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16.11.2013 Kanon heißt Richtschnur, Maßstab, Regel, Leitfaden.

GFDK - Stefanie Tendler

In der bildenden Kunst besagt der Begriff:“.. die Gesetzmäßigkeit der in den Maßverhältnissen all ihrer Teile ausgewogenen Gestalt..“ Inge Mahn ist Bildhauerin, langjährige, jetzt emeritierte Professorin von der Kunsthochschule Weißensee und neuerdings auch Direktorin des von ihr gegründeten Stallmuseums in Groß Fredenwalde (Uckermark), einem Ort für Landkultur und künstlerische Arbeit. Im November feiert sie ihren 70. Geburtstag. Die Emerson Gallery Berlin begeht das Ereignis mit einer besonderen Ausstellung.

S.T.: In der Ausstellung „Kanon“, die in der Emerson Gallery Berlin gezeigt wird verbinden Sie Werke aus vier Generationen ihres kreativen Schaffens, was möchten Sie mit der Ausstellung aussagen?

Es sind nicht vier Generationen geworden sondern eine neue Orientierung älterer Arbeiten.
Das "Mahnmal Mahnmahl", "Berge mit Fahnen" und "Blumenvase". In der Zusammenstellung bekommt die Emerson Gallery eine neue Installation. Die Plastiken korrespondieren mit dem Raum und entwickeln ein Eigenleben. Im Sinne des Kanons, einem Ordnungssystem, entstehen Harmonien. Was ich mit der Ausstellung ausdrücken will ist allerdings unwichtig, die Gegenstände sprechen auch nicht für sich, sie sind, Gegenstände, zum Glück still, wichtiger ist, was der Betrachter erfährt und denkt. Die Formen erinnern vielleicht an etwas Bekanntes, sprechen an.

Russell Radzinski: Emmet Williams hat diese Albernheit als kosmologischen Humor bezeichnet.

Inge Mahn: Diese Art künstlerischer Arbeit hat mit Humor zu tun, das stimmt, der bleibt allerdings auf dem Boden der Tatsachen, ist eher Realismus, der manchmal weh tut. Der Realismus zeigt nicht nur Stärken sondern auch Schwächen, Dummheiten.

S.T.: Wie wählen Sie die Gegenstände aus, die Sie für Ihre Arbeiten verwenden?

Ich wähle die Gegenstände nicht aus, weil sie da sind, für den jeweiligen Ort bestimmt.
Die Säulen zu "Mahnmal Mahnmal" z. B. waren im Raum vorhanden ich habe sie (auf übermenschliches Maß) verkürzt, hervorgehoben und durch Kopfbedeckungen gekennzeichnet und ihnen damit eine spezielle Bedeutung gegeben. In der Zeit 1978 als ich die Sache in Hamburg gebaut habe war Minimal Art angesagt, der ich damit natürlich widerspreche.

S.T.: Wie wichtig ist Ihnen der persönliche Bezug, die Zugänglichkeit zum Kunstwerk?

Inge Mahn: Mir ist es wichtig, dass man gleich einem naiven Betrachter um das Werk herumgehen kann, einen Eingang bzw. Zugang zum Werk findet und dass eine Brücke zwischen beiden geschlagen wird. Im Rahmen der Minimal Art, in der Kunst nichts aussagen wollte, entwickelte ich das Bewusstsein, dass es unmöglich ist, seine persönliche Wahrnehmung und Erfahrung auszublenden. Jeder Mensch versucht ganz automatisch einen Bezug herzustellen und diese Vorstellung habe ich weiter entwickelt.

Ich finde auch die Logik der Statik, Physik und Metaphysik unglaublich spannend. Es gibt eine wunderbare Stelle in der Bibel: "Einer trage des anderen Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen" Dabei handelt es sich aber nicht nur um ein religiöses oder gar moralisches Gesetz, sondern um ein physikalisches und auch philosophisches, das ich in einer meiner Arbeiten, mit zwei aneinander kippenden sich gegenseitig haltenden Stühlen, aufgegriffen habe.

S.T.: Bereits als sehr junge Künstlerin mit Anfang 30 bekamen sie die Gelegenheit bei der documenta 5, die als weltweit einflussreichste Ausstellung Moderner Kunst nach dem zweiten Weltkrieg gilt, mitzuwirken. Wie würden Sie diese Erfahrung rückblickend beschreiben? Mit welchem persönlichen Werk haben Sie zur documenta 5 beigetragen?

Inge Mahn: Ich hatte das Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, denn die Hochschule in Düsseldorf genoss eine besondere Aufmerksamkeit in den 70er Jahren. Zu der Zeit war mein Arbeitsplatz im Flur der Akademie, die Plastiken waren also offensichtlich und waren nicht nur Anstoß zum Ärgernis.
Infolgedessen wurde die Staatsexamensarbeit (für Kunsterziehung) "Schulklasse", eine altmodische Schulklasse aus Gips zur documenta 5 eingeladen.

Dabei zu sein war eine gute Erfahrung, ich war noch sehr jung und die Vorbilder der Zeit wie z.B. Klaas Oldenburg waren freundliche und unkomplizierte Kollegen, "normal" im Gegensatz zu den Gegendemonstranten vor dem Fredericianum, die sich wie die "wahren" Künstler benahmen.Zu der Zeit habe ich  den Wert dieser Ausstellung für mich noch nicht ganz greifen können, was allerdings auch daran liegen mag, dass ich nicht besonders geschäftstüchtig bin, wenn es um die Vermarktung meiner eigenen Person geht. Für mich steht die Arbeit, das Handwerk im Vordergrund.

Kanon heißt Richtschnur, Maßstab, Regel, Leitfaden.

S.T.: Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu New York?

Inge Mahn: Als ich 1981 mit dem PS1 Künstlerstipendium in New York ankam, bin ich eines Sonntags durch das Bankerviertel geschlendert, ohne wirklich viel Geld in der Tasche zu haben und dort auf Plastikeimer gestoßen, die ich mitnahm und mit ihnen quer durch die Stadt lief. Niemand schaute mich dabei seltsam oder irritiert an. Es war überhaupt kein Problem. In jeder anderen Stadt wie z.B. Düsseldorf hätte man komisch oder herablassend geguckt, nach dem Motto -- was macht die denn da mit den Plastikeimern -- aber hier war es schon fast eine Selbstverständlichkeit. 

Wenn ich an die Zeit zurück denke, habe ich überhaupt nur gute Erinnerungen an New York, auch wenn es meiner Meinung nach eher eine Stadt für Erwachsene ist, es gab auch manch einen, der unheimliche Probleme dort hatte, ich für meinen Teil habe mich stets sehr wohl gefühlt und jeden Tag genossen, an dem ich dort spazieren gehen konnte.

Später als ich bereits an der Hochschule doziert habe, bin ich regelmäßig in den Semesterferien zurückgekehrt, um hier zu arbeiten und hatte drei Ausstellungen in der Diane Brown Gallery. Die New York Times wurde zu dieser Zeit auch auf mich aufmerksam und hat einen Artikel über meine Arbeit veröffentlicht. New York war damals noch eine Stadt der Macher, für Leute, die anpackten und bereit waren zu arbeiten. Die Stadt stand für tolle Musik, tolles Theater und tolle Ausstellungen.

Russell Radzinski: Jetzt ist es eher eine Stadt für Leute die Arbeiten lassen.

Inge Mahn:  Ich hab sehr viele Künstler kennen gelernt, die nur um in New York zu sein, zahlreiche Jobs annahmen, gut dotierte Jobs hatten, um ihre Galerie bezahlen zu können, und dann Kunststudenten für sich arbeiten ließen. Für mich persönlich ist das „selber machen“, das leider einen Wertverlust erlitten hat, das Gefühl für einen Raum wie dieser funktioniert und was in ihm funktioniert und das Erschaffen von etwas Eigenständigen unheimlich wichtig. Der Wandel der Stadt war für mich ein Grund New York zu verlassen.

S.T.: Wie war es für Sie an der Kunsthochschule Weißensee zu dozieren?

Ich war vorher in Stuttgart an der Hochschule tätig und habe mir im Anschluss überlegt, ob ich nach Hamburg oder Berlin gehen sollte. Ostberlin schien mir naheliegend, da meine Familie ursprünglich aus Schlesien stammt. Zu Berlin hatte ich außerdem bereits durch Freunde und Bekannte in Bethanien einen engen Bezug und freute mich auf die Zusammenarbeit. Allerdings war der Einstieg nicht ganz so leicht.

Ich kam mir wie die Unschuldige aus dem Ausland, vor als ich 1995 nach Ostberlin kam. Dennoch bin ich sehr stolz darauf, was meine Ostkollegen und ich vor allem für die Bildhauerei in Gemeinschaftsarbeit erschaffen haben. Ich denke wir haben eine Art Grundstein gelegt und vorbereitend gute Arbeit geleistet. Die Professur an sich lag zudem nicht so weit entfernt von der Kunst, da ich sehr eng mit den Studenten zusammen gearbeitet habe und ein richtiger Austausch dabei entstanden ist.

S.T.: In Großfredenwalde haben Sie 2012 das Stallmuseum gegründet, was hat es hiermit auf sich?

Inge Mahn: Ich komme ursprünglich vom Land, aus Oberschlesien und habe eine sehr starke Verbundenheit zur dörflichen Gemeinschaft. Mir ging es mit dem Projekt darum andere nicht auszuschließen und habe in Großfredenwalde einen unter Denkmal stehendes Haus restauriert und es als Museum deklariert. Aber was ist ein Museum ohne Ausstellungsstücke? Mir war es ein Anliegen, dass jeder der Dorfbewohner seinen persönlichen Anteil zur Ausstellung beitragen sollte.

Berliner Freunde kommentierten die Ausstellung und verglichen sie mit Joseph Beuys, der auch eine sehr große Verbindung zu ländlichen, ursprünglichen Dörfern hatte. Betonen möchte ich hier jedoch, dass ich keine Auswahl der Ausstellungsobjekte getroffen hatte, sondern lediglich die Anordnung der Objekte übernahm, bei denen es sich um ländliche Artikel handelte, die von der Dorfgemeinschaft zusammen getragen wurden. Insgesamt ist es eine sehr schöne Ausstellung geworden.

An der Eröffnung habe ich das Haus als Gemeinschaftsobjekt des Dorfes  und als weltoffenes Haus deklariert. Großartig finde ich, dass im Dorf alle Menschen gleichwertig angesehen werden und dass dort Künstler, die Rang und Namen haben, keinen Bekanntheitsgrad genießen und Menschen, die sich kreativ beteiligen möchten so freier in ihrem Schaffen sind.

Das Projekt ist jetzt allerdings auch wieder beendet, da es mir kein Anliegen ist, einen Ausstellungsbetrieb zu eröffnen. Zur Weihnachtszeit ist das Dorf wieder an der Reihe, da stellen wir einen großen Weihnachtsbaum auf und schmücken ihn zusammen.

S.T.: Sie gelten als Meisterschülerin von Joseph Beuys. Haben Sie eine besondere Erinnerung an ihn?

Über einen Zufall kam ich zu Beuys. Ich hab in Bielefeld Abitur gemacht und die Akademie von Düsseldorf lag am nächsten zu meiner Heimatstadt. Ich war zuerst bei einem Herrn Bobek, der von der Berliner Schule kam, der uns vermitteln wollte, dass man als Künstler leiden müsse und dass Frauen sowieso keine Kunst machen könnten.

Die Klasse von Beuys stach mir ins Auge, da sie sehr lustig waren, einen ziemlich entspannten Umgang pflegten und in einer bodenständigen Art mit Kunst umgegangen sind. Beuys kam vom Land und schwebte nicht in Wolken, nein er hatte beide Beine auf dem Boden. Ich hab Beuys dann angesprochen, und gefragt, ob ich zu ihm kommen könne, und er nahm mich auf, und ich fand wieder einen richtigen Bezug zur Realität und zur Kunst.

Russell Radzinski: Aber du siehst dich nicht als Nachfolgerin der Fluxus Bewegung?

Ich sehe mich als überhaupt keine Nachfolgerin von einer Kunstrichtung an. In der Nachkriegszeit war es wichtig etwas Neues zu erschaffen. – Schluss mit dem was vorher war, auf keinen Fall figürlich, sondern nur bedingt. Ich sehe mich nicht als Jünger oder Nachfolger von einer Bewegung der damaligen Zeit. Es gibt gewisse Parallelen, denn natürlich spielt der Einfluss des Studiums eine gewisse Rolle. Ich hab Kunst damals als Appell aufgefasst, etwas Neues zu entwickeln.

Hier geht es zur englischsprachigen Version von unserem Kollegen in New York

www.station-station.com/berlin/inge-mahn-going-strong/

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15.11.2013 "Was nix kostet is auch nix"

GFDK - Heinrich Schmitz - 3 Bilder

Heinrich Schmitz ( HS) :„Herr Salentin, Sie gelten als einer der besten Trompeter der heutigen europäischen Jazz-Szene, haben eine Professur in Würzburg für Jazz und konzertieren international. Heute Morgen erschien auf SPIEGEL-ONLINE ein Artikel über die trüben Zukunftsaussichten von jungen Jazzmusikern (http://www.spiegel.de/kultur/musik/jazz-nachwuchs-esra-dalfidan-s-fidan-und-hammer-klavier-trio-a-906917.html ).

Sie haben schon vor ein paar Wochen haben auf Ihrer Facebook-Seite einen Mindestlohn für Künstler gefordert. Wie kam es zu diesem Aufruf?“

Hans Peter Salentin (HPS): ,,Das haben viele nicht auf dem Schirm, das Kunst kosten muss. Schüler, die alles umsonst downloaden, Veranstalter, Kneipen z.B., die permanent bei ,,freiem Eintritt'' veranstalten, aber leider genauso auch Musiker, die permanent umsonst spielen.

Es ist eine,, umsonst Mentalität ''entstanden, bei denen die, die Musik schaffen, finanziell auf der Strecke bleiben, weil niemand mehr bereit ist, die Künstler angemessen zu entlohnen.

Bei Künstlern glauben viele offenbar, eine Bezahlung wäre entbehrlich. Es ist ja Kunst .“

HS: „ Sie haben als international anerkannter Künstler mit vielen Jazz-Größen national wie international gespielt wie : die vielleicht der Allgemeinheit noch geläufigsten Namen sind: Chick Corea, Bob Mintzer, Simon Phillips (Toto), Brandford Marsalis, John Scofield u.v.a. mit denen sie zusammen gespielt haben.

Sie gehören damit zu den renommierten Musikern.

Sind Sie trotzdem von dieser ,,umsonst Mentalität'' der Veranstalter auch selbst betroffen?“

Berufsmusiker möchten von ihrer Kunst leben.

HPS: „ Ja, selbstverständlich. Aber auch meine Studenten. Gerade für die ist dieses Thema sehr wichtig. Es ist wichtig, weil ihnen mit dem Status Quo die ökonomische Grundlage genommen wird. Offenbar sind viele Veranstalter der Meinung, es sei für Künstler eine reine Freude umsonst spielen zu dürfen. Wir haben z.B. hier einen Veranstalter bei dem jedes Wochenende bei freiem Eintritt Live-Veranstaltungen stattfinden und manchmal sogar an 2 Tagen in der Woche.

Auf meine Frage, was das denn soll, weil man damit ja anderen Veranstaltungen, die Geld kosten, das Wasser abgräbt, lautet die Antwort des Bookers, „die Musiker wollen es so. Er ist übrigens derjenige, der daran verdient. Er macht die grafische Werbung, die er sich normal bezahlen läßt.''


HS: „ Können Sie diese Antwort bestätigen?“

HPS: „ Nein, denn Berufsmusiker möchten von ihrer Kunst leben. Und auch eine große Anzahl von Hobby-Spielern kümmert sich darum nicht. Ja, diese wollen um jeden, Entschuldigung, um keinen Preis spielen. Es ist ja völlig in Ordnung, wenn eine Band dies tun, ich gebe aber zu bedenken, wenn sie da umsonst spielen, warum soll man ihnen später woanders etwas zahlen? Berufsmusiker, die diesen gefährlichen Unsinn auch noch mitmachen, schädigen sich und nachfolgende Kollegen. Und damit meine ich nicht nur die Musiker, sondern auch die Musik selbst.

Natürlich spielt jeder Musiker gerne vor Publikum und freut sich über den Applaus.Vom Applaus alleine kann aber niemand existieren. Es gibt viele Veranstalter, die sich diese, nennen wir es einmal freundlich Unsitte, zu eigen gemacht haben und manche lassen Musiker nur noch gegen Eintritt spielen, d.h. sie selbst zahlen keine Gage. Davon kann kein Musiker leben, weil oft auch der Werbeanteil dieses Veranstalters nicht wirklich professionell funktioniert. Da spielt man oft vor einer Hand voll Leute, weil kein Mensch überhaupt etwas von dem Konzert erfahren hat.“

HS: „Sie hatten jetzt in ihrem Aufruf einen garantierten „Mindestlohn“ von für Jazz-Klassik-Folk-Spirituelle ect. -Musiker von 150,- € Garantie plus 7% plus Fahrtkosten Zuschuß gefordert. Welchen Sinn hat diese eher moderate Forderung?“ (Anmerkung: in der Klassik werden oft per se andere Gagen gezahlt.)

HPS: „Die genannten Beträge liegen weit unter dem beim Finanzamt abrechenbaren Satz. Wenn man alle abzugsfähigen Kosten zusammen zählt , macht man sogar Gewinn. Soll heißen, man ist soweit im Minus, das ohnehin nichts bezahlt wird.Die meisten Künstler in der KSK ( Künstlersozialkasse ) verdienen pro Jahr 1000,-Euro.

Wir brauchen einen garantierten Mindestlohn.

Da ist es ziemlich egal ob Netto oder Brutto. Mein Vorschlag zur Abwicklung eines Konzertes soll einem Veranstalter möglich machen, seriös zu arbeiten und evtl. auch mal bei „freiem Eintritt“. Natürlich wird durch diesen „freien Eintritt“ der Wert der künstlerischen Arbeit der Musiker in den Augen der Öffentlichkeit dauerhaft entwertet. ,,Was nix kostet is auch nix''.

Wenn es an jeder Ecke gute Musik ,,für umsonst'' gibt, glaubt der Konsument irgendwann, Musik sei nicht nur kosten- , sondern auch wertlos. Das sollte auch jedem Musiker bewusst werden. Der Veranstalter könnte z.B. auf Spendenbasis einen Obulus einfordern,was ich wie bereits erwähnt, grundsätzlich aber auch nicht für wünschenswert halte.

Die oft entstehende Differenz könnte durch einen Sponsor aufgefangen werden. Beispiel: ein Trio bekommt 450 Euro plus 7% garantiert. An Spenden , bei freiem Eintritt kamen aber nur 250 Euro zusammen. Die Differenz zahlt der Sponsor. Durch das Bemühen um einen Sponsor belegt der Gastronom auch, das ihm die Musik etwas wert ist.

HS: „ Die Musik ist also, wenn ich Sie richtig verstehe, aus Sicht der Veranstalter heute oft nicht Hauptzweck der Veranstaltung, sondern nur ein Mittel um den Verzehr oder den Verkauf anzukurbeln? “

HPS: „ Leider oft ja. Es geht den Veranstaltern, in der jetzigen Situation, letztlich einfach nur um den Getränke und Verzehr-Umsatz. Die Musik ist denen häufig völlig egal. Bitter, aber wahr.“

HS: „ Haben Sie Reaktionen auf Ihren Aufruf nach Einigkeit unter den Musikern bekommen?“

Die berufliche Zukunft einer ganzen Sparte ist längst aus den Angeln gehoben worden. “

HPS.“ Na ja, das ist ein wirklich heißes Eisen und man muss um dieses Anliegen werben. Im ersten Moment wird dies allen Beteiligten nicht so ganz klar und es bedarf durchaus einiger Gespräche um dann Verständnis zu wecken. Es geht aus meiner Sicht nicht um Verständnis allein, sondern darum wieder eine Existenzgrundlage für Musiker zu generieren. Die berufliche Zukunft einer ganzen Sparte ist längst aus den Angeln gehoben worden. “


HS: „Es gibt eine ganz Reihe hervorragender Musiker, gerade im Jazzbereich, die trotz ihrer künstlerischen Brillianz von ihrer Musik nicht oder nur prekär leben können. Worauf führen Sie das zurück?“

HPS: „ Das ist leider richtig und ebenfalls ein schwieriges Thema. Nicht ganz so einfach zu beantworten. Weil damit auch die Frage der Schuld oder was ist falsch gelaufen verbunden ist.Dies wäre ein extra Aufsatz und meine Sicht der Dinge werde ich gerne zu einem andern Zeitpunkt ausführlich erörtern“

HS: „ Macht es Sie wütend, wenn z.B. sogenannte volkstümliche Musiker fette Honorare einstreichen und ständig im Radio gespielt werden, obwohl deren musikalische Qualitäten sich bestenfalls im Hobbybereich bewegen?“

Für Künstler ist es immer schwer von ihrer Kunst zu leben.

HPS: „ Ganz so ist es ja nicht. Auch da gibt es sehr gute Leute. Richtig ist , auch diese Branche jammert. Und nicht zuletzt sind Casting Shows von Plattenfirmen entwickelt worden, um wieder einen Absatzmarkt zu schaffen. Leider hat oft die musikalische Qualität eines Musikers wenig mit seinem kommerziellen Erfolg zu tun hat. Millionen Fliegen fressen …....dieses Wort muss ich hier nicht aussprechen. Aber haben die Fliegen dadurch recht ? Ist ein Bohlen ein großer Künstler oder ein sehr guter Vermarkter, der die Gesetzmäßigkeiten erkannt hat und für sich auslegt.

Für Künstler ist es immer schwer von ihrer Kunst zu leben. Darum fordere ich ja auch nichts Unmögliches, nur 150 Euro. Kommerzieller Erfolg ist schwierig, aber nicht unmöglich bzw. um bei der Wahrheit zu bleiben, für die meisten Künstler schon. Viele Größen der Musikgeschichte sind erst Jahre nach ihrem Tod wirklich „entdeckt“ , entsprechend vermarktet und gewürdigt worden. Da hatten dann nur die Erben und Verlage etwas von der Kunst. “

HS: „ Der Marktanteil der Jazzmusik bei den verkauften Tonträgern liegt bei knapp 2%, auch im öffentlich-rechtlichen Radio findet man Jazzmusik nur gelegentlich in Spartensendungen oder Kulturkanälen. Ist der Jazz tot?“

HPS: „ Nicholas Payton, ein in der heutigen Zeit wichtiger Vertreter des Jazz in USA, sagte in einem Interview:,,Jazz ist 1950 gestorben.'' Ich teile diese Meinung. Abgekürzt , Musik ist viel zu spannend und interessant , als das man sie laufend mit Etiketten belegen sollte und in Schubladen ablegen sollte. Musik mit hohem improvisatorischen Anteil ist für mich spannend. Alzu vorhersehbare Musik leider nicht . Miles Davis sagte :,, Call it Jazz -call it Anything.''

HS: „ Zumindest in den wenigen Musikgeschäften die es überhaupt noch gibt bin ich ganz froh, wenn nicht alle Musik alphabetisch sortiert ist und ich gleich in die Abteilung Jazz/Blues/Fusion gehen kann.“

HPS:,,Das hat sich leider auch verändert. Das Internet hat den normalen Läden längst den Rang abgelaufen.Und dort gibt es alles umsonst.Von jedem You Tube Video kann man die Musik rausfiltern und hat dann den Song als Mp3. Damit sind wir dann schnell beim illegalen Download, der als Kavaliersdelikt gehandelt wird.

Da bedarf es viel Aufklärung in den Schulen, ohne aber gleich mit dem Zeigefinger zu kommen : das dürft ihr nicht , das ist illegal. Nein, auch da sollte Aufklärung betrieben werden,z.B Musiker in die Schulen schicken und den Menschen erklären,was eine Musikstück eigentlich in der Produktion kostet ect.. Es gibt eine Plattform im Netz, wo die Leute die Musik , nach ihrer subjektiven Wertigkeit ,runter laden und zahlen können.

Wenn du Musik um ihrer Wertigkeit willen machst , hast du schon verloren.''

HS: „ Sie sind neben Ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit , Besitzer eines Platten Labels -Dewey Records-und auch noch Professor an der Hochschule für Musik Würzburg . Müssten Sie Ihren Studenten nicht eigentlich raten vom Jazz die Finger zu lassen? Ist ein Jazzstudium nicht heute ein Studium für das finanzielle Desaster? Sind Ihre Studenten nicht eigentlich Irre oder muss man als Jazzmusiker irgendwo ein Irrer sein?“

HPS: Ich möchte hier wieder ein Zitat von einem deutschen Musiker Mathias Schriefel, einem wirklich interessanten und frechen Selbst -Verwirklicher im besten Sinne, verwenden:,, Wenn du Musik um ihrer Wertigkeit willen machst , hast du schon verloren.'' Heißt , wenn du es nicht um der Musik selbst Willen machst, hat es keinen Sinn. Dies ist jedenfalls meine Interpretation und ich füge hinzu , die Wertigkeit in ökonomischer Hinsicht sollte eine Rolle spielen.

Den Rest dieser Frage werde ich ebenfalls an andere Stelle in einem Artikel noch ausführlich beantworten. Das wird eine Zustandsbeschreibung und ein möglicher Ausblick. Ich würde grundsätzlich nicht das Wort Irre nehmen, sondern die Leute lieber als -Zitat Calli Calmund :,, postiv Bekloppte'' , bezeichnen.

HS:“ Was muss passieren, damit diese positiv Bekloppten auch von ihrer Kunst, für die sie ja eine Menge Ausbildungs- und Übungszeit investiert haben, auch wieder leben können?“

Die Leistung eines Musikers kann nicht umsonst sein.

HPS:“ Es muss ins Bewusstsein der Musikkonsumenten dringen und zur Selbstverständlichkeit werden, dass die Leistung eines Musikers nicht umsonst sein kann. Kunst hat einen Auftrag Menschen nicht nur abzulenken, sondern sie zum Gegenteil dem Nachdenken zu drängen. Nur wenn man Dinge reflektiert, hat man eine Chance auf Veränderung.

Kunst soll drängen. Und nach :,, Geiz ist geil'' ist es an der Zeit wieder über Wertigkeit zu reden. Was und wie viel ist mir Kunst wert ? Und ich gebe auch zu bedenken: gute Kunst entsteht aus einer zeitlich sehr aufwendigen Beschäftigung mit derselben. Da wird viel Zeit zB mit täglichen Üben verbracht, damit es dann auch die Wertigkeit hat, die sie haben soll.

HS:“ Vielen Dank für dieses Gespräch und viel Erfolg auf dem Weg zum Mindestlohn für Musiker.“

HPS: Das war mir die Zeit wert. Vielen Dank.

Dazu schreibt Benjamin Schaefer


Musiker haben es derzeit aus verschiedenen Gründen nicht leicht. Die KSK gibt das durchschnittliche Jahreseinkommen dieser Berufsgruppe mit gerade einmal 12.400 Euro brutto an; bei den Berufsanfängern sind es sogar weniger als 10.000 Euro brutto. Damit sind Musiker nicht nur meilenweit entfernt von den üblichen Einstiegsgehältern für Hochschulabsolventen, sondern schneiden sogar innerhalb der freiberuflichen Kreativszene am schlechtesten ab.

 

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17.10.2013 Michaela Boland trifft Francisco Medina

GFDK - Michaela Boland

Früher verachtete er das Genre, mit dem er später Berühmtheit erlangte. Heute schätzt er, wieviel man dabei lernen kann.

Seit sechs Jahren verkörpert er die Rolle des Bösewichts Maximilian von Altenburg in der Täglich-Serie "Alles was zählt" höchst erfolgreich. Jetzt macht der diplomierte Theaterschauspieler und Max-Reinhardt-Preisträger mit chilenischen Wurzeln jedoch  plötzlich Schluss mit dem Daily-Drehstress. Schon am 28. Oktober flimmert der Mime zum Leidwesen seiner riesigen Fangemeinde wohl zum vorerst letzten Mal über den Serienbildschirm. Doch von sich reden macht Francisco Javier Medina mit Sicherheit schon in Kürze erneut:

In Zusammenarbeit mit Promotion-Manager Armin Hupp aus Niedernberg präsentiert der 36-Jährige das Kulturprogramm "Hungrig"  mit preisgekrönten jungen Instrumentalisten in unterschiedlichen Städten Deutschlands. Das Konzept: Klassische Musik interpretiert von jungen Talenten, umrahmt von Texten, Liedern und Gedichten des beliebten TV-Stars. Wie es dazu kam, was er nach seinem Serienausstieg plant und warum er fest an einen Wandel in der Gesellschaft glaubt, hat mir der passionierte Künstler beim Gespräch im Kölner Savoy-Hotel erzählt.

Michaela Boland: Du hast deine Schauspielausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in Rostock absolviert, mit Diplom abgeschlossen und jede Menge Theaterrollen in klassischen Stücken von Shakespeare, Goethe oder Schiller übernommen. Außerdem inszenierst du sogar Bühnenstücke wie Antigone als Regisseur und bist Max-Reinhardt-Preisträger. Wie wahrscheinlich war es, dass jemand mit derartig klassischem Hintergrund sechs Jahre lang in einer RTL-Daily-Soap mitwirken würde?

Francisco Medina: Ich glaube, sehr unwahrscheinlich. Es gibt Ausnahmen. Kaja Schmidt-Tychsen, die ja meine Schwester spielt (Anm. d. Red: verkörpert die Jennifer Steinkamp in der Serie AWZ/ Alles was zählt, tägl. 19.05 Uhr) hat einen ziemlich ähnlichen Background. Wenn ich mir die Soap-Landschaft so ansehe, gibt es immer wieder mal Kollegen, die aus diesem Stall kommen. Aber eigentlich ist es schon eher die absolute Minderheit.

Michaela Boland: Wie kam es bei dir zur Zusammenarbeit mit der Grundy Serial Drama ?

Francisco Medina: Es kam dadurch, weil ich Lust darauf hatte, genau das zu machen. Eigentlich kam es von mir, denn ich war einfach ein wenig Theater- müde. Ich hatte zwar das große Glück, eine Hauptrolle nach der anderen zu spielen und das waren auch schöne Rollen, aber ich hatte einen sehr hohen Anspruch an mich. Wenn du beispielsweise so eine Rolle wie Ödipus spielst, anschließend die Hauptrolle in einem Shakespeare verkörperst, dann hast du meistens sechs Wochen Zeit, probst das, dann kommt die Premiere.

Doch es gibt in der Regel nur einen Tag Pause dazwischen und du fängst anschließend sogleich mit dem nächsten Stück an, während du nebenbei abends noch in fünf bis acht anderen Stücken spielst. Das ist zwar toll, aber wenn du den Rollen wirklich noch gerecht werden willst, ist das, wie ich glaube, nicht produktiv. Wenn man die Essenz einer Figur wirklich ausfüllen und etwas erfinden will, was noch nicht da war, dann kann man das nicht wie am Fließband tun.

Zuletzt habe ich einen Shakespeare in Bad Hersfeld gemacht, was zwar ein großer Erfolg war, aber ich selbst hätte zufriedener mit mir sein können. Das hat mich genervt und da wusste ich, dass das Theater für mich erst mal gegessen ist. Es kamen zwar weitere interessante Theater-Angebote, aber ich wollte ganz klar ins Fernsehen, denn ich hatte den Wunsch, etwas völlig anderes zu machen.

Michaela Boland: Hast du dich insofern aktiv bei der TV-Produktionsfirma beworben?

Francisco Medina: Nein, das war eigentlich ein Zufall. Der Gedanke entstand und drei Tage später, ungelogen, wurde ich für "Alles was zählt" angerufen.

Michaela Boland: Bestellungen beim Universum?

Francisco Medina: Ja, ich ticke auch so. Alle haben mich ausgelacht und gesagt, "Ja, Francisco, jeder will doch Fernsehen machen". Ich antwortete dann: "Naja, das kann ja sein." Jedenfalls war es ein ziemliches Wunder. Sie riefen mich an, doch dann habe ich das Casting abgelehnt, zumal ich schon ganz oft für die Grundy gecastet wurde, immer bis zur Endrunde kam und dann hieß es: "Ja, sie waren ganz toll, aber sie sind zu exotisch."

So etwas habe ich recht häufig vernommen und irgendwann wird man dann einfach müde es zu hören. Darauf hatte ich erneut keine Lust. Also habe ich das Casting erst mal abgesagt, bin aber dann doch hingegangen. Dort waren nur blonde Männer. Die Rolle war auch ein Engländer: Maximilian St. John Delane. Da dachte ich mir, "ihr könnt mich mal, das war das letzte Mal, dass ich für euch gecastet habe", und dann bin ich das Casting einfach mit der Einstellung angegangen, dass sie sich ärgern sollten, wenn sie mich nicht nehmen würden.

Michaela Boland: Das scheint funktioniert zu haben.

Francisco Medina: Ja, denn dann haben sie mich engagiert. Es war eigentlich eine Fügung des Schicksals. Ich hatte sehr viel Glück.

Michaela Boland: Gab es von Seiten anderer Theaterschauspieler jemals Voreingenommenheiten, nachdem du nun zum Soap-Darsteller geworden warst?

Francisco Medina: Ja, bestimmt. Doch das ist mir egal. Es gibt immer total viel Neid unter den Theaterschauspielern oder überhaupt unter den Menschen. Das muss man ausblenden, denn es spielt keine Rolle.

Michaela Boland: Ist das Soap-Genre unter Theaterleuten noch immer so verpönt wie vor zehn bis 15 Jahren?

Francisco Medina: Ich denke, das ist es immer noch. Wobei ich glaube, dass es beides gibt. Ich selbst habe Soaps als junger Schauspieler beispielsweise sehr verachtet. Zwar habe ich sie kaum gesehen, doch wenn ich zufällig durchgezappt habe, war ich ziemlich befremdet von dem, was Schauspieler dort so gemacht haben. Ich empfand es als unglaubwürdig und schlecht, was ich da sah. Insofern hätte ich nie geglaubt, dass ich selbst jemals bei einer Soap landen würde. Auf keinen Fall.

Michaela Boland: Kommt es nicht immer anders als man denkt?

Francisco Medina: Genau. Ich war zwar kein glühender Soap-Hasser, aber, es gibt durchaus Schauspieler, die sagen, dass das für sie niemals in Frage komme, doch es gibt auch viele darunter, die würden es sofort machen, obwohl sie dagegen wettern. Andere finden es wirklich schlecht. Ich kann nur sagen, mit den Jahren lernt man viel. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, welches Label über dir steht oder für was für ein Produkt du arbeitest. Das Wichtige ist einfach, mit wem du zusammen arbeitest und wie sehr du dich bemühst.

Michaela Boland: Oftmals erhalten Soap-Schauspieler zunächst nur Ein-Jahresverträge und sind darauf angewiesen, dass diese regelmäßig verlängert werden. Was stellt an einer Soap-Rolle, die in der Regel anders angelegt ist als beispielsweise die Rolle in einem Shakespeare-Stück, im Hinblick auf deren Entwicklungs- und Ausbaufähigkeit die Herausforderung dar?

Francisco Medina: Ich hatte viel Glück. Ich glaube, ich bin wirklich in einer Sonderposition, denn ich habe es nie so empfunden, dass ich nur einen Jahresvertrag hatte. Überall wo ich war, haben die Leute mir das Gefühl gegeben, dass sie die nächsten zehn Jahre mit mir zusammenarbeiten würden. Insofern war das immer eher meine Entscheidung, ob ich bleiben wollte oder nicht.

Michaela Boland: Hat man als Schauspieler Einfluss auf die Entwicklung eines Rollencharakters in einer Seifenoper?

Francisco Medina: Ja, du hast schon Einflussmöglichkeiten. Es hängt sehr davon ab, wieviel du dich einbringst und mit den Leuten redest. Ich habe mich aber aus den Geschichten sehr herausgehalten und immer gesagt, dass sie mir relativ egal sind, solange sie stimmig sind. Ich empfand es nicht als meine Aufgabe, Geschichten zu erfinden.

Michaela Boland: Gab es nach deinem Dafürhalten eine Entwicklung des Bösewichts, Maximilian von Altenburg, welchen du in der Serie verkörpert hast?

Francisco Medina: Ich habe mich sehr bemüht und  darum gekämpft, doch am Schluss war es manchmal schwierig.

Michaela Boland: Aus welchem Grund?

Francisco Medina: Weil der Figur zum einen schon viel passiert war und ich nicht immer ganz mit der Erzählweise der Figur d`accord gegangen bin. Ich finde schon, dass sie nicht mehr das hatte, was sie am Anfang oder in der Mitte hatte, also sie hatte schon ein wenig abgebaut. Doch das ist mein subjektiver Blick.

Michaela Boland: Gab es Szenen, die für dich in der Vorbereitung besonders schwierig waren?

Francisco Medina: Nein (lacht). Wie arrogant. (lacht).

Michaela Boland: Also, lief immer alles glatt?

Francisco Median: Ich habe neulich mit Bryan Cranston (Anm. d. Red.:US-amerikanischer Schauspieler und Regisseur u.a. Breaking Bad, Malcolm mittendrin, King of Queens, Larry Crowne, Total Recall) gesprochen. Er sagte zu mir: " Wenn du den `Emotional Core` einer Figur findest, kannst du mit ihr alles spielen." Cranston spielt ja hauptsächlich Figuren, die sehr absurd und sehr weit von ihm weg sind. Also, sogenannte Fremdfiguren, was ich auch meistens viel spannender finde. Das hat mir mein Vater mal beigebracht, es gibt zwei Arten von Schauspielern: Den Persönlichkeitsschauspieler und den Fremdfigurenerfinder bzw. - Hersteller.

Michaela Boland: Was ist der Unterschied?

Francisco Medina: Gerard Depardieu ist beispielsweise ein Persönlichkeitsschauspieler. Er ist immer Gerard Depardieu. Aber, er ist so ein spannender Typ, dass er, wenn er sich vorstellt, König oder Bettler zu sein, dieser als Gerard Depardieu ist. Während beispielsweise ein Daniel Day Lewis schaut, wie ein König oder Bettler sein könnte und diesen erst entsprechend erfindet, sich ihn baut und zu ihm wird. Beide Arten sind super, doch meistens beherrscht man nur eine davon. Aber, wenn man den Core gefunden hat, kann man eben alles machen.

Michaela Boland: Was genau ist der Core?

Francisco Medina: Im Grunde genommen die Summe all deiner handwerklichen, technischen Fähigkeiten, kombiniert mit deiner Intuition und der Erarbeitung einer Figur. Wenn du dann den Kern einer Figur begriffen hast und auch leben kannst, dann kannst du alles tun.

Michaela Boland: Man muss also nicht mehr groß überlegen, wie die Figur in bestimmten Momenten sein würde, sondern hat sozusagen ihre Seele inhaliert?

Francisco Medina: Genau, denn du bist dann dieser Mensch und müsstest nicht mehr darüber nachdenken, wie du in einzelnen Situationen reagieren würdest, weil du den Kern erfasst hast. So hatten wir beispielsweise jetzt am Schluss in meiner Rolle als Maximilian eine Szene, in der er zum ersten Mal nach sechs Jahren tanzen musste. Ich selbst bin eher jemand, der sehr aus sich herausgeht, wenn er tanzt. Auch finde ich, dass die Frage, wie  die Figuren eines Schauspielers tanzen, ein sehr spannendes Thema ist.

Wenn sämtliche Figuren eines Schauspielers immer gleich tanzen, also so, wie der Mensch selbst tanzt, halte ich das für langweilig. Denn Menschen denken, fühlen, reden, riechen, schmecken und bewegen sich einfach anders. Und Maximilian war eben so ein Typ, der Tanzen eher doof fand. Der hat sich nur so ein bisschen bewegt und fand sich dabei cool. Ganz im Gegensatz zu mir.

Darüber musste ich bei der Umsetzung gar nicht nachdenken, Das war eine Kleinigkeit, die den meisten gar nicht auffiel, doch die Producerin, die die Rolle schon Jahre lang erarbeitet, kam dann zu mir und sagte, "das war so herrlich und witzig, wie du als Maximilian getanzt hast, wie bist du darauf gekommen". Ich habe einfach gedacht, dass Maximilian eben genau so tanzt. Der bewegt sich nun mal nicht exaltiert, sondern hat dabei dann eher noch einen Drink in der Hand. Das ist sozusagen der Emotional Core.

Michaela Boland: Erstaunlich ist, dass es während der Rolle kaum Gelegenheit zum Tanzen gegeben hat, wo "Maximilian von Altenburg" doch diverse eigene Hochzeiten gefeiert hat, wie in seiner Vita steht.

Francisco Medina: Ja, es gab aber immer nur einen Walzer.

Michela Boland: Hast du nach so einem Drehtag am Set einer Daily eigentlich auch mal etwas Emotionales mit nach Hause genommen oder war nach Drehschluss einfach Dienstschluss?

Francisco Medina: Leider nimmt man  nicht viel mit nach Hause. Ganz selten.

Michaela Boland: Ist das etwas anderes, wenn man auf der Bühne steht?

Francisco Medina: Ja.

Michaela Boland: Warum ist das so anders?

Francisco Medina: Weil Theater mit Wahrheit zu tun hat. Um wirklich ein guter ein Schauspieler zu sein, hat alles, was du tust, mit Wahrheit zu tun. Im besten Fall lernst du von jeder Rolle. Das hat einst George Tabori, der einer der wichtigsten Theatermenschen Deutschlands und der Welt gewesen ist, gesagt: "Spielen hat immer damit zu tun, dass du dich mit deinen Lügen, Ängsten und mit deinen Ticks konfrontierst."

Du kannst kein Stück über Drogen machen und dich nicht fragen, was für Süchte du selbst hast, denn das funktioniert nicht. Das ist aber leider die Art wie viele spielen, daher ist es so belanglos. Wenn du immer mit einer Art Übersetzung auf dein Leben auf die Bühne gehst, dann ist es eine echte Konfrontation, die dir tatsächlich an die Nieren geht und wobei du dann das berühmte "Pfund Fleisch" auf der Bühne lässt.

Das sind dann die Leistungen, wovon die Leute sagen, dass es faszinierend ist. Das ist das, woran ich glaube und das geht auf der Bühne leichter als bei einer Soap. Dort musst du nämlich in zwanzig Minuten eine Szene machen und dort ist ganz selten gewollt, dass du wirklich in eine intensive Auseinandersetzung mit einem Thema gehst.

Michaela Boland: Muss ein Schauspieler es nicht vermögen, sich auch in kürzester Zeit authentisch in ein Thema hineinzufinden?

Francisco Medina: Das kannst du schon, aber auch nicht dauernd. Bei so vielen Bildern am Tag kannst du es nicht ständig schaffen. Dafür werden Sachen ja zum Teil auch Wochenlang geprobt. Also, es geht und es geht nicht. Teilweise gab es ja auch das Klischee, man würde das Publikum überfordern, denn sie würden es dann nicht verstehen. Ich halte das für Blödsinn. Ich denke, das ist falsch. Zurzeit schneide ich ja mein Demoband und sehe mir meine Szenen und auch andere Dinge an. Da sind Sachen, bei denen ich womöglich zehn oder zwanzig Prozent drüber bin. Aber, mir ist es lieber, etwas zu wagen und etwas auszuprobieren als einfach nur zu funktionieren.

Michaela Boland: Bist du sehr kritisch mit dir?

Francisco Medina: Nein, eigentlich nicht. Oder sagen wir ja und nein. Ich habe gelernt, nicht mehr so kritisch mit Dingen zu sein, die ich ohnehin nicht verändern kann.

Michaela Boland: Deine Mutter ist Schauspielerin, dein Vater war Theater-Regisseur u.a. am Berliner Ensemble. Sagen deine Eltern dir da hin und wieder, dieses oder jenes war gut, anderes weniger gut?

Francisco Medina: Nein, eigentlich nicht. Meine Mutter ganz selten, so gut wie nie. Mein Vater ist, glaube ich, ein großer Fan von mir, sagt es aber auch nicht oft. Nein, wenn meine Eltern mal etwas gesagt haben, war es wichtig, hatte also Gehalt, aber ich hatte keine Eltern, die mich mein Leben lang angefeuert haben. Das ist aber gut, weil ich dadurch gelernt habe, mich selber anzufeuern.

Michaela Boland: Sind sie denn stolz auf dich?

Francisco Medina: Ja, ich glaube schon. Aber, so ganz sicher bin ich mir nicht. Das war auch eine lange Zeit ein großes Thema in meinem Leben, das mich nicht so glücklich gemacht hat. Dass ich wenig Anerkennung von meinen Eltern bekommen habe. Das war auch nicht schön und es gab viele Leute, die darüber echt sauer waren, denn meine Eltern haben sich so gut wie nie Stücke von mir angesehen. Das war komisch, weil sie ja auch in dem Beruf sind.

Aber, ehrlich gesagt, ist das im Nachhinein gut, weil ich gelernt habe, dass ich in erster Linie die Anerkennung und das Feedback von einer Person brauche: Das bin ich selbst. Das ist wie in einer Partnerschaft. Wenn du mit jemandem zusammen bist, dann ist der andere Luxus, er ist eine Dreingabe. Aber, er muss dich nicht lieben, damit du glücklich bist. Dann ist alles viel besser und viel entspannter. In den meisten Beziehungen geht es ja darum, dass der andere deine Defizite ausgleicht und das schafft er vielleicht ein paar Wochen oder Monate, doch das geht nicht ewig gut und dann fängt das Drama an.

Michaela Boland: Befindet sich die Eltern-Kind-Beziehung nicht noch mal auf einer anderen Ebene als die partnerschaftliche?

Francisco Medina: Ja, auch.

Michaela Boland: Du hast am eigenen Leib erfahren müssen, dass es für manche psychisch auffällige Menschen, die sich natürlich auch unter den Fernsehzuschauern befinden, keine Grenzen zwischen der Realität und der Rolle, die du verkörpert hast, mehr gibt. Eine geistig verwirrte Frau plante offenbar, dich zu töten und zu "zerstückeln", weil sie dich für den Freitod ihrer Schwester verantwortlich machte. Wie bist du mit den Morddrohungen dieser offensichtlich kranken Frau fertig geworden?

Francisco Medina: Die hat mir gerade geschrieben, das fand ich ganz schön. Sie schrieb mir jetzt: "Vielen Dank, dass du ausgestiegen bist. Dann muss ich mir den Scheiß nicht mehr anschauen." Ich dachte, das ist irgendwie unlogisch (lacht).

Michaela Boland: Laut Medienberichten wurden längst juristische Schritte gegen die Frau eingeleitet. Wie gelangte sie an deine Kontaktdaten und wie konnte sie den Kontakt noch weiterhin aufrecht erhalten?

Francisco Medina: Die Kontaktdaten hat sie sich ergaunert. Ich habe in der Alles-was-zählt-Zeit mit so vielen Menschen Kontakt gehabt, die mich bedroht oder gestalkt haben, doch mir war das relativ gleichgültig, solange nicht andere Menschen mit hineingezogen wurden. Aber, gerade diese Frau hat meine Familie mit hineingezogen.

Michaela Boland: Wie zu lesen war, wurde auch dein Bruder von ihr bedroht.

Francisco Medina: Genau. Das war auch der Grund dafür, dass ich mich abgegrenzt habe. Das ist dann erschreckend. Es gibt auch viele Leute, die sagen, "da musst du doch jetzt die ganze Zeit über deine Schulter gucken". Das habe ich zwar nicht getan, doch es ist schon unfassbar, wie viele Menschen wirklich krank sind.

Michaela Boland: Wie bist du konkret gegen die Täterin vorgegangen?

Francisco Medina: Mit anwaltlicher Hilfe.

Michaela Boland: Gab es eine einstweilige Verfügung?

Francisco Medina: Ja. Ach, das bringt kaum etwas. Das hat alles irgendwie kaum Effekt. Das ist ja das Traurige, dass du dich gegen Stalker kaum wehren kannst. Das ist bei Frauen, die betroffen sind und sich gegen Männer zur Wehr setzen müssen, nochmal viel krasser. Das ist noch ein viel größeres Thema.

Michaela Boland: Kannst du nach deinen persönlichen Erfahrungen Menschen, die von anderen gestalkt werden, etwas raten?

Francisco Medina: Nicht darauf reagieren.

Michaela Boland: Du selbst hast zunächst reagiert.

Francisco Medina: Ja, weil ich damit wenig Erfahrung hatte und sie mir eine herzzerreißende Geschichte erzählt hat und ich einfach Trost spenden wollte. Aber, wenn du angeschrieben wirst, am besten nicht darauf einlassen und antworten. Denn sie wollen erst deinen kleinen Finger, doch dann wollen sie immer mehr und mehr. Zuerst behaupten sie, ein Gespräch am Telefon würde ihnen ausreichen, doch  es wird mehr und hört nicht mehr auf. Ich bin Leuten gegenüber gerne herzlich, doch man fängt irgendwann an, nicht mehr so herzlich zu sein, wenn man solche Erfahrungen gemacht hat.

Das ist schade, weil ich gerne offen bin. Doch einige Menschen interpretieren das leider fehl. Sie denken dann, dass man verliebt sei oder etwas von ihnen wolle. Ich habe interessanterweise immer viel Erfahrung mit Menschen gemacht, die sehr verwirrt sind. Anscheinend habe ich sie angezogen. Auch habe ich mich manchmal gefragt, ob ich vielleicht selbst verrückt bin, dass ich sie alle anziehe. Und die Antwort war definitiv "ja".

Doch der Hauptgrund liegt wohl eher darin, dass ich sehr viel Empathie für Menschen besitze, die schwärmen. Ich glaube, dass sie das spüren. Womöglich ist das auch der Grund dafür, dass ich eher jemanden wie Maximilian spielen kann, wobei ich natürlich auch Romeo spielen kann. Doch die vermeintlich dunklen Charaktere fallen mir vielleicht leichter, weil ich sie verstehe. Man kann jemanden nur darstellen, wenn man versteht, was er durchmacht. Wenn du die Leute, die du spielst, verurteilst, funktioniert es nicht.

Michaela Boland: Wie setzt du dich dann mit Rollen auseinander, die Charaktere beinhalten, für die man im wirklichen Leben eher gar keine Sympathie entwickeln könnte? Stichwort Mörder oder Vergewaltiger.

Francisco Medina: Du kannst immer unterscheiden zwischen dem Menschen und dem, was er tut. Das ist immer eine gute Möglichkeit, sich mit solchen Charakteren auseinanderzusetzen. Du hast in Jedem immer noch einen menschlichen Kern, eine Person und ein Wesen. Das kannst du anerkennen, du kannst dieser Person sogar Liebe geben. Doch du kannst trotzdem unterscheiden, dass das, was sie getan hat, absolut verurteilenswert ist. Das ist die Art und Weise, wie ich mich als Schauspieler solchen Figuren nähere. Ich habe Empathie für ihre Menschlichkeit und null Toleranz für das, was sie getan haben. So kriegst du da einen Fuß hinein.

Michaela Boland: Die Presse hat vor Kurzem ausführlich darüber berichtet, dass du jetzt aus der Serie ausscheidest. Ist das nur ein vorübergehender oder ein Abschied für immer?

Francisco Medina:  Ich glaube, das ist allen nicht so klar.

Michaela Boland: Du bist noch bis Ende Oktober zu sehen, doch wann war dein letzter Drehtag?

Francisco Medina: Mitte August.

Michaela Boland: Du hast geschildert, dass du  nun ein wenig Zeit für dich brauchst. Was genau hast du vor?

Francisco Medina: Das wandelt sich ständig. Das Hauptargument ist, mich weiterzuentwickeln. Noch etwas anderes sehen, etwas anderes erleben, etwas anderes sein, etwas anderes fühlen und etwas anderes erschaffen.

Michaela Boland: Wenn man in einem solch erfolgreichen Format mitwirkt, stellt dies zunächst auch eine gewisse finanzielle Sicherheit dar. War es insofern eine mutige Entscheidung, die Serie zu verlassen oder betrachtest du sie als rein konsequente?

Francisco Medina: Beides. Mutig und konsequent.

Michaela Boland: Wie siehst du die Entwicklung der derzeitigen Nachmittags- bzw. Vorabend-Unterhaltung im TV generell?

Francisco Medina: Das kann ich nicht beurteilen. Ehrlich gesagt sehe ich kaum fern. Eigentlich habe ich das mein Leben lang selten getan. Einen Fernseher habe ich mir erst geholt als ich bei `Alles was zählt ‘angefangen habe. Dann habe ich mir mal alles angeschaut, auch dieses Dschungelcamp und DSDS (Anm. d. Red.: Deutschland sucht den Superstar). Man kann sagen, dass ich mir vor sechs Jahren wirklich jede Show angesehen habe, die es so gibt.

Michaela Boland: Und dein Urteil?

Francisco Medina: Wenn man es sich einmal anschaut, ist es unterhaltsam. Doch beim zweiten Mal fängt es dann schon an, irgendwie langweilig zu werden. Deswegen kann ich es kaum beurteilen, denn ich habe vor drei Jahren eigentlich wieder damit aufgehört, Fernsehen zu schauen.

Michaela Boland: Ist das Gerät wieder weg?

Francisco Medina: Nein, ich habe den Fernseher noch, aber ich gucke nur Filme.

Michaela Boland: Was siehst du dir dann gezielt an?

Francisco Medina: Alles Mögliche. Was mir ebenso als DVD in die Hände fällt. Jetzt gerade habe ich zum Beispiel `Silver linings" geschaut. Ein großartiger Film.

Michaela Boland: Hast du das Gefühl, dass sich das Bild des Daily Soap-Formates generell in den letzten Jahren gewandelt hat?

Francisco Medina: Das weiß ich nicht. Ich glaube ja,  Bei mir auf jeden Fall. Ich habe viel mehr Hochachtung vor dem, was die Leute da machen. Ich weiß jetzt, dass du auch bei einem solchen Format ein sehr guter Schauspieler sein kannst. Als ich dort angefangen habe, waren tolle Schauspieler dabei und tolle Geschichten. Es war einfach insgesamt toll.

Michaela Boland: Wenngleich du selbst nicht viel Fernsehen schaust, hast du womöglich von den verhältnismäßig neuen Täglich- Formaten "Berlin Tag und Nacht" bzw. "Köln 50667" gehört, bei denen derzeit Laiendarsteller Traumquoten einspielen. Hast du vielleicht sogar schon einmal rein geschaut?

Francisco Medina: Ja, ich habe es mir nur leider nicht lange angesehen, weil ich es nicht aushalten konnte.

Michaela Boland: Wie erklärst du dir den Erfolg solcher neuen Formate?

Francisco Medina: Ich glaube, wir haben in Deutschland ein Problem: Wenn Laiendarsteller interessanter anzuschauen sind als Schauspieler, dann sollte man sich Gedanken darüber machen, woran das liegt. Ich kann zwar verstehen, warum die Leute sich diese Sendungen ansehen. Das hat wohl damit zu tun, dass sie sich wiedererkennen und dass diese Menschen so sind wie sie sind. Sie spielen zwar ganz grauenvoll, aber, sie müssen auch nicht spielen.

Denn im Endeffekt  sieht man ja, dass die Darsteller genauso sind, wie jene, die sie spielen. Das heißt, sie sind zu neunzig Prozent auch im wirklichen Leben so. Vielleicht sind jene Darsteller in ihrem schlechten Spielen authentischer als wir Schauspieler in unserem bemühten Spielen. Das sollte uns zu denken geben. Vielleicht sollten wir authentischer sein, dann würden die Leute auch wieder uns anschauen.

Michaela Boland: Sollte man also womöglich nur noch Persönlichkeitsschauspieler hervorbringen?

Francisco Medina: Nein, ich glaube es gibt einfach eine Sache, die Menschen lieben, fürchten, von der sie fasziniert sind und von der sie nicht genug kriegen können. Und das ist die Wahrheit. Anscheinend sind die Leute bei Berlin Tag und Nacht wahrhaftiger als die in so manch anderer Soap. Das ist eine ziemlich krasse Aussage, aber, es ist auch nur eine These, die ich aufstelle. Diese Darsteller sind in gewisser Weise authentisch, zwar nicht in ihrem Spiel, aber so wie sie sind.

Das müssen wir als Schauspieler auch sein. Wenn wir authentisch sind und authentische Geschichten erzählen, dann werden die Leute automatisch einschalten und zuschauen. Denn jeder will die Wahrheit wissen. Das ist der Grund, warum die Menschen ins Kino gehen. Sie gehen ja nicht nur dahin, um sich abzulenken und um eine gute Zeit zu haben, sondern, weil sie wissen wollen, wie man zu leben hat und wie Leben funktioniert.

Sie wollen von denjenigen, die Hoffnung haben, lernen, dass sie mit ihren Problemen zurecht kommen und ein besseres Leben haben. Das ist der einzige Grund, warum es Theater gibt. Es geht darum, die Wahrheit zu Tage zu fördern. Das ist das Spannendste, was du tun kannst, alles andere ist Sinn- und Belanglos und hat  meiner Meinung nach keinen Wert.

Michaela Boland: Siehst du das genauso im Hinblick auf die sogenannten gescripteten Reality-Formate, die mit normalen Komparsen für das Nachmittagsprogramm umgesetzt werden?

Francisco Medina: Ich bin nicht die Zielgruppe. Mich langweilt das total. Ich sehe da niemanden, mit dem ich mich identifizieren kann. Das wäre vielleicht anders, wenn ich da einen Typen sehen würde, der so wäre wie ich. Vielleicht würde ich es dann interessant finden.

Michaela Boland: Gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den Menschen, die zu dir ins Theater kommen, um dich auf der Bühne zu sehen und denen, die dich regelmäßig auf dem Bildschirm verfolgen?

Francisco Medina: Ja, ich denke schon, dass es da eine unterschiedliche Klientel gibt. Aber schön ist, wenn die beiden sich immer wieder in das andere Medium verirren.

Michaela Boland: Du bist in Rostock, der ehemaligen DDR, geboren.1989 kam die Wende. Wie hast du diese Zeit damals als Kind erlebt?

Francisco Medina: Das war eine wichtige und spannende Zeit. Auch war sie sehr abenteuerlich und hat mich sehr geprägt. Ich stand an der Straße als Gorbatschow mit dem Auto vorbei gefahren ist. Ohne zu wissen, wer Gorbatschow war, habe ich ganz heftig eine Sowjet-Fahne geschwungen. Ich war sehr inspiriert und aufgebracht. Ich war vollkommen erfüllt, denn ich hatte mich nur im Unterricht damit beschäftigt, dass das ein Mann war, der Gutes tun und Gerechtigkeit bringen wollte. Das hat mir damals sehr imponiert.

Michaela Boland: Ist man dir zu irgendeinem Zeitpunkt in Westdeutschland einmal mit Ressentiments entgegengetreten, wenn bekannt wurde, dass du aus dem Osten des Landes kommst?

Francisco Medina: Nein,  denn die meisten wissen ja  nicht, dass ich aus Ostdeutschland komme. Aber, interessant ist natürlich, wenn man mit Leuten unterwegs ist und die schimpfen dann über Ossis und man sagt dann, "übrigens, ich bin auch..." Es wird immer Vorurteile geben.

Michaela Boland: Du entstammst einer Künstlerfamilie, deine beiden Eltern sind politische Emigranten aus der chilenischen Pinochet-Diktatur. Wie ist deine Familie damit umgegangen?

Francisco Medina: Meine Eltern haben mir schon ein bisschen darüber erzählt, allerdings nicht viel. Es war natürlich ein großes einschneidendes Erlebnis und der Grund dafür, warum meine Eltern damals geflüchtet sind. Es war viele Jahre ein wichtiges Thema, über das aber kaum gesprochen wurde. Ich glaube, dass man an einer solchen Erfahrung sehr wächst.

Als Familie und auch als Mensch. Deswegen ist es ja auch so, dass die interessantesten Theatermacher,  die es in Europa gegeben hat, diejenigen sind, die nach dem Krieg die erste Generation war. Weil die einfach wussten, warum sie taten, was sie taten. Die waren einfach am nächsten dran. Man muss im Grunde ja auch heute nicht weit gehen, um zu sehen, wie es auf der Welt bestellt ist. Daher glaube ich auch ganz fest, dass es demnächst einen großen Wechsel geben wird.

Michaela Boland: Welcher Art?

Francisco Medina: Die Gesellschaft wird sich in den nächsten Monaten oder Jahren verändern. Vielleicht zum Positiven, vielleicht auch zum Negativen, womöglich sogar zu beidem. Jedoch denke ich, dass wir in dieser Gesellschaft, die so oberflächlich und weltfremd ist, nicht so weiterleben können. Es geht nicht, dass wir mit genau dem Lifestyle, den wir haben, so weiter existieren können. Dafür sind wir zu wenige und viele Laien. Das kann nicht gut gehen.

Wenn wir unseren Lebensstandard und unseren Reichtum nicht dafür einsetzen, um die Lebensverhältnisse aller Menschen zu verbessern, wird es ein böses Erwachen geben. Diese ganze Aktienblase war doch nur so ein Vorausbote. Es ist doch ohnehin absurd, dass Menschen Geld damit verdienen, Dinge zu verschachern oder irgendwelche Papiere hin und her zu transferieren. Das braucht man gar nicht. Es gibt viel elementarer Dinge, die wir benötigen. Daher glaube ich ganz fest daran, dass es zu einem Wechsel kommen wird.

Michaela Boland: In welcher Weise wird sich diese Veränderung deiner Meinung nach vollziehen? Denkst du an einen sich von unten nach oben vollziehenden Wechsel im Sinne einer Revolution?

Francisco Medina: Ich weiß es nicht, könnte mir aber vorstellen, dass es von beiden Seiten passiert. Von oben nach unten und unten nach oben. Es wird einfach die Notwendigkeit gegeben sein. Es gibt zu viel Leid. Zwar gibt es auch sehr viele schöne Dinge, doch leider auch viel zu viele Sachen, die so nicht akzeptabel sind.

Michaela Boland: Du selbst tust bereits etwas, denn du bist in verschiedenen Hilfsprojekten engagiert. Was genau machst du da?

Francisco Medina: Die Thomas-Engel-Stiftung hat ein Projekt mit Aidskranken Waisen in Swasiland. Dort will ich hinfahren und die Kinder besuchen. Ich möchte dort mit einem Freund einen kleinen Film drehen und versuchen, mit dieser Dokumentation ein wenig Geld für die Kinder zu akquirieren.

Michaela Boland: Mit dem Filmen beschäftigst du dich somit auch aktiv. War dein Weg in die Schauspielerei durch den familiären Background eigentlich vorgezeichnet oder hätte durchaus auch etwas anderes in Frage kommen können?

Francisco Medina: Ich glaube, nein.

Michaela Boland: Du hast auch Tanztheater-Erfahrung und kannst steppen. Kannst du bei all deinen Fertigkeiten wie der Schauspielerei auf der Bühne, vor der Kamera, dem Regieführen oder dem Tanzen benennen, wo deine Präferenzen liegen?

Francisco Medina: Ich glaube, dass das, was du da gerade aufzählst, alles vorbei ist. Jedenfalls könnte ich mir das vorstellen. Ich denke, dass das, was jetzt kommen wird, mir am meisten Spaß machen wird. Und was das sein wird, das weiß ich, ehrlich gesagt, noch nicht. Ich könnte mir auch vorstellen, gar nicht mehr zu spielen.

Michaela Boland: Du scheinst sehr offen zu sein für das, was jetzt auch immer kommen mag?

Francisco Medina: Ja, total.

Michaela Boland: Man trifft verhältnismäßig selten auf Menschen, die Menuett tanzen können. Ich las, dass du es kannst. Muss man das beherrschen, wenn man bei dir auf eine Party eingeladen wird?

Francisco Medina: Oh Gott, wo hast du das denn her?  Ich habe tatsächlich Menuett an der Schule in Rostock gehabt, aber ich bin aus dem Unterricht rausgeflogen. Da hat die Lehrerin, die mich sehr liebte und die einfach toll war, zu mir gesagt, "alles, nur nicht Menuett, das ist nicht deine Kultur. Du wirst es einfach nie kapieren. Es ist, als ob ein Indianer aus dem Dschungel kommt. Das ist total absurd. Bitte nicht". Das war eben wirklich einfach nicht meine Kultur. Die Musik ist schön, doch der Tanz ist irgendwie künstlich.

Michaela Boland: Im Rahmen eines Liveprogrammes mit dem Titel "Hungrig", welches in gewissen Abständen in unterschiedlichen Städten stattfindet, stellst du jetzt regelmäßig hoffnungsvolle, bereits preisgekrönte  junge Instrumentalisten vor. Was hat es damit auf sich?

Francisco Medina: Das ist einfach etwas, was ich just for fun tue. Da mache ich einen Abend mit jungen Solisten, die ein tolles Instrument beherrschen und vielversprechend sind. Die spielen dann ein bis zwei Stücke. Etwas Klassisches und etwas Modernes. Die eine oder andere Nummer machen sie dann auch mit mir zusammen und ich werde durch den Abend führen und zwischendurch auch meinerseits ein paar Gedichte, Geschichten, Anekdoten und Lieder zum  Besten geben.

Ich mache das jetzt zum dritten Mal. Das macht Spaß und vielleicht kann ich durch meinen Namen und das Fernsehen ein paar Leute dazu motivieren, da hin zu gehen Dann entdecken sie vielleicht klassische Musik oder ein paar neue Künstler für sich. Ich selbst schätze klassische Musik mit den Jahren auch immer mehr.

Michaela Boland: Hast du an der Hochschule auch ein Instrument erlernt?

Francisco Medina: Nein. Ich aber habe als Schüler mal E-Gitarre in einer Rockband gespielt. Das war cool. Aber das Liveprogramm mache ich einfach aus Spaß. Ich glaube, wenn einem etwas Spaß macht und man es mit anderen Leuten tut, die auch Spaß daran haben, ist das immer etwas, das unterhaltend sein kann. Und vor allem ist es etwas mit tollen Texten, tollen Liedern und tollen Musikstücken.

Das ist einfach etwas, wo du raus gehst und als Zuhörer inspiriert bist und auch etwas mitnimmst. Das Schönste ist immer, wenn Leute dir anschließend sagen, "ich habe noch zwei Tage über den Text nachgedacht, den sie vorgetragen haben". Das sind entweder sehr nachdenkliche oder leidenschaftliche Texte. Es geht um Liebe, um den Tod oder um das Erwachsen werden. Das finde ich ganz gut.

Michaela Boland: Wo rekrutierst du die neuen Talente?

Francisco Medina: Das macht Armin Hupp. (Anm. d. Red.: ah-promotion.de ) Er hat da so ein Auge für, entdeckt sie und bringt sie dann alle zusammen.

Michaela Boland: Sind das immer dieselben jungen Leute oder jedes Mal andere?

Francisco Medina: Es sind immer unterschiedliche Leute. Beim nächsten Mal sind es Künstler aus der Region, in der der Abend stattfindet. Beim letzten Mal war ein ganz toller Künstler namens Tristan dabei. Er kam aus London, hat eine ganz spezielle Orgel selbst gebaut und spielt darauf seine eigenen Popsongs.

Michaela Boland: Wie alt sind die Künstler im Durchschnitt?

Francisco Medina: Zwischen 16 bis Ende 20 oder Mitte 30.

Michaela Boland: Warum heißt das Programm "Hungrig"? Geht es um den Hunger auf Erfolg?

Francisco Medina: "Hungrig" war der ursprüngliche Titel eines Programmes, das ich vor Jahren einmal gemacht habe, oder immer wieder mal mache. "Hungrig bin ich" ist nämlich der Titel von einem Liebesgedicht von Pablo Neruda. Da beschreibt er die Frau, die er liebt, wie Nahrung. Armin hat das wohl einfach mal weiter verwendet.

Michaela Boland: Du wünschst dir eine Familie. Gibt es zwischenzeitlich eine Liebe in deinem Leben?

Francisco Medina: Nein. Aber, ich gucke auch gar nicht so sehr.

Michaela Boland: Sind dir als TV-Star regelmäßig viele Herzen zugetan?

Francisco Medina: Ich kriege das, ehrlich gesagt, gar nicht so mit. Viele Angebote blende ich wohl aus. Bin aber gerade mit anderen Dingen beschäftigt und null Komma null auf der Suche.

Michaela Boland: Du hast erwähnt, dass du gerne Vater werden möchtest. Ist das noch so?

Francisco Medina: Ja. Ich hätte schon Lust, Vater zu werden. Das kann ich mir gut vorstellen, das würde Spaß machen.

Michaela Boland: Was liest du derzeit?

Francisco Medina: Ich lese gerade "Heirate dich selbst" von Veit Lindau. Und ein weiteres Buch über Meditation von diesem Mönch, Ricard. Außerdem noch ein Buch über basische saure Ernährung.

Michaela Boland: Achtest du auf deine Ernährung?

Francisco Medina: Ja. Ich achte zumindest darauf, mich so zu ernähren wie mein Vater sich sein Leben lang ernährt hat. Nämlich von viel Gemüse, Obst, Nüssen und Fleisch. Er ist Sohn eines Bauern und kommt vom Land. Ich versuche, diesen ganzen Müll zu meiden und ich gönne mir nur ab und zu mal Fleisch, auch aus Gründen der Massentierhaltung. In was für einer Zeit leben wir? Betrachtet man nur mal das Fernsehen. Es geht doch nur darum, die Menschen still zu halten.

Mit Zucker, mit Drogen in Form von Fernsehen, in Form von Nahrung, damit ein paar entscheiden können, was auf der Welt passiert. Darum geht es im Grunde genommen. Ich versuche mich da einfach raus zu halten, um einen gesunden klaren Geist und einen gesunden Körper zu haben. Ich glaube, das geht Hand in Hand.

Auch denke ich, dass du nur so Weiterentwicklung erreichst, indem du dich von allem fern hältst, was dein Leben beeinträchtigt. Ich trinke auch schon mal Cola oder erlaube mir mal Eiscreme oder esse Süßigkeiten, aber ich tue es dann mit einem guten Gefühl und mache es bewusst. Es geht nicht einfach nur um gutes Aussehen  oder darum, sich gut zu fühlen, sondern es geht um eine ganze Lebensweise.

Michaela Boland: Lieber Francisco, für alle anstehenden Projekte, die nun kommen mögen, viel Glück und herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

 

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29.09.2013 MICHAELA BOLAND TRIFFT KONRAD BEIKIRCHER

GFDK - Michaela Boland

Seit 35 Jahren begeistert er ein Millionenpublikum vor den Bildschirmen und auf den Bühnen Deutschlands. Als "Spezialist für das Rheinland" hat es sich der Kabarettist Konrad Beikircher u.a. zur Aufgabe gemacht, den Menschen in puncto Mundart einen Spiegel vorzuhalten. Dabei schaut der hochgebildete Südtiroler den Leuten nicht nur ganz genau "aufs Maul", sondern seziert und analysiert deren Verhaltensweisen auf derart charmante Weise, dass sie ihm selbst das eigene Vorgeführt-werden höchst gern verzeihen.

Der 67-Jährige, der sein rheinisches Dialekt-Basiswissen einst als Gefängnispsychologe auch bei inhaftierten Analphabeten erwarb, hält den Boden für politisches Kabarett dank des Privatfernsehens für tot. Dennoch ist er sich sicher, dass es auch in 500 Jahren noch Menschen geben wird, die die Odyssee in griechischer Sprachen lesen wollen. Warum es den Kabarettisten nach Bonn verschlug, aus welchem Grund er größten Respekt vor Kinderpublikum hat und wie er sein Zusammentreffen mit Jürgen Bartsch empfand, hat er mir im Kölner Gürzenich erzählt.

Michaela Boland: "Das Beste aus 35 Jahren" präsentieren sie heute einer geschlossenen Gesellschaft, nämlich den Mitgliedern eines "Grund- und Boden-Vereins. Bereiten sie sich auf ein spezielles Publikum grundsätzlich auch in spezieller Weise vor?

Konrad Beikircher: Nein, das trage ich heute genauso vor wie sonst auch. Es ist ja sozusagen "normales Publikum", wenn auch aus einem eingeschränkten Pool. Etwas anderes ist es, wenn man so etwas wie  eine Gala hat. Wenn beispielsweise der Deutsche Übersetzer-Preis verliehen wird, bin ich im Vorfeld schon etwas nervös. Deutschland ist ja das Mekka aller Übersetzer, was wenige wissen. Gleichzeitig wird den Übersetzern ausgerechnet in Deutschland mit am wenigsten Honorar bezahlt. Ich glaube, pro Seite Literatur gibt es ungefähr 80 Cent. Bei Sachtexten ist es noch viel weniger.

Bei Gedichten liegt es, wie ich meine, ungefähr bei einem Euro zehn. Wenn man weiß, was Übersetzen heißen sollte, ist das natürlich ganz furchtbar. Es gibt einen ganz tollen Satz, der lautet: "Ohne Übersetzer gäbe es keine Weltliteratur." Denn ohne jene Übersetzer hätten wir ja nur nationale Literatur. Jedenfalls existiert ein Übersetzer-Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist.

Wenn ich dann engagiert bin, um im Düsseldorfer Schauspielhaus einen zweistündigen Abend zum Thema "Übersetzen am Beispiel einer Mozart-Arie aus Figaros Hochzeit", die im Original italienisch ist, jedoch immer wieder übersetzt wurde, zu machen, dann ist das natürlich schon etwas Besonderes.

Auch wenn ich  bei internen Firmen-Festakten als "Experte für das Rheinland" gebucht werde, schreibe ich dann natürlich extra etwas. Das läßt man sich dann auch gut bezahlen, da kriegt man auch Schmerzensgeld. Du nimmst Versatzstücke von dem, was passt und schreibst natürlich nicht nur verbindende Worte, sondern man muss da dann auch ein wenig zu der entsprechenden Gesellschaft  sagen.

Michaela Boland: Das klingt nach einer längeren Vorbereitungszeit für besonderes Publikum.

Konrad Beikircher:  Wenn es um so etwas wie das Übersetzen geht, durchaus. Ich habe selbst einiges übersetzt und kenne die Stolperfallen. Also, zwei Wochen bin ich insgesamt schon damit beschäftigt.

Michaela Boland: Sind sie bilingual aufgewachsen?

Konrad Beikircher: Ja, Italienisch und Deutsch. In Südtirol hatten wir eine italienische Nachbarschaft und ungefähr ab meinem dritten Lebensjahr wuchs ich dann entsprechend zweisprachig auf. Das heißt, eigentlich hatte ich Dialekt, Hochdeutsch und Italienisch. Da der Dialekt ganz anders ist als Hochdeutsch, bin ich eigentlich sogar dreisprachig aufgewachsen.

Michaela Boland: Die Sprachbegabung scheint vorhanden. Wie sah es denn in Mathematik aus?

Konrad Beikircher: Bis zur Matura (Anm.d. Red: Abitur in Österreich) war ich immer schlecht in Mathematik Das lag aber ganz offensichtlich an den Unterrichtenden. Das kann ich deshalb sagen, weil ich Psychologie studiert und währenddessen drei Semester Statistik gemacht habe. Obwohl ich davon zuvor quasi nie etwas gehört hatte, ging mir das leicht von der Hand. Mein Vater war ein guter Mathematiker, also offensichtlich bin ich dann eben doch mathematisch begabt gewesen. Doch leider zu spät. Was willst Du machen?

Michaela Boland: Ist es nach ihrem Dafürhalten ein Vorurteil, dass Menschen, die eine sprachliche Begabung haben, angeblich häufig Defizite in Mathe aufweisen.

Konrad Beikircher: Bei mir kommt eher die andere Verwandtschaft zum tragen. Musik und Mathematik. Musiker haben immer ein Gefühl für rhythmische Strukturen und für Gebilde. Ich habe es zwar nie erlebt, doch ein Freund von mir hat fünf Jahre lang Musik in Indien studiert und ist auch immer noch von der sechs- bis siebentausend Jahre alten Tradition fasziniert. Für viele Inder ist Beethoven ja ein zeitgenössischer Komponist.

Da gibt es in den klassischen Ragas, die mit großen Symphonien vergleichbar sind, Takteinheiten, die bis zu 800 Takte beinhalten, dann kommt die nächste Einheit mit ebenso vielen Takten. Das Ganze geht dann vier bis fünf Mal so. Da sitzt dann ein Fussballstadion voll mit hunderttausend Indern, die Musik läuft und plötzlich schreien sie alle. Das tun sie deshalb, wie mein Freund mir erklärt hat, weil im Takt 799 die Musiker das Richtige getan haben. Der kleine Change ist erfolgt und Schwupp, die neue Einheit wurde wieder angebahnt. Genau das hören sie eben heraus.

Michaela Boland: Klingt nach gut geschulten Ohren.

Konrad Beikircher: Ja, einerseits geschult, doch das bedeutet auch, dass musikalische Strukturen zu erkennen auch die Fähigkeit des Erkennens von mathematischen Strukturen voraussetzt.

Michaela Boland: Ob das grundsätzlich so sein muss?

Konrad Beikircher: Naja, es ist ja kein Muss. Von Einstein hieß es das ja immer, aber Einstein war immerhin ein schlechter Musiker und da gibt es eine schöne Geschichte. Nämlich die, die er mit dem großartigen Weltgeiger, Fritz Kreisler, erlebt hat. Wenn der in die USA reiste, dann kam er nach Princeton, denn die beiden waren gut befreundet. Dann haben sie gerne Streichquartett gespielt. Einstein hat Geige gespielt und dann haben sie ihn halt die zweite Geige spielen lassen.

Fritz Kreisler hat die erste Geige gespielt. Außerdem gab es noch jemanden für die Bratsche und einen Cellisten. Also haben sie sich mit einem Haydn Quartett, einem Menuett im Dreiviertel Takt abgeplagt. Einstein ist immer  wieder rausgeflogen und dann hat Fritz Kreisler den legendären Satz gesagt, " aber Herr Professor Einstein, bis drei werden sie wohl noch zählen können". Aber, man muss natürlich sagen, dass Einstein in der Tat kein guter Musiker war.

Michaela Boland: Sprache ist ihr Arbeitsmittel. Was bedeutet sie Ihnen?

Konrad Beikircher: Sprache ist neben den Urlauten, also den Schmuse- und Ablehnungslauten, natürlich die engste und früheste Beziehung zur Mutter. Sprache ist ein unglaublich wichtiges Instrument, sich vertraulich mitzuteilen. Gerade die Zärtlichkeits,- Zuwendungs- und Liebessprache, empfinden ja viele auch als Erwachsene als gar nicht so einfach. Insoweit als man erst einmal lernen muss, sich auch in der Paarbeziehung fallen zu lassen. Nehmen wir einmal folgendes Beispiel:

Ich kam ja aus Südtirol, habe mich dann unsterblich in eine Kommilitonin verliebt und wir haben dann auch geheiratet. Sie kam aus "Meenz", also Mainz, sprach allerdings ansonsten Hochdeutsch. Ich habe zu der Zeit noch stark südtirolerisch gesprochen. Ich hätte natürlich gesagt, "i mog di", denn das wäre in meinem Idiom die richtige kleine Liebeserklärung gewesen, bzw. die Steigerung, "i mog di so viel gern". Das wäre, "ich hab dich ganz doll lieb" gewesen. Das ging aber nicht. Ich habe dann zu ihr gesagt, "Ich habe dich lieb" oder "ich liebe dich", aber, ich kam mir immer vor wie ein Lügner, obwohl das Gefühl stimmte.

Trotzdem war es ganz eigenartig, irgendwie wie eine ganz gespaltene Zunge. Also, Sprache ist unglaublich wichtig als ursprünglichste Kommunikation nach den Lauten. Auch ist sie nunmal die Möglichkeit, die Welt, in der du lebst, rational zu beschreiben und sie damit zu bewältigen. Das geht nämlich ansonsten nicht. Autisten können es vielleicht mit Malen oder Ähnlichem bewerkstelligen.

Aber üblicherweise brauchen die Menschen die Sprache, um effektiv mit anderen kommunizieren zu können. Das kannst du sachlich oder poetisch machen, kannst ein Rilke sein oder ein Kleist. Auch kannst du Sprache mit einem messerscharfen Verstand übersetzen oder wie ein Mörike mit wundervollen Gemütsgedichten. Das ist der Bereich, wo Sprache bereits ein bisschen an die Musik heranreicht.

Michaela Boland: Sie haben 35 Jahre ihres kabarettistischen Programms zusammengefasst und sind ebenso lange im Geschäft. Sind sie da vor Auftritten noch aufgeregt?

Konrad Beikircher: Das ist ganz unterschiedlich. Bei Abenden, die Routine sind, z.B. "Routine heisst mein Sprachprogramm" oder wenn ich mit `meinen Musikern` aus Frankfurt ein Programm spiele, "Apropos schön drauf sitzen", dann freue ich mich nur darauf und es ist wunderbar. Da gibt es Lampenfieber im klassischen Sinne eigentlich nicht mehr. Höchstens eine Minute bevor es los geht. Wenn es andere Dinge sind, wie beispielsweise die Moderation eines Klassik-Konzerts oder Kinderkonzerte, die ich auch häufiger moderiere, dann habe ich wahnsinniges Lampenfieber.

Da kann man mich schon zwei Tage vorher vergessen, weil ich kein Publikum mehr schätze als Kinder. Es ist das ehrlichste Publikum, aber es vergibt dir keinen falschen Zungenschlag. Kinder sind unglaublich sensibel. Du trittst falsch auf, vielleicht ein bisserl arrogant oder so, Kinder reagieren sofort darauf und dann hast du verspielt wie sonst etwas. Ich habe relativ viel Erfahrung, denn ich habe eine ganze Reihe Kinderhörspiele geschrieben. Mitte der Neunziger Jahre habe ich Sonntags Nachmittags eine Reihe in der Philharmonie in Köln gehabt, bei der immer 2000 Leute anwesend waren.

Das war der Wahnsinn. Es ging um zeitgenössische Musik für Kinder. Da war es in der Regel so, dass die Erwachsenen "buh" geschrien oder getobt haben und die Kinder haben großen Spaß gehabt, weil ich versucht habe, sie eben in eine ganz andere Art von Musik einzuführen. Bei Globoca, dem Laboratorium, ist es ganz brutal gewesen. Da sind Bohrmaschinen und Mischer auf der Bühne und damit wird Musik gemacht, dazwischen ist eine Geige. Das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Aber, du kannst es Kindern erklären, weil es etwas Spielerisches hat. Und schon glänzen die Augen und sie sind dabei.

Außerdem haben wir auch solche Dinge wie einen Verkehrsunfall gemacht. Dabei waren sie die Bremsen und sie waren der Crash. Dann kam die Straßenbahn und wir haben das alles durchstrukturiert. Also, man kann mit Kindern sehr viele hübsche Dinge machen, aber Lampenfieber habe ich da immer tierisch. Ansonsten eigentlich nur kurz vor einem Auftritt. Das ist auch gut so, denn das muss sein.

Ich gucke allerdings schon, wenn eine Umgebung ungewohnt ist. So zum Beispiel in Saarbrücken vor einem Konzert. Im letzten Jahr habe ich für einen Staatsakt die Festrede gehalten, "100 Jahre Staatsorchester". Da war ich aber nie zuvor und solche Dinge sind ja dann immer so erdrückend offiziell. Da schaue ich mir dann schon vorher an, wie die Leute ausschauen und wie sie sitzen. Das ist dann natürlich durchaus Lampenfieber.

Michaela Boland: Macht man sich bei einem derartigen Publikum dann auch Gedanken darüber, ob man "sie auch kriegt"?

Konrad Beikircher: Die Gedanken habe ich mir, ehrlich gesagt, noch nie gemacht, "Gekriegt" habe ich sie immer. Das ist mir überhaupt noch nie passiert, dass ich sie nicht gekriegt hätte. Ich bin auch noch nie von der Bühne gepfiffen worden. Ein einziges Mal habe ich selbst das Handtuch geworfen.

Michaela Boland: Was ging dem voraus?

Konrad Beikircher: Das war in Aachen. 7000 Leute standen auf dem Katschhof und es ging um Alemania Aachen. Die haben eine Jubelfeier veranstaltet. Ich glaube, weil sie in die Bundesliga aufgestiegen waren. Die hatten mich im Vorfeld für eine Open-Air Veranstaltung engagiert und direkt vor mir waren die Kolibris-"und-dann-die-Hände-zum-Himmel" dran. 7000 Leute waren voll auf der Welle und sie sangen eine halbe Stunde und danach kam ich.

Michaela Boland: Die waren wohl nicht mehr ruhig zu bekommen?

Konrad Beikircher: Das kann man vergessen. Da sind 7000 Leute wirklich einfach ganz woanders und auch völlig zu Recht. Da können weder die noch ich etwas dafür. Da hast du einfach keine Chance. Also, bin ich raus und habe gratuliert. Allerdings hatte ich der Band hinten schon vorher gesagt, dass sie gleich dran seien, weil mein Auftritt nämlich keinen Sinn mehr gemacht hätte. Dann war das ein netter Applaus und ich bin von der Bühne herunter gegangen und ein paar Leute, die davor standen,  sagten zu mir, "Ja, dat hätte auch nisch mehr jeklappt.

Dat wär ja furschtbar jewesen". Aber, das war auch das einzige Mal und da habe ich die Entscheidung getroffen. Ansonsten gab es da nur mal eine unsägliche Karnevalsendung, die der WDR gemacht hat, bei der ich umgeswitcht habe. Ich sollte ab 21.00 Uhr  live für eine Produktion von WDR 3 mit meinen Sprachspielereien auftreten. Hinter der Bühne waren sie schon alle hacke. Der Moderator, von einer großen Kölner Karnevalsgesellschaft, ebenfalls. Der ist dann rausgeschmissen worden und wohl nach Berlin gegangen. Die haben dem Affen Zucker gegeben. 700 Leute im Publikum haben nur Ramba Zamba gemacht und waren um zwölf auch breit.

Dann kannst du  denen natürlich nicht mehr mit dem "Rheinischen Genitiv" kommen. So etwas geht einfach nicht. Vor mir war die Band Brings dran. Ich kam dann raus und habe nur gesagt, "Singen ist schön, mitsingen ist auch schön. Aber, am schönsten ist selber singen und dat könne mer och". Und dann haben wir a capella gesungen und die Leute waren außer Rand und Band.

Das waren aber die beiden einzigen Situationen, in denen es anders als geplant lief. Aber, Angst, sie nicht zu kriegen, habe ich nicht. Da bin ich ein verwöhntes Kind, habe auch nie darüber nachgedacht, was man tun könnte, um sie zu bekommen. Das würde auch nicht funktionieren. Du kriegst die Leute mit Authentizität. Bei dem, was ich mache, musst du raus gehen und du sein. Bei Florian Silbereisen ist es wahrscheinlich wurst.

Michaela Boland: Sie sind seit mehreren Jahrzehnten im Rheinland  und haben das rheinische Herz und seine Sprache sozusagen assimiliert. Verzeiht man ihnen bei  Besuchen in der alten Heimat, Südtirol, dass sie der Sprache in professioneller Hinsicht ein wenig abtrünnig geworden sind?

Konrad Beikircher: Na, (Anm. d. Red.: fährt im Dialekt Südtirols fort) der Sproche bin i nid abtrünnig geworden. Das kann ich noch (lacht). Ach, das ist wie immer. Auf diese Dinge ist man in Südtirol stolz. Das erfahre ich oft genug. Sie freuen sich, dass ein Brunecker aus dem Pustertal da draußen so ein Star geworden ist. Alles prima, wunderbar.

Das merke ich auch immer an der Resonanz, wenn ich selbst mal da bin. In Südtirol zählt aber etwas anderes und da habe ich die A-Karte gezogen: Denn ich habe viele italienische Lieder geschrieben, komponiert und immer wieder gesungen. Das sind Lieder, die Dinge aus meiner Jugend in Bozen zum Thema haben. Meine Klassenkameraden und ich waren eine sehr italophile Generation.Wir haben ein positives Verhältnis zu Italien gehabt.

Das hast du in Südtirol nicht ungestraft, wenn du es öffentlich machst. Und es ist immer noch so. Als ich das letzte Mal mit der Band da war, haben wir auch italienische Lieder gesungen, beispielsweise etwas von Celentano, da habe ich es auch bei den Jüngeren wieder gemerkt. Es gibt ja auch die CDs, also die wissen in Südtirol natürlich alle, was ich so treibe. Das verzeiht man mir nicht. Natürlich nicht alle.

Michaela Boland: Gestaltet sich dieser Umstand nach all den Jahren seines ernsten Ursprungs mittlerweile ähnlich wie die historisch bedingte Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf  bei uns im Rheinland?

Konrad Beikircher: Nein, eher wie das Verhältnis zwischen dem Elsass und Frankreich oder dem zwischen Basken und Spaniern. Es ist schon kämpferischer. Das tut man eben nicht. Man ist nicht ein deutschsprachiger Südtiroler und singt walsch, also italienisch. Das ist in der Wertigkeit unanständig. Kürzlich war ich wieder für eine Woche dort und habe eine Lesung über meine Kindheitserinnerungen abgehalten. An einem Tag habe ich mich mit meinen ehemaligen Klassenkameraden, mit denen ich Abi gemacht habe, getroffen.

Dabei haben wir auch über diese Problematik gesprochen und sie sagten, "für uns ist es kein Problem, denn du hast ja immer schon Celentano gesungen. Aber, du musst dich nicht wundern, wenn ansonsten keiner kommt". Ich antwortete, dass ich das wisse. Das wird als politisches Statement gesehen. Insofern stehe ich auch dazu, weil es natürlich auch so ist. Wir sind bei uns zu Hause drei Brüder. Ich bin der jüngste, mein ältester Bruder ist acht Jahre älter und da ist bei diesem Thema schon die Mauer vorhanden. Der kann es nicht begreifen, dass wir aus einer Familie sind und sein jüngerer Bruder italienisch singt. Der war ganz tief getroffen.

Michaela Boland: Aber, man versteht sich doch hoffentlich wieder?

Konrad Beikircher: Das schon, die Basis bleibt natürlich unberührt.

Michaela Boland: Sie sind 1965 nach Bonn gekommen?

Konrad Beikircher: Ja, ich bin am 19. Oktober 1965 nach Bonn gekommen. Um 16.04 Uhr.

Michaela Boland: Das wissen sie aber noch sehr genau.

Konrad Beikircher: Das ist ein Zufall. Ich weiß nicht, warum man sich so einen Blödsinn merkt. Doch da war die Bahnhofsuhr in der Bahnhofshalle von Bonn und ich stand dort plötzlich in einer fremden Welt. Deshalb hat sich das vermutlich so eingeprägt.

Michaela Boland: Sie sind seinerzeit für das Studium der Psychologie, Musikwissenschaften und Philosophie hier her gekommen. Wie lange hat es gedauert, bis sie als Südtiroler mit dem rheinischen Dialekt, den sie heute zum professionellen Werkzeug gemacht haben, zurechtkamen?

Konrad Beikircher: Es hat natürlich lange gedauert. Die ersten drei Tage war ich  bei einer Zimmerwirtin aus Ostpreußen eingemietet. Das ging nicht. Sie war sehr traumatisiert, sprach ständig von Kinderärmchen. (Anm. d. Red.: Imitiert den ostpreußischen Dialekt in hoher Stimmlage) "Ich werde die Bilder nicht los, wie die Kinder beim großen Dreck da runterjefallen sind", so hat sie mich schon empfangen. Dann hat sie mir das Ganze eine Stunde lang Handhaltend erzählt.

Da fragte ich mich, in welcher geschlossenen Abteilung ich hier wohl gelandet sei und habe dann zwei Tage später ein anderes Zimmer gefunden. Da war ich dann drei Jahre bei Frau Münch. Sie war eine ganz einfache Frau, sehr streng, ein regelrechter Dragoner, aber, dafür auch sehr witzig. Sie sprach jedenfalls kein Hochdeutsch.

Die hät nur Bönnsch jeschwaat. Und wohl oder übel musste ich lernen, es zu verstehen. Ich weiß noch, dass ich während der ersten vier bis fünf Wochen täglich überlegte, ob ich die Koffer packen sollte, da ich nichts verstand und es beinahe nicht aushielt. Und dann kam ich über Frau Münch langsam doch ein Bisschen in die Anfänge hinein. Nachdem ich mein Studium abgeschlossen und angefangen hatte, im Knast zu arbeiteten, kam dann der zweite Schub.

Michaela Boland: Aufbaukurs "Mundart" im Gefängnis?

Konrad Beikircher: Ja. In Siegburg habe ich mich dort morgens immer sehr intensiv um die inhaftierten Analphabeten gekümmert. Da waren regelmäßig zwischen vierzig und fünfzig jugendliche Analphabeten, die fast ausschließlich aus Köln-Kalk und Köln-Poll kamen. Da wurde so richtig Kölsch "jeschwaat". Darunter waren oft ganz goldige Gemüter, einige waren auch hoch intelligent, aber sie konnten eben nicht lesen und schreiben. Einer ist heute Abteilungsleiter bei den Stadtwerken.

Michaela Boland: Dank ihnen?

Konrad Beikricher: Nein, (lacht), das hat er schon sich selbst zu verdanken.

Michaela Boland: Ging ihnen die Tätigkeit dort leicht von der Hand?

Konrad Beikircher: Die Arbeit mit den Leuten hat großen Spaß gemacht. So kam ich an die rheinische Mundart. Doch, natürlich spielte auch meine Liebe zum Beobachten eine Rolle. Ich schaue auch einfach gerne in die Welt und in die Menschen. Das finde ich immer spannend.

Michaela Boland: War das auch die Motivation für den Schritt zum Psychologiestudium?

Konrad Beikircher: Nein, das war Wahrnehmung. Als ich 17 Jahre alt war, schrieb mein Bruder bereits seine Dissertation, hätte aber eigentlich noch Vorlesungen gehabt. Also habe ich zuzüglich der Sommerüberlappung ganze zwei Monate in der Schule frei bekommen und für ihn die Vorlesungen mitgeschrieben. Hierdurch war ich auch in einer Psychologievorlesung und darin ging es um Wahrnehmung. Mich hatte von jeher das ganze Naturwissenschaftliche und Experimentelle interessiert.

Wie funktioniert es, dass ich genau weiß, welcher Ton am Anfang war, ein weiterer als dritter, siebter oder noch später kam, wenn ich eine Melodie höre? Wie erkennt man das? Wie geht das? Wird im Ohr schon gerechnet? Damals hat man noch nicht so gedacht, es gab ja noch keine Computer. Das hat mich unglaublich interessiert, das wollte ich genauer wissen und deshalb habe ich Psychologie studiert. Heute würde das als Motiv wohl nicht mehr ausreichen, weil man sich vorstellen kann, wie ein Rechner funktioniert.

Michaela Boland: Heute würde man wahrscheinlich ein Fach wie Neurowissenschaften auswählen?

Konrad Beikircher: Das würde ich heutzutage machen. Damals war das völlig apart. Es hat mich immer interessiert, deshalb habe ich auch vier Semester Physiologie belegt, obwohl ich kein Mediziner werden wollte. Die hatten natürlich eine neurale Abteilung in der Physiologie, was ich als wahnsinnig spannend empfand. Doch das war zum damaligen Zeitpunkt alles noch gar nicht vernetzt, das gab es noch nicht. So etwas wie Kybernetik kam erst während meines Studiums auf. Man nannte es Kybernetik und hat versucht, mittels elektrischer Schaltkreise Denk-und Synapsenvorgänge zu erklären. Wenn ich das mit heute vergleiche, war das natürlich absolut steinzeitlich.

Michaela Boland: In welcher Fachrichtung ist ihr Bruder, dem sie das Psychologiestudium quasi "verdanken", promoviert?

Konrad Beikircher: Er ist Altphilologe und hat über die Satire von Persius Flaccus promoviert. Er ist ein riesen Wissenschaftler geworden. Er war lange Zeit Chefredakteur des Thesaurus Latinus bei der Akademie der Wissenschaften in München. Das ist die Erfassung des gesamten lateinischen Wortschatzes mit allen Stellen, wo jedes Wort vorkommt. Ein irrsinniges Unterfangen. Seit hundert Jahren läuft das insgesamt. Sie sind jetzt beim Buchstaben V, wenn ich mich nicht täusche. Mein Bruder ist allerdings nun seit einem dreiviertel Jahr pensioniert.

Michaela Boland: Ihr Bühnenprogramm wird auch als "hochprofessionelle, manchmal atemlose Büttenrede" bezeichnet. Können sie das unterschreiben?

Konrad Beikircher: (prustet) Wer schreibt denn so etwas?

Michaela Boland: Die Rheinische Post unter anderem.

Konrad Beikircher: Die Rheinische Post? Ach, wie schön, meine Güte. Das liegt an einem wundervollen Vorurteil. Jenes Vorurteil besteht darin, dass wenn etwas rheinisch ist und vielleicht auch noch kölsch gefärbte Töne beinhaltet, und wenn das auch noch etwas zu lachen ist, muss es ja Karneval sein. Das geht ja gar nicht anders. Die Rheinländer tun sich ein bisschen schwer damit, rheinisches Kabarett als Kabarett zu akzeptieren.

So etwas ist gleich in dieser Schiene drin. Das ist immer ein bisschen "gefährlich". Wobei das ja auch nichts Schlimmes ist. Es ist nicht jeder Trachtenanzug in Bayern ein Bekenntnis zu Bayern. Die Austauschbarkeit sieht man daran, wenn die Kölschen beim kölschen Oktoberfest in bayerischen Trachten herumlaufen. Das hat wohl ein bisschen damit zu tun. Was die "Büttenrede" anbelangt, so könnte ich natürlich auch ernsthaft reagieren. Mich schmerzt das natürlich schon ein wenig, obwohl ich Respekt vor Büttenrednern habe. Das ist völlig etwas anders. Die Büttenrede ist ein anderer Humor.

Du musst bei Büttenreden nämlich einen ganz linearen Humor haben, dieser muss ganz klar nach vorne gehen, er darf keinen Knick und keine Kurve haben. Da geht sonst nichts. Ich kenne keinen Kabarettisten, der als Büttenredner reüssiert hätte. Ein paar haben es probiert. Andreas Etienne und Michael Müller von der Springmaus haben es letztes Jahr versucht und sind grandios baden gegangen.

Michaela Boland: Zu intelligent?

Konrad Beikircher: Ja, klar. "Intelligent" ist aber nicht das richtige Wort, denn es gibt auch intelligente Büttenreden. Bei der Büttenrede darfst du nicht um eine Ecke, anschließend um noch eine Ecke gehen, dann auf die Assoziation warten und dann haben sie es. Das geht nicht. Im Kabarett ist das die Voraussetzung, ohne die gar nichts geht. Mein absoluter Favorit in puncto Büttenredner ist "Die Doofnuss" . Jetzt ist er Mitte 80. Das war ganz klassische kölsche Büttenrede. Das hat so funktioniert: Der hat sich mit tief ernstem Gesicht hingestellt und Witze erzählt. In langsamem Tempo.

Es reicht ein halber Satz, selbst, wenn er Wort- und Interpunktionsgenau immer dasselbe erzählt, selbst, wenn der ganze Saal jedes Wort kennt, ist es egal. So etwas wird zelebriert und erwischt meinen Humornerv dann sehr, wenn es derart gekonnt gemacht ist. Ich habe also schon Respekt vor Büttenrednern- und -Rednerinnen, wenn sie gut sind. Doch, was mich selbst betrifft, so ist dies überhaupt nicht meine Art des Humors.

Ich bin eigentlich immer eher recht assoziativ in meinem Humor, manchmal auch ein bisschen drastisch, denn da hat ja auch jeder Spaß dran. Hin und wieder bewege ich mich auf Kantinenebene, wo ich mir manchmal denke, "jetzt musst du da aber mal wieder raus". (lacht). Auch bin ich schon einmal, wie jede Rampensau, die da oben auf der Bühne steht, in der Gefahr, einen Lacher nur um des Lachers Willen produzieren zu wollen. Aber, Büttenredner würde ich für mich jetzt nicht unbedingt gelten lassen.

Michaela Boland: Sie unterstützen den Verein "Leben mit Krebs". Ihre erste Frau haben sie bedauerlicherweise schon vor langer Zeit verloren. Gibt es da einen Zusammenhang?

Konrad Beikircher: Nein, sie war sehr depressiv und ist im Suizid gestorben. Zur Unterstützung des Vereins kam es als ich von Frau Schürheck von der Organisation angesprochen wurde. Ich habe von Anfang an die Einstellung gehabt, dass, wenn man etwas bekannter ist, es eine Verpflichtung darstellt, öffentlich Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört, dass man sich für Dinge auch öffentlich engagiert, denn das finde ich ganz wichtig.

Du musst Vorbild sein, wenn du bekannt bist. Ich finde, um diese Verpflichtung kommt man gar nicht herum. Es tun aber nicht viele. Ich habe es aber immer schon gemacht, mit unterschiedlichem Erfolg natürlich. Für ungefähr fünf Jahre habe ich im Rahmen eines Kölner Projektes eine Schule in Guinea-Bissau unterstützt. Da bin ich dann auch immer mit der Büchse herumgelaufen und habe gesammelt, gemacht und getan, aber seit ungefähr anderthalb Jahren kann ich das nicht mehr machen.

Michaela Boland: Aus welchem Grund geht es nun nicht mehr?

Konrad Beikircher: Es wird  fast nicht mehr akzeptiert und das nicht wegen Afrika, sondern, weil die Zeiten schlechter geworden sind. Ich spiele ja auch viel in kleinen Orten und die Veranstalter sagen dann, "nein, wir haben gerade eine Sammlung für unseren Kindergarten", oder sie haben eine Sammlung für dieses oder jenes. So haben sie dann Angst, dass man ihnen etwas abschöpft. Das kann ich ja dann auch  nicht machen. Die Zusammenarbeit mit dem Verein "Leben mit Krebs" in Siegburg läuft jetzt ungefähr seit 1995.

Michaela Boland: Wie sieht ihre Unterstützung für den Verein konkret aus?

Konrad Beikircher: Ich spiele dort, trete umsonst oder lediglich für einen Unkostenbeitrag auf. Das Problem ist, du zahlst doppelt, denn du hast dort 700 bis 1000 Leute in der Halle, für die du umsonst spielst und kannst dann jedoch mindestens für ein halbes Jahr da nicht mehr auf Kasse spielen, weil sie dich da ja schon alle gesehen haben und das Programm kennen. Das heißt, Siegburg ist für mich eigentlich seit 1995 als bezahlter Auftrittsort gestorben. (lacht). Daran denkt man auch nicht immer.

Michaela Boland: Sie sprachen gerade ihre Tätigkeit in der Siegburger Justizvollzugsanstalt an. War ein solcher Job als Gefängnispsychologe von Anfang an im Bereich ihres Vorstellungsvermögens?

Konrad Beikircher:Ja, natürlich, schon nach meinem Vordiplom. Ich war ein sehr  bewegter 68er, habe die Hand immer schon zum Rot-Front-Gruß erhoben. In der Zeit damals musste das ja sein. Ich war politisch links zu orten, meine damalige Frau auch. Nach dem Vordiplom haben wir uns überlegt, vielleicht an der Uni zu bleiben. Ich wollte aber eigentlich nicht an der Universität bleiben und dann war klar, wenn man daraus einen Beruf macht, muss es ein sozial-verantwortlicher sein. Unsere Deduktion war dann, dass es nur Psychiatrie oder Knast sein könne.

Daraufhin haben wir uns für den Knast entschieden. Danach haben wir noch ein paar juristische  Vorlesungen besucht, um uns in dieser Hinsicht in allem, was man so braucht, vor allem im Strafrecht, ein wenig kundig zu machen. Dann kamen wir als völlig überqualifizierte Überflieger, denn wir hatten beide das Diplom mit sehr gut und Auszeichnung gemacht, weil wir nunmal gut waren -  was willst`e machen - (lacht) beim Düsseldorfer Justizministerium an. Wir waren somit im November 1971 die ersten Psychologen dort, die mit sehr gut aufgetaucht sind.

Die sind da beinahe von den Stühlen gekippt. Bis dahin haben die Grobzeug gekriegt. Da gab es sieben oder acht Psychologen. Wer wollte denn in der Zeit als Psychologe schon in den Knast gehen? Das war politische Überzeugung und ein Bekenntnis zur sozialen Verantwortung und ich habe es nie bereut. Das war mein Motiv, dort hinein zu gehen. Ich habe zunächst in Köln-Ossendorf angefangen. Übelster Knast. Der war damals ganz neu.

Der alte Klingelpütz wurde abgerissen und in Ossendorf neu gebaut. Gänge 240m lang, 2m hoch, man bekam schon die Paranoia, wenn man nur hinein ging. Ich bin dann anderthalb Jahre später nach Siegburg gekommen, weil ich mit Jugendlichen arbeiten wollte. Anschließend habe ich dann jede Menge Ausbildungen gemacht, also Leute ausgebildet und unterschiedlichste Gebiete abgedeckt.

Michaela Boland: Kann man den Job als "hartes Brot" bezeichnen?

Konrad Beikircher: Das denkt man immer. Aber, das stimmt so nicht. Es ist innen dann immer noch mal etwas anderes. Es ist in jedem Fall ein intensives Berufsfeld. Gerade in einem Beruf wie Geistlicher, Psychologe oder Sozialarbeiter, denn da bist du ja ganz nahe dran. Man ist ja dann nicht, so wie ein Jurist, Anstaltsleiter oder zuständig für die Sicherheit bzw. die Disziplinierung, sondern du bist ganz nahe an der Seele, an den Menschen. Es ist natürlich auch intensiv im Negativen.

Es ist fünf oder sechs Mal vorgekommen, dass ich in eine Zelle kam und der Insasse hatte sich erhängt. Er hing da oben und das Herunterheben ist dann nicht schön. Besonders, wenn das noch jemand von den Knackis ist, den du besser kanntest. Ich bin gerne oftmals auch sonntags hingegangen, um Zeit zu haben, den Schreibtisch aufzuräumen und  solche Dinge, denn in der Woche kam ich nicht dazu. Ich habe fast während der ganzen Zeit mein Büro im Knast selbst gehabt.

Eine Zeitlang war ich der einzige in ganz Deutschland, der dies so gehandhabt hat. Und zwar aus folgendem Grund: Der Psychologe sitzt vorne in der Verwaltung. Der Knacki, dem es nicht gut geht oder der irgendein Anliegen hat, schreibt einen Antrag an den Psychologen. "Ich müsste sie unbedingt mal sprechen." Das gibt er dem Abteilungsbeamten. Der Abteilungsbeamte gibt es der Zentrale. Die Zentrale gibt es zur Briefstelle. Die Briefstelle tut es dann in dein Fach. In der Regel war das ein Weg von zwei Tagen.

Michaela Boland: Wenn es dringend war, hätte es in dieser Zeit wohl schon längst zu einer Tragödie kommen können?

Konrad Beikircher: Ja, zum Beispiel. Und das ist passiert. In der Regel musste ein Gefangener dann zwei bis drei Tage warten bis der Psychologe kam, wenn der dann Zeit hatte. Es kam ja auch vor, dass man sagen musste, "Moment, da habe ich aber noch andere auf der Liste." Ich habe das dann so gemacht: Ich habe drinnen gesessen und die Leute wussten, sie konnten vormittags bei mir hereinschneien, wenn es um Kleinigkeiten ging oder sie ein Telefonat hatten. Nachmittags hatte ich die intensiveren Gespräche. Es hat ein Weilchen gedauert, aber dann hat es wunderbar funktioniert.

Gleichzeitig aber habe ich damit einen Status bei den Knackis gehabt, der war ungeheuer. Ich konnte zu jedem in die Zelle. Auch, wenn er die Rasierklinge schwang. Ich habe nie Angst haben müssen, mir ist nie auch nur das Geringste passiert. Das hat damit zu tun, dass ich mich nie als etwas anderes, als ein besserer Mensch gesehen habe als die Knackis. Ich habe von Knackis, übertrieben gesagt, viel mehr über mich gelernt als sie von mir lernen konnten.

Ich habe in den Gesprächen über Mord oder Sexualdelikte, einfach über die Abgründe der Seele, einiges über mich erfahren und kennengelernt. Denn das waren ja Leute, die das getan haben. Ich habe so etwas natürlich nicht gemacht, ich habe nie eine meiner Frauen umgebracht, aber ich habe sehr viel über mich gelernt.

Michaela Boland: Wird man insoweit mit Gedanken konfrontiert, die man sich von sich aus nicht machen würde?

Konrad Beikircher: Ja, schon. Natürlich. Ich erinnere mich an zwei Gespräche mit Jürgen Bartsch (Anm. d. Red.: pädosexueller Serienmörder, der als "Kirmesmörder" bekannt wurde), die ich zusammen mit meinem Kollegen noch während meines ersten Jahres in Ossendorf geführt habe. Das war sehr beeindruckend. Damals war der ja die Bestie schlechthin. Ein hoch differenzierter, tatsächlich richtig schwer an sich Leidender. Intern war es ja wahrscheinlich auch so, dass er sich die Fehlnarkose gewünscht oder vielleicht sogar bestellt hat.

Dann kam das Ende ja. Ich habe mich in Siegburg  auch ein bisschen auf jugendliche Sexualstraftäter spezialisiert, weil sich um die ja keine Sau gekümmert hat. Alle haben sich ja um die Drogenleute gekümmert, denn das war in der Regel nicht schön, aber angenehm. Da stößt du schon auf Dinge, die sind weit weg von dir. Weit weg auch von mir, schizothyme Leute, Menschen, die kurz vor einer Schizophrenie stehen und ganz bizarre Gedankenwelten haben, wo es sehr schwer ist, sich da einzufühlen oder es sich auch nur vorzustellen.

Ich hatte nie das Problem, dass ich verurteilend oder bewertend zugehört habe. Das Problem habe ich heute noch nicht und das ist nicht immer richtig. Manchmal sollte man bewerten. Ich habe das nie gemacht. Ich höre mir  erst mal an, was jemand erzählt und versuche das einzuordnen, prüfe, ob ich das verstehen kann. Manchmal kann man sich sogar hineinfühlen, z.B. wenn jemand  einen quälenden Vater hat und irgendwann ist die Sicherung durchgebrannt. Das wurde mir oft vorgeworfen, oder den Psychologen generell. "Ihr wollt ja alles nur verstehen und entschuldigt ja alles!"

Michaela Boland: War es so?

Konrad Beikircher: Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich wäre mit diesen Dingen insofern wohl schon besser in der Wissenschaft geblieben. Es ist dort nämlich schon etwas wertfreier und das war es bei mir immer.

Michaela Boland: Ist das eine Charaktereigenschaft von ihnen oder womöglich durch das Psychologiestudium antrainiert worden?

Konrad Beikircher: Nein, ich glaube, da hat es sich ergänzt. Es ist schon auch eine Eigenschaft von mir. Auch heute noch, wenn meine Frau und ich Konflikte austragen, in denen es um die Kinder geht. Wenn ich bei Problemen der Kinder dann eher weich geblieben bin und versucht habe, an ihnen dran und mit ihnen im Gespräch zu bleiben, war meine Frau dann eher der Ansicht, dass das nicht geht und dass womöglich auch mal Hausarrest angebracht wäre. Ich denke, da hat meine Frau schon Recht, wenn sie meint, dass ich auch mal im Vorfeld bewertend Farbe bekennen soll. Es fällt mir schwer, weil ich erst mal versuche, in die Innenwelt zu kommen.

Michaela Boland: Wie alt sind ihre Kinder?

Konrad Beikircher: 31, 28, 23, 21 und 16. Zwei aus der vorherigen Ehe.

Michaela Boland: Da sind sie ja mit dem letzten Kind noch mitten in der Pubertät.

Konrad Beikircher: Ja, absolut. Doch wenn ich mal da oben im Himmel bin, werde ich der Schöpfung den Vorschlag machen, die Pubertät ersatzlos zu streichen.

Michaela Boland: Wie war das bei ihnen?

Konrad Beikircher: Bei mir kam das ja nicht richtig zum Ausbruch, denn ich war in einem Jugendheim. Ich war acht Jahre lang im Schülerwohnheim bei den Franziskanern in Bozen. Ich hatte nicht die Notwendigkeit, diese pubertären Reibereien mit den Eltern zu haben, denn die waren ja nicht da. Ich habe sie nur in den vier Sommermonaten gesehen.

Michaela Boland: Wo wahrscheinlich Zucht und Ordnung herrschte?

Konrad Beikircher: Ja, natürlich. Wir waren im Schülerwohnheim 80 Jungs und haben dann schon mal gemeinsam rebelliert. Dann hast du halt eins drüber gekriegt, wurdest diszipliniert und dann war es das aber auch schon. Also, das hat sich zwangsläufig sehr in Grenzen gehalten, was auch nicht gut ist. Wir konnten die Pubertät nicht so ausleben, wie das meine Kinder konnten oder können.

Michaela Boland: Doch den Schalk im Nacken können sie ja spätestens jetzt ausleben.

Konrad Beikircher: Ja, klar. (lacht).

Michaela Boland: Sind sie auch gläubig, wenn sie schon bei den Franziskanern erzogen wurden?

Konrad Beikircher: Ich bin vor ungefähr sechs Jahren aus der Kirche ausgetreten. Kardinal Meisner hat das Faß zum Überlaufen gebracht. Ich bin Gläubiger, aber kein Kirchenfan. Da war z.B. Afrika und das Pillenverbot und diese ganzen Themen eben. Das war ohnehin schon so grenzwertig. Dann kam auch noch, dass in Berlin die ökomenische Woche stattgefunden hat und morgens hat der Kardinal seinen Pressesprecher beauftragt, im WDR eine Stunde lang zu erklären, dass man als Katholik in Berlin abends nicht gemeinsam mit den Evangelischen bei jenem ökumenischen Gottesdienst die Kommunion bzw. das Blut Christi empfangen dürfe, weil man ansonsten exkommuniziert werde.

Wenn man weiß, was Exkommunikation nach dem kanonischen Recht bedeutet, dann ist klar, dass man auf alle Ewigkeit ausgeschlossen wird. Die Androhung dieser Strafe ist ungeheuer. Das ist die härteste Strafe, die man überhaupt aussprechen kann. Und genau dieselbe Kirche hat sich dann gegen die Bombardierung im Irakkrieg, im Golfkrieg etc. ausgesprochen. Doch, wenn du nur mal mit einem Evangelischen gemeinsam die Kommunion erhältst, dann bist du draußen.

Da, dachte ich mir, "Jetzt ist es gut", und bin zum Amtsgericht gefahren, ausgetreten, habe danach Manfred Becker-Huberti angerufen, der damals Pressesprecher des Erzbistums Köln war, und  gesagt, "weißt du, woher ich gerade komme? Ich komme vom Amtsgericht und bin jetzt ausgetreten. Das tut mir leid!"  Seit ich ausgetreten bin, beschäftigt mich die Verpflichtung mehr als vorher. Christ sein bedeutet für mich, eine menschliche Verpflichtung , gerade der lebenden Seite gegenüber. Mit dem anderen habe ich eigentlich nicht so viel im Sinn.

Michaela Boland: Wie wichtig ist ihnen die Musik?

Konrad Beikircher: Ich wollte Musiker werden. So hatte ich mir in den ersten drei bis vier Monaten während des ersten Semesters  in Bonn, als ich noch diese großen Verständnisprobleme mit der Sprache hatte, immer wieder überlegt, vielleicht doch zurück nach Wien zu gehen und  dort die Aufnahmeprüfung an der Musikakademie zu machen.

Mein erstes Semester in Bonn war nämlich insgesamt mein viertes Semester. Als ich noch in Wien eingeschrieben war, habe ich allerdings andere Sachen gemacht. Da war ich am Freitag im Heurigen und ansonsten in der Staatsoper. Da musste das Studium noch warten. Ich wollte eigentlich Geiger werden. Doch zum Glück hat das nicht geklappt. Zum Solisten hätte es ohnehin nicht gereicht und ich wäre auch nicht der Mensch gewesen, für den das Orchester auf Dauer das Richtige gewesen wäre.

Michaela Boland: Wäre es für sie sehr schmerzlich, wenn sie aus irgendwelchen Gründen das Rheinland veralssen und beispielsweise in Bayern oder im Saarland leben müssten?

Konrad Beikircher: (lacht). Das Saarland wäre ein Fremdkörper, hätte aber den Vorteil, dass die Leute dort in gastronomischer Hinsicht eine hohe Lebensqualität haben, was ich schon sehr schätze. Bayern wäre natürlich meiner Heimat ein bisschen näher. Mein Bruder lebt in Bayern, ich kenne Bayern auch ziemlich gut, doch leben möchte ich dort nicht. Ich fühle mich schon wohl in dieser am wenigsten deutschen Gegend überhaupt. Das Rheinland ist nicht  wirklich deutsch. Und das finde ich sehr schon, das genieße ich eigentlich sehr, im Gegensatz zu vielen Leuten, für die das furchtbar ist. Motto: "Die unzuverlässigen Rheinländer." Ich mag das, ich mag die Schludrigkeit.

Michaela Boland: Ist es tatsächlich auch offener als viele andere deutsche Gegenden?

Konrad Beikircher: Ja, es ist offener, weil es dem Romanischen zugewandt ist. Das Rheinland ist dem Wallonen- und dem französischen Raum sogar sehr zugewandt. Nicht dem niederländischen. Das wird vom Gefühl her nämlich eher dem Westfälischen zugeordnet, während wir hier eher Belgien und natürlich Frankreich zugetan sind. Diese Gefühlsvalenzen sind ganz witzig.

Michaela Boland: Erscheint das Westfälische eher sturer?

Konrad Beikircher: Ja, es gilt zumindest so. Dass es tatsächlich so ist, würde ich nicht sagen. Es ist zurückhaltender, bestimmter und in Formulierungen knapper. Die Sätze sind kürzer, doch sie sind dafür auch sehr haltbar. Das ist für den Rheinländer sehr ungewohnt, denn der "schwaat sich die Schnüss fusselig", eigentlich nur um nicht wirklich "ja"  oder "nein" sagen zu müssen. Das ist eine Eigenschaft, die ich am Westfälischen schon sehr gern mag, zumal ich es selbst gar nicht hinbekomme.

Michaela Boland: Wäre ein Umzug außerhalb des Rheinlandes insofern nicht schon in beruflicher Hinsicht problematisch, soweit dort ein anderer Dialekt vorherrschend wäre?

Konrad Beikircher: Es gäbe einige Gegenden, da könnte ich das sehr gut. Z.B. hessisch, frankfurterisch. Da könnte ich eigentlich bei "Himmel und Äd" angegangen und die elf Programme ummünzen und vielleicht ein halbes Jahr in Kneipen in Frankfurt unterwegs sein. Das wäre kein Problem. Bayern ebenso wenig. Nur, die Bayern sind sehr empfindlich, wenn ein Fremder kommt. Es bräuchte da die Voraussetzung, die auch das Rheinland hatte:

Dass jemand, der über die Gegend Bescheid weiß, auf eine Gegend trifft, die nichts von sich hält. Das Rheinland hatte absolute Minderwertigkeitskomplexe, also, die Menschen im Rheinland hatten sie ganz stark. Motto: "Kind sprich ordentlich", man durfte nicht platt sprechen. Das kam erst mit den Bläck Fööss und mit dem Karneval, dass der Dialekt oder Regiolekt, die Umgangssprache, hoffähig wurde.

Bis dahin war da gar nichts. Das war für mich eine ganz eigenartige Erfahrung, denn da wo ich her komme, aus Südtirol, ist Dialekt hoch geschätzt und gleichwertig mit dem Hochdeutschen. Auch die Bayern lieben ihre Sprache und haben auch eine hohe Meinung von sich selber. Motto: "Mir sein mir". Von daher würde das nicht funktionieren, wenn du als Nichtbayer den Bayern die Bayern erklärst. Da würden sie empfindlich reagieren.

Michaela Boland: Sie würden also reservierter sein als die Rheinländer?

Konrad Beikircher: Ja. Wenn du es sehr gut kannst, dann warten sie ja auf ein kleines Fehlerchen. Da käme dann so etwas wie: "Ja, des homs aber net richtig gsagt, gä?" Du müsstest sehr gut sein, woran ich bei mir jetzt nicht zweifle, aber, es wäre hundertprozentig ein Kampf.

Michaela Boland: Gab es unter den Rheinländern nie Menschen, die sich auf den Schlips getreten fühlten?

Konrad Beikircher: Es gibt zwei Lager: Das Pro- und das Anti-Beikircher-Lager. Das Anti-Beikircher-Lager sagt dann: "Nä, dat bruch isch nit, verarsche kann isch misch selber." Das setzt aber auch voraus, dass jemand das Gefühl hat, dass meine Arbeit oder ich selbst mich über Rheinländer lustig mache. Das habe ich allerdings noch nie getan. Im Gegenteil. Wenn das aber jemand derartig in den falschen Hals kriegt, wird er natürlich kein Fan von mir sein. Es schreiben einem natürlich nur die Meckerer oder die Jubler. Aber, gemessen an der Rückmeldung, die ich von den Menschen aus dem Rheinland erhalte, scheine ich fast keine Meckerer zu haben.

Michaela Boland: Aus welchem Grunde halten sie Mundart heute noch für so wichtig?

Konrad Beikircher: Es ist wichtig für die Menschen, die in der Mundart aufgewachsen sind. Sonst könnte man darauf verzichten. Wenn jeder in Hochdeutsch aufwachsen würde, dann brauchst du natürlich keinen Dialekt. Wenn das, mit dem du als Säugling aufwächst, aber Dialekt ist, und du erst mit fünf oder sechs Jahren Hochdeutsch in der Schule lernst, dann hast du eine Basis für eine Kommunikation, die unvergleichlich ist. So persönlich wie Dialekt ist keine andere Sprache.

Dialekt ist die Sprache der Haut und der ganz direkten, unmittelbaren Gefühle. Wie man im Dialekt eben so miteinander spricht, man hat ja dieselbe Sprache und damit ist man ja eins. Es sind dann die grundlegenden, ursprünglichen Gefühle, die im Dialekt die richtigen Entsprechungen finden: Ablehnung, Zustimmung, Umarmung. Liebe. Differenzierte Gefühle sind im Dialekt meistens nicht da. Das hat aber gar nicht so viel mit Sozialgeografie zu tun. Dialekt ist einfach die älteste Eltern-Kind Sprache, die es überhaupt gibt und damit natürlich vor allen anderen Sprachen.

Michaela Boland: Worüber lachen sie selbst?

Konrad Beikricher: Über Karl Valentin, über  Nestroy, über von Kleist. Im Witzebereich mag ich sehr gerne die Fußnägelaufroller, also die ganz blöden. Blondinenwitze vielleicht nicht unbedingt. Doch Situationskomik bringt mich zum Lachen. Ich bin einer der größten Stan Laurel und Oliver Hardy-Fans. Die finde ich genial und könnte mich absolut weglachen. Das Absurde mag ich auch sehr gerne und da ist man hier im rheinischen Witz sehr gut beheimatet, denn achtzig Prozent der kölschen Witze sind sinnwidrig.

Der Humor liegt eben im völlig Absurden. Der Tünnes schellt  ein paar Mal beim Schäl, nichts tut sich und beim dritten Mal Schellen ruft der Tünnes von drinnen: "Ich bin nit zu huus." Die Reaktion von Schäl, der draußen steht, ist: "Dann is nur jot, dat ich gar nit jekumme bin." Das ist sehr absurd und wundervoll. Doch als ich den Witz einmal erzählt habe, haben westfälische Kollegen nur gesagt: Ja, wieso? Das steht doch da."

Michaela Boland: Wie sieht ihr Verhältnis zur Comedy aus? Lachen sie auch über Comedians wie Michael Mittermeier?

Konrad Beikircher: Mit Mittermeier sprechen sie eine Ausnahme an. Er macht intelligente Geschichten, die ich gut leiden kann. Mittermeier hat ein anderes Problem. Er war der erste wirklich begabte Kabarettist, der sich des Mediums Fernsehen als Thema annahm und zwar so, als gäbe es außerhalb dieses Themas kein Leben mehr. Das hat mich immer gestört. Ansonsten ist Mittermeier für mich mit Abstand der Beste. Was beispielsweise Mario Barth oder Leute wie Johann König anbelangt, so ist das nicht mein Humor. Ich könnte über Profitlich lachen, weil der viel Situationskomik macht, wenn ich nicht die Handschrift erkennen würde.

Das ist ja alles abgeschrieben. Es ist bei Didi Hallervorden abgeschrieben oder bei Oskar Sima aus den Dreißiger Jahren abgeschrieben, aber so was von, das gibt es überhaupt nicht. Er macht halt zwei Grimassen mehr und es ist im Fernsehen. Das vergällt mir das dann schon. Und wenn ich den Grinsaffen vom Quatsch-Comedy-Club sehe, dann vergeht mir alles. Das ist zwar nicht mein Humor, aber nun hat natürlich auch jede Generation ihren Humor. Unser Humor war auch anders als der meiner Eltern.

Michaela Boland: Glauben sie, dass man auch junge Leute wieder mehr von eigentlichem Kabarett überzeugen kann? Es fällt nämlich auf, dass das Publikum im klassischen Kabarett  im Durchschnitt immer älter wird, aber kaum junges nachkommt.

Konrad Beikircher: Ja, klar. Ab und zu bringen sie glücklicherweise ihre Kinder mit und die sind jetzt dreißig und gucken mal, worüber ihre Eltern so gelacht haben, wenn sie bei mir sind. Ansonsten ist mein Publikum schlohweiß. Fertig. Sind wir doch mal freundlich zu mir: Mein Publikum beginnt so ab 45 Jahren. Dass man das junge Publikum wieder zurück zum Kabarett bringen könnte, halte ich eher für schwierig. Ich bin der Meinung, das politische Kabarett hat kein Land mehr unter den Füßen. Das liegt an der Internetwelt und an der unglaublichen Akzeptanz von Pluralität.

Das liegt am privaten Fernsehen und 20 Jahre mit diesen unsäglichen Talkshows. Die ganzen Sendungen wie das Dschungelcamp oder Ähnliches haben dafür gesorgt, dass es nichts mehr gibt, worüber du dich aufregen kannst. Es ist alles möglich und alles erlaubt. Da sagen wir eben, "ja, gut, dieser oder jener ist halt auf Katzen aus, na, dann muss er eben Sex mit Katzen haben".  Das habe ich bei Bärbel Schäfer gesehen. Ich habe meinen Augen nicht getraut, das ist 20 Jahre her.

Und das war Nachmittagsfernsehen! Seit diesen Dingen hat sich einiges verändert, natürlich auch politisch. Es ist egal, ob du Pirat bist oder der CDU angehörst, letztlich stört das doch überhaupt keinen mehr. In die Mitte wollen sie alle. Ich glaube, der Boden für politisches Kabarett ist gestorben.

Michaela Boland: Wo wird das ihrer Meinung nach hinführen?

Konrad Beikircher: Es wird natürlich ein Kabarett über genau diese Dinge geben. Denn die Menschen haben sich immer amüsiert. Und auch gab es immer welche, die den Zeitgenossen gezeigt haben, "guckt mal, das macht ihr". Comedy ist das, was unsere Zeit seit 20 Jahren verdient.

Michaela Boland: Nach dem Motto: Jeder bekommt das, was er verdient?

Konrad Beikircher: Ja, irgendwann schon. Es gibt eine Gerechtigkeit (lacht). Ach, das wird sich wieder restrukturieren. Diese Dinge sterben ja nie wirklich aus. Ich vermute mal, es hat sich schon der Herrgott totgelacht als Adam in den Apfel gebissen hat. So blöd kann man doch nicht sein. Ich denke, das findet neue Formen.

Trash-Comedy, womit Helge Schneider und viele Leute um ihn herum, er jedoch am originellsten und konsequentesten, vor 25 Jahren in Deutschland angefangen haben, hatte in England ja bereits eine 150-jährige Tradition. Daher sind die dort natürlich viel besser. Wenn man sich dann mal ansieht, was in England als Trash geht, ist das auf jeden Fall nicht schlecht. Die Nummer mit dem auf einem Fallus reitenden Komödianten gab es schon 1878 im Variete in Berlin. Das gibts eigentlich nicht Neues mehr.

Michaela Boland: Um die intellektuellen Fähigkeiten der Bevölkerung muss man sich aber keine Sorgen machen, wenn das, was an Publikum nachrückt, nur noch platten Humor wünscht?

Konrad Beikircher: Nein, mit Sicherheit nicht, denn wenn der Tenor der platte Humor ist, wird es zehn oder 15 Prozent Leute geben, die das andere dann umso mehr wollen, weil es nicht mehr befriedigt wird. Und schon gehen sie dann wie in dem Film Fahrenheit zum Schluss durch den Garten und jeder lernt den Faust oder die göttliche Komödie auswendig. Eine Welt ohne Bücher ist keine Welt. Es gibt zehn Prozent, die das Bedürfnis nach Büchern haben.

Das wird auch immer da sein. Das erkläre ich meinem Bruder, dem Altphilologen immer, der sehr Kultur-pessimistisch ist. Dem sage ich immer: "Es wird auch  in 500 Jahren zehn Prozent Leute geben, die wollen die Odyssee in Altgriechisch lesen. Dafür werden die dann auch Griechisch studieren. Da verlass dich drauf." Es ist nicht mehr das allgemeine Bildungsgut, aber so schade ist es auch nicht. Was die alle falsches Latein zitiert haben, tut einem ja auch weh (lacht).

Michaela Boland: Was lesen sie derzeit?

Konrad Beikircher: Ein ganz witziges Buch. Es heißt "1913" und ist eine Collage. Es geht von Januar bis Dezember dieses Jahres durch und verfolgt verschiedene Lebensläufe wie beispielsweise denen von Rilke, Freud oder Franz Marc. Der Autor hat also einen Pulk von Leuten zusammengestellt und geht da mit der Schere dran und klebt sie zusammen. Wenn es dann manchmal spannend wird, wie zum Beispiel bei der Frage, was denn nun mit dem psychoanalytischen Kongress passiert,  geht es mit dem entsprechenden Abschnitt dann jedoch erst wieder 50 Seiten später weiter.

Es ist ein sehr sorgfältig geschriebenes und zusammengestelltes Buch. Ich mag immer gerne Bücher, die ein wenig kulturhistorisch thematisiert sind. Das andere Buch, das ich gerade mit ganz großem Vergnügen lese, ist von 1838. Da hat sich ein Adeliger und selbst ernannter Privatforscher mit der Geschichte Wiens befasst. Da geht es lexikalisch auf knapp 1000 Seiten über alle Straßen, einzelne Häusern, über die Hofburg , Beethoven und über dieses und jenes. Er hat viel recherchiert, ist ein sehr gescheiter Privatgelehrter. Das liest sich mit ganz viel Vergnügen.

Michaela Boland: Lesen sie noch klassische Bücher oder sind sie mittlerweile auch eher im E-Book-Reader-Zeitalter?

Konrad Beikircher: Nein, gar nicht. Das hat aber mit meinen Augen zu tun, die sind nicht mehr ganz so gut wie sie sein sollten. Ich würde es sonst schon einen solchen E-Book-Reader benutzen. Aber, gegen das haptische Gefühl ist so ein Reader natürlich ein Schuhlöffel. 

Michaela Boland: Sie haben in einem Interview beschrieben, dass sie faul seien. Wie schafft man es da, 35 Jahre erfolgreich zu bleiben?

Konrad Beikircher: Erfolg kommt, wenn es authentisch oder gut ist. Das ist wie bei Rossini. Der hat in 14 Tagen den "Babier von Sevilla" geschrieben. Dann haben die Leute das dem Donizetti erzählt, der zusammen mit ihm in Bologna studiert hat. Daraufhin erwiderte Donizetti:"Das kann sein. Faul war er immer schon." Das ist deshalb, weil die Faulen, zu denen ich mich auch zähle, sich vor Pflichten drücken. Genau deshalb haben sie Potenziale frei. Wenn sie dann in der Lage und der Luxussituation sind, wie ich auch, das tun zu können, wozu sie Lust haben, also schreiben oder auf die Bühne gehen, dann entwickelt man da einen Fleiß, den man gar nicht merkt. Denn es macht ja Spaß.

Michaela Boland: In diesem Sinne noch sehr viel Spaß weiterhin und herzlichen Dank für dieses ausführliche Interview.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

 

 

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21.09.2013 Stelldichein der DDR-Unterhaltungskunst

GFDK - Michael H. Max Ragwitz

Horst Fliegel, Jahrgang 1938, lebt in Berlin. Er ist ein musikalisches Urgestein der Unterhaltungskunst in der DDR und kennt die Granden der DDR-Schlagerszene von A bis Z, denn er hat großen Anteil an deren Erfolgen. Bekannt ist der Komponist, Arrangeur, Produzent und Autor aber unter dem Pseudonym Ralf Petersen.

Michael H. Max Ragwitz hat mit ihm am Rande der Aufzeichnung der 400. Kofferradio-Sendung von Siegfried "Siggi" Trzoß, das ist sozusagen ein wöchentlicher musikalischer Rückblick auf 40 Jahre DDR-Schlager im Alex Radio Berlin, ein Gespräch geführt und bemerkenswerte Antworten erhalten.

MHR: Wie verlief Ihr beruflicher Weg zur Musik?

Horst Fliegel: Ein wenig war mir die Musik schon in die Wiege gelegt. Meine Mutter hatte in ihrer Jugend Klavier- und Gesangsunterricht, mein Vater spielte Geige. 1949 erhielt ich bei Werner Wolf (Konzertpianist und Klassik-Tonmeister bei der Deutschen Grammophon) meinen ersten Klavierunterricht. 1951 wechselte ich zu Gerda von Reibnitz, die mich bis zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik Berlin begleitete. Von ihr erfuhr ich, dass ich eigentlich Schüler von Joseph Haydn war, denn sie übergab mir halb im Ernst und halb im Spaß eine Liste von prominenten Lehrern und Schülern, in der neben Liszt und Beethoven auch Haydn stand.

Von 1954 bis 1960 hatte ich im damaligen Westberlin Unterricht in Komposition bei dem Komponisten und Musikwissenschaftler Wolfgang Munser, der im Phonogrammarchiv des Völkerkundemuseums in Dahlem arbeitete. Von 1956-61 studierte ich Dirigieren und Komposition an der Hochschule für Musik Berlin. Mein wichtigster Hauptfachlehrer war Prof. Horst Stein, seinerzeit Generalmusikdirektor an der Staatsoper Unter den Linden. Er bot seinen Schülern die Möglichkeit, alle Inszenierungen seines Hauses kennen zu lernen und vermittelte uns die Technik des Dirigierens.

MHR: Ernste- und Unterhaltungsmusik-Musik - was lag Ihnen zu Beginn Ihrer Laufbahn näher?

Horst Fliegel: Von Anfang an, also schon während des Klavierunterrichts, interessierten mich die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten von Kompositionen. Deshalb belegte ich das Fach Komposition an der Hochschule und nahm zusätzlich Unterricht bei Munser. Ich war also erst einmal auf die sogenannte E-Musik fixiert. Sehr bald bemerkte ich aber, dass die Trennung in E und U ein typisch deutsches Phänomen ist. Die übrige Welt unterscheidet nur nach guter und schlechter Musik. So sehe ich es auch.

MHR:Trotzdem sind Sie schon bald ins sogenannte U-Fach gewechselt, so suspekt Ihnen die Einteilung auch sein mag.


Horst Fliegel: Das kann ich erklären: In meiner musikalischen Prägung auf die Klassik gab es während der Oberschulzeit einen Bruch. Man bat mich, bei einem Jugendabend zum Tanz zu spielen. Da ich in diesem Genre über keinerlei Repertoirekenntnisse verfügte, habe ich mich gründlich blamiert. Ich war ehrgeizig und wollte die Scharte auswetzen. Innerhalb weniger Monate besorgte ich mir einschlägige Noten und schrieb die aktuellen Hits aus dem Radio mit. Ich gründete mit drei weiteren Schülern die „Blue Band“ und spielte kurze Zeit nach der Blamage in der Aula unserer Oberschule zum Tanz. Es war ein Erfolg.

MHR: Das war also Ihr Ausstieg aus der E- in die U-Musik?

Horst Fliegel: Nur indirekt.  Während des Studiums absolvierte ich eine Reihe von Praktika an Theatern. Mein Berufsziel war ja, Kapellmeister zu werden. So war ich unter anderem in Stralsund, Potsdam und Dessau tätig. Ich lernte nicht nur prominente Dirigenten kennen, sondern machte auch Bekanntschaft mit der Atmosphäre und dem Leben hinter den Kulissen. Und da bemerkte ich, dass das nicht meine Welt sein würde.

MHR: Was war dann der Ansporn für den Wechsel?

Horst Fliegel: Ich setzte mich mit der Spezifik von Schlagerkompositionen auseinander und fand sehr bald Gefallen daran, selbst Schlager zu schreiben. Noch während der Hochschulzeit erschienen meine ersten Titel in den Sendungen des Rundfunks. Ab dem dritten Studienjahr verdiente ich mir als Korrepetitor im Nachwuchsstudio des Rundfunks ein paar Mark dazu und begann, für die Schüler des Studios zu komponieren und zu produzieren. Darunter auch einen Lied für Wolfgang Lucas  mit dem schönen Titel "Liebes kleines Mädel aus Berlin". Ob der später auch produziert wurde, ist mir nicht bekannt.

MHR: Ja, dieser Hinweis hat mich sehr bewegt, denn Wolfgang Lucas war der Bruder meiner Mutter. Dass Sie in kannten, haben wir ja eher zufällig im Gespräch herausgefunden. Der Titel ist meines Wissens übrigens produziert worden, denn er erklang des Öfteren im Berliner Rundfunk, wie mir meine Mutter stolz erzählte. Nannten Sie sich damals eigentlich schon Ralf Petersen?

Horst Fliegel: An der Hochschule galt Tanzmusik in den 50er Jahren als minderwertig. Und so empfahl mir mein Theorielehrer Prof. Wolfram Heicking, mir als Komponist einen Künstlernamen zuzulegen. Und so kam es zu dem Namen Ralf Petersen, der mich bis heute begleitet.

MHR: Sie sind ja dann auch recht schnell als Leitender Angestellter zum Rundfunk gegangen. Wie kam es dazu?

Horst Fliegel: Nach dem Staatsexamen 1961 bot mir Klaus Hugo, Leiter der Redaktion Tanzmusik des Berliner Rundfunks, eine feste Stelle als Programmredakteur an. Ich nahm sein Angebot an, zumal ich so in Berlin bleiben, am Nachwuchsstudio weiter arbeiten und meine kompositorischen Ambitionen realisieren konnte. Außerdem war ich 1961 bereits fest liiert. Diese Liaison ist noch heute meine Frau. Somit führte mein Weg eindeutig in Richtung der Tanz- und Unterhaltungsmusik. Das Komponieren fiel mir leicht, machte Spaß und war schließlich von der finanziellen Seite her ganz lukrativ. Allmählich etablierte ich mich im Musikleben der DDR.

MHR: Wie vereinbarte sich aber die feste Anstellung mit kompositorischen Ambitionen?

Horst Fliegel: Ich habe immer genau darauf geachtet, dienstliche und freischaffende Tätigkeit nicht zu vermischen. Meine Arbeit als Autor fand grundsätzlich nach Feierabend, an Wochenenden oder im Urlaub statt. Dieses Prinzip hat sich bewährt. Ich begann als Redakteur, wurde 1966 Redaktionsleiter, 1971 Chefredakteur Musik des Berliner Rundfunks und 1973 bis 1991 Leiter der Hauptabteilung Musik und Mitglied des Staatlichen Komitees für Rundfunk.

In diesen verschiedenen Funktionen hatte ich es quasi täglich mit musikfachlichen Problemen, Entscheidungen über Produktions- und Konzertpläne sowie den 12 fest angestellten Klangkörpern und deren oft sehr prominenten Dirigenten zu tun.

MHR: Diesbezüglich machte sich doch Ihr fachliches Wissen quasi bezahlt?

Horst Fliegel: Ich will nicht übertreiben, aber ohne profunde Kenntnisse in allen musikalischen Bereichen hätte ich nicht bestehen können. Meine Gesprächspartner, also Musiker, Choristen, Dirigenten, Komponisten, Textautoren, Redakteure und Produzenten, aber auch Vertreter von Ministerien, der AWA (Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte), des Komponistenverbandes, der Künstleragentur, des Komitees für Unterhaltungskunst etc. wussten, dass sie es mit jemandem zu tun hatten, der gute Berater hatte und überall sachkundig war.

MHR: Gibt es da Unterschiede zu heute?

Horst Fliegel: Allgemein muss ich feststellen, dass das fachliche Niveau heutzutage oft zu wünschen übrig lässt, da es an solider Ausbildung mangelt. Wenn ein Kompositionsstudent heute nicht mehr weiß, in welcher Tonlage eine Trompete am typischsten klingt oder welchen Tonumfang eine Oboe hat, fehlen ihm grundlegende Kenntnisse, die auch nicht durch die Beherrschung von Musikcomputern zu kompensieren sind. Es geht, das ist meine feste Überzeugung und Erfahrung aus jahrzehntelanger beruflicher Tätigkeit in dem Bereich, nichts über eine umfassende Ausbildung. Allerdings gibt es immer Ausnahmen, und es liegt mir fern, zu verallgemeinern.


MHR: Gab es so etwas wie Vorbilder für Ihre Arbeit als Komponist und Arrangeur?

Horst Fliegel: Während der 60er und 70er Jahre gefielen mir besonders musikalisch und technisch gut gemachte Schlager, wie sie Christian Bruhn lieferte. Titel von Manuela, Roy Black, Katja Ebstein, Wencke Myhre, Drafi Deutscher oder Mireille Matthieu sind nur einige Beispiele.

MHR: Haben Sie davon in irgendeiner Weise profitiert?

Horst Fliegel: Ich analysierte deren Struktur, die Instrumentation und die produktionstechnischen Eigenheiten. Es ist ja kein Geheimnis, dass die musikproduzierenden Einrichtungen der DDR sich bemühten, etwas dagegen zu setzen, das in etwa dem Publikumsgeschmack entsprach. Und so waren in der Schlagerrevue von Radio DDR oder im Schlagermagazin des Berliner Rundfunks jene Titel besonders erfolgreich, die den „Westschlagern“ ähnelten. Hier liegt auch eine der Erklärungen für den Erfolg von Ralf-Petersen-Titeln.

MHR: Wie machte sich das musikalisch bemerkbar?

Horst Fliegel: Zu Beginn der 70er Jahre erkannte man, dass man auch der immer populärer werdenden internationalen Rockmusik etwas entgegen setzen muss. Es wurde ein Kampagne ins Leben gerufen, die sich „Rhythmus 71“, „Rhythmus 72“ usw. nannte. Ich wurde mit der Leitung einer Arbeitsgruppe beauftragt, in der Rundfunk, Fernsehen, AMIGA, Komitee für Unterhaltungskunst, Kulturministerium, ZK-Abteilungen, FDJ-Zentralrat und Presse vertreten waren.

Diese Arbeitsgruppe hatte nur eine Aufgabe: neue Rocktitel zu entwickeln und zu popularisieren. Das gelang eigentlich recht gut. Gruppen wie Karat, Stern-Combo Meißen, Elektra, Puhdys, Klaus Renft, City oder Silly waren wichtige Träger der Initiative. Es wurde deutsch gesungen, und so waren die Texte oft ein Problem.

MHR: Worin bestanden solche Probleme?

Horst Fliegel: Ich erinnere mich an einen stundenlangen Disput zwischen mir und der Renft-Combo um das Lied „Ketten werden knapper“. Der schmale Grat bestand darin, den feinen Unterschied zwischen „progressiv“ und „zu progressiv“ zu beschreiten, ohne abzustürzen. Ein positives Ergebnis der Rhythmus-Aktionen war eine deutliche Vertiefung des Vertrauensverhältnisses zwischen Musikern und Produzenten.

Lektorate alten Stils wurden weitgehend durch ein gut entwickeltes Auftragswesen ersetzt. Im Gegensatz zur heutigen Praxis wurde gründlich diskutiert und am Ende gemeinsam entschieden. Heute bestimmt häufig ein Produzent ohne nennenswerte Kompetenz, beispielsweise über den Einsatz im Rundfunk- oder TV-Programm.

MHR: Welchen "Zwängen" waren Sie in Ihrer Tätigkeit beim Rundfunk unterlegen?

Horst Fliegel: Zwänge waren häufig ökonomischer Natur. Es mangelte permanent an der technischen Ausrüstung. Es bedurfte erheblichen Drucks der Hauptabteilung Musik und dort vor allem der Produzenten und Tonregisseure, Valutamittel, und um die handelte es sich dabei ausschließlich, zu beantragen. Während AMIGA seine technische Ausrüstung aus dem Verkauf von CDs und Lizenzen finanzierte, mussten wir direkt um Subventionen aus dem Finanzministerium kämpfen.

MHR: Und wie sind Sie diesen Zwängen begegnet? Man sagt ja immer, in der DDR musste man organisieren können und Beziehungen haben?

Horst Fliegel: Wir holten den Deutschen Fernsehfunk mit ins Boot. Schließlich gelang es uns, ein so genanntes Popstudio auf dem Gelände des Rundfunks zu errichten und auszustatten, in dem wir hervorragende Aufnahmen herstellten und in dem nach der Wende das Filmorchester Babelsberg einzog. Ich werde nicht vergessen, wie heiß es herging, als wir in der Leitung des Rundfunks gemeinsam mit Heinz Adameck und seinen Fernsehexperten über das Popstudio verhandelten. Wir versuchten, den Leitungen zu suggerieren, dass es bei neuer Technik um eine zutiefst ideologische Frage ging. Dieses Argument hat schließlich überzeugt. Gekauft wurde dann japanische Digitaltechnik in bester Qualität.

MHR: Wer nutzt diese Technik nach der Abwicklung des DDR-Rundfunks?

Horst Fliegel: Unmittelbar nach der Wende wurde diese kostbare Ausrüstung im Zuge der „Abwicklung der Einrichtung“ aus den Fenstern des Blocks B geworfen. Nur das Popstudio blieb erst einmal verschont.

MHR: Gelegentlich wird kolportiert, der DDR-U-Musik hat es an technischer Raffinesse gemangelt. Wie ist dazu Ihre Meinung?

Horst Fliegel: Die Substanz der DDR-Schlager und die Qualität der Interpretationen waren den Produkten aus der damaligen Bundesrepublik ebenbürtig. Wir verfügten über perfekt ausgebildete Musiker. Tonregisseure mit Hochschulabschluss betreuten die Aufnahmen kompetent und professionell. Die technischen Defizite versuchten wir wie beschrieben mit viel Argumentationskraft zu überwinden.

MHR: Woraus haben Sie ihre Virtuosität geschöpft? Aus den Texten, dem Bezug zu den Interpreten, aus Eingebung und Fachwissen/fachlichem Können? Einem Mix daraus...?

Horst Fliegel: Von Virtuosität würde ich hier nicht sprechen. Eher von Erfahrung, Fachwissen und Routine im besten Sinne. In 90 Prozent der Fälle schrieb ich zuerst die Musik. Die Vorstellung, eine neue Komposition entstünde am Klavier oder am Schreibtisch, trifft nur in wenigen Fällen zu. Meist fällt einem eine neue Melodie beim Autofahren, Spazierengehen oder in einer Sitzungspause ein. Und wenn ich eine neue Musik erfand, hatte ich auch fast immer einen Interpreten bzw. eine Interpretin sowie eine Titelzeile im Kopf.

MHR: Ich würde den Begriff Virtuosität schon beibehalten wollen, wenn man ihn als perfekte künstlerische Leistung definiert. Und Sie waren ja offensichtlich mehr als "nur" Komponist.

Horst Fliegel: Letzteres stimmt schon genau genommen: Die Refrainzeilen vieler meiner Titel habe ich selbst erfunden, so „Blau ist die Nacht“, „Eine kleine Burg im weißen Sand“, „Dankeschön für die Stunden mit dir“, „Fahr mit mir in das Glück hinein“, „Das ist der Bikini-Shake“, „Erst kam ein verliebter Blick“ oder „Blumen aus Eis“. Die Arrangements habe ich von Anfang bis Ende des Titels genau konzipiert und dann mit dem Arrangeur besprochen.

Er war in jedem Falle routinierter als ich. Er brauchte fünf Stunden für das Schreiben der Partitur, ich hätte die doppelte Zeit einplanen müssen. Und die hatte ich nicht. Meine Titel habe ich in den meisten Fällen mit den Interpreten am Klavier einstudiert, so dass sie dann im Studio meine stilistischen Vorstellungen realisieren konnten.

MHR: Welchen Stellenwert ordnen Sie der DDR Schlagerszene heute ein?

Horst Fliegel: Die DDR-Schlagerszene ist heutzutage bewusst unterdrückt. Die Gründe sind sicher sehr vielfältig. Das geht von simpler Ignoranz, Unkenntnis, Überheblichkeit und Konkurrenzdenken bis hin zu dem Bestreben, bestimmte Zielgruppen wie ältere DDR-Hörer auszuklammern. Wenn man heute öffentlich-rechtliche Radiosender hört, ist ein DDR-Schlager etwas Exotisches. Der Komponist Arndt Bause erzählte mir einmal, wie ihn ein Münchener Tonstudio in seiner Arbeit beengte, indem extrem hohe Kosten und knapp gehaltene Termine ein gutes Ergebnis unmöglich machten. Ich will nichts verallgemeinern, aber gewisse Tendenzen stehen in krassem Gegensatz zur deutschen Einheit.

MHR: Was sind für Sie die Granden in Komposition, Texter, Band-Leader, Sänger in Ost und West?

Horst Fliegel: Die Frage nach den „Granden“ zu beantworten fällt mir schwer. Es gibt so viele großartige Titel und Interpreten, dass man bei der Nennung von Namen unwillkürlich viele vergisst. Das wird dann sofort als Wertung verstanden. Im übrigen beurteile ich Musik nach klaren Kriterien wie Qualität des kompositorischen Einfalls, Originalität der Interpretation und aufnahmetechnischer Realisierung. Und da sind wir wieder bei der Unterscheidung zwischen guter und schlechter Musik.

MHR: Apropos Granden: Mit welchen Interpreten haben Sie besonders gern gearbeitet? Soll auch heißen: Mögen Sie "Typen" auf der Bühne oder solche, die nur ihren Titel abspulen?

Horst Fliegel: Ich mag Typen, die Charakter haben und ihn auch zeigen. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass nicht jeder Interpret jedes Lied erfolgreich singen kann. Wichtig ist immer, dass eine Sängerin oder ein Sänger Eigenes in eine Aufnahme einbringt. Wenn es nicht passt, kann man es jederzeit wieder weglassen oder verändern. Eine stattliche Zahl meiner Titel wurde auch von Westinterpreten gesungen, so „Regen in der Nacht“ von Udo Jürgens oder „Blau ist die Nacht“ von Bob Benny. Ich habe über 100 Instrumentaltitel geschrieben, von denen viele ins Ausland gingen, unter anderem auch in die USA.

MHR: Was ist für Sie noch heute Ihr größter musikalischer Erfolg ?

Horst Fliegel: Mein größter Erfolg ist die Bostella „Blau ist die Nacht“, im Original gesungen vom Gerd-Michaelis-Chor im Jahre 1968. Es gibt davon über 20 Versionen. Aus musikalischer Sicht mag ich besonders meine Titel „Regen in der Nacht“ (Michael Hansen), „Sag ja“ (Rec Demont), „Mädchen, du mein Traum“ (Andreas Holm), „Zwei Küsse beim Nachhausegehn“ (Ina Martell) und „Red nicht über die Liebe“ (Ruth Brandin).

MHR: Zu guter Letzt: Würden Sie gern noch einmal etwas komponieren? Wie müsste sich das anhören? Melodiös mit großem Orchester, mehr Ballade und auf den Interpreten fixiert oder was ganz "Neumodisches"? Soll auch heißen: Was ist ein unerfüllter musikalischer Traum von Ihnen?

Horst Fliegel: Ich würde nur etwas Neues komponieren, wenn ich einen seriösen Auftraggeber hätte. Was mir besonders liegt, sind große Melodien. Natürlich müsste man genau wissen, welcher Interpret bzw. welche Interpretin das Lied singen soll. Vielleicht schreibe ich auch ganz was Anderes: Einen Chorzyklus nach Texten von Wilhelm Busch.

MHR: Lieber Horst Fliegel, lieber Ralf Petersen, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass diese Wünsche in Erfüllung gehen und sich jemand bei Ihnen meldet, der vielleicht auch durch dieses Interview angeregt wird und erkennt, wie viel Potenzial noch in Ihnen steckt.


Fotos: Michael H. Max Ragwitz - Redaktionsbüro MHR

Kunst, Kulur und Kulinarik

Michael H. Max Ragwitz
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13.09.2013 Sie hasst Faulheit, hat mehr als eine Meinung

Peter Goebel

Freunde bald ist es soweit. Am 25. Oktober geht es los, die süße Chäte geht auf grosse Tour.

2011 veröffentlichte die Hamburger Sängerin Cäthe ihr Debütalbum „Ich muss gar nichts“. Es steigt in die Charts ein und erobert die Sinne ihrer Zuhörer im Sturm. Das Fernsehen will sie auch: Inas Nacht, Morgenmagazine, die Harald Schmidt Show. Im Frühjahr 2012 folgt eine Pracht-Tour mit ihrer Band – achtundzwanzig Shows in zweiunddreißig Tagen.

Und als Krönung der Autorenpreis der GEMA in der Kategorie ‚Komposition Rock’. Die Jury hat Cäthe und ihre Musik verstanden und belohnt sie ausdrücklich dafür, dass sie ihren eigenen Weg geht.

Sie hasst Faulheit, hat mehr als eine Meinung

Im Juni erscheint ihr neues Album „Verschollenes Tier“. Der außergewöhnliche Titel liegt Cäthe am Herzen: „Das Tier steht für die Verbindung mit dem Ursprünglichen, dem Instinktiven in mir. Im Alltag ist es oft verschüttet und versteckt sich. Aber wenn ich mich mit mir befasse, Musik mache oder auf der Bühne stehe, kommt es raus und kann atmen. Auf diesem Album komme ich dem verschollenen Tier, also mir selbst, sehr nah. Es fühlt sich an wie ankommen.“

Von dieser Unmittelbarkeit zeugt auch das Artwork. Das Cover zeigt ein Foto von Cäthe als kleines Mädchen: „Fahrrad fahren war eine große Sache für mich. Ich weiß nicht mehr warum ich gestürzt bin, aber ich war total schockiert, dabei fotografiert zu werden. Auf keinen Fall sollte das jemand mitkriegen ... Ich wollte immer ganz schnell ganz viel können und alles wissen. Am liebsten hätte ich die Kindheit übersprungen und wäre sofort erwachsen gewesen.“

Lauter neugierige Anfänge

Auch die Bilder im Booklet stammen von ihr – eine Art gezeichnetes Tagebuch der letzten Jahre. Musikalisch sendet sie ihre Leidenschaft und ihre unvergleichliche Intensität auf mehreren Kanälen: in ihren Kompositionen und Texten, mit ihrer ungezügelten, markanten Stimme und via Intonation mit Leib und Seele minus Eitelkeit. Sie überlässt der Musik das Ruder, nimmt sich zurück und treibt mit der Strömung nach innen.

Cäthe ist Viele. Sie sammelt Gegensätze, ist am liebsten barfuß und ringt beständig mit sich und anderen um Erweiterung. Sie hasst Faulheit, hat mehr als eine Meinung und ihr Leben besteht aus lauter neugierigen Anfängen.


Das mit der eigenen Musik beginnt 2005 in Hamburg. Eine inspirierende, wichtige Zeit. Cäthe ist Anfang zwanzig, belegt den Popkurs und trifft treue Wegbegleiter wie Mika, Gisbert und Flozze, der heute auch der Bassist ihrer Band ist. Die Sache entwickelt sich aber nicht von heute auf morgen: „Ich glaube, ein paar Jahre lang habe ich mich gedrückt. Ich hatte Schiss, meinen Vorstellungen nicht gerecht zu werden. Hatte Angst vor der Auseinandersetzung.

Eigentlich scheue ich die zwar nicht, aber bei mir müssen Kopf und Herz immer einhundert Prozent im Einklang sein – das kann zehren.“ Die meiste Zeit ist sie nicht krankenversichert, muss Freunde um Flaschenpfand bitten und hat mächtig damit zu tun, erwachsen zu werden. „Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem ich beschloss, es einfach zu wagen. Vielleicht hätte mir mein Perfektionsanspruch sonst noch ewig im Weg gestanden.“

Die Notwendigkeit, Musik zu machen ist stärker als das Bedürfnis nach Struktur, deswegen kommt ein geregelter Beruf auf Dauer nicht in Frage. „Für mich sind die private Person und die Person auf der Bühne untrennbar. Wenn man es mit der Musik ernst meint, stellt man irgendwann fest, dass das alles ganz natürliche Prozesse sind, die man als Künstler eben durchleben muss. Man lernt, die Sache ernst zu nehmen, nicht so sehr sich selbst.“

Mit „Verschollenes Tier“ kommt Cäthe bei sich an – und steht damit wieder an einem neuen Anfang.

Mit Ihrem neuen Album geht Sie im Herbst 2013 auf große Deutschland-Tour. Tickets gibt es ab sofort unter 01805 – 969 000 555 (14ct/min, z.B. Dt. Telekom, Mobilfunkpreise max. 42ct/min) oder im Internet unter www.ticketmaster.de.

Konzerte in Deutschland

Tour-Termine:

Fr, 25.10.2013, Bremen, Lagerhaus

Sa, 26.10.2013, Dortmund, FZW

So, 27.10.2013, Kiel, Orange Club

Di, 29.10.2013, Gütersloh, Weberei

Mi, 30.10.2013, Münster, Amp

Do, 31.10.2013, Hannover, Capitol

Fr, 01.11.2013, Braunschweig, Hansa

So, 03.11.2013, Köln, Luxor

Mo, 04.11.2013, Düsseldorf, Stahlwerk

Di, 05.11.2013 Aachen, Musikbunker

Mi, 06.11.2013 Fulda, Kreuz

Fr, 08.11.2013 Frankfurt/M., Nachtleben

Sa, 09.11.2013 Koblenz, Circus Maximus

So, 10.11.2013 Weinheim, Café Central

Di, 12.11.2013 Ulm, Roxy

Mi, 13.11.2013 Kempten, bigBox Allgäu

Do, 14.11.2013 Reutlingen, franz.K

Fr, 15.11.2013 Saarbrücken, Garage

So, 17.11.2013 Freiburg, Waldsee

Mo, 18.11.2013 Nürnberg, Stereo

Mi, 20.11.2013 Erfurt, Centrum

Mi, 20.11.2013 Berlin, Lido

Fr, 22.11.2013 Hamburg, Knust

Sa, 23.11.2013 Rostock, Stadtpalast

Mo, 25.11.2013 Leipzig, UT Connewitz

Di, 26.11.2013 Jena, F-Haus

Mi, 27.11.2013 Dresden, Scheune

Do, 28.11.2013 Cottbus, Bebel

 

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23.08.2013 eine Goldader aus der Wüste Nordafrikas

GFDK - Leila Benameur

Hindi Zahra ist mit »Handmade« die perfekte Verschmelzung unterschiedlichster musikalischer Welten gelungen. Mit einer Melange aus künstlerischer Leichtigkeit und lebensfroher Gedankenschwere beschwört diese faszinierende Esperanto-Chanteuse, die es bereits bis ins Olympia von Paris geschafft hat, ein so noch nie gehörtes World-Music-Eldorado.

Eine wahre Goldader aus der Wüste Nordafrikas: von Hindi Zahra darf man auch in Zukunft noch manch hochkarätige Glanzleistung erwarten.

Mit ihrem nunmehr fast drei Jahre alten Debütalbum hat die französisch-marokkanische Künstlerin Hindi Zahra wahrlich eine höchst nachhaltige Duftmarke gesetzt. »Handmade« ist eines jener Albumjuwelen, das sich nicht mit glitzerndem Charterfolg brüsten muss, dessen Langzeitwirkung jedoch umso bemerkenswerter ist.

Portrait des Monats

Preise hat sich die aparte Sängerin und Songwriterin für ihr bahnbrechendes und von World-Music-Connaisseuren innig geliebtes Werk redlich verdient: 2011 erhielt sie den Prix Constantin für das beste Album und im selben Jahr den renommierten Victoires de la Musique für das beste Weltmusik-Album. Nicht minder erwähnenswert ist, dass »Handmade« nach wie vor seine Kreise zieht und von immer mehr Musikliebhabern entdeckt wird.

Hindi Zahra, ausgestattet mit einer sanft melancholischen Stimme und einem feinen Händchen für prägnante Melodien, kreierte mit »Handmade« fürwahr eines der wohl außergewöhnlichsten Blue-Note-Alben der letzten Jahre. Nicht genug, dass sie alle Songs selbst komponierte, sie hat sie auch quasi im Alleingang arrangiert und produziert.

Blues, World Music, Folk und Jazz

Hindi Zahra hat sich viel Zeit gelassen für ihr Erstlingswerk, das mit einer ebenso einzigartigen wie eigenwilligen Mischung aus Blues, World Music, Folk und Jazz aufwartet — spartanisch, verträumt, magisch, intim, vielsprachig, poetisch...

Schon der Opener »Beautiful Tango«, schwermütig und rubinrot wie ein Tokajer, macht gleich hellhörig, wenn nicht gar süchtig. Das britische Magazin »The Wire« meinte, in diesem Song, der  inzwischen sagenhafte vier Millionen Clicks auf YouTube verzeichnet, die perfekte Symbiose aus Django Reinhardt und Billie Holiday erkannt zu haben. Wie passend, dass den Videoclip zu diesem wunderbaren Lied der französische Regisseur Tony Gatlif drehte.

Immerhin pulsiert durch dessen Adern Zigeunerblut und tatsächlich spielt Hindi Zahra ihre Gitarre nicht selten wie weltverlorenen Zigeunerblues. So fügt sie ihren mit schlichten Mitteln produzierten Songs immer wieder Elementarteilchen aus verschiedenen Genres bei, die ihnen eine Aura des Geheimnisvollen verleihen.

Ihre Songs lassen stets viel Raum zum Atmen und entfalten dazu die wundersamsten Aromen. »Oursoul« etwa, ein Lied über die unerfüllten Träume eines Mädchens, das zur Heirat bestimmt ist, besitzt die glänzende Patina eines alten französischen Chansons. Der Titel ist übrigens kein englisches Wort, sondern stammt aus der Sprache der Berber und bezeichnet die »Verflossenen«.

Geboren wurde Hindi Zahra 1979 in der marokkanischen Provinzstadt Khouribga. Ihr Vater war beim Militär, ihre Mutter eine im Ort beliebte Gelegenheitsschauspielerin und Sängerin. In ihrer Verwandtschaft gab es ebenfalls Musiker, die jene psychedelische Musik der Berber spielten, die man landläufig als Desert Rock’n’Roll bezeichnet. Sie wuchs mit den vielgestalten Klängen des afrikanischen Kontinents auf, von der traditionellen Musik der Berber über die Stimmen berühmter Diven wie Cheika Rimitti und Oum Kalsoum bis hin zu Ali Farka Touré und Ismaël Lô.

Doch die afrikanischen Wurzeln sind nur ein Zweig in ihrem Geflecht musikalischer Inspirationen. In jungen Jahren folgte sie ihrem Vater nach Paris, wo sie mit 18 Jahren einen Job im Louvre annahm.

»Das war mein großes Treffen mit der Kunst. Als Kind war ich nachdenklich und eng mit der Natur verbunden. Die Gemälde haben bei mir ganz ähnliche Empfindungen ausgelöst.«

Doch nichts hat ihre Vorstellungskraft mehr angeregt als Musik. Hindi Zahra hat die »afro-amerikanischen Grooves« verinnerlicht: allen voran Aretha Franklin, James Brown, 2-Pac und A Tribe Called Quest. Ihre Stimme hat sie als Backgroundsängerin in der vielseitigen Pariser Szene an der Schnittstelle zwischen Soul und HipHop geschult.

Zweifellos hat die Autodidaktin ein intuitives Gespür für Rhythmus und Melodie, das fühlt man bei fast jeder ihrer Kompositionen. »Jazz ist der einzige Ort, wo ich die Noten meiner Heimat heraushöre. Jazz kommt kreativer Freiheit gleich. Das ist einfach eine großartige Schule.«

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In ihrer zwischenzeitlichen Wahlheimat London begegnete sie Fink, einem Gitarristen der Electro-Szene rund um das Label Ninja Tune. Er gab Hindi den Ratschlag, weiter und intensiv an ihrem Repertoire und an ihrem Stil zu feilen.

Das Resultat hätte kaum perfekter ausfallen können. »Handmade« mag mit seinen elf Songs von insgesamt 40 Minuten ein Album von überschaubarer Länge sein, doch die nachhaltige Wirkung dieses Albums ist nur schwer zu ermessen. Es gibt kaum einen Song auf diesem kleinen handgemachten Meisterwerk, der nicht seinen ganz eigenen Reiz hat, seinen unverwechselbaren atmosphärischen Zauber. »Stand Up« erinnert mit seinem karibisch gefärbten Gitarrenrhythmus an Manu Chao, mit dem Hindi gelegentlich verglichen wird.

»Old Friends« klingt wie eine Jazzballade aus einer anderen Galaxie; »Music« verblüfft mit einer eher wohl unbewussten Referenz an das Gitarrenspiel von Fleetwood Mac. Vom Delta-Blues-Hybrid »Set Me Free« über den Tribal-Chant »Kiss And Thrills« bis hin zum Swing von »Fascination« — auf dem Album von Hindi Zhara kann jeder seine eigenen Entdeckungen machen, sich ganz dem Sog hingeben, wenn Songs nahezu unmerklich vom Blues zum Soul übergleiten oder sich ein Gefühl wohltuender Gravität ausbreitet.

Kein Wunder, dass die Werbebranche da schnell zugriff: Während »Stand Up« bereits vor drei Jahren von der Western Union Bank für eine große Werbekampagne ausgewählt wurde, hat Chanel für seinen jüngsten Werbespot mit Gisele Bündchen das vitale »Imik Si Mik« als musikalische Untermalung ausgewählt.


Leila Benameur

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14.08.2013 überzeugt mit ungemein rauchiger soul-stimme

GFDK

Wie kann jemand, der in seiner Karriere bereits 4,5 Millionen Alben verkauft und weltweit zahlreiche Nummer-Eins-Hits landete – darunter sein zum Klassiker avanciertes “You Give Me Something“ – von einem weiteren „Reifeprozess“ sprechen?

Wie soll es außerdem noch weiter aufwärts gehen, wenn man schon ganz oben ist? James Morrison kann diese Fragen beantworten. Leicht sogar. Denn der schmächtige, fast zerbrechlich wirkende Mann mit dieser ungemein rauchigen Soul-Stimme war bei seinem Durchbruch in 2006 erst ganze 21 Jahre alt.

Ein Jungspund, der bis dahin mehr Tiefen als Höhen erlebt hat: aufgewachsen in der britischen Provinzstadt Rugby. Das Mittlere von drei Kindern. Der Vater – ein Alkoholiker, der die Familie verließ, als James noch ein Kind war. Dann: Umzug folgt auf Umzug. Gelegenheitsjob auf Gelegenheitsjob.

Kaum 20 Jahre alt, ändert sich sein Leben innerhalb weniger Monate. Vielleicht sind es sogar nur Wochen, die aus dem Autowäscher (aktueller Job) in Derby (aktueller Wohnsitz) einen weltweit umjubelten Sänger machen. Kein Wunder, sein Debüt „Undiscovered“ besitzt einfach alle Zutaten, um aus der Masse der Neuerscheinungen herauszuragen.

Meterweit! Dafür sorgen soulige, groovige Songs, grandiose Melodien, lässige Instrumentierung und – vor allem – diese unglaubliche Stimme. Gleichermaßen rau und sanft erzählt sie von einem Menschen, der schon einiges erlebt und durchlebt hat – trotz seiner Jugend. „You Give Me Something“, sein erster Hit berührt nicht nur weltweit Millionen von Menschen.

Es gelingt James Morrison damit auch auf Anhieb, ein stimmliches Signet zu entwickeln. So wie er singt nur einer: James Morrison.

Was folgt, ist die berühmte „vom Tellerwäscher zum (Platten)Millionär“-Geschichte: Jede Menge Top-Hits („Wonderful World“, „You Make It Real“), ein zweites, ebenfalls äußerst erfolgreiches Album („Songs For You, Truths For Me“), ein Hit-Duett mit Nelly Furtado („Broken Strings“), gemeinsame Shows mit Stevie Wonder und Bruce Springsteen und – logische Konsequenz – jede Menge Awards (darunter auch der BRIT-Award).

James Morrison hätte jetzt einfach so weiter machen können. Schnell ein Album und ein paar Hits nachschieben und erneut auf Konzertreise gehen. Doch der nachdenkliche Brite hat sich für das Gegenteil entschieden: Er hat sich rar gemacht und dreijährige Album-Pause eingelegt.

Eine wichtige, aber auch keine leichte Zeit. Zum einen ist James Morrison Vater einer Tochter geworden – andererseits ist sein eigener Vater verstorben: zwei emotionale Pole, für die der Musiker ein Ventil gefunden hat – die Songs seines neuen Albums „The Awakening“.

„Die ersten zwei Alben waren eher Testballons“, sagt er, „jetzt bin ich reifer. Für mich ist es irgendwie sogar mein erstes richtiges Album.“ So viel zum Reifeprozess eines Weltstars …

Wer die Tracks des neuen, von Bernard Butler (Suede) produzierten Albums hört, kann ihm nur beipflichten. Titel wie die Single-Auskopplung „I Won’t Let You Go“, das soulige „Right By Your Side“, das unbekümmerte, extrem tanzbare „Slave To The Music“ oder die Soul-Ballade „Up“ (mit Jessie als Duett-Partnerin) zeigen den charismatischen Künstler auf dem Höhepunkt seines Könnens.

„Mein letztes Album war zu sehr `Pop´, zu `lauwarm´“, sagt er selbstkritisch, „es ging in die falsche Richtung. Wenn ich so weiter gemacht hätte, hätte ich mich selbst irgendwie verloren. Und das wollte ich nicht.“

Ganz anders deshalb die Herangehensweise zu „The Awakening“. Bei diesem musikalischen Erweckungserlebnis habe er keinen Moment an Hits und Erfolg gedacht. „Ich habe mir nicht den Druck gemacht, diese hohen, lauten Noten zu singen, sondern einfach nur Spaß bei den Aufnahmen gehabt.“

Dafür waren – neben Produzent Bernard Butler – auch seine Co-Songautoren verantwortlich. Hit-Lieferanten wie Steve Robson (Take That), Eg White (Duffy), Dan Wilson (Adele) und Toby Gad (Beyonce).

Alle Titel haben die Gemeinsamkeit wie für die Bühne geschaffen zu sein. Unter anderem deshalb dürfen sich Fans auf die fünf anstehenden Konzerte im März des nächsten Jahres freuen.

Am 30. September erschien sein drittes Album "The Awakeing"

Morrison war für "The Awakening" u.a. mit Jessie J im Studio, um den Song Up aufzunehmen - eines von zwei Stücken, die Mark Taylor produziert hat. Bei allen anderen Stücken saß Bernard Butler hinter den Reglern.

Morrison dazu:

„Die Arbeit mit Bernard Butler hat den Songs eine vollkommen neue Dimension verliehen. Ich glaube, dass es mir gelungen ist, auf dieser Platte zwei Dinge zu vereinen: meine Liebe zu klassischem Soul – sprich: Marvin Gaye, Stevie Wonder, Otis Redding –, kombiniert mit einem Sound, der einfach nur absolut zeitgenössisch ist.

Während der Arbeit an diesem Album gab es einschneidende Veränderungen in meinem Privatleben, und ich glaube, man erkennt sofort an der Musik, dass das hier nicht nur die Platte ist, die ich machen wollte, sondern genau diejenige Platte, die ich genau jetzt machen musste.“

Wie bereits der Titel seines dritten und mit Abstand besten Albums andeutet, präsentiert sich James Morrison auf "The Awakening" als ein sehr viel reiferer Musiker, als Künstler, der aufgerüttelt wurde, in Aufbruchstimmung ist.

In seinem Privatleben ist sehr viel passiert seit der Veröffentlichung des letzten Longplayers; Morrison ist selbst Vater geworden und hat zugleich seinen eigenen Vater verloren, nachdem dieser jahrelang gegen seine Alkoholsucht und eine Depression angekämpft hatte.

Darüber hinaus ist der 26-Jährige auch als Sänger gewachsen, als Songschreiber und Musiker, und so gelingt es ihm auf dem dritten Album, all die Geschehnisse und Emotionen der letzten Zeit zu nehmen und sie in seine bisher eindrucksvollsten Songs zu verwandeln.

"Meine ersten beiden Alben fühlen sich heute eher wie Übungsrunden an, wie ein paar Schüsse zum Warmwerden", meint er, "und jetzt habe ich die Prüfung endlich bestanden. In gewisser Hinsicht fühlt es sich so an, als wäre diese LP mein erstes richtiges Album." …

Als es an der Zeit war, das zweite Album aufzunehmen, habe er "zu sehr darauf geachtet zu beweisen, warum ich überhaupt ganz oben gelandet war und warum mein Sound bei den Leuten ankam. Ich wollte es ihnen einfach noch mal beweisen."

Das sollte ihm in der Tat gelingen: Allein die erste Single "Broken Strings" ist mit 1,5 Millionen verkauften Einheiten noch immer seine erfolgreichste Auskopplung überhaupt, nur konnte er diesen Erfolg nicht so sehr genießen, wie das noch beim Erstling der Fall gewesen war. Rückblickend bezeichnet er seinen zweiten Longplayer nämlich als zu poppig, zu "lauwarm", ja sogar als Schritt in die falsche Richtung.

"Ich sagte mir daraufhin folgendes: Wenn ich es im dritten Anlauf nicht berichtigen und alles so machen kann, wie ich es will, dann bin ich raus und schmeiße das alles hin. Ich verliere sonst die Kontrolle, und das kommt für mich nicht in Frage."

Zum Glück ist "The Awakening" genau das Album, das James Morrison schon längst hätte aufnehmen sollen und können; es ist die perfekte Plattform für seine einzigartige Stimme. "Dieses Mal habe ich überhaupt nicht daran gedacht, ob sich etwas verkauft oder nicht, und dadurch habe ich die Arbeit wieder richtig genießen können.

Ich hab auch gar nicht andauernd versucht, ganz laute und schwierige Passagen zu singen; stattdessen habe ich mich einfach innerlich zurückgelehnt und so gesungen, wie es mir in den Sinn kam, und dadurch kamen die Songs regelrecht aus mir herausgesprudelt."

Das Resultat dieser lockeren Herangehensweise, "The Awakening", ist ein Album, dessen Folk- und Soul-Songs, zeitlos und zeitgenössisch zugleich, extrem warm klingen, weil alles live eingespielt wurde. Rein musikalisch betrachtet gibt es durchaus Parallelen zu seinem Debütalbum, nur klingt Morrison heute sehr viel selbstbewusster und mutiger.

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Die Streicher setzen an und heben ab, die Melodien und Harmonien sind übergroß, episch, aufbauend, dazu gibt es Balladen mit sehr viel Soul und, im Fall von "Slave To The Music", sogar einen Abstecher auf die Tanzfläche inklusive Hand-Claps – ein ganz neues Element in seinem Sound.

Morrison knüpft gelegentlich an die Motown-Ära an, bezieht Gospel und Country ein, ja sogar ein Hauch Latin schimmert gelegentlich durch. Allein technisch muss man ihn immer noch als einen der größten weißen Soulsänger unserer Zeit bezeichnen, dessen Gesang Stevie Wonder genauso viel schuldet wie Paul Young.

Dabei ist Morrison sehr viel mehr als nur ein großes Stimmtalent, denn man hört, dass sein Gesang aus dem Bauch heraus kommt, dass seine Gefühle echt sind: "Ich verstehe unter dem Begriff Popmusik einfach nur großartige Songs, die auch nach Jahren noch gut klingen und bei den Leuten ankommen", meint er.

"Doch natürlich gibt es auch die Kehrseite dieser Medaille, die Sache, dass man in dieser Popwelt manchmal auch nur einen Hit hat und dieser Song danach sofort in Vergessenheit gerät. Die Art von Song wollte ich nie machen."

Das neue Album, an dem James Morrison drei Jahre gearbeitet hat, ist sein Debüt für Island Records; die Vorgänger waren bei Polydor erschienen. Das Team jedoch ist noch immer dasselbe wie zuvor: zu den Co-Autoren der Songs zählen unter anderem Steve Robson, verantwortlich z.B. für "Shine" von Take That, Eg White (Duffy), Dan Wilson (Adele) sowie Toby Gad, bekannt für "If I Were A Boy" von Beyoncé.

Zehn der 12 neuen Tracks wurden von Bernard Butler produziert, jenem Mann also, der früher bei Suede Gitarre gespielt hat. Seither hat sich Butler, der auf "The Awakening" auch für die Gitarrenspuren verantwortlich war und den Morrison als den "Regisseur der neuen Platte" bezeichnet, mit Aufnahmen für The Libertines, Tricky oder Duffy einen Namen als Produzent gemacht.

"Ich war vor unserem ersten Treffen ganz schön nervös, schließlich kommt er aus einer ganz anderen musikalischen Ecke als ich", berichtet der Sänger über die Arbeit mit Butler. "Ich war dadurch irgendwie angespannt und wollte unbedingt etwas machen, was ihm gefällt.

So kam es also, dass ich am Mikrofon voll abgegangen bin, und er immer wieder sagen musste: ‘Entspann dich – du gibst zu viel Gas. Sing die Stelle doch noch mal etwas sanfter ein.’ Am zweiten Tag fiel der Groschen dann und ich wusste mit einem Mal, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Ab da war ich nur noch begeistert von der Arbeit mit ihm."

"Bernard hat stets dafür gesorgt, dass die Songs schön luftig bleiben, dass die Produktion nicht so sehr im Vordergrund steht und alles andere überdeckt. Dank ihm kann man ganz deutlich raushören, was in den Stücken so alles passiert. Er hat es geschafft, die LP wie ein richtiges Album klingen zu lassen, ohne den Sound dabei zu glatt zu machen.

Sein Ansatz war genau das, was diesen Songs vorher gefehlt hat", berichtet Morrison weiterhin. "Insgesamt waren wir ein ganz schön großes Team, doch unterm Strich saßen wir eigentlich immer nur zu viert im Studio: Schlagzeuger, Bassist, Bernard mit der Gitarre und ich am Mikrofon.

Jeden Track haben wir dann sieben, acht Mal aufgenommen, daraus die beste Version ausgewählt und uns dann an den Feinschliff gemacht. Uns war also erst mal wichtig, dass der Vibe, die Stimmung eines Songs stimmt; danach kann man alles Mögliche damit machen und es wird sich meistens super anhören."

Dass es sich bei dem Duett "Up" um einen absoluten Hit-Kandidaten handelt, sieht man quasi schon von weitem; es handelt sich dabei um einen von zwei Songs, die Mark Taylor produziert hat, der auch schon für "Broken Strings", den besagten Morrison-Duett-Hit, hinter den Reglern stand. Morrisons Gesangspartnerin wirkt auf den ersten Blick eher unpassend gewählt: immerhin ist Jessie J die Queen in den Urban-Charts, und ein dreckiges Mundwerk hat sie noch dazu.

Der Vorschlag, mit ihr zu arbeiten, kam von Colin Barlow, James’ A&R: "Nicht etwa, dass ich an ihrem Können als Sängerin gezweifelt hätte", sagt Morrison, "doch ich hatte zunächst schon meine Bedenken, ob sie denn nun die Richtige für diese Art von Song war.

Doch dann ging sie in die Gesangskabine und legte diese grandiosen Aufnahmen hin – sie ist unfassbar talentiert, so präzise als würde man mit Autotune arbeiten. Ich wollte versuchen, die andere Seite ihrer Persönlichkeit aus ihr herauszuholen, die normaler Seite, das normale Mädchen in ihr.

Ich meinte also, ‘Hey, Jessie, du bist wie ein Ferrari, der den ganzen Tag im fünften Gang durch die Gegend rast – schalte mal einen Tick runter, in den dritten Gang.’ Und dann lief alles wie geschmiert: Sie sang den Refrain genau so ein wie ich es hätte machen müssen."

Sein angespanntes Verhältnis zu seinem Vater, der letztes Jahr nach einem langwierigen Kampf gegen seine Alkoholsucht an einem Herzversagen starb, wird im Songtext von "Up" adressiert – und in diversen weiteren Stücke von "The Awakening".

"Der Song ist einfach wahnsinnig persönlich:

‘How can I find you when you’re always hiding from yourself/Playing hide and seek with me until it gets too dark inside your shell/Why do I even try when you take yourself for granted – I should know better by now/And when you call, I can already hear that crashing sound as it all falls down.’

Damit will ich ihm im Grunde genommen sagen: ‘Ich werde mich auf deinen ganzen Kram nicht einlassen, aber du sollst wissen, dass du selbst stark genug bist, um das Blatt aus eigener Kraft zum Guten zu wenden.’

Allerdings habe ich Jessie das alles gar nicht so genau erläutert, schließlich hatten wir uns ja gerade erst kennen gelernt. Uns ging es im Studio also einfach nur darum, eine unfassbar krasse Gesangsspur für den Refrain aufzunehmen."

Ein anderer Track, "The Person I Should Have Been", geht zurück auf ein Gedicht, das Morrison nach einem Gespräch mit seinem im Sterben liegenden Vater geschrieben hatte. "Ihm ging es kurz vor seinem Tod sehr, sehr schlecht, und wir unterhielten uns über all die Dinge, die er hätte tun sollen – oder auch über Dinge, die ich hätte tun sollen. Mich hat das ganz schön aus der Bahn geworfen; ich musste also einfach darüber schreiben, um nicht durchzudrehen."

Der direkteste und heftigste Song ist jedoch "In My Dreams": "Den kann ich mir ehrlich gesagt kaum anhören, weil mich die Nummer so sehr bewegt; ich hab auch keinen Schimmer, wie ich das Stück jemals live spielen soll. ‘In My Dreams’ entstand, als ich gerade mit Dan Wilson an neuen Songideen arbeitete.

Er fragte mich dann, was gerade so in mir vorging, woraufhin ich ihm erzählte, dass mein Vater kürzlich verstorben war und dass ich irgendwie hoffte, er könne mir im Traum erscheinen, nur war es dazu noch nicht gekommen. Darauf sagte Dan nur: ‘Genau da müssen wir ansetzen’, und als der Titel ‘In My Dreams’ erstmal stand, nahm ich einfach die Gitarre und der Song schrieb sich wie von selbst.

Der Track sollte schon auch positiv klingen, so wie die Aufnahmen von Curtis Mayfield oder Stevie Wonder damals. Es sollte sich nämlich so anfühlen, als wäre man selbst in einer Traumwelt, wenn man das Stück hört."

Was den Titelsong der LP angeht, befasst sich Morrison da mit den Erfahrungen, die er selbst als Vater in den vergangenen Jahren sammeln durfte – seine Tochter Elsie ist inzwischen schon drei. „Mir kommt das so vor, als ob ich da erst richtig wach geworden bin und realisiert habe, was richtig und wichtig ist.

Früher habe ich immer gesagt: ‘Ach nein, Kinder will ich eigentlich keine’ – und als ich dann plötzlich doch als Vater dastand, gab es nichts Größeres für mich. Dieses Gefühl wollte ich in diesem Song einfangen.“

Das grandiose "I Won’t Let You Go", auf dem er gesanglich wirklich alle Register zieht, widmet er mal wieder seiner Freundin Gill, über die er zuvor schon Songs wie "You Give Me Something" oder, während einer eher schwierigen Phase, "The Pieces Don’t Fit Anymore" geschrieben hatte.

Auch wenn auf "The Awakening" die Gefühle ganz ungeschönt im Mittelpunkt stehen, seien die neuen Tracks keine „Downer-Nummern“, die einen runterziehen, so Morrison.

"Ja, natürlich geht es da auch um Probleme – aber zugleich geht es mir auch darum, einen Blick auf mein Leben und mein Umfeld zu werfen, alles abzuwägen, um letztlich das Gute daran zu sehen. Ich schätze mal, dass vielen Leuten gerade dieser Aspekt der Songs gefallen wird, denn so ist das Leben nun mal, so funktionieren Beziehungen halt."

Kein Zuckerschlecken

Sein Glaube an das Gute ist übrigens etwas, an dem James Morrison immer wieder festhalten musste, schließlich war seine Kindheit kein Zuckerschlecken. Er kam in Rugby zur Welt, als zweites von insgesamt drei Kindern.

Nachdem sein Vater die Familie schon früh sitzengelassen hatte, mussten seine Mutter und die Kids immer wieder umziehen: immer drohte ein Räumungsbefehl, immer waren sie von Schulden geplagt, bis sie in dem Küstenort Porth in Cornwall endlich eine permanente Bleibe fanden – nur war James da schon 15.

Er brachte sich dann selbst das Gitarrenspielen bei, und seine ersten Live-Erfahrungen sammelte er als Straßenmusiker; nur seinen Abschluss in Musik schaffte er nicht: "Ich konnte einen Ton hören und ihn sofort auf dem Klavier anschlagen, da lag ich immer richtig; nur hatte ich von der technischen Seite keinen blassen Schimmer."

Miese Jobs

Es folgten ein paar Jahre, die er mit irgendwelchen miesen Jobs zubrachte, und der absolute Tiefpunkt war während seiner Zeit in Derby erreicht, als James einen Autowaschjob angenommen hatte und einen Lastwagen nach dem anderen waschen musste („Zu der Zeit war ich 19 und lebte eher wie ein 40-Jähriger.“)

Doch er ließ sich auch davon nicht unterkriegen und bahnte sich langsam doch noch den Weg zur Musik und dorthin, wo er heute steht – mit Auftritten bei Open-Mic-Nächten und kleinen Gigs in irgendwelchen Läden, bis er schließlich jenen Vertrag mit Polydor unterzeichnete, der sein Leben schlagartig verändern sollte.

Die Erfahrungen dieser Jahre erklären vielleicht auch, warum Morrison so seltsam reagiert, wenn es um seine Stellung als Musiker und um seine Berühmtheit geht. "Ich lege großen Wert darauf und tue alles dafür, mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass ich ein ganz normaler Mensch bin.

Ich hab zum Beispiel einen Camping-Trip in so einen Haven-Holiday-Park gemacht – und eigentlich wollte ich gar nicht dorthin, aber dann dachte ich mir, ich muss das einfach mal probieren, sonst hat das so was von ‘ich bin mir zu gut dafür’. So als ob ich mir zu schade wäre für solche Haven-Holiday-Parks und jedes Mal nach Hawaii fliegen würde, wenn ich mal entspannen will."

Doch es kam, wie es kommen musste: Morrison wurde angepöbelt, während er mit seiner Tochter schön stilecht Würstchen mit Kartoffelbrei essen wollte. "Ich hab dann noch versucht zu argumentieren, dass ich einfach nur privat da bin mit der Familie, aber letzten Endes musste mich ein Freund regelrecht rausholen aus dieser hitzigen Situation.

Und dann saß ich ganz alleine in meinem Zelt, zehn Stunden lang, nur um mein Essen in Ruhe zu mir nehmen zu können. Ich weiß, dass ich so etwas in Zukunft besser lassen sollte, weil an solchen Orten immer Dinge passieren, die kein Mensch braucht, aber wenn ich sie dann nicht mehr mache, habe ich das Gefühl, eine Grenze zwischen mir und meiner Umwelt zu ziehen – und das will ich auch nicht. Ich muss wohl einfach die Gelegenheiten nutzen, wie sie kommen, und nächstes Mal schneller essen."

Die schlechte Nachricht für James Morrison ist folgende: In Zukunft dürfte es für ihn noch schwieriger sein, derartige Camping-Abstecher reibungslos und unbemerkt zu machen. Im Gegenteil: Noch mehr Aufsehen und Gerangel ist vorprogrammiert, denn "The Awakening" ist die Art von Album, mit der er endgültig die Popwelt umkrempeln wird.

"Ja, es fühlt sich wie die richtige Platte zur richtigen Zeit an", räumt auch er abschließend ein. "Ich habe derartige Momente, die sich so anfühlen, bisher nur ganz selten erlebt, aber inzwischen weiß ich sehr genau, wann so ein Moment gekommen ist. Und jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass es so weit ist."

Universal Music Deutschland
Stralauer Allee 1
10245 Berlin

Katja.Behrens@umusic.com

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05.07.2013 Gedanken und Emotionen auf deutscher Sprache

GFDK - Stefanie Tendler

„Leinen Los“, so lautet der erste deutschsprachige Solotitel des Singer- Songwriters Martin Goett.

Der gebürtige Heidelberger hat bereits viel Banderfahrung sammeln dürfen, nicht zuletzt mit der auch noch aktuellen Band Gravity Saints. Dennoch war es sein inneres Bedürfnis seinen Gedanken und Emotionen auf deutscher Sprache Ausdruck zu verleihen.

Was war für dich der ausschlaggebende Moment deutsche Songtexte zu verfassen und der englischen Sprache für einen Augenblick den Rücken zu kehren?

Ich habe vor fast einem Jahr damit angefangen mich intensiver mit deutschen Texten zu beschäftigen und gemerkt, dass es mir leicht fällt mich auszudrücken und Gefühle in Worte zu packen. Obwohl es nahe liegt mit der Muttersprache Ausdruck zu verleihen hat es viel mehr Mut erfordert. Jeder achtet automatisch viel mehr auf den Text und im übertragenen Sinne präsentiert man sich seinem Publikum komplett nackt.

Bedingt durch Gravity Saints und durch die eigene Faulheit ist das aber erst mal wieder ein wenig eingeschlafen.

Erst Anfang 2013 während der Trennungsphase mit meiner Freundin hatte ich das unbedingte Bedürfnis Lieder auf Deutsch zu schreiben und vor allem zu texten. Das war fast wie eine Befreiung, bzw. eher eine Entlastung, wichtig für das Seelenheil, wenn man das heute noch so sagt... Es hat einfach unglaublich gut getan und seitdem bin ich viel motivierter mich kreativ in deutscher Musik auszuleben.

Leinen los, beschreibt ein Voranschreiten, einen neuen Abschnitt. Den Kopf nach vorn gewandt, ohne ihn nach hinten zu drehen...Welche Bedeutung hat für dich dein erster Song Leinen los?

Die Frage hast du praktisch schon beantwortet. Wobei das Zurückschauen ein wesentlicher Bestandteil des Textes ist und ich finde, ein wesentlicher Bestandteil des Voranschreitens ist die Gewissheit des Zurück gelassenen. Aber du hast Recht, man darf sich nicht zu oft umdrehen, sondern muss nach Vorne schauen, Dinge wagen, auch mal risikofreudig sein. Entscheidungen treffen, aus dem Bauch, aus einem guten Gefühl heraus. Das ist vor allem ein Generationenproblem. Ich glaube, wir lassen uns viel zu sehr von äußeren Einflüssen beeindrucken und wissen aufgrund der vielen Konventionen einerseits und der großen Vielfalt andererseits nicht mehr wohin. Also: Die Segel setzen und die Richtung selbst bestimmen, darum geht es.

Möchtest du mit diesem Song eine bestimmte Zielgruppe ansprechen?

Bis vor ein paar Jahren war „deutschsprachige Musik“ zu machen schon zielgruppendefiniert. Das hat sich glücklicherweise geändert. Aber nein, meine Musik soll keine bestimmte Zielgruppe ansprechen. Das wäre eine falsche Herangehensweise. Ich mache definitiv keine Partymusik. Wer Kraftklub oder K.I.Z erwartet ist bei mir falsch. Da bin ich eher das Gegenteil. (Martin schmunzelt). Wenn die Lieder vermehrt eine bestimmte Gruppe von Menschen ansprechen, dann ist das so. Das wiederum zu planen wirkt oft wenig authentisch und kann ich zumindest nicht vertreten.

Welche Wirkung übt Musik auf dich aus?

hmm... Musik umfasst Alles. Leidenschaft, Gefühl, Genuss, Lachen, Weinen, Freunde, Gemeinsamkeiten, Freizeit, Berufung! Viele meiner schönsten Momente im Leben sind auf Musik zurückzuführen.

Wenn die Leidenschaft aber überhandnimmt und zu etwas Krampfhaftem wird, dann wird sie – zwar selten – lästig und anstrengend zwanghaft. In den Momenten genieße ich es mit Menschen zusammen zu sein, die nichts mit Musik am Hut haben und sich im Idealfall wenig für meine musikalischen Ergüsse interessieren. Ich glaube, ich kann da manchmal auch etwas nervig sein... Alleine sein und sich ordnen hilft da auch.

Wie geht Gravity Saints mit deinem neuen Projekt um?

Oh die finden das toll was ich mache, zumindest sagen sie das haha...Nein im Ernst, sie respektieren mich als Musiker und als Freund und wissen, dass mir die Musik in meiner derzeitigen Lebensphase einfach sehr wichtig ist. Gleichzeit sind sie aber auch in einem gewissen Zwiespalt, der „gesund“ ist. Sie unterstützen mich und haben unter anderem auch auf „Leinen Los“ mit eingespielt. Musikalisch gibt es kaum Berührungspunkte und ich hoffe und glaube daran, dass ich das auch weiterhin fortführen kann. Danke an dieser Stelle an die Jungs!

Welche Erfahrungen haben dich in deiner Musikerlaufbahn besonders geprägt und die Richtung wechseln lassen?

 Praktisch jede Erfahrung verändert mich als Mensch und Musiker ein klein wenig. Ich habe früh mit klassischer Musik angefangen, in der Pubertät die ersten Banderfahrungen als Sänger gemacht und bin dem treu geblieben. Verschiedene Lebensphasen und die Menschen im privaten musikalischen Umfeld haben dazu beigetragen, dass ich mich immer weiterentwickelt und auch mal einen Richtungswechsel gewagt habe.

Wenn ich da zurück schaue, war ich in jeder Band  - egal ob ich Hardrock, Alternative, Metal, Pop oder sonst was gemacht habe – immer derjenige, der  melancholische, melodiebetonte Musik geliebt hat.  Das zieht sich die ganzen letzten Jahre über durch, und hierbei spielt die Länge der Haare keine Rolle. (Martin grinst!)

Gibt es etwas, dass du anderen Träumern gerne mit auf den Weg geben würdest?

Oh! Du hast mich durchschaut. Träume haben und sie ein Stückweit zu leben ist essentiell. Damit meine ich nicht nur das nächste erreichbare Ziel, sondern Tagträume bei denen man abschalten, nachdenken und sich einen Augenblick in Gedanken verlieren kann. Es soll ja Menschen geben, die meinen, ich würde zu viel träumen und ich sollte mich mehr auf wesentliche Dinge konzentrieren. Ich lebe aber ganz gut damit und kann nichts Schlechtes am Träumen erkennen, solange man sich nicht völlig darin verliert und lethargisch wird. Was kann ich anderen Träumern oder Nicht-Träumern auf den Weg geben? Träumt so viel ihr wollt und genießt es!

Welche Pläne hast du für die zweite Hälfte von 2013?

Aktuell bin ich immer wieder im Studio um meine Lieder aufzunehmen. Parallel schreibe ich weiter und hinterfrage immer wieder kritisch was ich mache. Ein ausgewählter Personenkreis, darf auch gerne meine Demos hören und eine ehrliche Meinung abgeben. Für mich ist es wichtig Kritik zu bekommen, was nicht heißt, das ich sie immer annehme, wenn ich sie nicht für angemessen halte. Ich denke, dass ich es bis zum Herbst 2013 schaffe eine EP fertig zu haben. Der ist praktisch schon fertig und es wird auch schon an dem Video geschnippelt.

Aber natürlich möchte ich auch unbedingt noch einige Liveauftritte spielen. Das ist sozusagen der Höhepunkt eines jeden Musiker, wenn man die eigenen Lieder auf der Bühne präsentieren kann.

Ein bisschen stolz und gespannt blicke ich den nächsten Monaten entgegen, da ich es kaum erwarten kann, zu sehen wie mein neues Werk ankommt.

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29.06.2013 Spannung, die einen zerreist

GFDK - Michaela Boland

Spannung, die einen zerreißt. Das ist sein Metier und er versteht sich ausgezeichnet darauf. Nicht umsonst katapultierte sein Endzeit-Horror-Schocker "Der Übergang" den amerikanischen Professor für Englisch, Justin Cronin, mit einem Schlag in die Bestsellerlisten dieser Welt. Das Mädchen Amy wird mit nur sechs Jahren von zwei FBI-Agenten entführt und auf ein geheimes medizinisches Versuchsgelände verschleppt. Ein mysteriöses Experiment mit nur einem Ziel: Die Menschen sollen unsterblich gemacht werden.

Doch dann geht etwas schief. So beginnt der erste Teil von Cronin`s Passage-Trilogie, dessen Filmrechte bereits für 1,75 Millionen Dollar von der 20th Century Fox erworben wurden und dessen Stoff voraussichtlich mit Star-Regisseur Ridley Scott verfilmt wird. Gerade hat Harvard-Absolvent Cronin den zweiten Teil seiner Trilogie mit dem Titel "Die Zwölf" veröffentlicht und einem breiten Publikum in Deutschland im Rahmen seiner Lesetour vorgestellt.

Seine Reise führte den sympathischen Familienvater aus Houston auch in die Domstadt am Rhein. Warum der Mann, der im Kalten Krieg groß wurde, nur noch tut, wozu er wirklich Lust hat, aus welchem Grund Deadlines für ihn etwas Abstraktes sind und weshalb er  Museen in Köln eher meidet, verriet der Schriftsteller, der schon mit Stephen King verglichen wird, Michaela Boland beim Frühstück.

Michaela Boland: Ihre aktuelle Endzeit-Trilogie "The Passage" dreht sich in faszinierender Weise um eine mögliche Ausrottung der Menschheit durch Eigenverschulden. Sind sie selbst ein Mensch, der den Tod in besonderer Weise fürchtet?

Justin Cronin: Ja, natürlich habe ich Angst vor dem Tod. Wer hat das nicht? (lacht). Ich habe zwar auch mal eine Zeit durchlebt, in der ich dachte, ich sei unsterblich. Aber,  jetzt bin ich 50 und das ist ein Alter, bei dem ich anfange, mich hin und wieder doch ein wenig älter zu fühlen.

Michaela Boland: Sie sollen einmal geäußert haben, dass es in der Regel drei Stadien im Leben gäbe, während der sich ein Mensch mit dem Thema "eigener Tod" befasst. Welche sind das ihrer Meinung nach?

Justin Cronin: Ich erinnere mich, dass ich zu dem Thema mal ein Interview gegeben habe, aber was habe ich da nochmal gesagt? Es war jedenfalls brillant (lacht). Ich denke, dass Teenager sich erstmalig mit dem Thema befassen, wenn sie auf dem Weg zu Erwachsenwerden sind. Jüngere Kinder sind ja eher "unsterblich" und haben das Gefühl, dass sie niemals gehen müssen. Wenn dann einmal ein geliebtes Haustier stirbt, ist das zwar sehr deprimierend, verwirrend  und unerfreulich, aber bevor man ein Teenager ist, kommen einem diese Gedanken gewöhnlicherweise nicht in den Sinn.

Danach, so schätze ich, dann wieder in der Mitte des Lebens, wo ich mich, so glaube ich, jetzt gerade befinde. Ach was, ich habe die Mitte bereits überschritten (lacht). Dann jedenfalls werden einem die Dinge wieder bewusster und man muss sie in Betracht ziehen. Ich bekomme ja mit, dass meine Kinder groß werden. Meine Tochter ist beinahe schon aus dem Haus.

Michaela Boland:

Ist das jene Tochter, Iris, der wir den ersten Teil ihrer Trilogie "Der Übergang"  überhaupt verdanken, weil sie sie im Kindesalter darum bat, einmal eine Geschichte über ein kleines Mädchen zu verfassen, das die Welt rettet?

Justin Cronin:

Ja, richtig.

Michaela Boland:

Wie alt ist sie heute?

Justin Cronin: Sie ist mittlerweile 16 Jahre alt.

Michaela Boland: Ist sie ihr jüngstes Kind?

Justin Cronin:Nein, sie ist die Älteste. Ich habe noch einen jüngeren Sohn. Wir haben spät Kinder bekommen, so wie Leute es heutzutage häufig tun. Wenn ich allerdings noch einmal vor der Wahl stünde, würde ich wohl eher in einem jüngeren Alter Kinder bekommen wollen. Jetzt, in der Lebensmitte werden die Gedanken an die eigene Endlichkeit ein wenig dringlicher und man muss sie eher fürchten, schätze ich. Dann natürlich wieder im Alter.

Michaela Boland:

Sie haben mit dem zweiten Teil der Trilogie, "Die Zwölf", schon viele Lesungen in deutschen Städten abgehalten, waren ja auch mit dem ersten, ausgesprochen erfolgreichen Teil vor deutschem Publikum im Einsatz. Gibt es eigentlich Unterschiede bei Lesungen in verschiedenen Ländern?

Justin Cronin:

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Buchpräsentationen in Deutschland und beispielsweise den Vereinigten Staaten. Allein im Hinblick auf die Dauer einer solchen Veranstaltung. In den Staaten kommt alles, was in dieser Hinsicht länger als 30 Minuten dauert, einem Geiseldrama gleich. Hier in Deutschland kommst du zu einer solchen Veranstaltung und machst sie mal eben annähernd zwei Stunden und niemand haut zwischendurch einfach ab oder schläft ein. Sie sind tatsächlich alle interessiert und hoch konzentriert  für ganze zwei Stunden.

Michaela Boland:

Man erwartet hier also mit mehr Spannung, was sie als nächstes im Buch geschehen lassen?

Justin Cronin:

Ja, ganz genau. Doch in Amerika würden die Hörer längst gesagt haben, "können sie mir das nicht eben zum Mitnehmen einpacken".

Michaela Boland:

Halten sie eine solche Lesung am Abend bei uns in Deutschland denn gut durch, wenn sie es aus ihrer Heimat wesentlich kürzer gewohnt sind?

Justin Cronin: Ja, in  jedem Fall. Das ist großartig.

Michaela Boland:

Bei den Lesungen für den zweiten Teil ihrer Trilogie, "Die Zwölf", sollen jetzt auch auffällig viele Männer zugegen gewesen sein. Warum ist das so ungewöhnlich?

Justin Cronin:

Ja. Das ist mir selbst zwar gar nicht so aufgefallen, aber meine Verlagspublizistinnen, Manuela und Claudia, haben mich darauf aufmerksam gemacht. Zuvor waren es nämlich meistens Frauen, die zu den Lesungen kamen. In den Staaten ist das üblicherweise so, dass eher Frauen kommen, denn es sind meistens auch Frauen, die Fiction lesen. Diejenigen, die die Romane kaufen, sind in der Regel nun mal weiblichen Geschlechts. Ich möchte nun nicht schwarz-weiß malen und behaupten, dass es immer ausschließlich Frauen sind, aber es ist zumindest statistisch erwiesen, dass sie nun mal mehr Fiction konsumieren als Männer.

Michaela Boland:

Welches Buch lesen sie selbst zur Zeit?

Justin Cronin:

Mein eigenes Buch, denn ich schreibe ja gerade am dritten Teil meiner Trilogie. Eigentlich lese ich ja immer irgendetwas. Beispielsweise Sachen  von James Salter. Da ist in den Vereinigten Staaten jetzt gerade ein neues Buch von ihm herausgekommen. Er ist einer meiner Lieblingsautoren. Er ist schon ein etwas älterer Herr und zählt bereits 87 Jahre. Somit ist es womöglich sein letztes Buch. Es ist  sehr ruhig gehalten, eben literarische Romandichtung.

Das ist auch das, was ich üblicherweise lese. Ich lese beispielsweise grundsätzlich keine kommerzielle Fiction. Eigentlich kann ich sogar sagen, dass ich ausschließlich literarische Romandichtung lese, denn das hilft mir als Autor. Gut Geschriebenes und gute Sätze zu lesen, das ist das, was mich wirklich weiter bringt.

Michaela Boland:

Also können sie als Bestseller-Autor tatsächlich auch noch etwas lernen? (lacht)

Justin Cronin:

Ja (seufzt). Jim Salter ist 87, glauben sie nicht, dass er womöglich einige Dinge wüßte, die ich nicht weiß? (lacht).

Michaela Boland:

Hat er ebenfalls den in Amerika renommierten Studiengang "Iowa Writers` Workshop" besucht, so wie sie?

Justin Cronin:

Er war sogar Dozent dort. Die meisten Leute haben das gemacht. (lacht)

Michaela Boland:

War er womöglich sogar einer ihrer Lehrer?

Justin Cronin:

Nein, er hat zwar tatsächlich zu der Zeit als ich da war, dort gelehrt, aber ich habe mich nicht für seine Klasse entschieden, was, im Nachhinein betrachtet, natürlich irgendwie blöde war. Ich habe noch nicht mal gewusst, wer er war. Ich war ein junger Bursche, gerade mal 25. Ich habe mich wahrscheinlich gefragt, "wer ist dieser alte Mann". Da wird er so um die 50 gewesen sein, also in etwa so alt wie ich jetzt bin, was schon irgendwie gruselig ist.

Michaela Boland:

Haben sie viele Dinge anders gesehen als sie jung waren?

Justin Cronin.

Ja, leider. Wenn du jung bist, bist du oftmals wirklich töricht. Ich glaube, ich habe niemals James Salter`s unmittelbare Bekanntschaft gemacht. Oder wahrscheinlich habe ich sie sogar irgendwann gemacht als ich da war und es ist mir gar nicht bewusst gewesen. Es durchlaufen ja so viele Menschen Iowa (Anm.d. Redaktion: Iowa Writers` Workshop). Es ist beinahe so etwas wie eine Gemeinschaftserfahrung vieler amerikanischer Schriftsteller eines bestimmten Genres. Also, der literarischen Schriftsteller.

Michaela Boland:

Es sind ja sogar diverse Pulitzer- und andere Literatur-Preisträger aus diesem angesehenen Studiengang der University of Iowa für kreatives Schreiben hervorgegangen.

Justin Cronin:

Richtig, da gab es eine ganze Reihe. Auch International-Book-Awards Preisträger. Von all diesen Rezipienten haben viele den Iowa Writers` Workshop absolviert oder hatten in irgendeiner Form damit zu tun.

Michaela Boland:

Der Studiengang, "Iowa Writers` Workshop", der schon seit dem Jahre 1936 existiert und zunächst  mit einer Versammlung von Dichtern und Prosa-Autoren seinen Lauf nahm, erhielt 2003 sogar die erste "National Humanities Medal". Wie einfach war es für sie, in einen Studiengang mit derart hohem Anspruch zu gelangen?

Justin Cronin:

Oh Gott, die Voraussetzungen für die Aufnahme waren durchaus schon zu meiner Zeit ziemlich hart. Allerdings habe ich nun gehört, dass es noch viel schwieriger geworden ist, dort hinein zu kommen.

Michaela Boland:

Was heißt das?

Justin Cronin:

Keine Ahnung, vielleicht 400 Bewerber pro einzelnen Kurs, so etwas in der Art. Es heißt sogar, es sei schwieriger dort hinzukommen als an das MIT (Anm. d. Red.: Massachusetts Institute of Technology). Das ist aber an für sich kein objektiver Maßstab. Denn das, was man tut, ist ja einzig, ihnen zu zeigen, was man geschrieben hat, seine Fiction eben. Du präsentierst ihnen deine Worte, deine Geschichten und sagst, "hier, bitte seht euch das mal an".

Deshalb packt es dann der eine und kommt hinein, der andere nicht. Aber kann man denn tatsächlich sagen, der eine ist wirklich besser als der andere oder der eine wird mal ein besserer Schriftsteller als der andere? Nein, so etwas kann man doch zu diesem frühen Zeitpunkt eigentlich noch nicht beurteilen.

Michaela Boland:

Also, ist das notwendige Quäntchen Glück auch hier noch von entscheidender Bedeutung?

Justin Cronin:

Absolut, sogar eine ganze Menge Glück ist hierfür nötig.

Michaela Boland:

Wollten sie schon immer Schriftsteller werden?

Justin Cronin:

Nein. Ich wurde lediglich Schriftsteller, weil ich immer wieder vergaß, mich an einer juristischen Fakultät einzuschreiben. (lacht)

Michaela Boland:

Wie kam das?

Justin Cronin:

Ich mochte die Vorstellung einfach, Autor zu sein. Denn ich habe mir das Schriftsteller-Dasein niemals als anstrengenden Werdegang vorgestellt. Ich dachte, es könnte möglicherweise ein charmanter Lifestyle sein (lacht). Ich habe mich niemals in etwas gesehen, das man als einen "richtigen Job" bezeichnen würde. Zum Beispiel so einen klassischen Firmenjob. Auch habe ich nie gewusst, was die Menschen den ganzen Tag lang in diesen hohen Bürogebäuden machten.

Mein Vater arbeitete für einen riesigen Konzern und war extrem unglücklich, soweit ich das beurteilen kann. Zwar gab er mir keinerlei unmittelbare Ratschläge für meine Karriere, allerdings tat er es indirekt anhand seines eigenen Beispiels sicherlich doch. Ich fühlte eigentlich nicht den Druck, jetzt unbedingt eine Karriere voranzutreiben. Ich war eher langsam und faul im Hinblick auf meine Zukunftsgestaltung. Ich hatte eine großartige Ausbildung in Harvard, aber ich absolvierte das Fach Englisch und ich las einfach Bücher.

Ich erlernte also keineswegs etwas von praktischer Bedeutung. Meine Verwandten in Frankreich vertraten die Anschauung, dass ich gut Anwalt werden könne, weil ich ein schnellsprechender Klugscheißer war. Das war grundsätzlich, was sie gesagt haben, "er spricht gut, er liest viel und schreibt gut. Er könnte Anwalt werden". Für so etwas muss man allerdings eine Menge Geld aufbringen.

Man kann sich das auch leihen. Wenn du allerdings in Amerika Geld für das Jura-Studium aufnimmst, wirst du besser ein guter Anwalt, wenn du es dann anschließend wieder zurückzahlen musst. Und ich war mir einfach  nicht sicher, ob ich so etwas wollte. Mein Vater hat eine Law-School besucht, ist aber nie Anwalt geworden. Insofern habe ich dann eben für eine Weile als Lehrer gearbeitet.

Michaela Boland

Wo und was haben sie unterrichtet.

Justin Cronin:

An einer Highschool. Ich unterrichtete dort einige Jahre Englisch. Und ich reiste eine Weile in Europa herum. Ich hatte ein InterRail-Ticket und so verbrachte ich sechs Monate mit Reisen. Existieren die eigentlich noch in der Form, wie es sie damals gab? Man konnte in jeden Zug einsteigen und sie akzeptierten das InterRail-Ticket als 1. Klasse Ticket. Ich bin damals mit einem Freund zusammen aufgebrochen. Insgesamt war ich acht Monate hier in Europa, aber ich landete am Ende davon allein einige Monate in Italien, wo ich ein nettes Mädchen kennengelernt hatte. Daher blieb ich erst mal dort.

Michaela Boland:

Romantische Inspirationen können sie also durchaus aus eigener Erfahrung in frühester Jugend in ihre Werke einfließen lassen?

Justin Cronin:

Nun ja, was kann einem besseres passieren als nach Italien zu gehen und dort eine wunderschöne Liebesaffäre zu leben? Das kann einen durchaus sehr bereichern. Also, warum sollte ich gleich wieder aufbrechen? Anschließend habe ich mich noch eine Weile ein wenig treiben lassen und dann habe ich mich für verschiedene Schreib-Lehrgänge beworben, denn ich mochte nicht mehr länger Lehrer sein. War mir zu viel Arbeit.

Michaela Boland:

War das dann bereits in Iowa?

Justin Cronin:

Ja, es gibt auch dort jede Menge unterschiedliche Studienangebote. Heutzutage sogar noch einmal viel mehr als damals. Ich bewarb mich dann auch an Journalistenschulen, denn ich wollte etwas mit Schreiben machen. Ich ging nur deshalb nach Iowa, weil dafür bezahlt wurde. Ich hatte ein Stipendium. Das war der Grund, warum ich überhaupt nur dorthin gehen konnte. Ich hatte allerdings immer nur gerade so viel Erfolg, dass alles  so eben irgendwie weiterlaufen konnte. Es ging alles nur sehr langsam voran.

Mein erstes Buch habe ich erst nach zehn Jahren veröffentlicht. Ich habe dann wieder mit dem Unterrichten begonnen, allerdings diesmal an der Universität. Ich habe hart daran gearbeitet, und versucht ein guter Lehrer zu sein, außerdem auch immer wieder Geschichten veröffentlicht, aber noch kein Buch. Es folgte die Heirat und wir bekamen Kinder. Wir kauften dann ein kleines Haus und hatten Fixkosten. Insofern war ich gerade im Begriff, mir ein typisches Mittelklasse-Leben aufzubauen.

Michaela Boland:

Wie ging ihr Weg dann weiter?

Justin Cronin:

Dann verkaufte ich ein Buch, anschließend noch eins. Allerdings verdiente ich noch nicht genug Geld, um mich ausschließlich von diesen Büchern über Wasser halten zu können. Also arbeitete ich dann auch noch als freier Autor und verfasste Fachbücher, Geschichtsbücher, Reiseführer und all solche Sachen. So arbeitete ich nahezu rund um die Uhr. In meinen Dreißigern verbrachte ich fast all meine Zeit in meinem Büro.

Michaela Boland:

Hatte ihre Familie dann überhaupt noch etwas von ihnen?

Justin Cronin:

Kaum. Ich bin jemand, der  eigentlich schwer arbeitet. Aber, das tun ja die meisten. Gewöhnlich durchschnittlich zehn Stunden am Tag. Allerdings ist das ja ein Pensum, welches die meisten Amerikaner täglich absolvieren müssen, zumindest die mit einem Job. Insoweit kann ich das akzeptieren (lacht). Das Gute im Vergleich zu meinem jetzigen Leben bestand allerdings darin, dass ich einen sehr beweglichen Tagesablauf hatte.

Ich konnte auch nachts arbeiten, wenn es notwendig war. Wenn beispielsweise eins meiner Kinder Fieber hatte, blieb ich zu Hause, um mich um das Kind kümmern zu können. Denn, wenn eins von ihnen aus gesundheitlichen Gründen mal nicht zur Schule gehen konnte, dann war ich eben dafür verantwortlich, weil ich das im Gegensatz zu meiner Frau tun konnte. Sie musste nämlich immer pünktlich bei der Arbeit erscheinen.

Michaela Boland:

Ist ihre Gattin nicht auch Lehrerin?

Justin Cronin:

Sie war es. Mittlerweile ist sie es nicht mehr. Sie hat ebenfalls High-School-Englisch unterrichtet und musste jeden Morgen um 7.30 Uhr vor Ort sein.

Michaela Boland:

Wo haben sie einander kennengelernt?

Justin Cronin:

Wir haben uns in Iowa getroffen. Sie war auch Studentin dort.

Michaela Boland:

Dann kam eines Tages doch noch der große Erfolg mit "The Passage" ("Der Übergang"). Was veränderte das?

Justin Cronin:

Ja, dann entstand "The Passage" und es brachte mir eine Menge Geld von vielen verschiedenen Verlegern ein. In den Vereinigten Staaten, England und überall. Jetzt könnte ich es mir leisten, ausschließlich zu unterrichten, aber nun habe ich nicht mehr die Zeit dazu. Dann habe ich allerdings realisiert, dass ich glücklich darüber bin, diesen Abschnitt meines Lebens abgeschlossen zu haben. Ich habe immerhin beinahe 28 Jahre lang unterrichtet, das ist schon eine ganz schön lange Zeit. Ich habe ja mit 21 begonnen und letztendlich erst im vergangenen Juni mein Lehramt niedergelegt.

Michaela Boland:

Also handelt es sich nicht nur um ein vorrübergehendes Aussetzen als Lehrbeauftragter, sondern sie haben den Dienst komplett quittiert?

Justin Cronin:

Ich bin zwar immer noch ein angesehenes Fakultätsmitglied, aber ich mache dort nichts mehr.

Michaela Boland:

Bedauern das ihre Studenten nicht?

Justin Cronin:

Vielleicht. Aber, wenn man etwas erst mal 25 Jahre gemacht hat, reicht es auch. Außerdem kann ich mich glücklich darüber schätzen, dass es mir gelungen ist, nach dieser langen Zeit, meiner Karriere noch einmal eine völlig neue Richtung zu geben. Den wenigsten Menschen gelingt das noch in der Mitte ihres Lebens. Ich war immerhin schon 44 oder 45 Jahre alt als ich "Der Übergang" schrieb und ich bedauere das keinesfalls. Ich glaube, dass sich jeder zu einem Zeitpunkt  wünscht, die Chance zu haben, noch einmal etwas ganz anderes zu machen.

Michaela Boland:

Sie haben ja neben dem Fach Englisch hauptsächlich fiktionales Schreiben unterrichtet. Wie viel Prozent des guten Schreibens sind erlernbar und wie viel Prozent liegen einzig im Talent begründet?

Justin Cronin:

Es handelt sich dabei durchaus um eine erlernbare Fertigkeit.

Michaela Boland:

Bedeutet das, dass man aus jedem einen guten Schreiber machen könnte?

Justin Cronin:

Nein, aber man könnte aus jedem einen besseren Schreiber machen. Ich könnte beispielsweise nicht gelehrt werden, ein Mathematiker zu sein, aber man kann mir gewiss etwas Mathe beibringen. Ich war während der ganzen High-School ein ganz guter Mathe-Schüler, hatte Einsen. Und dann ging ich ans College und belegte mehr Mathe, weil ich es irgendwie mochte. Dann machte ich lineare Algebra, Vektorenrechnung und solche Dinge. Doch eines Tages konnte ich einfach nichts mehr verstehen. Mein Gehirn hörte schlichtweg damit auf, die Dinge nachzuvollziehen.

Ich konnte mir das Hirn zermartern, es brachte nichts. Also ging ich während der Sprechstunde ins Büro meiner Lehrerin, die eine wunderschöne, bereits graduierte Studentin namens Emma war.  Ich sagte ihr, "Emma, ich verstehe gar nicht s mehr, kannst du mir helfen". Sie antwortete, "na, dann lass uns mal darüber sprechen, was genau dir unklar ist". Mir war aber plötzlich irgendwie alles unklar, ich habe rein gar nichts mehr gerafft. Wir bemächtigten uns zunächst der Vorstellung einer gewissen Unbegrenztheit.

Das führte bei mir allerdings zu einer Art Existenzkrise, die mich so richtig aufgewühlt hat. Ich dachte, ich würde alles verpfuschen. Im nächsten Semester habe ich dann alles nur noch verhauen, nachdem ich im ersten Semester ja noch meine Eins hatte. Wenigstens hat Emma dann zugestimmt, mir immerhin noch eine 3+ zu geben. Das war es dann. Ich hatte eben einfach die Grenze meiner gedanklichen Mathekapazitäten erreicht, so einfach war das. Danach habe ich dann eben entschieden, Mathe  nicht mehr weiter zu wählen. Das persönliche Limit war erreicht.

Michaela Boland:

Was genau will der Autor damit sagen?

Justin Cronin:

Als Schreiblehrer erzähle ich meinen Studenten immer genau diese Story. Ich sage ihnen, dass sie vielleicht keine Grenzen haben. Womöglich hört ihr aber auch euer Limit. Vielleicht dauert es auch zehn Jahre. Auch sage ich ihnen immer, dass ich sicher bin, dass keiner von ihnen genug  gelesen hätte, um schon jetzt ein guter Schriftsteller zu sein. Wenn du Schriftsteller werden willst, dann garantiere ich dir, dass nichts wirklich Gutes dabei sein wird, bis du mindestens 40 Jahre alt bist. Denn bis dahin weißt du einfach noch nicht genug über die Welt.

Alles, was du bis dahin sagst, wird wahrscheinlich ein klein bisschen falsch sein. Seit ich allerdings 50 bin, erkläre ich immer, dass alles, was du bis dahin geschrieben hast, es eigentlich gar  nicht wert war, bevor du 50 bist (lacht). Aber im Ernst, eine ganze Menge ist erlernbar, eine ganze Menge ist Handwerk, viel ist auch zu lernen, die Dinge bewusster zu lesen. Ein Teil ist Talent oder Instinkt.

Michaela Boland:

Was genau raten sie dann Menschen, die Schriftsteller werden wollen?

Justin Cronin:

Ich sage ihnen,  "ihr müsst das Ganze wie einen Job behandeln. Stellt euch jeden Tag aufs Neue unter Beweis".

Michaela Boland

Wenn es wie ein ganz normaler Job anzusehen ist, können sie sich dementsprechend auch einfach morgens hinsetzen und drauflos schreiben, so wie Menschen in herkömmlichen Berufen auch morgens anfangen und drauflos arbeiten?

Justin Cronin:

Ja, es ist einfach harte Arbeit.

Michaela Boland:

Man braucht insoweit nicht auf Eingebung zu warten, bis einen sozusagen die Muse küsst?

Justin Cronin:

Nun, ich will ja nicht sagen, dass das Ganze eine mystische Qualität hat, dann müsste man sich zunächst  wieder die Frage stellen, woher Kunst kommt. Vielleicht irgendwo von oben? Möglicherweise vom Kölner Dom, vor dem wir jetzt gerade sitzen? (lacht) Keine Ahnung. Aber in jedem Fall bekommst du nichts getan, bevor du nicht an deinem Schreibtisch sitzt. Also, man sollte zunächst mal dafür sorgen, dass man an seinem Schreibtisch Platz nimmt. Wenn ich ein Buch schreibe, verbringe ich ungefähr sechs Monate damit, darüber nachzudenken und ca. 18 Monate, es niederzuschreiben.

Michaela Boland:

Wie läuft es dann konkret innerhalb des ersten halben Jahres ab?

Justin Cronin:

Da schreibe ich eigentlich eher aufs Geratewohl los, scroll dann rauf und runter. Allerdings mache ich mir schon eine Liste der Ereignisse, was wann passiert. Man muss sich das vorstellen wie eine ganz strikt geplante Architektur. Die Dinge müssen ja auch in ihrer Logik zusammenpassen und in Zeit, Raum und Handlung aufeinander abgestimmt sein und in einer bestimmten Reihenfolge passieren.

Alles muss Sinn machen. Manchmal sehe ich Filme und wenn ich sie dann ein zweites Mal sehe, dann frage ich mich Sachen wie, "warum hat er jetzt nicht sein Telefon benutzt und den anderen informiert". Also, manchmal passen die Geschehensabläufe gar nicht zusammen. Man muss immer sicherstellen, dass man nachvollziehbare Bedingungen für das, was geschieht, schafft, und das bedarf einer ganzen Menge detaillierter Planung.

Michaela Boland:

Haben sie insoweit für die Passage-Trilogie von vorne herein derartig viele unterschiedliche Charaktere eingeplant, wie letztendlich mitspielen? Bereits im ersten Teil, " Der Übergang", werden ja schon zu Beginn jede Menge Personen eingeführt.

Justin Cronin:

Ja, die meisten in der Tat. Allerdings kamen auch einige erst zu einem späteren Zeitpunkt ins Spiel. Dies war dann allerdings lediglich notwendig, weil sie einen Job erfüllen mussten, von dem ich wusste, dass ich da noch weitere Charaktere benötigen würde, um das zu gewährleisten. Insoweit war das Mittel zum Zweck und nicht weiter überraschend.

Michaela Boland:

Ist es für sie grundsätzlich leicht, sich in unterschiedliche Charaktere hineinzufühlen? Immerhin ist die Protagonistin aus "Der Übergang" zunächst erst sechs Jahre alt. Inwieweit war ihnen dabei womöglich ihre damals noch kleine Tochter hilfreich?

Justin Cronin:

Ich habe jede Menge Zeit mit einem kleinen Mädchen verbracht, allerdings ist meine Tochter nun natürlich nicht mehr klein. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, herauszufinden, wie sich die Gedanken des Lesers besetzen lassen. Und bevor du das nicht vermagst, wirst du dein Leben lang nur immer wieder deine eigene Biographie zu Papier bringen und das ist in meinen Augen das nervigste, was ich mir vorstellen kann. Ich weiß einfach nicht, wie man jeden Morgen aufstehen und so etwas machen mach. Ich habe tatsächlich auch Schriftsteller kennengelernt, die im Grundsatz ihre eigene Lebensgeschichte sechs Mal in sechs unterschiedlichen Geschichten umgesetzt haben. Das kommt schon ein wenig schräg rüber.

Michaela Boland:

Wie kann man ausschließen, dass man regelmäßig etwas von sich selbst in die Charaktere einfließen läßt?

Justin Cronin:

Da ist schon immer irgendetwas von mir in jedem einzelnen Charakter meiner Bücher. Ganz sicher sogar. Wir sind ja alle Menschen. Mein Gefühl für menschliches Verhalten führt dazu. Jeder startet ja nun einmal an der Basislinie der Menschlichkeit. Das ist der Grund dafür, warum ich überhaupt dazu in der Lage bin. Wenn ich mir zum Beispiel die Frage stelle, wie kann ich aus der Perspektive eines Obdachlosen schreiben, dann beantworte ich sie mir dahingehend, dass dieser Obdachlose im Prinzip genau wie ich ist.

Er hat zwar andere Leidenserfahrungen gemacht als ich, hat einen anderen Hintergrund und die Welt hat ihn sicherlich völlig anders betrachtet. Aber in diese äußeren Umstände kann ich mich hineindenken. Man muss einfach darauf vertrauen, dass uns schließlich allen die Menschlichkeit gemein ist. Mich in unterschiedliche Charaktere hineinversetzen zu können ist aber auch meine Aufgabe als Schriftsteller. In meinem ersten Buch, welches ich 2001 veröffentlicht habe, gibt es eine Wehen- und Geburtsszene.

Da wird also ein Kind geboren und dies wird aus der Perspektive einer Frau geschildert. Ich habe sehr oft gehört, dass dies absolut überzeugend war. Einige Frauen, die das Buch gelesen hatten, haben anschließend gesagt, "Wow, das ist die beste Geburtsszene, die ich je gelesen habe, und ein Mann hat sie geschrieben. Wie ist das möglich". Die Antwort lautet: Ich habe eben einfach viel gelesen. Das Lesen ist das beste Mittel, um ein guter Schriftsteller zu werden.

Darüber hinaus habe ich auch erlebt, wie meine Frau das erste und später das zweite Kind bekommen hat. Ich war mit im Raum, also weiß ich natürlich, was bei so einer Geburt auf einen zukommt. Ich weiß, wie sie sich offensichtlich währenddessen fühlte. Aber natürlich ist es, was die Schmerzen anbelangt, etwas völlig anderes, ob du selbst mitten im Geschehen bist, oder, ob du wie ich, außerhalb des Geschehens stehst.

Ich sagte zu ihr, "Das ist super gutes Material", und fragte sie, "kannst du bitte gerade mal ganz genau beschreiben, was  in diesem Augenblick  mit dir geschieht". Leider war sie in dem Moment nicht sonderlich hilfreich. (lacht). Aber, was man natürlich tun muss, ist, seinen Geist immer wieder dahingehend zu schulen, sich in andere hineinzuversetzen.

Michaela Boland:

In ihrem Buch spielen Vampire eine Rolle. Mochten sie früher gerne Vampir- oder speziell Dracula-Filme?

Justin Cronin:

Einige durchaus. Ich wuchs ja in den Sechzigern und Siebzigern auf. Meine Kindheit ging von 1962 bis 1980. Wir hatten nicht ebenso großen Zugriff auf  kommerzielle Unterhaltungsmöglichkeiten wie die Kids von heute. Es gab gerade mal drei Fernsehprogramme bei uns zu Hause und das auch noch in schwarz-weiß. Wir hatten zwei Kinos in der Nähe mit jeweils einer Leinwand und als das eine Kino eine zweite Leinwand erhielt, kam das fast einem Skandal gleich.

Ein Film wurde im Kino über Monate gespielt. Ich hatte auch nicht so viel Zugriff auf die Popkultur. Ich beschäftigte mich meistens mit Wörtern. Die Bücher, die ich las, waren die, die ich entweder einmal im Jahr beim Taschenbuchtrödel in der Schule erwerben  oder alles, was ich in der Schulbibliothek ausleihen konnte. Also, was habe ich damals eigentlich aufgenommen?

In jedem Fall habe ich eine Menge phantastischer Romane und Science Fiction verschlungen. Die Sechziger und Siebziger Jahre waren eine gute Zeit für das Science Fiction-Genre. Und ich las jede Menge davon. Ich sah allerdings auch viele große Filme, die zu dieser Zeit herauskamen. Zum Beispiel "2001: Odyssee im Weltraum" oder  "Planet der Affen".

Michaela Boland:

Haben sie auch die Neuverfilmung dieses Klassikers  mit Mark Wahlberg gesehen?

Justin Cronin:

Oh, bitte. Sogar die allerneuste Wiederverfilmung ist so stupide. Das Original ist ein regelrechtes Monument, es ist großartig. Da kann nichts herankommen. Ich habe jedenfalls früher viel Phantasy- und Science Fiction in mich aufgesogen, demgegenüber nicht so viel Horror. Der einzige Horror, den ich konsumierte, war eher in Buch-bzw. Heftform. Ich verbrachte mal einen Sommer bei meiner Großmutter und da gab es einen Süßigkeitenladen in der Nähe. Die hatten auch Comichefte, gleich neben der Tür in einem Drahtständer, welche einen Vierteldollar kosteten.

Ich bekam damals immer 25 Cent die Woche für Süßigkeiten, die ich aber regelmäßig in Comichefte investierte. Zum Beispiel "Märchen aus dem Gruft" oder was auch immer. Auf die Art bezog ich also meinen Horror. Irgendwann sah ich auch mal den Original-Dracula-Film, der aber eher schwerfällig daherkam und mich sogar langweilte. Es gab auch mal eine Vampir-Soap-Opera im Fernsehen, die alle von uns sahen. Sie kam immer nachmittags um drei oder vier Uhr.

Es war eine sehr preisgünstig produzierte Serie. Sie hieß "Dark Shadows" und wurde vor kurzem sogar noch einmal als Komödie mit Johnny Depp in der Hauptrolle neu verfilmt. Der Film war zwar ein absoluter Flopp, aber die Serie war so eine Art Klammer rund um meine Kindheit. Somit habe ich mehr oder weniger dasselbe aufgenommen wie die meisten Leute. Ich wurde mit Filmen wie "Planet der Affen" und Konsorten geradezu an die sogenannte Endzeit-Thematik herangeführt, denn wir befanden uns ja im Kalten Krieg. Wir haben damals alle wirklich geglaubt, dass die Welt in absehbarer Zeit untergehen würde.

Michaela Boland:

Die latente Angst davor schlummerte somit in der ganzen Generation?

Justin Cronin:

Ja, auf jeden Fall. Ich wurde beispielsweise sechs Wochen vor der Kuba-Krise geboren. Die Welt, wie wir sie kannten, hätte damals tatsächlich beinahe ein Ende gefunden. Da hat  immerhin bei Weitem einer der gefährlichsten Momente in der Geschichte der Menschheit stattgefunden. Als es soweit kam, hatten wir keinerlei Maßstab für so etwas, womöglich waren die Dinge  einfach bar jeden Verstandes. Auf jeden Fall war ich nun mal ein Kind des Kalten Krieges und ich glaube, wir alle haben uns häufig recht intensiv damit beschäftigt.

Michaela Boland:

Sie haben geäußert, dass Vampirgeschichten aus unterschiedlichen Zeiten allesamt verschiedene Aussagen tätigten. Wie ist das konkret gemeint?

Justin Cronin:

Die Vampirgeschichte ist an für sich keine eigenständige Geschichte bei mir, sondern dient lediglich als Füllstoff. Es ist einfach nur Material, dass du zu unterschiedlichen Zwecken gebrauchen kannst. Vampire sind in gewisser Weise einfach anders als andere Monster. Ich habe es nur aufgegriffen, weil ich Stoff brauchte, ich war aber keinesfalls irgendwie darauf festgelegt. Vampire sind von daher interessanter als andere Monster,  weil sie mehr Details aufweisen. Es gibt ja insgesamt vier Grund-Monster-Typen.

Da haben wir das Frankenstein-Monster, den Werwolf, den Zombie und den Vampir. Das ist es schon. Alles passt ganz gut in eine dieser Kategorien. Bei den Werwölfen ist es einzig die Frage nach Mensch oder Hund, aber das kennen wir ja schon zur Genüge. Bei "2001: Odyssee im Weltraum" war beispielsweise der Computer das Frankenstein-Monster. Das stand für die Angst vor den neuen Technologien. Doch eigentlich fühlen wir uns mit den Annehmlichkeiten der neuen Technologien ja durchaus wohl.

So könnte ich zum Beispiel sagen, dass mein I-Phone mein Frankenstein-Monster ist, aber ich laufe den ganzen Tag damit herum und es ist ausgesprochen angenehm. Bei Zombies gibt es ja an für sich nicht allzu viel zu sagen, außer, dass man in den Zombie-Erzählungen früher oder später eben immer  zu dem Schluss kommt, dass Zombies schon tot sind, und es nicht notwendig ist, erneut auf sie zu schießen. Einmal abgesehen davon, dass es sogar eher unangenehm sein könnte.

Es kommt immer zu einer Parität. Aber rund um die Vampire kann man immer mit den Einzelheiten wie Knoblauch, Spiegel oder Tageslicht spielen. Es ist eine recht biegsame Thematik, deshalb kannst du sie immer wieder auf eine neue Geschichtenart anwenden und es wird funktionieren. Das ist der Grund dafür, warum man die Vampirgeschichten immer wieder aufs Neue anwenden kann. Ich habe sie in meinen Büchern nur benutzt, um das Problem der Gefahrschaffung in der Welt zu lösen. Ich wollte nämlich keinerlei Elemente der Magie in meiner Geschichte haben.

Michaela Boland:

Da möchte ich sie sogleich unterbrechen und fragen, was es dann  im ersten Buch in einer Szene damit auf sich hat, dass Protagonistin Amy (sechs Jahre) mit ihrer bloßen Anwesenheit im Zoo dafür sorgt, dass sämtliche Tiere wie von Zauberhand getrieben, panisch die Flucht ergreifen, sobald sie die Anwesenheit des Kindes spüren? Das mutet irgendwie durchaus wie Magie an, wenngleich auch eher dunkler? Wirkt spooky.

Justin Cronin:

Jeder fragt mich danach. Es ist tatsächlich gruselig. Aber, alles innerhalb des Buches besitzt eine Analogie innerhalb der Natur. Das ist nicht magisch. Das kann es natürlich sein, wenn man es so sehen will. Ich würde das jedoch nicht sagen, da gibt es keine Magie im Buch, außer vielleicht Gott. Aber es ist ja bekannt, dass Tiere über eine gewisse Sensitivität verfügen, die wir nicht nachvollziehen können. Man kennt ja die Geschichten darüber, dass Tiere bestimmte Ereignisse lange spüren, bevor sie tatsächlich eintreten. Man könnte sich die Szene im Buch insoweit so erklären, dass Amy so eine Art Erdbeben ist.

Michaela Boland:

Allerdings würde das ja bedeuten, dass Amy bereits zu einem Zeitpunkt eine "Art Erdbeben" ist, lange bevor sie die Injektion mit dem synthetisierten Virus zwangsweise verabreicht bekommt. Warum ist das Kind in ihrer Geschichte denn von vorneherein "merkwürdig"?

Justin Cronin:

Die Erklärung, die ich üblicherweise für diese Szene im Buch gebe, wenn ich auf den Umstand angesprochen werde, dass die Tiere im Zoo Amy  bereits vor der Injektion als eine Art Erdbeben empfinden, ist die, dass sie eben eine Materie von solch kosmischer Bedeutung ist, dass es das Universum längst weiß.

Michaela Boland:

O.K.. Das muss ich dann wohl so hinnehmen.

Justin Cronin:

Vielleicht ist es einfach genau das, was Tiere voraussehen, wenn Erdbeben nahen, ich weiß es nicht. Es gibt nun mal viele Dinge in der Natur, die wir nicht erklären können. Vor 20 Jahren wäre mein I-Phone noch Magie gewesen. Da ist aber eben auch eine Menge Physik im Spiel. Die einzige Art von Magie, die ich vielleicht in "Der Übergang" eingearbeitet habe, ist womöglich der Umstand, dass die Vampire Angst vor Kreuzen haben. Also eine Art christliche Magie. Das ist auch schon alles.

Die Sache mit den Spiegeln, in denen Vampire typischerweise kein Spiegelbild haben, habe ich bewusst weggelassen, sondern das Gegenteil umgesetzt. Bei mir können sie in den Spiegel blicken, doch was sie dort sehen, macht sie regelmäßig sehr traurig. Es ist sogar extrem schmerzhaft für sie. Sie erkennen, was aus ihnen geworden ist im Vergleich zu dem, was sie einmal waren.

Das ist ja auch typischerweise das, was Menschen widerfährt, wenn sie älter werden. Das ist alarmierend. Ich beobachte das bei mir selbst ja auch. In dir drin fühlst du dich  immer wie du, ob du 18, 25 oder wesentlich älter bist, aber äußerlich bleibst du es eben nicht.

Michaela Boland

Sie können sich hinsichtlich ihres nach wie vor jungenhaften Aussehens doch eigentlich nicht beschweren.

Justin Cronin:

Vertrauen sie mir, ich kann. (lacht)

Michaela Boland:

Sind sie gläubig?

Justin Cronin:

Sicher. Ja, es ist sehr hilfreich.

Michaela Boland:

Am Anfang des Buches "Der Übergang" begeben sich einige Wissenschaftler auf eine Expedition in den Dschungel. Die Vorkommnisse dort führen zu genetischen Veränderungen bei einigen der Überlebenden. Wie intensiv mussten sie sich hierfür  in die Materie der Mutation durch fremdartige Viren einarbeiten?

Justin Cronin

Ich musste mich in jede Menge unterschiedliche Bereiche erst intensiv einarbeiten. Es gibt manches, in das man sich tiefer einarbeiten muss als in anderes. Ich bin natürlich kein Fachmann für diese Dinge, aber, Gott sei Dank gibt es das Internet. Als ich damals mit dem Schreiben anfing, gab es das ja noch nicht, da musste man immer in die Bibliothek marschieren und manchmal tue ich das sogar noch heute. Bei dem ganzen Themenkomplex rund um das Militär benötigte ich Fachwissen.

Dafür brauchte ich dann tatsächlich jemanden, der mir dabei helfen konnte. Die meisten Dinge lassen sich durch selektives Suchen aber verhältnismäßig leicht selbst herausfinden. Das medizinische Fachwissen, das ich brauchte, konnte ich allerdings durch einen ehemaligen Freund erwerben, der Arzt und auf Krebs spezialisiert war. Ich weiß zwar nicht  mehr, wie wir auf dieses Thema kamen, aber er erwähnte einmal, dass bei Patienten, die Krebs hatten, die Thymusdrüse eine entscheidende Rolle spielen kann. Sie hat eine wichtige Funktion innerhalb der Immunabwehr. Das war genau das, was ich brauchte.

Micaela Boland:

Ist es nicht hin und wieder ermüdend, wenn man inmitten seines kreativen Schreibflusses immer wieder Fachwissen recherchieren muss?

Justin Cronin:

Überhaupt nicht. Es macht tatsächlich großen Spaß und man lernt eine Menge dabei. Es hilft einem sogar dabei, die Geschichte im Kopf klar und vor allem rund zu bekommen. Für das zweite Buch musste ich jede Menge über Petroleum lernen. Beispielsweise über die Verfeinerung von Petroleum. Im zweiten Teil, "Die Zwölf", spielt Öl eine wichtige Rolle. Manche Sachen kann ich, um ehrlich zu sein,  auch einfach machen, weil ich einige Dinge ohnehin schon weiß.

Insoweit wusste ich zum Beispiel, dass die strategischen Petroleum Reserven zum Teil in Freeport in Texas liegen. Milliarden von Barrels werden dort von der Regierung für den Fall eines Krieges gehortet. Es wurde auch versucht, die Märkte zu stabilisieren. Nicht raffiniertes Öl wurde einbehalten. Ich weiß wo es ist, ich weiß, warum wir es haben und ich weiß das, weil ich ein Typ bin, der schlicht und ergreifend eine Menge Zeug lernt.

Es ist unglaublich hilfreich, wenn man Kenntnis über viele unterschiedliche Dinge hat, wenn es darum geht, mit einer Geschichte anzufangen. Also, ich  wusste zwar, wo sich das Öl befand, aber es galt für mich noch herauszufinden, wie man es raffiniert. Und konkret, wenn man es raffiniert, wieviel man dann erhält, wie viel Kerosin dabei herauskommt und wie man das ganze transportiert. All das habe ich dann eben versucht herauszufinden. Und das ist mir dann auch in allen Einzelheiten gelungen.

Michaela Boland:

Legen die Leser großen Wert darauf, dass innerhalb ihrer fiktionalen Geschichten die beschriebenen Fakten auch wirklich den Tatsachen entsprechen und überprüfen ihre Angaben gegebenenfalls?

Justin Cronin:

Manchmal machen sie das tatsächlich. Ich habe beispielsweise viele Leser, die dem Militär angehören und da hat man natürlich häufig viel Zeit, wenn nichts zu tun ist. Man kann da ja nicht mal eben irgendwohin ausgehen, sondern muss in seiner Uniform, manchmal bei unangenehmen Temperaturen, an der Basis bleiben und sitzt nur herum. In dieser Zeit kann man eben lesen. Sehr viel lesen sogar. Deshalb lieben sie dort oftmals Bücher und handeln sogar untereinander damit.

Ein Soldat erzählte mir einmal, dass bei der Army Bücher das seien, was im Gefängnis Zigaretten sind. Ich treffe ja hin und wieder Soldaten bei Bookevents, auch emailen sie mir oder kommunizieren über Facebook mit mir. Außerdem habe ich auch Bekannte unter ihnen, die mir für bestimmte Sequenzen im Buch hilfreich zur Seite gestanden haben. Jedenfalls würden diese Leser sofort merken, wenn das, was ich beispielsweise im Hinblick auf militärische Strukturen oder gar Feuerwaffen schreibe, nicht der Realität entsprechen würde.

Leider werden in den meisten Büchern Fachkenntnisse nur vorgetäuscht und das sehr schlecht. Ich halte es grundsätzlich gegenüber den Menschen für despektierlich, wenn man bestimmte Sachen, von denen man keine Ahnung hat, niederschreibt, ohne zuvor zu recherchieren, wie sich die Dinge tatsächlich verhalten. Man kann natürlich nicht immer alles hundertprozentig richtig hinbekommen, aber ich versuche stets, so viel ich kann, richtig zu machen. Mir geht es eben darum, die Leser auch zu überzeugen und dadurch alles, was ich schreibe, als durchaus möglich erscheinen zu lassen.

Michaela Boland:

Egal, mit welcher Thematik?

Justin Cronin.

Ja. Mir wurde zum Beispiel gesagt, "Was, es sollen Vampire in deiner Geschichte vorkommen? Nimmst du uns auf den Arm", aber ich habe einfach versucht, diese Thematik dennoch komplett möglich und nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Und das Ergebnis ist, dass mir die Leute heute wirklich sagen, "wow, das, was du geschrieben hast, wirkt so echt, dass es definitiv angsteinflößend ist".

Michaela Boland:

Wie weit gehen ihre Recherchen üblicherweise?

Justin Cronin:

Um etwas über Feuerwaffen zu lernen, habe ich mich zum Beispiel intensiv in die Materie eingearbeitet, da in den Büchern immer wieder mal solche Waffen zum Einsatz kommen. Also weiß ich nun alles darüber. Wie sie funktionieren und wie sie anzuwenden sind. Vor kurzem musste meine Tochter mal etwas darüber wissen, also bot ich ihr an, ihr eine Lehrstunde über Pistolen zu geben. 

Anschließend waren wir im Kino in einem Film mit Tom Cruise, "Jack Reacher", und konnten bei den Szenen, in denen er eine Waffe gebrauchen musste, beinahe überhaupt nicht hinsehen. Das war so lächerlich. Ich sah meine Tochter an und fragte sie, "was stimmt da gerade nicht in diesem Bild". Sie antwortete: "Zwei Dinge sind komplett falsch: Seine Waffe befindet sich überhaupt nicht in der richtigen Position und sein Finger berührt nicht mal ansatzweise den Auslöser."

Michaela Boland:

Sie waren ihr offenbar ein guter Lehrer.

Justin Cronin:

Ja. Allerdings gibt man sich in Hollywood auch nicht gerade die größte Mühe, die Dinge real erscheinen zu lassen. Ich kann mir mittlerweile kaum mehr einen solchen Film ansehen, weil es häufig so lachhaft dargestellt wird. Dort ist immer nur wichtig, dass alles irgendwie cool aussieht. Es wird häufig so umgesetzt als ob das alles nur ein Spiel wäre.

Michaela Boland:

Wie steht es mit den Dreharbeiten zum Film ihres ersten Trilogie-Teils "Der Übergang", deren Regie Gerüchten zu Folge von Star-Regisseur Ridley Scott übernommen werden soll? Verschiedenen Medien war zu entnehmen, dass die Filmrechte hierfür von der 20th Century Fox nach einem Wettstreit mit den Mitbewerbern  Universal, Warner Brothers und Sony vor kurzem für 1,75 Millionen Dollar erworben wurden.

Justin Cronin:

Die Filmrechte sind in der Tat erworben worden, allerdings wurde der Film bisher noch nicht gemacht.

Michaela Boland:

Haben sie eigentlich auch die Twilight-Bücher gelesen? Da ging es ja beispielsweise auch sehr erfolgreich um Vampire?

Justin Cronin:

Ich habe das niemals gelesen. Ist das nicht auch Lektüre für pubertierende Mädchen? Sehe ich etwa aus wie ein weiblicher Teenager? (lacht

Michaela Boland:

Nun ja, sie haben ja eine pubertierende Tochter zu Hause, doch abgesehen davon behandelt es ja auch das derzeit in Literatur und Film extrem angesagte und vor allem lukrative Thema des Vampirismus.

Justin Cronin:

Dann könnte es zumindest sein, dass jemand in meinem Haushalt es gelesen hat. Nun, ich weiß natürlich grob, worum es geht. Es handelt sich dabei ja um junge Erwachsenenliteratur, die für Mädchen geschrieben wurde. Ich plante übrigens die Passage-Trilogie, bevor Twilight heraus kam. So war Twilight nie auf meinem Radar. Natürlich gibt es immer Menschen, die glauben, man würde da auf irgendeinen Zug aufspringen. Aber das trifft für mich nicht zu. Ich bin ein schrecklicher Geschäftsmann und ich bin kein Stratege. Ich habe einfach das gemacht, was ich gemacht habe. Andernfalls ist man ja auch nicht man selbst. Es sollten immer die eigenen Ideen sein, die man umsetzt.

Michaela Boland:

Sie werden immer wieder mit Stephen King verglichen. Gibt es da aus ihrer Sicht  wirklich Gemeinsamkeiten?

Justin Cronin:

Das weiß ich nicht. Wenn ich meine Fiktion betrachte, so sehe ich Dinge, die niemand sonst schreibt. Ich sehe das Ganze auch anders. Der Vergleich mit Stephen King ist natürlich sehr schmeichelhaft. Aber das kommt oft nur daher, weil mein Buch mit King`s "The Stand" verglichen wird. Wobei ich finde, dass es kaum etwas damit gemein hat. Abgesehen davon, dass die Welt in beiden Büchern irgendwie droht, unterzugehen.

Aber darüber hinaus sehe ich nicht mehr Gemeinsamkeiten. Mein Buch ist natürlich ebenfalls recht lang gehalten und hat eine Menge Charaktere, außerdem wird auch beinahe die komplette amerikanische Landschaft darin benutzt, also, wenn man davon ausgeht, gibt es schon Dinge, die man jeweils  in Kings und meinem Buch findet.

Michaela Boland:

Also ist es im Prinzip so als würde man Justin Cronin und Stephen King anhand des Kriteriums vergleichen, dass sie beide über eine gültige Fahrerlaubnis verfügen?

Justin Cronin.

Das kommt dem sehr nahe. (lacht) Das, was wir womöglich tatsächlich gemeinsam haben, ist die Zuneigung zu unseren Charakteren. Das ist auch etwas, worin King wirklich sehr gut ist. Er ist auch ausgesprochen produktiv und in dem was er macht, ist er einzigartig.

Michaela Boland:

Manche Menschen fragen sich auch, wie jemand mit überdurchschnittlich viel abgedrehten Romanstoffen wohl persönlich drauf sein könnte.

Justin Cronin:

Ich habe Stephen King erst einmal getroffen, daher kann ich nicht beurteilen, was er für ein Typ ist. In jedem Fall lässt sich aber sagen, dass er unglaublich fleißig ist und viel hervorbringt. Da draußen gibt es nur wenige Schriftsteller, die ähnlich viel schaffen. Dass er derart viele Geschichten zu erzählen hat, macht ihn einzigartig und nicht unbedingt verrückter als andere.

Michaela Boland:

Wie einfach ist es, die Spannung in einem Buch, bzw. bei ihnen sogar über eine Spanne von drei Büchern, quasi dauerhaft aufrecht zu erhalten?

Justin Cronin:

Man kann natürlich kein Buch verkaufen, das eine Million Wörter beinhaltet. Deshalb musste ich die Geschichte auf drei Bücher verteilen. Alles benötigt einmal Ruhepausen. Deshalb gibt es Kapitel. Die Story gliedert sich in Bücher, die Bücher wiederum in Abschnitte, diese dann in Kapitel und jene sind sogar noch mal in Unterkapitel unterteilt. Dadurch schafft man ein System, in dem sich Aktivität und Ruhe abwechseln. Ähnlich wie in der Musik.

Da kann man ja auch nicht ein Crescendo nach dem anderen bringen, denn sonst vertreibt man das Publikum womöglich aus der Konzerthalle. Das sind lediglich organisatorische Werkzeuge. Mir selbst sind die ruhigen Momente die liebsten. Die lauten haben natürlich eine gewisse Bühnentauglichkeit und du stellst dir immer vor, wie die Abteilung "Special Effects" sie einmal umsetzen wird.

Aber die stillen Momente zwischen den Charakteren in der Geschichte sind die, bei denen der Leser auch am meisten über sie erfährt. Außerdem liegen sie mir beim Schreiben auch am meisten. Wenn man schon so lange schreibt, dann benutzt man auch sämtliche stilistischen Werkzeuge, die es gibt. Das kann alles Mögliche sein, bei jeder Art von Szene. Es ist fast so, als wolle man rein gar  nichts vermissen lassen, sondern jedwede Möglichkeit ausschöpfen.

Michaela Boland:

Ist jemand wie sie, der daran gewöhnt ist, extrem lange Geschichten zu verfassen, auch dazu in der Lage Shortstories zu produzieren?

Justin Cronin:

Das weiß ich gar nicht. Ich habe tatsächlich mal damit angefangen. Die meisten jungen Autoren machen ja so etwas, weil der Aufwand um einiges geringer ist. So eine Kurzgeschichte kostet dich vielleicht eine Woche, zwei oder höchstens mal einen Monat Zeit.

Michaela Boland:

Bei der Kurzgeschichte ist dann also keine aufwendige Recherche notwendig?

Justin Cronin:

Dafür bleibt keine Zeit. Im Bereich der Short Fiction geht es ja lediglich um eine Episode im Leben einiger Menschen. Das ist dann vielleicht mal 20 Seiten lang und nicht 900. Davon abgesehen ist es aber auch eine der schwierigsten Formen, da dort sehr exakt gearbeitet werden muss. Wenn so etwas richtig gemacht ist, dann hängt alles in der Geschichte mit allem Übrigen zusammen und das zu einhundert Prozent.

Alles muss zueinander im Verhältnis stehen, wenn die Arbeit keine Zeitverschwendung gewesen sein soll. Im Roman habe ich ja demgegenüber jede Menge Raum, um die Dinge zu einem Abschluss zu bringen. Mit Kurzgeschichten habe ich deshalb immer zu kämpfen. Ich bin definitiv besser in Längen als in der Kurzform. Ich habe auch seit Ewigkeiten keine Kurzgeschichte mehr geschrieben. Ich habe es eigentlich 2001 für das Romanschreiben aufgegeben.

Michaela Boland:

Sie haben eben beschrieben, dass die Struktur der Geschichte schon von vornherein von ihnen festgelegt wurde. Was geschieht jedoch, wenn ihnen beim Schreiben plötzlich weitere gute Eingebungen für die Story kommen? Schieben sie das Ende dann womöglich weiter hinaus oder verwerfen sie die neuen Ideen?

Justin Cronin:

Ich weiß immer schon zu Beginn ganz genau, wann und wo die Geschichte endet. Deshalb würde ich auch gar keine andere Idee zulassen,  denn das Ende klärt alles auf. Alles, was in der Geschichte geschieht, läuft ja genau auf dieses Ende zu, welches ich mir von vorneherein überlegt habe. Würde ich durch neue Eingebungen plötzlich von meinem geplanten Kurs abweichen, würde es die komplette Struktur des Gebildes in Gefahr bringen.

Bei seinem Kurs zu bleiben, macht die Story zu einer guten Geschichte. Man kann es sich vorstellen, wie beim Hausbau. Plant man von Anfang an ein dreistöckiges Gebäude, würde ein ungeplantes viertes womöglich alles zum Einsturz bringen. Es kann höchstens einmal sein, dass ich mir später eingefallene Ideen noch für den Epilog vorbehalte.

Michaela Boland:

Wie sind sie auf die Titel der Bücher gekommen?

Justin Cronin:

Die sind mir einfach so in den Sinn gekommen.

Michaela Boland:

"Die Zwölf" lässt einen sogleich an Jesus und seine Jünger denken. War das beabsichtigt?

Justin Cronin:

Absolut.

Michaela Boland:

Wie weit sind sie augenblicklich schon mit Teil drei der Trilogie?

Justin Cronin:

Weit, aber noch nicht weit genug. Ich habe im Sommer des letzten Jahres angefangen, aber die tatsächliche Zeit, die ich bisher daran arbeiten konnte, waren nur wenige Monate, denn im Oktober erschien der zweite Teil  "Die Zwölf", bei uns in den USA und so musste ich dort zunächst einmal für zwei Monate auf Lesetour gehen und dann kam schon Weihnachten. So hatte ich die ersten Monate dieses Jahres und dann bin ich auch hier auf Büchertour gegangen.

Michaela Boland:

Haben sie für den dritten Teil eigentlich auch eine Deadline?

Justin Cronin:

Ja, wahrscheinlich. Wie ich über Deadlines denke, ist, wie ich glaube, hinreichend bekannt. (lacht). Eine Deadline zu haben, ist sehr hilfreich. Zu wissen, wann genau sie erreicht ist, ist es nicht. Wenn ich schon mal journalistisch arbeite, stellt das kein Problem für mich dar. Da ende ich sogar früher als ich muss. Im fiktionalen Bereich eher nicht. Insoweit ist eine Deadline für mich eher ein abstraktes Hilfsmittel. Sie sorgt dafür, dass man seinen Hintern hoch bekommt  und sich dann gleich an seinen Schreibtisch setzt.

Michaela Boland:

Befindet sich ihr Büro direkt in ihrem Haus in Texas?

Justin Cronin:

Es ist über der Garage. Wenn ich es betrete, tue ich dort in der Regel auch nichts anderes als arbeiten. Da habe ich absolute  Ruhe. Selbst, wenn meine Frau etwas von mir möchte, schreibt sie mir eine Mail. Wenn meine Kinder zu Hause sind, was häufig der Fall ist, können sie mich so nicht stören. Ich reagiere dann eigentlich nur, wenn Blut fließt oder der Feueralarm ausbricht. Dadurch, dass ich es zur Arbeit so nahe habe, spare ich ja auch jede Menge Zeit. Während andere eine Stunde brauchen, um zu ihrem Job zu gelangen oder um abends wieder zurück zu kommen, liege ich noch im Bett und lese.

Michaela Boland:

Welchen Hobbies gehen sie in ihrer Freizeit nach?

Justin Cronin:

In erster Linie Sport. Ich spiele  viel Tennis, fahre Rad und mache Fitnesstraining. Ich mache jeden Tag ein Workout. Ich bin früher auch gelaufen, sogar 25 Jahre lang. Aber jetzt machen das meine Knie nicht mehr mit. Ich spiele auch Klavier, zwar nicht gut, aber das ist jetzt eine Art neues Projekt für mich. Ich habe das mal als Kind begonnen und jetzt plane ich, es einigermaßen zu beherrschen bis ich 60 bin. Aber meine Finger sind eher langsam und ich habe auch viel von früher vergessen.

Michaela Boland:

Ist Musikalität in ihren Augen sehr hilfreich für das Schreiben?

Justin Cronin:

Oh ja. Sprache vollzieht sich ja auch in den Ohren. Der Rhythmus, den ein Satz schafft, kreiert physische Empfindungen im Körper des Lesers. Unterschiedliche Satzarten verändern sogar visuell die Erfahrung, die man beim Lesen eines Buches macht.

Michaela Boland:

Welche Menschen lesen ihre Bücher?

Justin Cronin:

Für Amerika kann ich das ganz gut beurteilen, weil ich ganz ungezwungen mit ihnen sprechen kann. So weiß ich, wer meine Bücher liest. Dort ist die Leserschaft auf alle möglichen Bevölkerungsgruppen verteilt. Solche, die typischerweise literarische und solche, die kommerzielle Romandichtung lesen. Frauen, Männer. Im United Kingdom denke ich, dass es eher Menschen sind, die ein Interesse an Gothic Horror haben.

Meine Absicht bestand allerdings darin, ein Buch zu schreiben, für das jeder einen Grund finden könnte, es zu lesen. Ich denke, da gibt es ein breites Spektrum hinsichtlich ihres Alters und ihrer Bildung. Wenn dein Buch genauso von einem 16-jährigen wie von einem 60-jährigen gemocht wird, hast du alles richtig gemacht.

Michaela Boland:

Wurden die Bücher auch in Japan verkauft?

Justin Cronin:

Ja, sie wurden überall verkauft. Jedenfalls überall dort, wo man entweder in englischer Sprache lesen oder wo zumindest aus dem Englischen in die jeweilige Landessprache übersetzt werden und dann gelesen werden kann. Da blieben nicht viele Länder übrig, in denen das nicht der Fall war.

Michaela Boland:

Sind sie als ehemaliger Universitätsdozent eigentlich auch mit deutscher Weltliteratur vertraut?

Justin Cronin.

Ich wurde in amerikanischer und englischer Literatur ausgebildet, daher fürchte ich, dass meine Kenntnisse in deutscher Literatur  recht begrenzt sind, was wirklich sehr peinlich ist. Aber, das hat mich, ehrlich gesagt, auch noch niemand gefragt.

Michaela Boland:

Was nicht ist, kann ja noch werden.

Justin Cronin:

Ich habe jede Menge französische und auch russische Romane gelesen. Und ich erinnere mich dunkel daran, dass ich einmal ein  langes Schriftstück mit dem Thema "Der Tod in Venedig" (Anm. d. Red.: Novelle von Thomas Mann aus dem Jahre 1911) gelesen habe. Also, gilt es jetzt, auch mal wieder etwas Deutsches zu lesen. Ich muss ja auch ein wenig Deutsch lernen. Ihr bringt mir das schon näher.

Michaela Boland:

Haben sie sich denn schon unsere Hauptstadt Berlin ansehen können?

Justin Cronin:

Nein, sie haben mich noch nie dorthin geschickt. Ich würde gerne mal dorthin fahren.

Michaela Boland:

Ich hörte, dass sie immerhin schon mal der Stadt Wiehl die Ehre geben werden. (Anm. d. Red.: Stadt im Oberbergischen Kreis, 41 km Luftlinie östlich von Köln mit ca. 26.000 Einwohnern)

Justin Cronin:

(lacht) Ich habe keine Ahnung, warum sich dieser Umstand unter sämtlichen Kollegen aus meinem deutschen Verlag zu einem solchen Running Gag entwickelt hat.

Michaela Boland:

Sind sie ein ausgeprägter Familienmensch?

Justin Cronin:

Ja, das würde ich durchaus sagen. Die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich damit, etwas mit meinen Kindern zu machen und  meiner Arbeit nachzugehen.

Michaela Boland:

Besitzen sie auch ein Interesse an bildender Kunst?

Justin Cronin:

Nicht besonders, muss ich bekennen, denn mein Leben fokussiert sich tatsächlich in erster Linie auf meine Familie und meine Arbeit. Ich versuche in Form zu bleiben und lese jeden Tag die Zeitung. Bücher zu schreiben ist darüber hinaus auch eine extrem harte Arbeit und fordert viel Zeit. Ich finde, man sollte absolut ehrlich zu sich selbst sein, was die Dinge anbelangt, für die man sich interessiert oder eben nicht interessiert. Wenn man älter wird, muss man sich auch mal ein wenig herunterfahren, besonders, wenn ich bedenke, dass ich ohnehin nur so wenig Zeit in der Woche habe.

Wenn mein Sohn mit der High-School fertig ist, werde ich bereits 60 sein. Als ich damit fertig war, war mein Vater gerade mal 44. Das lässt mich vielleicht nun wie ein Kunstbanause wirken, aber als einige Leute hörten, dass ich nach Köln reisen würde, sagten sie mir, dass es hier einige wunderbare Museen gäbe. Aber, um ehrlich zu sein, war es das Letzte, was ich mir in der kurzen Zeit hätte vorstellen können, in irgendwelchen Museen umherzuwandeln.

Ich liebe es, draußen zu sein, Häuser anzuschauen. Vor zehn Jahren hätte ich das bestimmt gemacht, hätte Museen besucht und probiert, mich damit glücklich zu fühlen. Jetzt ist mir wichtig, zu wissen, was mich wirklich glücklich macht, was nicht und das auch zu artikulieren. Man sollte nicht immer nur nach den Wünschen anderer Menschen handeln, wenn man es selbst eigentlich gar nicht möchte.

Jetzt frage ich mich immer, was mich wirklich interessiert und nur darauf konzentriere ich mich. Am Anfang war es richtiggehend schwer, diese eigenen Impulse zu verteidigen. Es ist schließlich vordergründig immer viel einfacher, nachzugeben und bei dem mitzumachen, was sämtliche Leute toll finden und von dem sie dich dazu drängen, es ebenfalls toll zu finden. Jetzt tue ich glücklicherweise nur noch, was ich wirklich möchte und darauf bin ich auch ein wenig stolz.

Michaela Boland:

Wie reagiert ihr Umfeld darauf?

Justin Cronin:

Ich glaube, ganz gut. Ich wünschte, ich hätte das schon früher so gehandhabt. Ich kenne auch einige Menschen, die das schon viel früher so gemacht haben. Und ich bitte eben jetzt mein Umfeld, meine Wünsche zu respektieren. Man sollte sein Leben nutzen und nicht nur Konformität üben. Bei meiner Frau war es so, dass sie mit ihrer Promotion begonnen hatte, bis sie irgendwann bemerkte, dass sie das eigentlich gar nicht interessierte. Sie wollte nämlich ein weiteres Baby.

Michaela Boland:

Wie alt ist ihre Frau?

Justin Cronin.

47. An einen Punkt in ihrem Leben hat sie sich dann dafür entschieden, sich ganz intensiv um ihre Pferde zu kümmern, denn das ist, was sie wirklich aus vollem Herzen gerne tut. Sie arbeitet jetzt nicht mehr. Das interessiert sie nicht. Für mich ist es auch wichtig, dass sie nicht arbeitet, da ich ja nun sehr viel umherreisen muss und daher war es wichtig, dass sie zuerst mal ihren Job kündigt, damit sich jemand um die Kinder kümmern kann. Sie hat ja zuvor als Lehrerin gearbeitet und irgendwann hatten wir drei Personen in unserem Haushalt, die morgens zur selben Zeit an drei unterschiedlichen Schulen sein mussten. Das konnte auf Dauer ohnehin nicht funktionieren. Daher ist es jetzt gut. Meine Frau macht das, was sie ausfüllt.

Michaela Boland:

Haben sich die Menschen in ihrem Umfeld seit ihrem kometenhaften Aufstieg in der Welt der Literatur durch den Bestseller "Der Übergang" in ihrem Verhalten ihnen  gegenüber verändert?

Justin Cronin:

Die Antwort ist ja. Aber nicht meine wahren Freunde. Wenn man ein Buch schreibt und Menschen es lesen, dann meinen viele, den Autor  zu kennen. Sie machen eine ganz intime Erfahrung mit dir, die du aber nicht mit ihnen machst. Sie empfangen all diese Übertragungen aus deinem Gehirn, die sich mit ihren Gedanken vermischen. Ich kenne das, denn ich bin ja auch ein Leser. Wenn ich Jim Salter`s Bücher lese, denke ich auch manchmal, dass ich ihn gut kenne.

Aber so ist es ja nicht. So glauben eben viele, auch mich zu kennen und wenn sie mich dann treffen, sind sie wahrscheinlich enttäuscht. Also, insoweit macht es schon einen Unterschied, wenn du plötzlich eine Art öffentliche Figur bist. Ich merke das auch immer durch die sozialen Netzwerke. Ich nutze Facebook. Die Verleger wollen immer gerne, dass man diese Netzwerke nutzt, aber ich hätte es sowieso genutzt.

Ohne so etwas würde man gar nicht derart wahrnehmen können, was so geschieht. Früher machte man seine Lesungen, traf dort 50 bis 100 Menschen, ging anschließend wieder heim und das war es. Heute kann ich mit den Lesern, der Öffentlichkeit interagieren. Viele wollen gerne mit einem in Kontakt treten. So hat man im Prinzip zwei Leben. Ein öffentliches und ein privates.

Michaela Boland:

Lieber Justin Cronin, vielen Dank für dieses ausführliche Interview. Viel Erfolg beim Schreiben des dritten Teils der Passage-Trilogie, den wir mit großer Spannung erwarten, gute Reise zurück nach Houston und alles Gute für sie und ihre Familie.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

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