Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

02.12.2016 Eine junge, besondere Frau. Hübsch und apart

GFDK - Gottfried Böhmer

Die als Tochter türkischer Einwanderer in Berlin geborene Elif Demirezer schrieb bereits als Teenager ihre ersten eigenen Lieder. Im März 2013 brachte Universal ihre erste Single „Unter meiner Haut“ auf den Markt. Schon Mitte April stieg sie auf Platz 80 der deutschen Single-Charts ein.

Manche Dinge sind einfach nur eine Frage der Perspektive. Eine ausgeprägte Leidenschaft fürs Basteln zum Beispiel, kann nicht nur mit Schere und Papier zum Ausdruck gebracht werden. Elif erklärt uns euphorisch mit leuchtenden Augen: „Du kannst auch mit Musik basteln, du nimmst Eindrücke, Gefühle, vielleicht eine Melodie die dir morgens in den Sinn kommt – und daraus bastelst du dann ein Lied.

Eine junge, besondere Frau. Hübsch und apart

Und genau so bastelst du auch dein Leben. Wir alle tun das!“ Und spätestens seit ihrem berührenden Auftritt bei Inas Nacht mit dem Song „Nichts Tut Für Immer Weh“ Ende 2011 haben viele sehnlichst darauf gewartet mehr von Elif zu hören. Mehr von dieser entwaffnenden Stimme, die unverwechselbar ist und in ihren Songs all die schönen Schnipsel von Erinnerungen weckt, aus denen die Collage unseres eigenen Lebens besteht.

In ihrer ersten Single „Unter Meiner Haut“ geht es um eine besondere Begegnung in einer dieser besonderen Nächte von denen man sich wünscht, dass sie nie enden. Und auch um das, was Elif sich daraus gebastelt hat.

Elif ist nicht abgeklärt. Oft ist sie romantisch

Denn Elif ist eines dieser Mädchen, dieser jungen Frauen, die sich Hals-über-Kopf verlieben: in den vermeintlich „Einen“, mit dem man die ganze Nacht tanzt und „Panic At The Disco“ Songs singt, mit dem man wach bleibt bis weit in den nächsten Tag, aus Angst, dass der Rausch des Zusammenseins enden könnte.

Und der dann, wie so oft, doch geht bevor es verbindlich wird. Elif hat ihn nie wieder getroffen. Doch sie war verliebt, „aber mehr in die Idee, in das, was er sein könnte, in meine Träume, die ich in ihm gesehen habe“.

Portrait des Monats

Wenn sie nicht so große, braune Kulleraugen hätte, könnte man fast sagen sie sei "blauäugig". Aber genau diese ungefilterten, nicht zerdachten Emotionen sind es, die uns berühren wenn wir Elifs Musik hören. Aus den kleinen Momenten und den großen Träumen ihres jungen Lebens bastelt sie ihre Lieder.

Elif veröffentlicht nun ihr erstes Album – ein Album, von dem erzählt wird, dass bereits die ersten Demosongs diese enorme emotionale Kraft hatten, die nun musikalisch vollendet zu hören ist. Ina Müller zumindest schien davon überzeugt zu sein, als sie Elif bereits im Jahr 2011 zu ihrer Show „Inas Nacht“ einlud, um die junge Künstlerin der Welt vorzustellen.

Frischer Wind aus Berlin

Eine junge, besondere Frau. Hübsch und apart, mit schrägem Humor und funkelnder Schüchternheit, bescheiden und mit der Gabe, zu berühren. Eine, der man zuhören möchte wie sie wächst, erlebt, liebt und verliert, versucht und vergibt.  Eine Berlinerin, deren Lieder aus kleinen Momenten und großen Träumen entstehen, in denen wir uns wiederfinden.

Eine Künstlerin, eine Persönlichkeit, die so besonders ist, und dennoch so nah. Man wundert sich eigentlich warum es so eine Künstlerin bisher nicht gab. Bisher. Denn es gibt sie: Sie heisst ELIF.

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13.10.2016 Verständigung zwischen Völkern und Ländern

GFDK - Elisabeth Salwiczek

Während die deutschen Medien seit Monaten einen kalten, heißen Krieg mit Russland herbeischreiben, macht Putin Politik, Kultur-Politik. Selbst die Heute Show schaltete in den Feindmodus um und folgt damit Spiegel, ZDF-Frontal, der TAZ, der FAS, Monitor usw. schrieb zuletzt Albrecht Müller von den "nachdenkseiten". Putin läßt sich davon nicht abhalten weiter auf Völkerverständigung zu setzen. Die Berufung von Professor Hans-Joachim Frey läßt daran keinen Zweifel.

Wladimir Putin läßt keinen Zweifel an seiner Freundschaft zu Deutschland

Professor Hans-Joachim Frey, Vorstandsdirektor und Künstlerischer Leiter der LIVA (Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH, Österreich) sowie Gründer und Künstlerischer Gesamtleiter des SemperOpernballs in Dresden wird Leiter des neuen internationalen Kultur- und Festivalzentrums in Sotschi (Russische Föderation), welches durch das Zentrum für Begabtenbildung „Sirius“ errichtet wird.

Der Bau des modernen, multifunktionalen Kultur- und Festivalhauses auf dem Gelände des früheren Presse- und Medienzentrums der Olympischen Winterspiele von 2014 hat bereits begonnen. Die Fertigstellung soll bis 2019/20 erfolgen.

Erster deutscher Kulturmanager in Russland

Der 51-jährige Kulturmanager und Regisseur wird das komplette Bauprojekt begleiten sowie das künstlerische Gesamtkonzept und mehrere große Festivals entwickeln. Er ist damit der erste deutsche Kulturmanager, der in eine solche herausgehobene Position nach Russland berufen wird.

„Ich bedanke mich für das Vertrauen, das in Russland in mich gesetzt wird, und empfinde die Berufung als eine außerordentliche Auszeichnung und große Ehre. Die Chance, ein so potentialstarkes Kultur- und Bildungsprojekt an einem der zurzeit spannendsten Orte der Welt von Beginn an zu prägen und von baulichen bis zu künstlerischen Aspekten zu begleiten und zur Vollendung zu bringen zu einem der wichtigsten Festivalcenter weltweit, ist faszinierend und von besonderem Reiz.

Verständigung zwischen Völkern und Ländern

Eine solche Möglichkeit bekommt man als Kulturschaffender wohl nur einmal im Leben. Durch meine bisherigen Tätigkeiten und Projekte in verschiedenen europäischen Ländern, in Übersee, Asien und der Russischen Föderation sehe ich die Kultur und die Kunst sowie die Arbeit für und mit etablierten und jungen Künstlern in einer immens wichtigen Brückenfunktion für die Verständigung zwischen Völkern und Ländern, insbesondere auch zwischen Österreich und Russland.

Es gibt wohl keine friedlichere und verständlichere Sprache als die Sprache der Musik. Ich habe mich immer als Brückenbauer zwischen Menschen und Kulturen gesehen und hoffe, das in meiner neuen Funktion in noch wirkungsvollerer Weise tun zu können.

Brücken bauen mit Bildung und Kultur

Ich freue mich darauf, diese großartige ganzheitliche Vision in Russland einerseits für junge Talente und Begabungen mit aufregenden Kulturprojekten und Inszenierungen unterstützen und fördern zu dürfen und andererseits werde ich helfen, aus der jungen und dynamischen Stadt Sotchi eine der wichtigsten weltweiten Festivalstädte á la „Salzburg am Schwarzen Meer“ zu machen“, erklärt Frey.

Das neue internationale Kultur- und Festivalzentrum wird Teil des Sirius-Wissenschaft- und Bildungszentrums in Sotschi sein. Dieses wurde von der russischen „Stiftung für Talent und Erfolg“ ins Leben gerufen und widmet sich der Förderung junger Talente in den Bereichen Naturwissenschaften, Sport, Bildung und Kultur.

Das neue Kultur-Center, das von weltweit renommierten Architekten erbaut wird, wird als Festivalhaus konzipiert, das unter anderem die Aufführungen von Konzerten, Opern und Ballettveranstaltungen auf höchstem akustischem Niveau ermöglicht.

2018 Opernballgala zur Fußballweltmeisterschaft

Bisherige Stationen führten den gebürtigen Hannoveraner u.a. nach Hamburg, Bremen, Dresden und Linz. Bei zahlreichen Regieproduktionen inszenierte Hans-Joachim Frey in den vergangenen Jahren in Russland und im Fernen Osten. Seit 2014 ist er Berater des Direktors des Bolschoi-Theaters in Moskau. Zudem ist er seit vielen Jahren als Professor in Seoul in Südkorea tätig.

Zehn Jahre war Frey Operndirektor an der berühmten Dresdner Semperoper und ist seit 2006 bis heute der Leiter und Gründer des Dresdner SemperOpernballs, dem er parallel zu seiner Tätigkeit in Sotchi weiter vorstehen wird und der am 3. Februar 2017 zum 12. Mal stattfindet. Im Juli 2018 findet am Vorabend des Finalspieles zur Fußballweltmeisterschaft unter seiner Leitung eine große Opernballgala am Moskauer Bolshoitheater statt.

Über Prof. Hans-Joachim Frey

Hans-Joachim Frey ist ein deutscher Kulturmanager und Regisseur. Er wurde 1965 in Hannover geboren. 1997–2007 war er Operndirektor an der Semperoper Dresden, 2007–2010 Generalintendant am Theater Bremen. 2006 initiierte Hans-Joachim Frey den SemperOpernball in Dresden und ist seitdem 1. Vorsitzender und Künstlerischer Gesamtleiter.

Seit 2010 ist er regelmäßig mit Projekten in Russland tätig, weitere Regiearbeiten führten ihn daneben bisher nach Weißrussland, Georgien, Bulgarien, Österreich, Deutschland und China. Seit 2012/13 ist er Künstlerischer Leiter der LIVA (Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH) in Linz/Österreich, wo sein Vertrag am 31.12.2017 endet.

Seit vielen Jahren leitet er zudem den Internationalen Gesangswettbewerb der italienischen Oper „Competizione dell’Opera“, dem wichtigsten Europäischen Nachwuchs- und Talentwettbewerb für junge Sänger und Sängerinnen, der gerade sein 20jähriges Jubiläum am Moskauer Bolshoitheater gefeiert hat.

Über das Zentrum für Begabtenbildung „Sirius“

Das in Sotchi befindliche Zentrum für Begabtenbildung „Sirius“ wurde durch die Stiftung „Talent und Erfolg“ geschaffen und nutzt die bestehende Infrastruktur der Olympischen Winterspiele. Dessen Anliegen ist die frühzeitige Identifizierung, Entwicklung und professionelle Förderung talentierter Jugendlicher, die außerordentliche Begabungen in Kunst und Kultur, Sport und Naturwissenschaften zeigen sowie erfolgreich im Bereich technischer Kreativität sind.

Die Bildungsprogramme des Zentrums konzentrieren sich auf drei Bereiche: „Kunst und Kultur“, „Wissenschaft“ und „Sport“. Jeden Monat kommen bis zu 600 Kinder im Alter von 10 bis 18 Jahren aus allen Regionen Russlands ins Bildungszentrum „Sirius“. Seit der Eröffnung haben mehr als 7.500 talentierte Jugendliche aus allen Regionen der Russischen Föderation an den Ausbildungsprogrammen teilgenommen. Über 1.500 Lehrer sorgen in Lernprogrammen, Workshops und Seminaren für die Ausbildung.

 

 

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14.07.2016 MICHAELA BOLAND TRIFFT SKY DU MONT

GFDK - Michaela Boland

Schlussstrich gezogen. 14. Juli 2016 - Aus bei Sky und Mirja du Mont. Nach 16 Ehejahren geben Sky und Mirja du Mont ihre Trennung bekannt.

Meldung 10. Dezember 2013

Sky du Mont erklärte bei "Maischberger" seiner Sicht, warum die FDP scheiterte. Vor allem Blogger, diese "blassen Menschen, die im Keller sitzen und Schinkensandwiches essen", würden heute mit erstaunlicher Häme über die Liberalen herziehen, beklagte sich der Schauspieler. "Ich wurde auch schon auf der Straße angesprochen: Sie sind doch das Arschloch, das FDP wählt", sagte du Mont bei Maischberger.

Meldung 13. August 2013

Sky du Mont ist sauer über Shitstorms.

Seine Frau Mirja hat in einem Interview, das nur gekürzt gesendet wurde, gemeint "Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen".

Im Internet formierte sich schnell eine Welle der scheinbaren Empörung, die Mirja du Mont vorwarfen heuchlerisch und rassistisch zu sein.

Nun platzt Sky du Mont der Kragen.

Er fragt: "Ist Deutschland in der Lage alle Flüchtlinge aufzunehmen? Nein. Es sei beschämend wie zumeist von anonymen Bloggern seine Frau beleidigt wird, nur weil sie ihre Meinung vertritt, die im übrigen von der Mehrheit der Deutschen geteilt wird. Dass viele Menschen in Deutschland Angst vor der Überfremdung haben, ist wohl auch nicht von der Hand zu weisen, so Sky du Mont. Mit der Meinungsfreiheit in dem so liberalen demokratischen Deutschland ist es wohl nicht gut bestellt. "

Hier geht es zum Interview mit Sky du Mont - geführt von Michaela Boland über das Filmgeschäft:

"Die Deutschen mögen nicht, wenn ihre Leute im Ausland Karriere machen - es sei denn, es ist eine blonde Frau"

Er ist ein wahrhaft formvollendeter Gentleman und das kann ich nun höchstpersönlich bestätigen. Sky du Mont (65), charmant, höflich, klug und natürlich immer noch schön. In den mehr als 40 Jahren seiner andauernden Film- und Fernsehkarriere, ob seiner Rollen nur immmerwieder allzu gern als blasierter Beau, schöner Schurke oder unwiderstehlicher Herzensbrecher tituliert, hat er einiges erreicht.

Denn, was viele nicht wussten: Neben mehr als 20 Auftritten in den früheren Freitagskrimis des ZDF, Derrick und Der Alte,  und seinem Mega-Erfolg in Bully Herbigs "Schuh des Manitu", hat der attraktive Bestager unlängst mit seiner Rolle des Count Claus Schenk von Stauffenberg in "War and Remembrance" (dt. Titel: Feuersturm und Asche)  in den USA für Furore gesorgt.

Das preisgekrönte Format, das neben zahlreichen anderen Trophäen wie dem Primetime Emmy oder dem People's Choice Award  1989 sogar den Golden Globe in der Kategorie "Best Mini-Series or Motion Picture made for TV" abräumte, und Star-Regisseur Stanley Kubrik gleichsam derart von du Monts schauspielerischer Leistung  begeisterte, dass dieser den gebürtigen Argentinier blitzschnell und ohne Casting für den Kinofilm Eyes wide shut  an die Seiten von Nicole Kidman und Tom Cruise engagierte, hat in der deutschen Heimat erstaunlicherweise kaum Beachtung gefunden.

Sky du Mont, der seinen Vornamen dem Umstand verdankt, dass der ältere Bruder Christian, welcher noch Probleme mit der Aussprache und die Mutter falsch verstanden hatte, als diese das Baby, das eigentlich Cayetano hieß, nach Hause brachte und mit den Worten, "Das is Cay" vorstellte, stört es nicht. In unzähligen Fernsehproduktionen hat der späte Vater, der seit 2000 in vierter Ehe mit der blonden schönen Mirja verheiratet ist, sein Können in charismatischster Manier unter Beweis gestellt. Du Mont beschränkt sein Talent jedoch längst nicht mehr nur auf die Schauspielerei.

Eigentlich war dem Mann mit den perfekten Umgangsformen von jeher klar, dass er sich gleich mehrere Standbeine verschaffen müsse. Und so ist der Mime auf unterschiedlichen Sektoren unterwegs. Als Werbe- und Hörspielsprecher ist der entfernte Neffe Alfred Neven du Monts mit der wohlklingend warmen Stimme einem breiten Publikum ohnehin längst vertraut. Seine größte berufliche Leidenschaft stellt jedoch das Schreiben dar.

Und so hat der fleißige du Mont in den letzten Jahren bereits sieben Romane veröffentlicht. Derzeit präsentiert Sky du Mont sein aktuelles Buch "Fullhouse: Liebeserklärung an die Chaosfamilie" im Rahmen einer Lesetour. Grund genug, einander zu treffen und für die Gesellschaft Freunde der Künste darüber zu plaudern. Gegen halb sieben sitzt der Schauspielstar schon einige Zeit in seiner schwarzen Limousine vor dem verschlossenen Kulturhaus in Dormagen. Es ist nämlich nicht nur ziemlich kalt, sondern auch noch niemand von den Veranstaltern vor Ort.

Und so bietet mir der kultivierte Autor an, erst einmal in seinem Wagen Platz zu nehmen. Nachdem er mir die Tür zum Einstieg höflich geöffnet und aufgehalten hat, haben wir so Gelegenheit uns ein wenig "warmzureden" , bevor die Verantwortlichen der "Kulle" eintreffen, um letzte Vorbereitungen für den Leseabend vor zahlendem Publikum zu treffen. Auf diese Weise erfahre ich schon mal, wie die vorangegangenen Lesungen gelaufen sind, warum er innerhalb NRWs gerne in Düsseldorf sein Basislager aufschlägt und dass nicht alle Frauen in Sky du Monts Privatleben immer nur blonde Haare trugen.

Michaela Boland:

Sie führen regelmäßig Lesungen durch. Wann genau haben sie damit begonnen?

Sky du Mont:

Ich mache das bestimmt schon seit 20 Jahren. Ich habe schon früher Thomas Mann und Weihnachtsgeschichten gelesen. Ich mache wahnsinnig gerne Lesungen, weil es live vor Publikum ist. Thomas Mann zu lesen, war ein Wendepunkt in meinem Leben, da er ja nun drei Seiten braucht, um die Tür aufzumachen und wenn ich dann 90 Minuten Thomas Mann gelesen und nach 15 Minuten in die Gesichter der Leute geguckt habe, dann wußte ich, dass ich jetzt eigentlich hätte Schluß machen müssen, aber ich hätte die Leute so ungern geweckt.

Doch das traut sich keiner zu sagen. Aber dann habe ich irgendwann mal gesagt, "nein, ich lese jetzt keine ernsten Sachen mehr, sondern ich lese von nun ab etwas Lustiges, worüber die Leute einfach lachen". Als Schauspieler tue ich mich natürlich leicht damit, die Leute zum Lachen zu bringen. Dann habe ich auch noch Patrick Süskind, "Das Parfum", gelesen. Es ist eben immer schwierig, Ausschnitte aus ernsten Büchern zu lesen, weil man nicht weiß, woher kommt er und wohin geht er. Demgegenüber ist es bei etwas Komischem ganz leicht, weil man einfach Anekdoten liest und das reicht.

Michaela Boland:

Was ist für sie das Schöne an Lesungen?

Sky du Mont:

Es ist wie Theaterspielen, live mit dem Publikum Kontakt aufzunehmen. Ich habe ja früher sehr viel Theater gespielt. Das ist einfach ein einmaliges Erlebnis. Gerade jetzt, ich bin ja nun von den prominenteren Persönlichkeiten einer der wenigen, der sein Buch wirklich selber geschrieben hat, und wenn dann die Leute über Dinge lachen, die man sich selber ausgedacht hat, ist das ganz toll, wie ein Dankeschön oder ein Bravo. Das liebe ich.

Michaela Boland:

Gab es auch besondere Erlebnisse mit ihren Zuhörern?

Sky du Mont:

Während der Lesungen  nicht, aber ich unterhalte mich ja dann nacher immer so ein bisschen mit den Leuten. Das mache ich ganz gerne, es geht zwar meistens ein wenig stockend los, doch dann wird es in der Regel recht lustig. Eine Frau stand auf und  fragte: "Wird das Buch verfilmt?" Und ich antwortete, "Keine Ahnung, das weiß ich nicht, warum?" Daraufhin sie: "Dann möchten mein Mann und ich bitte die Hauptrollen spielen, denn bei uns gehts genauso zu."

Oder eine andere Dame stand auf und äußerte eine Frage, die eigentlich gar nichts mit der Lesung zu tun hatte, nämlich folgende: "Entschuldigung, ich habe auch einen Freund, der soviel älter ist als ich, ebenso wie es bei ihrer Frau und ihnen ist. Glauben sie, dass das eine Chance hat?" Daraufhin haben natürlich 200 Leute gelacht und sie bekam ganz rote Ohren. Es passieren also schon manchmal ganz lustige schöne Sachen und das ist nett.

Michaela Boland:

Was möchten die Menschen am Ende einer Lesung denn so von ihnen, der sie einmal gesagt haben, sich darüber bewusst zu sein, dass sie polarisieren, wissen, wenn sie während des Signierens ihrer Bücher die Gelegenheit erhalten, mit ihnen zu sprechen?

Sky du Mont:

Sie fragen, wie ich dazu kam oder woher mein Name Sky kommt. Manchmal auch, was ich gerade drehe. Ganz privat werden sie nicht, das würde ich auch nicht beantworten. Ich polarisiere eigentlich nur noch durch meine politische Gesinnung, die ich inzwischen auch schon etwas eingeschräkt habe. (Anm. d. Red.:Sky du Mont hat zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis aus seiner früheren Unterstützung der FDP gemacht).  Aber ich glaube, dass die Leute durch die vielen Talkshows und Auftritte, die ich gemacht habe, gesehen oder gelernt haben, dass ich nicht so bin wie die Rollen, die ich früher gespielt habe.

Michaela Boland:

In ihrem aktuellen Buch, "Fullhouse, geht es auf humoristische Art um ein Ehepaar, das vor kurzem zu Eltern geworden ist und das Aufzeigen dessen, was sich nach diesem Ereignis so alles im Leben verändert. Wie kam es dazu?

Sky du Mont:

Es ist ja mein siebtes Buch und ich erzähle auch immer vor der Lesung, wie sich das Ganze ergeben hat. Wir waren ganz oft bei Jauch, bei "Typisch Frau -  Typisch Mann" und das war sehr erfolgreich. Dann hat mich ein Verlag angesprochen, ob ich denn mit meiner Frau ein Buch  über das Thema, "Männer und Frauen", was ja ein sehr dankbares ist, schreiben wolle. Mario Barth macht das ja nun ununterbrochen recht erfolgreich.

Das haben wir dann geschrieben und dieses Buch war dann ebenfalls sehr erfolgreich. Dann rief Lübbe (Anm. d. Red.: Verlag in Köln) an und sagte zu mir, wie es wäre, wenn ich nun die Fortsetzung schriebe, nämlich, wenn die Kinder gekommen sind. Also geht es da um die Kinder. Ich habe die ganzen Namen geändert, weil ich schon beim ersten Buch gemerkt habe, dass die Leute sehr stark auf uns reflektieren und meinen, es sei unsere Geschichte, was sie natürlich gar nicht ist.

Michaela Boland:

Noch nichtmal teilweise?

Sky du Mont:

Naja, teilweise. Es ist ja immer das gleiche. Man geht sich auf die Nerven, man liebt sich, man lacht, man streitet sich. Also diese üblichen Klischeegeschichten. Frauen haben Schuhe, Männer haben Technik. Im aktuellen Buch sind natürlich so ein paar Ansätze von uns drin, aber ich würde sagen, mehr als zehn Prozent nicht. Allerdings habe ich bei den Lesungen gemerkt, die Leute nehmen das nicht zur Kenntnis. Die meinen, das ist unsere Geschichte und da habe ich dann teilweise bei Lesungen schon statt des Namens Richter, so heißt die Familie, um die es im Buch geht, den Namen du Mont genannt. Das finden sie dann noch viel lustiger, wenn sie das Gefühl haben, das ist dem passiert.

Michaela Boland:

Gibt es ausschließlich positive Reaktionen auf ihr Buch oder auch schon mal kritische Anmerkungen?

Sky du Mont:

Ich gehe natürlich im Buch sehr zynisch mit Kindern um und da gibt es einen Satz, der lautet: "Ich liebe meine Kinder über alles, vor allen Dingen, wenn sie eine Woche bei meinen Schwiegereltern sind." Auch habe ich da solche Kapitel, in denen es heißt, "Kinder halten nicht jung". Ein einziges Mal hat eine Frau nachher, allerdings sehr nett, etwas dazu gesagt. Da habe ich  sie gefragt, ob sie Kinder habe und sie antwortete, "ja, drei". Also habe ich zu ihr gesagt: "Sagen sie mal ganz ehrlich, wenn die kleinen Monster abends alle um 20.30 Uhr im Bett sind und sie sitzen mit ihrem Mann auf dem Sofa und trinken ein Glas Wein, atmen sie dann nicht tief durch?"  Alle guckten sie an und sie lachte und sagte dann, "ja, da haben sie recht".

Da erwiderte ich, "das ist eine deutsche Angewohnheit". Wissen sie, ich liebe meine Frau, ich liebe meine Kinder, aber manchmal könnte ich sie an  die Wand klatschen. Das ist doch völlig klar. Warum kann man das nicht zugeben? Natürlich liebe ich meine Kinder. Aber sie halten weder jung noch irgend etwas anderes, denn sie kosten irrsinnig viel Kraft und wenn die Kraft vorbei ist, stehen sie auf und sagen, "ich wollte nicht geboren werden" und ziehen dann aus, wenn sie denn ausziehen.

Michaela Boland:

Nun wird im Buch aus der Perspektive des Mannes recht eindrucksvoll geschildert, was plötzlich alles anders ist, wenn man Vater wird. Sie selbst sind verhältnismäßig spät Vater geworden. Hat das nach ihrem Dafürhalten Vorteile?

Sky du Mont:

(lacht) Da habe ich nie drüber nachgedacht, weil sich das vorher einfach nicht ergeben hat. Kinder müssen sich ergeben, finde ich. Vorteile gibt es sicherlich insofern, als ich keinerlei Karriereinteressen habe. Aber, das Schlimme ist, die hatte ich auch vorher nicht. Mir waren Karrieren immer relativ egal. Ich wollte gut leben, ich wollte meinen Beruf dazu benutzen, Geld zu verdienen, aber ich bin nie Schauspieler geworden aus Berufung, wie so viele.

Ich wollte ja eigentlich gar nicht Schauspieler werden. Insofern genieße ich die Kinder natürlich jetzt, weil ich mehr Ruhe habe und vor allem, weil ich selbst auch jetzt ruhiger bin und natürlich, weil ich es mir jetzt leisten kann, zu sagen," nein, ich gehe nicht drei Monate nach Tibet oder sechs Wochen auf das Traumschiff", oder so etwas. Ich sage einfach," nein, länger als zwei Wochen gehe ich nicht weg", und das ist angenehm.

Michaela Boland:

Ihre Kinder haben alle drei interessante Namen. Haben sie die immer gemeinschaftlich ausgesucht?

Sky du Mont:

Was geschieht in einer Beziehung zwischen Mann und Frau schon gemeinschaftlich? Irgendwo übernehmen alle Frauen die Regentschaft nach einer gewissen Zeit. Steter Tropfen höhlt den Stein. Wie kamen wir denn auf Justin? Keine Ahnung. Tara wollte natürlich meine Frau, weil sie "Vom Winde verweht" ganz toll findet und Fayn habe ich tatsächlich geträumt. Ich bin morgens aufgewacht und dachte mir, ich kriege einen Sohn, der heißt Fayn, denn den Namen gibts ja nicht. Aber, womöglich habe ich den doch irgendwo mal gehört oder gelesen oder irgendwas, ich bin ja kein Medium.

Michaela Boland:

Wer weiß?

Sky du Mont:

Ja, wer weiß (lacht). Kleine Glaskugel. Ich habe gerade eine Sendung darüber gesehen, was für schreckliche Namen Eltern ihren Kindern zum Teil geben, wie beispielsweise Winnetou oder Schneewittchen. Das geht ja gar nicht, was tun die ihren Kindern an?

Michaela Boland:

Warum haben sie erst verhältnismäßig spät mit dem Schreiben begonnen, wenn das schon immer ihr Traum war?

Sky du Mont:

Ich habe gar nicht spät damit angefangen, sondern sehr früh. Ich habe mit 19 schon Drehbücher geschrieben, die wollte nur keine Sau lesen. Es ist ja so, dass wir in einem Land leben, wo dieses Können brach liegt, sonst hätten wir nicht solche beschissenen Drehbücher. Die Leute fingen erst an, meine Bücher zu lesen, als ich so einen gewissen Prominentenstatus erreicht hatte. Aber geschrieben habe ich schon immer, denn ich bin jemand, der ganz gerne allein ist.

Da schafft man seinen eigenen Kosmos, und da hat man dann seine Ruhe. Wenn sie etwas schreiben, dann sind sie ja so etwas wie der liebe Gott. Man soll mir das bitte nicht übel nehmen. Sie können Menschen dick oder dünn machen, sie sterben lassen, andere auf die Welt kommen lassen, das ist ganz toll, Schreiben ist ganz ganz toll.

Michaela Boland:

Wo nehmen sie ihre Inspirationen her, wenn sie sich nicht gerade aus dem näheren Umfeld bedienen?

Sky du Mont:

Die fallen mir ein, gerade diese komischen Sachen. Ich will aber, glaube ich, jetzt nichts Komisches mehr schreiben. Ich möchte jetzt etwas Ernstes schreiben.

Michaela Boland:

Wie schnell oder langsam entsteht ein Buch bei ihnen?

Sky du Mont:

Unterschiedlich. Dieses hier ging relativ locker, aber es ist trotzdem eine sau Arbeit. Sie schreiben zehn Seiten und drei bleiben übrig, weil ich eben immer nur nachts schreibe. Ich bin ja tagsüber im Studio. Außerdem habe ich Kinder und einen Hund, der bellt andauernd und der will immer rein und raus und dann wieder rein und dann raus.

Michaela Boland:

Was ist das für ein Hund?

Sky du Mont:

Das ist so eine Mischung zwischen Westie und etwas anderem, nicht ganz so quadratisch wie ein Westie. Er wurde gekauft als ich auf Mallorca gedreht habe. Ich wollte nämlich eigentlich keinen Hund, da ich mein Leben lang Hunde hatte und weil ich weiß, wie das ist.

Michaela Boland:

Vor allem, wenn sie gehen. Wenn sie sterben, ist das auch nicht schön.

Sky du Mont:

Das ist auch ganz schrecklich, ja, ganz schlimm. Dann wurde der Hund gekauft, aber jetzt liebe ich das Viech schon sehr.

Michaela Boland:

Wie alt ist der Hund jetzt?

Sky du Mont:

Drei.

Michaela Boland:

Dann haben sie gewiss noch viel Zeit mit ihm.

Sky du Mont:

Bestimmt. Aber, wenn es regnet, bin ich derjenige, der immer mit dem Hund raus muß.

Michaela Boland:

Das soll die Abwehrkräfte stärken.

Sky du Mont:

Na, toll!

Michaela Boland:

Sie werden wohl eher selten erkältet sein?

Sky du Mont:

Nun, das stimmt schon. Aber trotzdem, das geht auch ohne Hund (lacht).

Michaela Boland:

Sie erwähnten, dass sie tagsüber im Studio seien. Machen sie dort auch Synchronarbeit?

Sky du Mont:

Synchron eigentlich nicht. Ich mache sehr viel Sprache, also sehr viel Werbung und Kommentare.

Michaela Boland:

Man hört ja augenblicklich nicht ausschließlich ihre Stimme in der Werbung, sondern sieht sie dort auch recht häufig im On. Da gibt es gerade einen Möbel-Spot und einen Pralinen-Spot.

Sky du Mont:

Ja, Werbung.

Michaela Boland:

Ihre Stimme klingt übrigens auch am Telefon sehr angenehm warm.

Sky du Mont.

Schön. Ja,  das ist ein Werkzeug. Die Stimme ist ein Instrument. Wir mussten damals am Staatstheater in Berlin  regelmäßig zum Stimmunterricht gehen.

Michaela Boland:

War das 1972 oder 73/74?

Sky du Mont:

Na, wenigstens hat sie mich nachgeschaut. (lacht)

Michaela Boland:

Aber selbstverständlich.

Sky du Mont:

Ja, das war 1972. Das musste man damals und das ist auch gut so.

Michaela Boland:

Ingrid Steeger erzählte vor Kurzem, dass sie keine klassische Schauspielausbildung absolviert habe und sich, nachdem sie mit ihrer Stimme beim ersten Zwei-Personen-Bühnen-Stück nicht bis in die hinteren Publikumsreihen durchdringen konnte, die Bühnenwirksamkeit durch das Spielen erst mit der Zeit erarbeiten mußte. Stimme scheint insoweit ein extrem wichtiges Element zu sein?

Sky du Mont:

Ingrid Steeger hat sich immer in die Regisseure, die sie hatte, verliebt und die haben sie immer schlecht behandelt. Ich kenne sie nicht, aber sie hat mir immer irgendwie sehr leid getan. Eigentlich wäre das schon wieder ein Buch. Ich kenne da noch zwei Schauspielerinnen. Das Gefährliche  ist, wenn man arbeitet, dass man dann sehr nahe ist und als Schauspieler natürlich sehr verletztlich ist.

Man steht ja dann immer auf der Bühne da oben und unten sitzt der Regisseur. Er ist im Dunkeln, sie sind im Hellen und sie sind sehr unsicher, weil sie nicht wissen, ist das jetzt richtig, was ich da mache? Und da entstehen sehr oft Verhältnisse, also dass die Frauen sich in die Regisseure verlieben. Ingmar Bergmann war ganz berühmt, der hat meistens mit seinen Hauptdarstellerinnnen ein Verhältnis gehabt.

Michaela Boland:

War das bei ihm pathologisch?

Sky du Mont:

Da gibt es ja ganz viele. Ich will jetzt keine deutschen Namen nennen, aber da gibt es ganz viele. Und diese zwei Frauen sind alle daran zerbrochen. Weil kaum war das Stück vorbei, war es vorbei.

Michaela Boland:

Dann war der Zauber verflogen?

Sky du Mont:

Ja, aber die Liebe ist geblieben bei denen.

Michaela Boland.

Ist das bei Frauen nicht ohnehin oftmals anders als bei Männern?

Sky du Mont:

Ja, viellleicht. Ich glaube nur, dass Männer schneller darüber hinweg kommen. Männer sind da sehr viel vergesslicher. Aber ich denke, dass die Intensität der Liebe, naja, vielleicht haben sie recht. Wahrscheinlich haben sie sogar recht.

Michaela Boland:

Erinnern sie sich eigentlich noch an die Entstehungsgeschichte ihres ersten Romans, Prinz und Paparazzi?

Sky du Mont:

Ja, das lag daran, dass ich so gerne Krimis mochte und damals habe ich auch in sehr vielen Krimis gespielt. Da war natürlich immer so der Gedanke dahinter, dass wenn ich ein Buch schreiben, dieses vielleicht auch verfilmt werden würde. Es wurde dann auch prompt verfilmt. Zwei sind ja von mir verfilmt worden. Aber, wir sind ja so etwas von überladen mit Krimis im Fernsehen heutzutage, dass mich Krimis langweilen. Ich gucke auch im Fernsehen keine Krimis mehr. Ich gucke keinen Tatort.

Michaela Boland:

Was, sie haben jetzt ihren Kollegen Til Schweiger verpasst? (lacht)

Sky du Mont:

Nein, den habe ich nicht verpasst, den habe ich mir angeschaut. Haben sie ihn gesehen?

Michaela Boland:

Nur ein bisschen davon, bin, wie häufig abends, leider eingeschlafen.

Sky du Mont.

Genau. Da haben sie mich dann angerufen und ich habe gesagt, "wenn ihr irgendwelche Promis anruft, wird kein Mensch sagen, dass der Tatort Scheiße war". Vielleicht nicht wegen Til Schweiger, sondern wegen des NDR, klar. Aber haben sie "Unsere Mütter, unsere Väter" gesehen?

Michaela Boland:

Leider nicht.

Sky du Mont:

Da haben sie etwas verpasst. Den müssen sie sich aus der Mediathek herausholen. Das ist für mich, ganz ehrlich, das beste Fernsehen, das Deutschland je gemacht hat.

Michaela Boland:

Warum?

Sky du Mont:

Weil es eine Qualität hat. Es arbeitet eine Geschichte auf, die Dialoge sind unkitschig. Die Kameraführung, die Schauspieler, es ist ein Meisterstück. Ich habe mir den ersten Teil angeschaut, den zweiten und dritten Teil habe ich nicht gesehen, den hole ich mir aus der Mediathek heraus. Das ist ein Muss, das sollten sie sich wirklich anschauen, wenn sie die Zeit dazu haben, denn es ist eine Sensation. Wirklich, ich habe so etwas Gutes noch nie in Deutschland gesehen. Gut, das schauen sie sich eh nicht an.

Michaela Boland:

Wenn sie mir sagen, dass es gut ist, schaue ich mir es an.

Sky du Mont:

Das wäre gut.

Michaela Boland:

Ist der Name du Mont bei der ersten Romanveröffentlichung eigentlich schädlich gewesen?

Sky du Mont:

Nein, das erste Buch hatte natürlich viel Publicity, weil da war "Der Schuh des Manitu" und "Eyes wide shut" und insofern war ich da gerade, wie man sagt, "the flavour of the month" und das war kein Problem. Aber der Name du Mont hat mir zuvor geschadet. Ich heiße ja Neven du Mont, ich komme ja aus diesem Verlag und das hat natürlich früher geschadet, weil die Leute gesagt haben, "der hat so viel Geld, der kommt aus einer reichen Familie, einer Medienfamile". Und mein anderer Onkel war damals Unterhaltungschef des ZDF, und wenn ich eine Rolle gespielt habe, dann haben die Leute gefragt, "sind sie mit dem verwandt?". Wenn ich dann antwortete, "Ja", hieß es, "ach so". Deshalb habe ich das Neven abgelegt.

Michaela Boland:

Offiziell oder nur für Künstlerzwecke?

Sky du Mont:

Nur für Künstlerzwecke. In meinem Pass steht allerdings beides. Da steht Neven du Mont und es steht auch Sky du Mont darin.

Michaela Boland:

Früher gab es ja die Möglichkeit, einen Künstlernamen dort eintragen zu lassen.

Sky du Mont:

Die gibt es jetzt wieder. Das ist witzig. Das wurde vor vier Jahren abgeschafft, weil man gedacht hat, man brauche das nicht. Dann gab es einen Riesenterror. Otto Waalkes und auch ich, wir sind am Flughafen stehengeblieben, denn so war mein Flugticket beispielsweise auf Sky du Mont ausgestellt, im Pass stand allerdings Neven du Mont. Da haben die gesagt," nein, nein, das sind zwei verschiedene Personen". Jetzt haben sie es wieder geändert, aber nicht wegen uns blöden Schauspielern, sondern wegen der ganzen Ordensschwestern und Brüder, denn die heißen ja auch nicht wirklich Bruder Jakob oder Bruder Friedolin und Schwester Anna. Die haben ja auch ganz andere Namen und das ging nicht. Da haben sie das mit den Künstlernamen jetzt wieder eingeführt.

Michaela Boland:

Stimmt es, dass sie eigentlich Marco Claudio Cayetano mit Vornamen heißen?

Sky du Mont:

Ja, das stimmt.

Michaela Boland:

Wäre ihre Karriere wohl als Marco du Mont ebenso erfolgreich verlaufen wie als Sky du Mont? Sky klingt immerhin recht außergewöhnlich.

Sky du Mont:

Es ist so, dass der Verlag geschlossen wurde, meine Familie vor den Nazis geflohen und nach Argentinien gegangen ist. Meine Eltern wollten mich Kai nennen. Das ging aber nicht, denn als ich nach dem Krieg geboren wurde, durfte man dort nur lateinische Namen geben und dann haben mich meine Eltern Cayetano genannt.

Michaela Boland:

Und dann konnte ihr älterer Bruder diesen Namen nicht richtig aussprechen und sagte Sky zu ihnen und so ward ihr Rufname geboren?

Sky du Mont:

Sie kennen die Geschichte?

Michaela Boland:

In Interviews haben sie darüber gesprochen, allerdings war mir nicht bekannt, dass sie zusätzlich auch noch Marco Claudio heißen.

Sky du Mont:

Das sind ja nur zusätzliche Namen, aber, ich glaube  mich haben sie seitdem ich fünf Tage alt war, immer Sky genannt. Und insofern gibt es für mich keinen anderen Namen. Das war ein bisschen schwierig am Anfang. Auch als ich in Amerika gedreht habe, haben die Leute zu mir gesagt. "you have to change your name. It sounds like Babyunderwear" (Anm. der Red.: Sie müssen ihren Namen ändern. Er klingt wie Babyunterwäsche). Ich wechsle nicht meinen Namen, ich heiße halt so.

Michaela Boland:

Sie erwähnten, dass ihre Familie gegen Kriegsende vor den Nazis geflüchtet ist. War das reine Profylaxe, gab es einen jüdischen Hintergrund?

Sky du Mont:

Nein, mein Vater war bei der Abwehr und Canaris wurde ja hingerichtet und diese ganzen Leute, die bei Stauffenberg und Canaris waren, sind deswegen ja alle abgehauen und haben versucht zu fliehen.

Michaela Boland:

Haben sie auch noch die argentinische Staatsbürgerschaft?

Sky du Mont:

Ich habe beide. In Südamerika verlieren sie nie die Staatsbürgerschaft. Letzendlich könnten meine Frau und meine Kinder alle argentinische Pässe haben. Weil die damals nicht genügend Leute hatten, hat man das Gesetz erlassen, dass jeder, der in Argentinien geboren ist, sein Leben lang Argentinier bleibt. Seine direkten Nachkommen dürfen ebenfalls alle einen argentinischen Pass haben. Die sehen schön aus, aus Leder und dunkelblau.

Michaela Boland:

Sind sie, nachdem sie Argentinien verlassen haben, jemals wieder dort gewesen?

Sky du Mont:

Nein, nie wieder.

Michaela Boland:

Bereuen sie das nicht? Wollten sie das Land nie ihren Kindern zeigen?

Sky du Mont:

Meine Kinder interessiert das überhaupt nicht. Mich interessiert es eigentlich auch nicht. Mein Vater hat dort gelebt und der ist tot.

Michaela Boland:

Aber  ihre Mutter lebt noch in London?

Sky du Mont:

Ja.

Michaela Boland:

Wie alt ist sie?

Sky du Mont:

91 und richtig fit.

Michaela Boland:

Hat sie regelmäßig Sport getrieben?

Sky du Mont:

Nein, sie geht nur immer wild spazieren. Aber, sie ist geistig völlig fit. Also ganz toll und: Nichts Alzheimer! Meine Mutter leidet nur darunter, dass ihre ganzen Freunde tot sind. Da gab es eine sehr hübsche Geschichte, die ich einmal in der Süddeutschen gelesen habe. Der älteste Bayer war 108 und da sind sie zu seinem Geburtstag gegangen und haben gratuliert, worüber er sich sehr gefreut hat und sie haben ihn gefragt: "Wie geht das, sie haben so eine ruhige Ausstrahlung?" Da antwortete er: "Finden sie? Also, ruhig wurde ich eigentlich erst als alle meine Kinder im Altenheim waren." Kleine Anekdote.

Michaela Boland:

Sie sind in Argentinien geboren, haben ihre Schulzeit in England verbracht und Abitur in der Schweiz gemacht. Hat dieses frühe Globetrotterdasein ihren Weg in die Schauspielerei in irgendeiner Weise begünstigt?

Sky du Mont:

Nein, Schauspieler bin ich eigentlich durch Zufall geworden. Das wollte ich gar nicht werden.

Michaela Boland:

Sie waren ja zuerst Komparse, nicht wahr?

Sky du Mont:

Ja, so ging das los. Ich lebte ja in England, es gab keine EU und ich arbeitete dort. Als ich dann vom Skifahren zurückkam, haben die mich gefragt, ob ich jetzt wieder in meinen Job zurückginge. Und da habe ich, dumm wie ich bin, gesagt, "das weiß ich nicht". Und das dürfen sie nicht. Auch wenn sie nach Amerika gehen und dort sagen, dass sie einen Job suchen, dann fliegen sie sofort wieder raus. Das war in England auch so.

Dann  haben die mich nach München zurückgeschickt und dann saß ich da ohne Geld, und dann habe ich dort in einem Restaurant Teller abgewaschen und als Assistent eines Gärtners  in Gärten Laub gerecht und auch Komparserie gemacht. Und so wurde ich dann entdeckt und habe dann Schauspielschule gemacht. Also, ich wollte nie Schauspier werden, aber ich habe so mein erstes Geld verdient. Dann hatte ich plötzlich eine Zwei-Zimmerwohnung, ein Auto und eine Freundin und wir konnten ausgehen. Und dann habe ich gesagt, "also, jetzt noch mal irgendwie neu anfangen mit  150 Mark im Monat? Nein, dann bleibe ich lieber dabei, wo ich Geld verdiene".

Michaela Boland:

Sie haben in unzähligen TV-Produktionen mitgewirkt. Allein 21 mal im Derrick und in Der Alte. Erinnert man sich da noch an einzelne Geschichten oder ist das komplett weg?

Sky du Mont:

Ich sowieso nicht.

Michaela Boland:

Sind sie dann überrascht, wenn sie sich in alten Produktionen wiedersehen?

Sky du Mont:

Ich bin kein Sammler, deswegen. Ich sammle keine Fotos, ich sammle keine Briefe. Ich bin niemand, der aufhebt, sondern jemand, der sich sehr schnell von diesen vergangenen Dingen trennt.

Michaela Boland:

Sie leben im Jetzt?

Sky du Mont:

Nein, das will ich nicht sagen. Ich lebe auch in der Zukunft. Ich bin jemand, der sich schon Sorgen macht. Ich habe auch kaum Kinderfotos, vielleicht auch durch das viele Umziehen. Deswegen spielt das keine große Rolle.

Michaela Boland:

Sie haben früher recht viel Theater gespielt. Sie waren am Staatstheater Berlin und in München. Schaut man sich heute ihre Vita an, dann fällt auf, dass bei ihnen in den letzten Jahren nahezu ausschließlich TV- und Filmproduktionen im Vordergrund standen. Warum ist das Theaterspielen ins Hintertreffen geraten?

Sky du Mont:

Ja, ich kann ihnen sagen, warum. Wenn sie Theater spielen, gehen sie jeden Abend auf die Bühne. Wenn ihre Frau oder Freundin sie verlassen hat, ihr Kind von einem Auto angefahren wurde, oder wenn irgendwetwas Schreckliches passiert ist, scheißegal, sie müssen auf diese Scheißbühne. Dieses Opfer bin ich nicht mehr bereit zu geben. Weil ich das selber erlebt habe. Ich habe das auch bei Sonja Ziemann erlebt, da hat sich der Sohn umgebracht und sie stand zwei Tage später wieder auf der Bühne. Das ist es mir nicht wert. Und ich habe sehr sehr schnell die Erkenntnis gehabt, dass viele meiner großen Kollegen, wie Peter Pasetti, sein ganzes Privatleben seinem Beruf geopfert hat.

Sky du Mont:

Kennen sie Peter Pasetti?

Michaela Boland:

Der erste "Die drei ???"-Erzähler und Hitchcock-Sprecher, na klar. (lacht)

Sky du Mont:

Ich habe mit ihm eine Tournee gemacht und er ist als armer einsamer Mensch geendet. Das lohnt sich nicht. Karrieren sind so einfach vorbei. Aber Familien oder Freunde, das bleibt. Das war mir ganz schnell klar. Deswegen hätte ich nie meine Familie oder irgend etwas geopfert für meine Karriere. Ich hatte Glück: Ich war zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle.

Michaela Boland:

Sie haben unter anderem Götz von Berlichingen gespielt und Graf von Stauffenberg gegeben. Ist es dann ein merkwürdiges Gefühl für einen selbst, sich plötzlich auch mal bei "Unser Charly" wiederzufinden?

Sky du Mont:

Ja, natürlich. Aber, das ist mein Beruf und ich mss davon leben, meine Familie ernähren und meine Krankenkasse davon bezahlen. Auch ein Arzt möchte Herztransplantationen machen und sie würden am liebsten Laurence Olivier oder Gregory Peck interviewen. Es ist einfach mein Job. Und, das hat Günter Strack mir übrigens beigebracht, solange ich nicht meinen nackten Hintern in die Kamera hängen oder einen Kindermörder spielen muss, mache ich es.

Michaela Boland:

Also, einen Kindermörder zu spielen, wäre die Grenze?

Sky du Mont:

Nein, das würde ich nicht mehr machen wollen. Ich habe so viele böse Rollen gespielt, das muss nicht sein. Das ist halt mein Job und deswegen mache ich das. Aber natürlich ist das anders, es ist nicht weniger wert, aber es ist anders.

Michaela Boland:

Sie blicken auch auf eine schöne Karriere im US-amerikanischen Fernsehen zurück. Allein in 59 Folgen der weltbekannten Soap-Opera "General Hospital" haben sie mitgespielt. Wie kam es dazu?

Sky du Mont:

Die haben meinen Stauffenberg gesehen. Mein Stauffenberg hat einen Golgen Globe in Amerika gewonnen. Das wurde ja in Deutschland völlig missachtet. Das hat keinen Menschen interessiert. Typisch.

Michaela Boland:

Erfolgte die Beachtung erst als sie neben Tom Cruise und Nicole Kidmann in Stanley Kubriks Kinofilm "Eyes wide shut" gespielt haben?

Sky du Mont:

Ja, aber auch das relativ kurz. Die Deutschen mögen nicht, wenn ihre Leute im Ausland Karriere machen. Es sei denn, es ist eine blonde Frau. Das ist wirklich wahr. Es ist so, dass dieser Stauffenberg sehr erfolgreich in Amerika war, eigentlich auf der ganzen Welt, auch in England. Auch Stanley Kubrik hat mich daraufhin engagiert. Ich war der einzige Schauspieler, der nicht gecastet werden musste, weil er das gesehen hatte. Die sahen den Stauffenberg und haben mich daraufhin nach Amerika geholt.

Ich lebte damals gerade in Scheidung und dachte mir, das ist eine tolle Idee, wenn ich jetzt in Amerika General Hospital mache, weil jeder Schauspieler den Traum von Hollywood hat. Sonne, Palmen. Sehen sie, ich fange nicht mit Karriere an, sondern mit Sonne und Palmen (lacht). Ich habe dann aber gemerkt, dass mir das gar nicht gefällt. Amerika ist nicht mein Land, um dort zu leben. Da kannst du eigentlich nur gut leben, wenn du Geld hast und alle anderen sind arme Schweine. Ich bin ein relativ sozialer Mensch, das mag ich nicht.

Michaela Boland:

Als Soapie in den Vereinigten Staaten verdient man bestimmt nicht allzu schlecht, nachdem es gerade dort seit Langem sogar diverse eigene Hochglanzpublikationen rund um Soap-Operas gibt. Das scheint eine wirklich gigantische Industrie zu sein.

Sky du Mont:

Das Geld war mir nicht so wahnsinnig wichtig. Wenn es nach dem Geld gegangen wäre, hätte ich viele Dinge gemacht. Mir geht es ja gut. Also, mehr als ein Wiener Schnitzel kann ich an einem Abend nicht essen, insofern ist mir das wurst.

Michaela Boland:

Ist die Arbeitsweise der Amerikaner angenehmer als  die der Deutschen?

Sky du Mont:

Ja, die ist toll. Das ist für mich unbegreiflich. Es hat etwas mit der Mentalität zu tun. Wenn eine Produktion einem Steven Spielberg mit 26 einen Etat von zehn Millionen gibt, damit er den Weißen Hai macht, das wäre bei uns undenkbar. Jetzt ändert es sich langsam, denn wir haben jetzt junge Regisseure. Aber hier bei uns sitzen Redakteure, darüber will ich mich gar nicht auslassen, man könnte ja einen ganzen Abend darüber sprechen. Die Amerikaner haben einfach mehr Mut und sie sind professionell und haben einen riesigen Markt, denn sie verkaufen ihre Sachen ja in der ganzen Welt.

Die Amerikaner kaufen grundsätzlich keine synchronisierten Filme, aber alle unsere Filme müssen synchronisiert werden, also kaufen sie sie nicht. Und wenn sie gekauft werden, ist es auch so eine Sache. Wenn einer in einem New Yorker Kino läuft, wo eine Klimaanlage ist, na klar, dann gehen die ganzen Gammler rein, weil es dort schön kühl ist. Man muss die Sachen beim Namen  nennen.

In Amerika ist es unglaublich professionell. Die haben mich damals gefragt, ob wir eine Serie haben und ich sagte ihnen, "ja, die Schwarzwaldklinik", war das zu jenem Zeitpunkt. Da wollten sie wissen, wieviele Autoren an dieser Serie beteiligt seien. Ich antwortete ihnen, "einer". Da sagten sie, "ah, you're full of shit, come on", das konnten die gar nicht fassen. Da sehen sie es schon. Ich glaube, wir hatten bei General Hospital 26 Autoren.

Michaela Boland:

Als die amerikanischen Autoren vor einigen Jahren einmal gestreikt haben, hat dies der gesamten Industrie wohl sehr geschadet?

Sky du Mont:

Und deswegen fielen ja auch viele Veranstaltungen aus, weil die Autoren ja auch die Laudatien für die Stars schreiben. Da geht keiner hin wie Boris Becker und sagt: "Guten Abend meine Damen und Herren, ich bin da um, äh, den besten..." Da fallen mir ja die Augen raus. In Amerika kommen die heraus mit einer Rede, die ist witzig, die ist dramatisch, die ist toll. Alles geschrieben von den Autoren. Und damals hatten die Stars alle keine Leute, die ihnen die Laudatien geschrieben haben, deshalb haben sie gesagt, "I 'm not going". Das war der Grund, warum es ausfiel.

Man kann zwar auch einen Golden Globe ohne Autoren machen, also, die müssen nicht im Publikum sitzen, die Stars müssen dort sitzen, aber die sind nicht hingegangen, weil keiner eine Laudatio halten wollte. Aber das zeigt, wie professionell sie sind. Bei uns geht doch jeder Idiot auf die Bühne. Ich habe ein bisschen beim Echo hereingeschaut. Das ist ja der Wahnsinn, was die so von sich geben. Nicht witzig, langweilig, Til steht auf der Bühne und sagt, "ja, ich brauch 'ne Brille". Das ist ja ein Schenkelklopfer des Monats, meine Güte, wenn sie wissen, was ich meine.

Michaela Boland:

In Stanley Kubriks "Eyes wide shut" hatten sie eine sehr nahe Szene mit Nicole Kidman. Entspricht es den Tatsachen, dass diese eine heftige Knoblauchfahne hatte, worauf sie sie erst aufmerksam machen mussten?

Sky du Mont:

Das stimmt, ja. Die sind es erstaunlicherweise nicht gewohnt, dass jemand kritisch mit ihnen umgeht. Wir konnten sehr gut miteinander, wir waren richtig befreundet, auch mit Tom Cruise. Tom Cruise war ein wahnsinnig netter Kerl. Wir haben sogar über diese Geschichte mit seiner Sekte gesprochen (Anm. d. Red: Tom Cruise ist seit vielen Jahren bekenneder Scientologe), weil da ja ein Film von ihm in München boykottiert wurde.

Die beiden waren ganz toll. Sie erzählte mir immer, "Sky, du musst mitgehen. Wir haben so tolle französische Restaurants und da essen wir abends immer". Da sagte ich zu ihr, "Nicole, das rieche ich. Wir haben hier fast die ganze Zeit Liebesszenen und das ist nicht gut". Ich esse immer Pfefferminz, bevor ich solche Szenen habe, und das sah sie, und dann fing sie auch an, Pfefferminz zu essen. Also, die Geschichte stimmt.

Michaela Boland:

Wie kam der Film insgesamt an?

Sky du Mont:

Es ist ein Film, der gefloppt ist, auch in Amerika. Das liegt daran, dass er sehr männerkritisch ist. Es ist ja nichts anderes als die Geschichte von Schnitzler, dass Frauen damit umgehen können, dass Männer sich einen Playboy kaufen oder Pornos herunterladen, aber ein Mann kann nicht damit umgehen, wenn sie sagt, es war einmal eine Zeit, in der es einen Offizier gab, mit dem ich mir hätte vorstellen können, ins Bett zu gehen, den fand ich unglaublich sexy. Damit kann er ja gar nicht umgehen und geht raus und er sieht jetzt alles nur noch sexuell.

Eigentlich eine geniale Geschichte, denn es stimmt auf den Punkt. Männer können damit nicht umgehen, Frauen ja, denn die müssen es seit Jahrhunderten. Ich glaube, worum es eigentlich geht, haben die alle hier in Deutschland nicht geschnallt. Da ist in dem Film auch so eine riesige Theke mit Frischfleisch, wo die Kamera drüberschwenkt. Dann hat mir Stanley Kubrik, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe, gesagt, "das ist absichtlich so". Alles in Stanniol eingepackt, weil, wenn du die ganze Zeit so viel Schönheit siehst, da tanzen ja auch die ganze Zeit nackte Frauen, ist es irgendwann ermüdend. Nehmen sie mal das Besispiel Micaela Schäfer, sie sagt ihnen etwas?

Michaela Boland:

Ja, schöner Körper.

Sky du Mont:

Ja, aber völlig unerotisch. Den hat man so oft in jeder Situation gesehen, dass ich mir sage...(gähnt demonstrativ). Wir kommen vom Thema ab. Jedenfalls ist es ein ganz schlauer Film.

Michaela Boland:

Sie haben bereits mit international großen Namen gespielt wie William Holden, Gregory Peck, Anthony Quinn und Rod Stiger. Ist man da eigentlich grundsätzlich immer ein bisschen aufgeregter?

Sky du Mont:

Ich nicht, nein. Ich habe keine Stars, für die ich schwärme oder so etwas. Die einen waren nett, die anderen waren nicht nett. Anthony Quinn war nicht wahnsinnig nett. Gregory Peck hat mich in sein Herz geschlossen und mich jeden Abend zum Abendessen eingeladen. Also, das ist ganz unterschiedlich. Gregory Peck ist ja nun für mich einer der Megamegamega-Stars der Geschichte. Von dem habe ich unglaublich viel gelernt, was Lebenseinstellung zu diesem Beruf betrifft. Das war ganz  toll. Insofern habe ich schon für ihn geschwärmt, weil er mir menschlich so viele Dinge beigebracht hat.

Michaela Boland:

Was hat er ihnen im Hinblick auf die Lebenseinstellung zu diesem Beruf denn mit auf den Weg gegeben?

Sky du Mont:

Er hat gesagt, dass dieser Beruf nicht sehr viel mit Talent zu tun hat, sondern sehr viel mehr mit Fleiß und Glück. Es gab eine Szene zwischen Laurence Oliver, den ich für den größten Theaterschauspieler der letzten hundert Jahre halte, und ihm. Und da sind wir alle hingeschlichen, denn diese Szene wollten wir alle sehen. Als sie die Szene gespielt haben, hat jeder nur Laurence Olivier angeschaut. Und jetzt kommt der Witz: Im Kino haben alle nur noch Gregory Peck angeschaut. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, was Charisma ist. Ausstrahlung, die kannst du nicht lernen. Der eine hat es, und der andere hat es eben nicht.

Michaela Boland:

Sie haben geäußert, dass wir in Deutschland nicht die Möglichkeit hätten, Schauspieler in alle Alterstufen mitzunehmen. Stichwort: Den Liebhaber geben bis man in Jopie Heesters Alter ist. Warum ist das ihrer Meinung nach hier so?

Sky du Mont:

Richard Gere hat die Liebhaber gespielt, dann hat er die Ehemänner gespielt und in dann spielte er den betrogenen Ehemann. Wenn ein Schauspieler Charisma hat, wie es ja nun die Stars in Amerika haben, und bei uns gibt es ja auch ein paar, die Charisma haben, es gibt sogar ganz viele, wir haben nämlich ganz tolle Schauspieler, wieso nimmt man die dann nicht mit?

Michaela Boland:

Wer kommt da nach ihrem Dafürhalten in Betracht?

Sky du Mont:

Matthias Habich zum Beispiel.  Wow, unglaublich. Einem Regisseur, der mich gefragt hat, wer den Wallenstein spielen könnte, habe ich einmal gesagt, nimm den und den. Aber: Nein. Oder für eine Verfilmung eines meiner Bücher habe ich gesagt, "nehmt doch den O.W. Fischer". Antwort: "Nee, der ist schwierig." Hallo? Wollen die den heiraten und mit ihm zum Abendessen gehen oder wollen die mit dem einen Film machen? Das sind Dinge, die ich nicht verstehe. Viele Menschen sind schwierig und trotzdem arbeitet man mit ihnen zusammen. Man muss das trennen und das wird bei uns nicht so gemacht. Ich finde, Schnaps ist Schnaps und Geschäft ist Geschäft.

Michaela Boland:

Würde es sich lohnen, in diesem Punkt auf die Barrikaden zu gehen, um das Denken  der Besetzer zu ändern?

Sky du Mont:

Nein, es ändert sich doch gar nichts.

Michaela Boland:

Hatten sie jemals Angst davor, ihr gutes Aussehen irgendwann einmal einzubüßen und dass es mit den Rollenangeboten dann schwieriger werden könnte?

Sky du Mont:

Nein, im Gegenteil. Ich habe gesagt, ich bin froh um jede Falte, denn wenn sie in Deutschland gut aussehen, zumindest zu dem Zeitpunkt als ich anfing, wenn man die Nase mit dem Gesicht hatte, dann wurden sie abgestempelt. Ich sollte damals eine Hauptrolle in "Das Erbe der Guldenburgs" spielen, hatte die Bücher auf dem Tisch, habe gelernt und dann hat ein Redakteur vom ZDF gesagt, "Wieso Sky du Mont? Der kann doch nicht die Rolle spielen, das ist doch nur ein Dressman".

Michaela Boland:

Oh, nicht nett.

Sky du Mont:

Naja, das ist bezeichnend. Das ist Deutschland. Erst durch die Soaps sieht man gutaussehende Leute hier. Plötzlich sieht man gutaussehende Frauen und auch gutaussehende Männer. Das ist ganz neu, das gab es ja früher nicht. Je häßlicher, je begabter.

Michaela Boland:

70% der Schauspieler verdienen angeblich zu wenig Geld. Woran liegt das?

Sky du Mont.

Weil wir zu viele in dem Beruf haben und zu wenig machen. Wir sind ein Land, das nur für sich selbst produziert oder vielleicht für Österreich. Die Amerikaner haben ja die ganze Welt, die machen sehr viel mehr. Das heißt, das Angebot an Schauspielern ist viel größer als die Nachfrage. Es gibt ja keine Schauspielprüfungen hier, es gibt keine Schauspielergewerkschaft, keine wirklich funktionierende. In England oder Amerika kriegen sie keine Arbeitsgenehmigung, wenn sie nicht in der Gewerkschaft sind und in die können sie nur hinein, wenn sie ein ausgebildeter Schauspieler sind.

Michaela Boland:

Sie selbst haben ja die staatliche Schauspielprüfung absolviert?

Sky du Mont:

Ja.

Michaela Boland:

Was raten sie jungen Menschen mit unbedingtem Karrierewillen , die in diesen Beruf streben?

Sky du Mont.

Ich würde ihnen erst mal abraten. Aber, viele wollen es ja werden. Da müssen sie Disziplin  und sehr viel Fleiß und sehr viel Geduld haben, weil Karriere zu machen, ist sehr schwer.

Michaela Boland:

Sie sind ja sehr gut im Geschäft.

Sky du Mont:

Das ist aber Glück gewesen.

Michaela Boland:

Trotzdem haben sie sich unterschiedliche Standbeine geschaffen. Lag das auch daran, dass Karriere als Schauspieler doch eher unwägbar scheint?

Sky du Mont:

Das wusste ich von Anfang an. Als ich angefangen habe in diesem Beruf, gab es nur ARD, ZDF und die Dritten. Das wusste ich damals schon, ich brauche mehrere Standbeine, wenn ich mir das leisten möchte, was ich mir leisten möchte. Ich esse sehr gerne, ich trinke gerne gute Weine. Das war mir damals klar, deshalb habe immer sofort auch andere Sachen gemacht. Ich habe moderiert, ich habe geschrieben, alles mögliche.

Michaela Boland:

Sie haben ein Gesellschaftsformat moderiert und Prominente interviewt. Bei welchem Sender war das?

Sky du Mont.

Stimmt, Skylights. Allerdings nicht nur Prominente. Ich habe auch Politiker und Unbekannte interviewt. Das wollten die, dass ich nur Prominente mache, aber ich habe gesagt, "nein, das mache ich nicht. Ich mache dann immer drei in einer Sendung". Ich hatte zum Beispiel Hape Kerkeling, Gregor Gysi und einen Mann, der alle Stradivaris auf der Welt aufkauft und dadurch den Markt so hoch getrieben hat. Wenn du eine Stradivari willst, und die brauchst du natürlich als junger Geiger, dann musst du so und so viel Geld auf den Tisch legen, weil er alle besitzt.

Michaela Boland:

Wo ist es gelaufen?

Sky du Mont:

SWR. Das war eine sehr erfolgreiche Sendung. Dann hat mich damals der Programmchef zu sich rufen lassen und gesagt, "Herr du Mont, sie machen ja leider nur Schwule und Kommunisten". Da habe ich gesagt, "ach so, wen hätten sie denn gerne"? Daraufhin erwiderte er, "ja, ich hätte gerne Dagmar Berghoff". Ich mag Dagmar Berghoff sehr gerne, aber das war nicht die Richtung, in die ich wollte und da war mir klar, das hat keine Zukunft. Aber es war eine tolle Sendung und dann habe ich ja Oskar-Preisträger für Premiere interviewt. Das war ganz toll. Da habe ich Jane Fonda und Douglas und solche Leute interviewt. Aber dann wurde Premiere ja an Sky verkauft, das war es dann.

Michaela Boland:

Sky auf Sky wäre dabei doch gar nicht so schlecht gewesen.

Sky du Mont:

Ja.

Michaela Boland:

Sie sollen ja auch einmal Industriefilme für Wälzfräsmaschinen in Nürnberg gemacht haben?

Sky du Mont:

Ja,  ich musste Geld verdienen.

Michaela Boland:

Das Thema Rente bei Schauspielern ist nach wie vor ein schwieriges. Aus welchem Grund ist das gerade in dieser Berufsgruppe besonders problematisch?

Sky du Mont:

Naja, wenn man nicht regelmäßig einzahlt, dann kriegt man wenig Rente. Ich habe regelmäßig eingezahlt, weil ich natürlich nebenbei immer Sachen gemacht habe. Ich habe gesprochen, ich habe Hörspiele gemacht. Ich habe eigentlich immer relativ  viel gemacht und Sozialversicherung bezahlt. Die letzten 30 Jahre habe ich bestimmt Rentenversicherung bezahlt.

Michaela Boland:

Welche von all ihren Tätigkeiten üben sie am liebsten aus?  Die Schauspielerei, das Sprechen, das Moderieren oder Schreiben?

Sky du Mont.

Schreiben.

Michaela Boland:

Sie engagieren sich politisch für die FDP. Seit wann tun sie das?

Sky du Mont:

Nicht mehr. Ich habe so ein bisschen meine Probleme mit der Partei, gebe ich ehrlich zu. Ich bin liberal, das sind sie auch. Jeder halbwegs intelligente Mensch ist liberal. Es ist nur die Frage, ob die Partei immer das bringt, was man innerlich fühlt. Das geht bei der CDU und bei der SPD genauso. Es gibt eben rauf und runter. Als Herr Willy Brandt an der Macht war, war die SPD meine Partei, weil ich Willy Brandt sehr verehrt habe. Als Helmut Schmidt da war, auch. Im Augenblick ist da so ein bisschen ein Vakuum. Außerdem sind mir sehr unangenehme Sachen passiert. Ich gehe mit meinen Kindern über die Straße und es kommt ein Mann und sagt, "Sie sind doch das Arschloch, das die FDP wählt".

Das passiert mir andauernd. Auch habe ich jetzt wieder Mails bekommen, wo die Leute mich beschimpfen. Das möchte ich nicht, das geht mir auf die Nerven, das finde ich unfassbar.

Michaela Boland:

Das ist auch unfassbar. Rote Teppiche sind ihnen nicht so wichtig. Bringen die in Wahrheit wirklich gar nichts?

Sky du Mont.

Keine Ahnung. Also, ich glaube nicht, dass sie mir jemals etwas gebracht haben. Ich gehe da nur hin, weil meine Frauen da so gerne auf dem roten Teppich sind und das verstehe ich. Die sehen ja auch immer ganz knackig aus mit ihren schönen Kleidern.

Michaela Boland:

Sie sind seit 2000 in vierter Ehe verheiratet. Pflegen sie noch einen guten Kontakt zu den Ex-Partnerinnen?

Sky du Mont:

Über dieses Thema spreche ich nicht.

Michaela Boland:

Sprechen sie nicht? O.k..

Sky du Mont:

(lacht)

Michaela Boland:

Ja gut, wenn sie nicht darüber sprechen...(lacht), aber ich frage sie trotzdem, sie müssen es ja nicht beantworten. Es wirkt nämlich so, als hätten ihre Ehen so ein bisschen nahtlos aneinander angeschlossen.

Sky du Mont.

Das ist bei Männern doch immer so. Männer sind keine Trauerfälle. Männer sind nicht in der Lage, sehr lange allein zu sein.

Michaela Boland:

Ach so, ich dachte schon, sie haben so ein Ehrgefühl und wollten aus ihren Partnerinnen immer direkt eine sogenannte "ehrbare Frau" machen.

Sky du Mont:

Nein, nein.

Michaela Boland.

Hätte ja sein können.

Sky du Mont:

Nein.

Michaela Boland:

Wenn man mit einem so guten Aussehen bedacht wurde wie sie, hat man es dann schwerer als andere Männer, sich vor weiblichen Angeboten zu retten?

Sky du Mont:

Ja. Eindeutig. Ach nein, wir meinen etwas anderes. Ich habe ja viele Kollegen erlebt, die dann Karten bekamen und dann im Lift angemacht wurden und so. Das ist mir nie passiert. Das ist mir wirklich nie passiert. Vielleicht wirke ich unnahbar, keine Ahnung, ich weiß es nicht. Also, als ich jünger war, hat mich das schon ein bisschen geärgert, muss ich ehrlich sagen. Ich musste immer sehr hart arbeiten, um meine Frauen zu erobern.  Das ist wirklich kein Scherz jetzt. Ich musste richtig ackern. Viele meiner Partnerinnen waren sehr unnahbar.

Michaela Boland:

Hat das nicht auch wesentlich mehr Reiz?

Sky du Mont:

Finden sie? (lacht). Ich weiß nicht.

Michaela Boland:

Sagt man doch häufig so, was leicht zu erlegen ist, verliere den Reiz.

Sky du Mont:

Ja.

Michaela Boland:

Sind sie ein gläubiger Mensch?

Sky du Mont:

Nein.

Michaela Boland:

Sind sie katholisch oder evangelisch oder waren es?

Sky du Mont:

Ich war katholisch.

Michaela Boland:

Sind sie ausgetreten? Ja. O.k.

Sky du Mont:

Ja. (lacht)

Michaela Boland:

Was halten sie von der getroffenen Papstwahl?

Sky du Mont:

Ist mir völlig schnurzpiepegal.

Michaela Boland:

Interessiert es sie gar nicht?

Sky du Mont.

Also, ich hoffe, dass es ein guter Papst ist, weil die katholische Kirche ja im Prinzip sehr viel aufzuarbeiten hat und sehr viele Menschen an diese Kirche glauben und insofern wünsche ich denen, dass es ein guter Papst wird. Ich bin ja Papst als Argentinier. Tja, sie nicht mehr. (lacht).

Michaela Boland:

Cool. Waren sie vom Rücktritt Papst Benedikts des XVI. schockiert?

Sky  du Mont:

Nein, im Gegenteil. Ich empfand das als eine sehr menschliche Reaktion. Und ich ahne, dass er vielleicht zurückgetreten ist, weil er gesehen hat, was da für ein Klüngel im Vatikan ist, wie es da zugeht. Und das finde ich ganz toll, dass ein Mann in dem Alter die Größe hat, und krank ist er, aufzustehen und zu sagen, "nein, ich will damit nichts mehr zu tun haben" und ich glaube, dass es daran lag, dass er zurückgetreten ist. Finde ich aber toll.

Michaela Boland:

Was sagen sie zur EU-Enteignungspolitik in Zypern?

Sky du Mont:

Unfassbar. Das geht gar nicht. Das ist unglaublich, das geht nicht. Man kann das auch nicht damit rechtfertigen, dass da irgendwelche Russen Schwarzgeld haben. Enteignung ist Enteignung. Wo sind wir denn? Das ist eine Katastrophe. Mich wundert, dass nicht durch ganz Deutschland ein Aufschrei geht, vor allem von meiner Partei.

Michaela  Boland:

Sind sie ein sparsamer Mensch?

Sky du Mont:

Nein, aber ich bin einer, der rechnen kann.

Michaela Boland:

Da sage ich: Chapeau! Haben sie irgendwelche abgefahrenen Hobbys, was machen sie in der Freizeit?

Sky du Mont:

Nein, (lacht), ich habe keine abgefahrenen Hobbys.

Michaela Boland:

Sport?

Sky du Mont:

Ja, Sport mache ich. Ich reite und ich fahre sehr gerne Ski.

Michaela Boland:

Schauspielkollege Heiner Lauterbach äußerte wiederholt, dass seine heutige Ehefrau ihn geradezu "gerettet" habe. Hat ihre jetzige Frau, Mirja, sie womöglich auch in irgendeiner Hinsicht, "gerettet" ?

Sky du Mont:

Nein, also gerettet hat mich noch keine Frau. Aber sie hat mir sehr viel gegeben, indem sie einfach mit Konsequenz gesagt hat, dass sie Kinder haben möchte, sonst würde das bei uns nicht funktionieren. Diese Ehrlichkeit schätze ich sehr an einem Partner. Ich wollte eigentlich keine Kinder mehr haben, weil ich sehr unter dem Verlust meines älteren Sohnes gelitten habe. Das war eine ganz schwere Zeit. Und heute bin ich froh, dass sie das gemacht hat, weil das ganz toll ist. Ich freue mich tierisch über meine zwei kleineren Kinder.

Michaela Boland:

Haben sie bei einem verhältnismäßig großen Altersunterschied in der Partnerschaft, so wie es bei ihnen der Fall ist, auch manchmal Sorge, dass es vielleicht irgendwann zu Ende sein könnte?

Sky du Mont:

Ja, klar. Locker bin ich aber nie in einer Beziehung gewesen. Ich hatte immer Verlustängste.

Michaela Boland:

Gerade sie?

Sky du Mont:

Ja, große.

Michaela Boland:

Was tut ihr Bruder, dem sie ihren schönen Namen verdanken, heute?

Sky du Mont:

Der macht nichts mehr. Der wird ja jetzt 70 und der macht gar nichts.

Michaela Boland:

Interessieren sie sich für bildende Kunst?

Sky du Mont:

Ja. Ich verstehe nicht sehr viel davon. Ich finde Malerei sehr interessant. Ich war heute bei meinem Onkel, der hat mir tolle Bilder gezeigt, wahrscheinlich irsinnig teure. Ich wusste wieder nicht, wer das war. Ich gebe zu, dass ich das sehr vernachlässigt habe. Das ist nicht gut.

Michaela Boland:

Lieber Herr du Mont, vielen Dank für dieses Gespräch, alles erdenklich Gute und weiterhin viel Erfolg auf ihrer Lesetour mit "Fullhouse".

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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12.10.2015 Journalismus heißt auch einordnen und bewerten

GFDK - Michaela Boland

Michaela Boland trifft für die Gesellschaft Freunde der Künste den Journalismus-Experten Prof. Dr. Frank Überall

Zugegeben: Um sich bei Politikern beliebt zu machen, gibt es bessere Wege, als deren Verstrickungen im Klüngel zu enttarnen. Wer  untersucht, wie sich zweckgerichtetes Zusammenwirken am Rande der Legalität vollzieht und die Erkenntnisse dann auch noch veröffentlicht, braucht nicht nur Rückgrat: Er geht im Zweifel sogar ein Wagnis ein. Ihm war dies zum Glück egal: Prof. Dr. Frank Überall.  

Wenngleich die Intention auch wissenschaftlich war, der Korruptionsforschungs-Experte und Journalismus-Dozent hat die Domstadt am Rhein ganz schön aufgemischt. Denn nachdem er über den `Klüngel in der politischen Kultur Kölns` promoviert und auch noch ein Buch darüber herausgebracht hatte, geschah etwas Außergewöhnliches: Verwaltungsmitarbeiter reflektierten plötzlich ihr Tun und Politiker querbeet buchten ihn für Lesungen und Diskussionen zum Thema.

Ob es daran lag, dass der 44-Jährige die „situative Kooperation“  nicht nur verteufelt, sondern zunächst wertfrei unter die Lupe genommen hat, ist nicht gewiss. Doch immerhin zeigte der zweifache Vater, der ein Faible für das Strukturieren hat, Alternativen auf, die zwischenzeitlich Einzug in die Kommunalpolitik gehalten haben.

Es stimmt also doch: Man kann etwas bewegen. Was der Politologe und Medienspezialist vom Schlag des Grossisten  MPV (Mitteldeutscher Presse Vertrieb GmbH & Co KG) gegen den  Bildzeitungs-boykottierenden Edeka-Markt in Chemnitz hält, worin er die Probleme der Studenten von heute sieht und warum Korruption auch sexy sein kann, hat mir der vom Staat berufene Professor jetzt im Vierscheibenhaus des WDR verraten.

Michaela Boland: Was gehört bei der täglichen Zeitungslektüre für Sie zum Pflichtprogramm?

Prof. Dr. Überall:  Beim Kölner Stadt-Anzeiger gehört bei  mir auf jeden Fall der Politikteil zum Pflichtprogramm. Es gehört auch der Lokalteil dazu, da ich ja ursprünglich aus der Kommunalpolitik komme. Da habe ich mit der Berichterstattung begonnen.

Das Schöne ist, dass Köln ja auch bundesweit immer noch so interessant ist, dass man an dieser Stadt selbst dann nicht vorbeikommt, wenn man den Schwerpunkt etwas verlagert hat. Auch die Medienseite ist mir wichtig. Genauso wie Wirtschaft und Kultur. Sport nicht. Ich bin bekennender Nicht-Sport-Leser.

Michaela Boland: Sie sind nicht nur Politologe, Soziologe und freiberuflicher Journalist, der kontinuierlich für Print und Rundfunk wie u.a. die taz und den WDR im Einsatz ist.

Sie sind auch  berufener Professor, Schatzmeister im Bundesvorstand des DJV, betreiben ein eigenes Weblog und sind seit 2012 als Journalismus-Dozent an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln und Berlin tätig.

Wie muss man sich bei Ihnen in Anbetracht dieses Pensums eine typische Arbeitswoche vorstellen?

Prof. Dr. Überall: Sie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es keine typische Woche gibt. Manchmal stelle ich  mit zwei bis drei Tagen Vorlauf fest, „da hast du ja mal einen richtig freien Tag“.

Es sind manchmal etliche Wochenenden hintereinander, die es dann auch durchgeht. Aber in der Tat, kann ich mir eben auch diese Inseln schaffen, was ich in der Vergangenheit oft am Wochenende getan habe.

Meine Kinder werden jetzt 16 und 18 Jahre alt. Da sie zurzeit ihre eigenen Wege gehen, brauche ich mir mittlerweile nicht mehr ganz so häufig die Wochenenden freizuschaufeln. Ansonsten liebe ich aber genau das.

Michaela Boland: Also keine klassische Nine-to-Five-Struktur?

Prof. Dr. Überall: Natürlich ist nun seit 2012 ein gewisses Korsett hineingekommen. Während der Vorlesungszeiten habe ich jetzt natürlich Seminare an der Hochschule und die muss ich geben.

Michaela Boland: Wie läuft das zeitlich konkret ab?

Prof. Dr. Überall: Im Arbeitsvertrag steht, dass ich zwei Tage die Woche im Semester Präsenzpflicht  habe. Das heißt, die ganzen Seminare müssen auf diese beiden Tage gelegt werden. Das ist meistens mittwochs und donnerstags.

Alles andere kann ich ja irgendwo mit dem Laptop unterwegs machen. Das interessiert dann keinen, wann ich Klausuren oder Bachelor-Arbeiten korrigiere.

Michaela Boland: Die Studenten wahrscheinlich schon. Die möchten doch gewiss erfahren, wie schnell es die Arbeiten zurückgibt, oder?

Prof. Dr. Überall: Das geht auf diese Weise meistens sogar noch schneller, als wenn ich dort im Büro sitzen würde. Wenn ich im Büro sitze, kommt sowieso dauernd ein Kollege zum Plaudern rein. Da komme ich auch nicht zum Arbeiten.

Die Studenten merken nur insofern etwas, als sie nicht ohne Weiteres jederzeit bei mir ins Büro kommen können. Was mir aber ohnehin lieber ist.

Michaela Boland: Aus welchem Grund?

Prof. Dr. Überall: Ich unterhalte mich zwar gerne mit jemandem auf dem Flur, aber über eine Bachelor-Arbeit nicht. Da habe ich einfach gerne schon mal fünf Zeilen, wo man sich schon mal erste Gedanken gemacht und sich strukturiert hat.

Denn, wer sich etwas aufschreibt, muss es strukturieren. Dann kann man nämlich ganz anders in das Gespräch gehen. Man muss die jungen Menschen dann auch zwingen, ihre Gedanken mal zu ordnen.

Das müssen sie im Berufsleben später auch tun, denn sie müssen eben auch da eine Arbeitshaltung finden.

Michaela Boland: Hat sich die Arbeitsweise der heutigen Studenten nach Ihrer Auffassung von jener der Studenten von vor 20 Jahren gravierend verändert?

Prof. Dr. Überall: Das hat weniger mit den Kids zu tun, sondern viel mehr mit dem System. Das Bachelor-System ist ein schwieriges. Das hat mit dem Studieren, wie wir es damals gemacht haben, nicht mehr viel zu tun.

Es ist sehr Stundenplan-mäßig, es ist sehr klar, es gibt wenige Wahlmöglichkeiten. Bei uns war es doch so, dass man die ersten zwei Stunden zu einem Professor hingegangen ist und wenn das Seminar doof war, musste der damit rechnen, dass er nach drei Stunden dann allein da steht. Das ist heute alles anders. Sich selbst Themen-Schwerpunkte zu suchen ist schwierig.

Allerdings hat das heutige System auch den Vorteil, zumindest, wenn es um Usability (Anwendbarkeit im Beruf) im Fachbereich Journalismus geht, dass jeder von jeder Mediengattung auch mal etwas gehört und es auch mal selbst gemacht haben sollte. Das halte ich auch für richtig.

Michaela Boland: Worin besteht dann das Problem?

Prof. Dr. Überall: Was ich schade finde ist, dass dieses System auch dazu führt, dass der Workload schon mit reiner stumpfer Anwesenheit so hoch ist, dass die Studenten mit der ganzen  zusätzlichen Vor- und Nachbereitung zu zwei Dingen nicht kommen.

Erstens: Tatsächlich mal Fachliteratur zu einem Seminarthema zur Hand zu nehmen und aus Interesse zu lesen. Zweitens: In der Praxis schon Erfahrungen zu sammeln. Das ist gerade im Journalismus unglaublich wichtig. Möglichst früh anfangen, Referenzen zu sammeln.

Journalismus heißt auch einordnen und bewerten

Michaela Boland: Das Jahr 2015 hat uns Journalisten in puncto Ereignisreichtum bisher nicht allzu viele Atempausen gelassen.

Vom Ausklang sämtlicher Pegida-Demonstrationen, über die Ukraine-Krise, das Charlie-Hebdo-Attentat, den Mord am russischen Regierungskritiker Boris Nemzow, den Wirbel um Milliardenkredite für Griechenland - oder gar den Varoufakis` Stinkefinger, den bewusst herbeigeführten Germanwings-Absturz über den französischen Alpen bis hin zum Fifa-Korruptionsskandal rund um Joseph Blatter.

Wie leicht ist es nach Ihrer Einschätzung heute noch der sogenannten Gatekeeper-Funktion des Journalisten nachzukommen und brauchen wir sie überhaupt noch, wo doch heute eigentlich fast jeder über das Netz publizieren kann?

Prof. Dr. Überall: Genau das ist ja die Aufgabe der Journalisten, da Ordnung hineinzubringen. Derjenige Journalismus im Allgemeinen, der dann von manchen Verlagsmanagern vielleicht nur als Content-Show gesehen wird, die auch noch möglichst billig sein soll, bringt genau das eben nicht.

Nur auszuwählen nach dem Motto, „was nehme ich denn jetzt aus den Agenturen“, das ist kein Journalismus. Journalismus ist eben tatsächlich einzuordnen und auch zu bewerten.

Allein das Einordnen ist eine Reduzierung von Komplexität, von der wir in der Soziologie sprechen. Sie ist für uns lebenswichtig und zwar in allen Lebensbereichen. Gerade im Informationsbereich ist sie besonders wichtig.

Wir brauchen gute Lesestücke

Michaela Boland: Wie gut funktioniert die Reduzierung von Komplexität heute denn noch?

Prof. Dr. Überall: Es gibt sehr viele Missverständnisse in der Journalismus-Forschung. Komplexität heißt da nicht: kurze Texte. Manche Verlagsmanager sagen, „da machen wir kurze Texte und haben so die Komplexität reduziert“ und dann schwafeln sie irgendetwas pseudowissenschaftlich daher.

Aber das ist es ja nicht. Wir brauchen einfach gute Lesestücke, wo beispielsweise auch die Syrien-Krise von Fachleuten mal gut erklärt wird. Das kann dann der Journalist als Experte sein oder der Journalist, der sich Experten anhört,  Meinungen zusammenträgt und mittels professionellen Handwerks und mit professioneller Ethik ein rundes Bild zeichnet. Deswegen haben beispielweise Zeitungen wie die Zeit auch Rekord-Auflagen.

Michaela Boland: Also nicht zu viel Information, die uns überflutet?

Prof. Dr. Überall: Das Ganze geht ja von der Prämisse aus, dass 2015 so unglaublich viel war, was es nie gegeben hätte. Also, eine Spiegel-Affäre im kalten Krieg hatte nochmal eine ganz andere Qualität.

Es ist immer so, dass man den Eindruck hat, dass in der Zeit, in der man gerade ist, besonders viel passiert.  Es ist immer schwierig, da irgendwo den Durchblick zu behalten und es war auch immer schwierig. Mittlerweile haben wir viel mehr Medien, die viel mehr abbilden.

Unser Problem ist natürlich, dass wir medial mittlerweile so viel zur Kenntnis nehmen, dass sich die Grenzen zwischen Journalismus und virtuellem Stammtisch unglaublich verschieben.

Mehr darauf achten, was die Kollegen machen

Michaela Boland: Befindet sich der Journalist trotzdem nicht auf dem Weg vom Gatekeeper zum Gatewatcher?

Prof. Dr. Überall: Es gibt natürlich mehr Player. Journalisten verlieren ihre Gatekeeper-Funktion aber nicht. Da kann man sich drüber streiten, ob sie dann schon zum Gatewatcher werden, was bedeuten würde, dass sie an der Stelle ihre Funktion aufgeben. Und ich sage: Das ist nicht so.

Aber sie müssen in der Tat mehr darauf achten, was ihre Kolleginnen und Kollegen machen und dazu müssen wir eben heute auch Leute zählen, die nicht das klassische Berufsbild des Journalisten erfüllen.

Michaela Boland: Befinden wir uns da nicht schon im Bereich des sogenannten Citizen-Journalism (Bürger-Journalismus), auch Graswurzel- oder partizipativer Journalismus genannt? Wie sehen Sie diese Entwicklung, bei der Bürger durch eigene Medien am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen und durch die neuen Publikationsmöglichkeiten im Internet eine große Verbreitung bewirken können?

Prof. Dr. Überall: Es gibt einige, die da auch hoch qualitativ Lücken füllen. Wir haben ja zum Teil wirklich das Problem, dass  es in manchen Bereichen schon gar keine Tageszeitung mehr gibt und da ist es auch nie so interessant, dass da jemals Radio oder Fernsehen hinkommen würden.

Da, wo Regionalzeitungen sterben, haben wir Lücken gerissen, die zum Teil dann von engagierten Bürgern gefüllt werden. Die eignen sich dann Handwerkszeug an, was wir übrigens mit dem Bürgerradio in Nordrheinwestfalen ganz bewusst installiert haben. Ich habe sogar selbst mal mit Bürgerfunk angefangen.

Michaela Boland: Also in einer demokratischen Ordnung unerlässlich oder auch gefährlich, wenn nun Hinz und Kunz unter dem Deckmantel des Journalismus über das Netz jederzeit alles behaupten und verbreiten können?

Prof. Dr. Überall: Gegen falsche Tatsachenbehauptungen haben wir ja nun ein gutes juristisches Instrumentarium. Wenn es in diese Kategorie fällt, und Verschwörungstheorien hat es immer gegeben, dann ist die Erfindung des Drucks entsprechend auch schon so etwas gewesen.

Ich finde bei diesen Diskussionen immer so putzig, dass man häufig sagt, „Jetzt ist alles ganz schlimm, denn jetzt können die Bürger selbst sagen, was sie wollen“. Ja, und nicht mehr gefiltert durch Leser-Redaktionen.

Es war doch nie so. Es hat auch zur Nazi-Zeit Leute gegeben, die von irgendwelchen Balustraden Flugblätter geworfen haben. Etwas, das wir heute eigentlich hoch verehren. Also lasst uns doch bitte nicht so tun, als ob das alles komplett neu wäre.

Auch gab es damals Bürgerzeitungen von Bürgerinitiativen und Piratensender. Sicherlich hat sich das Schwergewicht verlagert. Nur, ob ich mich auf der Seite von Lieschen Müller adäquat über die Eurokrise informieren kann? Ich glaube, das merkt auch der Dümmste.

Personalisierter Journalismus wird Einzug halten

Michaela Boland: Heißt das, im Prinzip ist alles easy?

Prof. Dr. Überall: Ich habe mich innerhalb der Politikwissenschaften viel mit Rechtsextremismus- und Rechtpopulismus-Forschung befasst und kann sagen, wir bekommen dann ein Problem, wenn  Gruppierungen radikaler Art es schaffen, über Personen eine solche Glaubwürdigkeit in ihren Medien zu bekommen.

Ich wage vorauszusagen, dass wir hier, ähnlich wie in den USA schon jetzt, eine viel deutlichere Personalisierung des Journalismus erleben. Also, dass es Journalisten-Typen gibt, die in der Öffentlichkeit für bestimmte – auch politische – Richtungen stehen.

Eigentlich sagt man im Journalismus ja immer: neutral sein! Aber kein Journalist ist komplett neutral. Es ist natürlich Handwerk, etwas in einem Beitrag erst mal neutral darzustellen und es dann zu kommentieren. Aber selbst das geht ja komplett durcheinander.

Auch in der Süddeutschen, auch in der FAZ. Also, dann kann man eben auch den Mut haben, dass man ganz bewusst sagt, „ja, jemand steht für eine bestimmte Richtung“. Und das wird kommen.

Michaela Boland: Lassen Journalisten Ihrer Meinung nach die persönliche Einstellung niemals ganz außen vor?

Prof. Dr. Überall: Sie außen vor zu lassen, ist in der Theorie eine tolle Idee. Natürlich gehört auch zum Handwerk, keine Information zu vernachlässigen, nur weil sie dem eigenen Weltbild und der eigenen Auffassung widerspricht.

Aber, wenn man sich anschaut, wie Medien heute gemacht werden, stellt man Folgendes fest: In Deutschland hat in den heutigen Medien gegenüber den Medien der letzten 30 bis 40 Jahre eine Boulevardisierung stattgefunden.

Ich nenne es immer dramatisieren, simplifizieren, personalisieren und damit auch emotionalisieren.

Michaela Boland: Funktioniert es anders grundsätzlich überhaupt nicht mehr?

Prof. Dr. Überall: In den seltensten Fällen. Den Text zu verkaufen, in welchem Medium auch immer,  bedeutet auch, ihn in eine moderne Form zu bringen. Da, wo wir im Fernsehen ganz schnelle und harte Schnitte gewöhnt sind und da, wo wir viel mehr Reizen ausgesetzt sind, muss dieses Format eben auch mit irgendwelchen Reizen mithalten.

Medienvielfalt am Leben halten

Michaela Boland: Die Meinungs- und Pressefreiheit, die bei uns in Art. 5 der deutschen Verfassung verankert ist, stellt per se eines der wichtigsten Grundrechte dar, das wir in unserer westlichen Welt haben.

Aufgrund des Boykotts der Bildzeitung des Chemnitzer Edeka-Supermarktes “Heymer“ seit Ende März, durch den die Medienvielfalt dort eingeschränkt wurde, warnen verschiedene Verbände jetzt vor einer „Pressezensur durch den Einzelhandel“.

Wie beurteilen Sie das Verhalten des Supermarkt-Betreibers, der sich mit seinem Boykott gegen die BILD offenbar kleineren Tankstellen, Geschäften und Kiosken angeschlossen hatte?

Prof. Dr. Überall: Ich muss vorweg sagen, dass ich auch ein paar Jahre für die Bildzeitung gearbeitet und auch heute immer noch ganz gute Kontakte dorthin habe.

Außerdem müssen wir sehr klar und fein zwischen einfachen Bürgern und Teilnehmern am System Presse-Grosso unterscheiden. Wir reden ja nicht über Kioskbesitzer Heinz oder Ali, der die Cola-Fläschchen aus dem Programm genommen hat, worüber ich mich auch ärgere.

Natürlich ist jeder Händler erst einmal autonom darin zu entscheiden, was er bei sich ins Regal stellt. In dem Moment, wo ich aber einen Vertrag mit einer Organisation schließe, hier also dem Presse-Grosso, muss ich mich an den Vertrag halten.

Da kann ich nicht den ganzen Tag da sitzen und jede Zeitung von vorne bis hinten durchblättern und sagen, „oh, bei der Bunten hat mir die Wulff-Berichterstattung nicht gefallen, bei der Bildzeitung dieses und bei der Jungen Freiheit jenes nicht“.

Ich finde die Junge Freiheit tendenziell volksverhetzend und halte sie wirklich für äußerst problematisch. Trotzdem: Wenn sie an dem Presse-Grosso teilnimmt, ist sie einerseits viel schlimmer als die Bildzeitung, auf der anderen Seite hat sie aber auch da das Recht.

Dann kann man politisch ansetzen und versuchen, mit den anderen Verlagen irgendetwas zu unternehmen. Man kann sich von mir aus auch an die Öffentlichkeit wenden und sagen, „Ich finde das blöd“.

Aber es aus dem Programm zu nehmen, ist eben einfach nur ein Vertragsbruch. Das System, Presse-Grosso, ist ja auch geschaffen und mehrfach gerichtlich bestätigt worden, um eine Pressevielfalt in Deutschland am Leben zu halten.

Das sind nun mal die Spielregeln, auf die wir uns geeinigt haben. Er kann sich ja aus dem Presse-Grosso insgesamt verabschieden.

Michaela Boland: Das braucht er jetzt wohl nicht mehr, nachdem der zuständige Grossist, MPV (Mitteldeutscher Pressevertrieb), laut Medienberichten zwischenzeitlich die Zusammenarbeit mit  dem Supermarkt gekündigt haben und ihn mit keinerlei Presseerzeugnissen mehr beliefern soll.

Denken Sie, dass diese Maßnahme auch wie eine Art Mahnmal vor Nachahmungsversuchen weiterer Einzelhändler schützen sollte?

Prof. Dr. Überall: Wenn ich mir professionelle Partner hole, und da mag man sich vielleicht darüber beklagen, dass es eine Monopol-artige Struktur ist - diese ist allerdings gesellschaftlich gewollt - dann muss ich entweder das Spiel mitspielen oder nicht.

Da ist das Verhalten des Grossisten nur konsequent. Aber, da würde ich nicht von abschrecken sprechen, sondern davon, dass die logische Konsequenz aufgezeigt wurde.

Er hätte sich ja vorher verabschieden können und dann hätte er eben mit seinem Wägelchen zu Gruner + Jahr fahren und da ein paar Zeitschriften abholen können. Die kann er sich ja dann in den Laden stellen oder er muss sich eben ein System ausdenken.

Als Edeka-Supermarkt gehört er ja auch einer Kette an und  könnte ja nun auch nicht sagen, ich kaufe jetzt bei Rewe meine Sachen, da sind die immer viel billiger und dann verkaufe ich die teurer hier bei Edeka. Da steckt er ja genauso in Vertragsproblemen drin.

Und wenn er sagt, "ich mag aber keine Zitronen“, und ich sage Ihnen, Zitronen können manchmal ganz schön sauer sein, genauso wie die Bildzeitung auch manchmal extrem anstrengend sein kann, die Bildzeitung ist sozusagen die Zitrone des Zeitschriftenregals, aber trotzdem muss ich auch Zitronen verkaufen, wenn ich den Gesamtliefervertrag über Obst und Gemüse eingegangen bin.

Notwendigkeit der Berichterstattung war gegeben

Michaela Boland: Der Protest in Form des Bild-Boykotts richtete sich konkret gegen die Art der Berichterstattung der großen Boulevardzeitung im Rahmen des Germanwings-Absturzes.

U.a. wurde kritisiert, dass der vollständige Name des Copiloten, der den Absturz bewusst herbeigeführt haben soll, Andreas Lubitz, veröffentlicht wurde. Des Weiteren wurde beanstandet, dass auch Personen im Umfeld des Mannes befragt wurden.

Zählt so etwas Ihrer Auffassung nach denn  nicht zum journalistischen Auftrag: die Öffentlichkeit umfassend zu informieren, wenn bei einer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorsätzlichen Handlung viele Menschen mit in den Tod gerissen werden?

Prof. Dr. Überall: Mittlerweile hat der Presserat ja auch eindeutig dazu Stellung genommen. Er hat klar gesagt, den Namen  durfte man dann ab einem gewissen Zeitpunkt nennen.

Es ist ein ganz schwieriger Grat, in dem Moment, in dem es um eine Suizid-Frage geht und dann um den sogenannten erweiterten Suizid. Da muss es eine öffentliche Relevanz geben.

Das heißt, jemand, der vom Hochhaus springt und dabei den Blumenkasten meiner Oma kaputt macht, lässt  jenen Kasten in der Abwägung wohl kaum so wichtig erscheinen, als dass dies ein Medienthema wäre.

Man muss vom Vergleich her manchmal in diese Extreme gehen, um sich das bewusst zu machen. Der Blumenkasten meiner Oma rechtfertigt das nicht, der Tod von derartig vielen Menschen schon.

Das mutmaßlich vorsätzliche Steuern eines Flugzeugs in ein Gebirgsmassiv mit der logischen Folge des Todes aller Insassen hat dann schon eine andere Qualität. Es hat aus meiner Sicht die Notwendigkeit der Berichterstattung gegeben.

Auf der einen Seite konsumieren viele von uns  elektronische und nicht-elektronische Boulevardmedien, das sagen allein die Zahlen. Auf der anderen Seite verurteilen wir unglaublich die Methoden, wie sie an die Informationen kommen.

Ich habe in der Zeit, als ich für die Bildzeitung gearbeitet habe, ein oder zwei Crime-Geschichten gemacht und dann damit aufgehört. Diese Arbeitsweise, irgendwo an Wohnungen zu klingeln und mit Menschen, die gerade einen Angehörigen oder Freund verloren haben, darüber zu sprechen, da habe ich keine Lust drauf. Das will ich  nicht.

Wir dürfen aber auch nicht ganz ausblenden, dass es eben das Interesse daran gibt. Das ist doch im Menschen drin, wenn es dann Medien bedienen, die sich einem ethischen Moralkodex unterwerfen, dann finde ich das auch in Ordnung.

Das muss man aushalten

Michaela Boland: Während sich die Bildzeitung im Zuge der Germanwings-Berichterstattung einem regelrechten Shitstorm im Netz ausgesetzt sah und ob ihrer Arbeit nicht nur kritisiert, sondern Mitarbeiter öffentlich angefeindet und beleidigt wurden, gab es keine Kontrolle  über die ungefilterten und teilweise völlig falschen Informationen, die von Seiten wütender Bürger im Netz verbreitet wurden.

Brauchen wir Ihrer Meinung nach ein spezielles Kontrollgremium auf Seiten der Citizen-Journalisten, so wie es auf klassischer Journalistenseite einen Deutschen Presserat gibt?

Prof. Dr. Überall: Das ist doch albern. Wir sind als Journalisten auch Personen des öffentlichen Lebens und dass wir uns da mit Meinungsäußerung konfrontiert sehen, ist völlig normal. Das, was wir heute Shitstorm nennen, waren früher Leserbriefkampagnen oder das Lästern am Stammtisch.

Michaela Boland: War dieser Wirkungskreis nicht eingegrenzter als die Verbreitungsmöglichkeiten durch das World Wide Web?

Prof. Dr. Überall: Gucken Sie Sich doch mal Filme an, wo etwas vom Stammtisch berichtet wird! Gehen Sie doch mal sonntags morgens zu einem wirklich konservativen Stammtisch, wenn es die noch irgendwo gibt!

Was die Leute da vom Leder ziehen, wenn Sie dem berühmten einfachen Volk mal zuhören. Mein Gott, was die über Politiker herziehen und was die über Journalisten herziehen. Da stehen wir im Ansehen mit Bankern ganz weit hinten am Ende.

Michaela Boland: Trifft Sie so etwas auch schon mal?

Prof. Dr. Überall: Das kriege ich auch im Alltagsleben mit. An manchen Tagen ist es schwierig bei der Kölner Stadtverwaltung anzurufen, weil ich gerade wieder etwas Böses berichtet habe und die stinksauer auf mich sind.

In der politischen Berichterstattung lernen Sie wie in keinem anderen Bereich, den Menschen, über die sie gerade geschrieben haben, möglicherweise noch am gleichen Tag über den Weg zu laufen.

Das muss man aushalten. Und dass diese Menschen auch schon mal ausfallend werden, das muss man auch aushalten.

Manchmal wird man „Arschloch“ genannt

Michaela Boland: Was war das Übelste, was Ihnen da schon mal widerfahren ist?

Prof. Dr. Überall: Es hat diverse unschöne Dinge gegeben, aber das schwierigste war ein damals noch amtierender Politiker, der nachhaltig damit gedroht hat, mich zu verklagen.

Er hatte einen Presserechts-Anwalt auf mich gehetzt und später stellte sich heraus, dass ich mit den Dingen, die ich angenommen hatte, definitiv Recht hatte. Aber, da dieser Mensch auch Jurist ist, hat er eben mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wobei ich  nicht eingeknickt bin.

Manchmal wird man einfach blöd angemacht oder ignoriert oder „Arschloch“ genannt. Das finde ich alles nicht so furchtbar schlimm.

Was jedoch ein extrem mulmiges Gefühl verursacht ist, wenn man kritisch über Rechtsextreme berichtet. Wenn man dann auch noch vor Ort ist, wenn die ein demonstratives Anliegen haben, also die berühmte rechts-/links-Demonstration, dann wird man als kritischer Journalist, gerade bei den Rechtspopulisten, schon mal von der Bühne aus namentlich begrüßt. Beispielsweise, „hier vorne steht dann auch Frank Überall, ein Hetzer vom Westdeutschen Rundfunk“.

Wenn Sie dann 20 Glatzen haben, die recht interessiert zu Ihnen schauen, ist das schon ein merkwürdiges Gefühl.

Michaela Boland: Brauchten Sie da schon mal Polizeischutz?

Prof. Dr. Überall: Nein, Polizeischutz hatte ich noch nicht, aber schon diverse unangenehme Begegnungen.

Alibi-Investigativ-Ressorts nützen nichts

Michaela Boland:  Wie frei wird nach Ihrem Dafürhalten tatsächlich in Deutschland berichtet?

Noch einmal zurück zum Airbusabsturz: Die Auswertungsergebnisse des Voice-Recorders der abgestürzten Germanwings-Maschine, aus denen hervorging, dass die Katastrophe wohl bewusst herbeigeführt wurde, wurden seinerzeit zuerst von den amerikanischen Journalisten-Kollegen der New York Times an die Öffentlichkeit gebracht.

Was hat das für eine Aussagekraft? Sind wir hier zu lahmarschig oder unterwerfen sich alle irgendeiner Maulkorb-Macht und halten dicht, wenn es verlangt wird?

Abgesehen davon macht sich im Printmedienbereich bedauerlicherweise ja auch immer mehr die Unart der sogenannten Interview-“Autorisierungen“ breit.

Prof. Dr. Überall: Ich glaube schon, dass wir immer noch recht frei arbeiten, aber dass es zum Teil ein Problem der Ressourcen ist. In dem Moment, wo Journalisten von Herausgebern und Sendern als Content-Schaufler gesehen werden, haben sie genau diejenigen nicht mehr, die dafür brennen und die nicht mehr intensiv und investigativ recherchieren.

Da nützt es auch nichts, wenn man sich Alibi-mäßig ein sogenanntes Investigativ-Ressort mit irgendwelchen Selbstdarstellern dahin setzt, sondern das muss man wirklich ernst nehmen.

Da hilft auch keine kleine Gruppe, die das innerhalb eines Verlages oder Senders macht. Das muss einfach Lebensstil im Berufsleben sein. Das scheint an manchen Stellen in der Tat ein Stück weit abhandengekommen zu sein.

System der Kettenduldungen und ständiger Angst um den Job

Michaela Boland: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Prof. Dr. Überall: Das hat unterschiedliche Gründe. Wenn man in ständiger Angst um den Job leben muss, wirkt sich das nicht gerade darauf aus, dass man die meiste Kraft in den Job steckt.

Wenn man in einem System der Kettenduldungen festgehalten wird, also sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt, regt das nicht zum selbständigen Denken oder vielleicht auch mal zum kritischen Denken gegenüber der Redaktions- Verlags- oder Anstaltsleitung an. Da kommen verschiedene Dinge zusammen. Gerade freie Journalisten, wenn sie so schlecht bezahlt werden – wir sprechen von zehn Euro pro Foto und zehn Cent pro Zeile –, dass jeder PR-Auftrag ihnen die Miete rettet, dann läuft da etwas schief.

Dann ist das ein System der Autokorrektur. Das hat nichts damit zu tun, dass da irgendjemand eine Linie vorgeben würde oder sonst etwas. Man kann es böse “Faulheit“ nennen.

Abgesehen davon bleibt heute auch gar keine Zeit mehr für ausreichende Recherche. Ich kenne noch die Zeiten, wo Zeitungsredakteure morgens hereingekommen sind, sich überlegt haben, was sie denn heute mal schreiben und dann am Tag einen Artikel geschrieben haben.

Extreme Arbeitsverdichtung

Michaela Boland: Wie kennen Sie es heute?

Prof. Dr. Überall: Das ist heute alles völlig undenkbar. Die müssen dann noch Facebook bedienen, noch schnell etwas bei Twitter posten, dann mal schnell noch einen Termin wahrnehmen und es heißt, „nimm Dein Handy mit und mach noch ein Foto, aber denk an online first“.

Insofern gibt es eine extreme Arbeitsverdichtung, die dazu führt, dass man vielen Dingen auch nicht mehr so intensiv nachgeht. Gleichzeitig öffnet man damit natürlich auch das Tor, dass man diese Auseinandersetzung mit Wirtschaftsmanagern und Politikern dann scheut, denn sie kostet einfach nur Zeit.

Stichwort Freigabe –Autorisierung von Interviews: Da sagt man dann, „ja, gut, ich will den Namen im Blatt haben, dann mache ich das eben jetzt so“. Ich halte das für ein hohes Maß an Bequemlichkeit, die zum Teil durch die Arbeitsbedingungen vorgegeben ist, weil es zum Teil gar nicht mehr anders geht.

Und die andere Seite hat sich da einen Spaß draus gemacht.  Es ist doch heute schon so, wenn  ich als freier Journalist möglicherweise 4000,- Euro dafür bekomme, dass ich dem Vorstandsvorsitzenden einer Aktiengesellschaft die Rede schreibe und 40,- Euro für meinen Artikel über die gleiche Aktionärsversammlung, wo liegen denn dann meine Loyalitäten?

Und nicht jeder trennt das so klar, wenn er es macht. Es gibt immer mehr Schwierigkeiten, weil der Bereich der professionellen Pressearbeit unglaublich aufrüstet bis hin zu dem Umstand, dass man sagt, „wir bedienen nur noch diejenigen, die unkritisch berichten.

Dann gibt es bei Politikern oder Wirtschaftsmanagern eben den beschränkten Zugang. Wer sich nicht wohl verhält, der kriegt halt nichts.

Vielen Journalistinnen und Journalisten ist das Selbstbewusstsein abhandengekommen, weil wir auch selbst nicht so richtig wissen, wie geht es mit unserem Berufsstand weiter?

Mein Handwerk kann ich aber nur dann ausüben, wenn ich davon überzeugt und auch selbstbewusst bin. Ein Schreiner, der zaghaft mit der Säge an das Holz geht, wird kein richtig gutes Möbel machen können.

Michaela Boland: Insgesamt also ein rein strukturelles Problem?

Prof. Dr. Überall: Ja. Ich kann nur sagen, und da kommt der Gewerkschafter wieder durch, Leute, wenn ihr Journalisten beschäftigt, bezahlt sie anständig! Es gibt so viele Verlockungen auf der anderen Seite.

Wenn ihr dann nicht Leute habt, die wirklich loyal zu ihrem Beruf stehen, dann wird es schwierig. Denn dann wird auch das Produkt nicht gut werden.

Michaela Boland: Sie arbeiten für die taz (die Tageszeitung). Sie verfügt als eine von wenigen Blättern im Zuge von inhaltlicher Unabhängigkeit redaktioneller Mitarbeiter über ein Redaktionsstatut.

Ist das ein Instrumentarium, das das Selbstwertgefühl von Journalisten möglicherweise auch woanders schon von innen her stärken könnte?

Prof. Dr. Überall: Nein. Papier ist geduldig. Ich komme aus der Korruptionsforschung und jede Kommune hat ein ganz tolles Anti-Korruptionskonzept. Es kennt nur keine Sau.

Also, das nützt nichts. Es ist schön so etwas zu haben, aber es muss konsequent gelebt werden.

Korruption ist Klüngel ohne Charakter

Michaela Boland: In jüngster Vergangenheit füllten Korruptionsvorwürfe gegen die Fifa die Schlagzeilen. Nach Angaben des US-Senders ABC ermittelt jetzt sogar das FBI gegen den Fußballfunktionär und frisch zurückgetretenen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter.

Auch in den vergangenen Jahren hat es bereits diverse Vorwürfe betreffend Korruption und Schmiergeld gegen Blatter gegeben, jedoch hat es den Anschein, als sei der Mann immer wieder quasi rehabilitiert daraus hervorgegangen.

Liest man manche Zitate des Schweizers, gewinnt man hin und wieder den Eindruck, als halte der Mann seine Handlungen in gewisser Weise für völlig harmlos, als sei es ein wenig wie ein netter, bedenkenloser Klüngel.

In puncto Klüngel sind Sie insoweit versiert, als Sie Ihre Dissertation diesem Thema – wenngleich auch auf Köln bezogen - gewidmet haben. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Fifa-/Blatter-Affäre? Ist so etwas noch Klüngel?

Prof. Dr. Überall: Klüngel im klassischen Sinne, wie Kölner ihn verstehen, hat erst mal  nichts mit Korruption zu tun. Sondern: Korruption ist Klüngel ohne Charakter.

Klüngel ist eine Mischung aus Nachbarschaftshilfe und  “Trink-doch-eine-mit“-Mentalität. Etwas, das ja erst mal nicht zu verteufeln, sondern zutiefst liebenswert ist.

Wenn ich in Situationen komme, wo ich einfach mal ein Bier ausgegeben bekomme, oder wo ich gerade auf der Straße an irgendetwas herum werkele und der Nachbar kommt vorbei und sagt: „Hör mal, das musst du doch so machen! Komm, lass mich mal eben.“

Michaela Boland: Wie schreiben Sie so schön in Ihrem Buch, “Der Klüngel in der politischen Kultur Kölns“? „Klüngel ist situative Kooperation.“

Prof. Dr. Überall: Genau. Insofern ist nicht alles Korruption, was Klüngel ist. Man muss das fein unterscheiden. Die Fifa ist einfach ein unglaubliches Eigengewächs gewesen, wo es aufgrund des Schweizer Rechts sehr schwierig war, überhaupt heran zu kommen.

Zwar habe ich im Detail noch nicht nachvollzogen, wie sie es hinbekommen haben, nun doch gegen die Fifa ermitteln zu können.  Da ja bei solchen internationalen Organisationen in der Schweiz neben der Gemeinnützigkeit auch viele rechtliche Regeln dort gelten, weswegen man an so etwas nicht heran kommt, also gar nicht erst ermitteln darf.

Ähnlich wie bei uns bei Abgeordneten. Das ist ein Fehler im System gewesen und jetzt hat man offensichtlich eine Möglichkeit gefunden es doch hinzubekommen. Aber da  hat man sich auch Zeit mit gelassen.

Die ersten validen Aussagen sind  ja erst zwei Jahre alt. Mit Klüngel hat das nicht mehr viel zu tun. Es war ja auch unglaublich, wie Blatter mit Kritikern umgegangen ist. Der berühmte Satz: „Ich vergebe fast immer, aber ich verzeihe nie“, das war der Pate und das hat nichts mit Klüngel zu tun.

Wenn sich das alles so bestätigt, dann war das ein Korruptionsnetz und damit organisiertes Verbrechen. Klüngel ist demgegenüber kein organisiertes Verbrechen, sondern ist organisierte Kooperation.

Michaela Boland: In Ihrer Doktor-Arbeit haben sie ja auch sämtliche positive Aspekte des Klüngels herausgearbeitet. Macht man sich ansonsten Feinde, wenn man in Köln lebt und arbeitet und dann den Kölschen Klüngel untersucht, seziert  und aufdeckt?

Prof. Dr. Überall: Das habe ich in der Tat auch reichlich getan und das hat vielen nicht gefallen. Aber ich bin nicht allein auf der Welt, um allen zu gefallen. Das liegt im Job und dabei liegt dann Wissenschaft auch sehr nahe am Journalismus.

Dass mich einige dafür hassen, dass sie in diesem Buch vorkommen, ja, so ist das Leben (lacht). Wir wären wahrscheinlich sowieso nie wirkliche Freunde geworden. Auf der anderen Seite haben aber auch viele einmal darüber reflektiert, was sie da getan haben.

Es war eine stinknormale Doktor-Arbeit, aber sie hat in dieser Stadt tatsächlich einiges an Diskussionen ausgelöst. Das lässt sich auch nachvollziehen anhand der Anfragen und Anträge im Stadtrat von Politikern, die das aufgegriffen haben.

In Köln gab es beispielsweise immer die gelebte Alternativlosigkeit. Verwaltungsvorlagen im Stadtrat liefen immer so, dass gesagt wurde, „ja, wir müssen das jetzt machen. Stimmt zu“. Ich habe dann irgendwann in der Doktor-Arbeit formuliert, dass es in anderen Parlamenten durchaus üblich ist, auch die Alternative darzustellen.

Das gab einen riesen Aufschrei. Jedoch muss zur Abwägung für den Souverän in der kommunalen Selbstverwaltung die Meinungsbildung nicht allein auf der reinen Verwaltungsseite stattfinden. Der Souverän, nämlich die Ehrenamtler, die juristisch gesehen Mitglieder einer Selbstvertretung der Bürger sind, haben ein besonderes Vorrecht an diesem Meinungsbildungsprozess innerhalb der Verwaltung teilzunehmen.

Das hat aber Jahrzehnte in Köln nicht stattgefunden, weil man sowieso gesagt hat, „wir schicken ja unsere `Vettern` dahin und die werden das schon richtig machen“. So ist es aber nicht vorgesehen.

Deshalb habe ich massiv dafür plädiert, die Alternative hineinzuschreiben. Dann kann man ja darüber abstimmen, man kann sich aber auch für die Alternative entscheiden.

Beispiel: „Wir reißen dieses Haus ab, weil es nicht sanierungsbedürftig ist“ oder „wir sanieren es.“ Wenn das Abreißen eine Million kostet und das Sanieren Eins Komma Zwei Millionen kostet, dann muss ich die Chance haben zu sagen, „ich will aber das“, selbst, wenn es teurer ist.

Alternativlos irgendetwas dahin rotzen, das geht so nicht. Es ging aber in Köln Jahrzehnte lang. So kann man mit Kleinigkeiten etwas bewegen und heute ist es selbstverständlich.

Michaela Boland: Wie schnell hat sich das Umdenken in Köln vollzogen?

Prof. Dr. Überall: Es hat ziemlich lange gedauert. Über ein Jahr. Aber interessant war, dass ich dann bei wirklich allen politischen Kräften, von der Linkspartei bis zum Wirtschaftsflügel der CDU Diskussionsrunden oder Lesungen hatte.

Dadurch, dass ich den Klüngel nicht einseitig verteufelt habe und mithilfe von klassischer Soziologie, nämlich erst einmal wertfrei an etwas heranzugehen, versucht habe, habe ich es geschafft, in allen gesellschaftlich politisch relevanten Bereichen eine Diskussion hinzubekommen. Damit habe ich in der Weise selbst nicht gerechnet.

Michaela Boland: Wie sind Sie ursprünglich auf das Thema für Ihre Dissertation gekommen?

Prof. Dr. Überall: Ich habe öfter mal über Klüngel berichtet und dann gab es einen Professor aus Tübingen, der bei der Landeszentrale für politische Bildung einen Vortrag zum Thema Klüngel angefragt hat.

Diesen Vortrag habe ich dann gehalten und dann sagte er, „Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht zu promovieren? Ich suche da seit Jahren jemanden, der mal über den Klüngel promoviert.“

Michaela Boland: Im Inhaltsverzeichnis Ihres 237-Seiten umfassenden Buches „Abgeschmiert – Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird“ aus dem Jahre 2011 beschreiben Sie Korruption im Inhaltsverzeichnis als: „sexy“, „lässig“, aufregend“, verführerisch“, vielversprechend“, verlockend“, „betörend“ und „geheimnisvoll“. Wie kann man ihr unter diesen Umständen am besten widerstehen?

Prof. Dr. Überall: Wir haben seit dem Altertum immer Korruption gehabt und wir werden sie immer haben. Widerstehen kann man nur, indem man sich selbst auch immer wieder mal infrage stellt.

Sein eigenes Handeln. Auch, wenn man sich vor allem mit Menschen umgibt, die dieses Infrage-Stellen ungestraft tun können.

Man muss ein Korrektiv haben

Michaela Boland: Sie sagen, Korruption gibt es überall und jederzeit. Schon der Staatstheoretiker Jean Jacques Rousseau äußerte, dass die in zivilisatorisch entwickelten Gesellschaften lebenden  Menschen selbstsüchtig, unwahrhaftig und eitel seien.

Liegt es somit womöglich in der Natur des Menschen, irgendwann Macht zu missbrauchen, wenn er für längere Zeit welche innehat?

Prof. Dr. Überall:  Ich erlebe es immer wieder bei Menschen, die dann irgendwann in eine Machtposition kommen, die sich vorher auch kritische Meinungen angehört haben, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre Komplexität reduzieren und dann  keine Kritik mehr zulassen. Vielleicht auch zum Selbstschutz.

Das öffnet das Tor dafür, sich in Beziehungsgeflechte zu begeben, wo man sich gar nicht mehr infrage stellt. Durch die Paradoxie des menschlichen Geistes ist es in uns angelegt, auch mal gierig und verführbar zu sein.

An der Stelle muss ich eben ein Korrektiv haben, wie beispielsweise gute Freunde. Dafür muss ich offen bleiben.

Michaela Boland: In Ihrem Buch ist auch die Rede von Korruptionsethik. Sind das an für sich nicht zwei Begrifflichkeiten, die einander widersprechen?

Prof. Dr. Überall: Es ist durchaus ein bisschen provokant. Aber es ist der Versuch deutlich zu machen, dass es Menschen gibt, die sich Korruption –platt gesagt- schönreden.

Solche, die also Rechtfertigungsstrategien entwerfen. Dieses berühmte „M`r dun et ja nur för Kölle“ (Anm. d. Red.: Wir tun es ja nur für Köln). Das Köln, was die meinen, ist ein anderes, als das, was wir als Gesellschaft meinen.

Es gibt Menschen, die leben das und sehen das wirklich als eine Ethik der Korruption. Bis hin zu solchen Unternehmern, die sagen, „wenn ich kein Schmiergeld bezahle, bekomme ich keine Aufträge“.

Mit dem Begriff der Ethik geht es auch darum, anzuerkennen, dass es Dilemma-Situationen geben kann.

Michaela Boland: Können Sie konkrete Situationen beschreiben?

Prof. Dr. Überall: Nehmen wir an, wir haben einen mittelständischen Unternehmer im ländlichen Bereich. Dieser hat massive finanzielle Probleme und steht kurz vor der Insolvenz.

Die Mitarbeiter, genau wie er, als Chef, sind bereits in der X-ten Generation im Betrieb. Er hat selbst als junger Mann diejenigen Leute, die jetzt als Auszubildende da sind, schon in Windeln gesehen.

Auch die älteren Herrschaften im Betrieb, die kurz vor der Rente stehen, haben ihn schon als Kind erlebt. All jenen gibt der Unternehmer mit seinem Betrieb Arbeit. Es kann aber morgen vorbei sein.

Jetzt ergibt sich die Möglichkeit, an einen Auftrag zu kommen. Der zuständige Mensch bei der örtlichen Straßenmeisterei sagt dem Unternehmer, „ Wenn Du 100,- Euro für die Kaffee-Kasse hast, kannst du den Auftrag bekommen“.

Diese 100,- Euro tun dem Unternehmer nicht weh und er rettet den Mitarbeitern die Arbeitsplätze. Andernfalls, wenn die Firma Pleite geht, ist der Unternehmer bei seinen Mitarbeitern unten durch, in seinem Ort unten durch und im privaten Freundeskreis unten durch. Zumindest wird das subjektiv so empfunden.

Das alles könnte er abwenden durch die Zahlung von einmaligen 100,- Euro. Wie würden Sie entscheiden? Viel Spaß in der Situation. So etwas auch mal bewusst zu machen, dass es neben den gierigen Arschlöchern eben auch ein ethisches Dilemma geben kann, darum geht es.

Es gibt eben mehrere Dimensionen. Auch um das Abgehoben-Sein der korrupten Klasse, Formationen und Freundschaftskreise, die sich das gegenseitig schöndichten. Wenn all das so ein Eigenleben gewinnt und plötzlich zur Normalität wird. Motto: Wer nicht mitmacht, ist doof.

Michaela Boland: Für die HMKW (Hochschule für Medien, Kommunikation, und Wirtschaft) moderieren Sie im Rahmen Ihres Journalismus-Kurses eine Talk-Reihe unter Mitwirkung Ihrer Studenten. Wie selbständig arbeiten die Studierenden an dieser Produktion mit?

Prof. Dr. Überall: Extrem unterschiedlich. Es kommt auf den Kurs an. Ich habe Kurse gehabt, wo das sehr schwierig war. Am Anfang haben wir das komplett zusammen gemacht, aber die Ressourcen haben wir nicht mehr.

Da ich auch viele andere Dinge machen muss und will, komme ich sozusagen jetzt nur noch zur Moderation da rein. In Zukunft ist daran gedacht, das Ganze im Klüngelpütz-Theater auch als Veranstaltung zu setzen.

Heute tritt keiner mehr zurück, weil er mit einer anderen Frau erwischt wird

Michaela Boland: Mit Ihrem Journalisten-Kollegen, Pascal Beucker, haben Sie im Rahmen verschiedener Projekte zusammengearbeitet. U.a. entstand auch das Buch “Endstation Rücktritt“. Welche Fälle haben Sie dabei in erster Linie untersucht und was war die Motivation hierfür?

Prof Dr. Überall: Es ging darum, einmal zu strukturieren. Wir sind beide Journalisten, Pascal in der Inlandsredaktion der taz. Man hat immer wieder die Situation, wenn ein Rücktritt passiert, dass man fragt, „Hat es denn so etwas schon mal gegeben“.

Das Witzige war: Es gab dazu nichts, also keine Publikation. Wir haben dabei eigentlich weniger Interviews geführt. Es war mehr Recherche anhand von Rücktrittsreden und Berichterstattungen usw.

Dann haben wir anhand dessen und unseres Fachwissens, sowie der Möglichkeit auf Archive zurückgreifen zu können, einfach mal eine Kategorisierung vorzunehmen. Der freiwillige Rücktritt, der unfreiwillige Rücktritt wegen Korruption, der Rücktritt wegen moralischer Verfehlungen.

Heute übrigens nahezu undenkbar, dass jemand zurücktritt, weil er mit einer anderen Frau erwischt wird, oder weil ihm Homosexualität angedichtet wird. Aber das hat es ja nun auch in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben. Wir wollten da mal so eine gewisse Ordnung hineinbringen. So wird auch der verhinderte Rücktritt beleuchtet. Unter welchen Bedingungen hält sich eigentlich jemand? Das einmal aufzuarbeiten, fand ich unglaublich spannend.

Michaela Boland: Bei Ihrem aktuellen Buchprojekt geht es um Verbote. Auf welche Weise haben Sie Sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt?

Prof. Dr. Überall: Mit einem Kollegen habe ich zusammen sieben Jahre lang Verbote gesammelt. Da gibt es bei Facebook auch eine Seite zu: „Es ist untersagt“. Außerdem gibt es einen Twitter-Kanal und bei Instagram läuft es im Moment auf meinen Namen.

Da werden Verbotsschilder fotografiert. Zum Teil habe ich sie auch im Internet oder auf Flohmärkten gekauft. Die Idee war in der Tat, irgendwann ein Buch daraus zu machen, wo Vertreter verschiedener Fachrichtungen über Verbote philosophieren.

Um als Interview-Partner an ein paar Promis wie Eckart von Hirschhausen, Gerhart Baum  oder den stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter  zu kommen, habe ich dann noch schnell ein Feature beim Deutschlandradio Kultur gemacht. Denn leider ist dann etwas sehr trauriges passiert: Mein Kollege ist verstorben.

Wir haben das Projekt in groben Zügen vorher noch abgesprochen, gemeinsam auf die Schiene gesetzt und ich habe ihm zugesagt, dass ich dieses Buch machen werde und die Erlöse an seine Familie gehen.

Er war Mitte 50, hat aber zwei kleine Zwillinge, die gerade zur Schule gehen. Recherchiert ist das Ganze im Prinzip, ich muss nur mal anfangen zu schreiben. Das steht jetzt gerade an.

Michaela Boland: Interessieren Sie Sich für Kunst?

Prof. Dr. Überall: Im Prinzip schon (lacht). Kunst ist ein extrem weites Feld. Ich habe selbst mal Projekte gemacht und zusammen  mit meiner Ex-Freundin Schlecht-Wetter-Postkarten hergestellt.

Michaela Boland: Wie sahen die aus?

Prof. Dr. Überall: Die Postkarte, wie es hier in Köln im Sonnenschein ist, kennt jeder. Aber mal eine verzerrte Wolke über dem Kölner Dom, kann unter Umständen sehr viel interessanter oder schöner sein.

Es ging darum, die positive Energie aus der Ästhetik des schlechten Wetters zu ziehen. Schlechtes Wetter hat eigentlich immer die geilsten Bilder verursacht. Da haben wir dann eben Postkarten von gemacht.

Es gab auch die Domain schlechtwetterpostkarten.de, die haben wir dann für einen guten Zweck weggegeben. Leider bleibt mir viel zu wenig Zeit, regelmäßig in Vorstellungen, ins Museum oder ins Kabarett zu gehen.

Michaela Boland: Für alle anstehenden Projekte viel Erfolg und herzlichen Dank für dieses Interview.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

 

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12.08.2015 „Lernt doch eure Künstler zu schätzen!“

GFDK - Michaela Boland

Müssen wir Deutschen eigentlich immer irgendwo einen Fehler finden? Können wir es tatsächlich nicht gut sein lassen? Wenn es denn gut ist? Diese Frage stellt jetzt eine junge Musikerin. Tiefgründigkeit in einfache Worte zu hüllen, ist eine Kunst, die wohl nicht viele zu vollbringen imstande sind. Und wer es vermag, kann sich noch nicht mal immer vor Verteufelung sicher wähnen. Davon wusste Erich Kästner gewiss auch schon ein Lied zu singen.

Sie hat dies durch manche Kritikerhand ebenfalls bereits am eigenen Leibe erfahren: Balbina. Die schöne Berlinerin mit polnischen Wurzeln, die mit bürgerlichem Namen eigentlich Balbina Monika Jagielska heißt, trägt Melancholie im Herzen und Nachdenklichkeit auf der Zunge. In einem Berliner Arbeiterviertel aufgewachsen, hat sie sich stets mit Büchern umgeben, tauchte ab in die Welt der Phantasie.

„Lernt doch eure Künstler zu schätzen!“

Jetzt lebt sie für die Musik. Ihre Liedtexte über das Nichtstun, die Seife oder den Goldfisch muten nur auf den ersten Blick oberflächlich an. Hört man wirklich hin, erschließt sich die Gedankenwelt der 32-Jährigen auf so wunderbar nachvollziehbare Weise, dass es wie Schuppen von den Augen fällt: Die hübsche Künstlerin beschreibt die Realität, die uns alle umgibt und der wir im Zuge der allgemeinen Schnelllebigkeit womöglich kaum mehr größere Aufmerksamkeit widmen.

Balbina sieht hin, fühlt, denkt und setzt um. Mit der außergewöhnlichen Stimme verleiht sie ihren Songs die besondere Note. Ihr Geschick fürs Detail, der Fleiß und das Gespür für Eleganz machen ihre Videos zu einem Augenschmaus. Jetzt geht die immerzu nachdenkliche junge Frau mit Herbert Grönemeyer auf Tour. Dabei singt sie, getreu dem Titel ihres neusten Albums, auch „über das Grübeln“.

Michaela Boland: Balbina, Du hast Dich bereits in früher Jugend der Kunst verschrieben. Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als du deine musische Begabung entdeckt hast?

Balbina: Eine Affinität zum Singen habe ich eigentlich schon immer gehabt, habe diese aber zunächst nicht so richtig ausgelebt. Ich hatte nie ein Feedback, ob ich singen kann oder nicht.

Im Alter von 16 Jahren bin ich dann über ein paar Umwege dazu gekommen, als Studiosängerin zu arbeiten. Zuvor hatte ich mich nämlich bei einem Chor angemeldet. Zu dieser Zeit habe ich dann gemerkt, dass ich ganz gut singen kann.

Aber während der Kindheit und in der Pubertät habe ich das nur für mich und eher so ein bisschen versteckt gemacht.

Michaela Boland: Du sollst als Kind bereits Gedichte verfasst haben?

Balbina: Ich war tatsächlich seit frühester Jugend sehr Text-fixiert, habe viel  geschrieben und  gedichtet. Außerdem habe ich viel gelesen, denn bei uns zu Hause wurde viel gelesen.

Mama hat viel gearbeitet und hat mir dann immer Bücher wie Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, Anne auf Green Gables oder Hanni und Nanni dagelassen. Ich habe mir dann immer damit die Zeit vertrieben, wenn sie arbeiten war. Denn ich sage ganz gerade heraus: Ich durfte nicht so viel Glotze gucken.

Michaela Boland: Daran gehalten?

Balbina: Zum einen hatten wir kein Kabelfernsehen und außerdem hat meine Mama das auch überprüft. Da gibt es ja diesen Standby-Knopf und wenn bei uns der Fernseher ausging, dann war dieser Knopf noch sehr lange an. Daher konnte ich auch nicht so gut betrügen. Dann habe ich eben gelesen.

Michaela Boland: War man in deiner Familie prinzipiell gegen das Fernsehen?

Balbina: Fernsehen ging schon, aber meine Mama mochte nicht, wenn ich zu viel geschaut habe. So durfte ich beispielsweise immer Disney-Club gucken. Das kam immer samstagnachmittags oder Sonntag früh mit Ralf Bauer, Antje und Stefan.

Michaela Boland: Ralf Bauer arbeitet heute als Schauspieler und tanzt derzeit bei der RTL-Produktion Let`s dance. Antje Pieper ist mittlerweile stellvertretende Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen. Stefan Pinnow ist seit vielen Jahren für den WDR bei „daheim und unterwegs“ im Einsatz. Also, von Anfang an nicht die schlechteste TV- Gesellschaft.

Balbina: Genau. Also, das durfte ich auch immer gucken, Außerdem waren auch das Sandmännchen oder die Sesamstraße und solche Sachen erlaubt.

Michaela Boland: Du wohnst Berlin. War es insofern das West- oder das Ost-Sandmännchen?

Balbina: Das West-Sandmännchen. Aber das Ost-Sandmännchen habe ich auch gesehen. Das fand ich auch gut. Aber wir haben, wie gesagt, viel gelesen.

Ich bin auch froh darüber, dass meine Mama mich quasi in die Welt der geschriebenen Phantasie eingeführt hat. Somit hat es eben nicht immer des Plakativen bedurft, also, dass ich Bilder sehen musste, sondern auf diese Weise konnte ich mich eben auch mittels Worten in Welten hinein versetzen. Das habe ich von meiner Mutter mitbekommen.

Michaela Boland: Die Literatur, die du konsumiert hast, war ausschließlich klassische Kinderliteratur? Oder bist du in frühem Alter auch schon mit Poesie in Berührung gekommen, nachdem Du ja bereits als Kind selbst Gedichte verfasst hast?

Balbina: Das waren bei mir eher Kindergedichte. Ich habe Kindersachen gereimt. Vor kurzem habe ich etwas gefunden und zwar ein Bild mit Mohrrüben. Da hieß es dann, „wenn die Möhren auf mich hören“. Das war dann immer so etwas in der Art, also Quatsch eben.

Michaela Boland: Das Singen hast du dir autodidaktisch beigebracht. Du sollst früher regelmäßig Whitney Houston –Stücke nachgesungen haben. Gab es darüber hinaus noch andere Künstler, die dich inspiriert haben?

Balbina: Mit Whitney Houston hat alles so ein bisschen angefangen. Allerdings habe ich mich dann relativ schnell in Jazz-Sachen hineingehört. Zunächst klassische Sachen,  z.B. Ellington oder Louis Armstrong.

Das gab es auch bei uns zu Hause. Und dann bin ich irgendwann mit Nora Jones und Kurt Elling in den moderneren Jazz gerutscht. Mittlerweile höre ich sehr viel Jazz. Auch Jazz-Radio, denn das inspiriert meinen Gesang sehr.

Wenn man viel Jazz hört, dann checkt man, warum ich manche Sachen mache. Gerade im Jazz sind ja teilweise Extreme in Klängen, große Unterschiede zwischen hoch und tief. Das habe ich mir aus dem Jazz herausgefiltert.

Michaela Boland: Aber dein Genre ist schon der Pop, nicht wahr?

Balbina: Ich denke schon. Vor allem, weil die Musik, die ich mit Nico Rebscher komponiere, sehr poppig ist. Ich mag auch poppige Musik gerne.

Michaela Boland: Als sonderlich Tanz-orientiert lässt sich deine Musik derzeit nicht beschreiben. Könnte es sein, dass sie sich noch einmal in diese Richtung hin entwickeln wird oder bist du auf das, was du augenblicklich tust, festgelegt?

Balbina: Tanz-orientiert wird es bei mir wohl deswegen nicht werden, weil ich nicht so die gute Tänzerin bin. Ich habe auch einfach keine Affinität dazu. Wahrscheinlich bin ich der schlechteste Tänzer der Welt.

Ich tanze vielleicht zwei Mal im Jahr auf irgendeiner Veranstaltung, wenn ich lustig bin. Trotzdem finde ich Tanz als Kunstform sehr interessant, doch es ist nicht wirklich mein Ding. Wenn ich Tanz-Musik machen würde, wäre das wahrscheinlich relativ lächerlich. Ich würde es mir echt nicht zutrauen.

Michaela Boland: Dein Album macht mit dem Titel: „Über das Grübeln“ neugierig. Wie lange hast Du selbst über den Titel nachgegrübelt?

Balbina: Der Titel kam dann irgendwann, als ich mit dem Nachdenken fertig war. Ich wusste, dass das Album vom Nachdenken und von allen Facetten des Nachdenkens handeln sollte.

Dann hat es mich schon beschäftigt, wie ich das Ganze nun nenne sollte. Nenne ich es, “ich denke nach“ oder “nachdenken über das Denken“?

Irgendwann nach Wochen kam mir dann der Einfall, “Über das Grübeln“. Dann wusste ich: ok, das ist es.

Michaela Boland: Du verfügst über ein außerordentlich sensibles Gespür in puncto Sprache und Wortkomposition. Inwieweit hat dich da möglicherweise auch die Literatur geprägt?

Balbina: Mir wird ja oftmals von Kritikern, die nicht bei mir sind, vorgeworfen, dass ich saloppe und zu einfache Metaphorik verwenden würde. Auch würde ich keine tiefgründige Sprache benutzen.

Für mich ist es aber eigentlich genau das Gegenteil. Ich benutze einfache Sprache, um ganz tiefe Zusammenhänge zu visualisieren. Diese würde ich sonst nicht schaffen auszudrücken.

Ich habe viel Inspiration innerhalb der Gebrauchslyrik gefunden. Also, all so etwas, was Ringelnatz oder Erich Kästner gemacht haben. Die haben sich ja auch teilweise sehr direkt und einfach ausgedrückt.

Michaela Boland: Du ziehst Ideen aus reiner Prosa?

Balbina: Genau. Das ist einfach eine große Inspirationsquelle gewesen. Ich bin eben ein Fan von Hauptsätzen. Auch wenn es viele sind, denn ich habe nun mal viele Hauptsätze. Ich ziehe auch einfache Worte und einfache Bilder vor.

Michaela Boland: Aus welchem Grund bevorzugst du die Einfachheit?

Balbina: Ich finde, etwas schwammig zu formulieren, das kann jeder. Den Nagel auf den Kopf zu treffen, das ist schon eine größere Herausforderung. Und dieser Herausforderung stelle ich mich einfach jeden Tag.

Michaela Boland: Deine Eltern sind getrennt, du bist ein Scheidungskind, wie zu lesen ist. Gibt es womöglich einen Zusammenhang zwischen diesem Umstand und deiner ganz besonderen Nachdenklichkeit?

Balbina: Ja. Ich bin natürlich ein Einzelkind, das ohne Vater aufgewachsen ist. Ohne leiblichen Vater. Ich denke, das beeinflusst einen schon im Leben. Schon von daher, weil man eine gewisse Facette einfach nicht hat.

Und man sieht das natürlich dann bei anderen Kindern: Die haben diese Facette. Ich glaube durchaus, auch, wenn man das nicht zugibt, dass einen das schon prägt. Denn natürlich vergleicht man sich auch mit anderen und fragt sich, warum haben die das und warum habe ich das nicht?

Vor allem auch die Frage: Habe ich damit etwas zu tun? Ich denke, das regt auf jeden Fall zur Grübelei an und beeinflusst das Leben nachhaltig.

Michaela Boland: Wieviel Zeit hat die Fertigstellung deines aktuellen Albums insgesamt in Anspruch genommen?

Balbina: Die Frage ist deswegen schwer zu beantworten, weil ich Sätze immer recht lange skizziere, also über eine längere Periode. Ich mache mir Notizen, habe auch immer meinen Notizblock dabei und schreibe regelmäßig Wortfetzen oder sonstige Sachen auf, die mir einfallen.

Wenn ich dann besonders viele Skizzen habe, die sich zu bestimmten Themen herauskristallisieren, dann setze ich mich hin und arbeite das Ganze aus.

Somit kann man sagen, das reine Brainstorming im Alltag macht ungefähr 50 Prozent aus. Die anderen 50 Prozent sind das Hinsetzen. Wenn ich nur dieses Hinsetzen hernehme, denn das kann ich zeitlich besser eingrenzen, dann würde ich sagen, dass ich für das Ausformulieren eines Songs im Schnitt eine Woche bis zehn Tage benötige.

Michaela Boland: Wie geht es dann weiter, wenn du an dieser Stelle bist?

Balbina: Dann begebe ich mich mit der Struktur ins Studio und fange an zu komponieren. Das dauert dann auch nochmal rund fünf Tage.

Somit kann man sagen, dass ich pro Song in der Erstellung der groben Skizze ungefähr drei Wochen bis zu einem Monat einplanen muss.

Michaela Boland: Also hast Du definitiv immer zuerst den Text und dann die Musik?

Balbina: Ja.

Michaela Boland: Musst du grundsätzlich darauf warten, dass dich etwas inspiriert, dass dich also die Muse küsst, oder kannst du dich auch einfach hinsetzen und sagen, „so, jetzt schriebe ich auf der Stelle ich einen Song“?

Balbina: Ganz konkret kann ich dir sagen, hier stehen ganz viele Sachen drin (Anm. d. Red.: deutet auf ihr kleines Notizbuch, das sie stets bei sich führt). So Zeug. Wenn ich zum Beispiel in der U-Bahn sitze, - denn ich muss immer sehr weit zu meinem Studio fahren -, dann schaue ich mir das manchmal durch.

Dann sehe ich beispielsweise Skizze 27 – ich notiere immer Nummern zu meinen Aufschrieben, damit ich es besser zuordnen kann – und bemerke, „oh, Skizze 27 ist sehr lang, dieses Wort erscheint total oft, ich glaube das ist ein Song über z.B. Gardinen.“

Dann denke ich, dass ich das nun ausbauen kann und nehme diese Skizze und damit habe ich die Eingebung ja schon. Die Inspiration ist dann längst schon über Tage oder Wochen zuvor gelaufen.

In dem Moment, in dem ich finalisiere, brauche ich eigentlich keine Inspiration, keine Eingebung mehr. Das ist dann einfach nur noch Arbeit.

Michaela Boland: Kannst Du mal so eine Skizze zeigen?

Balbina (lacht) Nein, das darf ich nicht.

Michaela Boland: Sind da womöglich tatsächlich auch kleine Gemälde dabei oder nur reine Wort-Skizzen?

Balbina: Das sind tatsächlich Worte.

Michaela Boland: Wann und warum kommt ein Wort innerhalb deiner Skizzen

besonders häufig vor?

Balbina: Ich weiß es nicht. Doch, wenn mich nun etwas inspirieren würde, während ich hier sitze, beispielsweise wenn ich hier aus dem Hotelzimmer-Fenster hinaus blicke, dann sehe ich eine Häuserwand, die recht dicht an dieses Gebäude hier grenzt.

Ich finde den Abstand total eng und mich inspiriert diese Enge. Dann schreibe ich auf, „es ist eng, es kommt auf mich zu, ich spiegele mich im Fenster gegenüber und ich spiegele mich auch in diesem hier..“ usw.

Dann schreibe ich mir das alles auf, versehe es noch mit einer Nummer und nehme es mit. Irgendwann bin ich woanders, wo eine ähnliche Situation stattfindet, weil ich mich auch beengt fühle oder das Gefühl auf andere Weise dasselbe ist und dann schreibe ich mir das wieder auf.

Dann fällt mir ein, „Moment, ich hatte doch so etwas schon einmal“. So schreibe ich die neue Situation dann eben zu der bereits erlebten. Je mehr und je voller eine solche Skizze dann wird, desto reifer ist sie. Und irgendwann ist sie dann reif genug dafür, dass ich sie ausformulieren kann.

Michaela Boland: Kannst du denn das bestimmte Gefühl, das du beispielsweise hier und heute in diesem Hotelzimmer hast, mit einer ähnlichen Situation, die du vielleicht irgendwann mal erleben wirst, absolut gleichsetzen? Oder ist es dann womöglich ein anderes Gefühl?

Balbina: Nein, das kann ich gleichsetzen. Also, dieses Hotelzimmer, das beengt mich total.

Michaela Boland: Mich, ehrlich gesagt, auch.

Balbina: Das nehme ich halt hier mit, beispielsweise als Erfahrung für ein Lied oder für ein Gedicht. Dass ich hier mit Menschen zusammen saß, die ich noch nie gesehen habe und die mich zu persönlichen Dingen befragt haben.

Das alles noch in einer verhältnismäßig persönlichen Atmosphäre, denn zischen uns steht ja auch noch dieses Bett.

Dann eben auch noch in dieser Enge, die vom gegenüberliegenden, dicht angrenzenden Nachbargebäude ausgeht. Das beeinflusst mich total. Ich frage mich auch, was es dann im Nachhinein mit uns macht?

Mich interessiert so etwas als Forschung. Wäre unser Gespräch beispielsweise in einer anderen Atmosphäre anders verlaufen? Wie offen würde ich reden, wenn wir in einem Konferenzraum statt in diesem engen Hotelzimmer säßen?

All solche Kleinigkeiten, wie Möbel, Kleidung oder Wetter setze ich in einen Zusammenhang und dann baue ich mir daraus meine Schlussfolgerungen, die vielleicht auch falsch sind. Doch so kreiere ich mir meine Analogien.

 

Michaela Boland: Das klingt fast so, als käme dein Denkapparat niemals zur Ruhe. Kannst du überhaupt mal ganz abschalten?

Balbina: Nein.

Michaela Boland: Also, dauerkreativ?

Balbina: Das ist Fluch und Segen zu gleich, aber ich kann halt nicht abschalten. Manchmal denkt man sich vielleicht, „ich habe jetzt keine Lust mehr, eine Idee zu haben“.

Aber dann denkt man sich wiederum, wenn man so tolle Sachen umsetzt, wie z.B. die Videos, die ich gerade gemacht habe, u.a. „Goldfisch“, „ein Glück, dass ich so gute Ideen habe“.

Es macht dann eben einfach Spaß. Man kann ein Team begeistern und arbeitet zu zehnt gemeinsam an so etwas Coolem. Am Ende hat man dann eben so ein tolles Produkt. Also, ist es auch gut.

Michaela Boland: Für deine Musik bis du nicht ganz allein verantwortlich?

Balbina: Nein, Nicolas Rebscher ist ein sehr toller Komponist und der komponiert das richtig, da ich kein Instrument spiele. Wir suchen immer zusammen. Ich habe die Melodie meistens schon und singe ihm das vor.

Dann legen wir erst mal die Akkorde darauf, anschließend die Drums und die Basslinien. Nicolas ist daran maßgeblich beteiligt, da er einfach ein Komponist ist.

Michaela Boland: Nimmt er grundsätzlich alles auf, was du an Ideen hast, oder  äußert er auch schon mal, wenn er mit etwas nichts anfangen kann?

Balbina: Nein, das gibt`s nicht. Die Voraussetzung, dass er mit mir arbeitet ist, dass er alles das nimmt, was ich ihm gebe und wir daran arbeiten. Also, es gibt keinen Kompromiss.

Es ist ja mein Projekt, denn ich bin ja die Künstlerin. Wäre es womöglich eine Band oder ein Gemeinschaftsprojekt, wäre es vielleicht etwas anderes. Doch es geht ja um mein Album.

Michaela Boland: Du bist sozusagen der Boss?

Balbina: Ja, aber das ist für ihn o.k. Er macht es ja, weil er das ja mag.

Michaela Boland: Oftmals verarbeiten Musiker, Liebe, Liebeskummer oder andere tiefgreifende Erlebnisse in ihrer Musik. Deine Themen handeln beispielsweise vom „Nichtstun“, wogegen du laut Text“ etwas tun musst“. Das klingt zunächst einmal belanglos. Ist es das?

Balbina: Nein, es ist für mich nicht belanglos. Für einige Kritiker ist es belanglos. Für mich hat aber jedes Wort so viel Gehalt, dass es platzen könnte.

Ich glaube, wenn man mir wirklich zuhört, dann hört man das. Wenn man allerdings so eine grundablehnende Haltung gegen meine Kunst hat, dann wird man das auch nicht wahrnehmen. Und dann ist es relativ einfach zu verstehen.

Michaela Boland: Wie gehst du mit Kritik um? Nervt dich das, wenn jemand dich nicht versteht?

Balbina: Also, es kommt drauf an. Dass ich polarisiere, das weiß ich schon. Seit zehn Jahren mache ich ja Musik. Ich war viel im Rap-Kontext unterwegs und da polarisiert man ja und es findet viel Diskussion statt, um das, was man herausbringt.

Ich bin es gewohnt und ich finde das eigentlich auch ganz gut, weil ich bemerkt habe, dass Dinge, die ich release meistens nicht egal sind. Sie werden geliebt oder gehasst und daran habe ich mich gewöhnt.

Ich bin fasziniert darüber, dass ich eine Emotionalität herauskitzele. Das mag ich in beiden Richtungen gleichermaßen. Ich freue mich natürlich über Lob, finde es aber auch faszinierend, wenn Leute das gar nicht mögen und es richtig verbissen kritisieren.

Michaela Boland: Sprichst du nun gezielt von den Kritikern innerhalb der Medien, die du gerade schon ansprachst oder meinst du damit ganz normale Hörer, die nichts mit deiner Musik anfangen können?

Balbina: Ich spreche da vor allem solche Dinge an, die im Internet kursieren. Beispielsweise in Diskussionsforen, wo eben jeder seine Meinung sagt. Häufig wird die Gesangsart und die Metaphorik vielleicht nicht als schön empfunden, weil sie eben auch untypisch ist. Es ist eben nicht jedermanns Sache und das ist o.k., finde ich.

Michaela Boland: Fällt man durch Untypisches nicht auch auf?

Balbina: Ja. Das einzige, was ich nicht mag, ist, wenn jemand nicht richtig zuhört oder nicht richtig recherchiert. Das finde ich schade. Dadurch, dass man durch das Internet jede Woche auch so etwas wie einen Release-Overload hat, hören manche Leute auch nur halbherzig zu und fällen zu schnell ihr Urteil.

Noch vor 30 oder 40 Jahren war das anders, als das Hauptmedium noch der Print, das Radio oder das TV waren. Da konnten und mussten Redakteure dann nur so einen gewissen Stapel an Musik durchhören. Die konnten sich besser darauf fokussieren und darauf einlassen.

Michaela Boland: Du glaubst, das läuft heute völlig anders?

Balbina: Heutzutage muss man sich irgendwie auf alles fokussieren, auf alles einlassen. Da kommen manche Sachen zu kurz. Da kann man den Leuten auch nicht sauer sein, aber es ist manchmal schade.

Michaela Boland: Reagierst du noch auf Kritik, insbesondere auf die Meinungen, die da so im Netz grassieren?

Balbina: Selten, weil ich das nicht lese. Ich lese es nur, wenn es mir wirklich ins Gesicht springt. Wenn mir also jemand sagt, „guck mal, der Spiegel hat das und das geschrieben“.

Beim Spiegel wusste ich schon, dass da etwas kommt, da ich dort ja auch ein Interview hatte. Insofern hat mich das schon erreicht. Ansonsten versuche ich schon, mich davor abzukapseln, damit ich mich davon nicht beeinflussen lasse, damit meine Kunst einfach frei bleibt.

Michaela Boland: Wen erreichst du mit deiner Musik in erster Linie?

Balbina: Es ist eigentlich Querbeet. Ich habe letztens ein Konzert in Berlin gespielt und da war ein Herr, der war schon über 60 Jahre alt.

Der hatte mich irgendwo gehört und den hat das so gefesselt, dass er extra aus Ostdeutschland angereist ist. Der hat noch ein Foto gemacht und mir erzählt, wie toll das war. Ich erlebe das ganz häufig.

Es gibt auch kleine Kinder, die meine Lieder singen. Mir hat jetzt jemand drei aufgenommene Videos von seiner Tochter geschickt, wie sie „Pechsträhne“ und „Nichtstun“ singt.

Michaela Boland: Du hast zuvor einen komplett anderen Musikstil gepflegt. In 2011 erschien zwar dein erstes Balbina-Studio-Album, aber als sehr junge Frau warst du mit den Masters of Rap unterwegs. Wie hat sich bei dir dieser Wechsel der Musikrichtung vollzogen?

Balbina: Das ist eine berechtigte Frage. Selbst mein erstes Album klingt ganz anders als dieses neue. Es ist von der Textdichtung, wenn man hinhört, genau die Fortführung des jetzigen.

Wenn man solche Lieder wie “Heizung“, “Film ab“ oder “rasender Stillstand“ hört, ist das schon die Gedankenwelt, die ich jetzt auch habe. Auch “Siegmund, jetzt holen sie mich“.

Nur damals habe ich eben auf Hip Hop-Playbacks recorded. Weil ich eben in diesem Hip Hop-Zusammenhang war. Doch jetzt habe ich den Komponisten, Nico Rebscher, und das ist einfach eine ganz andere Herangehensweise.

Das ist so, wie wenn man einen Film-Soundtrack komponiert. Das erste Album spiegelt mich zu der Zeit super, weil ich einfach in diesem Rap-Umfeld unterwegs war. Aber dieses Filmscore-mäßige wollte ich eigentlich schon immer machen.

Ich wollte mir schon immer so ein bisschen was von Disney-Soundtracks abgucken. Z.B. von Aladdin oder Arielle. Dass einfach jedes Instrument etwas Kleines spiegelt, was gerade passiert. Quasi die Worte illustrieren.

Michaela Boland: Von deiner Anmutung her hätte ich dich nicht in die Rap-Szene – selbst wenn diese Zeit bei dir nun länger zurückliegt- eingeordnet. Keine sichtbaren Tattoos, keine alten Fotos mit zu weiten Rapper-Klamotten etc.

Balbina: Ich habe auch nie gerappt, ich habe immer gesungen.

Michaela Boland: Dennoch hast du dich ja intensiv in diesem Umfeld bewegt.

Balbina: Das ist auch sehr schade, dass der Rap oberflächlich immer unter diesem gefährlichen Gangstermantel bekannt ist. Dabei gibt es viele Rapper, die sehr lyrische und teilweise politische Texte schreiben.

Michaela Boland: Das kenne ich vornehmlich aus Frankreich.

Balbina: Eben. Französischer Rap ist ja beispielsweise auch sehr eingefärbt. Das gibt es in Deutschland auch. Das sind die Leute, die mich inspiriert haben. Z.B. Justus Jonas, der auf dem Album ist.

Der hat ja wirklich hochgradig kunstvolle Lyrik geschrieben. Ist jetzt auch nicht bekannt in Deutschland, aber er ist ein wahnsinnig toller Texter. Auch das ist ja Rap. Es sind ja nicht nur Party und Gangster und Knarren und Goldketten, es ist eben teilweise auch nachdenkliche Musik.

Michaela Boland: Du hast ja geradezu eine Feen-hafte Erscheinung, kleidest dich stets sehr extravagant. War das schon immer so?

Balbina: Ich arbeite schon sehr lange als Verkäuferin in der Bekleidungsbranche. Das hat sich so ein bisschen entwickelt. Zwar habe ich schon immer für die Musik, aber von der Bekleidung gelebt.

Bis vor kurzem habe ich auch noch in einem Laden gearbeitet, der für seinen minimalistischen und avantgardistischen Stil bekannt ist. Das hat mich schon geprägt.

Dieses Umfeld hat mich in jedem Fall in meinem Look und in meinem Auftreten beeinflusst. Auch dass ich diese grafischen und geometrischen Muster, ebenso wie saubere Linien und Formen mag.

Michaela Boland: Entwirfst du für deine Auftritte auch schon mal selbst etwas oder stellst du es einfach nur zusammen?

Balbina: Ich habe eine Freundin, die Designerin ist. Susann Bosslau. Sie designt mir gerade jedes Kostüm auf den Leib.

Ich sage dann zum Beispiel, „ich würde gerne etwas aus Papier haben“. Susann designt quasi in meine visuellen Ideen. Wenn ich sage, „ich habe eine Idee für ein Video, das wird so und so sein, folgende Szenen finden da statt.

Ich brauche jetzt ein Kleid, auf dem Melonen drauf sind“, dann designt sie irgendeinen Schnitt und den Look. Dann kauft sie den Stoff und näht mir dieses Kleid.

Michaela Boland: Kann man sagen, dein Stil ist an irgendetwas angelehnt?

Balbina: Nein, eigentlich nicht.

Michaela Boland: Mich haben nämlich so manche Schnitte ein wenig an die 50-er Jahre erinnert.

Balbina: Ja, total. Komplett. Das ist lustig, dass du das sagst. Das erkennen nicht viele. Das ist komplett die 50-er Jahre-Ästhetik. Von den Farben her.

Und auch mit dieser leicht gebräunten Haut dazu. Ich bin da sehr von Doris Day-Filmen inspiriert. Ich mag die Farben einfach sehr gerne. Bettgeflüster und diese ganzen Filme mit Doris Day und Rock Hudson.

Michaela Boland: Technicolor-Dreams?

Balbina: Genau, technicolor Dreams. Aber nicht in die Lana del Rey-Richtung transportiert, dass es dann Vintage wird, sondern eben neu interpretiert und auf 2015 getrimmt.

Michaela Boland: Das gelingt vorzüglich, denn es sieht wirklich neu aus. Zeichnest du für die Farbkomposition in deinen Videos auch ganz allein verantwortlich? Man hat nämlich das Gefühl, dass hier tatsächlich auf jedes Detail geachtet wird.

Balbina: Ja, ich male das auch vorher.

Michaela Boland: Im Sinne eines Storyboards?

Balbina: Ich male Hintergründe, wo zunächst grob die Farben zu sehen sind und was noch darin ist. Und dann male ich die Dresses rein und das, was dann dort stattfindet.

Anschließend schneide ich das aus und lege es immer wieder neu zusammen. So sehe ich, wie all das miteinander interagieren kann.

Danach fotografiere ich alles ab und schicke es meinem Kameramann Moritz, der gleichzeitig auch mein Schnittmann, Lichtmann, Post-Mann und Special-Effects-Mann ist. Dann sage ich ihm, „das möchte ich gerne machen“. Meistens erwidert er dann „oh Gott“.

Michaela Boland: Es wird aber trotzdem realisiert?

Balbina: Genau. Als ich anfangs Videos machen wollte, haben immer alle gesagt, „das kriegst du nicht umgesetzt. Für das Budget kannst du es vergessen“.

Und dann habe ich das erste umgesetzt, das zweite umgesetzt, das dritte und das vierte. Und alle fanden das krass und fragten mich, ob ich mehr Budget bekommen hätte. Nein, hatte ich aber nicht.

Michaela Boland: Wieviel Zeit wendest du denn dafür noch auf?

Balbina: Also im Kopf auf jeden Fall über mehrere Wochen. Das Hinsetzen und ausschneiden, das nervt mich tatsächlich. Ich habe da immer keine Lust drauf, aber das dauert dann vielleicht zwei Stunden.

Michaela Boland: Arbeitest du immer mit dem gleichen Team?

Balbina: Ja, das sind immer dieselben und das sind meine Freunde. Es ist besser mit Freunden zu arbeiten, denn wenn sie die Vision tragen, dann ist es familiär. Wir arbeiten auch bis vier Uhr morgens, denn wir wollen es halt einfach fertig machen. Da geht es um die Kunst.

Michaela Boland: Ab Mai bist du im Vorprogramm bei Herbert Grönemeyers Tour zu sehen und zu hören. Wie kam es dazu?

Balbina: Ich wurde ihm von seiner Tochter vorgeschlagen, die ja immer so ein bisschen sein Scout ist für neu aufpoppende Bands. Sie hat ihm damals auch schon die Orsons und Dendemann vorgeschlagen.

Er bekommt dann immer so ein paar Vorschläge, nicht nur von seiner Tochter, sondern auch von seinem Management und von seinem Label. Dann guckt er sich das live an und entscheidet sich. Er hat sich dann für mich entschieden.

Michaela Boland: Hat er sich Auftritte von dir angesehen?

Balbina: Er wollte zu meinen Auftritten kommen und hat es nicht geschafft. Doch dann hatte ich das  wahnsinnige Glück, dass ich für Ampya dieses Live-Set gespielt hatte, bevor er sich entschieden hat.

Er war nie in der Stadt, in der ich war und umgekehrt und dann hat er sich dieses Internet-Konzert von Ampya angeguckt. Zwei Tage später hatte ich dann die Zusage.

Michaela Boland: Von ihm persönlich?

Balbina: Nein, die habe ich dann kommuniziert bekommen.

Michaela Boland: Wird das persönliche Kennenlernen dann erst noch stattfinden?

Balbina: Nein, wir haben uns schon im Rahmen des Reeperbahn-Festivals kennengelernt, wo er seine Podiumsdiskussion hatte. Danach habe ich ihn dann kennenlernen und mich mit ihm unterhalten können.

Michaela Boland: Hast du ein besonderes Gefühl für seine Musik?

Balbina: Ja, ich schätze ihn sehr als Musiker und als Textdichter. Ich finde es faszinierend, dass er genau die konträre Herangehensweise an seine Musik hat wie ich.

Da er immer die Texte der Musik anpasst und ich passe immer die Musik den Texten an. Darüber haben wir uns unterhalten und er fand das total lustig und ich ebenso.

Nichts desto trotz ist er für mich tatsächlich einer der größten Musiker und das größte musikalische Vorbild sowieso. Von daher ist es ein Traum, der in Erfüllung geht.

Michaela Boland: Du magst Polka Dots?

Balbina: Ich kenne die Bezeichnung Polka Dots aus dem Modefachhandel. Das bedeutet Punkte. Wenn du ein T-Shirt hast, auf dem Punkte sind, dann sagt man immer Polka Dots.

Da ich ja im Modefachhandel gearbeitet habe, kannte ich diesen Terminus schon sehr lange. Das ist für mich einfach etwas Schönes, Verspieltes. Immer, wenn irgendwo Punkte drauf sind, habe ich sofort gute Laune.

Michaela Boland: Das ist dann wohl der Grund dafür, dass sich jene Polka Dots recht häufig durch deine Videos ziehen?

Balbina: Ja, genau. Ich mag einfach Punkte. Ich kaufe mir auch immer welche. In Berlin gibt es einen Laden, der heißt Modulor. Dort gibt es Kunstfachbedarf, also alles.

Und eben auch diese Punkte in allen Größen und Farben. Ich hole sie mir immer und klebe sie überall drauf. Besonders auf Sachen, die ich nicht mag, oder, die ich vor mir herschiebe.

Ich habe beispielsweise so einen blöden Karton mit Rechnungen oder Sachen vom Finanzamt. Dann hilft es mir manchmal, wenn ich da bunte Punkte aufklebe. Dann habe ich  nicht so eine Angst davor.

Michaela Boland: Für viele vielleicht gar kein so schlechter Tipp.

Balbina: Ich würde eigentlich gerne das ganze Finanzamt mit Punkten bekleben. Ich fürchte mich sehr davor.

Michaela Boland: Du bist in Warschau geboren und hast bis zum Alter von drei Jahren auch dort gelebt. Gibt es dort noch familiäre Verwurzlungen?

Balbina: Ja, Oma und Opa sind in Polen. Ich spreche auch fließend polnisch.

Michaela Boland: Wie oft bist du noch vor Ort?

Balbina: Selten, weil mir mein Job allgemein nicht so viel Zeit zum Reisen lässt. Aber, wenn ich mal reisen kann, dann fahre ich gerne rüber.

Michaela Boland: Waren deine Großeltern schon einmal auf einem Konzert von dir?

Balbina: Ja, beim Sommerfest des Bundespräsidenten.

Michaela Boland: Waren sie stolz auf ihr Enkelkind?

Balbina: Ja, vor allem, weil der Bundespräsident dann auch irgendwann im Publikum saß und geklatscht hat. Das war echt witzig.

Michaela Boland: Als du damals von Polen nach Berlin gekommen bist, warst du ja noch sehr klein. Hast du dennoch Erinnerungen an die Zeit? Wie war das für dich?

Balbina: Daran kann ich mich sogar noch sehr gut erinnern. Ich habe ein sehr gutes Langzeitgedächtnis, aber ein sehr schlechtes Kurzzeitgedächtnis.

Aber so einschneidende Erlebnisse weiß ich noch. Ich kann mich zum Beispiel gut daran erinnern, wie wir die Grenze passiert haben, jene nach Ostdeutschland.

Auch kann ich  mich noch gut an die stehende Mauer und auch den Mauerfall erinnern. Wir haben auch nicht weit von der Mauer entfernt gewohnt. Das war sogar fußläufig.

Michaela Boland: Du hast in Moabit und danach in Neukölln gewohnt. Berlin-Moabit ist ja der Stadtteil, der früher als erstes von Hugenotten besiedelt gewesen sein soll und später dann zu einem traditionellen Arbeiterwohnviertel wurde. Fließen Erfahrungen, die du möglicherweise dort gesammelt hast, vielleicht auch in manche Texte von dir mit ein?

Balbina: Ja, Neukölln ist ja auch ein Arbeiterviertel. In den 90-er Jahren auch teilweise schon wieder zum Ghetto mutiert, jetzt wieder zum Trend.

Ja, klar, davon bin ich schon beeinflusst. Gerade auch in dieser Melancholie, die ich teilweise daraus entwickelt habe. Vor allem, da es ja schon Unterschiede in Berlin gibt.

Beispielsweise zwischen Wilmersdorf und Neukölln. Neukölln ist zweifelsfrei trister und ärmer als ein Wilmersdorfer Bezirk.

Wenn man in Neukölln aufwächst und eben einen gewissen niedrigen Standard kennt, dann beeinflusst einen das natürlich.

Vor allem, wenn man sieht, dass andere Leute es ein bisschen anders haben, grüner und die Spielplätze nicht kaputt sind und auch nicht irgendwelche Junkies an der Ecke stehen.

Michaela Boland: Macht es einen in gewisser Weise vielleicht auch abgehärteter, wenn man in weniger privilegierten Gegenden aufwächst?

Balbina: Ja, erstens abgehärteter, aber zweitens auch wirklich melancholischer, weil man viel Traurigkeit mitkriegt. Ich glaube, wenn man viel mit Traurigem und Schlimmem konfrontiert ist, dann bleibt das so ein bisschen an einem hängen.

Es ist wie so eine Aura, die an einem haftet. Ich glaube, das kann man nie wirklich abschütteln.

Vor allem, wenn man damit aufwächst und wenn man auch im Alltag aufpassen muss, welche Straße man zum Beispiel wählt oder zu welcher Uhrzeit man draußen ist. Das prägt einen schon.

Michaela Boland: Wann bist du glücklich?

Balbina: Wenn ich etwas fertiggestellt habe, was mir gefällt.

Michaela Boland: Dann augenblicklich, Gott sei Dank, häufig?

Balbina: Ja. Wenn es mir gefällt, dann bin ich wirklich glücklich. So war ich beispielsweise total glücklich, als ich endlich mit “Goldfisch“ fertig war. Das war für mich reines Glück.

Michaela Boland: Du hast auch mal  ein BWL-Studium begonnen.

Balbina: Ja, sehr unerfolgreich.

Michaela Boland:  War das so etwas wie ein Plan B für Dich?

Balbina: Ich glaube, Plan B bedeutet immer, dass man sich bewusst für einen Plan B entscheidet oder für einen Plan A.

Dadurch, dass ich immer zweigleisig gefahren bin und von Anfang an akzeptiert habe, dass ich von der Kleidung, aber für die Musik lebe, gab es für mich keine Entscheidung. Dass ich momentan ein bisschen mehr Musik mache, als arbeite, ist so ein fließender Prozess.

Aber, würde es jetzt zum Beispiel so sein, dass meine CDs sich nicht verkaufen oder ich kein Geld verdienen würde, dann hätte ich auch kein Problem damit, in der Produktionsphase der nächsten CD wieder mehr zurückzutreten und wieder mehr zu arbeiten.

Das erdet mich auch und ich finde das auch nicht so schlimm. Für mich ist es so: Ich brauche keinen Plan B, denn ich lebe schon Plan A seit eh und je. Ob ich arbeite oder nicht, es hält mich von der Kunst ohnehin nicht ab.

Jonathan Meese hat ja mal gesagt: „Wenn man Kunst macht und nicht erfolgreich ist, dann darf man nicht beleidigt sein, weil das nicht das Ziel des Kunstmachens ist. Das Ziel des Kunstmachens ist Kunst zu machen.“

Michaela Boland: Warum hast du dich unter diesem Gesichtspunkt für ein betriebswirtschaftliches Hochschulstudium entschieden?

Balbina: Das war reiner Zufall. Ich habe mich für Publizistik, Psychologie und BWL beworben. Ich habe es einfach angekreuzt.

Psychologie habe ich nicht bekommen und Publizistik auch nicht. Da gab es nur sehr wenige Studienplätze und man brauchte einen Abi-Durchschnitt von 1,0. Den hatte ich nicht.

Da habe ich BWL bekommen, doch ich hatte mir das überhaupt nicht überlegt, sondern habe einfach angefangen. Bis zum Vordiplom habe ich es durchgezogen, auch mit mangelndem Interesse.

Einfach aus einer Durchlaufhandlung heraus. Das ist so, wie wenn man neben dem Fernsehgucken Chips ist.

So war das BWL-Studium. Allerdings habe ich dort auch sehr viele Künstler kennengelernt, die ebenfalls Musiker sind und auch malen.

Michaela Boland: Damit rechnet man nicht zwingend.

Balbina: Das ist deshalb so witzig, weil man immer denkt, diese Leute tragen alle weiße Hemden und Krawatten oder tragen alle Brillen. Aber es ist tatsächlich so, dass man nicht immer alles aus Überzeugung macht.

Man macht auch mal Flachs oder man macht manchmal auch nur einfach Dinge. Genau davon handelt auch mein Song “Nichtstun“.

Ich habe halt  nichts getan, also, ich habe etwas getan, das Nichtstun. Und das habe ich da  irgendwie sehr erfolgreich getan.

Michaela Boland: Psychologie hätte dich aber wirklich interessiert?

Balbina: Ja, Psychologie hätte mich tatsächlich interessiert und Publizistik hat mich auch interessiert. Aber im Sinne von Verlagswesen, nicht im Sinne von Journalistik.

Da ich so viel lese, interessiert mich Verlagswesen allgemein. Das habe ich aber nicht gekriegt, sondern BWL und das hat mich wirklich Null interessiert.

Nur Volkswirtschaftslehre fand ich wirklich super, weil da ein paar Zusammenhänge klar wurden. Beispielsweise, wie große Volkswirtschaften funktionieren, was Schulden sind, insbesondere Staatsschulden.

Das ging aber auch nur ein Semester. Der Rest war Finanzierung und irgendwelche Quotienten von irgendwelchen Dividenden.

Michaela Boland: Was fasziniert dich an der Psychologie?

Balbina: Das finde ich wirklich interessant. Ich quäle mich auch immer wieder durch Siegmund Freud-Texte, die ich teilweise auch nicht verstehe. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal schlau genug bin, das zu begreifen.

Michaela Boland: Wie sieht es mit Carl Gustav Jung aus?

Balbina: Ich glaube, ich würde mich an Jung erst dann wagen, wenn ich Siegmund Freud rudimentär begriffen hätte. Aber ich lese auch viel über Freud selbst, z.B. Essays.

Die Briefwechsel Freuds mit seiner Tochter kann ich übrigens sehr empfehlen. Teilweise denke ich mir allerdings, Freud war selbst solch eine widersprüchliche Person, auch so hochgradig Kokain-abhängig, dass es das, was er schreibt, schon wieder komplett infrage stellt.

Aber ich möchte erst das, was ich bisher noch nicht begriffen habe,  begreifen, bevor ich ihn infrage stelle und bis ich dann wiederum Jung lesen kann, der ihn infrage stellt.

Michaela Boland: Klingt kompliziert.

Balbina: Ich muss das Thema eben erst mal von hinten aufrollen.

Michaela Boland: Gibt es im deutschsprachigen Musikbereich, abgesehen von Herbert Gronemeyer, eigentlich noch andere Kollegen, die du schätzt?

Balbina: Ja, Judith Holofernes finde ich wirklich super. Sie ist eine ganz tolle Texterin. Dann aus dem Rap-Bereich Justus Jonas, der meiner Meinung nach viel zu unbekannt ist.

Den kennt ja keiner, aber er ist ebenfalls ein sehr guter Texter. Ich finde auch Mieze von Mia super.

Sie textet zwar komplett anders als ich, aber mich berührt einfach, was sie schreibt. Das finde ich einfach wahnsinnig schön.

Ich hatte auch mal das Vergnügen im Vorprogramm bei denen zu spielen. Ich finde bei Menschen wie Judith Holofernes und Mia wird nicht genug wertgeschätzt, wie gut sie sind.

Michaela Boland: Mieze hat ja noch einen größeren Bekanntheitsgrad durch ihr Mitwirken als Jury-Mitglied bei DSDS erlangt.

Balbina: Als ich gesehen habe, dass Mieze bei DSDS war und dies ein Slot war, um vielleicht in den Medien zu sein, ist mir klar geworden, dass dieser kulturelle Dialog, den es viel in Frankreich oder auch in England gibt, hier beispielsweise gar nicht stattfindet. Die Genialität dieser Leute geht komplett unter und das finde ich manchmal schade.

Michaela Boland: Woran liegt das deiner Meinung nach?

Balbina: Ich glaube, teilweise erschrecken sich die Leute vor der Qualität und spielen sie dann runter, um sich davon nicht gefährdet zu fühlen. Mir kommt das jedenfalls einfach zu kurz.

Michaela Boland: Das ist in anderen Ländern nicht der Fall?

Balbina: Nein, hier kritisieren auch immer alle alles. Dann bringt Judith irgendetwas heraus, was ich total genial finde und dann zerreißen sich alle das Maul.

Dann denke ich, warum nehmt ihr das Werk nicht an, wie es ist? Es ist gut, ihr müsst  nicht den Fehler finden. Wieso müssen denn hier alle immer den Fehler finden?

Michaela Boland: Wer sucht, der findet, heißt es.

Balbina: Ja, wer sucht, der findet und das ist so krass! Ich denke, lernt doch, eure Künstler zu schätzen!

Michaela Boland: Käme für dich ein Ruf von DSDS nicht in Frage?

Balbina: Nein, da würde ich lieber Hosen verkaufen. Aber ich bin damit glücklich und mit meinem Lebensstandard komplett zufrieden. Würden nicht ständig irgendwelche Mahnungen kommen, wäre ich noch zufriedener. Aber, mein Gott, auch das ist o.k..

Michaela Boland: Kannst du in dem Bekleidungsladen, in dem du arbeitest, eigentlich jederzeit wieder mehr machen, sollte es nochmal erforderlich werden?

Balbina: Ich habe zum Glück einen tollen Chef.

Michaela Boland: Der deine Musik schätzt?

Balbina: Ja, genau. Die unterstützen mich sehr und die hoffen, dass ich  nicht mehr wiederkomme. Aber, wenn ich wiederkommen sollte, dann habe ich meinen Job in der Herrenabteilung – Herrenanzüge und Knabenanzüge-  wieder.

Michaela Boland: Wenn du vom Fach bist, kannst du bestimmt sofort alle Material-Bestandteile eines Kleidungsstücks erfühlen, oder?

Balbina: Ja, kann ich. Ich sehe auch meistens bei den Herren immer schon die Hosengröße und die Hemdgröße.

Michaela Boland: Bist du eigentlich liiert und in festen Händen?

Balbina: Sage ich nicht.

Michaela Boland: Das ist also geheim?

Balbina: Die ganz privaten Sachen versuche ich für mich zu behalten.

Michaela Boland: Treibst du Sport?

Balbina: Ich jogge. Ich laufe immer gerne Zehn-Kilometer-Strecken. Manchmal nehme ich auch an Läufen teil. Zuletzt bin ich im Herbst in Paris gelaufen.

Aber kein Stresslaufen. Ich mag es einfach loszulaufen und anzukommen. Ich werde von einem Sport-Artikel-Hersteller unterstützt.

Michaela Boland: Interessierst du dich auch für bildende Kunst?

Balbina: Es geht. Ich bin kein Profi, aber, das was ich sehe und was mich interessiert, wie zum Beispiel Tauba Auerbach, die ich absolut super finde, das bekomme ich mit.

Michaela Boland: Engagierst du dich in irgendeiner Form? Sozial oder politisch?

Balbina: Ich engagiere mich privat ein bisschen für den Tierschutz, Aber wirklich privat, das verbinde ich nicht mit der Musik. Aber, ich würde nicht sagen, dass ich da groß aktiv bin. Da gibt es Menschen, die viel mehr machen als ich. Dennoch habe ich dafür ein Auge, weil ich Tiere sehr mag.

Michaela Boland: Was liest du gerade?

Balbina: Ich lese gerade “Paradies der Damen“ von Emile Zola. Da geht es um das erste große Kaufhaus in Paris. Ich denke,  in Anlehnung an das Lafayette.

Es handelt von dem sozialen Konflikt, dass durch dieses Kaufhaus all die kleinen umliegenden Stoffläden Bankrott gehen, weil alle in diesem großen tollen neuen Einkaufsparadies kaufen wollen. Da findet sich natürlich auch das Interesse meinerseits an Kleidung und Mode wieder.

Michaela Boland: Liest du das Buch auf Deutsch oder direkt in französischer Sprache?

Balbina: Auf Deutsch. Ich kann auf Französisch nur: „Je veux un jambon s`il vous plait(Anm. d. Red.: Ich möchte bitte einen Schinken) Das wars.

Michaela Boland: Noch aus der Schule?

Balbina: Ja.

Michaela Boland: Prima. Verfolgst du derzeit die politische Situation besonders in Osteuropa?

Balbina: Ja, aber ich äußere mich in Interviews meistens nicht dazu. Ich verfolge das schon, aber ich habe zu wenig Wissen und man hat zu viel Verantwortung, wenn man in der Öffentlichkeit steht, als dass ich mich dazu äußern könnte.

Michaela Boland: Liebe Balbina, ganz herzlichen Dank für dieses ausführliche Interview. Für deine Zukunft im Musikgeschäft viel Erfolg.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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01.06.2015 im interview

GFDK - Elke Kreil

Der Krimi "Engelskalt" von dem norwegischen Autor Samuel Bjørk versetzt Fans des hartgesotteneren skandinavischen Thrillers in Angst und Schrecken!

Hinter dem Pseudonym Samuel Bjørk steht der norwegische Autor, Dramatiker und Singer-Songwriter Frode Sander Øien. Er wurde 1969 geboren, schrieb im Alter von 21 Jahren sein erstes Bühnenstück und veröffentlichte seitdem zwei hochgelobte Romane sowie sechs Musikalben. „Engelskalt“ ist sein erster Thriller. Derzeit lebt und arbeitet er in Oslo.

Worum geht es in Engelskalt?

Ein Spaziergänger findet im norwegischen Wald ein totes Mädchen, das mit einem Springseil an einem Baum aufgehängt wurde und ein Schild um den Hals trägt: „Ich reise allein.“ Kommissar Holger Munch beschließt, sich der Hilfe seiner Kollegin Mia Krüger zu versichern, deren Spürsinn unschlagbar ist. Er reist auf die Insel Hitra, um sie abzuholen. Was Munch nicht weiß: Mia hat sich dorthin zurückgezogen, um sich umzubringen. Doch als sie die Bilder des toten Mädchens sieht, entdeckt sie ein Detail, das bisher übersehen wurde – und das darauf schließen lässt, dass es nicht bei dem einen Opfer bleiben wird ...

Samuel Bjørk im Interview

Sie sind Musiker, Sänger, Songschreiber, bildender Künstler, Bühnenautor und Romanschriftsteller. Können Sie uns etwas mehr über Ihre vielfältigen Aktivitäten erzählen und wie Sie zum Schreiben kamen?

Ich wuchs in einer kleinen Stadt mitten in Norwegen auf, wo nicht besonders viel los ist. Als ich fünfzehn war, rief jemand eine Theatergruppe für Jugendliche ins Leben. Ich machte mit und merkte schon bald, dass ich mich sehr gern mit der fiktionalen Welt beschäftigte. Sie kam mir beinahe wie ein märchenhafter Ort vor, an dem man der Wirklichkeit entfliehen und so ziemlich alles sein und tun konnte, was man nur wollte. Dort schrieb ich meine ersten Lieder und mein erstes abendfüllendes Stück. Eins führte zum anderen, ich erhielt einen Plattenvertrag, mein erster Roman wurde veröffentlicht, ich schrieb Drehbücher für Fernsehserien und Stücke für die Nationalbühne. Ich versuchte immer das zu tun, was mir Spaß macht, und arbeitete einfach unentwegt.

„Engelskalt“ ist Ihr Thrillerdebüt. Es sorgte in Skandinavien für großes Aufsehen, erhielt enthusiastische Kritiken, und die Rechte zur Veröffentlichung wurden in 20 Länder verkauft. Was hat Sie daran gereizt, nach den zwei in Ihrer Heimat sehr erfolgreichen Romanen „Pepsi Love“ und „Speed for Breakfast“ nun einen Thriller zu schreiben?

Am meisten faszinierte mich am Thrillergenre das hohe Tempo. Ich war schon immer jemand, der nie still sitzen konnte, und ich langweile mich sehr schnell, daher wollte ich versuchen eine Geschichte zu schreiben, bei der die Spannung nie abreißt und eine überraschende Wendung nach der anderen folgt. Ich wollte etwas so Fesselndes schreiben, dass man es nicht aus der Hand legen könnte, es in einem Zug verschlingen müsste und, am Ende angekommen, gleich die Fortsetzung lesen wollte.

In „Engelskalt“ ermittelt die Polizei in einer Mordserie an Kindern, die kurz vor ihrer Einschulung entführt und getötet werden. Sie haben sich damit auf ein heikles Terrain gewagt, da bei der Thematisierung von Kindermorden leicht die Gefahr besteht, Leser emotional zu überfordern. Teilen Sie diese Bedenken, und falls ja, wie stark haben Sie diese bei Ihrer Arbeit beschäftigt?

Bei jedem meiner Projekte versuche ich, so „wahrhaftig” wie möglich zu sein, das heißt, ich bemühe mich, alles zu vermeiden, was zu konstruiert wirkt, zu grausam ist oder der bloßen Unterhaltung dient. Anfangs jagte mir die Idee zu dieser Geschichte selbst Angst ein, ich musste wirklich aufstehen und die Lichter in meiner Wohnung einschalten. Ich beschloss, dass ich sie trotzdem schreiben musste, was ich dann natürlich so einfühlsam wie möglich umzusetzen versuchte. In diesem Roman wird keine einzige Gewalttat detailliert beschrieben, dafür entschied ich mich bereits sehr früh.

Der extreme Druck, den Täter schnellstmöglich zu finden, ruft zwei außergewöhnliche Ermittler auf den Plan: den korpulenten Mittfünfziger Holger Munch, der als leitender Kommissar die höchste Aufklärungsquote vorweisen kann, und Mia Krüger, die sich ihrem genialen Spürsinn zum Trotz aus dem Polizeidienst zurückgezogen hatte und nun mit Anfang dreißig in einer schweren persönlichen Krise steckt. Können Sie etwas mehr über die beiden Ermittler und ihre Beziehung zueinander erzählen?

Es ist etwas merkwürdig, aber als mir die Geschichte einfiel, oder genauer gesagt der Handlungsablauf, gab es noch keine dieser Figuren. Doch ich fand sie so grausam und Furcht einflößend, dass ich meinte die besten Ermittler zu brauchen, die es je gegeben hatte, um sicherzugehen, dass dieser Mörder gefasst würde. Mia stellte ich mir allein auf einer Insel vor, wohin sie sich vor der Welt zurückgezogen hatte, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie hatte ihre ganze Familie verloren einschließlich ihrer Zwillingsschwester Sigrid, die an einer Überdosis Heroin gestorben war. Holger Munch ist in gewisser Weise Mias Gegenteil, zwar ebenfalls intelligent, aber viel gelassenerer, und beide verband früher eine sehr enge Beziehung zueinander. Munch hatte erst vor kurzem seinen Posten verloren, und dieser Fall führt sie nun wieder zusammen, was sich für beide als glückliche Fügung erweist.

Eine wichtige Rolle im Team von Holger Munch spielt Gabriel Mørk: Der junge Computernerd und Hacker hat soeben erst seine Arbeit in der Mordkommission aufgenommen. Welche erzählerischen Möglichkeiten eröffnet Ihnen die Perspektive des Neulings?

Ich liebe diese Figur, und es war mir sehr wichtig, einen Teil der Geschichte aus ihrem Blickwinkel zu erzählen. Gabriel ist eine Identifikationsfigur für den Leser, denn er war zuvor kein Polizist und hat nie irgendwelche Fälle bearbeitet. Dadurch ist es fast so, als würde man selbst in die Welt der Ermittler eintauchen, wenn man sie durch seine Augen sieht. Wenn man an seiner Stelle wäre, würde man vermutlich die gleichen Fragen stellen und genauso denken wie er. Mein Eindruck war, dass ich durch Gabriels Erzählperspektive dem Leser die Geschichte näherbringen konnte.

Können Sie etwas genauer erzählen, wie Sie über Polizeiarbeit recherchiert haben?

Was die Polizeiarbeit angeht, habe ich einfach versucht, mich an alles zu erinnern, was ich je darüber gelesen hatte, sowohl in Büchern über reale Fälle als auch in Kriminalromanen, oder was ich in Filmen und Fernsehserien gesehen hatte, und dann dort anzusetzen. Über Profiling habe ich gar nichts recherchiert. Ich versuchte lediglich, mich in Mia Krüger hineinzuversetzen und so zu denken und zu handeln wie sie. Manchmal war das ziemlich unheimlich, aber ich glaube, das hat ganz gut funktioniert.

„Engelskalt“ besticht durch exakt kalkulierte Szenenwechsel sowie die starke Symbolwirkung, die von Gegenständen, Räumen und Leichenfundorten ausgeht. Würden Sie zustimmen, dass Ihre Arbeit als Bühnenautor hier auch Ihren Thriller beeinflusst hat?

Ich würde sagen, dass dieser Roman von allem beeinflusst wurde, woran ich jemals gearbeitet habe, von meinen Theaterstücken, meinen Romanen und auch den Liedtexten, die ich zu meiner Musik verfasst habe. Ich habe immer versucht, allem eine tiefere Bedeutung zu geben und Bilder zu erschaffen, die lebendig, symbolhaft und deutlich vorstellbar sind, um dem Leser zu jeder Zeit das bestmögliche Erlebnis zu bieten.

Je weiter Mia Krüger die Aufklärung der Mordserie vorantreibt, desto intensiver wird sie mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Hatten Sie von Anfang an geplant, dass Mias persönliche Tragödie eine zentrale Rolle im Handlungsverlauf spielen sollte?

Nein, um ehrlich zu sein. Zuerst fielen mir die Geschichte und der Plot ein, erst danach kam ich auf die Idee zu Mias Figur und deren Geschichte. Aber als ich anfing zu schreiben, wurde mir immer deutlicher klar, dass beides auf eine Art verwoben ist, die ich so nicht vorhergesehen hatte. Ich wusste zwar, wer der Mörder war, aber ich wusste tatsächlich nicht, dass Mia so viel mit dem Fall tun hatte, wie sich am Ende erweist. Während ich an dem Roman arbeitete, versuchte ich an etlichen Stellen so schnell wie möglich weiterzuschreiben und machte oft nächtelang durch, weil ich selbst so gespannt darauf war zu erfahren, wie es weitergeht. Als der Mörder Mia am Ende die ganze Wahrheit eröffnet, hatte ich wirklich keine Ahnung, dass sich das so herausstellen würde. Bevor ich die Geschichte geschrieben hatte, wusste ich auch nicht, dass die einzelnen Handlungsstränge so eng miteinander verknüpft sind.

Sie zeigen in Ihrem Thriller genau die psychische Verfassung und innere Entwicklung Ihrer Figuren auf. Können Sie etwas mehr darüber erzählen, welche Rolle dabei die Aufklärung der Mordserie spielt?

Ich habe mir das auch überlegt, und meiner Meinung ist es schwer, darauf eine Antwort zu finden. Die Figuren sind für mich so vielschichtig und interessant, dass man eigentlich auch wunderbar ohne die Verbrechen eine gute Geschichte über sie schreiben könnte, aber andererseits – warum darauf verzichten? Ich glaube, dass man die Figuren gerade durch die Verbindung ihres psychischen Zustands und Seelenlebens mit den Verbrechen auf ideale Weise kennenlernen und Gefallen an ihnen finden kann.

Auch von Ihren Nebenfiguren zeichnen Sie genaue Psychogramme. Sie legen offen, welche Ereignisse im Leben eines Menschen zu psychischen Verwerfungen führen können und richten Ihr besonderes Augenmerk auf das Schicksal von Kindern. Steckt dahinter auch eine Form der Sozialkritik?

Ja, das ist ganz klar der Fall. Bevor ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, das mein erster Genre-Roman ist, beschloss ich, es nur zu schreiben, wenn ich darin auch meine Ansichten über die Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen könnte.

Unter den Spannungsautoren von Weltformat finden sich Skandinavier wie Håkan Nesser und Jo Nesbø. Sehen Sie Ihren Thriller in einer bestimmten literarischen Tradition?

Ja, ich denke schon. Dieser Roman drückt viel von der Dark-noir-Stimmung aus, für die skandinavische Kriminalautoren bekannt sind. Darüber hinaus wollte ich dem Roman noch etwas Besonderes hinzufügen, versuchen, etwas Neues auszuprobieren, eventuell die psychologische Ebene stärker auszuloten und Sozialkritik einzubringen, so dass man das Buch ebenso als literarischen Roman wie als Thriller betrachten könnte.

„Engelskalt“ ist der erste Teil einer Serie um das Ermittlerduo Holger Munch und Mia Krüger. Können Sie schon einen Ausblick geben, worum es im nächsten Band gehen wird?

Ich schreibe gerade den zweiten Thriller und stecke tatsächlich im Moment richtig tief drin, indem ich mich bemühe, die Figuren dazu zu bringen, das zu tun, was ich für sie bestimmt habe. Das ist nicht immer leicht, weil es ständig so aussieht, als wollten sie ihre eigenen Wege gehen. Holger Munch versucht immer noch, über die Trennung von seiner Frau hinwegzukommen. Mia ist vorübergehend vom Dienst freigestellt, sie braucht ein psychiatrisches Gutachten, bevor sie wieder arbeiten darf. Dann wird ein siebzehnjähriges Mädchen im Wald gefunden, nackt, gebettet auf einen Untergrund aus Federn, umkränzt von einem Pentagramm aus Lichtern, mit einer weißen Blume zwischen den Lippen. Mehr möchte ich im Augenblick nicht verraten…

Hinter dem Pseudonym Samuel Bjørk steht der norwegische Autor, Dramatiker und Singer-Songwriter Frode Sander Øien. Er wurde 1969 geboren, schrieb im Alter von 21 Jahren sein erstes Bühnenstück und veröffentlichte seitdem zwei hochgelobte Romane sowie sechs Musikalben. „Engelskalt“ ist sein erster Thriller. Derzeit lebt und arbeitet er in Oslo.

Erschienen im Goldmann Verlag April 2015

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27.02.2015 Kunst Konsum Gastfreundschaft und Kultur

GFDK - Redaktion

Die Künstlerin Gila Abutalebi hat mit der Gesellschaft Freunde der Künste schon mehrere Kunst und Kultur Projekte veranstaltet, unter anderem das Goethe-Festival 255 Jahre Goethe "Wie sehen Künstlerinnen Goethe". Nun zeigt sie neue Arbeiten in Köln. Im letztem Jahr war sie zum 16. Islamic Arts Festival in Sharjah der Kulturhauptstadt der arabischen Welt eingeladen um ihre „In love with K – K Visuals” zu präsentieren.

Was hat Rewe mit Konsum, Kommunikation, Ordnung, Gastfreundschaft und Kultur gemein. Diese Fragen beantwortet uns die Künstlerin Gila Abutalebi in Köln.

Betitelungen sollen Aufsehen erregen und Neugier wecken. Das K steht für Gila Abutalebi nicht für Köln, obgleich die Stadt am Rhein ihre Wahlheimat ist und Köln ohne Zweifel als eine Stadt der Künste gilt. Der geheimnisvolle zweite Teil bezieht sich auf Gila Abutalebi (A), die sich als „Schreibkünstlerin“ dem Buchstaben (K) verschrieben hat. Wer ist und was tut diese geheimnisvolle, junge Künstlerin? Und wie kommt nun der Buchstabe (R) ins Spiel.

Die Perserin, in Österreich geboren und in Köln lebend, offeriert uns seit Jahren ein unverwechselbares, in sich homogenes Oeuvre. Die Begegnung mit zwei Kulturen, der persischen und der deutschen, geht ineinander über: fremdländische Aussagen finden eine europäische Darstellung. So vermittelt ihr Werk die Begegnung zweier Kulturen - der Besucher, zu eigener Interpretation aufgefordert, steht bei der konkreten Ausdeutung einer herrlichen Formenvielfalt und großartiger Farbgebung gegenüber.

Ist sie emotional tief berührt, freudig gestimmt oder nachdenklich geworden? In ihrer Serie „In Love with K - K Visuals“kreist die Arbeit Abutalebis allein um den Buchstaben (K), den sie so vielfältig aufgreift und darstellt: das böse (K) als Krieg, Krankheit, Krebs, Konflikt, Krise ebenso wie das gute (K) in Kultur, Kuss, Kommunikation, … und sogar in Köln.

Jetzt hängen die K' s von Abutalebi in der Hauptverwaltung der REWE Zentrale in K. Zu der gegenwärtigen Ausstellung in der Domstraße in Köln haben wir Gila Abutalebi befragt:

Frau Abutalebi, REWE beginnt doch mit einem R und nicht mit K. Wieso also Ihre K Werke bei der REWE-GROUP?

K und Rewe haben doch viel gemeinsam. K ist äußerst vieldeutig. Rewe (R) steht für Konsum, Kultur, Kulinarisches, Kochen, Körper, Konsument, Kunde, Konzept, Kaufen, usw. Da haben wir schon eine außerordentliche Schnittmenge. Konsum ist Kommunikation und mein K kommuniziert außerordentlich.

Sie erkennen also REWE in ihren Bildern wieder?

Aber ja, es gibt eine ungeheure Verbindung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Blicken wir mal auf die Regale bei REWE, alles hat seine Ordnung, es herrscht ein Rhythmus, es gibt also eine Komposition bei den Konserven und Produkten, die Verführung des Kulinarischen, des Konsums, dem steht nun mein K gegenüber, in all seiner vielfältigen Interpretation.

Keine Vernissage?! Und trotzdem stellen Sie bei REWE aus?

Es geht doch um Inhalte. Nicht um Parties, so sehr ich diese auch liebe. Sehen Sie ich bin zwischen den Kulturen aufgewachsen. Ganz elementar in meiner persischen Kultur ist das Essen, die Gastfreundschaft. Essen bringt Menschen zusammen, ich lade regelmäßig 10 bis 15 Menschen zu mir ein, ich koche tagelang für sie. Was ich sagen will ist doch, dass REWE eine Art Plattform der Kulturen ist, somit der richtige Ort für eine Ausstellung.

Ihre Arbeiten sind vielschichtig, im Tatsächlichen wie im übertragenen Sinne.

Der Mensch ist mehrdimensional zu betrachten und meine Arbeiten kreisen um den Menschen, die Vielschichtigkeit, die Tiefe, die Reflexion provozierend. Der unbeleuchtete Raum hinter einem beleuchteten Körper, ist so spannend! Daher sind mir die Schattenspiele bei vielen Arbeiten sehr wichtig, das gezielt eingesetzte Licht. Es braucht ja die Provokation. Wir alle brauchen die Provokation.

Provokation? Der unbeleuchtete Raum hinter einem beleuchteten Körper, was meinen Sie genau?

Wir sehen zunächst, besser noch wollen nur das Schöne sehen, aber hinter dem Schönen verbirgt sich eben weit aus mehr, das Schöne ist die Summe von Vielem. Da sind wir bei der Vielschichtigkeit. Meine Bilder sind ja nicht einfach nur „schön“. Ich beleuchte. Ich studiere. Ich inhaliere die Menschen, Momente, Ereignisse und mache sie und alle und alles zu Buchstaben und Farben, auch mich selbst. Es gilt das „Dahinter“ hervor zu provozieren.

Warum diese Bilder Auswahl bei REWE?

Ich fand, dass diese Serie zur REWE passt. Der Vorstandsvorsitzende der Rewe Group, Alain Caparros ist ja auch ein Individualist, er läuft als der sogenannte Rebell der Supermärkte in seine eigene Richtung, im Sinne des Unternehmenserfolgs. Er wird häufig in der Presse als Diktator bezeichnet. Außerdem hängt ein Werk von Ludwig XIV, dem Sonnenkönig in der REWE Zentrale, in dem Moment als ich es erblickte, war mir klar, dass meine Arbeiten auch mit ihm korrespondieren.

K Visual 47 zum Beispiel ist einer meiner Lieblingskämpfer. Er hat den Segen der Liebe, er steht stets im Liebesstrahl, er kämpft für die Liebe. Dieser Krieger ist voller Kreativität, voller Würde, der Komplize, den man sich im Leben wünscht, der mit zum Erfolg beiträgt, der Erleuchtete, der wahre König der Herzen, er kämpft für das Gute. Die humanistische Komponente, auch ein bisschen der Kontrast zu Louis und Napoleon.

Sie schreiben nur mit lateinischen Buchstaben, obwohl der erste Blick die arabische oder persische Schrift vermuten lässt. Warum lateinische Buchstaben?

Ich liebe die lateinischen Buchstaben, sie sind eine optische Herausforderung, aber meine Schrift, meine Hand ist persisch. Meine persische Seele fließt in die lateinischen Buchstaben. Deutsch-persisches Gedankengut. Ich fühle deutsch, fühle persisch, ich bin mehrsprachig, dementsprechend träume und fühle und denke und schreibe ich mehrsprachig, aber meine Hauptsprache ist die deutsche Sprache.

Was erwartet uns als nächstes von Ihnen?

Die Frage müsste lauten: Was erwartet mich und uns? Das kann ich nicht beantworten. Ich weiß nur, das K ist weiterhin Held meiner Arbeiten, aber ich gebe zu, ich habe mich bereits in einen anderen Buchstaben verliebt, bereits vor einem Jahr. Aber auch ich kann gleichzeitig lieben, nicht nur einen Buchstaben.... Mal sehen, was passiert.

Es hängen 6 Arbeiten von Gila Abutalebi in der REWE Zentrale in Köln. Besichtigung nach Voranmeldung bei REWE Köln, Domstraße

Das Interview führte Gottfried Böhmer im Februar 2015 in Köln.

Weitere Infos über Gila Abutalebi unter www.transparente-lyrik.de

Gottfried Böhmer ist seit 1997 künstlerischer Direktor der Gesellschaft Freunde der Künste und Redaktionsleiter der GFDK.

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17.10.2014 MICHAELA BOLAND TRIFFT KABARETT-STAR MARGIE KINSKY

GFDK - Michaela Boland

Falls Sie bisher noch nicht wussten, dass bei ihr mit „Almut“ der Prototyp der perfekten Mutter gemeint ist, und dass Ursula von der Leyen nach Dafürhalten von Margie Kinsky da ganz gut ins Raster passt, waren Sie anscheinend noch in keiner Vorstellung der temperamentvollen Kabarettistin:

Sie trägt das Herz auf der Zunge und dabei ist sie nicht nur herrlich offen, ehrlich und direkt, sondern auch ausgesprochen lustig. Grund genug für die zahlreichen Fans gleich zu Hauf in ihre Vorstellungen zu stürmen: Die Schauspielerin und Sechsfach-Mama hat ihre italienische Heimat, Rom, bereits vor Jahren für das Studium der Romanistik in Bonn verlassen.

In der früheren deutschen Hauptstadt verdingte sie sich dann als Statistin am Theater und lernte bei einem Improvisations-Workshop ihren späteren Ehemann, Lindenstraßen-Urgestein Bill Mockridge, kennen und lieben. Jetzt hat Margie Kinsky endlich ein Buch herausgebracht. In „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeerpudding“ schildert die quirlige Italienerin Details aus ihrem Familienleben mit sieben Kerlen.

Die Tochter einer böhmischen Gräfin und eines Italieners hat darüber hinaus auch jede Menge hilfreiche Mama-Tricks auf Lager, wenn es um die Überwachung von flügge gewordenen Sprösslingen geht. Mit dem ihr eigenen unverwechselbaren Humor hat sie ihren Erfahrungsschatz so denn nun auch auf die Bühne gebracht.

Den richtigen Anstoß zum Versuch, sich mit über Fünfzig erstmals im Alleingang ins Rampenlicht zu wagen, gaben ihr Ehemann Bill, der ältere Bruder und ihre Freundin. Wäre sie dieses Wagnis nicht eingegangen, hätte sie nämlich nie herausgefunden, ob sie ganz allein ein Publikum „rocken“ kann. Davon, dass ihr dies hervorragend gelingt, zeugen die zahlreichen Fanbekundungen.

Derzeit tourt sie durch das Land und unterhält ihr begeistertes Publikum sogar schon vor dem offiziellen Show-Beginn: Sie mischt sich nämlich immer schon regelmäßig draußen unter die Zuschauer, begrüßt sie oder plaudert mit ihnen am Tresen. So schafft sie bereits eine vertraute Atmosphäre und kann ihr Publikum später einzeln beim Namen nennen und auf diese Weise in die Show miteinbeziehen. Ein Plan, der  wunderbar aufzugehen scheint.

Michaela Boland: „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeerpudding“ ist sowohl der Titel Deines aktuellen Buches als auch jener Deines neuen Bühnenprogrammes, mit dem Du derzeit sehr erfolgreich durch die Lande tourst. Bei dieser Überschrift denkt man, abgesehen von Deinem Nachnamen, wenngleich er am Ende auch mit „y“ geschrieben wird, zwangsläufig an den Schauspieler Klaus Kinski. Dieser war ja im Rahmen seines Autobiografie-Titels nach einem Gedicht von Paul Zech sprichwörtlich  „ so wild nach Deinem Erdbeermund“. Ist diese Parallele beabsichtigt?

Margie Kinsky: Es ist gewollt. Denn seit ich klein bin, haben die Leute mich immer gefragt, ob ich etwas mit diesem blonden, Domestos-melierten Klaus Kinski zu tun habe. Und ich antwortete, „nein, ich heiße Margie Kinsky mit `y`, und  er ist eigentlich Pole, heißt in Wahrheit Klaus Nakszynski und schreibt sich mit „i“. Das habe ich ständig wiederholen müssen.

Und bezüglich des Titels habe mir eben einfach überlegt, dass ich Mutter bin und sechs Jungs habe und dass Pudding tatsächlich glücklich macht, rund ist und keine Kanten hat, gemütlich ist, eine Beziehung oder auch eine 5 in Mathe ersetzt, gut tut und tröstet.

Meine Jungs haben immer Schüsselweise Pudding gegessen, wenn irgendein Mädel sie sitzen gelassen hat. Außerdem stellt dieser Titel auch eine Parallele zu meinen Kindern dar, denn wenn du versuchst, sechs Jungs in der Teenagerzeit zu erziehen, dann ist das genauso unmöglich wie das Unterfangen, Pudding an die Wand zu nageln.

Michaela Boland: Die Erziehung scheint dennoch gelungen zu sein. Man hört allenthalben nur Gutes über den Nachwuchs. Stichwort Luke Mockridge zum Beispiel.

Margie Kinsky: Ja, die sind allesamt wirklich super und toll.

Michaela Boland: Du hast Romanistik in Bonn studiert. War ein Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, anfangs von Dir gar nicht geplant?

Margie Kinsky: Ich habe in Rom das deutsche Abitur gemacht, denn ich besuchte dort eine deutsche Schule. Mit 19 wurde ich dann ein bisschen schwierig und so haben meine Eltern, insbesondere meine Mutter, gesagt, „komm, die geht als Au-pair-Mädchen nach Bonn“. Das wollte ich aber nicht, denn meine ganze Clique war schließlich in Rom.

Da habe ich mich gefragt, was ich wohl tun könne, was schnell vorbei gehen würde. Da lag die Idee, etwas zu studieren, was ich schon konnte, nahe. Insofern studierte ich Romanistik, also Italienisch, Französisch. Dann habe ich eine Arbeit über Pasolini, diesen bekloppten tollen Regisseur und Autoren geschrieben und war da schon in der Theatergruppe an der Uni. Außerdem habe ich auch am Theater in Bonn Statisterie gemacht, da ich als Studentin kaum Knete hatte.

Dort hing dann irgendwann ein Zettel mit der Information, dass der kanadische Schauspieler, Bill Mockridge, Studenten für einen Workshop einer Impro-Theatergruppe suche. Ich dachte mir, „das klingt ganz lustig, gehst du mal gucken“. Und zack – war ich eine Springmaus. Ich habe das Improvisationstheater Springmaus auch mitbegründet und mir außerdem den Chef geangelt. Seither sind 30 Jahre vergangen und wir haben gemeinsam die sechs Jungs.

Michaela Boland: Hat es zwischen euch sogleich gefunkt?

Margie Kinsky: Zwei Jahre lang haben wir uns nur so angeguckt, aber irgendwie war es schon ziemlich klar. Da haben wir uns dann gedacht, „komm“, und nun ist es plötzlich 30 Jahre und sechs Söhne später (lacht).

Michaela Boland: Wie lange hast Du Dich dann im Springmaus-Theater betätigt?

Margie Kinsky: Insgesamt habe ich 30 Jahre Springmaus gemacht und habe in diesem Improvisationstheater auch sehr viel für das Leben gelernt. Das ist auch der Inhalt meines aktuellen Programms, ebenso wie der des Buches, nämlich die Frage „Wie backe ich mir ein glückliches Leben?“ Ein solches, das wirklich Sinn macht, denn wir haben nur ein Leben.

Michaela Boland: Dein älterer Bruder, Venceslau, hat bereits im Fellini-Film „La dolce Vita“ mitgewirkt. Hat Dich das zuvor in puncto Schauspielerei möglicherweise bereits angefixt?

Margie Kinsky: Nein, meine beiden Brüder sind Halbbrüder. Wir haben verschiedene Väter und beide sind  12 bzw. 13 Jahre älter als ich. Als mein Bruder die Filme gemacht hat, war ich winzig. Rom ist natürlich eine absolute Film- und Kulturstadt. Wenn du mit wunderschönen Kirchen, Ausblicken, einem tollen Klima und wundervollen Sonnenauf- und Untergängen aufwächst, bist Du wahrscheinlich automatisch irgendwie mit Kunst und Theater infiziert.

Michaela Boland: Deine Mutter, eine Gräfin, stammt aus Böhmen. Da kommt einem sogleich die k.u.k. (kaiserliche und königliche österreichisch-ungarische Monarchie) mit Böhmen und Mähren in den Sinn.

Margie Kinsky: Ja, genau. Das waren ja damals Böhmen und Mähren, heute Tschechien. Meine Mutter sprach mit uns Kindern Tschechisch. Somit bin ich wahrlich multikulti, denn ich wuchs in Rom auf, sprach daher Italienisch, war auf einer deutschen Schule, daher spreche ich Deutsch, bin mit einem Kanadier verheiratet, insofern spreche ich Englisch.

Michaela Boland: Aus welchem Grund hat man überhaupt in Erwägung gezogen, Dich auf eine deutsche Schule zu schicken?

Margie Kinsky: Wegen der Sprache. Meine Mutter sagte, die Schule sei um die Ecke, Italienisch könne ich sowieso, Tschechisch rede ich mit ihr, also solle ich auf die deutsche Schule gehen. Sprachen waren nicht nur schon immer etwas Tolles, sondern damals auch ein ganz wichtiges Gut. In den böhmischen Schlössern war es ja so, dass sie wenig konnten, aber sie konnten sämtliche Sprachen sprechen.

So war meine Mutter der Auffassung, wenn sie mir auf einem billigen Wege eine weitere Sprache schenken könne, dann werde sie es sehr gerne tun. Auf diese Weise war ich sogar schon in einem deutschen Kindergarten bei Tante Gaby und Tante Anneliese (lacht) und habe eben später das deutsche Abi gemacht.

Michaela Boland: Hast du noch vor der damaligen Oberstufenreform Abitur gemacht oder danach? Durftest Du Dir bereits Deine Leistungs- und Grundkurse zusammenstellen?

Margie Kinsky: Die hatte schon stattgefunden. Ich habe 1980 Abitur gemacht und hatte daher schon 1979 Leistungskurse und Grundkurse.

Michaela Boland: Was hast Du damals gewählt?

Margie Kinsky: Ich bin ja ein paar Mal sitzengeblieben, weil es eine Katastrophe war. Ich hatte Französisch als Leistungskurs, deshalb habe ich auch Französisch/ Romanistik studiert.

Michaela Boland: Hast Du Dich insoweit mit Camus, Sartre und Co befasst?

Margie Kinsky: Genau, Camus, „die Pest“ und so weiter (lacht). Außerdem hatte ich noch Deutsch und Italienisch im Abi.

Michaela Boland: Nun geht es in Deinem Programm sehr konzentriert um Deinen Nachwuchs.

Margie Kinsky: Ja, ich wollte immer viele Kinder und immer gerne Jungs. Ich hatte früher als Mädchen nur Puppen, die Jungs waren. Also, Barbies gab es bei mir nicht. Mein Teddybär war, ebenso wie mein Igel, auch ein Junge.

Michaela Boland: Dann dürftest Du mit sechs Söhnen ja rundum zufrieden sein.

Margie Kinsky: Ich bin total glücklich. Natürlich hätte ich auch gerne ein Mädchen gehabt, eine kleine Olivia.

Michaela Boland: Olivias sind super, kann ich sagen.

Margie Kinsky: (lacht) Nun, als der Sechste kam, habe ich dann aber gedacht, „besser so“. Denn wenn wir dann noch eine kleine Prinzessin gehabt hätten, wäre das mühsam gewesen.

Michaela Boland: Hast du eigentlich die italienische oder die deutsche Staatsbürgerschaft?

Margie Kinsky: Die italienische. Die Jungs haben die doppelte Staatsbürgerschaft, nämlich die italienische und die kanadische.

Michaela Boland: Wie häufig bist Du noch in Rom?

Margie Kinsky: Ganz oft. Wenn es hier so mild ist, dann bekomme ich derartiges Heimweh. Ich bin 30 Jahre in Deutschland und sage immer noch, „Ich fahre nach Hause“. Das ist eigentlich ganz schlimm. Aber die Mentalität, dieses lockere, „Hey, Ciao“ und so, ist einfach schön. Ich glaube, das ist bei jedem so, der irgendwo aufgewachsen und dann später irgendwo anders hingegangen ist. Ich habe hier mein Haus, meinen Mann, meine Jungs und meinen Beruf, also, es ist alles gut. Aber, einen guten Kaffee, eine Marktszene und bekloppte Freunde habe ich dort.

Michaela Boland: Gibt es nach wie vor Familie in Rom?

Margie Kinsky: Ja, ich habe ja zwei Brüder, wobei der eine leider verstorben ist.

Michaela Boland: Jener Bruder, der im Fellini-Film mitgewirkt hat?

Margie Kinsky: Ja, er ist leider gestorben. Der andere Bruder lebt nach wie vor halb in Rom und halb in Kanada, was sehr witzig ist, da mein Mann ja Kanadier ist.

Michaela Boland:  Was hältst Du von der deutschen bzw. speziell der rheinischen Mentalität, nachdem Du seit Jahr und Tag in Bonn lebst?

Margie Kinsky: Ich muss wirklich sagen, das Rheinland ist ein kleines Italien. Der Kölner oder auch der Bonner ist so offen und fröhlich, nicht zuletzt durch diesen Karneval. In Italien  haben wir zwar jeden Tag Karneval, aber diese offene Art hier, Motto: „Ey, Mensch, wie isset? Am besten jot“ und so, das ist sehr italienisch. Ich meine, die Römer waren ja am Rhein, haben da kampiert, also, das muss etwas zu sagen haben. Ich wäre wahrscheinlich in Hamburg, Bremen, Lübeck oder Berlin nicht so glücklich.

Oder gar in Mecklenburg-Vorpommern, das ist eine ganz andere Kiste. Die sind alle so ein bisschen trocken. Also, wenn schon Deutschland, dann das Rheinland. Bayern ist, glaube ich, auch ganz witzig, aber der Rheinländer ist sehr römisch, finde ich.

Michaela Boland: Im vorangegangenen Programm hast du Dich auch intensiv mit den jungen, knackigen Freundinnen deiner Söhne befasst und die Mädels ob ihrer körperlichen Vorzüge scharf unter die Lupe genommen. War es für Dich eigentlich leicht oder schwer, plötzlich ein wenig älter werden?

Margie Kinsky: Ja, da stehe ich einfach zu, Ich bin 56. Ich werde ganz oft gefragt, wie es so mit den Mädels ist. Ich glaube einfach, Du bist die Königin, wenn Du sechs Söhne hast und einen Mann. Ich lebe mit sieben Männern und davon habe ich sechs ja selber gemacht und ich bin die Mama, I`m the Queen.

Michaela Boland: Bestehst Du da auch drauf?

Margie Kinsky: Ich bestehe auch darauf. Und immer, wenn eine kommt, dann muss die schon wirklich fantastisch sein, bis ich sage, „ja“. Und die waren es bis jetzt noch nicht. Jetzt gibt es eine, die so ein  bisschen da herumschwirrt, die finde ich total nett und süß. Mal gucken. Aber du wirst eben älter und weißt, dass zwischen ganz jung und dann irgendwann Mutter werden noch so ein Weg ist und du denkst, „ach nein, das wird nichts mit der“. Irgendwie hast Du das im Gefühl. Vielleicht ist das auch meine italienische Mentalität.

Michaela Boland: Du hast oft geäußert, dass die ideale Schwiegertochter erst noch gebacken werden müsse. Wie wäre diese denn nach Deinem Dafürhalten?

Margie Kinsky: Sie muss humorvoll sein, auch wäre es praktisch, wenn sie aus einem Haushalt mit vielen Geschwistern kommen würde, damit sie uns versteht. Also, so ein Einzelprinzesschen ist schwierig. Verwöhnt finde auch ganz schrecklich. Sie muss anpacken können, also eine, die sich wirklich nicht zu schade ist zu sagen, „komm, das mache ich jetzt“. Ich sage immer zu den Jungs: „Wenn Du ein Mädel hast, dann muss sie Dich größer machen.

Sie muss Dich besser machen“. Das finde ich ganz besonders wichtig. Ich hasse es, wenn die solche Mädels haben, die sie runter ziehen. Ich will zwar nicht sagen, ich mache meinen Mann besser, aber er macht mich bestimmt besser. Auch sagt er von mir, ich mache ihn besser, einen besseren Menschen. Deshalb glaube ich einfach, dass es nicht ganz unwichtig ist, mit jemandem eine Beziehung zu haben, der ähnlich erzogen wurde wie Du.

Denn, wenn das eine ganz andere Kiste ist, gibt es irgendwann Probleme. Eine bestimmte Kinderstube und Manieren sind wichtig. Ich lege Wert darauf. Wenn ein Kind mit aufgestützten Ellbogen am Tisch sitzt, dann hoffe ich, dass das meine Jungs stört, denn wir haben immer gesagt, „bitte sitze gerade“.

Wenn er dann aber irgendwie so eine Prölle hat, der scheißegal ist, wie das Kind sitzt, dann kann die Liebe noch so groß sein, aber irgendwann fängt so etwas an, Dich zu stören. Und davor möchte ich sie bewahren, aber das verstehen sie natürlich nicht, wenn sie total verknallt sind in irgend so eine Cheyenne.

Michaela Boland: Wie war es zwischen Bill und Dir?

Margie Kinsky: Mit dem Bill war es so ein kleines Wunder. Wir haben auch die gleichen Ideen. Ich finde es toll, wenn eine ältere Frau den Raum betritt und ein junger Mann aufsteht,  sie begrüßt und ihr ins Gesicht schaut, die Tür aufhält oder fragt. „kann ich helfen“. Da steh ich drauf.

Michaela Boland: Wie alt sind Deine Söhne?

Margie Kinsky: Zwischen 17 und 30 Jahren.

Michaela Boland: Wie war denn so das Verhältnis zwischen Dir und den vermeintlichen Schwiegertöchtern in spe?

Margie Kinsky: Die Klappe zu halten, ist für Margie sehr schwer. Ich bin unheimlich geradeaus, ich sei schrecklich ehrlich, hat sogar mal ein Kollege von der Springmaus zu mir gesagt. Ich habe aber gelernt, die Klappe zu halten, weil es nichts bringt. Je mehr Du dem sagst, „Hör mal, das ist nichts mit der, lass es“, desto mehr wird er es tun.

Daher habe ich wirklich gelernt, mich herauszuhalten. Das ist zwar sehr schwer, aber, ich habe ja sechs, insofern hatte ich durchaus Zeit. Aber ich leide total, wenn ich sehe, dass sich einer meiner Jungs mehr und mehr in eine solche Beziehung hineindreht, von der ich denke, „NEIN!“.

Michaela Boland: Du sprichst ja auch frank und frei in TV-Sendungen über die jungen Damen an der Seite Deiner Söhne. Wie findet Dein Nachwuchs das?

Margie Kinsky: Das ist nicht schlimm. Ich bin sicher, dass eine Familie, die in sich stimmt und wo die Kinder wissen, was ist der Job meiner Eltern – mein Vater ist Schauspieler, meine Mutter ist Witzbold und Comedian – die werden damit groß und sagen sich, das gehört dazu, das ist unser Business.

Michaela Boland: Unter anderem hast Du in einem Programm die Tätowierungen auf der Haut einer Freundin Deines Sohnes kritisiert. Eine ausgebildete Pädagogin und Freundin von Dir soll Dich diesbezüglich beruhigt haben, woraus Du eine Programm-Nummer gestrickt hast.

Margie Kinsky: Ja, richtig. Es ging um eine der Freundinnen meines Sohnes. Was an ihr nicht tätowiert war, war gepierct, also, die sah aus wie so ein Bilderbuch. Meine Freundin sagte diesbezüglich, „Reg Dich doch nicht auf“ und meinte „Hör mal, die halten gut die Klappe, weil die immer Bildchen angucken“. Daraufhin habe ich in meinem Programm erzählt, dass diese Mädchen vergessen, dass sie einmal 60 sein werden und so haben sie dank ihrer dann faltigen Haut später ein Daumenkino.

Michaela Boland: War das Thema „Tattoos“ ein solches, was bei Euch eher verpönt war oder durften Deine Jungs sich von Dir aus tätowieren lassen?

Margie Kinsky: Es ist deshalb sehr schwer, weil Bill sich im Alter von 14 Jahren gemeinsam mit seinem Freund einen Puma auf den Arm hat tätowieren lassen. Er war nämlich mit 13 im Klub der Pumas. Sein Vater, ein Anwalt, war damals außer sich. Das Ganze war ein Riesending. Bill wäre schon fast aus dem Testament geknallt worden.

Zwischenzeitlich ist das Ding sowieso verblasst, Du denkst, er hätte da einen blauen Fleck auf dem Arm. Aber als tätowierter Papa ist es natürlich schwer. Trotzdem sagen wir immer“ lass es“. Wir haben einen der sechs, der hinten auf dem Rücken eine Tätowierung  mit seiner Schrift und dem Text, „So far from me“ hat. Das war eine Zeit, in der es ihm  nicht so gut ging. Zeit der Findung. Ich weiß es noch genau.

Er kam Weihnachten nach Hause, war ein Jahr weg gewesen. In Australien, da passiert diese Scheiße. Da sagte sein kleiner Bruder, „Ey, der Nicki hat ein Gedicht am Rücken“. Ich habe gedacht, Weihnachten sei gelaufen. Aber, es ist nur ein Satz mit seiner Schrift, es befindet sich am Rücken und Du siehst es nicht.

Michaela Boland: Bereut er es denn?

Margie Kinsky: Nein, überhaupt nicht. Es ist auch nicht schlimm, es stört ja keinen. Was ich hasse, sind aber diese Mädels, die wirklich den Hals, die Ohren, die Arme, die Beine, die Füße und auch noch die Fersen tätowiert haben. Ich denke, Tattoos machen süchtig. Total. Also ich hoffe, wir haben es geschafft. Ich habe immer so ein Goal (Ziel): Es wäre toll, wenn die nicht rauchen, aber zwei rauchen. Und es wäre eben toll, wenn sie es schaffen, sich nicht tätowieren zu lassen, denn mit 25 machst Du Dir keine Tätowierung mehr.

Michaela Boland: Das weiß man nicht immer, doch ich entnehme dem, dass Du selbst weit von einer Tätowierung entfernt bist?

Margie Kinsky: Ja, weit entfernt. Aber, ich male unheimlich gerne. Ich habe auch in meinem Buch selber gekritzelt und gemalt. Manchmal male ich mir mit so einem ganz dünnen schwarzen Filzstift etwas und frage mich, „Na, wie würde das denn aussehen“. Und dann sage ich mir, „Boa Margie, hast Du einen schlechten Tag, denn jetzt hast Du ein Smilie da, das ist doch auch doof“. Also irgendwie ist das einfach nicht meins.

Michaela Boland: Du hast  häufiger öffentlich zum Besten gegeben, wie Du Dich in den Chat-Account Deines Jungen manövriert und Dich als Dein Sohn ausgegeben hast, während Du mit seinem vermeintlichen Kumpel hin- und her schriebst, um Dinge herauszufinden und andere gerade zu rücken. Sehr lustig für das Publikum. Wie lustig war es für Deinen Sohn?

Margie Kinksy: Das ist Showbusiness. Es gibt 1000 Sachen, die ich natürlich nicht erzähle. Viele Sachen sind auch mit ein wenig Farbe gesprenkelt, da haue ich manchmal Sahne drauf. Es ist eigentlich wie bei Kindern von Ärzten. Wenn Du am Frühstückstisch sitzt und der Vater erzählt von irgendwelchen Fällen, dann werden die Kinder damit groß, für die ist es normal. Unsere werden eben mit Theater, Fernsehen und Talkrunden groß. Bill ist ja in der Lindenstraße.

Michaela Boland: Du hast über einen gewissen Zeitraum auch dort mitgespielt.

Margie Kinsky: Ich war auch kurz drin und unser Sohn Jeremy ebenfalls.

Michaela Boland: Hat er damals nicht den Sohn meiner geschätzten Lollo-Rosso Kollegin, Rebecca Simoneit-Barum alias Iffi-Zenker in der Lindenstraße verkörpert?

Margie Kinsky: Richtig, er spielte den Nico Zenker.

Michaela Boland: Was macht Jeremy heute?

Margie Kinsky: Er besucht derzeit die Ernst Busch Schauspielschule in Berlin.

Michaela Boland: Sind somit zwischenzeitlich alle Kinder außer Haus?

Margie Kinsky: Fast alle. Der 17-Jährige ist im Internat, weil er keinen Bock hatte, allein zu bleiben, was ich sehr gut verstehen kann. Wir müssen zwar sehr viel arbeiten, um uns das erlauben zu können, aber Bill und ich, wir haben beide gesagt, „o.k., go“. Denn es ist natürlich toll. Wir sind jetzt alleine, wir können uns begleiten. Wir haben ja wirklich 30 Jahre lang permanent Kinder und Chaos gehabt und das ist schon nett jetzt. Es liegt nichts herum und es ist alles schön.

Michaela Boland: Fehlt einem das Chaos nicht?

Margie Kinsky: Ja, aber es ist auch so sehr schön. Zwei unserer Jungs sind ohnehin in Köln. Also, das ist  von Bonn aus ein Sprung. Wir sind oft in Berlin. Ich fliege beispielsweise jetzt dort hin, weil Jeremy am Theater Premiere mit Faust hat.

Michaela Boland: Verkörpert Jeremy darin selbst den Dr. Faust?

Margie Kinsky: Ja, er spielt den Faust. Das ist natürlich für Bill total aufregend, weil er ja klassischer Schauspieler ist, während ich nur italienisch bin. Ich sage immer, jeder Italiener ist witzig. Das, was ich hier mache, würde in Italien gar nicht mal so aufregend sein. Ich glaube, da ist jeder so.

Michaela Boland: Innerhalb von 30 Jahren eignet man sich gewiss einen reichhaltigen Erfahrungsschatz in Sachen Familienleben an. Wie verlief der Prozess vom Durchleben der lustigen Begebenheiten bis hin zur Inszenierung der internen Geschehnisse auf der Bühne? Ist es leicht, das umzusetzen?

Margie Kinsky: Es ist gar nicht so schwer, denn Du lachst Dich deshalb so kaputt, weil es stimmt. Es gibt natürlich ganz persönliche Sachen, die Du nicht auf der Bühne erzählst, aber dennoch erkennt sich jede Mutter und sagt sich, „die war doch bei mir zu Hause“. Margie ist wie eine Freundin. Comedy ist: Du gehst, guckst, hörst etwas und sagst, „Hör, mal, das ist so unglaublich, merk Dir das“.

Diese urkomischen Situationen mit Kindern, zu Hause oder mit Freunden sind witzig, weil sie wahr sind. Ich mag beispielsweise keine Comedians, die solche abstrusen Sachen erzählen. Die nehme ich nicht ernst. Wenn ich mir sagen muss, „ das ist doch Quatsch, das hast Du noch nie erlebt“. Ich glaube, das Geheimnis von Margies Rezept ist, dass jeder Junge sagt, „das könnte meine Mutter sein“.

Ich liebe es, wenn die Leute aus der Vorstellung gehen und sagen. „von Anfang an war Margie meine Freundin“. Noch vor dem Einlass stehe ich ja draußen, begrüße mein Publikum und quatsche mit den Menschen. Auch in der Pause bin ich mit ihnen zusammen.  Und dann habe ich sie. Ich kenne sie alle, ich weiß beispielsweise, der Mann der einen Frau ist total sauer, weil er eigentlich heute Abend Fußball gucken wollte.

So etwas kann ich später dann ganz wunderbar in die Show einbringen. All diese kleinen Geschichten sind wie ein Bild mit 1000 kleinen Farbtupfern, das dann zusammengebacken wird. Wir kennen uns und sind alle per Du. Es ist eigentlich ein schöner Abend mit Mädels, denn es ist ein Mädelsprogramm.

Michaela Boland: Aber, wie Du erwähntest, kommen durchaus auch Männer und sind sicherlich willkommen?

Margie Kinksy: Ja und ich bin immer ganz nett zu denen, denn ich hasse diese Emanzen, die ständig sagen, „Männer sind Scheiße“. Männer sind toll und wir brauchen sie.

Michaela Boland: Du hast beschrieben, dass der Inbegriff der perfekten Mutter von Dir als „Almut“ bezeichnet werde. Also jene Mütter, die, egal in welcher Situation, immer perfekt gestylt sind und denen alles immer zu gelingen scheint. So hättest Du, zu Deinem Leidwesen, immer wieder eine solche in Deinem näheren Umfeld gehabt. In einer Ausgabe der Talkshow von Markus Lanz wurdest Du 2012 in diesem Zusammenhang auf Ursula von der Leyen angesprochen. Du bezeichnetest sie als die beste Almut Deutschlands.

Margie Kinsky: Habe ich das gesagt? Ja, die Almuts sind die, die ich nicht mag, die perfekten Mütter. Und sie ist eine. Sie ist total eine perfekte Mutter.

Michaela Boland: Du bist auch gemeinnützig unterwegs, denn Du setzt Dich für benachteiligte Mädchen ein. Was hat es konkret damit auf sich?

Margie Kinsky: Ich setze mich für indische Mädchen ein. Am 22. November 2014 wird es im Rahmen dieses Projekts ein Benefizprogramm in Bochum mit mir geben. Ich habe mir gedacht, „Margie, du hast sechs Jungs und Dir immer eine Tochter gewünscht. Da wäre es doch toll, wenn Du Dich auf diesem Wege Mädels zeigst“.

Das Projekt heißt: CHANCE AUF LEBEN. (Anm. d. Red.: Infos unter www.chanceaufleben.de ) Das mache ich unheimlich gerne, weil für mich der Weg aus der Armut die Bildung und die Kultur sind. Die Mädchen in Indien gelten ja leider gar nichts. Viele werden abgetrieben oder weggeschmissen. Kaum sind sie geboren, landen sie auf der Müllkippe.

Michaela Boland: Die vielen brutalen Vergewaltigungen in Indien sind darüber hinaus beängstigend.

Margie Kinsky: Die Vergewaltigungen sind ganz schlimm. Daher ist dieses Projekt eine tolle Geschichte. Sie machen es wirklich klasse und mich hat besonders fasziniert, dass sie den Familien der Mädchen einen Obolus entrichten, doch sie erhalten das Geld tatsächlich nur dann, wenn sie das Mädchen in die Schule schicken, was wir dann wieder finanzieren. Nur damit hältst Du sie, denn sonst kassieren sie das Geld und die darf nicht in die Schule. Daher finde ich das Konzept so pfiffig, es hat mir wirklich ganz toll gefallen.

Michaela Boland: Dein Beitrag besteht dann quasi darin, dass Du umsonst auftrittst?

Margie Kinsky: Ja, ich trete umsonst auf, werde meine Bücher signieren und in Bochum diesen einen Abend machen. Ich hoffe, dass es picke packe voll wird.

Michaela Boland: In welcher Location findet die Veranstaltung statt?

Margie Kinsky: Am Bermuda Dreieck im RIFF ( www.riff-bochum.de ).

Michaela Boland: Die AsA e.V. (Ausbildung statt Abschiebung) in Bonn ist ein weiteres Projekt von Dir. Dort warst Du sogar Schirmherrin.

Margie Kinsky: Ja, das habe ich auch  ein Jahr lang gemacht. Damit habe ich jetzt aber aufgehört, das ist nun vorbei.

Michaela Boland: Du hast geschildert, viele Jahre Impro-Theater gemacht zu haben. Wann hast Du beschlossen, nun mal  ganz allein Dein eigenes Ding auf der Bühne zu versuchen?

Margie Kinsky: Ich sage Dir ganz ehrlich, ich wollte das nicht. Du bist bei der Springmaus so verdammt gut aufgehoben. Da ist ein Büro, Du kriegst Deinen Tourplan, Du hast ein Auto unterm Arsch, es wird Dir bezahlt. Auch wirst Du pro Vorstellung bezahlt, egal, ob sie voll ist oder nicht. A very cushy comfi Job. Der Bill, der der Chef von der Springmaus ist, konnte mich auch nie loslassen und ich habe nie die Kurve gekriegt, um zu gehen.

Dann gab es zwei Sachen: Erst mal hat Bill immer gesagt, „So, jetzt mach mal alleine, Du hast das Zeug dazu“. Ich sagte aber immer nein. Dann müsste ich ja alleine hinfahren. Wir fahren bei der Springmaus immer zu viert, wir haben einen Techniker, da passiert Dir nichts. Du hast ein Mikro, das funktioniert. Du kommst da hin, da steht schon Dein Kaffee und Deine Brötchen, Du spielst Dein Ding.

Außerdem bist Du mit Deinen vier Kollegen da, wenn du also mal einen schlechten Tag hast, wirst Du beim Impro aufgefangen. Das ist so geil. Aber Bill ließ nicht locker und sagte immer wieder, „Margie, du kannst das“. Und mein leider bereits verstorbener Bruder, hat irgendwann zu mir gesagt, „ geh und mach das, bevor irgendjemand auf die Idee kommt, dass Du schon zu alt bist oder dass irgendein Doofkopp sagt,  das ist ja die Frau von dem und dem“.

Das hat mich wiederum so richtig gepitcht. Auch hätte mir das wirklich wehgetan, wenn die Leute sagen würden, „Kinsky, tschüss, Du hast einfach nichts“. Eine Freundin von mir sagte dann noch während eines Spaziergangs, „Wenn Du das nicht tust, Margie, wirst Du auch nicht wissen, ob Du es kannst“. Das ist ein Satz, den ich allen Frauen und Mädels empfehle.

Michaela Boland: Der richtige Motivations-Satz?

Margie Kinsky: Absolut. Der motiviert. Bill sagte stets, wenn das Scheiße werde, dann ließen wir das verschwinden. Das merke kein Schwein. Du spielst das ein paar Mal und wenn das nichts ist, lassen wir es weg, dann war es das und Du genießt Dein Leben. Ich habe dann Blut geleckt und es ist eine solche Challenge, so eine tolle Geschichte. Zu sehen, dass ich, Margie, 400 Leute ganz allein rocken kann. Genauso wie damals mit Springmaus.

Michaela Boland: Woher beziehst Du Deine Power?

Margie Kinsky: Die Leute geben sie mir. Die freuen sich und ich habe immer diese Frauen, die kommen und mir sagen, „Sie sind so toll und nett, kann ich Sie mal in den Arm nehmen und ein Foto machen“, und das ist so geil.

Michaela Boland: Wann genau hast Du solo begonnen?

Margie Kinsky: Das hat vor drei oder vier Jahren angefangen.

Michaela Boland: Hast Du extra Deinen Nachnamen „Kinsky“ beibehalten?

Margie Kinsky: Ja, denn es gibt so viele Mockridges. Für die Bühne gibt es ja den Bill Mockridge, den Luke Mockridge, Jeremy Mockridge, Nick Mockridge ist Regisseur in Berlin. Da habe ich gesagt, „weißt du was, I am the Mama, my name is Kinsky“. Ich heiße ja eigentlich Maria Grazia Alice Eleonora Kinsky.

Michaela Boland: Hast Du denn zumindest als Ehenamen „Mockridge“ angenommen?

Margie Kinsky: Ich heiße Kinsky-Mockridge.

Michaela Boland: Was erwartet Dein Publikum nun konkret im aktuellen Erdbeerpudding-Programm?

Margie Kinsky: Dieses Programm ist eine Stufe höher als „Kinsky legt los“. „Kinsky legt los“ war der erste Versuch und war wunderbar mit den Kindern, den tätowierten Freundinnen und sehr viel Schule, Laternen basteln und so weiter. Das hier ist nun noch eine Ecke persönlicher. Es ist sehr viel Margie und es ist nochmal die Bitte an alle, „Enjoy your life“.

Das Leben ist eine Achterbahn und Du allein entscheidest, wie die Fahrt ist. Du kannst entweder runter fahren und vor Angst und nicht vorhandener Lust sagen, „Nein, nein, nein“ und das alles nicht genießen. Oder Du fährst, genießt die Phasen und sagst einfach „ja“ zum Leben. Und der Lenny Mockridge, unser vierter Sohn, der Musik studiert hat, hat mir am Ende ein tolles Lied geschrieben: „Everybody says yes, yes“. Genieße also die Fahrt in der Achterbahn und sage „ja“, denn damit fährt es sich am besten.

Michaela Boland: Welchen Motivations-Tipp gibst Du denen, die sich bei der Achterbahnfahrt gerade steil nach unten bewegen und nach Luft ringen, um überhaupt noch  etwas sagen zu können?

Margie Kinsky: Das ist ganz einfach. Ich habe mit der Springmaus durch Zufall mal eine Vorstellung in Rom gespielt, genau an dem Abend des Tages, an dem mein Bruder gestorben ist. Das war in 30 Jahren zuvor noch nie passiert. Eine deutsche Versicherung hatte die ganzen Leute, die da gewonnen hatten, nach Rom gefahren.

Als wir dann da waren, ist morgens mein Bruder gestorben und am Abend hatte ich die Vorstellung. Weißt Du, das ist Dein Job. Die Leute haben bezahlt, die Leute wollen sich amüsieren und sie haben mit Deiner Geschichte nichts zu tun. Dann stellst Du so einen Schalter um und sagst Dir, „ o.k. die nächsten zwei Stunden wird das durchgezogen“, denn alles andere bringt ja nichts.

Ich kann da hinten stehen und sagen, „nein, nein, nein“, oder ich kann mich in den Wagen setzen, runterfahren und sagen „ja“. Ich hatte, Gott sei Dank, nie böse Schicksalsgeschichten. Ich hoffe, dass wir auch alle 100 werden und gesund bleiben. Ich bin nämlich sehr schissig.

Michaela Boland: Du wirkst keineswegs so.

Margie Kinsky: Doch, total. Aber ich versuche, die Hindernisse so zu nehmen, wie sie kommen. Es nützt nichts zu sagen, „Huah, da ist was“, sondern, „reg Dich doch erst auf, wenn Du da bist“. Das ist zwar sehr schwer und ich kann das schlecht, aber, ich probiere es.

Michaela Boland: Ein gläubiger Mensch bist Du ja, aber glaubst du denn auch an Vorhersehung?

Margie Kinsky: Ich bin sehr gläubig, aber an Vorhersehung glaube ich nicht. Ich habe in meinem Programm eine ganze Nummer über Wahrsagerinnen, Horoskope und Aberglauben. Ich will es nicht glauben, denn ich möchte nicht wissen, wenn die sagt, „übermorgen fällst Du tot um“.

Dann würde ich in Panik verfallen und denken, „Scheiße, was mache ich jetzt die zwei Tage“. Ich nehme all dies von der witzigen Seite. So hat meine Mutter beispielsweise, genau wie die Oma, immer gesagt, „Vorsicht, wenn Du Kirschen isst, darfst du nichts trinken, sonst wächst Dir da ein Baum im Bauch“.

Michaela Boland: Wie könnte man Deine Art von Kabarett genau bezeichnen?

Margie Kinsky: Es ist auf keinen Fall politisch. Es ist ein Gute-Laune-Programm. Es macht happy. Genau das möchte ich auch. Die Leute sollen nach Hause gehen und sagen, „Das war so ein lustiger Abend“. Wenn jemand einen Kack-Tag hatte, das Kind eine Fünf nach Hause gebracht hat, man gegen ein Auto geknallt ist, zu Hause Berge von Wäsche liegen, die nicht geschafft wurden und es aussieht wie Hulle, aber man nach der Vorstellung sagt, „ ich war bei Margie und es ist alles vergessen“ fände ich das toll. Das ist das Ziel und ich glaube, das gelingt, denn die Mädels kommen da raus und strahlen.

Michaela Boland: Bist Du eigentlich eitel oder uneitel?

Margie Kinsky: Ich bin nicht sehr eitel.

Michaela Boland: Deine Haare hattest du vor einiger Zeit noch gefärbt, jetzt fällt auf, dass Du nicht mehr färbst.

Margie Kinsky:  Ich bin jetzt seit einem Jahr grau. Wir waren im Sommer letzten Jahres in Kanada. Da sind wir immer sechs Wochen und da habe ich gesagt, „nein, ich habe jetzt keinen Bock mehr aufs Färben. Immer dieser Ansatz“. Dann habe ich es einfach gelassen und so ein kanadischer Holzfäller sagte, „o, you look so nice“. Da antwortete ich, „I`ll keep it“. Ich stehe dazu und fertig.

Michaela Boland: Inhaltlich hängt die Haarfarbe also nicht mit Deinem Programm zusammen? In sämtlichen Talkshows der jüngeren Vergangenheit sieht man Dich ja noch dunkelhaarig.

Margie Kinsky: Nein, es war eine ganz klare Entscheidung. Ich habe keinen Bock mehr auf dieses Gefärbe. Genauso wenig wie auf total nervige Diäten oder auf Falten.

Michaela Boland. Diäten hast Du wohl kaum nötig. Du bist ja rank und schlank.

Margie Kinsky: Ja, aber ich passe wahnsinnig auf. Ich versuche es zumindest. Aber dieses ganzen Weight Watchers und das darf man nicht und das nicht, das ist schlimm. Ich versuche daher einfach FDHD: Friss die Hälfte dauerhaft. (lacht).

Michaela Boland: Liebe Margie, herzlichen Dank für dieses Gespräch. Für die Zukunft alles erdenklich Gute für Dich und Deine sieben Männer und noch viele weitere tolle Programme.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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30.07.2014 Album "First Light"

GFDK - Uwe Kerkau Promotion

Andrew McCormack ist ein Komponist und Pianist im Vollbesitz seines kreativen Schaffens. Der 1978 in Großbritannien geborene McCormack lebt in New York. Mit Talent und Können hat er sich einen exzellenten Ruf erarbeitet und verdient einen Platz unter 'Britain's Hottest'.

2007 stürmte McCormack die Musikszene mit dem Debüt-Album Telescope, einer gelungenen Aufnahme, auf der sich seine ihm typischen fließenden Melodien mit einem kraftvoll rhythmischen Puls verbinden.

McCormack umrundet seitdem die Welt als Bandleader seines Trios und im Duett mit Saxophonist Jason Yarde. Zusammen haben die beiden das Album My Duo (2010) und Places and Other Spaces (2011) heraus gebracht.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

McCormack unterstützt viele heimische Talente und war die treibende Kraft hinter den Leuten wie Kyle Eastwood, Eric Alexander, Denys Baptiste und Jean Toussaint.

Geschickt entwickelt und verfeinert McCormack seinen originellen kompositorischen Ansatz und seine traditionelle Performance. McCormacks britischer Stil fesselt das Publikum, indem er die Sehnsucht nach ausdrucksvoller, gefühlsgeladener Ästhetik stillt. Der Umzug nach New York beflügelt den Swing und das dynamische Zusammenspiel  seines beeindruckenden Live-Sounds.

Das Resultat bislang ist ein Pianist und ein Komponist, der den ‚karriere-entscheidenden‘ Schritt auf die internationale Bühne wagt. Einer, der sich vom ‚Rising Star‘ der britischen Szene zu einem ernst zu nehmenden  Künstler weiterentwickelt hat, mit einem ‚festen Zuhause‘ bei Edition Records, neuem Management, großartigen Pressereaktionen und seinem neuen Trio-Album First Light, das mit den beiden New Yorkern Zack Lober am Bass und Schlagzeuger Colin Stanahan aufgenommen wurde.

Am 10. Juli 2014 war die Erstaufführung des Albums in Londons Pizza Express. Im zweiten Set trat McCormack mit dem außerordentlich talentierten finnischen Trompeter und Komponist Verneri Pohjola auf, einem neuen Edition Records Künstler. Der 36 jährige aus Helsinki steht seit wenigen Jahren im internationalen Rampenlicht und entwickelt sich zu einem Star in der Jazz Szene. Den Respekt der Kritiker hat sich Pohjola mit seinen beiden letzten Veröffentlichungen bei dem deutschen Label ACT verdient. Pohjolas neues Album erscheint Anfang 2015 bei Edition Records. An seiner Seite, der Pianist Aki Rissanen, der Bassist Antti Lötjönen und Teppo Mäkynen am Schlagzeug.

 

 

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D-51491 Overath
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15.07.2014 exklusivinterview mit michaela boland

GFDK - Michaela Boland

21 Jahre, unfassbar tiefe Stimme, blonde Strubbelmähne und treuer Blick aus blauen Augen. All dies kombiniert mit einem sportlich durchtrainierten Körper im lässigen Jeans-Tanktop-Lederjacken-Look erklärt vermutlich schnell, aus welchem Grund auch BRAVO-Leser jetzt den Blues für sich entdecken.

Der Deutsch-Däne Jesper Munk verzaubert derzeit landesweit mit berührenden Eigenkompositionen, die hin und wieder an sein Idol Amy Winehouse erinnern. "For in my way it lies" lautet der Titel seines aktuellen Albums in Anlehnung an ein Zitat aus Shakespeare`s Macbeth. Eine Lektüre, die der in München beheimatete Soul-Musiker leider nie zu Ende las.

Grund: Für gemeinsame Jam-Sessions schwänzte er mit seinen Freunden gerne mal den Unterricht. Durchaus zu seinem Glück, denn der Sohn einer dänischen Mode-Direktrice und eines bayerischen Musikers musste währenddessen einmal derartig laut werden, dass seine bisher glockenklare Chorstimme brach, einen Sprung machte und "auf einmal total dreckig klang". Jetzt verschafft er sich Gehör, denn dieses besondere Timbre in der noch jungen Stimme prägt sich unverzüglich ein.

Während seiner ELECTRIC SHOW Tour 2014 durch Deutschland treffe ich den belesenen Newcomer und begeisterten Tom Waits-Fan. Dass in erster Linie Gefühl seine Musik prägt, wird schnell ersichtlich, wenn man mit dem natürlich-sensiblen und sympathisch zurückgenommenen, klugen Jesper ins Gespräch kommt. Von sich hören machen wird diese Neuentdeckung gewiss noch häufig, denn sie ist uneitel, frisch, markant und gut.

 

Michaela Boland: Hast du Macbeth in der Zwischenzeit nochmal gelesen?

Jesper Munk: Nein, habe ich immer noch nicht. Leider bin ich nicht dazu gekommen.

Michaela Boland: Hast du damals im Gymnasium keine Klausur über diesen Klassiker schreiben müssen?

Jesper Munk: Doch, klar.

Michaela Boland: Wie ist sie gelaufen, wenn du den Stoff nicht gelesen hast?

Jesper Munk: Ganz schlecht natürlich.

Michaela Boland: Ist es denn noch in Planung, das Stück irgendwann zu verinnerlichen oder schon ad acta gelegt?

Jesper Munk: Ich will es unbedingt mal lesen. Ich will überhaupt mehr von Shakespeare lesen, denn das darf man nicht auslassen. Auf keinen Fall. Leider bin ich gerade einfach zu inkonsequent. Zurzeit lese ich nämlich in einer Tom Waits-Biografie, die ich von einem guten Freund geschenkt bekommen habe. Ansonsten beschäftige ich mich in literarischer Hinsicht augenblicklich hauptsächlich mit Lyrics.

Michaela Boland: Der klassische Blues leitet sich von "I`ve got the Blues" ab. Dies heißt ja so viel wie, `ich bin traurig`. Bist oder warst du häufig traurig?

Jesper Munk: Ich würde zwar sagen, dass ich eigentlich schon ein sonniges Gemüt habe, allerdings staut sich natürlich hin und wieder mal etwas an. Denn, nicht immer läuft alles super rund. Wenn sich dann etwas anstaut und man keine Lust hat, diese Dinge so rauszulassen oder gar gegenüber jemandem direkt zu äußern, dann braucht man ein Ventil. Für manche ist das Sport, für andere ist es etwas anderes und für mich ist es eben die Musik.

Michaela Boland: Von deiner attraktiven Optik her könntest du ohne weiteres als eine Art Justin Bieber durchgehen. Nun steht er mit Pop für eine gänzlich andere Musikrichtung als du. Wäre Pop etwas, das du grundsätzlich ablehnen würdest?

Jesper Munk: Schrecklich. Das lehne ich zu hundert Prozent ab.

Michaela Boland: Im Bereich Blues würde man eher reifere Semester vermuten. Wie hast du als heute erst 21-Jähriger diese Musikrichtung schon vor Jahren für dich entdeckt?

Jesper Munk: Ich habe angefangen in einer Band namens Lila`s Riot Bass zu spielen. Mein Band-Kollege, Clemens, war damals auch schon dabei und hat Drums gespielt. Ich selbst konnte überhaupt keinen Bass spielen und viele unserer Musiker konnten ebenso wenig spielen. Also, haben wir uns darauf geeinigt, dass wir zwar wenig, aber dafür ausdrucksstark spielen. So sind wir bei den Sixties gelandet. Wenn man sich dann diese Songs anhört und weiß, dass das alles auf den Blues zurückgeht, fängt man an, sich dafür zu interessieren und sich hinein zu hören. Ebenfalls in die 1920, -30er und -40er Jahre. Und so bin ich auf den Blues gekommen.

Michaela Boland: Der Blues, der in seiner Entstehung Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts anzusiedeln ist, soll häufig in zwölf Takten und einer Melodie, die von drei Akkorden begleitet wird, auftreten. Hältst du dich womöglich auch streng an solche Formen?

Jesper Munk: Nein. Bei uns sind es nicht immer nur 12 Takte und drei Grundharmonien (lacht). Blues ist natürlich harmonisch simpel gedacht. Und das ist ja auch das Schöne daran, dass es einfach und ausdrucksstark ist. Das wenige, das du spielst, musst du mit dem maximalen Gefühl spielen. Das ist auch, was mich bis heute dabei gelassen hat.

Michaela Boland: Redakteure des Bayerischen Rundfunks sollen dich auf der Straße entdeckt haben. Klingt beinahe so wie vom Tellerwäscher zum Millionär. Wie ging das vonstatten?

Jesper Munk: Ralf Sommer hat mich auf der Straße spielen sehen und mich ins schöne Studio 12 beim BR eingeladen und das war in der Tat der erste Radiotermin.

Michaela Boland: Du hast mit 15 Jahren verhältnismäßig spät angefangen, Gitarre zu erlernen. Wie lange hat es gedauert, bis du dein Spiel perfektionieren konntest?

Jesper Munk: Ich habe mit 16 Jahren angefangen Bass zu spielen und eigentlich erst mit 17 ein halb begonnen, Gitarre zu spielen. Allerdings lernt man stetig weiter. Pro Gig und pro Session geht es immer weiter voran. Auf dem Stand, auf dem ich jetzt bin, war ich noch nie. Wenn man es richtig angeht, wird sich das wohl auch nie ändern.

Michaela Boland: Hast du dir auch die Anfänge autodidaktisch angeeignet, hast du jemals eine Musikschule besucht oder dir einfach viel bei deinem Vater, der ja ebenfalls Musiker ist, abgeguckt?

Jesper Munk: Ich habe viel mitbekommen, mir viele Konzerte angeschaut als ich noch jünger war. Da guckt man sich natürlich alles Mögliche ab und ansonsten bin ich ein Autodidakt.

Michaela Boland: In Interviews hast du häufig den Moment beschrieben, wie dir einst beim gemeinsamen jammen während des kollektiven Schule Schwänzens, urplötzlich die Stimme gebrochen sei, als du recht laut gesungen hast. So soll dir laut eigenen Angaben erstmalig bewusst geworden sein, wozu du mit deiner Stimme im Stande bist. Denkst du, ohne diesen Vorfall hätte sich alles so entwickelt wie es sich nun entwickelt hat?

Jesper Munk: Nun, ja. Hätte, würde, könnte. Keine Ahnung. Definitiv war meine Stimme in irgendeinem anderen, was-auch-immer-Teil, von mir versteckt. Und auf diese Weise kam sie eben dann heraus. Mir war zuvor nicht bewusst, dass ich meine Stimme in der Art benutzen kann.

Michaela Boland: Manche deiner Lieder erinnern in ihrer gesanglichen Umsetzung stark an Amy Winehouse. Bist du ein Fan von ihr?

Jesper Munk: Ja, total. Amy war einfach großartig.

Michaela Boland: Du hast in München Abitur gemacht und ganz brav erst danach deine Solokarriere gestartet. Wie dezidiert lässt sich so etwas eigentlich im Vorfeld vorausplanen?

Jesper Munk: Wir hatten dieses Studio-Closing im BR und das hat einfach immer mehr Aufmerksamkeit nach sich gezogen. Konzerte haben wir allerdings schon gespielt als ich noch in der Schule war. Ich habe im Juni Abi gemacht und im Januar hatten wir sogar schon Konzerte, die ausverkauft waren. Ich hatte da auch Bock drauf und wusste schon länger, dass ich das machen will. Mit viel Hilfe meines Vaters konnte ich dann sogar nach dem Abi mein erstes Album aufnehmen.

Michaela Boland: Hätte es insoweit überhaupt eine berufliche Alternative für dich gegeben oder hast du womöglich so etwas wie einen Plan B?

Jesper Munk: Die Alternative wäre Gitarrenbauer.

Michaela Boland: Einen Korpus-gewölbten Bau würdest also vermutlich hinbekommen?

Jesper Munk: Vielleicht verbirgt sich auch nur die charmante Idee dahinter, denn ich weiß natürlich, dass das eine Wahnsinns-Arbeit und viel Gefitzele ist. Dennoch wäre das auf jeden Fall etwas, was auf diesem Plan stehen würde.

Michaela Boland: Deine Texte definierst du häufig als Gefühls-Mosaik. Was ist konkret damit gemeint?

Jesper Munk: Du fährst irgendwo hin und du schreibst hier und da mal etwas auf. Du hast eben immer dein kleines schwarzes Lederbüchlein dabei. Und dann landet halt zwischendurch auch schon mal so richtig viel Schwachsinn darin. Manche Songs entstehen in einem Rutsch und andere werden über Wochen mit mir herumgetragen und dann irgendwann zusammengefügt. So entstehen dann diese Gefühls-Mosaike.

Michaela Boland: Wie gehst du üblicherweise beim Songschreiben vor?

Jesper Munk: Gar nicht. Erzwingen kann ich es nicht. Ich kann mich nicht drei Stunden hinsetzten und irgendetwas aufs Blatt zwingen. Aber, ich bewundere Leute, die das einfach so können. Das funktioniert bei mir nicht oder zumindest noch nicht. Bei mir muss das einfach kommen. Und da muss der richtige Moment da sein und ein Stift und ein Blatt.

Michaela Boland: Es soll da eine Liebesgeschichte gegeben haben, durch die dein Song 7th Street entstanden sein soll, den du ja in New York geschrieben hast. Was hat es damit auf sich?

Jesper Munk: Schwamm drüber! Bloß nicht so viel Aufmerksamkeit darauf richten! Da ist etwas schief gelaufen und ich bin trotzdem hingefahren und dann bin ich wieder zurück, hatte aber zumindest einen neuen Song und eine neue Gitarre auf dem Weg nach Hause im Gepäck. Das ist die Kurzversion der Geschichte.

Michaela Boland: Bist du denn gerade liiert?

Jesper Munk: Das kann ich natürlich nicht sagen. (Anm. d. Red.: Grinst verschwörerisch).

Michaela Boland: Geheimnisvoll und der Spekulation Tür und Tor öffnend.

Jesper Munk: (lacht)

Michaela Boland: Die BRAVO hat sich ebenfalls bereits für dich interessiert. Ist das etwas, das dich freut oder ist dir das eher gleichgültig, nachdem das Traditionsjugendmagazin ja klassischerweise eher über die Justin Biebers dieser Welt berichtet?

Jesper Munk: Bewusst sind wir das nie mit einem Promo-Plan angegangen, da wir ja Blues machen. Ich finde es natürlich schön, dass da jemand drin saß, der cool fand, was ich mache.

Michaela Boland: Das ZDF beschrieb dich im Rahmen eines Fernsehauftritts als "Deutschlands gehypten Blues-Act". Kannst du mit solchen Attributen etwas anfangen?

Jesper Munk: Die Formulierungen sind ja in dem Sinne nicht für mich, denn ich muss ja nichts damit anfangen. Ich finde es natürlich nett, wenn man diese Art von Aufmerksamkeit bekommt und ein Feedback, das positiv ist. Aber ich in erster Linie, weiß nicht, was ich damit anfangen sollte.

Michaela Boland: Dein Vater, Rainer Germann, ist ebenfalls Musiker und einigen bekannt durch seine Band, Cat Sun Flower, die unter anderem schon als Vorgruppe von Oasis auftrat. Mittlerweile ist er dein Berater, Bassist und Co-Produzent. Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit in der Familie?

Jesper Munk: Sehr gut. Seitdem das mit der Musik abgeht, ist natürlich diese ganze standardmäßige Vater-Sohn- warum-gehst-du-nicht-in die Schule-was-soll-das-mach-was-G´scheits-Problematik hinfällig. Wir machen einfach miteinander Musik und so wie man zusammen Musik macht, genau so läuft es.

Michaela Boland: Hast du noch Geschwister oder bist du Einzelkind?

Jesper Munk: Ich bin Einzelkind.

Michaela Boland: Deine Mutter, Helle Munk, soll in der Modebranche arbeiten. Ist sie dort ebenfalls im kreativen Bereich tätig?

Jesper Munk: Meine Mutter hat digitale Schnitt-Direktrice erlernt und arbeitet heute als Schnittbildlegerin beim Modeunternehmen Rena Lange. Sie berechnet quasi diese Schnitte am Computer und danach wird dann der Stoff eingekauft.

Michaela Boland: Bist du auch schon einmal in Dänemark aufgetreten?

Jesper Munk: Nein, noch nie.

Michaela Boland: Du firmierst als Deutsch-Däne, bist allerdings in München aufgewachsen. Wie sieht es denn da mit deiner Staatsbürgerschaft aus?

Jesper Munk: Ich habe einen dänischen Pass.

Michaela Boland: Doppelte Staatsbürgerschaft?

Jesper Munk: Nein, ich habe nur einen dänischen Pass.

Michaela Boland: Sprichst du denn Dänisch?

Jesper Munk: Nur ein paar Schimpfwörter. (lacht)

Michaela Boland: Du trägst den Nachnamen deiner Mutter. Hast du ihn dir als Künstlernamen angeeignet?

Jesper Munk: Nein, ich heiße so. Das steht auch so im Pass. Meine Eltern sind gar nicht verheiratet. Ich bin ein Bastard. (lacht). Ich lass mich jetzt ohnehin von Clemens adoptieren, damit ich einen Grafen-Titel bekomme. (lacht). Jesper Graf Finck von Finckenstein, hieße ich dann. (lacht)

Michaela Boland: Ihr seid derzeit auf Tour. Wie verläuft denn das Tourleben so?

Jesper Munk: Der Begriff Bettruhe ist zumindest dehnbar. Wir waren jetzt im Kölner Bruegel, da war eine Jam-Session, da habe ich noch zwei Songs gespielt.

Michaela Boland: Dein Weg führte über die sogenannten Fish`n Blues Veranstaltungen, ein Event, das in München stattfindet. Hattest du dort natürlicherweise Heimvorteil? Oder wie leicht ist es grundsätzlich, dort Bestandteil zu werden?

Jesper Munk: Das waren für mich die ersten Male, dass ich überhaupt live gespielt habe. Zu Beginn hatte ich gerade mal zwei Songs, doch das Publikum dort ist sehr nett. Da hast du beispielsweise deinen harten Kern, der immer kommt, dann natürlich auch Menschen, die neu dazu kommen, zeitgleich auch ein sehr wechselndes, flexibles Publikum, das aber natürlich auch während des Essens gerne mal quatscht. So etwas ist natürlich sehr gut um Songs auszuprobieren. Denn wenn sie dann endlich mal ruhig sind, dann hast du es irgendwie geschafft.

Michaela Boland: Bist du denn vor Auftritten nach derartig viel Live-Bühnenerfahrung zwischenzeitlich überhaupt noch aufgeregt?

Jesper Munk: Ich bin auf der Bühne aufgeregt. Den ganzen Gig lang. Das ist dieses Hin- und-Hergeben von Musik zwischen Künstler auf der Bühne und Publikum. Ja, das regt einen auf (lacht).

Michaela Boland: Für wen schreibst du deine Songs in erster Linie?

Jesper Munk: Darauf gibt es eigentlich gar keine Antwort. Teilweise für mich, aber eigentlich hauptsächlich für den Clemens. In erster Linie immer für den Drummer (lacht).

Michaela Boland: Hast du selbst auf deinem aktuellen Album ein Lieblingsstück?

Jesper Munk: Nein.

Michaela Boland: Das nächste Album ist in Arbeit?

Jesper Munk: Ja, es ist in Arbeit und die Fertigstellung ist für Anfang 2015 anberaumt. Das ist zwar noch nicht offiziell, aber, man kann sich darauf einstellen.

Michaela Boland: Bleibt dir neben der Musik eigentlich noch Zeit für andere Hobbys?

Jesper Munk: Was Sport anbelangt, so schaut man halt, wenn man auf Tour ist, dass man so halbwegs in Form bleibt. Wenigstens nach dem Aufstehen erst mal so ein paar Liegestütz machen. Ansonsten trinke ich gerne und spiele Billard und Darts. Manchmal auch Kino. Wobei ich eigentlich am liebsten zu Hause Filme schaue. Der letzte richtig geile Film, den ich gesehen habe war, "Limits of Control". Am Ende kommt Bill Murray darin vor.

Michaela Boland: Zur Zeit liest du, wie du sagtest, ja die Biografie von Tom Waits, den du sehr verehrst. Was ist für dich das Besondere an ihm?

Jesper Munk: Der Mensch hat sich in seiner eigenen Musikrichtung gehalten. Durch eine Eigenart und sein Durchhaltevermögen. Auch hat er eine wahnsinnige, unbeschreibliche künstlerische Identität. Er ist dabei geblieben und ist darin auch noch nach wie vor einzigartig.

Michaela Boland: Bist du Fußball-interessiert?

Jesper Munk: Nein, Fußball nicht so. Aber, ist ja auch langweilig. Bayern gewinnt ja die ganze Zeit. (lacht)

Michaela Boland: Wie sieht es mit bildender Kunst aus?

Jesper Munk: Nur ganz laienhaft. Ich kann mir etwas ansehen und sagen, es gefällt mir aus dem und dem Grund. Aber ich kann jetzt nicht aus einem geschichtlich fundierten Wissen schöpfen. Ich genieße aber Fotografien und Bilder.

Michaela Boland: Engagierst du dich für irgendetwas?

Jesper Munk: Bisher noch nicht, weil ich einfach noch nicht genug darüber weiß. Das wird sich höchstwahrscheinlich ändern, sobald ich die Zeit habe, mich damit auseinanderzusetzen. Und politisch engagiere ich mich zur Zeit nicht aktiv.

Michaela Boland: Lieber Jesper, vielen Dank für dieses ausführliche Interview und alles Gute weiterhin für deine Karriere.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

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