zu einer Tragödie kommen können?

Konrad Beikircher: Ja, zum Beispiel. Und das ist passiert. In der Regel musste ein Gefangener dann zwei bis drei Tage warten bis der Psychologe kam, wenn der dann Zeit hatte. Es kam ja auch vor, dass man sagen musste, "Moment, da habe ich aber noch andere auf der Liste." Ich habe das dann so gemacht: Ich habe drinnen gesessen und die Leute wussten, sie konnten vormittags bei mir hereinschneien, wenn es um Kleinigkeiten ging oder sie ein Telefonat hatten. Nachmittags hatte ich die intensiveren Gespräche. Es hat ein Weilchen gedauert, aber dann hat es wunderbar funktioniert.

Gleichzeitig aber habe ich damit einen Status bei den Knackis gehabt, der war ungeheuer. Ich konnte zu jedem in die Zelle. Auch, wenn er die Rasierklinge schwang. Ich habe nie Angst haben müssen, mir ist nie auch nur das Geringste passiert. Das hat damit zu tun, dass ich mich nie als etwas anderes, als ein besserer Mensch gesehen habe als die Knackis. Ich habe von Knackis, übertrieben gesagt, viel mehr über mich gelernt als sie von mir lernen konnten.

Ich habe in den Gesprächen über Mord oder Sexualdelikte, einfach über die Abgründe der Seele, einiges über mich erfahren und kennengelernt. Denn das waren ja Leute, die das getan haben. Ich habe so etwas natürlich nicht gemacht, ich habe nie eine meiner Frauen umgebracht, aber ich habe sehr viel über mich gelernt.

Michaela Boland: Wird man insoweit mit Gedanken konfrontiert, die man sich von sich aus nicht machen würde?

Konrad Beikircher: Ja, schon. Natürlich. Ich erinnere mich an zwei Gespräche mit Jürgen Bartsch (Anm. d. Red.: pädosexueller Serienmörder, der als "Kirmesmörder" bekannt wurde), die ich zusammen mit meinem Kollegen noch während meines ersten Jahres in Ossendorf geführt habe. Das war sehr beeindruckend. Damals war der ja die Bestie schlechthin. Ein hoch differenzierter, tatsächlich richtig schwer an sich Leidender. Intern war es ja wahrscheinlich auch so, dass er sich die Fehlnarkose gewünscht oder vielleicht sogar bestellt hat.

Dann kam das Ende ja. Ich habe mich in Siegburg  auch ein bisschen auf jugendliche Sexualstraftäter spezialisiert, weil sich um die ja keine Sau gekümmert hat. Alle haben sich ja um die Drogenleute gekümmert, denn das war in der Regel nicht schön, aber angenehm. Da stößt du schon auf Dinge, die sind weit weg von dir. Weit weg auch von mir, schizothyme Leute, Menschen, die kurz vor einer Schizophrenie stehen und ganz bizarre Gedankenwelten haben, wo es sehr schwer ist, sich da einzufühlen oder es sich auch nur vorzustellen.

Ich hatte nie das Problem, dass ich verurteilend oder bewertend zugehört habe. Das Problem habe ich heute noch nicht und das ist nicht immer richtig. Manchmal sollte man bewerten. Ich habe das nie gemacht. Ich höre mir  erst mal an, was jemand erzählt und versuche das einzuordnen, prüfe, ob ich das verstehen kann. Manchmal kann man sich sogar hineinfühlen, z.B. wenn jemand  einen quälenden Vater hat und irgendwann ist die Sicherung durchgebrannt. Das wurde mir oft vorgeworfen, oder den Psychologen generell. "Ihr wollt ja alles nur verstehen und entschuldigt ja alles!"

Michaela Boland: War es so?

Konrad Beikircher: Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich wäre mit diesen Dingen insofern wohl schon besser in der Wissenschaft geblieben. Es ist dort nämlich schon etwas wertfreier und das war es bei mir immer.

Michaela Boland: Ist das eine Charaktereigenschaft von ihnen oder womöglich durch das Psychologiestudium antrainiert worden?

Konrad Beikircher: Nein, ich glaube, da hat es sich ergänzt. Es ist schon auch eine Eigenschaft von mir. Auch heute noch, wenn meine Frau und ich Konflikte austragen, in denen es um die Kinder geht. Wenn ich bei Problemen der Kinder dann eher weich geblieben bin und versucht habe, an ihnen dran und mit ihnen im Gespräch zu bleiben, war meine Frau dann eher der Ansicht, dass das nicht geht und dass womöglich auch mal Hausarrest angebracht wäre. Ich denke, da hat meine Frau schon Recht, wenn sie meint, dass ich auch mal im Vorfeld bewertend Farbe bekennen soll. Es fällt mir schwer, weil ich erst mal versuche, in die Innenwelt zu kommen.

Michaela Boland: Wie alt sind ihre Kinder?

Konrad Beikircher: 31, 28, 23, 21 und 16. Zwei aus der vorherigen Ehe.

Michaela Boland: Da sind sie ja mit dem letzten Kind noch mitten in der Pubertät.

Konrad Beikircher: Ja, absolut. Doch wenn ich mal da oben im Himmel bin, werde ich der Schöpfung den Vorschlag machen, die Pubertät ersatzlos zu streichen.

Michaela Boland: Wie war das bei ihnen?

Konrad Beikircher: Bei mir kam das ja nicht richtig zum Ausbruch, denn ich war in einem Jugendheim. Ich war acht Jahre lang im Schülerwohnheim bei den Franziskanern in Bozen. Ich hatte nicht die Notwendigkeit, diese pubertären Reibereien mit den Eltern zu haben, denn die waren ja nicht da. Ich habe sie nur in den vier Sommermonaten gesehen.

Michaela Boland: Wo wahrscheinlich Zucht und Ordnung herrschte?

Konrad Beikircher: Ja, natürlich. Wir waren im Schülerwohnheim 80 Jungs und haben dann schon mal gemeinsam rebelliert. Dann hast du halt eins drüber gekriegt, wurdest diszipliniert und dann war es das aber auch schon. Also, das hat sich zwangsläufig sehr in Grenzen gehalten, was auch nicht gut ist. Wir konnten die Pubertät nicht so ausleben, wie das meine Kinder konnten oder können.

Michaela Boland: Doch den Schalk im Nacken können sie ja spätestens jetzt ausleben.

Konrad Beikircher: Ja, klar. (lacht).

Michaela Boland: Sind sie auch gläubig, wenn sie schon bei den Franziskanern erzogen wurden?

Konrad Beikircher: Ich bin vor ungefähr sechs Jahren aus der Kirche ausgetreten. Kardinal Meisner hat das Faß zum Überlaufen gebracht. Ich bin Gläubiger, aber kein Kirchenfan. Da war z.B. Afrika und das Pillenverbot und diese ganzen Themen eben. Das war ohnehin schon so grenzwertig. Dann kam auch noch, dass in Berlin die ökomenische Woche stattgefunden hat und morgens hat der Kardinal seinen Pressesprecher beauftragt, im WDR eine Stunde lang zu erklären, dass man als Katholik in Berlin abends nicht gemeinsam mit den Evangelischen bei jenem ökumenischen Gottesdienst die Kommunion bzw. das Blut Christi empfangen dürfe, weil man ansonsten exkommuniziert werde.

Wenn man weiß, was Exkommunikation nach dem kanonischen Recht bedeutet, dann ist klar, dass man auf alle Ewigkeit ausgeschlossen wird. Die Androhung dieser Strafe ist ungeheuer. Das ist die härteste Strafe, die man überhaupt aussprechen kann. Und genau dieselbe Kirche hat sich dann gegen die Bombardierung im Irakkrieg, im Golfkrieg etc. ausgesprochen. Doch, wenn du nur mal mit einem Evangelischen gemeinsam die Kommunion erhältst, dann bist du draußen.

Da, dachte ich mir, "Jetzt ist es gut", und bin zum Amtsgericht gefahren, ausgetreten, habe danach Manfred Becker-Huberti angerufen, der damals Pressesprecher des Erzbistums Köln war, und  gesagt, "weißt du, woher ich gerade komme? Ich komme vom Amtsgericht und bin jetzt ausgetreten. Das tut mir leid!"  Seit ich ausgetreten bin, beschäftigt mich die Verpflichtung mehr als vorher. Christ sein bedeutet für mich, eine menschliche Verpflichtung , gerade der lebenden Seite gegenüber. Mit dem anderen habe ich eigentlich nicht so viel im Sinn.

Michaela Boland: Wie wichtig ist ihnen die Musik?

Konrad Beikircher: Ich wollte Musiker werden. So hatte ich mir in den ersten drei bis vier Monaten während des ersten Semesters  in Bonn, als ich noch diese großen Verständnisprobleme mit der Sprache hatte, immer wieder überlegt, vielleicht doch zurück nach Wien zu gehen und  dort die Aufnahmeprüfung an der Musikakademie zu machen.

Mein erstes Semester in Bonn war nämlich insgesamt mein viertes Semester. Als ich noch in Wien eingeschrieben war, habe ich allerdings andere Sachen gemacht. Da war ich am Freitag im Heurigen und ansonsten in der Staatsoper. Da musste das Studium noch warten. Ich wollte eigentlich Geiger werden. Doch zum Glück hat das nicht geklappt. Zum Solisten hätte es ohnehin nicht gereicht und ich wäre auch nicht der Mensch gewesen, für den das Orchester auf Dauer das Richtige gewesen wäre.

Michaela Boland: Wäre es für sie sehr schmerzlich, wenn sie aus irgendwelchen Gründen das Rheinland veralssen und beispielsweise in Bayern oder im Saarland leben müssten?

Konrad Beikircher: (lacht). Das Saarland wäre ein Fremdkörper, hätte aber den Vorteil, dass die Leute dort in gastronomischer Hinsicht eine hohe Lebensqualität haben, was ich schon sehr schätze. Bayern wäre natürlich meiner Heimat ein bisschen näher. Mein Bruder lebt in Bayern, ich kenne Bayern auch ziemlich gut, doch leben möchte ich dort nicht. Ich fühle mich schon wohl in dieser am wenigsten deutschen Gegend überhaupt. Das Rheinland ist nicht  wirklich deutsch. Und das finde ich sehr schon, das genieße ich eigentlich sehr, im Gegensatz zu vielen Leuten, für die das furchtbar ist. Motto: "Die unzuverlässigen Rheinländer." Ich mag das, ich mag die Schludrigkeit.

Michaela Boland: Ist es tatsächlich auch offener als viele andere deutsche Gegenden?

Konrad Beikircher: Ja, es ist offener, weil es dem Romanischen zugewandt ist. Das Rheinland ist dem Wallonen- und dem französischen Raum sogar sehr zugewandt. Nicht dem niederländischen. Das wird vom Gefühl her nämlich eher dem Westfälischen zugeordnet, während wir hier eher Belgien und natürlich Frankreich zugetan sind. Diese Gefühlsvalenzen sind ganz witzig.

Michaela Boland: Erscheint das Westfälische eher sturer?

Konrad Beikircher: Ja, es gilt zumindest so. Dass es tatsächlich so ist, würde ich nicht sagen. Es ist zurückhaltender, bestimmter und in Formulierungen knapper. Die Sätze sind kürzer, doch sie sind dafür auch sehr haltbar. Das ist für den Rheinländer sehr ungewohnt, denn der "schwaat sich die Schnüss fusselig", eigentlich nur um nicht wirklich "ja"  oder "nein" sagen zu müssen. Das ist eine Eigenschaft, die ich am Westfälischen schon sehr gern mag, zumal ich es selbst gar nicht hinbekomme.

Michaela Boland: Wäre ein Umzug außerhalb des Rheinlandes insofern nicht schon in beruflicher Hinsicht problematisch, soweit dort ein anderer Dialekt vorherrschend wäre?

Konrad Beikircher: Es gäbe einige Gegenden, da könnte ich das sehr gut. Z.B. hessisch, frankfurterisch. Da könnte ich eigentlich bei "Himmel und Äd" angegangen und die elf Programme ummünzen und vielleicht ein halbes Jahr in Kneipen in Frankfurt unterwegs sein. Das wäre kein Problem. Bayern ebenso wenig. Nur, die Bayern sind sehr empfindlich, wenn ein Fremder kommt. Es bräuchte da die Voraussetzung, die auch das Rheinland hatte:

Dass jemand, der über die Gegend Bescheid weiß, auf eine Gegend trifft, die nichts von sich hält. Das Rheinland hatte absolute Minderwertigkeitskomplexe, also, die Menschen im Rheinland hatten sie ganz stark. Motto: "Kind sprich ordentlich", man durfte nicht platt sprechen. Das kam erst mit den Bläck Fööss und mit dem Karneval, dass der Dialekt oder Regiolekt, die Umgangssprache, hoffähig wurde.

Bis dahin war da gar nichts. Das war für mich eine ganz eigenartige Erfahrung, denn da wo ich her komme, aus Südtirol, ist Dialekt hoch geschätzt und gleichwertig mit dem Hochdeutschen. Auch die Bayern lieben ihre Sprache und haben auch eine hohe Meinung von sich selber. Motto: "Mir sein mir". Von daher würde das nicht funktionieren, wenn du als Nichtbayer den Bayern die Bayern erklärst. Da würden sie empfindlich reagieren.

Michaela Boland: Sie würden also reservierter sein als die Rheinländer?

Konrad Beikircher: Ja. Wenn du es sehr gut kannst, dann warten sie ja auf ein kleines Fehlerchen. Da käme dann so etwas wie: "Ja, des homs aber net richtig gsagt, gä?" Du müsstest sehr gut sein, woran ich bei mir jetzt nicht zweifle, aber, es wäre hundertprozentig ein Kampf.

Michaela Boland: Gab es unter den Rheinländern nie Menschen, die sich auf den Schlips getreten fühlten?

Konrad Beikircher: Es gibt zwei Lager: Das Pro- und das Anti-Beikircher-Lager. Das Anti-Beikircher-Lager sagt dann: "Nä, dat bruch isch nit, verarsche kann isch misch selber." Das setzt aber auch voraus, dass jemand das Gefühl hat, dass meine Arbeit oder ich selbst mich über Rheinländer lustig mache. Das habe ich allerdings noch nie getan. Im Gegenteil. Wenn das aber jemand derartig in den falschen Hals kriegt, wird er natürlich kein Fan von mir sein. Es schreiben einem natürlich nur die Meckerer oder die Jubler. Aber, gemessen an der Rückmeldung, die ich von den Menschen aus dem Rheinland erhalte, scheine ich fast keine Meckerer zu haben.

Michaela Boland: Aus welchem Grunde halten sie Mundart heute noch für so wichtig?

Konrad Beikircher: Es ist wichtig für die Menschen, die in der Mundart aufgewachsen sind. Sonst könnte man darauf verzichten. Wenn jeder in Hochdeutsch aufwachsen würde, dann brauchst du natürlich keinen Dialekt. Wenn das, mit dem du als Säugling aufwächst, aber Dialekt ist, und du erst mit fünf oder sechs Jahren Hochdeutsch in der Schule lernst, dann hast du eine Basis für eine Kommunikation, die unvergleichlich ist. So persönlich wie Dialekt ist keine andere Sprache.

Dialekt ist die Sprache der Haut und der ganz direkten, unmittelbaren Gefühle. Wie man im Dialekt eben so miteinander spricht, man hat ja dieselbe Sprache und damit ist man ja eins. Es sind dann die grundlegenden, ursprünglichen Gefühle, die im Dialekt die richtigen Entsprechungen finden: Ablehnung, Zustimmung, Umarmung. Liebe. Differenzierte Gefühle sind im Dialekt meistens nicht da. Das hat aber gar nicht so viel mit Sozialgeografie zu tun. Dialekt ist einfach die älteste Eltern-Kind Sprache, die es überhaupt gibt und damit natürlich vor allen anderen Sprachen.

Michaela Boland: Worüber lachen sie selbst?

Konrad Beikricher: Über Karl Valentin, über  Nestroy, über von Kleist. Im Witzebereich mag ich sehr gerne die Fußnägelaufroller, also die ganz blöden. Blondinenwitze vielleicht nicht unbedingt. Doch Situationskomik bringt mich zum Lachen. Ich bin einer der größten Stan Laurel und Oliver Hardy-Fans. Die finde ich genial und könnte mich absolut weglachen. Das Absurde mag ich auch sehr gerne und da ist man hier im rheinischen Witz sehr gut beheimatet, denn achtzig Prozent der kölschen Witze sind sinnwidrig.

Der Humor liegt eben im völlig Absurden. Der Tünnes schellt  ein paar Mal beim Schäl, nichts tut sich und beim dritten Mal Schellen ruft der Tünnes von drinnen: "Ich bin nit zu huus." Die Reaktion von Schäl, der draußen steht, ist: "Dann is nur jot, dat ich gar nit jekumme bin." Das ist sehr absurd und wundervoll. Doch als ich den Witz einmal erzählt habe, haben westfälische Kollegen nur gesagt: Ja, wieso? Das steht doch da."

Michaela Boland: Wie sieht ihr Verhältnis zur Comedy aus? Lachen sie auch über Comedians wie Michael Mittermeier?

Konrad Beikircher: Mit Mittermeier sprechen sie eine Ausnahme an. Er macht intelligente Geschichten, die ich gut leiden kann. Mittermeier hat ein anderes Problem. Er war der erste wirklich begabte Kabarettist, der sich des Mediums Fernsehen als Thema annahm und zwar so, als gäbe es außerhalb dieses Themas kein Leben mehr. Das hat mich immer gestört. Ansonsten ist Mittermeier für mich mit Abstand der Beste. Was beispielsweise Mario Barth oder Leute wie Johann König anbelangt, so ist das nicht mein Humor. Ich könnte über Profitlich lachen, weil der viel Situationskomik macht, wenn ich nicht die Handschrift erkennen würde.

Das ist ja alles abgeschrieben. Es ist bei Didi Hallervorden abgeschrieben oder bei Oskar Sima aus den Dreißiger Jahren abgeschrieben, aber so was von, das gibt es überhaupt nicht. Er macht halt zwei Grimassen mehr und es ist im Fernsehen. Das vergällt mir das dann schon. Und wenn ich den Grinsaffen vom Quatsch-Comedy-Club sehe, dann vergeht mir alles. Das ist zwar nicht mein Humor, aber nun hat natürlich auch jede Generation ihren Humor. Unser Humor war auch anders als der meiner Eltern.

Michaela Boland: Glauben sie, dass man auch junge Leute wieder mehr von eigentlichem Kabarett überzeugen kann? Es fällt nämlich auf, dass das Publikum im klassischen Kabarett  im Durchschnitt immer älter wird, aber kaum junges nachkommt.

Konrad Beikircher: Ja, klar. Ab und zu bringen sie glücklicherweise ihre Kinder mit und die sind jetzt dreißig und gucken mal, worüber ihre Eltern so gelacht haben, wenn sie bei mir sind. Ansonsten ist mein Publikum schlohweiß. Fertig. Sind wir doch mal freundlich zu mir: Mein Publikum beginnt so ab 45 Jahren. Dass man das junge Publikum wieder zurück zum Kabarett bringen könnte, halte ich eher für schwierig. Ich bin der Meinung, das politische Kabarett hat kein Land mehr unter den Füßen. Das liegt an der Internetwelt und an der unglaublichen Akzeptanz von Pluralität.

Das liegt am privaten Fernsehen und 20 Jahre mit diesen unsäglichen Talkshows. Die ganzen Sendungen wie das Dschungelcamp oder Ähnliches haben dafür gesorgt, dass es nichts mehr gibt, worüber du dich aufregen kannst. Es ist alles möglich und alles erlaubt. Da sagen wir eben, "ja, gut, dieser oder jener ist halt auf Katzen aus, na, dann muss er eben Sex mit Katzen haben".  Das habe ich bei Bärbel Schäfer gesehen. Ich habe meinen Augen nicht getraut, das ist 20 Jahre her.

Und das war Nachmittagsfernsehen! Seit diesen Dingen hat sich einiges verändert, natürlich auch politisch. Es ist egal, ob du Pirat bist oder der CDU angehörst, letztlich stört das doch überhaupt keinen mehr. In die Mitte wollen sie alle. Ich glaube, der Boden für politisches Kabarett ist gestorben.

Michaela Boland: Wo wird das ihrer Meinung nach hinführen?

Konrad Beikircher: Es wird natürlich ein Kabarett über genau diese Dinge geben. Denn die Menschen haben sich immer amüsiert. Und auch gab es immer welche, die den Zeitgenossen gezeigt haben, "guckt mal, das macht ihr". Comedy ist das, was unsere Zeit seit 20 Jahren verdient.

Michaela Boland: Nach dem Motto: Jeder bekommt das, was er verdient?

Konrad Beikircher: Ja, irgendwann schon. Es gibt eine Gerechtigkeit (lacht). Ach, das wird sich wieder restrukturieren. Diese Dinge sterben ja nie wirklich aus. Ich vermute mal, es hat sich schon der Herrgott totgelacht als Adam in den Apfel gebissen hat. So blöd kann man doch nicht sein. Ich denke, das findet neue Formen.

Trash-Comedy, womit Helge Schneider und viele Leute um ihn herum, er jedoch am originellsten und konsequentesten, vor 25 Jahren in Deutschland angefangen haben, hatte in England ja bereits eine 150-jährige Tradition. Daher sind die dort natürlich viel besser. Wenn man sich dann mal ansieht, was in England als Trash geht, ist das auf jeden Fall nicht schlecht. Die Nummer mit dem auf einem Fallus reitenden Komödianten gab es schon 1878 im Variete in Berlin. Das gibts eigentlich nicht Neues mehr.

Michaela Boland: Um die intellektuellen Fähigkeiten der Bevölkerung muss man sich aber keine Sorgen machen, wenn das, was an Publikum nachrückt, nur noch platten Humor wünscht?

Konrad Beikircher: Nein, mit Sicherheit nicht, denn wenn der Tenor der platte Humor ist, wird es zehn oder 15 Prozent Leute geben, die das andere dann umso mehr wollen, weil es nicht mehr befriedigt wird. Und schon gehen sie dann wie in dem Film Fahrenheit zum Schluss durch den Garten und jeder lernt den Faust oder die göttliche Komödie auswendig. Eine Welt ohne Bücher ist keine Welt. Es gibt zehn Prozent, die das Bedürfnis nach Büchern haben.

Das wird auch immer da sein. Das erkläre ich meinem Bruder, dem Altphilologen immer, der sehr Kultur-pessimistisch ist. Dem sage ich immer: "Es wird auch  in 500 Jahren zehn Prozent Leute geben, die wollen die Odyssee in Altgriechisch lesen. Dafür werden die dann auch Griechisch studieren. Da verlass dich drauf." Es ist nicht mehr das allgemeine Bildungsgut, aber so schade ist es auch nicht. Was die alle falsches Latein zitiert haben, tut einem ja auch weh (lacht).

Michaela Boland: Was lesen sie derzeit?

Konrad Beikircher: Ein ganz witziges Buch. Es heißt "1913" und ist eine Collage. Es geht von Januar bis Dezember dieses Jahres durch und verfolgt verschiedene Lebensläufe wie beispielsweise denen von Rilke, Freud oder Franz Marc. Der Autor hat also einen Pulk von Leuten zusammengestellt und geht da mit der Schere dran und klebt sie zusammen. Wenn es dann manchmal spannend wird, wie zum Beispiel bei der Frage, was denn nun mit dem psychoanalytischen Kongress passiert,  geht es mit dem entsprechenden Abschnitt dann jedoch erst wieder 50 Seiten später weiter.

Es ist ein sehr sorgfältig geschriebenes und zusammengestelltes Buch. Ich mag immer gerne Bücher, die ein wenig kulturhistorisch thematisiert sind. Das andere Buch, das ich gerade mit ganz großem Vergnügen lese, ist von 1838. Da hat sich ein Adeliger und selbst ernannter Privatforscher mit der Geschichte Wiens befasst. Da geht es lexikalisch auf knapp 1000 Seiten über alle Straßen, einzelne Häusern, über die Hofburg , Beethoven und über dieses und jenes. Er hat viel recherchiert, ist ein sehr gescheiter Privatgelehrter. Das liest sich mit ganz viel Vergnügen.

Michaela Boland: Lesen sie noch klassische Bücher oder sind sie mittlerweile auch eher im E-Book-Reader-Zeitalter?

Konrad Beikircher: Nein, gar nicht. Das hat aber mit meinen Augen zu tun, die sind nicht mehr ganz so gut wie sie sein sollten. Ich würde es sonst schon einen solchen E-Book-Reader benutzen. Aber, gegen das haptische Gefühl ist so ein Reader natürlich ein Schuhlöffel. 

Michaela Boland: Sie haben in einem Interview beschrieben, dass sie faul seien. Wie schafft man es da, 35 Jahre erfolgreich zu bleiben?

Konrad Beikircher: Erfolg kommt, wenn es authentisch oder gut ist. Das ist wie bei Rossini. Der hat in 14 Tagen den "Babier von Sevilla" geschrieben. Dann haben die Leute das dem Donizetti erzählt, der zusammen mit ihm in Bologna studiert hat. Daraufhin erwiderte Donizetti:"Das kann sein. Faul war er immer schon." Das ist deshalb, weil die Faulen, zu denen ich mich auch zähle, sich vor Pflichten drücken. Genau deshalb haben sie Potenziale frei. Wenn sie dann in der Lage und der Luxussituation sind, wie ich auch, das tun zu können, wozu sie Lust haben, also schreiben oder auf die Bühne gehen, dann entwickelt man da einen Fleiß, den man gar nicht merkt. Denn es macht ja Spaß.

Michaela Boland: In diesem Sinne noch sehr viel Spaß weiterhin und herzlichen Dank für dieses ausführliche Interview.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

 

 

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21.09.2013 Stelldichein der DDR-Unterhaltungskunst

GFDK - Michael H. Max Ragwitz

Horst Fliegel, Jahrgang 1938, lebt in Berlin. Er ist ein musikalisches Urgestein der Unterhaltungskunst in der DDR und kennt die Granden der DDR-Schlagerszene von A bis Z, denn er hat großen Anteil an deren Erfolgen. Bekannt ist der Komponist, Arrangeur, Produzent und Autor aber unter dem Pseudonym Ralf Petersen.

Michael H. Max Ragwitz hat mit ihm am Rande der Aufzeichnung der 400. Kofferradio-Sendung von Siegfried "Siggi" Trzoß, das ist sozusagen ein wöchentlicher musikalischer Rückblick auf 40 Jahre DDR-Schlager im Alex Radio Berlin, ein Gespräch geführt und bemerkenswerte Antworten erhalten.

MHR: Wie verlief Ihr beruflicher Weg zur Musik?

Horst Fliegel: Ein wenig war mir die Musik schon in die Wiege gelegt. Meine Mutter hatte in ihrer Jugend Klavier- und Gesangsunterricht, mein Vater spielte Geige. 1949 erhielt ich bei Werner Wolf (Konzertpianist und Klassik-Tonmeister bei der Deutschen Grammophon) meinen ersten Klavierunterricht. 1951 wechselte ich zu Gerda von Reibnitz, die mich bis zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik Berlin begleitete. Von ihr erfuhr ich, dass ich eigentlich Schüler von Joseph Haydn war, denn sie übergab mir halb im Ernst und halb im Spaß eine Liste von prominenten Lehrern und Schülern, in der neben Liszt und Beethoven auch Haydn stand.

Von 1954 bis 1960 hatte ich im damaligen Westberlin Unterricht in Komposition bei dem Komponisten und Musikwissenschaftler Wolfgang Munser, der im Phonogrammarchiv des Völkerkundemuseums in Dahlem arbeitete. Von 1956-61 studierte ich Dirigieren und Komposition an der Hochschule für Musik Berlin. Mein wichtigster Hauptfachlehrer war Prof. Horst Stein, seinerzeit Generalmusikdirektor an der Staatsoper Unter den Linden. Er bot seinen Schülern die Möglichkeit, alle Inszenierungen seines Hauses kennen zu lernen und vermittelte uns die Technik des Dirigierens.

MHR: Ernste- und Unterhaltungsmusik-Musik - was lag Ihnen zu Beginn Ihrer Laufbahn näher?

Horst Fliegel: Von Anfang an, also schon während des Klavierunterrichts, interessierten mich die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten von Kompositionen. Deshalb belegte ich das Fach Komposition an der Hochschule und nahm zusätzlich Unterricht bei Munser. Ich war also erst einmal auf die sogenannte E-Musik fixiert. Sehr bald bemerkte ich aber, dass die Trennung in E und U ein typisch deutsches Phänomen ist. Die übrige Welt unterscheidet nur nach guter und schlechter Musik. So sehe ich es auch.

MHR:Trotzdem sind Sie schon bald ins sogenannte U-Fach gewechselt, so suspekt Ihnen die Einteilung auch sein mag.


Horst Fliegel: Das kann ich erklären: In meiner musikalischen Prägung auf die Klassik gab es während der Oberschulzeit einen Bruch. Man bat mich, bei einem Jugendabend zum Tanz zu spielen. Da ich in diesem Genre über keinerlei Repertoirekenntnisse verfügte, habe ich mich gründlich blamiert. Ich war ehrgeizig und wollte die Scharte auswetzen. Innerhalb weniger Monate besorgte ich mir einschlägige Noten und schrieb die aktuellen Hits aus dem Radio mit. Ich gründete mit drei weiteren Schülern die „Blue Band“ und spielte kurze Zeit nach der Blamage in der Aula unserer Oberschule zum Tanz. Es war ein Erfolg.

MHR: Das war also Ihr Ausstieg aus der E- in die U-Musik?

Horst Fliegel: Nur indirekt.  Während des Studiums absolvierte ich eine Reihe von Praktika an Theatern. Mein Berufsziel war ja, Kapellmeister zu werden. So war ich unter anderem in Stralsund, Potsdam und Dessau tätig. Ich lernte nicht nur prominente Dirigenten kennen, sondern machte auch Bekanntschaft mit der Atmosphäre und dem Leben hinter den Kulissen. Und da bemerkte ich, dass das nicht meine Welt sein würde.

MHR: Was war dann der Ansporn für den Wechsel?

Horst Fliegel: Ich setzte mich mit der Spezifik von Schlagerkompositionen auseinander und fand sehr bald Gefallen daran, selbst Schlager zu schreiben. Noch während der Hochschulzeit erschienen meine ersten Titel in den Sendungen des Rundfunks. Ab dem dritten Studienjahr verdiente ich mir als Korrepetitor im Nachwuchsstudio des Rundfunks ein paar Mark dazu und begann, für die Schüler des Studios zu komponieren und zu produzieren. Darunter auch einen Lied für Wolfgang Lucas  mit dem schönen Titel "Liebes kleines Mädel aus Berlin". Ob der später auch produziert wurde, ist mir nicht bekannt.

MHR: Ja, dieser Hinweis hat mich sehr bewegt, denn Wolfgang Lucas war der Bruder meiner Mutter. Dass Sie in kannten, haben wir ja eher zufällig im Gespräch herausgefunden. Der Titel ist meines Wissens übrigens produziert worden, denn er erklang des Öfteren im Berliner Rundfunk, wie mir meine Mutter stolz erzählte. Nannten Sie sich damals eigentlich schon Ralf Petersen?

Horst Fliegel: An der Hochschule galt Tanzmusik in den 50er Jahren als minderwertig. Und so empfahl mir mein Theorielehrer Prof. Wolfram Heicking, mir als Komponist einen Künstlernamen zuzulegen. Und so kam es zu dem Namen Ralf Petersen, der mich bis heute begleitet.

MHR: Sie sind ja dann auch recht schnell als Leitender Angestellter zum Rundfunk gegangen. Wie kam es dazu?

Horst Fliegel: Nach dem Staatsexamen 1961 bot mir Klaus Hugo, Leiter der Redaktion Tanzmusik des Berliner Rundfunks, eine feste Stelle als Programmredakteur an. Ich nahm sein Angebot an, zumal ich so in Berlin bleiben, am Nachwuchsstudio weiter arbeiten und meine kompositorischen Ambitionen realisieren konnte. Außerdem war ich 1961 bereits fest liiert. Diese Liaison ist noch heute meine Frau. Somit führte mein Weg eindeutig in Richtung der Tanz- und Unterhaltungsmusik. Das Komponieren fiel mir leicht, machte Spaß und war schließlich von der finanziellen Seite her ganz lukrativ. Allmählich etablierte ich mich im Musikleben der DDR.

MHR: Wie vereinbarte sich aber die feste Anstellung mit kompositorischen Ambitionen?

Horst Fliegel: Ich habe immer genau darauf geachtet, dienstliche und freischaffende Tätigkeit nicht zu vermischen. Meine Arbeit als Autor fand grundsätzlich nach Feierabend, an Wochenenden oder im Urlaub statt. Dieses Prinzip hat sich bewährt. Ich begann als Redakteur, wurde 1966 Redaktionsleiter, 1971 Chefredakteur Musik des Berliner Rundfunks und 1973 bis 1991 Leiter der Hauptabteilung Musik und Mitglied des Staatlichen Komitees für Rundfunk.

In diesen verschiedenen Funktionen hatte ich es quasi täglich mit musikfachlichen Problemen, Entscheidungen über Produktions- und Konzertpläne sowie den 12 fest angestellten Klangkörpern und deren oft sehr prominenten Dirigenten zu tun.

MHR: Diesbezüglich machte sich doch Ihr fachliches Wissen quasi bezahlt?

Horst Fliegel: Ich will nicht übertreiben, aber ohne profunde Kenntnisse in allen musikalischen Bereichen hätte ich nicht bestehen können. Meine Gesprächspartner, also Musiker, Choristen, Dirigenten, Komponisten, Textautoren, Redakteure und Produzenten, aber auch Vertreter von Ministerien, der AWA (Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte), des Komponistenverbandes, der Künstleragentur, des Komitees für Unterhaltungskunst etc. wussten, dass sie es mit jemandem zu tun hatten, der gute Berater hatte und überall sachkundig war.

MHR: Gibt es da Unterschiede zu heute?

Horst Fliegel: Allgemein muss ich feststellen, dass das fachliche Niveau heutzutage oft zu wünschen übrig lässt, da es an solider Ausbildung mangelt. Wenn ein Kompositionsstudent heute nicht mehr weiß, in welcher Tonlage eine Trompete am typischsten klingt oder welchen Tonumfang eine Oboe hat, fehlen ihm grundlegende Kenntnisse, die auch nicht durch die Beherrschung von Musikcomputern zu kompensieren sind. Es geht, das ist meine feste Überzeugung und Erfahrung aus jahrzehntelanger beruflicher Tätigkeit in dem Bereich, nichts über eine umfassende Ausbildung. Allerdings gibt es immer Ausnahmen, und es liegt mir fern, zu verallgemeinern.


MHR: Gab es so etwas wie Vorbilder für Ihre Arbeit als Komponist und Arrangeur?

Horst Fliegel: Während der 60er und 70er Jahre gefielen mir besonders musikalisch und technisch gut gemachte Schlager, wie sie Christian Bruhn lieferte. Titel von Manuela, Roy Black, Katja Ebstein, Wencke Myhre, Drafi Deutscher oder Mireille Matthieu sind nur einige Beispiele.

MHR: Haben Sie davon in irgendeiner Weise profitiert?

Horst Fliegel: Ich analysierte deren Struktur, die Instrumentation und die produktionstechnischen Eigenheiten. Es ist ja kein Geheimnis, dass die musikproduzierenden Einrichtungen der DDR sich bemühten, etwas dagegen zu setzen, das in etwa dem Publikumsgeschmack entsprach. Und so waren in der Schlagerrevue von Radio DDR oder im Schlagermagazin des Berliner Rundfunks jene Titel besonders erfolgreich, die den „Westschlagern“ ähnelten. Hier liegt auch eine der Erklärungen für den Erfolg von Ralf-Petersen-Titeln.

MHR: Wie machte sich das musikalisch bemerkbar?

Horst Fliegel: Zu Beginn der 70er Jahre erkannte man, dass man auch der immer populärer werdenden internationalen Rockmusik etwas entgegen setzen muss. Es wurde ein Kampagne ins Leben gerufen, die sich „Rhythmus 71“, „Rhythmus 72“ usw. nannte. Ich wurde mit der Leitung einer Arbeitsgruppe beauftragt, in der Rundfunk, Fernsehen, AMIGA, Komitee für Unterhaltungskunst, Kulturministerium, ZK-Abteilungen, FDJ-Zentralrat und Presse vertreten waren.

Diese Arbeitsgruppe hatte nur eine Aufgabe: neue Rocktitel zu entwickeln und zu popularisieren. Das gelang eigentlich recht gut. Gruppen wie Karat, Stern-Combo Meißen, Elektra, Puhdys, Klaus Renft, City oder Silly waren wichtige Träger der Initiative. Es wurde deutsch gesungen, und so waren die Texte oft ein Problem.

MHR: Worin bestanden solche Probleme?

Horst Fliegel: Ich erinnere mich an einen stundenlangen Disput zwischen mir und der Renft-Combo um das Lied „Ketten werden knapper“. Der schmale Grat bestand darin, den feinen Unterschied zwischen „progressiv“ und „zu progressiv“ zu beschreiten, ohne abzustürzen. Ein positives Ergebnis der Rhythmus-Aktionen war eine deutliche Vertiefung des Vertrauensverhältnisses zwischen Musikern und Produzenten.

Lektorate alten Stils wurden weitgehend durch ein gut entwickeltes Auftragswesen ersetzt. Im Gegensatz zur heutigen Praxis wurde gründlich diskutiert und am Ende gemeinsam entschieden. Heute bestimmt häufig ein Produzent ohne nennenswerte Kompetenz, beispielsweise über den Einsatz im Rundfunk- oder TV-Programm.

MHR: Welchen "Zwängen" waren Sie in Ihrer Tätigkeit beim Rundfunk unterlegen?

Horst Fliegel: Zwänge waren häufig ökonomischer Natur. Es mangelte permanent an der technischen Ausrüstung. Es bedurfte erheblichen Drucks der Hauptabteilung Musik und dort vor allem der Produzenten und Tonregisseure, Valutamittel, und um die handelte es sich dabei ausschließlich, zu beantragen. Während AMIGA seine technische Ausrüstung aus dem Verkauf von CDs und Lizenzen finanzierte, mussten wir direkt um Subventionen aus dem Finanzministerium kämpfen.

MHR: Und wie sind Sie diesen Zwängen begegnet? Man sagt ja immer, in der DDR musste man organisieren können und Beziehungen haben?

Horst Fliegel: Wir holten den Deutschen Fernsehfunk mit ins Boot. Schließlich gelang es uns, ein so genanntes Popstudio auf dem Gelände des Rundfunks zu errichten und auszustatten, in dem wir hervorragende Aufnahmen herstellten und in dem nach der Wende das Filmorchester Babelsberg einzog. Ich werde nicht vergessen, wie heiß es herging, als wir in der Leitung des Rundfunks gemeinsam mit Heinz Adameck und seinen Fernsehexperten über das Popstudio verhandelten. Wir versuchten, den Leitungen zu suggerieren, dass es bei neuer Technik um eine zutiefst ideologische Frage ging. Dieses Argument hat schließlich überzeugt. Gekauft wurde dann japanische Digitaltechnik in bester Qualität.

MHR: Wer nutzt diese Technik nach der Abwicklung des DDR-Rundfunks?

Horst Fliegel: Unmittelbar nach der Wende wurde diese kostbare Ausrüstung im Zuge der „Abwicklung der Einrichtung“ aus den Fenstern des Blocks B geworfen. Nur das Popstudio blieb erst einmal verschont.

MHR: Gelegentlich wird kolportiert, der DDR-U-Musik hat es an technischer Raffinesse gemangelt. Wie ist dazu Ihre Meinung?

Horst Fliegel: Die Substanz der DDR-Schlager und die Qualität der Interpretationen waren den Produkten aus der damaligen Bundesrepublik ebenbürtig. Wir verfügten über perfekt ausgebildete Musiker. Tonregisseure mit Hochschulabschluss betreuten die Aufnahmen kompetent und professionell. Die technischen Defizite versuchten wir wie beschrieben mit viel Argumentationskraft zu überwinden.

MHR: Woraus haben Sie ihre Virtuosität geschöpft? Aus den Texten, dem Bezug zu den Interpreten, aus Eingebung und Fachwissen/fachlichem Können? Einem Mix daraus...?

Horst Fliegel: Von Virtuosität würde ich hier nicht sprechen. Eher von Erfahrung, Fachwissen und Routine im besten Sinne. In 90 Prozent der Fälle schrieb ich zuerst die Musik. Die Vorstellung, eine neue Komposition entstünde am Klavier oder am Schreibtisch, trifft nur in wenigen Fällen zu. Meist fällt einem eine neue Melodie beim Autofahren, Spazierengehen oder in einer Sitzungspause ein. Und wenn ich eine neue Musik erfand, hatte ich auch fast immer einen Interpreten bzw. eine Interpretin sowie eine Titelzeile im Kopf.

MHR: Ich würde den Begriff Virtuosität schon beibehalten wollen, wenn man ihn als perfekte künstlerische Leistung definiert. Und Sie waren ja offensichtlich mehr als "nur" Komponist.

Horst Fliegel: Letzteres stimmt schon genau genommen: Die Refrainzeilen vieler meiner Titel habe ich selbst erfunden, so „Blau ist die Nacht“, „Eine kleine Burg im weißen Sand“, „Dankeschön für die Stunden mit dir“, „Fahr mit mir in das Glück hinein“, „Das ist der Bikini-Shake“, „Erst kam ein verliebter Blick“ oder „Blumen aus Eis“. Die Arrangements habe ich von Anfang bis Ende des Titels genau konzipiert und dann mit dem Arrangeur besprochen.

Er war in jedem Falle routinierter als ich. Er brauchte fünf Stunden für das Schreiben der Partitur, ich hätte die doppelte Zeit einplanen müssen. Und die hatte ich nicht. Meine Titel habe ich in den meisten Fällen mit den Interpreten am Klavier einstudiert, so dass sie dann im Studio meine stilistischen Vorstellungen realisieren konnten.

MHR: Welchen Stellenwert ordnen Sie der DDR Schlagerszene heute ein?

Horst Fliegel: Die DDR-Schlagerszene ist heutzutage bewusst unterdrückt. Die Gründe sind sicher sehr vielfältig. Das geht von simpler Ignoranz, Unkenntnis, Überheblichkeit und Konkurrenzdenken bis hin zu dem Bestreben, bestimmte Zielgruppen wie ältere DDR-Hörer auszuklammern. Wenn man heute öffentlich-rechtliche Radiosender hört, ist ein DDR-Schlager etwas Exotisches. Der Komponist Arndt Bause erzählte mir einmal, wie ihn ein Münchener Tonstudio in seiner Arbeit beengte, indem extrem hohe Kosten und knapp gehaltene Termine ein gutes Ergebnis unmöglich machten. Ich will nichts verallgemeinern, aber gewisse Tendenzen stehen in krassem Gegensatz zur deutschen Einheit.

MHR: Was sind für Sie die Granden in Komposition, Texter, Band-Leader, Sänger in Ost und West?

Horst Fliegel: Die Frage nach den „Granden“ zu beantworten fällt mir schwer. Es gibt so viele großartige Titel und Interpreten, dass man bei der Nennung von Namen unwillkürlich viele vergisst. Das wird dann sofort als Wertung verstanden. Im übrigen beurteile ich Musik nach klaren Kriterien wie Qualität des kompositorischen Einfalls, Originalität der Interpretation und aufnahmetechnischer Realisierung. Und da sind wir wieder bei der Unterscheidung zwischen guter und schlechter Musik.

MHR: Apropos Granden: Mit welchen Interpreten haben Sie besonders gern gearbeitet? Soll auch heißen: Mögen Sie "Typen" auf der Bühne oder solche, die nur ihren Titel abspulen?

Horst Fliegel: Ich mag Typen, die Charakter haben und ihn auch zeigen. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass nicht jeder Interpret jedes Lied erfolgreich singen kann. Wichtig ist immer, dass eine Sängerin oder ein Sänger Eigenes in eine Aufnahme einbringt. Wenn es nicht passt, kann man es jederzeit wieder weglassen oder verändern. Eine stattliche Zahl meiner Titel wurde auch von Westinterpreten gesungen, so „Regen in der Nacht“ von Udo Jürgens oder „Blau ist die Nacht“ von Bob Benny. Ich habe über 100 Instrumentaltitel geschrieben, von denen viele ins Ausland gingen, unter anderem auch in die USA.

MHR: Was ist für Sie noch heute Ihr größter musikalischer Erfolg ?

Horst Fliegel: Mein größter Erfolg ist die Bostella „Blau ist die Nacht“, im Original gesungen vom Gerd-Michaelis-Chor im Jahre 1968. Es gibt davon über 20 Versionen. Aus musikalischer Sicht mag ich besonders meine Titel „Regen in der Nacht“ (Michael Hansen), „Sag ja“ (Rec Demont), „Mädchen, du mein Traum“ (Andreas Holm), „Zwei Küsse beim Nachhausegehn“ (Ina Martell) und „Red nicht über die Liebe“ (Ruth Brandin).

MHR: Zu guter Letzt: Würden Sie gern noch einmal etwas komponieren? Wie müsste sich das anhören? Melodiös mit großem Orchester, mehr Ballade und auf den Interpreten fixiert oder was ganz "Neumodisches"? Soll auch heißen: Was ist ein unerfüllter musikalischer Traum von Ihnen?

Horst Fliegel: Ich würde nur etwas Neues komponieren, wenn ich einen seriösen Auftraggeber hätte. Was mir besonders liegt, sind große Melodien. Natürlich müsste man genau wissen, welcher Interpret bzw. welche Interpretin das Lied singen soll. Vielleicht schreibe ich auch ganz was Anderes: Einen Chorzyklus nach Texten von Wilhelm Busch.

MHR: Lieber Horst Fliegel, lieber Ralf Petersen, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass diese Wünsche in Erfüllung gehen und sich jemand bei Ihnen meldet, der vielleicht auch durch dieses Interview angeregt wird und erkennt, wie viel Potenzial noch in Ihnen steckt.


Fotos: Michael H. Max Ragwitz - Redaktionsbüro MHR

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Michael H. Max Ragwitz
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Und als Krönung der Autorenpreis der GEMA in der Kategorie ‚Komposition Rock’. Die Jury hat Cäthe und ihre Musik verstanden und belohnt sie ausdrücklich dafür, dass sie ihren eigenen Weg geht.

Sie hasst Faulheit, hat mehr als eine Meinung

Im Juni erscheint ihr neues Album „Verschollenes Tier“. Der außergewöhnliche Titel liegt Cäthe am Herzen: „Das Tier steht für die Verbindung mit dem Ursprünglichen, dem Instinktiven in mir. Im Alltag ist es oft verschüttet und versteckt sich. Aber wenn ich mich mit mir befasse, Musik mache oder auf der Bühne stehe, kommt es raus und kann atmen. Auf diesem Album komme ich dem verschollenen Tier, also mir selbst, sehr nah. Es fühlt sich an wie ankommen.“

Von dieser Unmittelbarkeit zeugt auch das Artwork. Das Cover zeigt ein Foto von Cäthe als kleines Mädchen: „Fahrrad fahren war eine große Sache für mich. Ich weiß nicht mehr warum ich gestürzt bin, aber ich war total schockiert, dabei fotografiert zu werden. Auf keinen Fall sollte das jemand mitkriegen ... Ich wollte immer ganz schnell ganz viel können und alles wissen. Am liebsten hätte ich die Kindheit übersprungen und wäre sofort erwachsen gewesen.“

Lauter neugierige Anfänge

Auch die Bilder im Booklet stammen von ihr – eine Art gezeichnetes Tagebuch der letzten Jahre. Musikalisch sendet sie ihre Leidenschaft und ihre unvergleichliche Intensität auf mehreren Kanälen: in ihren Kompositionen und Texten, mit ihrer ungezügelten, markanten Stimme und via Intonation mit Leib und Seele minus Eitelkeit. Sie überlässt der Musik das Ruder, nimmt sich zurück und treibt mit der Strömung nach innen.

Cäthe ist Viele. Sie sammelt Gegensätze, ist am liebsten barfuß und ringt beständig mit sich und anderen um Erweiterung. Sie hasst Faulheit, hat mehr als eine Meinung und ihr Leben besteht aus lauter neugierigen Anfängen.


Das mit der eigenen Musik beginnt 2005 in Hamburg. Eine inspirierende, wichtige Zeit. Cäthe ist Anfang zwanzig, belegt den Popkurs und trifft treue Wegbegleiter wie Mika, Gisbert und Flozze, der heute auch der Bassist ihrer Band ist. Die Sache entwickelt sich aber nicht von heute auf morgen: „Ich glaube, ein paar Jahre lang habe ich mich gedrückt. Ich hatte Schiss, meinen Vorstellungen nicht gerecht zu werden. Hatte Angst vor der Auseinandersetzung.

Eigentlich scheue ich die zwar nicht, aber bei mir müssen Kopf und Herz immer einhundert Prozent im Einklang sein – das kann zehren.“ Die meiste Zeit ist sie nicht krankenversichert, muss Freunde um Flaschenpfand bitten und hat mächtig damit zu tun, erwachsen zu werden. „Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem ich beschloss, es einfach zu wagen. Vielleicht hätte mir mein Perfektionsanspruch sonst noch ewig im Weg gestanden.“

Die Notwendigkeit, Musik zu machen ist stärker als das Bedürfnis nach Struktur, deswegen kommt ein geregelter Beruf auf Dauer nicht in Frage. „Für mich sind die private Person und die Person auf der Bühne untrennbar. Wenn man es mit der Musik ernst meint, stellt man irgendwann fest, dass das alles ganz natürliche Prozesse sind, die man als Künstler eben durchleben muss. Man lernt, die Sache ernst zu nehmen, nicht so sehr sich selbst.“

Mit „Verschollenes Tier“ kommt Cäthe bei sich an – und steht damit wieder an einem neuen Anfang.

Mit Ihrem neuen Album geht Sie im Herbst 2013 auf große Deutschland-Tour. Tickets gibt es ab sofort unter 01805 – 969 000 555 (14ct/min, z.B. Dt. Telekom, Mobilfunkpreise max. 42ct/min) oder im Internet unter www.ticketmaster.de.

Konzerte in Deutschland

Tour-Termine:

Fr, 25.10.2013, Bremen, Lagerhaus

Sa, 26.10.2013, Dortmund, FZW

So, 27.10.2013, Kiel, Orange Club

Di, 29.10.2013, Gütersloh, Weberei

Mi, 30.10.2013, Münster, Amp

Do, 31.10.2013, Hannover, Capitol

Fr, 01.11.2013, Braunschweig, Hansa

So, 03.11.2013, Köln, Luxor

Mo, 04.11.2013, Düsseldorf, Stahlwerk

Di, 05.11.2013 Aachen, Musikbunker

Mi, 06.11.2013 Fulda, Kreuz

Fr, 08.11.2013 Frankfurt/M., Nachtleben

Sa, 09.11.2013 Koblenz, Circus Maximus

So, 10.11.2013 Weinheim, Café Central

Di, 12.11.2013 Ulm, Roxy

Mi, 13.11.2013 Kempten, bigBox Allgäu

Do, 14.11.2013 Reutlingen, franz.K

Fr, 15.11.2013 Saarbrücken, Garage

So, 17.11.2013 Freiburg, Waldsee

Mo, 18.11.2013 Nürnberg, Stereo

Mi, 20.11.2013 Erfurt, Centrum

Mi, 20.11.2013 Berlin, Lido

Fr, 22.11.2013 Hamburg, Knust

Sa, 23.11.2013 Rostock, Stadtpalast

Mo, 25.11.2013 Leipzig, UT Connewitz

Di, 26.11.2013 Jena, F-Haus

Mi, 27.11.2013 Dresden, Scheune

Do, 28.11.2013 Cottbus, Bebel

 

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