Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

11.02.2018 Beeindruckend und aufregend

GFDK - Portrait des Monats - Gottfried Böhmer

Catrine Vals künstlerische Position entwickelt sich aus einer bedingungslosen Neugierde am Diskurs im Umgang mit Kommunikationsmedien und den damit einhergehenden Hinterfragung einer medienkulturellen Identität, die sich ihrer sozialen, politischen, ästhetischen und ethischen Eingebundenheiten bewusst ist. 

Der Schwerpunkt ihrer Arbeiten liegt in der Videokunst, wie in der konzeptuellen inszenierten Fotoarbeit. Thematisch stellen sie sensible, gesellschaftliche Beobachtungen an, die oft zum Environment inszeniert, das Verhältnis der Betrachter zum Videobild, untereinander gestalten.

Im Vordergrund trat in den letzten Arbeiten wie  „Ich bin ein Anderes oder der hybriden Installation von „YouPrompt die produktive Gestaltung des Spannungsfeldes von virtuellen und realen Beiträgen im Experiment.

Im Kern bezogen sich die Installationen auf das ständig wachsende und auf YouTube abgelegte Videomaterial, in seiner ambivalenten und zuweilen belanglos erscheinenden Vieldeutigkeit. Aus den vorangegangenen Ansätzen und der bisherigen Arbeit entwickelt sie gerade das Konzept SHEPARL.

Gegenstand  der Hinterfragung wird auch hier die gesellschaftliche Funktion von Medien und deren kulturelle Bedeutung. Das Projekt SHEPARL überträgt die neuen partizipatorischen Kulturen, die sich im Internet entwickelt haben, auf politische Prozesse und untersucht, welche Rolle moderne Kommunikationsmedien im politischen Diskurs der Zukunft spielen können.

Kann man eine Verwirklichung der medienkulturellen Identität, die sich ihrer sozialen, politischen, ästhetischen und ethischen Eingebundenheiten bewusst ist, alleine nur durch das Nachahmen erzeugen? Doch ihr Hauptfokus liegt gerade  bei der Fortsetzung der inszenierten Modefotographie unter dem Titel „ WAYS OF ESCAPE“ mit aus Modekampagnen bekannten Haltungen und Posen in der Vervielfältigung einer einzigen Person.

Zum Thema:

Unsere Zeit wird von einer Welle des Narzissmus und einem Kult der Selbstdarstellung heimgesucht. Bezogen auf den Prozess des Sich-Selbst-Seins thematisiert der neue Fotozyklus von Catrine Val den Blick auf Fiktion zwischen Individuation und Sozialisation, zwischen Emotion und Kognition.

In diesem Sinne entspricht Catrine Val genau dieser Definition. In den neuen Fotoarbeiten WAYS OF ESCAPE! schlüpft Catrine Val in jedes einzelne Model. Aus den Schablonen des Jugendcodexes heraus konfrontiert sie den Betrachter

mit ihren körperlichen Abweichungen. Bei den Hochglanzaufnahmen handelt es sich wie bei dem vorangegangenen Fotozyklus „BIG BANG“ um ein Re-enactment in jeder Hinsicht. Das Modell als abstrakte Idee ist nicht mehr als eine Form.

Die Mode vom Sockel stürzen

Das Triptychon INGENIEUR thematisiert in ihrem Medium der Fotografie das Diktat des Flüchtigen in scheinbar, leeren dem Menschen übergeordneten, codierten Räumen. Die Aura der Mode ordnet sich in ihrer unterschiedliche Funktionalität und Ästhetik  zugunsten des Unheimlichen, unter.

Die zitierten Kleidungsstücke: der erotisierende Bikini, das wallend aufgeladene Chiffonkleid und die Konzeptualität eines Martin Margilia, dienen lediglich als Orientierungshilfe.

Die Isolation der Figuren von INGENIEUR steigert sich durch die graphische Dominanz in ihrer räumlichen Erinnerungen, in eine Verlorenheit, die als Schmerz empfunden werden kann. Voran marschieren, angetrieben von ihrer klassischen Stärke: der Körperlichkeit.

Der Blick des Zuschauers ist der des Exerzierens eines Objektes, als Lehrgegenstand. Die skulpturale oberflächliche Maskerade spricht gegen die Individualität und zerstört in ihren Formen und Kleiderhüllen, die Illusion von der andauernden Jugend.

eide Geschlechter agieren. Der weibliche Körper als männliche Statue mit dem Gewicht

Attitüden und Posen

Das  moderne Leben hat sich von der Echtheit und Solidität weit entfernt. Mit der Gewissheit, das man tut, was die anderen tun, weil die Mode sich ohnehin ändert.

Das Konzept der Fotoarbeit ICH UND ES sieht erneut eine Gratwanderung entlang Irritation, Persiflage und Verletzbarkeit vor und bedient sich dabei einer Vorlage von Gianni Versace, in der besetzung einer gleichzeitig von ihr imitierenden Claudia Schiffer.

TEAM:

Fotograf: Jan Friese

Fashion & Styling: Ekachai Eksaroj

Hair& Makeup: Rebecca Keim

Postproduction: Jens Greber 

inszenierte Wirklichkeit

Mit der Erweiterung unserer zwischenmenschlichen Kommunikation durch die verschiedenen Dienste des Internets wächst die Bedeutung virtueller sozialer Netzwerke. Das Tempo, in dem man sich über Grenzen, und Zeitzonen hinweg bewegt, ist rasantund steigt beständig.

In der großformatigen Farbphotographie TREAP entwickelt Catrine Val eine Interdependenz zwischen realen, kopierten und inszenierten Wirklichkeiten. All diese metaphysischen Mysterien werden durch die unmittelbare Verdopplung der Welt – das Mitlaufen des perfekten Doubles der Realität in Echtzeit – in Facebook, MySpace oder You- Tube neu definiert.

Modefotografie

TREAP

Den Ausgangspunkt für das Motiv von TREAP bilden die auf YouTube geposteten Videobotschaften der Miss World Wahl 2008. Catrine Val imitiert stellvertretend 11 Miss-World-Anwärterinnen aus unterschiedlichsten

Nationen in einer Collage. Da die medialen Fiktionen rund um die Schönheitsköniginnen einer „Miss Rushia“, „Miss Ethiopia“ oder „Miss Turkey“ im gleichen Maße um die Verführungskunst oberflächlicher Scheinwelten kreisen wie in der Mode, zitiert TREAP exemplarisch die viel beachtete

Anzeigenkampagne der Herbst-/Winterkollektion 2006 der deutschen Modefirma Escada. Mit vielen echten Fellen und grellen Farben steht diese Kampagne - aus heutiger Sicht in Zeiten der Rezession – für den Zenit eines längst vergangenen expressiven Luxus.

Camouflage

Das Styling in TREAP orientiert sich an der von den 11 Schönheitsköniginnen während ihrer Interviews auf YouTube getragenen privaten Kleidung. Man erkennt ansatzweise unterschiedliche,landestypische Modevorlieben und Auffassungen.

Dicht gedrängt werden in TREAP 11 Nationen gleichberechtigt nebeneinander gestellt. Die Nachahmung birgt ein unheimliches wie auch sinnliches Potenzial. Am Ende hinterfragt TREAP als glamouröse Camouflage

getarnt, das alltägliche Verwirrspiel von realen, kopierten und inszenierten Wirklichkeiten. Der Titel der Fotoarbeit „TREAP“ zitiert einen Begriff aus der Informatik: Dort bezeichnet dieser einen binären Suchbaum mit einem genau definierten Procedere für die Datenstruktur

TREAP

Catrine val

Digitalprint, 2009

306 x 94 cm

Foto: Jan Friese

Hair & Make-up: Rebecca Keim

Stylist: Ekachai Eksaroj

Postproduktion: Jens Greber

WAYS OF ESCAPE!

Romy Schneider, die ihrerseits im Film „L‘important c‘est d‘aimer“ (1975) von Andrzej Żuławski eine erfolglose Schauspielerin  verkörpert. In dem Videoloop  wird nur  eines Szene des Filmsets  komplett nachgestellt:

Romy Schneider als Nadine Chevalier steht isoliert vor der Leinwand und bittet alle anwesenden Fotographen und Kameramänner, kein einziges Abbild mehr von ihr zu machen: „ S‘il vous plaît pas de photos, pas de photos “. Ungeachtet ihrer Bitte bricht „ Nadine“ kurz darauf im  Blitzlichtgewitter  der Fotoapparate zusammen.

Die Kamera verweilt auf ihrem Gesicht, während ihre Hand versucht, dieses zu schützen. Stellvertretend für dieses medienreflektorische Phänomen hat die Sequenz in Zeiten von Flicker, Youtube und Facebook nichts von ihrer Brisanz verloren.

Catrine Val adaptiert Romy Schneider mit ihrem Team. Jan Friese ist der Modefotograph und gleichzeitig Schlüsselfigur ihrer letzten Produktionen. Das Klicken der Kamera ist hier übertragen als  physischen Schmerz.

Der Zuschauer wird zum Voyeur  und ist Komplize im Dreiecksverhältnis von Kamera, Fotograph und Model. Der  Voyeurismus erfährt allerdings eine überraschende Wandlung ins Schamgefühl.

Werdegang
seid 2004
Künstlerisch-Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Klasse Bjørn Melhus, Kunsthochschule Kassel

2001 - 2004

Postgraduiertes Studium bei Valie Export, Marcel Odenbach und Horst Königstein Kunsthochschule für Medien, Köln,

1994 – 2001

Studium der Freien Kunst, Klasse Urs Lüthi, Kunsthochschule Kassel

1991-1993

Arbeit in der Webeagentur Dr. Puttner & BSB; Wien

1988 - 91

Höhere Berufsfachschule für Graphik & Design, 

Ausstellungen

2010
HUMAN  RIGHTS, Fondazione Opera dei Caduti

Rovereto, Italy

startUP, Sala Birolli, Verona, Italy
BIG BANG, Einzelausstellung, Politics of the body

Galerie König, Berlin
2009

26. Kasseler Dokumentarfilmfestival Monotoring, Kassel

Images Recalled,3. Foto-Festival, Kunsthalle Mannheim

Gemeinsam in die Zukunft Frankfurter Kunstverein

Ich bin ein Anderes Stiftung Starke, Einzelausstellung, Berlin

2008

Monkey Up Plug In, Einzelausstellung, Basel Schweiz

2007

WATERCOLOURS, Galerie König, Hanauport

2006

Fremd bin ich eingezogen Kunsthalle Fridericianum, Kassel

Coolhunter, Kunsthalle Budapest, Ungarn

Blosses Außen U-Bahngalerie, München

2005

Coolhunter, ZKM, Karlsruhe

Altitude KHM, Köln

Coolhunter, Kunsthaus Wien

2004

Transmitter, European Media Art Festival, Osnabrück

2002

Feminale, Köln

Unplugged, Ars Electronica, Linz, Österreich

2001

Monitoring, DokFest, Kassel

2000

Das erste Mal Marburger Kunstverein

1998

Rundgang 2

Museum Fridericianum, Kassel

Zur Künstlerin: Catrine Val, geboren 1970 in Köln, studierte Kunst bei Urs Lüthi, Valie Export, Marcel Odenbach und Horst Königstein und arbeitete an der Kunsthochschule Kassel. Ihre Video- und Fotoarbeiten waren Bestandteil diverser Ausstellungen und Festivals. (Quelle: Kehrer Verlag)


Mit "FEMINIST" war sie bereits in der Ausstellung "Gaze upon my graze" des "Art Museum at The Art Park" in Hsinchu/Taiwan und auf dem "International Portfolio Reviews/Photo Ireland Festival" vertreten. Im Juni 2012 wurde ihr Bildband "FEMINIST" für den Renaissance Photography Prize London nominiert.
Weitere Infos unter www.catrineval.de


Catrine Val
FEMINIST

Kehrer Verlag, erschienen Januar 2012
Festeinband, 120 Seiten
ISBN 978-3-86828-290-0
36 Euro

Link:

www.catrineval.de

info@remove-this.catrineval.de

 


 

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21.09.2017 Im Premium-Beauty-Markt

Redaktion - GFDK

Erfolgsgeschichten aus Deutschland haben wir hier schon einige erzählt. Jürgen Reiter und Peter Schönhofen, die Gründer und Eigentümer der Möbelmarke Kare und die Winzerin Elisabeth Rücker haben wir zuletzt vorgestellt. Elisabeth Rücker machte sich einen Namen mit ihren "Elisabeth-Weinen". Nun wollen wir die Selfmade-Woman Frau Dr. Cordula Niedermaier-May vorsellen.

Leidenschaft, Mut und Glauben

Dr. Niedermaier Pharma ist vom Premium-Beauty-Markt mittlerweile nicht mehr wegzudenken und hat sich als Marktführer in fermentierten Beauty & Health Produkten erfolgreich etabliert. Die Erfolgsgeschichte kommt nicht von ungefähr – Leidenschaft, Mut und nicht zuletzt ihr Glaube und unermüdlicher Fleiß waren es, womit die studierte Pharmazeutin und Selfmade-Woman Dr. Cordula Niedermaier-May aus dem Nichts eine Firma mit 60 Mitarbeitern hochgezogen hat, die ihre Produkte in mittlerweile 55 Ländern vertreibt.

Direkt nach ihrem Pharmaziestudium machte sie sich selbstständig und eröffnete ihre eigene Apotheke – mit großem Erfolg. Doch dann kam ein Wendepunkt. Im Jahr 2000 besuchte sie ihre Eltern, der Familienhund lag (wie sie später herausfand durch eine Pestizidvergiftung) im Sterben.

Ihr Vater – Apotheker, Wissenschaftler und Gründer von Dr. Niedermaier Pharma sowie Entwickler des Phytopharmakums „Galama“ – experimentierte zu dem Zeitpunkt in seinem Labor mit dem Fermentieren von Enzymen, und entschloss sich, 2 Milliliter seiner gewonnenen Essenz, die er Regulat nannte, dem Hund zu verabreichen.

Menschen auf natürliche Weise helfen

Wie durch ein Wunder war der Yorkshire Terrier nach bereits unglaublichen 6 Stunden wieder fit und konnte beschwerdefrei laufen und atmen – von vorheriger Krankheit war nichts mehr zu spüren. Der Grund für die schnelle Genesung lag in der ganzheitlich regulierenden Wirkung des Regulats und der massiven Enzym-Aktivierung bedingt durch die Entgiftung. Ab diesem Moment stand für Dr. Cordula Niedermaier-May fest: Sie gibt ihre Apotheke auf und übernimmt das Unternehmen ihres Vaters.

Durch eigene Forschungen an der REGULATESSENZ® entdeckte sie zunehmend deren unglaubliche und vielseitige Wirkkraft, fuhr von einem Heilpraktiker zum Nächsten und tat alles, um das Wundermittel publik zu machen. Ihre Vision: Menschen auf natürliche Weise zu helfen, ihre Schönheit und Gesundheit aufrecht zu erhalten bzw. wiederzuerlangen.

Allerdings war der Beginn ihres neuen Weges mit 750.000 Mark Schulden in der Tasche und einem Rosenkrieg mit ihrem Mann alles andere als leicht: 3 Jahre lang kämpfte sie sich durch, leider noch ohne Erfolg.

Aber ihr Wille, ihre Überzeugung und ihre unverwechselbar positive Art verhalfen der bayerischen Powerfrau zum großen Erfolg: „Das Lachen habe ich von meiner Mutter, ich lache Schwierigkeiten einfach weg, das hat mich immer aus Krisen herausgeholt.“

Der große Durchbruch folgte im Frühjahr 2003, als eine schwer erkrankte Journalistin wie durch ein Wunder mit der REGULATESSENZ® geheilt wurde und sie einen neun-seitigen Artikel über die unglaubliche Wirkkraft veröffentlichte. Von einem Tag auf den anderen wurden tausende Flaschen bestellt, ein Anruf jagte den nächsten.

Mehr Anfragen, mehr Produktion, mehr Personal und von nun an auch maschinelle Unterstützung – in der Firma überschlug sich alles. Dr. Cordula Niedermaier-May hatte es geschafft und den Markt erobert. Das Unternehmen ist heute erfolgreicher denn je und kann mehr als 50 Studien vorweisen, welche die vielseitigen Wirkungen der REGULATESSENZ® wissenschaftlich belegen.

Dr. Cordula Niedermaier-May leitet mit voller Kraft, zusammen mit ihrem Sohn Alexander und ihren treuen Mitarbeitern im Rücken die Firma. Die Familie ist der Unternehmerin sehr wichtig, so wohnt sie gemeinsam mit ihrer Mutter, Cousine und Sohn Maximilian auf dem früheren Firmengelände mitten in der bayerischen Natur.

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18.09.2017 eben doch nicht alles Gold was glänzt?

GFDK - Michaela Boland

Was ist aus Matthias Rödder geworden? Michaela Boland hat für die GFDK 2010 mit ihm gesprochen, da wollte er noch ganz nach oben.

Plötzlich war er berühmt. Um die drei Millionen Zuschauer sahen ihn im Schnitt zu einer wunderbaren Sendezeit Abend für Abend auf der Mattscheibe. Lange nachdem er für große Namen wie Mario Adorf und Andre Eisermann eingesprungen war, jedoch mit Dieter Wedel nicht klar kam und dem Star-Regisseur kurzerhand die Arbeit aufkündigte, erhielt Jungschauspieler Matthias Rödder (29) ein verlockendes TV-Angebot:

Beim durchgehenden Tagesquotensieger unter sämtlichen Bildschirmformaten des deutschen TV innerhalb der werberelevanten Zielgruppe der 14 bis 49-Jährigen, bekam der selbstbewusste Mime die Möglichkeit, sein Gesicht einer Fernsehnation bekannt zu machen. Drei Monate währte das Rollen-Glück.

Jetzt warten neue Herausforderungen. Wie es sich anfühlt, plötzlich von sämtlichen Menschen erkannt zu werden, warum viele glauben, dass jeder, der im Fernsehen zu sehen ist, reich und glücklich sei, und aus welchem Grund man als Schauspieler zu aller erst sein eigener Manager sein müsse, verrät TV-Stern Matthias Rödder im Gespräch.

Der Journalistin Michaela Boland erzählt er außerdem vom täglichen Überlebenskampf in einer Zunft, in der eben doch nicht alles Gold ist, was glänzt.

In seiner Rolle als junger Musik-Manager einer neu zu formierenden Girlie-Group, „Amos“, wirkte er nicht nur professionell, straight und tough, sondern hin und wieder auch ein bisschen überheblich. Ganz anders als als türkischer Feuerwehrmann „Kadir“ in der täglichen actionreichen Nachmittagsserie „112 – Sie retten Dein Leben“ (RTL).

Den hilfsbereiten, verständnisvollen, manchmal etwas zickigen jungen Türken gab Rödder derart authentisch, dass es beinahe verwunderlich schien, ihn anschließend im erfolgreichsten Daily-Format Deutschlands, GZSZ (Anm. d. Red: Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ RTL), unvermittelt so arrogant wirkend zu sehen.

Das Gute daran: Ein Schauspieler, der es vermag, glaubhaft unterschiedlichste Charaktere darzustellen und darin zu überzeugen, kann eigentlich nicht schlecht sein.

Dass es jedoch für einen Mimen, der sich auch Charakter-Rollen wünscht, recht kompliziert werden kann, aus dem Serien-Schubladen-Denken der Köpfe mancher Produzenten wieder herauszugelangen, muss Rödder derzeit am eigenen Leibe erfahren.

Für eine kleinere Rolle beim ZDF, um welche er gerade kämpfe, könnte es sich nämlich problematisch gestalten, dass auf seinem Band vornehmlich RTL-Soaps zu sehen seien.

Ob es in Deutschland hinsichtlich der Besetzung von Schauspielern tatsächlich nur die Kategorien Film, Fernsehen und Soap gibt, in welchen man, soweit einmal in einer erschienen, auf ewig mit einem mehr oder weniger hochwertigen Stempel versehen, verhaften muss, will Matthias Rödder im Gespräch erläutern.

Hierzu haben wir uns am Rudolfplatz in Köln verabredet, wo Matthias bereits wartet. Lässig lehnt er bei ersten Frühlingssonnenstrahlen an einer Mauer und wirkt im modischen schwarzen Kurzmantel, mit dunkler Sonnenbrille und Dreitagebart recht entspannt.

Als er zur Begrüßung die Sonnengläser abnimmt, kommen tief blaue Augen zum Vorschein. In Kombination zum struppigen dunklen Haarschopf und ebenmäßigen Gesichtszügen, verwundert es kaum, dass der Schauspieler bereits seit einigen Jahren erfolgreich modelt.

Wir begeben uns in eines seiner Lieblingsfrühstückscafes in der Nähe und schon kurz nachdem wir bestellt haben, zeigt sich, was für die Domstadt typisch ist: Wir befinden uns in einer Medienmetropole, in der einem nahezu alle paar Minuten bekannte TV-Gesichter über den Weg laufen.

Pro 7-„SWITCH- Reloaded“-Star Michael Kessler nimmt gleich am Tisch hinter Matthias Platz, um sich mit einigen Herren zu besprechen. „Wie verlief dein Morgen bisher“, möchte ich von Rödder wissen. „Ich habe heute morgen bereits meine neuen Sed-Card-Fotos abgeholt und sie umhergemailt“, erzählt der Schauspieler lächelnd.

Er wirkt fröhlich und zuversichtlich. „Ich habe eigentlich immer etwas zu tun. Hier wieder mit jemandem in Kontakt treten, da wieder einer Produzentin etwas zuschicken, woanders noch mal auf sich aufmerksam machen. Das ist wichtig für einen selbst, dass du abends ins Bett gehst und sagst: Ich habe etwas getan.

Für mich wäre es das Schlimmste, mir vorwerfen zu müssen, nichts getan zu haben“, sagt der Schauspieler. Derzeit steht er im Kölner Theater Tiefrot in der Dagobertstraße in dem Stück „Die Bakchen“ auf der Bühne und gibt darin Dionysos. Am 19., 20. und 21. Mai ist er dort noch zu sehen.

Noch vor wenigen Wochen glänzte er in der RTL Serie „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ und machte Co-Star Anne Menden (Anm. d .Red: Spielt die „Emily Höfer“) den Einstieg in eine Mädchen-Kombo als engstirniger Girl-Group-Manager richtiggehend schwer.

Für diese Rolle habe er sich typische Manager genauer angesehen, oder auch einen Dieter Bohlen bei DSDS (Anm. d. Red: Deutschland sucht den Superstar) beobachtet.

Auf die Frage, ob er sich vom Pop-Titan eine spezielle Verhaltensweise für seine Rolle abgeguckt habe, antwortet der Mime: “Nee nee, es war einfach nur dieses „ein bisschen groß auftreten“, was ich da gesehen habe.“. Nach drei Monaten war die von vorneherein zeitlich begrenzte Drehzeit in Berlin vorüber.

Wenngleich der Mime auch gerne mitgespielt hat, so sieht er seine Zukunft längerfristig nicht in der Welt der Seifenopern. Obgleich es nämlich ein dankbarer, finanziell lukrativer Job sei, bei dem man auch viel lernen könne, würde es schwer bis unmöglich, etwas anderes zu bekommen, wenn man erst mal ein paar Jahre in der Soap gesteckt habe.

„Ich glaube einfach, dass wenn du dich für dein Leben lang im Job des Schauspielers etablieren möchtest und auch den Anspruch an dich selbst halten willst, dann musst du wirklich sehen, dass du in verschiedenen Formaten mitspielst und nicht immer nur die Soap bedienst“, konstatiert Rödder.

Seine ersten schauspielerischen Einsätze in Sachen Theater hatte der heute 29-Jährige übrigens bereits vor annähernd zehn Jahren inmitten einer recht prominenten Runde: Bei den Wormser Nibelungenfestspielen unter der Regie von Kult-Spielleiter Dieter Wedel fungierte der junge Rödder als Probendouble.

Für Schauspielgrößen wie Mario Adorf oder Andre Eisermann, die Engagements an großen Häusern und somit kaum Zeit für die Nibelungen-Proben hatten, durfte der junge Rödder Texte einlesen und ersatzweise neben Schauspielerin Maria Schrader einspringen.

Die Regie unter Dieter Wedel sei für den angehenden Mimen damals recht hart gewesen. „Ich habe nach zwei Monaten meinen Job bei Wedel gekündigt, weil er mit mir umging, wie er auch bekannt dafür ist“, erinnert sich Matthias Rödder.

„Er hat mich einfach ignoriert, nennen wir es so. Und dann habe ich schlichtweg gesagt, gut, ich glaube, meine Arbeit wird hier nicht gebraucht und bin erst mal nach Ibiza geflogen“ erzählt der Schauspieler.

Mit seinen knappen 20 Jahren, schmunzelt Rödder, habe er zum damaligen Zeitpunkt natürlich noch gar keine Ahnung davon gehabt, was er tat, als er Dieter Wedel einen Job kündigte. Trotz seines „tollkühnen“ Verhaltens gegenüber dem Star-Regisseur, ging es für Rödder munter weiter.

Von einer Komparsen-Agentin jener Festspiele von der Urlaubsinsel zurückgebeten, arbeitete Rödder fortan für magere 16 DM am Tag den Rest der Zeit als Komparse weiter.

So gab er denn einmal den toten Soldaten, ein anderes Mal den Fanfarenbläser oder bediente hin und wieder auch einfach nur den Pausengong. „Heute bin ich sehr stolz darauf, das gemacht zu haben“, erzählt Matthias Rödder, der zu jenem Zeitpunkt ja längst Schüler einer Mainzer Schauspielschule war.

Er habe keineswegs das Gefühl gehabt, durch seine Komparsentätigkeit ein paar Schritte zurück zu treten, denn im Endeffekt habe es ihm weitaus mehr gebracht, als sich auch weiterhin von Wedel ignorieren zu lassen. „Was war der Grund für deinen Berufswunsch“, frage ich den Schauspieler, der bereits vor GZSZ ein Jahr lang für die RTL-Serie „112 – Sie retten dein Leben“ vor der Kamera stand.

„Vor 15 Jahren wollte ich, so glaube ich, mal das, was manche meiner Kollegen in meinem Alter wohl auch heute noch wollen“, lacht der Mime, „nämlich, reich und berühmt werden. Ich habe aber dann zwischenzeitlich gelernt, dass das nicht die Realität ist“, gibt er ernüchtert zu.

In seiner Heimatstadt, Wissen an der Sieg, wo es nicht sonderlich viel Kultur gegeben habe, habe er als Jungendlicher stets „Verbotene Liebe“ (Anm. d. Red: Soapoera, die seit 1995 täglich in der ARD zu sehen ist) geguckt. Inspiriert und fasziniert durch die Figur der Clarissa von Anstetten (Anm. d. Red.: hinterhältige Intrigantin in der Serie) habe Rödder als Teenager ursprünglich selbst Soap-Star werden wollen.

Erst durch die Ausbildung in der Schauspielschule sei ein tiefes Interesse an der Theaterarbeit gekommen. “Zuvor“, so sagt er, „hatte ich gar keinen Zugang zum Theater.

Doch dann hat es mich gefesselt und ich begriff, dass es eine wesentlich intelligentere Form der Unterhaltung sein kann als viele Dinge, die du im Fernsehen siehst“ Bereits mit 15 Jahren sei Rödder an einer Schauspielschule in Siegburg aufgenommen gewesen, habe aber dann mit seinem Vater den Deal geschlossen, erst mal eine herkömmliche Ausbildung abzuschließen.

„Meine Eltern sicherten mir zu, dass wenn ich nach drei Jahren noch immer den Wunsch verspüren sollte, Schauspieler zu werden, dann geschlossen hinter mir zu stehen und mich in allem zu unterstützen“, erzählt Rödder.

Gesagt, getan. Nach seinem Realschulabschluss absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Bauzeichner, anschließend leistete er Zivildienst in der Krankenpflege, um dann endlich sein Schauspielstudium an einer privaten Schule in Mainz zu beginnen.

Auch noch während des Studiums jobbte er nebenbei als Pflegehelfer, um sein Budget aufzubessern. „In dieser ganzen oberflächlichen Welt des Films und Theaters war es mir besonders wichtig, gerade so einen Job zu machen“, sagt Matthias Rödder.

„ Du hast schon immer mit Menschen zu tun, die , vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind. Im Gegensatz hierzu siehst du dann im Pflegeberuf ganz andere Dinge, das hat mir ganz viel gegeben“, erinnert er sich.

Schon mit 22 Jahren war Rödder sodann fertig mit seiner Schauspielschule und konnte loslegen. Vorausschauend wie er nun einmal denkt, hatte er sich bereits zu Schauspielschulzeiten nach einem Management umgesehen. Durch dieses gab es nämlich dann auch schon frühzeitig Castings.

Dennoch bleibt offensichtlich auch noch viel Arbeit für ihn selbst übrig „Ich glaube, das Wichtigste für einen Schauspieler ist, zu verstehen, dass man wahnsinnig viel arbeiten muss. Ich verstehe meinen Job schon fast mehr als Manager und mein eigener Agent, als dass ich Schauspieler bin.

Du musst immer mit der Zeit gehen, dich immer bewerben, dich vor allem immer wieder ins Gespräch bringen und für alles offen sein, sowie verschiedene Fächer bedienen können“, beschreibt Matthias Rödder.

Warum man die Schauspielerei oftmals als „brotlose“ Kunst definiert hat, davon weiß auch der Jungmime ein Lied zu singen. Offen erzählt er, wie es ist: „Es gibt nicht einen graden Weg, man muss auch Kurven gehen.

„Es war eine verdammt harte Realität, in die ich nach der Schauspielschule hineingeschmissen wurde“, sagt der gebürtige Wissener. „Ich habe zunächst fest im Ensemble am Stadttheater Bamberg bei Rainer Lewandowski gespielt.

Ich spielte die männliche Hauptrolle im Musical „Harry & Sally“, spielte im Stück „Die Altruisten“ und „Das Maß der Dinge“. Eigentlich hatte ich einen Zweijahresvertrag, ging aber schon vorher, weil Bamberg am Arsch der Welt lag und ich durch die ganzen Theaterproben einfach nicht agieren konnte“, sagt Rödder.

Dann sei er eben auf gut Glück nach Köln gezogen, ohne einen festen Job zu haben. Wie hart sich das Leben ohne einen solchen gestalten kann, sollte Schauspieler Matthias dann schon bald erfahren.

Um sich über Wasser zu halten, nahm der attraktive Single unzählige Nebenjobs an: „Ich musste dreieinhalb Jahre im Einzelhandel Klamotten verkaufen, was übrigens der schlimmste Job meines Lebens war. Außerdem habe ich weiter in der Krankenpflege gearbeitet, gekellnert und im Callcenter gesessen“, gibt er zu.

Dann sei ein Angebot aus Frankfurt am Main gekommen, den Claudius in Hamlet zu spielen, anschließend die Einladung, an die Bochumer Studiobühne zu gehen. Haken: Leider alles ohne Bezahlung.

Aus Leidenschaft zu seinem Beruf habe Rödder dann beide Projekte gemacht und sie letztlich durch seine Nebenjobs finanziert. „Konntest du die Schauspielarbeit ohne Bezahlung in irgendeiner Form genießen, wenn die ursprüngliche Motivation diesen Beruf zu ergreifen, die war, reich und berühmt zu werden“, frage ich den 112-Bildschirmhelden.

„Es war wirklich ultrahart mitzuerleben, wie die Realität aussieht, weil du wahnsinnig viel Energie aufbringen musstest, sehr viel Zeit in Zügen verbrachtest, die einfach unbezahlt war“, antwortet der Mime. „Du hast dich quasi für einen Beruf entschieden, wo du froh sein musst, ihn machen zu dürfen“, fügt er hinzu.

Dennoch habe ihm jedes Stück wahnsinnig viel Spaß bereitet. Besonders, so betont er, wenn er mit Laien gespielt habe. „Profi-Schauspieler haben schon mal sehr einen an der Klatsche“, petzt Rödder und ergänzt, dass sie sich häufig gerne selbst reden hörten und mit Sprüchen wie: „ Du, ich fühl`s noch nicht so ganz“, aufwarteten, was Matthias Rödder zum „da könntest du ja nur noch kotzen“, findet.

Das Zusammenspiel mit Laien habe er demgegenüber oftmals genossen, wenngleich jene Zeit natürlich schon schwierig gewesen sei und er viele Probleme gehabt habe. Diese, so räumt er ein, habe er allerdings bis heute. So beschreibt er: „Dass du wirklich teilweise in Depressionen verfällst und sagst, das kann doch nicht sein, ist das dein Job?“

Monatelang habe man keinen Job und dann wisse man plötzlich nicht mehr, wo man alle Jobs hinpacken solle „Da verdienst du auf einmal in einem Monat so viel, dass du das ganze Jahr damit leben kannst, sitzt aber den Rest des Jahres herum“, erklärt er. Man habe einfach Null Sicherheit, keinen roten Faden darin.

Diesen findet man dafür aber um so eher in seinem eigenen Soloprogramm: „Ohne Dich ist es blöd“. Erst im März führte Rödder das „One-Man-Stück“ begleitet von seiner Pianistin in Wuppertal auf. Darüber hinaus ist es über seine Homepage auch für Restaurants buchbar.

Im Stück, welches Rödder gemeinsam mit Dramaturgin Julia Wahren entwickelt hat, geht es um einen auf die 30 zugehenden Mann, mit Dreitagebart, welcher sich mit Schoko, Tee und Teddy auf dem Sofa liegend, durch die Höhen und Tiefen der Liebe denkt.

Er habe zeigen wollen, erläutert Matthias Rödder, dass der ganz normale Mann auch ohne Alkohol und Kippe in seinen vier Wänden leiden könne. Zufall sind die Parallelen zum Hauptdarsteller wohl kaum.

So entschlüsselt dieser denn auch, dass das Stück, das erstmalig vor fünf Jahren in Bamberg aufgeführt wurde, deshalb entstanden sei, weil er damals wahnsinnigen Liebeskummer gehabt habe und am liebsten nur traurige Gedichte vorlesen wollte.

Alt-Freundin Julia Wahren habe sich dann aber mit der früheren Pianisten seiner angenommen und ihm klar gemacht, dass traurige Gedichte kein Mensch brauche. Kurzerhand wurde gemeinschaftlich das Soloprogramm entwickelt.

 „Daran hängt mein ganzes Herz“ erklärt Matthias Rödder, der in dem Stück von „Kann den Liebe Sünde sein“ über Silbermondlieder bis hin zum Robbie -Williams-Song „Angels“ auch sein gesangliches Talent unter Beweis stellt. Einziger Wermutstropfen:

„Das Ding zu vermarkten und damit auftreten zu können, ist halt die Hölle“, beklagt der Schauspieler. Es seien viele Glücksgriffe dabei gewesen und manche Kontakte, habe er im Theater gemacht. Außerdem kämpfe man in Köln mit der Presse.

„Einmal habe ich sogar einer Redakteurin angeboten, ihr eine Woche im Büro zu helfen, wenn sie bitte, bitte kommen und eine wie auch immer geartete Kritik schreiben würde“. Zwar seien die Ankündigungen allesamt gut gelaufen, worum sich Multitalent Rödder allerdings auch selbst habe kümmern müssen.

Dies sei auch immer wieder seine Kritik an Köln: „Dieses Geklüngel und dieses Bitten müssen und dass die Kultur so vernachlässigt wird, das ist echt schlimm.“

Umso stolzer zeigt er sich darauf, sich auf eine Bühne stellen und die Menschen unterhalten zu können. „Und wenn es anderthalb Stunden sind, in denen ich die Leute allein unterhalten muss, dann kann ich das auch“, sagt er.

Ohne arrogant klingen zu wollen, stellt Rödder fest, dass dies zeige, diesen Beruf eben wirklich erlernt zu haben. „Ich habe es einfach gelernt und weiß, was ich da tue.“ Schade nur, dass er nicht gerade immer mit einem Plusbetrag nach Hause gehe, sondern es ihn manches Mal noch Geld koste, wenn er an einem Abend sein Soloprogramm spiele.

„Selbst wenn 180 bis 200 Leute da sitzen, kann es noch sein, dass ich durch die ganze Werbung, wie Plakate und alles weitere, gerade mal mit Plus minus Null da raus gehe“, rechnet er vor.

Das Schauspielerdasein stellt somit wohl nicht immer ein bequemes Leben dar, so scheint es. Doch Rödder praktiziert seinen Job mit Leidenschaft und bleibt ihm dauerhaft treu. „Schauspiel war immer das, was ich wollte, so hart die Zeiten auch waren“, sagt er überzeugt.

Wenn man natürlich nach so einer Soap monatelang da hänge, nichts zu tun habe und nicht wisse, was man machen könne, wäre das nicht eben schön. „Ich habe mich auch auf verschiedene Nine-to-Five-Jobs beworben, was natürlich schwierig ist, gerade, wenn du so in der Öffentlichkeit gestanden hast.

Womit der Schauspieler schon deshalb Recht behält, als noch lange erkannt wird, wer in einem erfolgreichen Fernseh-Format mitgewirkt hat. Wichtig sei dem attraktiven TV-Beau Authentizität, was die Schauspielerei anbelange.

Dass sie ihm auch im wahren Leben wichtig zu sein scheint, merkt man schnell, wenn man sich mit dem direkten Mimen unterhält. Stets nennt er die Dinge beim Namen, unverblümt, ehrlich und auf den Punkt. So meint er denn auch:

„ Die Leute wollen vielleicht nicht hören, dass es mir mal schlecht geht. Die denken halt, jeder, der im Fernsehen ist, ist reich, glücklich sowieso und trägt nur Designer-Klamotten. Die Leute wollen eigentlich keine negativen Sachen ihrer Idole, das wollen sie nicht hören.“

Um seine Ziele zu erreichen, muss man jedoch hin und wieder Opfer bringen. Rödders Vorteil: Er denkt seit jeher bodenständig und jobbt regelmäßig nebenher abends in einer Discothek.

Auf die Frage, wo er in seinem Leben genau hin möchte und was er gezielt dafür tut, um dies zu erreichen, sagt der ehemalige GZSZ-Mime: „Du musst jeden Tag ran, kannst also nicht zu Hause sitzen und warten bis dein Agent anruft, sondern solltest auch selbst Ideen haben.

Ich stehe jeden Morgen auf, mache diese ganze Managerarbeit über E-Mail und Telefon.“ Oftmals seien es Dinge, die aus dem Bauch heraus kämen, auch schalte er nie ab, sondern sei in Gedanken immer irgendwie bei seinem Job.

„Ich bin optimistisch, weil ich weiß, was ich tue und dass ich etwas drauf habe. Einzig sei schwierig, die Chance zu erhalten. Doch was dies anbelangt, zeigt Rödder sich genauso zuversichtlich: „Ich warte halt wirklich auf die Menschen, die sagen, o.k., wir geben dir die Chance“.

„Fernsehfilm, Viertel nach acht, beispielsweise „Inga Lindström“, ob er sich so etwas wohl vorstellen könnte, möchte ich wissen. „Absolut“, befindet Rödder, „ich finde die gut.“

Trotz Nebenjob und Hauptjob, seiner Schauspielerei, bleibt Matthias Rödder auch noch ausreichend Zeit für seine zweite große Leidenschaft, die Musik. Augenblicklich bastelt er an seiner ersten CD. Alle englischen Texte habe er selbst geschrieben.

Es gehe um die Liebe, darum, man selbst zu sein und das zu tun, was man tun wolle. „Ich glaube da einfach dran“, schwärmt der sympathische Matthias. „Das CD-Projekt ist eine meiner besten Arbeiten und macht mich einfach glücklich“. Gemeinsam mit der New Yorker Sängerin Pamela Falcon hat Matthias Rödder großen Spaß am Singen, wenngleich er sich auch über Chancen am Markt derzeit noch wenig Gedanken macht.

Optimistisch blickt er in die Zukunft: „Du kannst sehr erfolgreich sein, wenn du auch mal über Umwege gehst und, genau wie in der Schauspielerei, nicht immer den leichten Weg wählst“ ist er sich sicher.

Ganz leicht wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl nicht werden, da der 29-Jährige nach einem Disput mit dem Produzenten derzeit ein neues Team für die Produktion seiner Scheibe sucht.

Auf die Frage, welchen Rat er jungen Kollegen geben würde, die heute da stehen, wo er schon vor zehn Jahren stand, antwortet der Wahlkölner, der übrigens Trompete spielt:  „Lern was Vernünftiges (lacht). Nein, ich würde ihm raten, in sich zu gehen und es sich gut zu überlegen.

Du musst es dir als einen der härtesten Jobs der Welt vorstellen. Ich habe hier in den Kneipen viele junge angehende Schauspieler kennen gelernt, die gerade auf der Schule sind und einen dann irgendwie anhimmeln, weil sie einen aus dem Fernsehen kennen.

Also, ich bin knallhart mit der Realität und sage denen auch ganz direkt, du, ich gehe gerade zum Arbeitsamt oder auch, ich kriege gar kein Geld mehr vom Arbeitsamt, denn warum soll ich das nicht sagen? Eine Ulrike Folkerts sagt auch, wenn sie gerade keinen Tatort dreht, sitzt sie ebenfalls da und stempelt.“

„Du musst oft mehr Manager sein als Schauspieler, darauf musst du dich einstellen. Es ist kein bequemes Leben“, fügt er hinzu. Und dennoch werden seine Augen wohl leuchten, wenn er demnächst wieder sein Soloprogramm „Ohne dich ist es blöd“ spielt, vor der Kamera oder auf den Brettern, die nicht nur ihm die Welt bedeuten, steht. 

Matthias Rödder ist ein deutscher Schauspieler und wurde am 20.03.1981 in Wissen an der Sieg geboren. Sein Vater arbeitet als Projektleiter in einer Firma, die Schulen baut, seine Mutter ist Hausfrau.

Rödder, der noch eine Schwester hat, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Schauspielschule Mainz in den Jahren 2001 bis 2004, außerdem nahm er an unterschiedlichsten Workshops in Mainz, Wiesbaden und Worms teil. Einem größeren Publikum würde der Schauspieler durch seine Serienrolle „Kadir Karabulut“ im RTL-Format „112 – Sie retten dein Leben“ bekannt.

In 2009 spielte er darüber hinaus an der Seite von Seriensternchen Anne Menden und Ex-DSDS-Bohlen-Aufreger Annemarie Eilfeld im RTL-Quotenhit „Gute Zeiten schlechte Zeiten“. U.a. war er auch in Filmen wie „Das Büro“oder Dörte`s dancing“ zu sehen.

Am Staatstheater Mainz wirkte er in „Gloria von Jaxtberg“ mit, außerdem war er im Musical „Hexe Lili“ zu sehen. Mit seinem Soloprogramm „Ohne dich ist es blöd“ begeistert Matthias Rödder in regelmäßigen Abständen sein Publikum.  

  

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR-Sonntags-Nachmittags-Show „HOLLYMÜND“. Für „Guten-Abend-RTL“ arbeitete sie als Redakteurin und On-Reporterin. Darüber hinaus präsentierte sie die Vorabendshow „Studio Eins“ in der ARD. Auf 3-Sat moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, außerdem die Casinoshow „Casinolife“ auf TV NRW.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

 

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07.08.2017 nett gleich doof gleich unattraktiv?

GFDK - Michaela Boland

Überempfindlichkeiten hat ja mittlerweile in Deutschland fast jeder Zweite. Von Milben und Pollen über Laktose bis hin zu Nickel oder Katzen. US-Schauspieler Robert Pattinson soll sogar einst durch eine Vagina-Allergie für Furore gesorgt haben. Aber gegenüber dem, was Schriftstellerin Pascale Graff in ihrem neusten Werk thematisiert, ist wohl selbst die vermeintliche Hypersensibilität des Leinwand-Akteurs gegenüber Scheiden gar nichts.

Mit einer waschechten Glücksallergie konnten nämlich bisher wohl eher wenige aufwarten. Was da so abwegig klingt, ist für die Autorin und Diplom-Psychologin nur naheliegend. Die Protagonistin ihres aktuellen Romans ist nämlich ernsthaft krank und die Symptome zeigen sich stärker als je zuvor:

Vom Ex-Freund nach fünf Jahren Beziehung abserviert und unerwartet online mit der bereits verlobten Nachfolgerin konfrontiert, lediglich schlappe 17 Freunde bei Facebook  und als einzige ihres Verlages nicht zur Supersause des smarten Buchhandelsvertreters eingeladen.

Da muss sich wohl schleunigst etwas ändern im Leben der Mittdreißigerin, wenn sie nicht in der Psychiatrie enden will. Pech nur, dass sie mit unzähligen Neurosen behaftet ist, die auf der Jagd nach dem großen Glück auf ganzer Linie eher hinderlich sind.

Ob die liebenswert-verschrobene Lektorin ihr Leben doch noch irgendwie in den Griff bekommt und ob das, was wir gemeinhin für Glück halten, am Ende tatsächlich das einzig Wahre ist, beschreibt Jugendbuch- Autorin Pascale Graff in ihrer ersten Lektüre für Erwachsene, "GLÜCKSALLERGIE", auf spritzig amüsante Weise.

Wie man real-vorkommende psychische Störungen auch in witziger Romanform umsetzen kann, ohne irgendwen zu verunglimpfen, hat die alleinerziehende Mutter eines 16-jährigen Sohnes verstanden. Nach einer Lesung in der Mayerschen Buchhandlung in Köln habe ich Gelegenheit, mit der sympathischen 42-Jährigen über ihr Buch, Neurosen der Neuzeit und die Liebe an sich zu plaudern.

Michaela Boland:

Sie tragen einen französischen Vornamen. Hat das eine besondere Bewandtnis?

Pascale Graff:

Mein Vater ist Franzose und lebt im Elsass.

Michaela Boland:

Sie selbst wohnen im Saarland?

Pascale Graff: Richtig.

Michaela Boland:

Würden sie eigentlich sagen, dass nett gleich doof gleich unattraktiv ist? Ihre Romanfigur, Patrizia, stellt im Buch genau diese Überlegung an.

Pascale Graff:

Ja, das ist die Frage. Ich würde sagen, dass es eigentlich darauf ankommt, was man selbst davon hält. Wenn man nett ist und  im schlimmsten Fall ein Helfersyndrom hat, dies auch ausleben möchte und glücklich damit ist, dann soll man das auch tun. Wenn man sich aber auf der anderen Seite damit ausgenutzt vorkommt, dann soll man es lieber lassen. Man kann jedoch schon sagen, dass man nicht automatisch dafür gemocht wird, nett zu sein. Manchmal werden Menschen auch mehr dafür respektiert, wenn sie mal nein sagen. Das gilt auch für Nicht-Liebesbeziehungen.

Aber vielleicht ist es gerade auch in Liebesbeziehungen  nicht das Schlechteste, wenn man nicht immer nur nachgibt, sondern eben auch mal nein sagen  und zu seiner Meinung stehen kann. Ich persönlich glaube eben, dass es häufig die Frauen sind, die in Beziehungen versuchen, sich anzupassen und es wirklich allen recht zu machen. Frauen sind die Zweifler und Männer sind diejenigen, die sich zurücklehnen und häufig auch gar nicht merken, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Michaela Boland:

Werden Diven weniger schnell verlassen?

Pascale Graff:

Ich glaube, Diven haben keinen Mann (lacht). Deswegen werden sie auch weniger schnell verlassen.

Michaela Boland:

In ihrem aktuellen Roman "Glücksallergie" hat die Protagonistin, Patrizia, zahlreiche Marotten. Wie sieht es in dieser Hinsicht bei ihnen aus?

Pascale Graff:

Ich habe tausende von Marotten, die ich jetzt nicht alle aufzählen werde (lacht). Allerdings ist es mir in der Tat nicht schwer gefallen, den Schuhtick von Patrizia nachzuvollziehen. Ich liebe Schuhe. Aber Gott sein Dank weiß ich, spätestens seit Sex and the City, dass ich da nicht die einzige bin.

Michaela Boland:

Sind in ihrem Schuhschrank dann auch die Manolos zu finden?

Pascale Graff.

Nein, keineswegs. Die brauche ich nicht. Da bin ich dann doch eher preisbewusst. Und eine andere Marotte, die ich selbst sehr witzig finde und auch erst in den letzten drei Jahren entwickelt habe, und von der ich glaube, dass sie altersabhängig ist, ist die, dass ich tatsächlich immer zu Hause eine Wärmflasche haben muss. Das ist ganz seltsam. Ich bin eher ein Fischstäbchen und in der Regel wie tiefgefroren.

Michaela Boland:

Sie sind Diplom- Psychologin und auffällig ist, dass ihre Protagonistin unter verhältnismäßig vielen alltagshinderlichen Neurosen leidet. Glauben sie, dass Neurosen eine typisch neuzeitige Erscheinung sind und sollte sich diese Problematik aus diesem Grunde auch in ihrem Roman widerspiegeln?

Pascale Graff:

Das Problem bei den psychischen Krankheiten ist, dass man die ganzen Maßinstrumente, wie beispielsweise auch sämtliche Fragebögen, die das erfassen, erst später entwickelt hat. Ich glaube, dass Neurosen eine Art Abfallkategorie sind.

Eine Neurose hat auch jemand, der quasi einen Zähltick hat. Das muss keine Zwangserkrankung sein, es kann auch eine Neurose sein, wenn es keine ausgewiesene Persönlichkeitsstörung ist. Es ist eine sehr schicke neuzeitliche Kategorie. Sagen wir es mal so: Das Burnout ist jetzt, was die Neurose in den Achtzigern/Neunzigern war.

Durch Woody Allen ist das ja erst etabliert worden, in der Form, dass man in der breiten Öffentlichkeit wusste, was eine Neurose beinhaltete. Nämlich irgendetwas Chaotisches, irgendetwas Zerrissenes, teilweise Absurdes, irgendwie auch Lustiges, mit dem man aber trotzdem lebensfähig sein kann. In meinen Recherchen bin ich übrigens auch auf Schiller gestoßen, der die Marotte hatte,  in seinem Schreibtisch immer vergammelte Äpfel haben zu müssen. Der konnte ohne diese Äpfel nicht schreiben und das ist auch schon neurotisch.

Michaela Boland:

Sie selbst mögen Schokolade, war zumindest in ihrer Pressemappe zu lesen. Geht das Ausmaß der Liebe zu dieser Süßigkeit schon in den neurotischen Bereich über oder hält es sich noch in Grenzen?

Pascale Graff:

(lacht) Ist noch völlig unter Kontrolle.

Michaela Boland:

Beim Lesen ihres Buches fühlte ich mich hin und wieder an Sequenzen der Sitcom "The King of Queens" oder auch Bücher wie "The Secret" bzw. Publikationen von Louise L. Hay oder Bärbel Mohrs "Der kosmische Bestellservice" erinnert.

Pascale Graff:

Ja, mein Gott, ich habe bestimmt nichts erfunden. Das ist ja immer das Lustige. Eine Szene, die ich heute nicht vorgelegen habe, beschreibt beispielsweise, wie Patrizia in einem Kaufhaus vor einer Vitrine mit Trauringen steht und sich denkt“, Ach, wenn ich am Ende keinen Mann finde, dann heirate ich mich selber.

Dann habe ich wenigstens ein schönes Bild und muss nichts wegschnippeln. Ich zelebriere das". Ein halbes Jahr später sehe ich im Internet einen Artikel darüber, dass es einen Trend gibt, sich selbst zu heiraten. Und da habe ich mir auch gedacht, ich hab es vorher geschrieben.

Also, so etwas passiert ganz zwangsläufig. Aber, um die Frage ganz konkret zu beantworten, King of Queens kenne ich, mag es auch sehr gerne, wobei ich es ein bisschen schade finde, dass das Bild von Beziehungen für meinen Geschmack ein wenig läppisch und respektlos herübergebracht wird. Das ist zwar sehr lustig, aber eigentlich möchte man nicht so eine Ehe führen, in der man in diesem Ton miteinander umgeht. Aber, das ist ja Fernsehen und sehr unterhaltsam. Die anderen Autorinnen kenne ich nicht, "The Secret" habe ich auch nicht gelesen.

Selbsthilfebüchern und Esoterik stehe ich sehr kritisch gegenüber. Wenn es so einfach wäre, dann wären alle ganz wunderbar ausgeglichen. Ich finde es faszinierend, dass es quasi stündlich neue Sachen gibt, wie "Das 40-Tage-Wunschprogramm", wünsch dich zu deinem Lebensziel - egal was - innerhalb von 40 Tagen. Doch dann gibt es da immer noch Seite 328, wo steht, "ich kann natürlich keine Garantie übernehmen, aber, es wird bestimmt nicht schlimmer als es vorher schon war". Also, ich stehe dem kritisch gegenüber.

Michaela Boland:

Und dennoch lassen sie ihre Protagonistin im Roman Affirmationen vornehmen. Lehnen sie sich dabei dann weniger an Esoterik als beispielsweise an Erkenntnisse und Ratschläge von Dr. Joseph Murphy in dessen Weltbestseller "Die Macht ihres Unterbewusstseins" an?

Pascale Graff:

Das sind wirklich Fakten. Das ist geradezu physisch. Die Gehirnströme verändern sich einfach ganz manifest, je nachdem, ob sie positive oder negative Sachen sagen. Also, man lebt quasi genau da, wo man sich gerade rein denkt.

Michaela Boland.

Haben sie ihr Buch für eine bestimmte Sorte Mensch geschrieben?

Pascale Graff.

Ich habe mein Buch für Optimierungssüchtige jeden Alters geschrieben. Frauen, die über sich lachen können, die unter dem Druck stehen oder manchmal das Gefühl haben, sie müssten in irgendeiner Art und Weise mehr aus sich machen.

Nach dem Motto, das kann noch nicht alles gewesen sein, ich könnte noch dieses oder jenes tun. Ich fand es ganz wichtig, quasi schon vorne anzufangen, also mit 25, denn die jüngere Freundin von Patrizia ist ja gerade mal 25 Jahre alt.

Dann aber  auch die ältere Nachbarin der Protagonistin, die ja schon 75 Jahre alt und Alzheimerkrank ist. Mir war wichtig zu zeigen, dass dieses Gefühl von Suche nach Glück und Liebe völlig altersunabhängig ist. Das trifft eine 20-Jährige genauso wie eine 45-Jährige. Die Lebensumstände sind zwar anders, aber das junge Mädchen in einem drin, das bleibt nach meinem Gefühl eigentlich immer gleich.

Michaela Boland:

Sie haben früher Mädchenromane geschrieben. Wie schafft man es im Erwachsenenalter, sich trotzdem immer wieder in die  kindliche Psyche hineinzufinden?

Pascale Graff:

Keine Ahnung. Ich glaube, dass es womöglich mit unserer Generation ein wenig anders ist. Ich bin jetzt 42, aber, wir sind alle mit MTV groß geworden und meine Genration von 42-Jährigen, die trägt noch Jeanshosen. So haben sich unsere Mütter mit 42 nicht mehr in ihrem Umfeld bewegt. Ich glaube, dass man sich deswegen auch noch so ein bisschen hineinfinden kann. Ich denke zwar nicht, dass das umgekehrt so von den Jugendlichen geschätzt wird.

Die wollen sich ja schon distanzieren. Aber, ich glaube schon, dass es gelingt, sich damit noch zu identifizieren. Es ist zwar nicht so, dass ich jetzt ständig MTV gucken würde. Das hat jetzt wirklich nachgelassen. Mein Sohn ist mittlerweile 16 und pubertiert gerade, daher ändern sich dann auch nochmal die Sichtweisen. Insoweit ist mir das Schreiben  nicht schwer gefallen. Aber es macht natürlich wesentlich mehr Spaß im Erwachsenenbereich, weil man dann einfach die Feinheiten herausholen und zeigen kann, was nach dem ersten Kuss passiert.

Michaela Boland:

In einem Interview haben sie gesagt, dass es sie interessiert hat, aufzuzeigen, wie es weiter geht. Nun haben sie mit "Glücksallergie" ein gelungenes Erstlingswerk in der Erwachsenenliteratur geschaffen. Macht ihnen das nun tatsächlich mehr Spaß, wenn sie das mit der Jugendliteratur vergleichen, die sie verfasst haben?

Pascale Graff:

Ich bin da schon näher dran. Aber das sind dennoch zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Das ist so, wie wenn man strickt und sich fragt, was findet man jetzt schöner, einen Schal oder ein paar Stulpen? Das Schreiben an sich macht mir einfach wahnsinnig viel Spaß. Und wenn ich schreibe, dann bin ich auch drin.

Dann bin ich genauso bei der 16-Jährigen und will, dass sie den Typen kriegt oder will sie durch ihren Gefühlsdschungel lotsen, ebenso, wie ich bei meiner aktuellen Protagonistin in "Glücksallergie" bin und dachte, " ach Gott, die Ärmste und nein, das geht jetzt so nicht".

Nichts desto trotz habe ich aber persönlich das Gefühl, dass man einfach bei einem Erwachsenenroman mehr in die Tiefe gehen kann und ich finde eben psychologische Themen wahnsinnig interessant. Ich möchte sie aber trotzdem so verpacken, dass sie irgendwie noch lustig herüber kommen.

Womit ich natürlich niemanden verunglimpfen will, denn es geht ja nicht darum, irgendwelche psychischen Störungen zu verulken. Denn, wenn man sie schon hat, ist es ja bereits schlimm genug. Dann hilft aber ein bisschen Humor zumindest dabei, damit umzugehen.

Michaela Boland:

War das das eigentliche Bedürfnis, aus dem heraus sie das Buch schrieben?

Pascale Graff:

Ja. Ich hatte eigentlich ursprünglich damit geliebäugelt, einen psychologischen  Selbsthilferatgeber zu schreiben. Dann stand aber im  Hugendubel diese ganze Auswahl, so, dass ich dachte, "nein, was für ein Druck". Ich mag ja selbst keine Selbsthilfebücher und dann noch einen draufzusetzen, wäre es nicht gewesen. Dann hätte ich mein Buch  wohl auch eher "Halt die Klappe, jammer nicht und find dich ab" genannt.

Michaela Boland:

In ihrem Buch sucht Patrizia das, was für sie zunächst Glück darstellt. Die meisten Menschen sind auch im echten Leben auf der Suche danach. Hat man ihrer Meinung nach eine Art natürlichen Anspruch auf das Glücklich sein?

Pascale Graff:

Nein, das glaube ich absolut nicht. Ich glaube, man hat einen Anspruch darauf zu leben, auch sicher zu leben. Dann sind alle Möglichkeiten offen. Jeder hat Anspruch auf Zufriedenheit und auf Ausgeglichenheit. Aber auf Glück in einem definierten Sinne, nach dem Motto, alle bekommen Rente auf Lebenszeit, den perfekten Partner und gut geratene Kinder, wie will man das rechtfertigen?

Michaela Boland:

Sie haben einmal gesagt, dass ihnen beständige Zufriedenheit lieber sei als Glück. Aus welchem Grund?

Pascale Graff: Glück existiert gar nicht. Glück ist ein biochemischer Ablauf im Gehirn, der Zentren stimuliert, die uns durchdrehen ließen, wenn sie über einen längeren Zeitraum stimuliert würden. Man hat zum Beispiel herausgefunden, dass die Dopaminausschüttung bei frisch Verliebten genau gleich ist wie bei Schizophrenen. Das ist auf lange Sicht gar nicht auszuhalten.

Deswegen gibt es ja dann andere Hormone, die eben langfristiger zufriedener machen. Bei einer langen  Beziehung, nach zwei Jahren, im Idealfall, flacht dann das eine Hormon ab und das andere kommt, wenn man es überhaupt so lange schafft, in einer Beziehung zu bleiben. Deswegen glaube ich, dass Zufriedenheit schon allein die Abwesenheit von Unglück ist. Dass es einem also nicht sehr schlecht geht und dass man in Balance ist.

Michaela Boland:

Sind sie zufrieden?

Pascale Graff:

Ich bin zufrieden.

Michaela Boland:

Haben sie denn auch ihren Traumprinzen/-Mann schon gefunden?

Pascale Graff:

Nein, habe ich nicht. Aber ich bin zufriedener Single, sagen wir es mal so. Ich habe auch diese Phase meines Lebens durchlaufen, in der ich dachte, ich müsste einen Traumprinzen haben. Aber, wie so oft, ist es dann so, dass es eben doch nicht der Traumprinz ist. Aber wichtig ist, dass man dann eben weiter macht und sich nicht abhängig macht von der Definition.

Michaela Boland:

Ihre Romanfigur, Patrizia, hatte bereits zu Beginn der Geschichte als sie Sven, ihren späteren Dauerratgeber bei einem Selbstfindungsseminar kennenlernt, etliche frühere Veranstaltungen dieser Art hinter sich, wie sich schnell herausstellt. Was halten sie von Selbstfindungsseminaren?

Pascale Graff:

Ich war tatsächlich selbst mal auf so einer Veranstaltung. Das ist allerdings schon länger her. Ich fand das aber  eher sehr oberflächlich. Ich habe es mehr als eine Werbeveranstaltung für Leute aus dem therapeutischen Bereich empfunden. Es geht um simples Networking, aber wird in wahnsinnige Selbstfindung verpackt.  Man tauscht sich aus. Vielleicht ist es dann gut, wenn man einfach nur mal einen Anstoß braucht. Wenn es einen glücklich macht, soll man es machen.

Michaela Boland:

Bei der hohen Anzahl der Selbstfindungsangebote, gewinnt man hin und wieder beinahe den Eindruck, dass derartige Veranstaltungen schon inflationär werden. Bedeutet das, dass sich viele Menschen heute einfach nicht mehr zutrauen, ihr Leben eigenständig in den Griff zu bekommen bzw. den Sinn ihres Daseins selbst zu erkennen?

Pascale Graff:

Ich glaube, dass Menschen per se Herdentiere sind. Da gibt es immer Alphatiere, eine Struktur oder eine Hierarchie. Die Kirche  hat ja ganz lange diese Rolle übernommen, da brauchte man nichts in Frage zu stellen.

Ich kann mir vorstellen, dass es ein sehr beruhigendes Gefühl ist, zu wissen dass es ein Schicksal und einen roten Faden gibt, und dass man gar nichts zu machen braucht, weil es ohnehin so kommt, wie es kommen soll. Ich denke, dass einen das nicht in so eine Panik verfallen lässt wie der Gedanke, "hey, du hast das eine Leben, mach alles daraus, mache unmögliche Dinge".

Denn schon fängt man an zu überlegen, was könnte ich denn noch so alles machen? Menschen brauchen Halt und gehen in ganz viele verschiedenen Richtungen. Wenn es da niemanden gibt, der ihnen sagt, "du bist o.k., bleib doch einfach so wie du bist. Du bist auf der guten Seite der Macht, bleib  so und dann ist es in Ordnung", dann sucht man nach neuen Wegen und dann ist Spiritualität meiner Meinung nach ein ganz großes Thema.

Michaela Boland:

Sind wir möglicherweise durch romantische Holly- oder Bollywood-Filme heutzutage sehr versteift auf bestimmte Abläufe in puncto Liebe und Beziehung?

Pascale Graff:

Ein großes Ja. Ich habe mit vielen meiner Freundinnen auch schon darüber gesprochen, dass wir absolut Doris-Day-Rock-Hudson-geschädigt sind. Wir sollten eigentlich Selbsthilfegruppen aufmachen. Man sieht ja, was daraus geworden ist.

Rock Hudson war ja nun, wie wir alle wissen, nicht der Traummann für die Frauen. Uns wurde aber immer nur gezeigt, dass sie sich jetzt bis in alle Ewigkeit lieben. Und dieses Gefühl, das man hat, wenn man einen Film sieht, das sind ja auch Gefühle, die in dem Moment tatsächlich real ablaufen.

Dieser Endorphinausstoß, wenn man sieht, wie sie sich finden, sich treffen, der erste Kuss, das erlebt man ja und das will man dann später auch haben. Das hat man dann auch, aber das hört dann auch schnell auf.

Deswegen finde ich den Walt Disney-Trickfilm Merida im Augenblick auch ganz spannend, in dem die kleine Protagonistin zum ersten Mal keinen Traumprinzen oder Jungen an der Seite hat, sondern die wirklich kämpft und quasi auch jungenhafte Anteile hat. Das ist eine Revolution für Walt Disney. Ich denke, da gibt es jetzt einen Switch. Wenn ich Töchter hätte, würde ich ihnen keine Märchen wie Cinderella vorlesen.

Michaela Boland:

Wie viel Pascale steckt eigentlich in ihrer Romanhauptfigur Patrizia?

Pascale Graff:

Das ist immer so eine Frage. Da können wir auch durch die Thriller-Abteilung gehen. Ich lese ja sehr gerne Psycho-Thriller. Da sind aber häufig so unappetitliche Sachen bei, dass ich denke, das muss doch eigentlich ein Psychopath gewesen sein, der das geschrieben hat.

Bei dem Buch habe ich eine Struktur, einen Plan gehabt und das Gerüst anschließend mit Fleisch bestückt. Es lebt halt von den kleinen Momenten. Woher kommen eigentlich Einfälle und Inspirationen? Nun, ich bin Diplom-Psychologin, insofern ist es kein Wunder, dass das Buch sich um solche Themen dreht.

Ich denke, dass der Ton daher kommt, dass ich 42 bin und in dieser Generation aufgewachsen bin. Ich glaube, das ist auch symptomatisch für einen etwas zackigeren Stil. Dennoch empfinde ich beim Schreiben schon eine gewisse Distanz.

Die braucht man auch. Jedenfalls bräuchte ich sie, weil man sonst Mitleid mit der Person empfindet. Man lässt ja die Figur schon durch ziemlich schwere Sachen gehen. Man muss ja auch nicht zwangsläufig einverstanden sein, mit dem, was sie da so macht. Das Ganze ist ja mit Absicht sehr überzeichnet.

Michaela Boland:

Wie sie auf den  originellen Buchtitel "Glücksallergie" gekommen sind, haben sie in einem Interview so beschrieben, dass sie in einer Buchhandlung unterwegs waren, um eine Art Aufmunterungsliteratur für eine Freundin zu finden und dann den Einfall hatten. Hat womöglich die betreffende Freundin Ähnlichkeit mit einer der Romanfiguren? Immerhin hat die Protagonistin eine problembeladene Mittvierziger-Freundin, Annette, und eine problembeladene Mittzwanziger-Freundin, Leonie.

Pascale Graff:

Nein, nicht wirklich. Mir war wichtig zu zeigen, dass es in allen Altersstufen die ganz eigenen Problemchen gibt. Ich habe ja beispielsweise auch mit Klischees gespielt. Dieser Ägyptentourismus, den die junge Leonie in Anspruch nimmt, hätte ja eigentlich besser zur älteren Annette gepasst. Das ist mit Mitte Vierzig ja eher das Alter, wo so etwas passieren kann, und nicht bei einer gutaussehenden 25-Jährigen. Ich fand es lustig, mit solchen Klischees zu spielen.

Michaela Boland:

Sie erwähnten, dass sie Psycho-Thriller lieben. Inwieweit interessieren sie menschliche Abgründe, einmal abgesehen von ihrer beruflichen Qualifikation als Psychologin?

Pascale Graff:

Es gibt zum Beispiel auch eine neue Fernsehserie, die ich sehr mag. Sie heißt "The Walking Dead". Ich mag, wenn es einigermaßen intelligent ist. Wie schon gesagt, die Menschen sind Herdentiere und sie sind eigentlich gewalttätig und haben so einen Todesdrang.

Michaela Boland:

Sind sie auch immer noch als Diplom-Psychologin tätig?

Pascale Graff:

Ich habe jetzt vor Jahren mal eine Pause eingelegt, die immer noch andauert, weil ich mich zurzeit auf das Schreiben konzentriere und weil ich an einem Konzept arbeite, mit dem ich in die Richtung "Best-Ager-Beratung" gehen möchte. Ich habe das Gefühl, dass dies notwendig im Sinne von gefragt ist. Es gibt wenig Psychologen, die sich auf altersspezifische Krankheiten oder Syndrome spezialisiert haben.

Michaela Boland:

Ab welchem Alter geht das los?

Pascale Graff:

Eigentlich ab 55. Bei Frauen ist zwangsläufig die Menopause der Startingpoint. Bei Männern liegt die Problematik häufig bei Schlafstörungen, Alkohol oder Drogen.

Michaela Boland:

Sie haben zunächst in Frankfurt als PR-Assistentin gearbeitet. Wie verlief ihr Weg bis zur Autorin von Jugendbüchern?

Pascale Graff:

Ich habe als Sekretärin gearbeitet und zwar direkt nach der Schule. Ich musste Geld verdienen für die eigene Wohnung. Dann habe ich mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgemacht, bin schwanger geworden und habe verhältnismäßig spät, mit 30, angefangen, Psychologie zu studieren. Mit 35 war ich dann fertig, ich habe das zügig durchgezogen.

Michaela Boland:

Wie schafft man das mit Kind?

Pascale Graff:

Ich fand das erstaunlicherweise fantastisch. In der Arbeitswelt ist es ja so, es sei denn man eine komplett eigene Praxis, da muss man sich ja meistens mit Kollegen abstimmen. Wenn dann mal ein Kind krank wird und man muss Patienten warten lassen, ist das ja dann auch fatal. Oder, wenn man gar Termine absagen muss. Wenn jemand depressiv ist und sie sagen zweimal den Termin ab, macht das den Patienten nicht glücklicher. Das ist eine sehr hohe Verantwortung.

Aber so ein Studium, das kann man quasi von zu Hause aus machen. Man muss natürlich in die Uni, aber, wenn man da mal eine Vorlesung verpasst, kann man Kommilitonen fragen oder Skripten herunterladen. Das ging wesentlich einfacher. Das war wirklich eine sehr schöne Zeit, die ich keinesfalls missen möchte.

Michaela Boland:

Haben sie denn in dieser Zeit auch noch weiterhin allein für den Lebensunterhalt sorgen müssen?

Pascale Graff:

Ich habe in dieser Zeit BAföG bezogen.

Michaela Boland:

Sie waren mit 35 fertig, wie ging es dann weiter?

Pascale Graff:

Dann habe ich erst mal wieder angefangen, immer mal für vier Wochen weiter im Bereich Sekretariat zu arbeiten, da ich ja Geld verdienen musste. Nebenbei habe ich eine Praxis gesucht, bei der ich mit einsteigen konnte. Selbst konnte ich ja zunächst keine eröffnen, denn als Diplom-Psychologin hätte man eine Kassenzulassung benötigt. Das musste insoweit auf einer privaten Basis gemacht werden. Dort ging es um Verhaltenstherapie, was mir sehr entgegen kam.

Ich mache ja keine Psychoanalyse. Leute denken ja häufig, dass man Psychoanalytikerin ist und jeden gleich auf die Couch legen möchte, wenn man Psychologie studiert hat. Es ist genau das Gegenteil. Das Studium der Psychologie ist eine Naturwissenschaft und hat furchtbar viel mit Statistik zu tun.

Es ist die gleiche statistische Ausbildung wie die, die ein BWL er hat. Es ist auch genauso ekelhaft wie Mathematik. In diesem Punkt muss man sich entgrauen. Mir ist es aber sehr entgegengekommen.

Es  ist zwar sehr spannend, herauszufinden, was manchmal für Hintergründe dazu geführt haben, dass aus einem Menschen der wurde, der er jetzt ist. Das ist manchmal sehr faszinierend, weil es wirklich ganz unglaubliche Zufälle in Familiengeschichten gibt, dass man denkt, das kann doch einen Menschen nicht  unbewusst so beeinflussen, dass der dann jetzt so eine Verhaltensweise entwickelt. Ist aber so. Aber das interessiert mich nicht.

Ein Patient hat einen Leidensdruck und das muss behandelt werden. Dann versuche ich aber nicht, nach den Hintergründen zu bohren. Ich mache also keine psychoanalytische Gesprächstherapie, sondern, ich mache eine Verhaltenstherapie. Man guckt also, was man behandeln kann. Sachen wie Konfrontationstraining funktionieren wunderbar.

Michaela Boland:

Wann kam ihnen zum ersten Mal die Idee, zu schreiben?

Pascale Graff:

Ich habe immer geschrieben, habe es aber niemandem gezeigt. Mein Vater ist Schriftsteller, hat zwar ganz andere Themen, ist aber auch recht erfolgreich. Vielleicht ist das einfach so, wenn man sieht, dass es normal ist, dass Bücher veröffentlicht werden. Ich hatte irgendwie noch nicht mit dem Gedanken gespielt, irgendetwas zu veröffentlichen. Meine Freundin, Gabi Strobel, ist Lektorin und war die erste, die, nachdem sie einmal ein paar Sachen von mir gesehen hat, darauf gedrungen hat, dass ich einmal ein Exposé abgebe. Bedingung meinerseits war allerdings, dass sie nicht erwähnt, dass sie mich kennt.

Michaela Boland:

Wann kam das erste Buch heraus?

Pascale Graff:

2008. Das erste wurde im Rahmen der Reihe "Sternzeichen Liebe" veröffentlicht. Es war eine Produktion mit vier Autorinnen und jede hatte drei Sternzeichen. Dann hatte ich eine Reihe namens "Just Girls" in 2009 und 2010. Das Filmbuch zu Hanni und Nanni habe ich auch als Ghostwriter gemacht.

Michaela Boland:

Wann und wo schreiben sie am effektivsten?

Pascale Graff:

Ich schreibe am liebsten im Cafe. Am Laptop. Wobei ich auch durchaus ständig Zettel und meinen Kalender, der stets mit sämtlichen Bemerkungen versehen ist, bei mir habe. Ich muss das alles immer gleich notieren, denn sonst vergesse ich es wieder. Am effektivsten schreibe ich aber tatsächlich zu Hause auf der Couch oder am Tisch, mit eingeschaltetem Fernseher oder irgendeiner anderen Geräuschquelle, weil ich das brauche. Ich brauche immer Geräusche im Hintergrund. Dadurch dass ich das Zehn-Finger-Schreibsystem beherrsche, geht es ratz fatz.

Michaela Boland:

Das Thema Alzheimer behandeln sie in "Glücksallergie" ebenfalls. Warum war ihnen das wichtig?

Pascale Graff:

Das gehört zu den Dingen, die einen nicht loslassen. Außerdem wird es ja auch immer mehr ein Thema in unserer Gesellschaft. Im Rahmen meines Studiums hatte ich ein Praktikum bei einem Verein zur Unterstützung von Alzheimerkranken und deren Angehörigen. Da hat man beispielsweise mit sämtlichen Alzheimererkrankten einen Ausflug gemacht, damit die Angehörigen, die teilweise 24 Stunden rund um die Uhr für ihre Lieben da sind, auch einmal Sachen wie in Ruhe einen Kaffee trinken oder zum Friseur gehen können.

Da habe ich eine alte Dame betreut, die eine wahnsinnige Vorliebe für Puddingbrezeln hatte. Egal wie viele wir bereits hatten, wir konnten an keiner Bäckerei vorüber gehen, ohne dass sie dort hineingehen und ein solches Gebäckteil kaufen musste. Das hat mich wirklich sehr berührt. Das war für mich faszinierend, beängstigend und traurig zugleich.

Das hat mich schon nachdenklich gemacht. Man schaut sich dann gemeinsam alte Bilder an und sieht eine wunderschöne Frau und ganz tolle Kleider und offensichtlich ein Lebensstandart, der damals dem entsprochen hat, den wir heute haben, das hat einfach sehr nachdenklich gemacht.

Michaela Boland:

Was sind ihre nächsten Projekte?

Pascale Graff: Ein Erwachsenenroman, der aus der Perspektive eines Mannes geschrieben ist. Der wird auch eine sehr spezielle Störung haben.

Michaela Boland:

Versetzen sie sich leicht in die Denke eines Mannes?

Pascale Graff:

Das ist wirklich eine Herausforderung. Ich bin auch mit dem ersten Drittel noch nicht fertig. Aber eigentlich glaube ich, tief in mir, dass es gar nicht so viele Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, sondern eher zwischen Typen. Das ist jetzt eher so ein Bastian Pastewka. Ich stelle mir dann immer visuell die Verfilmungen vor. Dann geht es nämlich auch schneller. In zwei Stunden kann man sich dann durch so ein Buch durch denken.

Es schreibt sich dann ja leider nicht ebenso so schnell. Aber in diesem neuen Buch wäre der Protagonist so ein Bastian Pastewka. Ich glaube, so einen kann man dann auch eher nachvollziehen. So ein bisschen verstrahlt oder auch so ein bisschen nachdenklicher.

Nachdenkliche sensible Männer haben ja dann ihre weiblichen Seiten. Ich glaube, dass es dann deswegen geht. Ich habe mir aber wirklich vorgenommen, dass da noch mal ein Mann drüber gucken muss. Auch wenn es wahrscheinlich Frauen lesen werden, es ist ja auch für Frauen geschrieben, möchte ich aber nicht, dass es dann komplett unrealistisch ist. Mal schauen.

Michaela Boland:

In "Glücksallergie" ist Protagonistin Patrizia von sehr unterschiedlichen Männertypen umgeben. Der nach außen eher unspektakulär wirkende angehende Therapeut Sven sowie der Karriere-orientierte Anwalt und Smartguy David. Wer von beiden wäre im Sinne eines im Roman erwähnten Traummannes  eher nach ihrem persönlichen Geschmack?

Pascale Graff:

Ich glaube nicht an Traummänner. Ein Wunschmann, wäre jemand, mit dem man sich nicht streitet, mit dem man die restlichen Jahre, die man noch hat, in Einvernehmen und  gegenseitigem inspirierendem miteinander verbringen kann.

Michaela Boland:

Sie mögen expressionistische Kunst. Gibt es einen Lieblingsmaler?

Pascale Graff:

Gibt es eigentlich nicht. Wirklich. Ich finde manche Sachen von Picasso und Dali grandios, aber andere wiederum ganz schrecklich. Ich bin da genau wie bei Büchern. Ich gebe überhaupt nichts auf Namen. Es kann sein, dass ich eine Sache eines Malers ganz toll finde, aber deshalb ist das nicht mein Lieblingsmaler.

Es gibt einen Bildhauer, der mein absoluter Lieblingsbildhauer ist und das ist Rodin. Er hat die Psychologie in die Kunst hinein gebracht. Er hat als erster eine Manifestation der psychischen Zustände, wie Schmerz und Leid in die Bildhauerei gebracht hat. Da habe ich mir wirklich alle Bücher geholt.

Michaela Boland:

Was fasziniert sie an der Kunstrichtung des Expressionismus?

Pascale Graff:

Ich bewundere Menschen, die zeichnen können. Ich male auch selbst. Manchmal wird in wenig wahnsinnig viel transportiert. Es kommt ein Gefühl zum Ausdruck, obwohl es nicht gegenständlich ist. Ich finde sämtliche Sachen von Ausdruck faszinierend. Ich habe tatsächlich auch Bilder mit Bügeleisen gemalt. Mittlerweile ist das ganz konventionell, das nennt sich Enkaustik. Ich habe das 1992 mit einem Reisebügeleisen gemacht.

Michaela Boland:

Habe sie auch ausgestellt?

Pascale Graff:

Ich hatte in Cafés Ausstellungen, habe aber interessanterweise aufgehört, als ich schwanger wurde. Ich hatte sogar Galerien, die interessiert waren.

Michaela Boland:

Sie scheinen in ihrem Leben in der Regel ein recht gutes Zeitmanagement durchgeführt zu haben. Ist ihnen das leicht gefallen?

Pascale Graff:

Ich weiß nicht, wie ich das mache. Ich trenne mich von irgendwelchen Ansprüchen. Ich habe keinen Fünf-Jahres-Plan. Ich mache einfach weiter und ich glaube, dass wenn man das macht, was einem Spaß macht, dass sich die Zeit dann dafür findet, dass sich das ergibt. Ich sage dann nicht, "ich male jetzt ein Bild", sondern ich warte bis irgendwann ein komischer leerer Moment da ist, wo es sich dann genau anbietet.

Und dann trifft man jemanden, wo man es ausstellt, oder der es für sein Wohnzimmer haben möchte. So etwas ergibt sich. Genau wie ich auch beim Schreiben nicht offensiv meine Manuskripte an der Verlag geschickt und  gesagt habe, "ich will unbedingt". Ich bin ein Mensch, ich glaube zwar nicht, dass es Schicksal wäre, denn man muss ja schon etwas tun, aber wenn der richtige Moment da ist, dann ergibt es sich.

Michaela Boland:

Man kann also auf das Leben vertrauen?

Pascale Graff:

Ich glaube ja. Auf sich selber und auch auf das Leben. Es wird schon alles irgendwie.

Michaela Boland:

In diesem Sinne ganz herzlichen Dank für dieses Interview und alles Gute für ihre Zukunft.

Pascale Graff ist Diplom-Psychologin und Autorin, hat lange in Frankfurt gewohnt und dort unter anderem als PR-Assistentin  gearbeitet. Mittlerweile lebt und wirkt sie in Saarbrücken. Neben ihrer Leidenschaft für Tango Argentino schwärmt die Autorin für expressionistische Kunst. "Glücksallergie" ist ihr erster Frauenroman.

Pascale Graffs Roman "Glücksallergie" ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen. ISBN 978-3-86265-184-9

Infos unter: www.schhwarzkopf-schwarzkopf.de      www.amelie-verlag.de

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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07.08.2017 Seine Fans sind ihm wichtig

GFDK - Michaela Boland

2010 hat Michaela Boland für die GFDK den US-amerikanischen Musiker und Schauspieler Dan Reed gesprochen.

Seine Fans sind ihm wichtig. Nach jedem einzelnen Konzert nimmt er sich ausreichend Zeit für sie, macht Fotos, schreibt Autogramme und beantwortet jede Frage. Er ist ein Star zum Anfassen und das schon seit einer ziemlich langen Zeit.

Die folkigen Balladen rühren an. Zum Teil still und grüblerisch, aber immer voller Gefühl singt Dan Reed sich in die Herzen seiner Hörerschaft. Der smarte Sänger aus Portland/ Oregon mit deutschen, indianischen und philippinischen Wurzeln, der derzeit durch Europa tourt und sein neues Album „Coming up for air“ vorstellt, macht Eindruck.

Im schlichten Langarmsweatshirt und mit Jeans bekleidet, überzeugt der 47-Jährige nicht nur durch Natürlichkeit und Authentizität auf der Bühne, sondern lässt das Publikum auch musikalisch gekonnt in seine Gedankenwelt eintauchen.

Die selbstverfassten Texte des reflektierten Sängers handeln von Ungerechtigkeiten dieser Welt, von Hoffnung und Zuversicht, aber auch von der Sehnsucht nach der Liebsten.

Kaum zu glauben, dass Reed, der Ende der 80er Jahre als „next big thing“ gehandelt wurde, mit seiner damaligen Band „Dan Reed Network“ eigentlich geradezu sinnbildhaft für Funk und harten Rock stand und in Deutschland durch die 1987 veröffentlichten Hits „Get to you“ und „Ritual“ bekannt wurde.

Nicht nur äußerlich stark verändert, die lange Heavy-Metal-Lockenpracht wich einem Kahlschlag, trat der Mann, der ein Jahr lang abendliche Architekturkurse besuchte, um Häuser nach seiner Facon zu bauen, jetzt zur Freude seiner Fans endlich auch wieder einmal in deutschen Städten auf.

Nach Gigs in München und Unna habe ich Dank seines Hamburger Freundes, dem Musiker Attila Kormanyos, Gelegenheit, den sympathischen Star zu interviewen, bevor es schon bald weiter nach Bad Friedrichshall und Wien geht. 

Michaela Boland:

Dan, du bist der Liebe wegen nach Paris gezogen. Sprichst du eigentlich Französisch?

Dan Reed:

Nein, ich habe lediglich ein kleines Bisschen gelernt, aber nicht wirklich viel. Sprichst du?

Michaela Boland:

Ein Bisschen.

Dan Reed:

Das ist bestimmt besser als mein Deutsch.

Michaela Boland:

Du sollst deutsche Vorfahren haben. Entspricht das der Wahrheit?

Dan Reed:

Das ist richtig. Meine leibliche Mutter war zur Hälfte Deutsch.

Michaela Boland:

Wie weit reichen insofern deine Deutschkenntnisse?

Dan Reed:

Ich spreche leider kaum Deutsch. Ich verbringe bedauerlicherweise nicht genug Zeit in Deutschland und ich bin auch nicht bei meiner Mutter aufgewachsen, da ich nach der Geburt adoptiert wurde.

Michaela Boland:

Du bist noch ein wenig auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum unterwegs und hast hoffentlich Gelegenheit, noch das eine oder andere Wort aufzuschnappen. Kannst du eigentlich in einem Satz beschreiben, was es für dich bedeutet, auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen?

Dan Reed:

Ich glaube, es ist einfach dieses Gefühl, entweder eine Verbindung zu einem Thema ,dem Publikum oder auch zu einer Melodie aufzubauen, so dass man einfach den Eindruck gewinnt, eine Einheit mit dem zu bilden, was einen auch immer gerade umgibt.

Michaela Boland:

Erinnerst du dich noch an den Moment, an dem für dich klar war, dass Musik deine Leidenschaft ist, die du zum Beruf machen willst?

Dan Reed:

Hm, ich denke, dass muss irgendwie in der Kirche seinen Ursprung genommen haben als ich noch recht jung war. Dort habe ich im Chor gesungen und dann habe ich von meiner Tante das Orgelspielen erlernt. Anschließend im Alter von 12 oder 13 Jahren, begann ich dann damit, in der Kirche selbst Orgel zu spielen.

Außerdem habe ich zur gleichen Zeit auch noch Trompete in der Schule gespielt. Das war sozusagen meine erste Einführung in die Musik. Zwar wollte ich schon da immer Rock `n Roll spielen als irgendjemand eine Platte von Van Halen mit dem Titel „running with the devil“ mitgebracht hatte. Ich wurde also sozusagen durch sie „ruiniert“ (lacht).

Michaela Boland:

Spielst du denn zwischendurch auch heute noch Trompete? Man kennt dich ja eher mit Gitarre in der Hand.

Dan Reed:

Nein, eigentlich nicht. Allerdings hatten wir mal auf dem ersten Album von Dan Reed Network einige Blasinstrument-Parts. Und da habe ich, aber mehr oder weniger just for fun, einige kleine Hintergrundstrecken übernommen, in denen Hörner gespielt werden mussten.

Und dann habe ich auch einmal für eine tägliche Fernsehshow in Portland/ Oregon, versucht, an Weihnachten Trompete zu spielen. Das war ein christliches Lied und es war ein riesen Fehler (lacht).

Michaela Boland:

Wie oft warst du eigentlich schon in Deutschland?

Dan Reed:

Damals in 1989 und 1990 sind wir bereits durch verschiedene Clubs getourt. Und jetzt war ich schon zwei mal als Solokünstler in Deutschland. Im vergangenen Jahr und eben jetzt.

Michaela Boland:

Was magst du am meisten an diesem Land und seinen Menschen?

Dan Reed:

Oh, ich denke, Deutschland ist eines der am besten durchorganisierten Länder. Ich mag die Art sehr, wie in Deutschland ökonomisch gedacht und gehandelt wird. Schon allein, wenn ich an den Flughäfen beobachte, wie die Rolltreppen sich erst dann in Bewegung setzten, wenn man mit den Füßen auf ihnen steht. Das ist einfach sehr effizient und ich glaube, dass die Menschen durchaus sehr respektvoll mit ihrer Umgebung umgehen.

Michaela Boland:

Das heißt, diese Sache mit den Rolltreppen bist du aus den USA nicht gewohnt?

Dan Reed:

Nein, keineswegs. In Amerika lieben wir es, Energie zu verschwenden. Wir mögen es, wenn unsere Rolltreppen einfach die ganze Zeit über an sind. Das ist wirklich dumm.

Michaela Boland:

Du hast Musik an der Northern State University in Aberdeen studiert. Wie bedeutsam ist so ein Studium nach deinem Dafürhalten grundsätzlich für eine Musikkarriere?

Dan Reed:

Ich glaube, es gibt da keinen fest vorgeschriebenen Weg. Ich habe Musiker kennen gelernt, die haben sich schon in der Schule dem Musikstudium gewidmet und beispielsweise im Gitarrenspiel Zertifikate erworben und dennoch hatten sie es schwer, innerhalb der Musik Karriere zu machen.

Und dann gibt es auch wiederum solche Leute, die frustriert sind, weil sie einfach nicht genug Unterricht hatten, aber aufschreiben und aufnehmen können, was sie in ihrem Kopf hören, jedoch dann am Ende über nicht genug Wissen verfügen, um das ganze überhaupt ausarbeiten zu können.

Ich glaube, es gibt beide Pfade. Musiker wie Mick Jagger oder Bruce Springsteen. Sie wissen vielleicht nichts über Musiktheorie, aber sie sind großartige Songschreiber.

Auf der anderen Seite gab es eben auch jemanden wie Mozart, der sowohl in der Theorie als auch in der praktischen Umsetzung einfach einzigartig war und großartige Werke geschrieben hat. Letztendlich lässt sich wohl sagen, dass beides richtige Herangehensweisen sein können.

Michaela Boland:

Man kann also zumindest sagen, dass es keinen Nachteil darstellt, das Fach studiert zu haben, auch wenn man die Richtung Funk, Hard Rock oder Metal anstrebt?

Dan Reed:

Keineswegs. Ich kannte mal einen Piano-Spieler, der wie ein Irrer all die klassischen Stücke übte. Er war derart bewandert in klassischer Musik, aber konnte selbst einfach kein Stück hervorbringen, dass derart stark oder bewegend hätte sein können, wie das, was er zu spielen gelernt hatte. Es darf nicht zur Geißel werden.

Michaela Boland:

Nun hast du gerade Mozart erwähnt, hörst du dir auch schon mal klassische Musik an?

Dan Reed:

Vor ungefähr 20 Jahren habe ich mir regelmäßig jede Menge klassische Musik angehört, gerade wenn ich in meinem Auto unterwegs und ein wenig müde war. Aber genauso hörte ich mir schon mal Stücke von Frank Sinatra an, sowie Stück aus den Vierziger und Fünfziger Jahren. Doch jetzt habe ich all das schon eine ganze Weile nicht mehr gehört, aber ich würde jedem Musiker raten, sich all diese Dinge einmal anzuhören.

Michaela Boland:

Das Dan-Reed-Network-Projekt, mit welchem du ja zeitweilig sehr erfolgreich warst, ist schon eine ganze Weile vorüber. 1993 habt ihr euch nach mehreren Alben aufgelöst. Nachdem es zahlreiche Bands gibt, die schon mal ein Revival feierten, gibt es bei Euch womöglich auch die Chance auf ein Comeback?  

Dan Reed:

Nein, die Sache mit solchen Reunion-Tours und derartigen Dingen, ist ja immer, dass du eine Art Cover-Band deines eigenen Materials wirst. Bei so etwas haben die Menschen ja auch eine bestimmte Erwartungshaltung, dass man diese und jene Songs spielt, dass wir so und so laufen oder beispielsweise genau so und so die Rollenverteilung ist.

Da gibt es einfach eine zu große Gefahr, eine Parodie von sich selbst zu werden. Ich genieße augenblicklich einfach sehr das, was ich gerade tue.

Die Zusammenarbeit mit Musikern, mit denen man einfach ganz wundervoll zusammen spielen kann.. Es ist ja auch eine ganz andere Richtung als das, was wir mit dem Network gemacht haben oder mit dem Network jemals gespielt hätten.

Michaela Boland:

Hast du denn noch Kontakt zu den alten Bandkollegen vom Network?

Dan Red:

Oh ja, ich habe zu allen Kontakt und das ist schön.

Michaela Boland:

Zeitweise war in Kritiken über dein neues Album „Coming back for air“ zu lesen, dass man dort vergeblich nach Funk und Hardrock-Elementen sucht, stattdessen jedoch jede Menge gefühlvolle Sequenzen und Folkmusikparts vorfindet. Mit Sicherheit gibt es noch Fans aus der „Network-Ära“. Vermissen diese womöglich den etwas härteren Stil der vergangenen Tage?

Dan Reed:

Ja, ich hatte manchmal schon den Eindruck, dass manche Leute sich nach jenen Musikelementen zurückgesehnt haben.. Aber die meiste Zeit bekomme ich sehr positives Feedback. Weil jeder, der vor 20 Jahren das Network gehört hat, ist jetzt auch 20 Jahre älter geworden und somit sind wir ja quasi so etwas wie gemeinsam erwachsen geworden, was toll ist.

Michaela Boland:

Selbst wenn man dich nicht aus der früheren Dan Reed Network-Zeit kennt, ist, gerade wenn man Auftritte von früher mit heutigen auf Youtube vergleicht, auffällig, dass du einen ganz deutlichen Wandel durchlaufen haben musst. Damit meine ich nicht nur dein äußeres Erscheinungsbild, sondern deine komplette Anmutung erscheint wie ausgewechselt.. Was ist da geschehen?

Dan Reed:

Wow, das Leben, weißt du. Man geht eben durch diese Hochs und Tiefs. Ich habe in den letzten sechs Jahren beide Elternteile verloren.

Michaela Boland:

Das tut mir sehr leid.

Dan Reed:

Außerdem habe ich nach dem Network eine sehr düstere Zeitspanne durchlaufen, die von Drogen und Alkoholmissbrauch geprägt war. Ich verlor wirklich meinen Geist, meinen Antrieb, meine Richtung und in gewisser Weise auch meine Seele.

Dann folgte eine Periode des bloßen Reisens. Ich ging nach Indien und in den mittleren Osten um irgendwie einen Grund für mich zu finden, wieder Musik zu machen.

Als ich zurückkam, empfand ich eine weitaus größere Würdigung dafür, vor Menschen Musik spielen zu dürfen, ihnen ein wenig Freude in ihrem Alltag zu verschaffen, oder sie von ihrem Stress zu entspannen oder was immer es auch ist. Ich habe in jedem Fall wieder eine viel größere Wertschätzung für all dies empfunden.

Michaela Boland:

Und hast du auch in dieser Zeit deine Haare abrasiert? Als ich bei der Recherche älteres Fotomaterial von Dir mit jener Löwenmähne sah, konnte ich beinahe nicht glauben, dass du das gewesen sein sollst.

Dan Reed:

Also das erste Mal habe ich das schon 1990 gemacht, eine Woche vor der Rolling Stones Tour. Dann habe ich sie wieder etwas wachsen lassen als ich in Portland geschauspielert habe von 1992 bis 1994. Und nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, das Schauspiel erst mal nicht weiter zu betreiben, habe ich sie wieder abrasiert. 

Michaela Boland:

Beides sieht ja nicht übel aus.

Dan Reed:

Vielen Dank.

Michaela Boland:

Bedauerlicherweise stürzen und stürzten Rock-und Popstars relativ häufig in die Alkohol- und Drogenfalle. Was ist deiner Meinung nach die große Gefahr hierfür in dieser Branche? 

Dan Reed:

Nun, ich glaube bei mir war es einfach so, dass ich eigentlich nicht so sehr da hinein gerutscht bin, als ich in der Band war. Diese Dinge waren ja die ganze Zeit während meiner Zeit im Network um mich herum. Es ist natürlich nicht ohne, jeden Abend lange auf der Bühne zu stehen und am nächsten Tag dann wieder zu singen, aber da habe ich gar nichts angerührt.

Aber dann im Nachtclub (Anm. d. Red.: Dan Reed kaufte sich 1999 in den Blues- und Rockclub Key Largo in Portland ein, den er in einen Hybridclub umwandelte und in dem von 21 Uhr bis Mitternacht Livebands spielten und in dem sich von Null bis vier Uhr DJ`s austoben durften).

Von da an war ich noch wesentlich mehr ins Partygeschehen involviert, deshalb wurde das zur Gefahr. Das heißt jetzt ist die Herausforderung, alles irgendwie in Ballance zu halten. Ich versuche, einfach beizubehalten, ausreichend Schlaf zu bekommen, wenn ich am nächsten Tag singe.

Es ist wirklich eine Frage der richtigen Ausgewogenheit, ob man das Leben feiern möchte oder wie ein Mönch zwischen dem Leben zu sein. Ich halte es für schwierig, ausschließlich das eine oder das andere zu vollziehen. Das eine kann dich entspannen, das andere kann dich erleuchten. Daher versuche ich, ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden zu finden 

Michaela Boland:

Du sollst ja auch mit Mönchen zusammen gelebt haben. Wie hat dich das konkret beeinflusst?

Dan Reed:

Es war zunächst mal ein richtiggehender Schock bezüglich des Systems. Wenn du dich mit einer Gruppe von Menschen aufhältst, die sich den ganzen Tag auf Meditation und darauf, ihre Mitte zu finden, konzentrieren, um einen Weg zu finden, ein wenig anteilnehmender zu sein, bei jedwedem Schritt, den sie unternehmen. Also sowohl bei jedem rein physikalischen als auch jedem mentalen Schritt.

Ich hoffe natürlich, dass das in gewisser Formein reger Fluss ist. Nach der Eingewöhnungsphase war es dann jedoch zeitweilig sogar schwer, mir vorzustellen, jemals noch einmal etwas anderes zu tun für den Rest meines Lebens.

Aber dann realisierte ich schließlich, dass wenn ich Musik spielen wollte und umhertouren, dann würde ich eben nicht in einem Kloster leben können. Ich dachte einfach auch darüber nach, dass es schön sein würde, eines Tages eine Familie zu haben, das waren somit die Dinge, die mich dazu gebracht haben, das Kloster zu verlassen.

Aber es war ein großes Geschenk, all diese wunderbaren Seelen um mich herum zu haben, die mich lehrten, das Leben wieder zu schätzen und wie man zwischen dem Leben lebt. Das war immer bedeutsam.

Michaela Boland:

Kannst du es empfehlen, einmal eine solche Erfahrung im Kloster zu machen?

Dan Reed:

Oh ja. Ich denke, jeder sollte einfach einmal herumreisen und andere Kulturen kennen lernen. Zum Beispiel einmal nach Israel fahren und ein wenig mit der jüdischen Kultur herumhängen oder wenn du in den mittleren Osten reist und auf der palästinensischen Seite einfach auch mal mit jener Kultur abhängst. Je mehr unterschiedliche Gruppen du kennen lernst, desto mehr Werte kannst du daraus gewinnen.

Michaela Boland:

In einem Interview vor knapp einem Jahr hast du geäußert, dass du jetzt gerne eine Familie gründen würdest. Warst du in dieser Hinsicht schon erfolgreich, gibt es das schon von Fortschritten zu berichten?

Dan Reed:

(Lacht) Nein, bisher noch nicht .

Michaela Boland:

Du arbeitest aber noch daran?

Dan Reed:

Absolut.

Michaela Boland:

In deinen Lyrics auf deinem neuen Album „Coming up for air“ befasst du dich auch mit Themen wie Missständen und Ungerechtigkeit in der Welt. Da gibt es beispielsweise einen Song mit dem Titel „Dictator“.

Das dazugehörige Video ist eng mit dem legendären US-Spielfilm von Charles Chaplin aus 1940, „ Der große Diktator“ ,der eine Satire auf Adolf Hitler und den deutschen Nationalsozialismus darstellt, verknüpft.

Hast du den Eindruck gewonnen, dass Stücke wie dieses, die zum Denken anregen sollen, womöglich schon zu irgendwelchen Effekten in den Köpfen der Zuhörer geführt haben? Bemerkst du, ob da Denkprozesse in Gang gesetzt werden?

Dan Reed:

Das weiß ich nicht. Wenn ich einen Song schreibe, dann frage ich mich selbst, wie er mich empfinden lässt. Wenn er mich dazu inspiriert, mehr in diese Richtung zu denken, dann bin ich mit einem solchen Song zufrieden. Und ich bekomme auch jede Menge Feedback.

Da sind zum Beispiel gerade bei „Dictator“ Hunderte von Kommentaren von Leuten gekommen, die das Video gesehen haben. Es inspiriert sie, just in dem Moment, da sie es sehen. Ich denke am Ende des Tages zählt, wie du dein Leben lebst und wie du andere Menschen behandelst.

Deshalb glaube ich, dass jede Form von Musik, die dich dazu veranlasst, einfach ein wenig tiefgründiger zu denken und Mitgefühl als eine Art positive Gewalt zu sehen, doch schon etwas gebracht hat, so hoffe ich zumindest.

Michaela Boland:

Hast du eigentlich irgendwelche Vorbilder im Sinne eines Idols?

Dan Reed:

Mein Hauptidol ist Bruce Lee. Seine Geschicklichkeit, sein Antrieb waren schon immer etwas, das ich bewundert habe. Aber auch Elvis Presley und Alice Cooper. Allerdings auch Gandhi und den Dalai Lama. Menschen, die ihr Leben dem Zweck widmen, etwas zu verändern.

Michaela Boland:

In einem Interview mit der deutschen Sängerin Joana Zimmer, die Gandhi ebenfalls als ihr Vorbild beschrieb, erklärte mir die Künstlerin, dass Gandhi „sozusagen sexbesessen“ gewesen sein soll. Weißt du etwas darüber?

Dan Reed:

Nein, ich würde sagen, dass dies wohl das ist, was man als Gerücht bezeichnen könnte.(lacht) Also, ich habe all seine Schriften gelesen, war mehrfach in Indien und habe Menschen getroffen, die ihn kannten. Aber das höre ich jetzt zum ersten Mal.

Michaela Boland:

Wie gehst du beim eigentlich Songschreiben vor? Wartest du, bis die Muse dich küsst oder kannst du dich auch auf Kommando hinsetzten und ein neues Stück runterschreiben?

Dan Reed:

Als Musiker sollte man dazu in der Lage sein, beides zu können. Wenn jemand auf dich zukommt und dich fragt, „kannst du mir einen Song mit dem und dem Titel schreiben, aber ich brauche ihn schon bis morgen“, kann man das natürlich schaffen.

Bei mir war es zum Beispiel bei „ coming up for air“, dem Stück, das ich in Indien geschrieben habe, ein richtiger Schreibprozess. Es dauerte anderthalb Jahre es zu schreiben, ein weiteres Jahr für die Aufnahmen und ein weiteres, um es der Öffentlichkeit vorzustellen.

Für das nächste Album, das wir im Januar aufnehmen werden, war ich einige Wochen oben in Schweden in einem kleinen Haus und schrieb zehn Songs. Also ich habe mich eigentlich nur hingesetzt, mir überlegt, was ich ausdrücken wollte und geschrieben.

Also man muss irgendeine Richtung haben, eine Absicht, worum es auf dem Album gehen soll,. Solange die Intention von deinem Herzen kommt, glaube ich, dass die Menschen das hören können.

Michaela Boland:

Hast du auch etwas in Paris geschrieben?

Dan Reed:

Ich finde es sehr schwierig, dort zu schreiben, weil es in Paris all zu viel Energie gibt.

Michaela Boland:

Wohnt ihr denn mitten in Paris, in einem der Arrondisments oder ein wenig außerhalb?

Dan Reed:

Jetzt wohne ich gar nicht mehr dort. Wir habe unsere Zelte mittlerweile abgebrochen. Ich bin derzeit wohl ein bisschen so was wie heimatlos. Ich denke gerade darüber nach, vielleicht nach Schweden zu ziehen, aber ich bin mir noch nicht sicher.

Michaela Boland:

Warum kommst du nicht nach Deutschland? Wir haben hier ganz coole Rolltreppen.

Dan Reed:

(lacht). Danke für die Einladung.

Michaela Boland:

Was tust du überhaupt in deiner Freizeit?

Dan Reed:

Am liebsten schreibe ich. Zum Beispiel Stücke. Ich arbeite gerade an einem Stück über die Dan Reed Network Zeit und die Club-Drogen-Zeit, der anschließenden Reise nach Indien und später in den mittleren Osten und wie der Weg dann zurück zur Musik führte.

Allerdings ist all das nicht so sehr wie eine Biografie geschrieben, sondern völlig anders. Also daran arbeite ich gerade. Außerdem fahre ich sehr gerne Rad und liebe es, Filme anzuschauen.

Michaela Boland:

Was für Filme siehst du dir gerne an?

Dan Reed:

Im Prinzip alles. Ich bin allerdings besonders Fan des Science Fiction Genres. Die „Herr der Ringe“ Trilogie oder auch diesen kompletten „Harry Potter“- Stoff. Mein allerliebster Film auf der Welt ist „Blade Runner“. Außerdem Sachen von Ridley Scott, ich mag futuristischen oder apokalyptischen Stoff.

Michaela Boland:

Gibt es für das Stück, an dem du gerade schreibst, bereits konkrete Pläne für eine Bühnenaufführung oder eine Verfilmung?

Dan Reed:

Ich weiß es noch nicht. Derzeit habe ich einige Skripts in der Schublade, daher arbeite ich erst mal weiter und wir werden sehen, was die Zeit bringt. Innerhalb des nächsten Jahres werden diese Skripts erst einmal angeboten werden und dann wird sich zeigen, ob sich Leute finden, die Interesse daran hätten, das eine oder andere zu produzieren. 

Michaela Boland:

Du hast früher in Portland Schauspielunterricht genommen und ja auch selbst, wie du schon erwähntest, als Schauspieler gearbeitet. Wie stehen denn die Chancen, dass du auch deine Schauspielkarriere fortsetzt? 

Dan Reed:

Wenn jemand mich besetzen möchte und es sich dann auch für mich richtig anfühlen würde, wäre ich womöglich daran interessiert. Allerdings möchte ich mich augenblicklich auf jeden Fall darauf konzentrieren, sicherzustellen, dass meine Songs und die Tour mit ganzem Herzen bei der Sache durchgeführt werden.

Michaela Boland:

Bei gleich mehreren unterschiedlichen künstlerischen Talenten hätte aus dir nicht zwingend ein Musiker und Sänger werden müssen. Wäre auch noch etwas anderes in Betracht gekommen? 

Dan Reed:

Wahrscheinlich wäre ich Architekt geworden, denn ich liebe es, Gebäude zu zeichnen und zu designen.

Michaela Boland:

Hattest du insoweit auch mal Gelegenheit, dir La Sagrada Familia in Barcelona anzuschauen und wenn ja, sagt dir der neukatalanische Stil zu?

Dan Reed:

La Sagrada Familia ist eines meiner Lieblingsgebäude auf der ganzen Welt.

Michaela Boland:

Wie sieht es mit bildender Kunst aus? Interessierst du dich auch dafür?

Dan Reed:

Du meinst Bilder? Oh ja, sehr. Ganz besonders in Paris gibt es ja da jede Menge zu sehen. Ich mag die Werke von Claude Monet ausgesprochen gerne.

Michaela Boland:

Eure Tour führt euch jetzt noch nach Österreich, England und Frankreich. Wie wirst du zwischendurch das Weihnachtsfest verbringen?

Dan Reed:

An Weihnachten spiele ich eine Weihnachtsshow in Schweden.

Michaela Boland:

Du scheinst verhältnismäßig häufig in Schweden zu sein. Gibt es eine besondere Verbindung dorthin?

Dan Reed:

Die Schweden mögen meine Musik und ich mag natürlich, dass sie meine Musik mögen. Das ist sozusagen die Beziehung hierzu.

Michaela Boland:

Dann hast du ja besonderen Grund zur Freude, schon bald wieder dort sein zu können.. Hiefür, sowie für die komplette weitere Tour und das neue Album „Coming up for air“ wünschen wir dir alles Gute und weiterhin so viel Erfolg. Ein schönes Weihnachtsfest und ganz herzlichen Dank für dieses Interview. 

Infos unter:

www.danreed.com

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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07.08.2017 Auf der Suche nach dem Subversiven

GFDK - Angelika Wende

Im Jahr 2010 hat Angelika Wende für die GFDK mit dem Regisseur Alexander Biedermann ein Gespräch über seinen Film "Hacker" geführt. Heute im Jahr 2017 ist das Thema in aller Munde und täglich in den Nachrichten. Regierungen, Unternehmen aber auch Privatpersonen sind vor Hackerangriffen nicht mehr sicher.

Der Mythos vom Hacker, der in alle Computersysteme eindringt, jedes Sicherheitssystem knackt, jede Sicherheitslücke aufdeckt und alle Programme aushebelt, der gefährliche Viren, Würmer oder Ähnliches programmiert, liegt seit das Phänomen in den achtziger Jahren aufkam, in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität

Das Tun der Hacker, bewegt sich zwischen Cyper-Robin Hood und gefährlichem Kriminellen, zwischen Bewahrer und Zerstörer. Es ist eine Art Janusköpfigkeit, die dem Bild, das sich viele über diese Menschen machen, anhängt. Ohne zu bewerten, sind Hacker  Menschen, deren Antrieb es ist, die Grenzen unserer Computersysteme auszuloten und neu zu definieren.

Mit dem Dokumentarfilm „Hacker“ dringt der junge Regisseur Alexander Biedermann am Beispiel von fünf Hackern aus verschiedenen Generationen in diese fremde Welt der Cyperspace ein, die so Manchem auf eine subtile Weise Angst macht.

Ich treffe Alexander Biedermann und Marko Rogge, einen der fünf Protagonisten des Films, in einer kleinen Bar in der Darmstädter Innenstadt. Ich habe anderthalb Stunden Zeit für das Gespräch. Danach müssen sie zum nächsten Interview.

Das ZDF hat sich angekündigt. Der Debütfilm des 35jährigen Newcomers weckt das Interesse der Medien, das Thema Hacker, so scheint es, interessiert nicht nur Computerfreaks. 

Wieso dieser Film als Debüt, Herr Biedermann?

Alexander Biedermann:

„Mit einem kleinen Team und wenig Geld suchte ich nach einem Thema, das noch Erklärungsbedarf hat. Dabei ergab sich der Anstoß diesen Film zu machen, eigentlich durch einen Zufall.

2006 stieß ich auf die Geschichte des deutschen Hackers Karl Koch. Die Theorien um seinen Tod haben mich neugierig gemacht. Das war der Aufhänger mich dem Thema Hacker anzunähern. Ich wollte wissen: Was ist das eigentlich, ein Hacker?“

Angelika Wende

Sie begaben sich also auf die Suche nach Menschen, die der österreichische Soziologe Roland Girtler einmal „Freibeuter auf dem Meer des Internet“  nannte. Wie schwer war es an Hacker heranzukommen und wie haben Sie sie für Ihre filmische Collage gewinnen können?

Alexander Biedermann:

„Es gab noch ein anderes Motiv. Ich suchte nach einer subversiven Ausdrucksform. Ich habe ein Interesse an Leuten, die man als subversiv bezeichnet und es hat sich irgendwie auf die Hacker eingependelt.

Ganz so leicht war die Annäherung an diese Szene nicht. Gefunden habe ich sie Bei der ersten Hackergeneration der 80er Jahre stößt man schnell auf Widerstand. Man muss erst mal eine Vertrauensbasis herstellen.

Sie wollen mit dem Thema nichts mehr zu tun haben und haben sich zurückgezogen. Ich habe sie über den Chaos Computer Club gefunden und ihnen vermitteln können, dass ich keine Stereotypisierung  bedienen will, ich habe erklärt, es geht mir um die Ambivalenzen, darum einen authentischen Ton zu finden. Ich wollte das Gut - Böse Schema  relativieren.“

Angelika Wende

Ist Hacken, wie manche Hacker behaupten, eine Kultur oder eine Subkultur, die sich am Rande der Gesellschaft abspielt?

Alexander Biedermann:

„Diese Hacker haben eine starke Freiheitsliebe, sie haben enormen Eigensinn. Das hat subkulturelle Muster. Manche Hacker sagen es ist eine Kultur, sie wehren sich gegen den Begriff Subkultur. Zum Hacken gehören Werkzeuge wie in der Kunst und wie in jeder Form von Kreativität.“

Marko Rogge:

„Es ist eine Betrachtungsweise, die jeder für sich definiert. Eine Subkultur ist es sicher, weil man sich von anderen PC Benutzern distanzieren kann. Wir sind keine Administratoren, sondern vielmehr der Feind der Administratoren. Wir grenzen uns von den Kriminellen ab, die Programme schaffen um Leuten zu schaden.

Alexander Biedermann:

„Das drückt der Film aus. Es ist ein Feld von Individualisten, Leute wie Marko, die ihre ganz eigenen Codes leben. Da gibt es andere Leute vom Chaos Computer Club, die da sitzen mit ihren Computern mit RAF Symbolen im Zelt sitzen und sogar mit ihrem direkten Gegenüber nur über den PC kommuniziere. Die Fähigkeiten dieser Leute bilden den Zusammenhang, nicht ihre Haltung.“

Angelika Wende

Gibt es dennoch eine Typologie, so etwas wie eine gemeinsame Struktur, die diese Menschen ausmacht?

Marko Rogge:

„Kein Ehrenkodex, keine Hackerethik! Die Hacker der ersten Generation hatten eine Hackerbibel aufgestellt, wie ein Hacker sich zu verhalten hat.“

Alexander Biedermann:

„Was ich beobachten konnte ist zum Einen, das nicht akzeptieren Können von Grenzen, zum Anderen ist da eine spielerische Neugier in die Dinge und Vorgänge reingucken.

Die müssen das verstehen. Das ist fast schon ein zwanghaftes Verhalten, ebenso wie diese fast schon übertriebene Vorsicht und das Misstrauen, es könnte ihnen einer in die Karten gucken.

Angelika Wende

Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Biedermann:

„Wir hatten viele Probleme mit der Kamera. Als Medienmensch stößt man sehr schnell auf Widerstand, man muss sich erklären, ständig. Hacker haben eine große Empfindlichkeit, viel Skepsis, gerade wenn es darum geht persönliche Dinge zu fixieren.

Da reicht schon das Bild von sich, man will nicht die Kontrolle verlieren, eine Angst vor Kontrollverlust. Das steht auch mit dem im Zusammenhang: – Ich lasse mich von Computer nicht kontrollieren, deshalb will ich ihn verstehen und beherrschen.“

Angelika Wende

Denken Sie, dass das Thema „Kontrolle“ ein Motiv des Hackers ist?

Alexander Biedermann:

„Das Motiv des Hackers ist wohl, ich will diese Grenze überschreiten. Ich will derjenige sein, der die Leute kontrolliert.

Angelika Wende 

Hat das Hacken mit Macht zu tun? Ist das der Kick?

Alexander Biedermann:

„Ich denke ja.“

Marko Rogge:

„Die Frage ist ja, ist das ein Sicherheitssystem, wenn man es knacken kann? Die Kontroverse die ich dahinter sehe, ist: Ist ein Sicherheitssystem geknackt, wenn man in ein Unternehmen einbricht, das alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat und man darin eindringen kann?

Dann ist die Frage die man stellen muss: Sind es dann überhaupt Sicherheitsvorkehrungen? Und ist es überhaupt dann als Sicherheitssystem zu betrachten? Für neunundneunzig Prozent der Menschen ist es sicher – aber wenn einer reinkommt ist es das eben nicht.

Es ist also aushebelbar. Nach dem Gesetz ist es nur strafbar, wenn ich ein Sicherheitssystem hintergehe, wenn es aber aushebelbar ist, dann ist  da kein Sicherheitsmechanismus .Also umgehe ich das Sicherheitssystem nicht, weil es de facto keins ist

Angelika Wende

Welcher Antrieb liegt dem zugrunde?

Marko Rogge:

„Der Antrieb ist, ich zeige den Leuten, es ist nicht so, Ihr seid nicht sicher. 

Angelika Wende

Geht es neben dem Aspekt der Grenzüberschreitung auch um ein Zerstören?

Marko Rogge:

„Ja, wenn man eine Sicherheitslücke findet und bekannt gibt,  zerstören wir die Illusion, dass etwas sicher war. Genau das ist das Thema, was illusioniere ich den Menschen da draußen an Sicherheit?

Hacker sind vielen Leuten suspekt. Zum Einen, weil man sie nicht (er)kennt, zum Anderen, weil man nicht genau weiß, was die da tun und was sie alles verursachen könnten. Gibt es einen Grund Angst zu haben?

Alexander Biedermann:

„Die Technologie ist in die Intimsphäre des Menschen vorgerückt. Da ist dann der Gedanke, ich kann sie nur bis zu einem bestimmten Maße kontrollieren, aber die Hacker behrschen sie – also beherrschen sie auch mich ein Stück weit.

Angelika Wende

Marko, ist Macht ein Motiv für Sie?

Marko Rogge:

“Es hat mit Macht zu tun, das ist das Grundprinzip, ein Mix aus dem extremen Verständnis der Technologie plus dem Wissen, was den Menschen ausmacht und zwar, dass man im Menschen Angst erzeugen kann mit dem Wissen, das wir haben.

Da haben wir natürlich eine Macht. Wir haben Möglichkeiten Ängste zu schüren Da denken die Leute, der kann das, der muss ja Böses im Schilde führen. Was wir gar nicht wollen!“

Alexander Biedermann: 

„Allein die Existenz der Hacker reicht schon aus, dass wir eine ganze Sicherheitsindustrie erfinden müssen, die Geld und Macht bekommt, so wie es im Graubereich der PC Technologie Leute gibt, die Motive haben, die nicht nur positiv sind. Die können in dieser, von der Technologie so abhängigen Struktur Schaden anrichten.

Angelika Wende

Liegt da die große Ambivalenz, die in diesem Film mitschwingt? In der Verschiedenheit der selbstgewählten Mission der Hacker?

Marko Rogge:

„Das ist ja die Frage. Sind Hacker Kriminelle? Es wird aufgezeigt was möglich ist, nämlich genau zu den Steuerungen vorzudringen, durch eine mehrstufige Schadsoftware, wie Wurm in Kombination mit Trojanischem Pferd beispielsweise in Atomkraftwerke vorzudringen. Das macht Hacker so gefährlich, dass macht Hacker so gefährlich, weil sie einfach in der Lage sind eine Perfektion zu erreichen.“

Angelika Wende

Sie haben über viele Monate an dem Film gearbeitet. Sie haben fünf  Persönlichkeiten portraitiert. Haben sie in diesem Prozess Sympathie gegenüber dieser „Art zu sein“ entwickelt?  

Alexander Biedermann:

„Ich hatte die vorher schon, es ging mir ja um die Suche nach eigenwilligen Menschen, das ist für mich ein Ansatz überhaupt durchs Leben zu gehen, auch in meinen Freundeskreis lasse ich nur solche Menschen rein. Sie pflegen diesen besonderen Individualismus.

Das sind welche, die nicht zum Wohlgefallen anderer alles tun, die ihrer Sache verpflichtet sind, die treu ihre Eigentümlichkeit pflegen, koste es was es wolle. Es geht nicht immer um Geld, es geht um Leidenschaft.“

Angelika Wende

Gab es Momente, in denen Sie beim Drehen Schwierigkeiten  hatten?

Alexander Biedrmann:

„Ich hatte viele Schwierigkeiten beim Drehen.

Es war oft einfach kompliziert und nervig. Die Frage wo führt das denn hin, das hat die Sache erschwert. Da gibt es Situationen wo einer nicht gefilmt werden will. Sie stören sehr schnell die Situation, sie machen von ihrem Persönlichkeitsrecht sehr schnell Gebrauch.

Ich habe letzten Endes mit Menschen gearbeitet, die die Kamera als Bühne verstanden haben, die eine Botschaft haben, ein gewisses Sendebewusstsein. Dazu gehört auch Marko. Er ist bereit zu sprechen.“

Angelika Wende 

Marko, inwieweit haben Sie sich in die Karten schauen lassen? 

Marko Rogge:

„In meinen Privatbereich sicher nicht. Ich würde mir natürlich nie in dieses Kunsthandwerk hineinschauen lassen. „

Angelika Wende

Alexander, was glauben Sie, ist es, was sich hinter dieser Verschlossenheit verbirgt?

Alexander Biedermann:

„Nun, will nicht verallgemeinern. Sie haben Eigenheiten wie Arroganz, Vertrauensverlust, Narzissmus, Angst vor Kontrollverlust. Das macht diese Menschen aus, das transportiert der Film in den Zwischenzeilen.

Angelika Wende 

Haben Sie das Gefühl, dass Hacker einsame Menschen sind?

Alexander Biedermann:

„Es sind Menschen die Anschluss suchen. Meine Theorie ist, dass die intensive Auseinandersetzung mit der Maschine, es geht ja nicht nur um die Hacker dabei, sondern um die ganze Gesellschaft, um die Entwicklung der letzen Jahre, in denen der Computer und so extrem nahe an uns herangekommen ist und eine so wichtige Rolle spielt.

Da ist da schon die Frage: Wie verändert sich der Mensch überhaupt? Natürlich habe ich  den Focus auf Menschen gerichtet, die ihre Gedanken und Fantasien immer darauf beziehen. Da hat man nicht die Peergroupentwicklung, das hat soziale Auswirkungen. Sie sind sicher einsam.

Es gibt eine soziale Veränderung. Man teilt bestimmte „Intimitäten“ eher mit einer Maschine, die man früher vielleicht mit Freunden geteilt hätte.“

Angelika Wende

Marko, wie sieht es mit Ihrem sozialen Leben aus?

Marko Rogge:

„Die Theorie von Alexander ist richtig. Wenn man nicht aufhört damit und nur an der Maschine hängt, erleidet man einen gewissen Sozialverlust. Man wird im Zweifel zum Autisten. Natürlich kann man mit dem PC keine Nähe teilen. Aber andere Menschen erleben das auch, die tun mir dann noch mehr leid. Denn sie haben nicht einmal mehr die Leidenschaft für das Tun an sich.

Angelika Wende

Wie teilt man seine Leidenschaft fürs Hacken mit anderen Menschen und ist das überhaupt möglich?

Marko Rogge:

„Das Problem ist, dass man als Hacker immer wieder, egal wenn mich jemand was fragt, feststellt, das man im Gespräch zu viel an Wissen in diesem Bereich voraussetzt, dieses bisschen Voraussetzen ist schon achtzig Prozent zu viel vorausgesetzt. Man spricht eine andere Sprache. Und das will man nicht immer wieder erklären. Dann sagt man, ich erkläre es kein zweites Mal, geh halt.“

Angelika Wende

Marko, Sie simulieren Hackerangriffe für Firmen gegen Bezahlung und auf ausdrücklichen Wunsch der Firmen. Leben Sie Ihre seine Leidenschaft auf legale Weise aus?

Marko Rogge:

„Sicher.“

Angelika Wende

Alexander, der Film weckt Erwartungshaltungen. Was zeigt er über das Hacken selbst?

Alexander Biedermann:

“Dem Film wird zum Teil vorgeworfen er zeigt zu wenig. Zu wenig von, wie bricht man denn in ein Sicherheitssystem ein, wie geht man da genau vor.“

Marko Rogge:

„Aber das ist genau das was schwierig ist, sich in die Karten gucken zu lassen. Was gibt es da zu sehen? Ein paar langweilige Codezeilen.

Alexander Biedermann:

„Es gibt Prozesse in der ganzen Maschinerie, die man nicht beantworten kann. Warum habe ich den Film gemacht? Ich erkläre es mir mit der Suche nach der subversiven Kraft, den subversiven Elementen wo ich andocken kann, als Mensch selber. Vom hacken habe ich keine Ahnung.“ 

© angelikawende, 2010

Angelika Wende

Vita & mehr

  • Freie Journalistin und Autorin
  • Sprecherin, Moderatorin, Schauspielerin
  • Dreizehn Jahre Fernseherfahrung als Moderatorin und Nachrichtensprecherin beim Sender PRO 7 in München und im Zweiten Deutschen Fernsehen
  • OFF- Sprecherin für ZDF, Arte und Phönix
  • Freie Mitarbeiterin der Allgemeinen Zeitung Mainz
  • Presse-und Öffentlichkeitsarbeit für die Eventagentur oncue, Mainz
  • Kreation, Umsetzung und Saloniere des "Silbernen Salon"
  • Kreation, Umsetzung und Moderatorin des Kultur Salons Mainz mit dem Produzenten oncue event & communication
  • Inhaberin der Agentur workingforart
  • Kuratorin für das Kulturamt der Stadt Mainz:
  • "Leben ist Form - die Bildhauerin Irmgard Biernath"
  • Kuratorin des Kunstvereins Eisenturm in Kooperation mit dem Kulturamt Mainz: "Generationen"
  • Laudatorin für den Berufsverband Bildender Künstler (BBK) Rheinland-Pfalz
  • Freie Tätigkeit als Laudatorin in öffentlichen Institutionen und Galerien in Mainz, Wiesbaden, Berlin, Leipzig, Ludwigshafen, Kaiserslautern 

angelikawende@remove-this.aol.com

www.angelikawende.com

 

 

 

 

 

 

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06.08.2017 wirkt wie geradezu Balsam für die Seele

GFDK - Michaela Boland

Hier haben wir noch ein schönes Gespräch das Michaela Boland 2010 für die GFDK mit Jay Alexander geführt hat.

Wenn man sie hört, wirkt sie geradezu wie Balsam für die Seele. Interkulturell führt sie nämlich durch unterschiedlichste Epochen, Religionen und Kulturkreise. Die Rede ist von „PARADISUM“, der neuen Scheibe des Pop- und Klassik- Erfolgsgesangsduos Marshall & Alexander.

Nach „Götterfunken“ , dem ersten sakralen Album der ausgebildeten Opernsänger, welches Goldstatus erreichte, folgt jetzt erneut Musik, die mit spiritueller Anmutung ins Innere des Hörers vordringen will. Seit zwölf Jahren und 15 Alben singen sich Bariton Marc Marshall und Tenor Jay Alexander in die Herzen ihres Publikums.

Dabei überraschen Marc, der Sohn von Schlagerstar Tony Marshall, und Jay immer wieder mit unterschiedlichsten Stilrichtungen: Von Popnummern in englischer, französischer und italienischer Sprache , über hervorragende Interpretationen klassischer Stücke bis hin zum ersten deutschsprachigen Album „Freunde“, das sogar in Marcs elterlichem Wohnzimmer produziert wurde.

Kurz vor der großen Kirchentour 2010/2011 befinden sich die stimmgewaltigen Künstler auf Promotiontour. Michaela Boland sprach mit dem sympathischen Sänger Jay Alexander.  

Michaela Boland:

Ihr beide seid seit zwölf Jahren als erfolgreiches Gesangsduo zusammen. Fühlt man sich nach einer so langen Zeit schon wie ein altes Ehepaar?

Jay Alexander:

Alt nicht, denn zwölf Jahre sind ja für eine Ehe nicht wirklich viel Zeit, aber man kann schon sagen, dass es zwischenzeitlich so einen eheähnlichen Charakter hat. Mit allen Höhen und Tiefen, also allem, was man auch im normalen Ehealltag durchleben darf und manchmal auch muss (lacht).

Michaela Boland:

Wie gut kennt man einander nach einer solch intensiven Zusammenarbeit?

Jay Alexander:

Ich glaube schon, dass wir uns gut kennen. Wir haben beide das gleiche Sternzeichen, wir sind Löwen. Letzten Endes kann man einem Menschen nie ganz auf den Grund der Seele schauen.. Aber ich denke schon, dass man in dieser Zeit doch sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften am jeweils anderen festmachen kann.

Wir haben natürlich privat ganz andere Interessen und auch familiär gestaltet es sich unterschiedlich, denn ich habe kleine Kinder. (Anm. d. Red.: Vier Jahre und ein Jahr alt). Marc hat schon erwachsene Kinder und ist mir somit den ganzen Prozess, den ich jetzt durchlaufe, voraus. Er ist, was das anbelangt, jetzt schon wieder ein bisschen freier.

Ich habe insofern ein ganz anderes Privatleben als er. Was die musikalische Seite anbelangt, da ergänzen wir uns ja prima. Ich weiß aus dem Stehgreif gar nicht, ob es ein anderes Männerduo gibt, dass es so lange miteinander ausgehalten hat. Ich glaube, selbst Modern Talking hat es nur sechs Jahre gegeben.

Michaela Boland:

Ihr habt euch einst in Karlsruhe an der staatlichen Hochschule für Musik kennen gelernt. Marc ist acht Jahre älter als du, wie kamt ihr beide miteinander in Kontakt, nachdem ihr nicht dieselbe Abschlussklasse besucht haben dürftet?

Jay Alexander:

Ich war noch mitten im Studium, ich habe Operngesang studiert und auch den Beruf des Lehrers als Gesangspädagoge .Marc war ja schon längst weg von der Hochschule. Wir haben uns am schwarzen Brett kennen gelernt. Da hing nämlich der Probenplan für eine Oper, die wir gemeinsam singen sollten.

Man hatte ihn als Ex-Schüler quasi wieder geholt, um ihn für eine Rolle zu besetzen. Da habe ich ihn angesprochen und so hat man sich kennen gelernt. Nachdem wir die Probenphasen gemeinsam durchlebt hatten, wuchsen wir ein Stück weit zusammen und da hat sich eine Freundschaft entwickelt.

Michaela Boland:

Wann habt ihr euch dazu entschlossen, es als Gesangsduo zu versuchen?

Jay Alexander:

Nach dieser Oper haben wir dann verschiede Galas und Festivals gesungen und so wuchs das immer weiter zusammen. 1997 kam der Wunsch von mir, doch ein Soloalbum zu produzieren und Marc als Produzenten dazuzunehmen. Dann standen wir in einem Berliner Tonstudio und ich habe die Platte eingesungen.

Dabei kam es zu einem Lied, das von der Baritonlage einfach für mich als Tenor zu tief war. Irgendwann habe ich den „Battle“ hingeschmissen und zu Marc gesagt, „Sing du das doch“. Da hat er es eingesungen, während ich mir im Kopf eine zweite Stimme zurechtgelegt und das ganze auch mit eingesungen habe.

Das haben die Jungs von der Technik mitgeschnitten. Am Tag der Abhörsitzung hörte sich Thomas Stein von der BMG/Ariola (Anm. d. Red.: früheres DSDS-Jurymitglied, ständiger Gast der ChartShow (RTL) mit Olli Geissen und aktuelles Jury-Mitglied der RTL 2 Casting-Show „Popstars“) fand das auch alles gut und fragte abschließend, „habt ihr noch was“.

Da haben die Jungs dieses vermeintliche Duett herausgeholt, was eigentlich noch gar nicht fertig war und haben es ihm vorgespielt. Da hat er gesagt, „Stopp! Stoppt sofort alles. Ich suche schon seit drei Jahren nach so einem Männerduo. Wie das klingt, ist ja unglaublich, das möchte ich haben“.

Michaela Boland:

Heißt das, Thomas Stein ist euer heimlicher Entdecker?

Jay Alexander:

Im Prinzip. Er war der Entdecker von Marshall & Alexander, das kann man schon so sagen. Wir sind jedoch ein gewachsener Act, also nichts

Gecastetes, das ist schon sehr wichtig.

Michaela Boland:

Ich würde gerne noch einmal auf Karlsruhe, den Ort eures Kennenlernens zurückkommen. Mit welcher konkreten Intention hast du Marc Marschall seinerzeit am schwarzen Brett stehend angesprochen?

Jay Alexander:

Es hängt immer irgendwann ein Probenplan aus und eine Besetzungsliste. Und da stand eben schon einer am schwarzen Brett und hat die Besetzungsliste gelesen. Da habe ich mich dazu gestellt und dann kommt man natürlich ins Gespräch.

Ich wusste nicht, wer er ist und ich wusste auch nicht, wer sein Vater ist. Ich habe den Namen zwar gehört, aber ich konnte weder die „schöne Maid“ (Anm. d. Red.: Von Jack White produzierter Titel, mit welchem der als Herbert Anton Bloeth 1938 geborene und später in Hilger umbenannte, zum Opernsänger ausgebildete Schlagerstar Tony Marshall 1971 Megaerfolge verbuchte) noch sonst was irgendwie zuordnen.

Ich kannte Marc Marshall zwar von Erzählungen, dass er irgendwie ein lustiger Vogel sein sollte. Ja, so kam man eben irgendwie ins Gespräch und alles andere hat einfach seinen Lauf genommen.

Michaela Boland:

Hat Marc zu dieser Zeit bereits unter seinem Künstlernamen „Marshall“ firmiert?

Jay Alexander:

Nein, da lief er noch unter seinem Familiennamen, aber jeder wusste es eigentlich, dass er der Sohn von Tony Marshall war. Doch ich habe dem bis dato nicht so ein Gewicht beigemessen, weil ich von einem ganz anderen Feld gekommen bin.

Auch familiär ist es bei mir in einer ganz anderen Ecke angesiedelt. Wir haben immer völlig andere Musik gehört. Von daher bin ich eigentlich ganz unvorbelastet an ihn herangetreten und das war ganz witzig.

Michaela Boland:

Wenn es um erfolgreiche Opernsänger auch außerhalb der Opernbühne geht, kennt man seit vielen Jahren unterschiedliche Konstellationen. Die drei Tenöre, die aus Carreras, Domingo und Pavarotti bestanden, die jungen Tenöre, welche für Pop Classics stehen oder ADORO, das in Deutschland produzierte Musikprojekt mit fünf jungen Opernsängern, die aus 200 Bewerbern ausgewählt wurden. In dieser Zusammensetzung als Duo erscheint ihr hier geradezu einzigartig. Wie sicher wart ihr euch, dass ihr auch zu zweit erfolgreich sein würdet?

Jay Alexander:

Also ich denke mal, wir, Marshall & Alexander, sind vielleicht eine Fortsetzung von dem, was Zucchero und Bono oder Pavarotti & Friends für einen Konzertabend aus der Taufe gehoben haben. Im Prinzip haben wir das ja schon ein Stück weit übernommen, aber eben für immer.

Insoweit als wir eine Formation gegründet haben, die Klassik und Pop miteinander verfließen lässt und dieses Crossover praktisch als tägliches Brot umgesetzt hat.

Wenn man so ein Projekt startet, dann versucht man natürlich, alles daran zu setzen, dass es erfolgreich wird. Denn, wenn ich nicht daran glaube, brauche ich gar nichts in der Welt anzufangen, denn dann scheitert es von vorneherein. Einen gewissen Optimismus und ein starkes Selbstbewusstsein, das haben wir beide an den Tag gelegt. Dass das Ganze jedoch so seinen Lauf nimmt, konnte eigentlich keiner in der Form ahnen.

Ich muss auch sagen, es war auch von Anfang an nicht gleich ein himmelhoch jauchzender aufgehender Stern. Wir haben am Anfang Wahnsinns-Vorschußlorbeeren bekommen.

Und alle haben gesagt, „Mensch das ist ja der Wahnsinn und dann geht ihr zu „Wetten dass“ und wunderbar. Und dann denkt man gleich, wunderweiß, was los ist. Aber es kam eben nicht gleich „Wetten dass“ und die großen Sendungen, sondern es hat erst mal eine Weile gedauert bis es zu einem Erfolg gekommen ist.

Im Nachhinein denke ich, dass es auch ganz gut so war, denn so konnte man mitwachsen und wurde nicht gleich hochgepuscht, wie es heute mit den „Superstars“ (Anm. d. Red.: Anlehnung an das RTL-Format DSDS /Deutschland sucht den Superstar) geschieht.

Wir sind ein gewachsener Act und ich glaube, das ist auch das, was es ausmacht, was zum einen die Qualität betrifft und zum anderen den Umstand, dass es uns noch gibt.

Michaela Boland:

Betrachtet man eure Vita, sieht der Weg eigentlich wie eine pure Erfolgsstory aus. Ich zähle ohne „Paradisum“ bereits 15 Alben, mehrere DVDs, goldene Schallplatten und Auszeichnungen. Was ist das Erfolgsrezept? 

Jay Alexander:

Mit Sicherheit spielt die Qualität eine ganz große Rolle. Wir haben die Messlatte immer sehr hoch angesetzt. Es ist insoweit natürlich auch immer schwierig, dann ein Folgealbum zu produzieren, dass einem selbst und natürlich dem Publikum, unseren Fans und unseren Freunden gerecht wird.

Man macht sich da schon sehr viele Gedanken, das ist ein langwieriger Prozess. Und wir haben auch Alben dazwischen produziert, die eben nicht Goldstatus erreicht haben, andere wiederum haben Goldstatus erreicht.

Es ist doch immer wieder mit Aufs und Abs verbunden. Ich denke einfach, wir haben ein ganz großes Privileg.: Zum einen haben wir mit Edel eine ganz tolle Plattenfirma in Hamburg, die bis jetzt alle Wege mit uns gegangen sind. Manchmal sofort und manchmal auch ein bisschen kritischer, so auch unser Publikum.

Aber im Großen und Ganzen dürfen wir das tun, was wir wollen. Und wer kann das heute schon sagen als Künstler, sich einfach so auszuprobieren. Meistens bekommt man doch so ein Diktat von oben nach unten.

Auch wir mussten uns das natürlich hart erkämpfen, denn es war ja nicht so, dass das einfach selbstverständlich war. Man hat da in der Tat mit harten Bandagen gekämpft, um sich diese Freiheit zu schaffen.

Michaela Boland:

Mit welchen Widerständen musstet ihr dabei zurecht kommen?

Jay Alexander:

Mit vielen Bedenkenträgern und da muss ich sagen, habe ich auch oft daran gezweifelt. Marc war immer sehr optimistisch und hat dann doch wirklich an das eine oder andere Projekt geglaubt, von dem ich schon gesagt hatte, dass ich meine Bedenken hätte.

Und dann hat es sich im Nachhinein als super herausgestellt. Es gab aber auch Dinge, bei denen sich meine Bedenken bestätigt haben. Aber genau deswegen ist es gut, dass wir zu zweit sind, das ergänzt sich einfach wunderbar.

Michaela Boland:

Wie findet ihr einen Kompromiss, wenn ihr unterschiedlicher Meinung seid?

Jay Alexander:

Man hat natürlich auch mittlerweile so seinen Stab um sich herum und dann wird eben abgewogen. Letzten Endes muss die Plattenfirma das Ja oder Nein dazu geben. Wir fanden bis jetzt immer einen gemeinsamen Nenner.

Aber man muss auch das aussprechen dürfen, was einen bewegt und wo man vielleicht auch Bedenken hat. Ich kann nicht einfach von vorneherein zu allem ja und Amen sagen. Der Gedankenaustausch und die Kommunikation untereinander ist einfach so wichtig.

Michaela Boland:

Wie unterscheidet man eigentlich die verschiedenen Stimmlagen bei einer Einteilung in Sopran. Alt, Tenor und Bass zwischen Männern und Frauen? Du kommst ja beispielsweise als Tenor dennoch stimmlich in extrem hohe Sphären. 

Jay Alexander:

Bei den Frauenstimmen unterscheidet man Sopran, Mezzosopran und Alt. Bei den Männern gibt es Bass, Bariton und Tenor. Tenor ist das Höchste und Bariton, was Marc ist, liegt zwischen Tenor und Bass. So wie der Mezzosopran zwischen Sopran, also dem hohen Sopran und dem Alt liegt. 

Michaela Boland:

Wieder etwas gelernt, vielen Dank. Wenn es für männliche Stimmen erst beim Tenor anfängt und nicht beim Sopran, wo waren denn dann die Eunuchen stimmlich einzuordnen?

Jay Alexander:

Da gibt es ja wieder die Countertenöre, die liegen dann noch mal höher als der normale lyrische Tenor, den ich jetzt singe. Oder man spricht bei Knabenstimmen eben vom Sopran, bevor die in den Stimmbruch kommen. (Lacht). Eine Lehrstunde.

Michaela Boland:

Man lernt eben nie aus. Es war übrigens die Rede davon, dass ihr nicht nur in Terzen (Anm. d. Red.: Intervall in der Musik, das drei Tonstufen einer diatonischen/hepatonischen Tonleiter umspannt) singt, was typisch für euch sein und euren Sound ergeben soll. Warum ist das so bedeutsam?

Jay Alexander:

Es gibt diese typischen Schusterterzen (Anm. d. Red.: Bezeichnet in der Musik eine spezielle Art der Begleitung. Dabei wird zu einer Melodie eine zweite Stimme hinzugefügt, die eine Terz unter dem Melodieton liegt). Das liegt immer sehr nahe, gerade im einfachen Liedbereich oder auch im Volksliedbereich wird das gerne verwendet.

Das ist die einfachste Art, eine zweite Stimme zu der Hauptstimme zu singen. Arrangeure wie Richard Whilds (Anm. d. Red.: Arrangeur von Marshall & Alexander und ansonsten zuständig für Solo-Repitition an der Bayerische Staatsoper), der übrigens schon „Götterfunken“ fantastisch und erfolgreich arrangiert hat, den wir hier auch wieder zu Rate gezogen haben, und er schafft es eben, ganz raffinierte Harmonien zu kreieren.

Er kennt unsere Stimmen einfach sehr gut, hat sie für sich perfekt analysiert, und schafft es immer wieder, die Stücke, die ja meistens Solostücke sind, für uns zum Duett-Stück umzubauen. Das ist schon eine hohe Kunst. Es gelingt ihm stets, ein Lied, das einem eigentlich recht vertraut ist, wieder ganz woanders abzuholen.

Michaela Boland:

Warum habt ihr euch als Titel des neuen Albums für den Namen „Paradisum“ entschieden?

Jay Alexander:

Es heißt nicht umsonst „Paradisum“. Man spielt natürlich auch Demo-Stücke Freunden und Bekannten, sowie Leuten, die etwas davon verstehen, vor. Und es wurde immer wieder geäußert, „wow, das klingt richtig paradiesisch, Mensch, wo trägt mich das hin“. Es fiel während der ganzen Proben eben auch immer wieder dieses Wort.

Und dann haben wir irgendwann gesagt, „das Album wird Paradisum heißen“, denn es macht was mit dir, es transportiert dich irgendwo hin, in eine besondere Sphäre. Wenn man Paradisum als Utopie der Seele betrachtet, wird es ein Raum sein, den wir hier im irdischen Dasein nicht festmachen können.

Jeder Mensch sieht den Begriff Paradisum für sich selbst unterschiedlich. Das Album ist jedenfalls beim Anhören bezüglich der ruhigen Momente transparent und dann gibt es aber auch das Bombastische, das schon fast eine filmcharakterliche Anmutung hat. Es ist Richard Whilds einfach gelungen, so tolle musikalische Bilder zu zeichnen.

Maler und Bildhauer haben es vielleicht ein bisschen leichter als wir Musiker, wenn sie das Paradies erklären müssen. Meistens kreieren oder modellieren sie Engelsputten. Wenn man in Kirchen geht, sieht man am Kircheschiff oder an der Decke Englein, die den Weg zum Paradies weisen.

Ich finde, dann haben die es manchmal viel leichter, denn wir Musiker haben Liedvorlagen. Solche von alten Meistern, die schon Hunderte von Jahren alt sind. Man erarbeitet sie und will sie sich trotzdem zu Eigen machen, damit sie die eigene Note, den eigenen Stil bekommen..

Das ist, glaube ich, der Anspruch, dass man eine ganz eigene Interpretation dafür finden möchte. Wir müssen quasi mit den Tönen, mit unserer Stimme, in dem Fall den Weg ins Paradies aufzeigen. Ich glaube, ohne ein Eigenlob auszusprechen, das ist uns ganz gut gelungen.

Michaela Boland:

Seid ihr beide sehr gläubige Menschen? Deine Kinder tragen ja beispielsweise die biblischen Namen Elias und Johanna.

Jay Alexander:

Ich kann jetzt in dem Fall nur für mich sprechen. Ich bin sehr gläubig. Was heißt sehr gläubig? Ich bin christlich erzogen worden, mit Sonntagsschule, Jungschar und Jugendgottesdienst. Aber das habe ich in erster Linie meiner Mutter zuliebe gemacht.

Sie hat immer gesagt, „Du gehst sonntags in die Sonntagsschule“, und ich sagte oft, „ach, ich habe keine Lust, und dann immer diese Geschichten“. Irgendwann hat es mich aber dann selbst interessiert. Ich habe, was den Glauben betrifft, natürlich auch meine Höhen und Tiefen und habe zwischendurch meinen Weg verloren, also Gott, Glauben und Kirche.

Michaela Boland:

War das vor deiner Musikkarriere?

Jay Alexander:

Ja, das war vor meiner Musikkarriere. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich immer, wenn ich ein Problem hatte oder eine Mathearbeit anstand oder ich vor irgend etwas Angst hatte, dann war der liebe Gott auf einmal recht. Dann habe ich die Kommunikation zu ihm gesucht und immer gehofft, er hilft mir.

Wenn es mir gut ging, da war der ganz weit weg, dann habe ich keinen Dialog gesucht. Das fand ich irgendwann ungerecht. Als Heranwachsender, als sich endlich mal der Verstand eingeschaltet hatte, hat sich das dann geändert.

Ich habe jetzt in den letzten vier Wochen zwei ganz liebe Menschen durch Tod verloren. Am Montag wurde ein 71-jähriger Freund von mir beerdigt, der an Krebs gestorben ist und außerdem starb eine ganz junge Freundin von mir, die eben noch vor einem halben Jahr ein Baby bekommen hat.

Michaela Boland:

Das ist schrecklich, herzliches Beleid. Wie gehst du damit um?

Jay Alexander:

Ja, in solchen Fällen stellt sich immer die Frage, „warum lässt du das zu, lieber Gott, warum nur“? Aber das ist müßig und man bekommt auch keine Antwort. Ich habe gelernt, damit umzugehen, dass man einfach gewisse Dinge nicht in der Hand hat.

Wir sind nur Gast hier und es ist ein Geschenk, immer wieder aufs Neue leben zu dürfen, auch jeden Tag eigentlich schmerzfrei leben zu dürfen, obwohl wir uns oftmals über banale Dinge aufregen. Was ich damit sagen möchte ist, der Glaube ist nicht jeden Tag mit einem gleichen Parameter festzumachen.

Es gibt Höhen und Tiefen wie auch im Leben. Mal ist er verstärkt und mal nicht. Bei der Geburt meiner Kinder jedenfalls war er ganz stark da. Da fühlte ich mich Gott sehr nahe und seit die Kinder da sind, ist das Thema Glaube und Gott auch viel sensibler. 

Und was die Sonntagsschule anbelangt, die ich früher besuchte, das, was mir am meisten Spaß gemacht hat, waren eigentlich, die Lieder zu singen. Zum Beispiel „Großer Gott wir loben dich. Dies ist ja auch das erste Stück auf „Paradisum“.

Das Lied hat für mich reflektierend eher etwas Dunkles, Düsteres und Verstaubtes in der Erinnerung. Meistens ist die Kirchenorgel der Kirchengemeinde, die „Großer Gott wir loben dich“ singt, einen oder anderthalb Takte voraus. Es hat irgendwie nie gepasst und das war ätzend.

Aber Richard Whilds kam mit seinem Arrangement und als wir das im Studio beim Südwestrundfunk in Baden Baden, wo wir das Album aufgenommen haben, einspielten, ging auf einmal die Sonne auf.

Auf einmal hatte dieses Lied, was ja eine unheimliche Lobpreisung an Gott ist, so viel Licht und hatte tatsächlich etwas Lobpreisendes bekommen. Das ganze Lied erschien mir plötzlich derart lichtdurchflutet und das hat etwas wahnsinnig Positives in mir bewirkt und war ein richtiggehendes Aha-Erlebnis.

Michaela Boland:

Wenn Arrangeur Richard Whilds all diese uralten Stücke umzuarrangieren in der Lage ist, vermag er womöglich auch die Kunst der Mensuralnotation (Anm. d. Red.: Vorangetrieben durch die Differenzierung der Rhythmen entwickelte sich im 13. Jahrhundert die Mensuralnotaion)?

Jay Alexander:

Es ist so. Es würde wahrscheinlich zwei Tage dauern bis man den Menschen analysiert. Richard Whilds kommt ursprünglich aus der Punkszene.

Michaela Boland:

Wie alt ist er?

Jay Alexander:

Ich glaube , er ist 42 oder 43 Jahre alt. Als wir den zum ersten Mal kennen gelernt haben, da kam er auf uns zu, er ist ja quasi die rechte Hand von Kent Nagano (Anm. d. Red.: 1951 geborener US-amerikanischer Dirigent japanischer Herkunft und Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper), mit Springer Stiefeln an, Glatze wie ich, also Haare wegrasiert und hinten so einen langen Zopf. Er trug knielange Bermudashorts und ein langes Hemd.

Da habe ich gesagt, „wow, was ist das für ein Freak, das ist ja unglaublich“, um dann festzustellen, was dahinter steckt, dass er sich fast in allen Musikrichtungen auskennt und so ein wahrer Künstler ist, das war eine enorme Begegnung.

Michaela Boland:

Nach eurem Album „Götterfunken“ stellt „Paradisum“ ja nun schon das zweite sakrale Album hintereinander dar. Hat das womöglich auch etwas mit dem Glauben zu tun oder war es einfach aus einer Laune heraus? 

Jay Alexander:

Nein, es ist keine Laune. Zum einen muss man auch ganz klar sagen, wir haben mit „Götterfunken“ einen Erfolg an den Tag gelegt, mehrere Monate in den Klassikcharts zwischen Luciano Pavarotti und Anna Netrebko auf Platz zwei zu sein. Das war auch wirklich eine große Auszeichnung. Da sind wir beide auch stolz wie kleine Jungs, die sich da drüber freuen.

Das ist schon ein Geschenk gewesen. Danach noch mit Gold ausgezeichnet zu werden, auch das ist einfach eine tolle Belohnung. Die Plattenfirma hat das natürlich wahrgenommen, das ist klar. Ein großer Erfolg schlägt sich auch auf Zahlen nieder. Wir hatten dann das Glück, dass das ZDF die Reihe, „Die Top Ten des Himmels“ mit uns ins Fernsehen gebracht hat.

Am 25. Dezember, dem ersten Weihnachtsfeiertag nach dem Papstsegen, wurde diese Sendung im letzten Jahr zum zweiten Mal ausgestrahlt. (Anm. d. Red.: auch in diesem Jahr wird es am 25.12. eine weitere derartige Sendung mit Marshall & Alexander im ZDF geben). Irgendwann ist natürlich das Repertoire eines einzigen Albums dieser Art auch mal ausgeschöpft.

Michala Boland:

Verstehe und dann muss ein neues her .Das neue Album wirkt gerade auch durch orientalisch anmutende Titel wie „Daglar Ile, Taslar Ile“ durchaus multikulturell. Versteht ihr euch in dieser Hinsicht auch als Botschafter?

Jay Alexander:

Ich sehe uns beide nicht als Botschafter oder Prediger. Aber vielleicht gelingt es doch, die eine oder andere Brücke zwischen den Religionen zu schlagen. Wir haben auch häufig die Aussage von Leuten im Publikum erhalten, die nachher zu uns kamen und meinten, wir hätten es fertig gebracht, dass sie wieder in die Kirche kommen würden, nachdem sie eigentlich ausgetreten waren. Das ist doch ein wunderbares Gefühl, wenn man so etwas bei den Menschen auslösen kann.

Michaela Boland:

Wer sind in erster Linie eure Fans?

Jay Alexander:

Freunde unserer Musik, das klingt besser als Fans. Die Freunde unserer Musik sind eigentlich alle Wege mit uns gegangen, mal sofort, mal ein wenig kritischer. Sie liegen altersmäßig zwischen 15 und 106 Jahren. Die älteste Besucherin in einer Wehrkirche in den neuen Bundesländern war 106 Jahre alt.

Michaela Boland:

Was hörst du privat am liebsten?

Jay Alexander:

Alles. Anders als Marc höre ich alles, was kommt, rauf und runter. Wir sind ja sehr viel im Auto unterwegs. Ich kann es ja auch ausschalten, wenn es mich manchmal nervt. Dann genieße ich einfach nur die Stille. Die kann ja auch Musik sein. Aber genauso liebe ich die großen Klassiker wie meinen geliebten Mozart oder Puccini ebenso wie Verdi.

Was witzig ist, wenn ich mich ins Auto meiner Frau hineinsetze, den Zündschlüssel herumdrehe und die Musik automatisch angeht, dann weiß ich sofort, in welcher Stimmung sie gerade war oder ist. Das kann ich anhand der Musik festmachen. Das kann ich dann sofort analysieren, doch sie ist sich dessen gar nicht bewusst.

Michaela Boland:

Kommt deine Frau auch aus der Musik- oder Showbranche? 

Jay Alexander:

Nein, gar nicht. Sie arbeitet in einer Bank, wegen der Kinder allerdings nur zwei Tage. Aber sie wollte eben nicht ganz draußen sein, was ich auch verstehe und unterstütze. Mir ist natürlich wichtig, dass sie ihr Glück nicht nur innerhalb der Ehe oder im Dasein als Hausfrau und Mutter findet, sondern dass sie auch ihr persönliches Glück weiter leben kann. Dazu gehört eben einfach auch ihr Beruf, den sie sehr gerne ausübt.

Michaela Boland:

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Jay Alexander:

Wir sind uns vor Jahren begegnet und es war ein heißer Flirt. Es war ein Techtelmechtel, wie wir immer sagen, und das hat sich dann so im Sande verlaufen. Aber vor sechs Jahren bin ich abends als ich zu Hause war, nachdem ich von einer Tour gekommen bin, noch in eine Bar-/Restaurant gegangen.

Dort war sie ebenfalls mit ein paar Freundinnen und Freunden. Ich hatte sie zwar recht spät entdeckt, aber dann sofort wieder erkannt, obwohl wir uns beide etwas verändert hatten, nachdem ja auch etwas Zeit dazwischen lag. In jedem Fall hat es sofort wieder gefunkt, das war irre.

Am nächsten Tag habe ich mich dann gleich gemeldet und da war sie total krank und irgendwie komisch drauf. Da dachte ich, „Oh Gott nee, das ist alles gar nichts.“ Aber trotzdem ist seitdem das Feuer so entflammt, das war unglaublich.

Das einzige, was ich ein wenig bereue ist, nicht schon früher Kinder bekommen zu haben. Man muss natürlich den richtigen Partner beziehungsweise die richtige Partnerin haben.

Michaela Boland:

Du bist jetzt 39?

Jay Alexander:

Ja. Meine Frau war ja beim ersten Kind 27 und ich denke dann einfach, die Nerven sind mit 39 nicht mehr so wie mit 25. Insofern wünsche ich mir manchmal einfach, beim ersten Kind als Vater noch ein wenig jünger gewesen zu sein. Ich sehe das jetzt bei Marc.

Der ist natürlich mit 21 Jahren schon sehr früh Vater geworden. Das wäre für mich der Horror gewesen, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht so weit war. Da war Karriere und alles so wichtig. Das war es für Marc natürlich auch, aber der Aufgabe, als Vater gerecht zu werden, da muss man sich schon auf die Hinterbeine stellen, das geht nicht so einfach mal nebenbei.

Michaela Boland:

Derzeit bekommen doch immer häufiger Leute in reiferem Alter Kinder. 

Jay Alexander:

Ja, das ist ja gut. Eine Freundin von mir, die jetzt 41 Jahre alt ist, hat gerade ihr erstes Kind bekommen. Es ist auch alles dufte und wunderbar. Doch ich bin jetzt mal gespannt, wie sie es meistert. Eben gerade im Hinblick auf diese Nervensache. Du hast schließlich oft schlaflose Nächte, was ja wunderbar ist.

Also, ich liebe alle meine Kinder, denn man wird ja morgens immer wieder mit einem Lächeln belohnt und das ist alles vergessen. Aber es ist eine harte Zeit. Und du brauchst wirklich Nerven.

Daher kann ich jedem, der einen Kinderwunsch hat und wenn auch die Konstellation der Partnerschaft passt, nur raten, wartet nicht länger, denn es wird nicht besser. Auch im Hinblick auf die Karriere, denn das wird schon. Macht einfach! 

Michaela Boland:

Wie viel Zeit verbringst du denn mit deinen Kindern?

Jay Alexander:

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, folgendes zu vergleichen: Mein Schwager hat eine Managerposition in einem großen deutschen Unternehmen. Ich wollte einfach mal wissen, wie viel Zeit er hat, weil er jeden Tag abends nach Hause kommt, zwar spät, aber immerhin.

Da ich ja oft auf Tournee bin, wollte ich das einfach mal vergleichen. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich wesentlich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen kann, weil ich oftmals eine Woche oder zwei am Stück zu Hause bin. Ich kann mir die Arbeit einteilen.

Michaela Boland:

Wie bleibst du mit der Familie in Kontakt während du, wie jetzt, unterwegs bist?

Jay Alexander:

Wenn ich unterwegs und somit weg von Zuhause bin, dann hilft das Skypen mit dem Laptop oder telefonieren. Mit meinem Sohn klappt das schon super. Das ist sehr spannend. Aber ich muss schlucken, wenn ich verschiedene Entwicklungsstufen nicht mitbekomme.

Jetzt hat mir meine Frau gesagt, dass sie unserem Sohn nur noch die Sachen herauslegt und er sich jetzt schon völlig eigenständig anzieht. Ich würde ihn dann gerne in den Arm nehmen und ihm sagen: „Du bist mein Großer, ich liebe dich.“ Ihm das durch das Telefon zu sagen, wäre nicht dasselbe.

Das tut mir manchmal schon sehr weh. So ist es auch bei der Kleinen, die Zähne kriegt und ohnehin zur Zeit eine Papa-Phase hat. Vielleicht bin ich da auch ein wenig gefühlsduselig, doch womöglich liegt das in der Natur der Dinge, wenn man Musik macht.

Michaela Boland:

Als Popstar hat man naturgemäß häufig, wie du es so schön formulierst, jede Menge „Freunde der Musik“. Vor allem weibliche. Wann war dir klar, dass deine heutige Ehefrau für dich die wahre Eine ist?

Jay Alexander:

Man muss eines bedenken: Wir haben uns ja schon gekannt als ich noch ein unbeschriebenes Blatt war. Da gab es schon so eine Verbindung, doch da muss ich sagen, damals war ich derjenige, der „Stopp“ gesagt hat.

Michaela Boland:

Aus welchem Grund?

Jay Alexander:

Ich kann es gar nicht mehr sagen, aber das war so eine Phase (lacht), da hat man so viele Eisen im Feuer gehabt. Das war so eine Sturm und Drangzeit. Doch als wir uns wieder begegnet sind, da war da so viel Wärme drin. Zum anderen kann man es nie wissen, sondern nur fühlen, ob es die Frau oder der Mann fürs Leben ist.

In der Endkonsequenz kann man es ja nicht sagen, aber das Gefühl hat man. Ich bin ein Bauchmensch, ich fühle das. Ich habe sie damals gefragt, ob sie Kinder mit mir wolle.

Michaela Boland:

Etwa beim ersten Date?  

Jay Alexander:

Nein, um Gottes Willen. Das „Ja“ kam aber wie aus der Pistole geschossen. Das war so sicher. Die Mädels oder Frauen, die ich vorher kannte, die wollten erst mal ihre Karriere oder ihr Studium fertig machen und dann das und das. Und ich dachte immer, „Menschenskind, ich will aber Kinder“.

Michaela Boland:

Das war also schon ein sehr früher Wunsch von dir?

Jay Alexander:

Ja, das war ein Herzenswunsch, weil ich ein ganz tolles Elternhaus habe. Das wollte ich unbedingt selbst haben. Meine Frau wollte das mit einer solchen Sicherheit und einem solchen Selbstverständnis auch. Und was das Tolle ist, meine Frau lässt mich das Familienleben auch wirklich mitleben, selbst wenn ich nicht da bin.

Das fängt damit an, das sie beim Frühstück mit für mich eindeckt. Sie gibt den Kindern das Gefühl, dass ich trotzdem daran teilnehme. Wir skypen dann morgens. Es sitzen alle am Tisch und sie stellt den Laptop auf und dann reden wir miteinander, anschließend frühstückt sie, bevor sie die Kinder zur Kindertagesstätte bringt.

Es ist wichtig, dass sie mich auch während meiner Abstinenz in der Familie weiterleben lässt und da behält. Außerdem bewundere ich meine Frau sehr für das, was sie leistet. Mutter zweier Kinder und Hausfrau und Job, Wäsche machen und Kochen, Hut ab. Das kann man nicht hoch genug anerkennen.

Michaela Boland:

Du hast noch eine Schwester. Wie ist das Verhältnis zu ihr?

Jay Alexander:

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis,. Meine Schwester, die ist immer da. Sie ist sechs Jahre älter als ich und sie hat mir während meines Studiums unheimlich geholfen. Sie hat Germanistik, deutsche Literatur und Philosophie studiert. Sie hat zwei wunderbare Jungs, die jetzt zwölf und acht Jahre alt sind.

Letzte Woche traten wir im ZDF-Fernsehgarten auf, wo auch Reamonn auftreten sollte. Da hat mein Neffe, Carlos, mich gleich angerufen und gebeten, ihm unbedingt von Reamonn ein Autogramm zu besorgen, weil er sie so mag.

Ich selbst finde sie auch ganz großartig. Ich besorgte natürlich das Autogramm und Carlos hat mich dafür so herzlich umarmt und gedrückt, das war einfach toll. Die Jungs meiner Schwester sind für mich irgendwo auch ein Stück weit meine Kinder.

Also, ich habe einfach wunderbare Erlebnisse mit meiner Familie, daher war ja auch der Wunsch nach einer eigenen so groß. Ich denke auch, dass wenn das nicht stimmen würde, könnte ich nicht gut in meinem Beruf sein.

Michaela Boland:

Mit bürgerlichem Namen heißt du ja Alexander Pfitzenmeier. Wie bist du auf den Künstlernamen Jay Alexander gekommen?

Jay Alexander:

Das Jay kommt von Jochen. Jochen Alexander Pfitzenmeier ist mein bürgerlicher Name, so ein richtig typisch badischer Name. Ich heiße also eigentlich Jochen Alexander. Meiner Mama hat dann Alexander besser gefallen und dann wurde es nach der Geburt zu Alexander Jochen.

Und als wir Marshall & Alexander geboren hatten, meinte der Thomas Stein, „Menschenskinder, lass dir mal was einfallen, das Pfitzenmeier klingt nicht wirklich rund“. Ich habe kein Problem mit meinem Namen. Wenn ich klassisch auftrete, singe ich auch nach wie vor unter meinem bürgerlichen Namen.

Jedenfalls dachten wir zuerst, da ich ja indisches Blut in mir habe, denn der Vater meiner Mutter ist Inder, aus dem heutigen Pakistan und er hieß Jaswan Singh, dass ich mich auch Alexander Singh hätte nennen können. Das hätte sich auch gut angehört.

Aber dann habe ich gedacht, mach doch einfach J. Alexander. Dann brauchst du nichts zu verändern. So steht es ja eigentlich auch in der Geburtsurkunde drin, nämlich Jochen Alexander. Und dann hat man das J. eben einfach ausgeschrieben mit Jay.

Michaela Boland:

Ursprünglich hast du ja mal eine Lehre zum Offsetdrucker absolviert, also etwas völlig anderes als deine Passion.

Jay Alexander:

Meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich etwas Ordentliches lerne und eine Basis habe. Offsetdrucker ist schon auch etwas Kreatives. Ich habe alle Druckverfahren mitgemacht, ob Hochdruck oder Siebdruck, was meistens bei Flaschen und Dosen angewandt wird. Ich habe auch Tiefdruck gelernt.

Michaela Boland:

Was tust du in deiner Freizeit?

Jay Alexander:

Ich liebe alte Autos.

Michaela Boland:

Schraubst du an ihnen herum?

Jay Alexander:

Ja. Jetzt habe ich natürlich nicht mehr so viel Zeit, um daran herumzuschrauben. Ich liebe aber auch Armbanduhren. Es muss nicht immer das Hochwertige, Teure sein. Es muss mich einfach ansprechen. Und ich liebe Motorrad fahren.

Michaela Boland:

Was hast du für eine Maschine?

Jay Alexander:

Eine MV Augusta. Ich fahre sehr gerne schnelle Kurven. Ich halte mich auch unheimlich gerne in der Natur auf. Wir haben einen kleinen familiären Weinberg, wo ich mich betätigen kann, ich arbeite auch sehr gerne.

Michaela Boland:

Du schneidest bei der Lese dann auch selbst Trauben von Hand ab und zerstampfst sie später in einem riesigen Holzbottich mit nackten Füßen?

Jay Alexander:

Ich ernte ja, aber das andere nicht. Das wird immer so romantsch dargestellt, das wird ja heute ganz technisch gemacht mit einer Mühle.

Michaela Boland:

Gehst du auch schon mal mit deiner Gattin aus? Jetzt habt ihr natürlich die Kinder noch recht klein, aber man soll ja bekanntlich auch etwas für die Ehe tun. 

Jay Alexander:

Ja, es ist wichtig. Wir gehen beide unheimlich gerne ins Kino und wir besuchen gerne das Theater. Wir haben auch ein Theater- Abo. Das macht schon Spaß, aber es ist eher seltener, denn es ist genau, wie du sagst, die Kinder sind da und man will auch nicht permanent einen Babysitter.

Da hätte ich dann auch ein schlechtes Gewissen. Dann brauche ich keine Kinder. Das ist halt der Tribut, den man zahlt. Das geht nicht . Man kann dann nicht einfach alles haben und sagen, nach mir die Sintflut, aber jetzt gehen wir mal eben.

Wir haben oftmals eine tolle Party abgesagt, weil wir einfach dachten, dass wir das nicht machen können. Man meint manchmal, dass etwas auf der Strecke bleibt, dabei hat man das Wertvollste um sich herum. 

Michaela Boland:

Deine berufliche „bessere Hälfte“, Marc Marshall ist heute leider krank. Wie geht es ihm derzeit?

Jay Alexander:

Ja, ihn hat es erwischt. Er ist normalerweise ein Kämpfer, ein resoluter Typ, der resistent ist gegen sämtliche Keime. Da bin eher ich derjenige, der da mal schwächelt. Aber den hat es jetzt richtig umgehauen. Wir hatten Fernsehgarten, da hat er sich gerade so auf den Beinen gehalten, aber es geht ihm jetzt schon viel besser. Ich denke, dass er spätestens übermorgen wieder dabei ist.

Michaela Boland:

Dann an dieser Stelle gute Besserung an Marc. Lieber Jay, für dieses ausführliche und besonders schöne Gespräch recht herzlichen Dank. Für euer neues wundervolles Album „Paradisum“ viel Erfolg und für die Zukunft die besten Wünsche.  


Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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06.08.2017 das hat sich gewaschen, können wir sagen

MICHAELA BOLAND

Jürgen Drews denkt schon sehr lange über seinen Tod nach wie er nun mit 71. t-online erzählte. 2010 als er gerade 65 wurde haben ihn solche Gedanken noch nicht geplagt. Ganz im Gegenteil, wie man aus dem Gespräch, das Michaela Boland für die GFDK mit ihm führte lesen kann.

Nächsten Monat wird er 65 Jahre alt! Ansehen kann man es ihm wahrlich nicht. Mehr als 30 Jahre nach seinem Erfolgshit „Ein Bett im Kornfeld“ ist Schlager-Star Jürgen Drews jetzt erneut ein Supercoup gelungen: Mit „Ich bau dir ein Schloss“ katapultierte sich der Sohn eines Arztes erneut in die deutschen Top Ten.

Mit Michaela Boland sprach der selbstgekrönte Sommerinsel-Monarch jetzt über sein Erfolgsrezept, die Liebe zu seiner Frau, verabscheuungswürdigen Einmal-Sex, Jazz in L.A. und die Bildzeitungsente, die ihn fast die Karriere kostete.

Jürgen Drews befindet sich auf Promo-Tour. Seine Hit Single „Ich bau dir ein Schloss“ hat `reingeknallt`, denn innerhalb kürzester Zeit schoss der Song in den Deutschen Charts von Null auf 10. Seit Anfang Februar ist auch das Album „Schlossallee“ auf dem Markt. Jetzt gilt es, die Scheibe im Rahmen von Werbeauftritten an den geneigten Hörer zu bringen.

Üblich sind insoweit auch Touren durch Shopping Malls und heute stehen gleich mehrere Städte auf dem Programm. Es ist 18.30 Uhr und der Schlagersänger bereits 30 Minuten überfällig. Stau auf der A3. Beinahe 1000 Drews-Fans haben sich unter der lichtdurchlässigen Kuppel im Zentrum einer Einkaufsgalerie irgendwo zwischen Düsseldorf und Köln eingefunden und warten geduldig auf „ihren“ Jürgen.

Dann endlich ist es soweit .Ein großer schwarzer Citroen fährt vor. Der Hauptacteur, sein Fahrer, eine Assistentin und deren Kollege steigen aus.  Durch den Hintereingang soll Jürgen Drews nun unverzüglich von der wartenden Centermanagerin und  ihrem Sicherheitspersonal zur Bühne geschleust werden.

Gut sieht er aus und viel jünger als er eigentlich ist, wenngleich er auch ein wenig müde erscheint. Im Auto während der Fahrt von Essen hat er noch ein bisschen schlafen können, bevor er nun wieder völlig präsent auf die Bühne hüpft und die neuen Songs performt.

Ungewöhnlich forsch gestaltet sich die Verkaufsveranstaltung mit anschließender Autogrammstunde. Schon zu Beginn erklärt Jürgen Drews seinen Fans, dass er gar keine Autogrammkarten mitgebracht habe, aber gerne seine Signatur auf CDs und ähnlichem hinterlasse.

Die neue CD könne das Publikum käuflich erwerben. Und tatsächlich laufen schon zu Beginn der Performance mehrere Teammitarbeiter unentwegt mit hochgestreckten Armen und jeweils zwei Drews-CDs in den Händen durch die Menschenmasse, um nicht zuletzt mithilfe  körperlicher Präsenz direkt zum Kauf zu animieren.

Das Konzept geht auf, denn Drews hat trotz seiner beinahe 65 Lenze nichts von dem ihm anhaftenden Charme oder seinen gesanglichen Qualitäten eingebüßt. Fast möchte man meinen, der König von Mallorca zähle maximal 45 Jahre, so wendig bewegt er sich gleich einer geschmeidigen Katze auf der Bühne, seinem Zuhause. Die Frauenherzen fliegen ihm auch in dieser Stadt zu.

Nach über einer Stunde des Singens und Autogramme Schreibens, übrigens nicht nur auf CDs, sondern ebenso auf Zettel, T-Shirts und Damen-Dekoltees, ist die Arbeit getan und der letzte Fan mit Fotos fürs Familienalbum versorgt. Beim Abendessen steht der natürlich gebliebene Schlager-Star dann offen Rede und Antwort. 

Michaela Boland:

Nicht vielen Showstars gelingt es, auch noch nach 40 Jahren Bühnenpräsenz so gut im Geschäft zu sein und sogar wieder einen Top Ten Hit zu landen. Was machst du anders als andere?

Jürgen Drews: 

Weswegen ich noch bestehe oder weswegen ich noch da bin, dafür gibt es kein Geheimrezept. Ich bin so wie ich bin. Ich habe Glück gehabt, dass ich von der Gendisposition her noch einigermaßen gut drauf bin. In meinem Alter scheint das wohl doch nicht so unbedingt entsprechend zu sein, wie ich mich noch darstelle oder darstellen kann.

Michaela Boland:

Hättest du dir dies zu Beginn deiner Karriere vorstellen können?

Jürgen Drews:

Ich laufe aus dem Stand einen Marathon, ich laufe Ski und wenn ich mir dann mein Alter in den Kopf  beame, dann denke ich: Hallo? Was hast Du Dir mal vorgestellt, was Du machen wirst, wenn Du 50 bist oder sogar 60?  Ich habe mal ein Lied geschrieben und das ging folgendermaßen:

„Wenn ich mal 60 bin und meine Haare grau, im Gesicht viele Falten, wirst du dann immer noch zu mir halten?“ Ich am Krückstock und die Enkel um mich rum, so habe ich wirklich gedacht.

In der Zeit als ich meine Langspielplatten damals noch auf Vinyl gekauft habe, und irgendwer 50 wurde, habe ich sogar einmal gesagt: Von so `nem Opa kauf ich nichts. Und ich habe nichts mehr gekauft. Und so dachte ich natürlich, mich will doch gar keiner sehen, wenn ich 50 bin. Jetzt gehe ich ins Rentenalter. Ich sage es ganz  laut und deutlich: Ich werde 65 Jahre. Hallo?

Michaela Boland:

Wie hältst Du Dich fit?

Jürgen Drews:             

Die Bühne!

Michaela Boland:

Das ist ausreichend?

Jürgen Drews:  

Ich bin auf der Bühne. Ich mache nur ein Nischenprodukt. Das was ich tue, ist ja nichts Besonderes. Ich mache Party, darauf lege ich jetzt Wert. Es wird in diesem Jahr einen Titel geben von Frauenarzt und Onkel Jürgen. Ich lasse ja nichts aus. (Lacht). Der Titel heißt: „Monikas Sonnenstudio“ Bekloppter gehts nicht mehr. Das hält mich sehr wahrscheinlich dynamisch, weil ich mich auch damit therapiere. Ich glaube, wenn ich nicht auf die Bühne gehen könnte,  wäre alles anders. 

Michaela Boland: 

In den Siebzigern wurdest du primär als Schlagersänger wahrgenommen, seit vielen Jahren stehst du nunmehr beinahe Sinnbildhaft für den Partysektor. Hast du diesen Wechsel bewusst vorgenommen?

Jürgen Drews:

Ich bin durch Zufall in den Partysektor hereingeschlittert. Bei einem seriösen öffentlich rechtlichen Sender moderierte ich die Deutsche Schlagerparade. Damals gab es bei der Bildzeitung jemanden, der mich nicht mochte und den ich nicht mochte. Er war auch zufällig Unterhaltungschef. Er hat mir den sogenannten „gelifteten Hintern“ angedichtet.

Aufgrund dieser Ente verlor ich die Sendung beim öffentlich Rechtlichen, wo ich schon 66 Sendungen moderierte hatte. Da habe ich mich gefragt: In welchem Land lebe ich? Das ist himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Michaela Boland: 

Wenngleich du dir dein Gesäß auch nicht straffen lassen hast, wen kümmerte die ganze Angelegenheit derart?

Jürgen Drews:  

Die damalige Chefredaktion des SWR. Die sind alle gar nicht mehr da, das ist Schnee von gestern. Aber das hat mir die Weiche verstellt. Ich bin durch eine Ente, durch einen sogenannten gelifteten Hintern, auf einmal aufs  Abstellgleis geraten, wurde zur Persona non Grata, zur No-go-Area erklärt.

Michaela Boland:       

Wie bist du mit den neuen Gegebenheiten umgegangen?

Jürgen Drews:      

Ich habe zuerst lamentiert. Damals war ich gerade mit Ramona (Anm. d. Red: heutige Ehefrau) zusammen. Sie sagte zu mir: „Was regst du dich so auf? Du wirst hier nach noch einen richtigen Schub kriegen.“ Und ich fragte sie, was sie mir da erzählen wolle, denn obwohl ich mir sonst aus Altersunterschieden nichts mache, dachte ich ausnahmsweise bei mir: Meine Güte, du bist doch jung, was willst du mir altem Recken erzählen?

Michaela Boland:

Offenbar sollte sie Recht behalten.

Jürgen Drews:  

Ramona war gerade 19 und erklärte mir, dass ich doch nur überlegen müsse, dass die Leute nun neugierig sein und zu meinen Auftritten kommen würden. Selbiges ist passiert: Here I am. Als Thomas Gottschalk 1999 dann noch in der ersten Wetten dass-Ausgabe, die auf Mallorca stattfand, Costa Cordalis und Jürgen Drews als die heimlichen Könige von Mallorca bezeichnete, wurde die Weiche zum König von Mallorca von heute gestellt.

Und dass einer so bekloppt sein kann und sich im gesetzten Alter eine Gummi-Krone aufsetzt und einen Umhang umhängt, ich meine, da gehört schon einiges an Bescheuertheit dazu. Aber das ist für mich Therapie.

Michaela Boland:

Wogegen musst du therapiert werden?

Jürgen Drews:

Ich war früher ganz schüchtern. Ich war so verklemmt, dass ich fast als autistisch hätte bezeichnet werden können. Und mein Vater, der ein sehr guter Arzt war, hat mich da heraus geholt, indem er mir eine Gitarre in die Hand gedrückt und damit den Schlüssel dazu gelegt hat, dass ich irgend etwas Musikalisches mache. Allerdings hatte ich mir nie vorgestellt, dass ich dabei bleiben würde.

Michaela Boland:       

Wie wohl fühlst du dich in einem Musikbereich, den du nicht ursprünglich gewählt hattest?

Jürgen Drews:

Ich fühle mich pudelwohl, seit ich Party mache. Erst jetzt habe ich ja gesagt, dass ich das erste Mal nach 20 Jahren wieder Schlager anfasse. Einfach noch mal eine LP Schlager. Dies lag auch nur daran, dass einige Disc Jockeys, die im Partybereich vor jungen und junggebliebenen Leuten arbeiten, mir dazu geraten haben. Sie forderten mich dazu auf, doch noch einmal so etwas wie „Irgendwann, irgendwo, irgendwie“ zu produzieren, denn sie wussten, dass dies auch bei Jugendlichen ankommt. 

Michaela Boland:   

Was genau macht den Unterschied zwischen klassischem Schlager und Partysong aus?

Jürgen Drews: 

Bei Party hast du immer einen Off-Bass spielen, das heißt, zwischen der Eins und Zwei(Takt) spielt  der Bass öfter on.

Michaela Boland:  

Was bedeutet für dich Glück?

Jürgen Drews:        

In meinem Alter kann es eigentlich nur noch Gesundheit sein. Das heißt, man kann von Glück sagen, wenn man gesund bleibt. Aber das richtige Glück ist ja eine ganz temporäre Geschichte, das gibt es, glaube ich, nur im zwischenmenschlichen Bereich. Das kannst du dir nicht erkaufen.

Michaela Boland:     

Bist Du ein glücklicher Mensch?

Jürgen Drews:  

Ja, ich bin mit Ramona jetzt 19 Jahre zusammen.  Habe ich gestern gerade von ihr erfahren. Sie sagt, wir sind nicht 18 Jahre zusammen, wir sind 19 Jahre zusammen. Wir sind nicht 15 Jahre verheiratet, wir sind 16 Jahre verheiratet.

Michaela Boland:  

Muss dir das deine Frau sagen? Ist dir so etwas nicht automatisch bewusst?

Jürgen Drews:

Nein, ich habe sowieso viele Sachen nicht auf dem Schirm. Ich weiß, dass sie 1973 geboren ist. Ich müsste jetzt jedes Mal rechnen, wie alt ist sie jetzt eigentlich? Aber mich interessiert das echt einen Scheißdreck! Weil Geburtstage und Jubiläen, alles das feiere ich nicht.

Michaela Boland:   

Selbst Geburtstage möchtest du nicht feiern?

Jürgen Drews:  

Nein, ungern. Als ich beispielsweise 50 wurde, da war ich gerade mit Ramona zusammen, Joelina war noch im Bauch, unsere Tochter. Da sind wir nach Paris gefahren.

Es war ein wunderschöner Sonnentag, der 2. April und wir beide sind Hand in Hand durch Paris geschlendert bis wir an der Seine irgendwann ein wunderschönes Fischrestaurant fanden, wo wir ,ich trinke ja sonst keinen Alkohol, jeder ein Glas Champus getrunken haben, uns in die Augen geguckt, ein paar Tränchen vergossen haben und was Schönes bestellten.

Das ist mein Geburtstag! So etwas finde ich toll. Halli Galli brauche ich privat nicht. Beim 60.sten sind wir zusammen in Skiurlaub gefahren, in den Stangelwirt  nach Kitzbühel, da haben sich noch vier Leute dazu gesellt, weil es sich so ergeben hat. Das war aber die größte Party, die ich gefeiert habe. Ich feiere privat keine Partys. 

Michaela Boland:  

Der Bedarf ist also gedeckt?

Jürgen Drews:        

Das ist ja das Schöne, weil ich ja von Natur aus nicht so bin, ist es ja so geil, beruflich Party feiern zu dürfen. Ich sage jetzt ganz bewusst „dürfen“. Ich gehe ja die Generationen durch. Das beginnt bei 18 und hört so bei 50 auf.

Michaela Boland:   

Es gibt innerhalb deiner Garderobe einen besonderen Anzug mit auffälligen kleinen roten Punkten, den du verschiedentlich bei Auftritten immer wieder getragen hast. Ich bezeichne ihn als den „Hollymünd-Anzug“, nachdem du ihn gerade in dieser Sendung wiederholt getragen hast. Du nennst ihn den „Schlafanzug“. Was hat es damit auf sich? 

Jürgen Drews:   

Das ist ein typischer Ibiza-Anzug. Den haben übrigens Howard Carpendale in blau und Rod Stewart auch. Rod Stewart, der hat ihn ebenfalls in blau. Daher hat Howard Carpendale das wahrscheinlich.  Rod Stewart habe ich damit auf der Bühne gesehen, mit meinem Anzug.

Michaela Boland:  

Würde es sich da nicht anbieten, einmal gemeinschaftlich mit den Kollegen in jenen bepunkteten Anzügen aufzutreten?  

Jürgen Drews: 

Wir haben schon mal gemeinsam eine Frau gehabt, der Rod Stewart und ich.

Michaela Boland:  

Ob dies wohl ein guter Anfang ist, um ins Gespräch zu kommen?

Jürgen Drews:

Heißt Britt Eklund. Als sie mit ihm auseinander ging, hatten wir...Hammer.

Michaela Boland:   

Es gab in Deinem Leben ja schon die eine oder andere Frau. Erinnert man sich da eigentlich noch an alle?

Jürgen Drews:    

Ich glaube, dass ich das noch gut überblicken kann, wie viele Frauen ich hatte, denn ich hasse eines und jetzt kann ich diesen blöden Spruch machen: Ich bin kein Mann für eine Nacht. Das ist der dümmste Spruch, den ich überhaupt je gehört habe. Aber es ist so, dass es mir erst dann Spaß macht, mit einer Frau zusammen zu sein, also so war es früher, wenn man ein paar Mal zusammen war.

Dann spielt man sich aufeinander ein. Denn für mich gilt nicht nur der Befruchtungsakt, dazu gehört sehr viel mehr, aus meiner Sicht der Dinge. Das mag nicht jeder nachvollziehen können, aber für mich ist das Eine nicht das Wichtigste. Das ist der finale Punkt, aber bis es dahin kommt, da passiert für mich schon etwas anderes.

Michaela Boland:

Als Showstar erhält man nicht selten eindeutige Angebote. Wie gehst du mit so etwas um?            

Jürgen Drews:  

Wenn mir eine Frau sagen würde, und ich habe ja schon gesagt, ich bin ein Hemmungstyp, wenn mir eine Frau also früher gesagt hat, „Ich bin so geil auf dich, komm ich brauch dich jetzt“, ich habe so etwas ja auch gehört, dass ich echte Aufforderungen hatte, dann habe ich immer versagt. Ich wusste es und habe gar nicht erst ja gesagt. Ich sagte dann, nein, ich weiß auch nicht. Denn, dann hatte ich typischen Schiss, dass ich versage.

Michaela Boland:

Wie hat deine heutige Gattin, Ramona, Dich in ihren Bann gezogen?

Jürgen Drews:  

Es geschafft, mich zu domestizieren?

Michaela Boland: 

Du sollst dich mächtig ins Zeug gelegt haben, hat Ramona einmal berichtet. Da soll ja auch Fischer-von-San-Juan-Sänger ,Thommy Steiner, noch mit im Spiel gewesen sein. Musstest du lange kämpfen? 

Jürgen Drews:   

Ja, nein, es war anders, ich musste gar nicht. Doch, ich habe nachher... Es war so, erstens Tommy Steiner ist ein sehr gut aussehender Typ.

Michaela Boland:

Ist Tommy Steiner nicht jener Sänger, der kaum noch Haare auf dem Haupte aufweist?                     

Jürgen Drews:   

Ja, hatte er damals aber noch, Punkt eins. Er hatte gerade eine Hauptrolle in einem Schauspiel und lange Rede kurzer Sinn, ich erzähle die Geschichte mal, denn ich werde darüber eigentlich nie befragt. Das ist außer mir der einzige Mann, der Ramona so kennen lernen konnte, wie ich sie kenne, zwar nicht en Detail, denn dafür war die Sache zu kurz, aber immer hin.

Für mich ist das Fürchterlichste, einen One-Night-Stand zu haben, deswegen habe ich auch nicht viele Frauen in meinem Leben gehabt. Sondern, ich baue immer eine Beziehung auf.   Das war eigentlich in der Phase, in der ich aus einer Beziehung heraus kam, aber eigentlich noch nicht ganz draußen war.

Michaela Boland: 

Wie hast du die Problematik gelöst?

Jürgen Drews:     

Diese Frau und ich wohnten bereits nicht mehr zusammen, aber sie wusste schon, dass es auseinandergeht. Und da hatte ich ein paar Verhältnisse parallel, in verschiedenen Städten. Ich habe auch alles erzählt. Die wussten alle, wie ich lebe, dass ich mit der Frau noch zusammen war, aber langsam auseinander driftete.

Eine davon war Ramona. Die wusste dann von allen, weil ich alles erzählt habe. Und es dauerte ihr einfach zu lange bis ich mich von der Frau trennte. Von den anderen Verhältnissen trennte ich mich dann und mit Ramona war ich noch zusammen.

Und ich habe ihr gesagt, dass ich der Frau, mit der ich noch nicht ganz auseinander war, nicht so weh tun möchte, denn es ging ja ohnehin bereits auseinander, sie ahnte ja auch, dass da was war. Ich bat Ramona noch um ein wenig Zeit, sie wollte allerdings wissen, wann es denn nun endlich soweit sein würde. .

Wir Männer sind ja sowieso Weicheier, ich ganz besonders. Ich sagte, das kommt schon irgendwann. Doch dann kam es dazu, dass Ramona,  eigentlich nur durch mein Zutun, Probeaufnahmen machen sollte, in einem Film, in dem Tommy Steiner als Hauptrolle mitmachte.

Sie rief mich an, um mitzuteilen, dass man sie nochmals zu einer letzten Festivität anlässlich der Aufnahmen an den Wörthersee geladen hatte, dass jedoch alle Zimmer restlos ausgebucht seien und nun Tommy Steiner angeboten hätte, Ramona in seiner Two-Bedrooms-Suite nächtigen zu lassen. Sie fragte mich, ob sie das machen dürfe.

Michaela Boland:

Wie hast du reagiert?

Jürgen Drews:    

Da habe ich Vollidiot blöderweise, nachdem ich aus meiner Beziehung  noch nicht ganz ausgestiegen war, gesagt, „Du. ist ja nicht schlimm, ich treffe mich ja sowieso mit Melanie“. Und sie antwortete:“ Ja, dann ist es ja auch wirklich nicht schlimm.“ Wie kann man so blöd sein?

Das auch noch in dem Alter, in dem ich war. Ich hatte dann aufgelegt, ich kriegte sie nicht mehr wieder, obwohl ich ihr eigentlich unbedingt noch zwei Dinge sagen wollte: Erstens, mich dafür entschuldigen und zweitens wollte ich sagen, dass ich eigentlich eifersüchtig war und deshalb reagiert hatte wie ein Pennäler. Ich war wirklich eifersüchtig.

Michaela Boland:

Ramonas Vorgehensweise hatte also Wirkung gezeigt?

Jürgen Drews:   

Sie hat sich dann gesagt, die beste Chance, die ich vielleicht noch mit dem Jürgen habe, ist die, dass ich mich einfach erst mal nicht mehr blicken lasse. Auch werde ich nicht mehr ans Telefon gehen. Ich bin am Wörthersee, er weiß wo ich bin. Mal sehen, was passiert. Wenn er dann wirklich um mich kämpft, dann meint er es auch so. 

Michaela Boland: 

Und dann hast Du entsprechend gehandelt?

Jürgen Drews:     

Das hab ich gemacht. Ich bin ihr hinterher gereist, nach anderthalb Tagen habe ich sie bekommen. Ich sagte: Schatz, alles klar, ich liebe Dich, werde mich sofort von der Frau trennen. Alles o.k., ich weiß, ich kann ohne Dich gar nicht leben. Tut mir leid, ich bin ein Vollidiot, ein typischer Mann, der überhaupt nicht durchschaut, wie sein Seelenleben ausschaut.

Da seid ihr Frauen uns Männern ja, Ausnahmen bestätigen die Regel, aber ich bin keine Ausnahme, meilenweit voraus. Ich möchte dich abholen, darf ich das?

Da sagte sie: „Wenn du das wirklich so meinst, sofort.“ Das ist die Geschichte. Das war auch das letzte Mal, dass ich mit einer anderen Frau geschlafen habe.

Michaela Boland: 

Wie es weiter ging ist bekannt. Ihr habt geheiratet und eine mittlerweile sehr hübsche 14-jährige Tochter, Joelina. Diese ist vor Kurzem bei Carmen Nebel im TV aufgetreten. Wird das nun häufiger passieren? 

Jürgen Drews:    

Nein, absolut nicht, das war eine Überraschung. Es ging darum, dass sie mich musikalisch ansagt. Auf der Melodie „Ein Bett im Kornfeld“ hat sie ja meine Lieder alle reingebracht. Und das haben die sich da selber ausgeschnappst. Und das war eine tolle Überraschung. Und was danach passiert ist, war unglaublich.

Die Telefone standen nicht mehr still. Aus Deutschland kamen alle Angebote, die man sich vorstellen kann. Wir nehmen keines an, sondern ich habe eine Beziehung in die USA.

Da werden wir jetzt hinfahren. Und wenn ich einen bestimmten Titel kriege, werde ich den zumindest schon mal ins Netz stellen. Das ist eine Ballade mit großem Orchester. Es ist ein bisschen Celine-Dion-mäßig, ein bisschen Aguilera-mäßig- balladesque.

Michaela Boland:  

Auf dem neuen Album „Schlossallee“ gibt es einen Titel der„Wir mieten Venedig“ lautet. In der Bild hast du soeben verlauten lassen, dass du deine Frau erneut heiraten möchtest, diesmal in weiß. Inwieweit hängt das mit Venedig zusammen?

Jürgen Drews: 

Das ganze hat einen autobiografischen Touch. Ramona und ich sind wer weiß wie oft zusammen nach Venedig gefahren. Ansonsten sind ja alle Nummern so gehalten, dass jeder sie eigentlich auch einem anderen vorsingen kann.

Michaela Boland:      

Wie stehst Du zum Thema Eifersucht?

Jürgen Drews: 

Wir Männer sagen immer, wir verstehen gar nicht die eifersüchtigen Frauen. Aber ich habe schon Männer  in meinem Leben erlebt, die so was von ekelhaft eifersüchtig waren, dass sie gleich zuschlagen. Mir soll man nichts über Männer erzählen. Die Fraktion kenne ich zur Genüge. Zwar glaube ich, wenn Du gar nicht eifersüchtig bist, liebst Du nicht in dem Sinne.

Aber für mich ist das Schönste, und das macht vielleicht auch aus, dass ich mich so wohl fühle in meiner Haut, wenn du wirklich liebst und das kontinuierlich. Das muss sich nicht nur auf die Körperlichkeit beziehen. Da rede ich vielleicht sehr antiquiert.

Und dass ich mal so spreche, wo ich auch mal gesagt habe „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört  schon zum Establishment“ ist schon unglaublich. Da gehörte ich zwar nicht so zu, weil ich nicht so oft wechselte. Aber immerhin habe ich diesen Spruch auch gerne mal gebraucht.

Michaela Boland:    

Gehörten derartige Redewendungen im Zeitalter der sexuellen Revolution in den Sechzigern womöglich dazu?

Jürgen Drews:    

Ja. Da muss ich wirklich sagen: „O tempora mutantur. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Da hat sich vieles verändert.

Michaela Boland:

Hast du einst gleich das große Latinum durchgezogen? Fünf Jahre lang?

Jürgen Drews: 

Ja. Ich habe sogar noch länger Latein gehabt.

Michaela Boland: 

Bist du darin heute noch fit genug, um beispielsweise, jetzt mal die A-Deklination durch zu exerzieren?

Jürgen Drews: 

Och, das weiß ich nicht, Aber, ja: agricola und den ganzen Scheiß da.

Agricola, Agricolae, (pausiert und lacht) ich hab fast alles vergessen. Agricolae, Agriculam, das ist Akkusativ, Agricola ist wieder Ablativ.

Michaela Boland:

Nicht schlecht. Und den Plural schaffen wir auch noch?

Jürgen Drews:

Agriculae , Agricularum, Agriculavis, Agriculam? (Anm. d. Red: Agricola (lat.) steht für Bauer/ Landmann; korrekte Form Dativ Plural.: Agricolis, korrekte Form Akkusativ Plural: Agricolas, korrekte Form Ablativ Plural: Agricolis) Ich kenne auch noch einige Textpassagen aus Ovid. 

Michaela Boland:  

Du hast deine Lateinkenntnisse trotz so viel vergangener Zeit noch verhältnismäßig schnell abrufbar. Sind das Dinge, die man einfach kaum vergisst?

Jürgen Drews:   

Ich habe einem guten Freund, der ein totaler Schlagerfreak ist und auch hier war, gesagt, er ist übrigens katholischer Pfarrer, der im Augenblick sehr daran zu knacken hat, was momentan passiert. Es war ja immer schon so, aber jetzt  kommt alles endlich mal an die Oberfläche und kann aufgearbeitet werden. Wir  leben zum Glück in der vernetzten Gesellschaft.

Michaela Boland: 

Du sprichst von dem schrecklichen Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche in den letzten Jahren.?

Jürgen Drews:    

Es ist einfach unglaublich, dass man sich um seine Opfer nicht gekümmert hat. Das ist ja nicht nur das Phänomen in Deutschland. Wir wissen es von Irland und auch den USA . Mein Freund jedenfalls ist katholischer Pfarrer und  leidet sehr darunter, dass es so ist. Das Zölibat muss weg. Aber das nur nebenbei. Das wird wohl erst in 100 oder 150 Jahren passieren. Das Rad dreht sich sehr langsam. Was wollte ich sagen?  Jetzt habe ich den Faden verloren, wo waren wir gerade?

Michaela Boland:   

Das war meine Schuld, Verzeihung. Ich unterbrach dich. Wir testeten gerade Lateinkenntnisse als du auf deinen Freund, den Pfarrer zu sprechen kamst.

Jürgen Drews:   

Ach so. Und diesem Freund habe ich nämlich gerade gesagt, ich muss mal wieder meine alten Sachen studieren, so dass ich alles wieder auffrische. Ich habe ja auch Griechisch gehabt. Ich kann griechisch noch gut schreiben. Da kann ich aber nur noch etwas von der Odyssee.(Lacht und zitiert Homer auf Griechisch). 

Michaela Boland:    

Da muss ich passen, denn leider verstehe ich kein Altgriechisch. Aber ich bin tief beeindruckt.

Jürgen Drews: 

nicht mehr kann, denn ich habe das mal lange gelernt.Nein, ich verstehe auch nichts mehr. Ich bin auch tief beeindruckt, dass ich es

Michaela Boland:  

Also, wenn Du jetzt noch einen draufsetzt und plötzlich mit dem Hebraeicum um die Ecke kommst, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus.Wie sieht es da aus?

Jürgen Drews:

Nein.

Michaela Boland: 

Womit beschäftigst du dich in deiner Freizeit? Interessierst du dich auch für bildende Kunst?

Jürgen Drews:          

Ja, sicherlich interessiere ich mich auch für bildende Kunst. Aber nicht so, dass ich das jetzt ewig studiere und mit etwas aufwarten könnte. Was mein Hobby betrifft, in meiner Freizeit, ist ein bisschen sportliche Betätigung angesagt. Aber alles noch im Rahmen liegend, d.h. ich laufe keine Treppen hoch und runter oder geh mal auf die Inliner.

Ich mache nichts Exzessives, außer dass ich einmal zumindest einen Halb-Marathon laufe. Warum ich das mache, weiß ich auch nicht, aber das ist der Mallorca-Marathon. Ansonsten beschäftige ich mich kreativ. Ich produziere ohne Ende und alles erfolglos.

Michaela Boland: 

Erfolglos trifft es wohl nicht ganz?

Jürgen Drews:      

Hin und wieder finde ich mal ein Korn. Aber, das meiste erfolglos. Warum? Ich sitze im Schlager drin, durchs Kornfeld. Ich lamentiere nicht, ich finde das völlig o.k. Das Schlimme ist bloß, dass du, wenn du einmal Schlager gesungen hattest, das kam damals hauptsächlich noch durch die Öffentlich Rechtlichen, die dich in die ganz große Schublade taten.

Das heißt, es gab so eine Zäsur: Solltest Du ein bisschen zu kommerziell werden, warst du Schlager. Da lag dann Heino neben Müchener Freiheit. Und so etwas geht nicht. Das geht nur in Deutschland. Ich habe lange in den USA gelebt, weil ich es einmal nicht mehr konnte und gesagt habe, ich möchte nicht ausschließlich Schlager sein. Schlager sein, ja, aber Ausschließlichkeit? No.

Michaela Boland:  

Von wann bis wann hast Du in den Vereinigten Staaten gelebt?

Jürgen Drews:       

Ich war von 1979 bis 1983/84 so etwas dort. Und bin immer off and on gewesen. Habe dort auch meinen ersten Erfolg gehabt und bin dann wieder zurück.

J.D. Drews. Übrigens ein Titel, den ich gesungen hatte, der war bis auf Platz 52 in den Hot Hundred hochgeklettert, innerhalb der Billboard- Charts. Das war genau im Dezember 1979.“Don`t want nobody“. Eine geile Nummer, die zwar nicht von mir ist, aber ich weiß dass sie Potenz hat und überlege, ob ich die nicht auch mal mit Joelina mache.

Michaela Boland:     

Hast du dich musikalisch auch mal in ganz anderen Gefilden bewegt?

Jürgen Drews: 

Es gab mal jemanden im Jazz, den es immer noch gibt, er ist jetzt auch betagt. Dieser Mann heißt Joachim Kühn. Unglaublich. Diesen Joachim Kühn habe ich kennen gelernt. Er wusste nicht wer ich bin, ich wusste nicht, wer er ist und dadurch konnte man sich überhaupt erst kennen lernen, sonst hätte er mich bestimmt nicht mit dem Arsch angeguckt, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich ja gerade das Bett im Kornfeld.

Wir haben uns angefreundet und er fragte mich: „Hast du Lust, mal ein bisschen in Jazz hereinzukommen, du hast doch mal etwas mit dem Banjo gemacht?“ Da antwortete ich, dass ich Kommerz-Jazz gemacht hätte, aber doch keinen ambitionierten Jazz.

Da schlug er vor, dass wir eine Art Fusion machen sollten: Mainstream-Jazz. Er sagte: „Ich hole meine Freunde, das kostet dich rund 40.000,-. Allerdings Dollar und damals war der Dollar noch dreimal so viel wert wie die D-Mark, also 120.000. Aber da habe ich gesagt, das leiste ich mir, das mache ich aus Spaß. Es wurde nie veröffentlicht.

Da spielen Leute drauf: Die Breaker Brothers, Horn Section, die spielen bei fast allen Stevie Wonder-Produktionen drauf, David Sunborne, Saxofon, kriegst du gar nicht mehr, Stanley Clarke zwei Stücke Bass, der Schlagzeuger Corben konnte nicht, der war krank.

Ich kannte die damals noch gar nicht, ich weiß es bloß jetzt, dafür haben wir einen Schlagzeuger, frag mich nicht nach dem Namen, ich vergesse immer wieder, wie der heißt, aber es war derjenige, der auch der Schlagzeuger auf dem ganz bekannten Album von Lionel Ritchie gewesen ist.

Und Jan Ackermann ist ein Jazz-Gitarrist aus Holland. Wir alle zusammen im Studio in Los Angeles. Wenn ich gewusst hätte, wer da im Studio steht, ich habe zwar gehört, dass die unglaublichen Chip spielen also geilen Chip, hätte ich nicht meine Stimme erhoben. Und daraus sind schöneWerke entstanden.

Michaela Boland:

Wie sieht ein typischer Tag im Leben von Jürgen Drews aus?

Jürgen Drews: 

Bei mir geht es wirklich so: Ich stehe auf, auch manchmal aufgrund der senilen Bettflucht, die ich schon mal zum Teil habe.

Michaela Boland:   

Wann stehst du in der Regel auf?

Jürgen Drews:    

Ganz verschieden. Ich bin mal so, mal so. Es gibt keinen Rhythmus mehr bei mir .Ich schlafe unten im Souterrain.

Michaela Boland:  

Warum im Keller?

Jürgen Drews:  

Weil Ramona den Rhythmus von Joelina hat, die zur Schule geht. Die würden ja wahnsinnig werden sonst. Wir treffen uns noch oft genug. Manchmal stehe ich um sieben auf, dann höre ich, aha, die Hunde, Dann gehe ich rauf, bin ein bisschen mit dabei, wie sie Kaffee macht, dann wird sich ein wenig unterhalten, die Kleine geht zur Schule und dann gehe ich wieder ins Bett. Und wenn ich dann aufstehe, mache ich sofort das Studio an, das ist wie eine Amtshandlung.

Michaela Boland:

Hast du dann regelmäßig bereits eine Idee im Kopf oder setzt du dich hin und überlegst erst mal.

Jürgen Drews: 

Nein, ich weiß oft, was ich zu tun habe. Beispielsweise Sachen vorbereiten. Also ich habe jetzt schon wieder Stücke für so eine Schlager LP. Davon könnte ich bereits jetzt eine zweite machen. Das habe ich da alles liegen. Das muss ich dann bloß weiter ausproduzieren.

Aber dann mache ich auch die Humphrey Singers. Ich habe mehrere Titel, die ich für die Humphrey Singers gebrauchen kann, ich suche aber einen Hit, der den Bezug hat zu Marmeloo . Außerdem mache ich noch Dinge im Partybereich. Ich habe mindestens 15 Partytitel schon da liegen, wo ich aber nicht weiß, ist da einer, der wirklich reinhaut?

Michaela Boland:   

Wie geht man bei der Entwicklung eines Songs, der“ reinhaut“, vor?

Jürgen Drews: 

Das merke ich gerade an dieser Schlager LP, die ich gemacht habe. Es gibt einen Titel, der heißt: „Rette mich wer kann“. Den habe ich überhaupt nicht auf der Pfanne gehabt, im Gegenteil, ich mag den noch nicht mal persönlich, ich finde ihn zwar nicht ätzend, aber das ist nicht mein Favourite. Da ruft mich der Mike Röttgens aus Köln an und sagt:

Weißt du, was am meisten heruntergeladen, down geloaded wird, nach „das Schloß“? Es ist „Rette mich, wer kann.“ Auch habe ich eine kleine Discothek in der Düsseldorfer Altstadt. Der Disc Jockey, der schon sehr lange dort ist, ein Factotum aus Düsseldorf, war gerade hier. Auch er sagte: „Die beste Single, die du als nächstes haben wirst, ist „Rette mich wer kann“. Sie wird nur noch gewünscht. 

Was ich damit sagen wollte ist, ich habe nun wirklich lange Erfahrung. Ich analysiere, denn ich komme nicht aus dem Schlager. Schlager analysiere ich mit dem Kopf, das macht mir dann auch Spaß. Dass ich trotz Analyse oft falsch liege, ist immer wieder das Reizvolle an diesem Job bzw. diesem Hobby.

Michaela Boland:

Hast Du beim Songschreiben zuerst den Text oder vorher die Musik im Kopf? 

Jürgen Drews:

Immer die Musik zuerst. 

Michaela Boland:  

Erstaunt es in einer Zeit, die beispielsweise auch stark von Richtungen wie Hip Hop geprägt ist, dass Schlager durchaus und gerade von Jugendlichen gut angenommen werden? 

Jürgen Drews:

Wir haben das im Grunde genommen nur einem Mann zu verdanken und ich sage das jetzt ganz provokant, nämlich, dass Schlager auch im partyresquen Bereich von Jugendlichen angenommen wird. Der Typ heißt Michael Wendler. Ob man will oder nicht.

Michaela Boland:    

Wie ist das gemeint?

Jürgen Drews:     

Für mich ist der Hammer, der Typ. Der ist genauso bescheuert wie ich, auf seine Art. Ich habe gesagt, ich kann nichts, bin nichts, bin alt und sowieso und überhaupt. Er sagt: Ich bin der Größte, ich bin der Beste, ich bin der König des deutschen Popschlagers. Und er bräuchte im Grunde genommen den Hit, den ich gerade habe, dann wäre er es wirklich.

Michaela Boland: 

Was hat er revolutioniert?

Jürgen Drews:  

Indem er den echten gespielten Bass so reduziert hat, dass du ihn kaum hörst, die Snare (Anm. d. Red.: kleine Trommel) so reduziert, dass du sie kaum hörst, die off-high-heads verstärkt und vor allen Dingen aus der Base-drum so viel Bass hereingenommen, dass er dir wirklich in den Bauch fährt. Das gab es damals so exorbitant noch nicht.

Dadurch wurde ein Disc- Jockey aus dem Ruhrgebiet aufmerksam. Nämlich Nic. Das Ganze ist ja ein Ruhrgebietsphänomen. Der hat gesagt, ich gehe zu dem Produzenten von Wendler und mache einen Titel, den ich aufgelegt habe, der aus dem Schlager kommt und seit acht Jahren vor sich hin dümpelt.

Ich mache diesen Titel im Wendler-Stil. Pomm, Pomm, einen Stern, der deinen Namen trägt. Dadurch tanzten auf einmal sogar Jugendliche fast sexuell angehauchten Foxtrott. Sie tanzten Foxtrott wie Tango.

Dadurch sangen auf einmal Jugendliche einen Stern, der deinen Namen trägt. Das wiederum verband sich mit den Konservativ-Hörern der Öffentlich Rechtlichen, die halt Schlager hörten. Auf einmal sangen die das Gleiche. Dadurch kam das in die Charts. Und dann kam Ötzi.

Michaela Boland:

Um alles einzutüten?

Jürgen Drews:   

Ja, er brauchte es eigentlich nur noch einzutüten. Und dadurch ist Schlager auch mal in jugendliche Ohren eingedrungen. Und somit kam es dann, dass man vor drei Jahren von der Disc Jockey Seite sagte, mach doch mal so etwas wie „Irgendwann“. Mach doch mal so eine Art Schlager im Wendlerischen Stil.

Und: Here I am. Ich habe den Bass zwar wieder hereingenommen, ich habe es nicht ganz so drastisch gemacht wie er, aber, ihr seht, dass es aufgegangen ist. Und ich habe zum Michael Wendler noch selbst gesagt, du brauchst „das Schloss“. Denn dann wirst du es all denen zeigen, die jetzt Gülle über dich schütten, so wie sie es bei mir getan haben als König von Mallorca.

Michaela Boland: 

Wie behandelte man dich zu Beginn der „König-von-Mallorca“-Phase? 

Jürgen Drews:         

Was bin ich Kübelweise mit Gülle überschüttet worden. Da hieß es: „Was für ein Vollidiot, kann nichts, ist nichts und der hat doch wohl den Schuss noch nicht gehört“. Zurecht. Aber sie haben alle meinen Namen im Kopf gehabt. Und so sagte ich zu Wendler:

„Genau da stehst du jetzt, Michael. Wenn du jetzt einen Hit hast, dann verkürzt du das alles, wofür ich fast zehn Jahre gebraucht habe. Der König von Mallorca ist ja jetzt, wie ein Label, eine Marke.

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Und wenn du Erfolg hast, dann werden alle, die jetzt Gülle über dich schütten und vor Eifersucht platzen, plötzlich, statt dich mit Gülle zu überschütten, dir auch einen Umhang umlegen und sagen: Yeah, he really is the greatest! Und sie werden sich vor dir verbeugen und dann kannst du darüber auch ein Ei schlagen. Man muss das alles in Relation setzten.

Michaela Boland:

Wie stehst du zu jungen Bands wie Tokio Hotel?

Jürgen Drews:  

Ich finde Tokio Hotel geil. Da können mir die deutschen Medien wieder sagen, was sie wollen. Ich habe das alles selbst erlebt. Sicherlich ist das Verfallsdatum von Teenage-Idols sehr kurz. Aber in Deutschland ist es  besonders kurz. Und vor allem wirst du sofort auf den Misthaufen der Geschichte geschmissen. Ganz gefährlich in diesem Land. Deswegen mache ich so den tiefen Diener vor denen, dass die es mit Hilfe ihrer Plattenfirma und mit ihrem Umfeld in den USA geschafft haben. Aller tiefste Verbeugung.

Michaela Boland: 

Du engagierst dich für Hunde im Rahmen der Ajucan Mallorca Hundehilfe. Warum liegt dir das ganz besonders am Herzen?

Jürgen Drews:     

Ich war früher mal ein Hund, das muss es sein. Ich habe viel gesehen und nicht nur einen seelischen Bezug dazu. Ich selbst kenne aus meinem spanischen Umfeld einen Vater, der seinem Sohn gesagt hat, wenn du einen Hund siehst, musst du drauf hauen. Das ist immer noch in den älteren Köpfen verhaftet und deswegen engagiere ich mich für diese Species.

Michaela Boland:

Selbst hast du bereits zwei Hunde, Werden es noch mehr?

Jürgen Drews:   

Ja, wir haben zwei. Finchen ist meine “Dackeline“ und dann haben wir einen Bolonka Swetna , einen russischen, robusten und cleveren Hund, den sich Joelina ausgesucht hatte. Ich habe schon zu Ramona gesagt, wenn ich aussteige und wir haben noch so viel Platz, wie wir haben, lass uns ruhig zehn Hunde haben. Wenn ich nicht verreisen muss, ist das geil. Ich liebe Hunde, ich könnte im Rudel leben. 

Michaela Boland:  

In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere Vierbeiner in Zukunft womöglich noch ein schönes Zuhause bei Euch finden wird. Für dieses ausgiebige Gespräch ganz herzlichen Dank und alles Gute für die Zukunft.                                                                                 

Jürgen Drews wurde am 02.04.1945 in Nauen bei Berlin geboren. Seine Jugend verbrachte er in Schleswig. Mit 15 Jahren erhielt er einen Preis als bester Banjo-Spieler Schleswig Holsteins. Nach dem Abitur studierte Jürgen Drews vier Semester Medizin in Kiel.

Größere Bekanntheit erlangte er als er in den frühen 1970er Jahren als Sänger bei den “Les Humphries Singers“ einstieg. Parallel dazu startete er ab 1973 eine Solokarriere und schaffte 1976 mit dem Hit “Ein Bett im Kornfeld“ (im Original ein Countrysong der Bellamy Brothers “Let your love flow“) den Durchbruch. In den 80er Jahren wurde es hierzulande etwas ruhiger um den Künstler.

Zwischenzeitlich lebte Drews zeitweilig in den vereinigten Staaten von Amerika und versuchte sich dort musikalisch unter dem Namen J.D. Drews. 1990 gelang ihm sein Comeback auf dem deutschen Markt. Er arbeitete nun auch als Musikproduzent. 1995 kam es zu einer Neuaufnahme seines alten Hits “Ein Bett im Kornfeld“ mit Stafan Raab und Bürger Lars Dietrich.

1999 wurde ihm von Thomas Gottschalk der Titel, heimlicher “König von Mallorca“ verpasst. Seither ist der Künstler aus dem Party-Bereich nicht mehr weg zu denken. Jürgen Drews war in den 80er Jahren mit Corinna Drews verheiratet.

Aus dieser Ehe ging Sohn Fabian hervor. Seit 1995 ist er mit Ramona Drews (geborene Mittendorf) verheiratet. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter (Joelina), die 1996 geboren wurde. Jürgen Drews setzt sich für die Ajucan Mallorca-Hundehilfe e.V. ein.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungs-Talkshow “Hollymünd“ des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Für TV-NRW präsentierte sie die erste Casino-Show im Deutschen Fernsehen “Casinolife“ aus dem Dortmunder Spielcasino Hohensyburg mit Stars, Roulette und Black Jack. Als On-Reporterin des RTL Magazins “Guten Abend RTL“ lieferte sie darüber hinaus allabendlich spannende Reportagen aus ganz NRW.

 

 

 

 

 

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06.08.2017 Pink ist fröhlich, genau wie Joana Zimmer

GFDK- Michaela Boland

Von Joana Zimmer haben wir schon länger nichts mehr gehört. Hier wollen wir noch einmal an das Gespräch erinnern das wir 2010 mit ihr geführt haben.

Pink ist ihre Lieblingsfarbe. Aus diesem Grund wiederholt sich die Knallbonbon-Nuance heute auch konsequent in ihrer Kleidung. Doch wie die Farbe aussieht, musste man ihr wohl zunächst beschreiben. Denn selber sehen kann sie nicht. Aber Pink ist fröhlich, genau wie Joana Zimmer.

Zwei Jahre lang war das Stimmwunder aus Berlin, das 2005 mit dem Hit „I BELIEVE (Give a little bit) bekannt wurde und Platz zwei der deutschen Singlecharts erreichte, nahezu wie abgetaucht.

Zeit, die sie, wie sie sagt, benötigte, um zu schauen, wer sie als Künstlerin, Sängerin und Songwriterin eigentlich sei. Offensichtlich hat sie sich gefunden, denn die Zeitspanne ihrer Bühnenabstinenz hat der blonde Popstar auch kreativ genutzt. Herausgekommen ist ihr bisheriges Meisterwerk.

Pünktlich zum Auftakt ihres neuen Albums „Miss JZ“ hat die hübsche Sängerin jede Menge Termine. Gerade noch in Mainz, um ihre aktuelle Singleauskopplung „Till You`re Gone“ live im ZDF- Fernsehgarten vorzustellen, kam sie am Vorabend direkt aus Berlin für einen weiteren TV-Gig im WDR-Fernsehen. Heute morgen besuche ich die 27-jährige in einem Gelsenkirchener Hotel bevor es für sie zurück in die Hauptstadt geht.

Joana öffnet mir die Tür. Wie gewohnt trägt sie eine große dunkle Sonnenbrille. Die schöne blonde Mähne völlig uneitel zum Pferdeschwanz zusammengebunden und eben, wie erwähnt, in überwiegend pinker Garderobe.

Als ob sie sich täglich hier aufhalte, bewegt sich Joana in Blitzgeschwindigkeit zielsicher durch das fremde Hotelzimmer und stellt mir anheim, auf welchem der diversen Sitzmöglichkeiten ich gerne Platz nehmen möchte.

Ihre Natürlichkeit hat sich die sympathische Berlinerin auch nach goldener Scheibe und Stimmvergleichen mit Pop-Diven wie Celine Dion oder Barbra Streisand geradezu wie selbstverständlich bewahrt.

Offen, locker, bodenständig, intelligent, gebildet und ausgesprochen charmant zeigt sich die Sängerin ohne Allüren sodann auch im Gespräch. Joana Zimmer ist ein Star zum Anfassen. 

Michaela Boland:

Glaubst du eigentlich noch an die immerwährende Liebe?

Joana Zimmer:

(Lacht) Ich glaube schon noch daran, ja.

Michaela Boland:

In den Stücken „TURN IT UP“, “KILLING TIME” und „TILL YOU`RE GONE” auf deinem neuen Album “Miss JZ” klingst du im Rahmen deiner Lyrics (Anm. d. Red.: Liedtexte) dafür aber ganz schön enttäuscht bis frustriert von deinem Partner.

Joana Zimmer:

Es ist ja so, dass ich, ebenso wie beispielsweise Schriftsteller oder andere Menschen, die sich Inspirationen holen, natürlich auch über andere schreibe und nicht nur über mich.

Michaela Boland:

Aber warum beschreibst du dann auf den Anfangsseiten deines zum Album gehörenden Booklets (Anm. d. Red: kleines Büchlein in der CD mit Liedtexten und Anmerkungen des Künstlers), dass „Miss JZ“ dein bisher persönlichstes Album sei?

Joana Zimmer:

Das heißt ja, dass es trotzdem auch aus meinem persönlichen Bekanntenkreis ist. Es ist wirklich nicht einfach, es so hinzubekommen. Ich glaube allerdings daran, dass es für jeden, wenn wir Glück haben, einen Menschen gibt, der passt. Auf diesem Weg gibt es natürlich auch Enttäuschungen.

Michaela Boland:

In deiner Zeit in Amerika, wohin du dich zwei Jahre zurückgezogen hattest, hast du dich sowohl verliebt als auch wieder “entliebt“ und dir insoweit ja auch einige Inspirationen holen können.

Ich möchte ein paar deiner Textpassagen zitieren, da heißt es zum Beispiel: “Tune me out as If I don`t even exist“; oder „when you promised me you`d never lie but that just wasn`t true“ bis hin zu „ black mascara tears running down my face“ und „ you even made me think you`d put a ring on my hand. That ain`t true.” Sprichst du da denn tatsächlich nicht über dich selbst?

Joana Zimmer:

Doch. Das sind Momente, die ich auch erlebt habe. Aber ich glaube, dass man danach immer noch mehr zu schätzen weiß, wenn man dann wirklich einen Menschen an seiner Seite hat, der zu einem passt. Ich glaube auch, dass eine Beziehung natürlich Arbeit bedeutet.

Das hört man auch von vielen Menschen, die in glücklichen Beziehungen sind. Das alles hat meinen Glauben daran nicht getrübt, sondern es ist einfach so, dass man erst mal bestimmte Stadien durchlaufen muss. Das ist ja auch in anderen Dingen so.

Michaela Boland:

Für zwei Jahre, in denen du nicht auf den Bühnen dieser Welt zu sehen warst, sondern auch Inspirationen für Neues gesammelt hast, hast du dich vornehmlich in den USA aufgehalten, wo du ja auch einen Teil deiner Kindheit verbracht hast. Was macht für dich im Hinblick auf das Schreiben neuer Stücke den Reiz an den Vereinigten Staaten aus?

Joana Zimmer:

Die Staaten sind für mich hinsichtlich des neuen Albums sehr inspirierend gewesen. Ich habe dort mein Produzententeam gefunden. Es gab auch kein sogenanntes No-Go. Es stand zur Debatte, ob ich auch Rap in meinem Song haben wollte und es hieß, ja klar, lass uns das probieren.

Es ist nämlich immer eine Sache, sich etwas vorzustellen und die andere, ob es mir am Ende auch steht. Ganz ähnlich wie mit Klamotten. Auf dem Bügel sehen die gut aus und angezogen ist es dann häufig etwas völlig anderes. Und in dem Fall konnte ich feststellen, das passt super zu mir.

In den Staaten konnte ich mich, so gesehen, einfach noch mal am besten entwickeln. Es kommt ja noch hinzu, dass ich als Kind sehr viel in New York war und auch zweisprachig aufgewachsen bin. Deshalb ist Englisch für mich auch nichts Aufgesetztes, sondern es ist halt zweite Muttersprache.

Michaela Boland:

Erinnert man sich eigentlich noch gut an die Kindheit im englischsprachigen Raum, wenn man mit vier Jahren schon wieder zurück nach Deutschland gekehrt ist? Hast du da noch Erinnerungen an die Zeit in England und vor allem in Amerika?

Joana Zimmer:

Nicht direkt, aber ich merke eben, dass ich da auch Wurzeln habe. Ich glaube, Wurzeln bilden sich ja auch zwischen Babyalter bis hin zum zweiten Lebensjahr. Gerade das Sprachzentrum, da wird ja ganz viel ausgebildet. Es ist nicht so, dass ich greifbare Erinnerungen hätte, aber ich fühle mich da doch sehr zuhause.

Michaela Boland:

Kannst du zwischen British English und American English differenzieren, wenn du sprichst, nachdem du ja in England und in Amerika gelebt hast?

Joana Zimmer

Schon, ja. Für mich ist Englisch ja wirklich auch zweite Muttersprache,. Ich habe dann auch irgendwann immer mal Heimweh danach, das zu hören. Hier wird Englisch ja gesprochen, na ja, ich habe immer das Gefühl, dass schlechtes Englisch die Sprache der Zukunft ist, weil man irgendwie immer denkt, das ist cool und man muss immer, wenn man Deutsch spricht, noch etwas Englisches einstreuen.

Das ist ja irgendwie ganz nett, aber für mich ist das immer so, na ja, ich weiß auch nicht. Ich mag ja Deutsch auch sehr gerne, finde auch dass die Sprache wirklich schön ist. Ich liebe auch deutsche Lyrik und Literatur im Allgemeinen. Doch für mich sind es eben einfach zwei Sprachen.

Aber Englisch finde ich eben auch sehr schön. Ich denke, es ist auch immer wieder nett, dort mal wieder hin zu fahren Heute geht’s auch wieder nach England, ein bisschen Promotion machen und Leute besuchen.

Michaela Boland:

Du wolltest dich als Künstlerin finden. Wie würdest du nun beschreiben, wer du bist? Hast du dich gefunden?

Joana Zimmer.

Ja. Ich denke mal, auch vorher kam ich in meinen Alben da schon sehr nahe ran. Und das, was ich gemacht habe, war auch nichts, was ich nicht machen wollte. Aber in dem Fall war es jetzt mal anders. Ich habe mir gesagt, ich werde erst wieder einen neuen Deal oder eine Verlängerung unterschreiben, wenn ich das Album fertig habe.

Michaela Boland:

War das sonst anders?

Joana Zimmer:

Sonst war es immer so, dass ich schon einen Vertrag hatte und das Album mit entwickelt habe, und da hat man natürlich auch weniger Freiheiten, was auch o.k. ist. Ich könnte das auch heute nicht so machen, wenn ich vorher nicht diese jahrelange Erfahrung gemacht hätte.

Das stärkt ja auch. Aber jetzt war wirklich alles ganz anders, auch viel autonomer und auch noch mal ein richtiger Sprung vom Zehnmeterbrett, sozusagen. Es ist immer wichtig, einen Plattendeal zu haben, man kämpft auch dafür.

Dann hat man ihn und muss ja auch Sachen umsetzten. Aber es ist natürlich etwas ganz anderes, zu sagen, nee, ich löse mich jetzt noch mal von allem und allen Umfeldern und baue mir etwas ganz Neues auf. Das war spannend, denn es war eine ganz neue Herangehensweise.

Michaela Boland:

Warum war das nötig? 

Joana Zimmer:

Ich habe mir gesagt, ich schließe jetzt erst mal mit dem alten ab, wobei alles ein sehr faires Auseinandergehen war. Es ist ja auch wichtig, dass nichts Negatives bleibt, wenn man mit Menschen arbeitet. Aber es war natürlich ein totaler Neubeginn.

Ich bin allein in die USA gereist und habe dort Produzenten aufgesucht und bei ihnen in Studios geschlafen. Das waren solche, mit denen ich zwar vorher schon mal gesprochen, die ich aber teilweise noch nie gesehen hatte.

Michaela Boland:

Warum hast du in Studios geschlafen? 

Joana Zimmer:

Ich musste ja, denn zum einen hatte ich ja kein Budget. Normalerweise bedeutet ja ein Plattenvertrag Budget und man überlegt, was können wir veranschlagen. Hatte ich ja alles nicht. Und natürlich insofern auch keinen Vorschuss. Und da dachte ich, gut, da muss ich drauf verzichten, wenn ich hier selbst wirklich mal allein entwickeln will.

Michaela Boland:

Man stellt sich immer vor, dass bei Popstars, die schon etwas Erfolgreiches gemacht haben, per se die Kasse klingelt. Nicht zuletzt auch über Einnahmen aus GEMA-Gebühren (Anm. d. Red: GEMA = Verwertungsgesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Verfielfältigungsrechte), die ja immer gezahlt werden müssen, wenn deine Songs irgendwo abgespielt werden.

Joana Zimmer:

Ja, aber meinen Hit, den hatte ich ja nicht geschrieben. Dann ist es natürlich so, dass diese Einnahmen an andere gehen. Und bei Auftritten, na ja. Also zum Millionär wird man über Nacht selbstverständlich nicht.

Nach drei vier Platten vielleicht. Und selbst dann. So schnell geht es dann in der Musik auch nicht. Es gibt ja auch Dinge, die leider viele Künstler vergessen. Die Steuer zum Beispiel, wo ich ja immer ganz viel für auf die Seite lege. Und das ist auch klug gewesen. Ich wusste immer, dass es morgen auch ganz anders sein kann, deswegen muss man sich da gut vorbereiten.

Michaela Boland:

Wie ging es in Amerika dann weiter?

Joana Zimmer:

Ich habe dann also Produzenten, Songschreiber und Verlage kontaktiert. Ich hatte mir natürlich auch von früher etwas aufgebaut. Ich habe gesagt, ich will lieber eine Veröffentlichungsgarantie und die haben alle gesagt, ja, toll, wir machen das.

Das fand ich so cool. Und dann ging ich erst mal nach L.A. zu Marcella Detroit, die ja schon „I BELIEVE“ geschrieben hatte. Die hat mich zu sich eingeladen und da hatte ich ein paar ganz tolle Wochen bei ihr im Haus. Ich habe dann geschrieben. Ein weiterer Songschreiber aus Nashville hat mich sogar kontaktiert und gefragt, ob ich Songs suche.

Dann habe ich einen ganz tollen Publisher gefunden, der ja auch die Songs dann vermittelt hat. Also, es kam dann ganz viel zusammen, was total spannend war. Es ist immer so, du sendest etwas aus und es kommt dann etwas zurück. Es ist wirklich so. Man muss aber wirklich wollen. Und dann habe ich mein Album dort produziert. Aber es war auch tatsächlich erst mal eine harte Zeit. 

Michaela Boland:

Inwieweit unterscheidet sich die Musik deines neuen Album „Miss JZ“ von der der vorangegangenen?

Joana Zimmer:

Es ist wesentlich aktueller. Ich liebe ja meine Zeit und auch den Sound, den es heute gibt. Für mich ist ja immer wichtig, dass es aktuell ist, aber es soll trotzdem irgendwie zeitlos sein. Und es soll sich vor allem um die Stimme drehen. Sie muss im Zentrum sein.

Ich kann jetzt keine Songs machen, in denen man mich überhaupt nicht mehr erkennt, denn das ist ja nicht Sinn der Sache. Das können ja dann auch andere machen. Aber das war eben wichtig, dass ich zeitgemäße Sachen machen konnte mit super jungen Produzenten.

Bei „Killing Time“ haben wir beispielsweise ein Bach-Motiv (Anm. d. Red.: Johann Sebastian Bach, Musiker und Vertreter der musikalischen Barock-Epoche) verarbeitet. Das sind auch so ein bisschen die Wurzeln von mir, Klassik und Jazz. Damit bin ich aufgewachsen. Aber auch aktuelle Sachen wie R `n B – Sounds (Anm. d. Red.: Rhythm and Blues), die ich ebenfalls sehr liebe. 

Michaela Boland:

Dein Stiefvater war Jazz-Musiker. Könntest du dir vorstellen, auch mal ein reines Jazz-Album zu machen?

Joana Zimmer:

Zur Zeit kann ich mir das nicht vorstellen, aber ich würde immer mal wieder so etwas einbauen. Augenblicklich finde ich es viel spannender, so etwas zu machen, was auch am Puls der Zeit liegt.

Michaela Boland:

Du wurdest 1982 in Freiburg im Breisgau geboren. Verbindet dich heute noch etwas mit deiner alten Heimat?

Joana Zimmer:

Nein, gar nicht. Ich bin da nur geboren. Ich kann mich daran jetzt auch gar nicht erinnern. Meine Eltern haben dort studiert, sind auch nicht allzu lange da geblieben. Insofern war es eigentlich mehr ein Zufall, dass ich dort geboren wurde.

Ich weiß, dass es eine sehr ruhige, auch immer wärmere Stadt ist als anderswo. Ich würde auch gerne mal wieder hinfahren. Aber einen direkten Bezug habe ich dazu eigentlich nicht.

Michaela Boland:

Hast du noch Geschwister?

Joana Zimmer:

Nein, ich bin Einzelkind. Ich bin aber im Internat gewesen und auch schon früh weg von zu Hause, das heißt, ich bin eigentlich nicht so typisch Einzelkindmäßig aufgewachsen.

Michaela Boland:

Du willst damit zum Ausdruck bringen, nicht dem alten Klischee des sogenannten verwöhnten Einzelkindes zu entsprechen?

Joana Zimmer:

Na ja, ich habe etwas festgestellt. Ich habe ja einen Bekannten, der ist das vierte Kind, aber ganz spät gekommen und ist verwöhnter als jedes Einzelkind, das ich kenne, weil sich drei Schwestern um ihn bemüht haben. Also daher glaube ich nicht so an dieses Einzelkindklischee. 

Michaela Boland:

Wodurch ist dir klar geworden, dass Musik deine Bestimmung ist?

Joana Zimmer:

Ich habe ganz früher schon gesungen als ich vier war und das war halt sehr gerade. Natürlich singen Vierjährige nicht so, dass man Platten kaufen würde, aber ich fand es ganz cool, denn ich weiß ja auch, wie Kinder sonst so singen und mir ist eben aufgefallen, dass es wirklich sehr gerade war.

Erwachsene machen ja oftmals den Fehler, dass sie viel zu tief singen und sie sagen dann, „ja, sing mal“. Und das Kind kann ja gar nicht derartig tief singen und das finde ich immer blöd.

Daran sollte man vielleicht denken, wenn man dann selbst Kinder hat. Meine Mutter jedenfalls sang dann viel zu tief und ich habe aber einfach in meiner Tonart nachgesungen, also genau in meiner Tonart weitergemacht, ohne mich davon abbringen zu lassen, was sie gesungen hat. Das fand ich ganz witzig.

Dann war ich mit acht Jahren schon im Konzertchor. Weil ich recht schüchtern war und mich nicht gerne hervorgetan habe, hat mich die Chorleiterin gefragt, ob ich nicht mal ein Solo singen und nicht auch Einzelstunden haben wolle. Das fand ich cool und sagte

„ja, super gerne“. Aber ich habe jetzt nicht so darauf gedrungen. Später habe ich dann in einer Schülerband gesungen und hatte dann mit 15 Auftritte in Jazz Clubs in Berlin.

Michaela Boland:

Du hast sogar mit deinem selbst ersparten Geld dein eigenes Demoband produziert, dich hartnäckig bei Labels beworben und schließlich den ersehnten Plattenvertrag bei Universal erhalten. Muss einem für ein derartiges Engagement der entsprechende Drive mit in die Wiege gelegt worden sein oder hat dich jemand an die Hand genommen, um all das zu erreichen?

Joana Zimmer:

Nein, das wollte ich dann schon. Ich war, glaube ich, ein sehr aktives Kind. Auch als Teenager habe ich sehr viel Sport und viel Musik gemacht. Schule war auch irgendwie noch da, aber ich habe dann immer versucht, das abends immer noch irgendwie zu schaffen, was auch gut geklappt hat.

Aber es war schon heftig, denn ich habe ja noch während meiner Schulzeit die ganzen Auftritte gehabt. Ich konnte ja ganze Programme. Für andere sind manchmal sogar schon die Hausaufgaben zu viel. Es war bei mir schon so, dass ich all das auch wirklich wollte.

Auch wegen des Plattenvertrages, habe ich meine Musik immer an alle geschickt und befürchtet, dass es nicht klappt. Und dann klappt es ja auch immer alles erst mal nicht, was ja normal ist.

Die hören das ja auch nicht alle und dann habe ich eben gedacht, o.k. ich muss sie jetzt eben so lange nerven bis ich persönlich einen Termin kriege. Und als ich persönlich einen hatte, war ich dann auch davon überzeugt, dass es dann auch irgendwie klappt. Und es hat dann auch geklappt, weil sie dann meine Musik gehört haben.

Michaela Boland:

Wie siehst du dein Handeln von damals heute? 

Joana Zimmer:

Das war natürlich ganz schön riskant, denn es war mein gesamtes Erspartes. Das muss man sich überlegen Andere kaufen sich vielleicht ein Auto davon. Ein paar Jahre später denke ich natürlich, puh, würde ich das jetzt meinen Kindern raten? Keine Ahnung.

Man muss das für sich entscheiden und wollen und dann auch durchziehen. Man wird sich in diesem Moment wahrscheinlich auch gar nicht bewusst sein, was das eigentlich alles bedeutet, sondern man muss das dann, glaube ich, einfach machen. 

Michaela Boland:

Glücklicherweise kannst du deinen Traum leben. Was wäre aus dir geworden, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte? Du hast ja Abitur gemacht. In welche Richtung wärst du ansonsten gegangen? 

Joana Zimmer:

Meine zweite Leidenschaft ist die Literatur. Ich habe mir auch überlegt, zu unterrichten. Weil mich so etwas Schönes weiterzugeben, schon reizen würde. Das wäre auch etwas gewesen, denn ich hatte im Abi ja auch Deutsch-Leistungskurs und meine Arbeiten wurden sogar teilweise herumgereicht. Das war, glaube ich, ganz o.k. Aber die Musik war einfach zu stark.

Michaela Boland:

Wie viele Punkte hattest du in Deutsch?

Joana Zimmer:

Ich hatte 15 Punkte in Deutsch. In Englisch hatte ich nur zehn. Das hat mich dann irgendwie alles nicht so interessiert.

Michaela Boland:

Erstaunlicherweise hört man von sogenannten Native-Speakers (Anm. d. Red.: Muttersprachler) häufig, dass sie sich in ihrer Muttersprache im Unterricht eher weniger Mühe geben. Motto: Ich kann ja ohnehin schon alles. War das bei dir mit Englisch genauso?

Joana Zimmer:

Ja, klar (lacht). Und das geht natürlich so nicht. Ich meine, im Deutschen ist es eigentlich fast noch schwerer, denn 14 bis 15 Punkte sind fast unmöglich, weil man ja im Deutschen voraussetzt, die Sprache kann man, da geht es ja nun um andere Sachen. Im Englischen dachte ich eben immer, na ja.

Im Mündlichen war ich immer ein bisschen träge, so dass meine Lehrerin zu mir sagte, wenn ich ein bisschen besser mitmachen würde, könne sie mir auch eine Eins geben. Und ich dachte bei mir, was soll ich denn reden? Das hier weiß ich doch irgendwie alles.

Michaela Boland:

Du hast die Literatur angesprochen. Was liest du da insbesondere?

Joana Zimmer:

Das ist natürlich schwierig. Ich lese auch Sachen von John Irving sehr gerne, aber im Original. Das ist wirklich schön. Ich lese auch italienische Sachen recht gerne im Original.

Michaela Boland:

Wie viele Sprachen sprichst du?

Joana Zimmer:

Englisch, Deutsch, Italienisch und Französisch. Sprachen finde ich sehr faszinierend.

Michaela Boland:

Hin und wieder kann man beobachten, dass besonders sprachbegabte Kinder beispielsweise in Mathematik nicht ebenso gut sind. Wie war das bei dir?

Joana Zimmer:

Ich war in Mathe mittelmäßig bis gut. Ich hatte immer so meine Blockaden, weil es in unserer Familie hieß, wir haben eine Mathe schwäche und Männer können das eh immer besser. Ich habe dann aber irgendwann gemerkt, dass es überhaupt nicht so ist, denn Mathe ist im Grunde ja nur eine Hilfswissenschaft für die Naturwissenschaft.

Jetzt, da ich aus der Schule bin, sehe ich das eigentlich auch so. Ich muss nicht super schnell im Kopfrechnen sein, dazu kann ich auch einen Taschenrechner nehmen. Ich muss einfach nur wissen, wie es funktioniert. Diese Erkenntnis reicht mir für mein Leben auch.

Michaela Boland:

Stichwort Kurvendiskussion. Bekommst du das hin?

Joana Zimmer:

Ja, hat mich aber jetzt nicht so interessiert Ich fand das jetzt auch nicht spannend, man macht so etwas dann einfach irgendwie. Also Sprachen haben mich schon mehr interessiert. Aber man sagt ja auch, Mathematik und Musik wären so nahe beieinander.

Michaela Boland:

Du versetzt mich in helles Erstaunen und spendest mir durchaus Hoffnung im Hinblick auf meine Mathefertigkeiten.

Joana Zimmer:

Ja, man sagt das durch die Takte und dieses Zählen und insgesamt, die Logik darin. Aber ich habe Musik eigentlich immer mehr gefühlt als betrachtet.

Michaela Boland:

Da kann ich dir nur beipflichten genauso habe ich es auch immer empfunden.

Joana Zimmer:

Ich hatte Musik dann irgendwann abgewählt und habe dann das Fach Theater belegt. Ich dachte, es sei schön, jetzt auch mal etwas anderes zu lernen, solange man das noch mitnehmen kann. 

Michaela Boland:

Mit großer Wahrscheinlichkeit bist du ziemlich genervt darüber, immer wieder auf dein Blindsein angesprochen zu werden, weil es mit Sicherheit viele Interviewer tun. Doch nachdem es ein wichtiges Thema ist, kommen wir nun auch nicht drum herum. Hat es dich innerhalb deiner Karriere je gehandicapt?

Joana Zimmer:

(Lacht). Nö, eigentlich nicht. Ich habe halt keinen Beruf, wo ich jeden Tag den gleichen Weg gehe. Ich reise ja ganz viel, das heißt, ich muss wahnsinnig flexibel sein. Ich habe zwar Leute, aber trotzdem will ich mich nicht davon behindern lassen, wenn die auch mal nicht da sind.

Es erleichtert selbstverständlich die Dinge, wenn man Menschen um sich hat, denen man auch vertraut, mit denen man sich wohlfühlt, ist ja klar. Ich bin  auch in New York erst mal abends  alleine Zug gefahren und damals lebte ich noch ganz außerhalb und da muss man schon ein bisschen aufpassen.

Aber ich hatte da auch keine Angst. Man muss vielleicht auch einfach ein bisschen Vertrauen haben. Letztendlich kann schließlich jedem etwas passieren. 

Michaela Boland:

Wie sind denn beispielsweise die Leute von der Plattenfirma mit einer Blindheit umgegangen?

Joana Zimmer:

Es gibt ja wirklich Leute, die sind fokussiert darauf und das ist dann nicht so einfach. Viele waren sehr bemüht bis besorgt. Manche wollten zum Beispiel nicht in irgendein Fettnäpfchen treten, indem sie sagten, „ich sehe“.

Was ja völliger Schwachsinn ist, denn ich benutze das Wort ja auch. Manche sagten aber auch, wenn es ums Reisen ging, es sei toll, dass ich die selbständigste Künstlerin sei und dass die Promoter immer so entspannt wiederkämen, was toll sei und man habe sich das ja anders vorgestellt. Und das finde ich ganz lustig, denn für mich ist es eigentlich so normal.

Michaela Boland:

In einem Interview hast du einmal gesagt, dass du erst im Teenageralter so richtig realisiert hättest, dass du blind bist. Zuvor sei es so alltäglich gewesen, dass es für dich normal war. Wie intensiv hast du dich mit der Frage nach dem Warum beschäftigt? Hast du dir auch die Frage gestellt, „wieso ich“ und mit deinem Schicksal gehadert?

Joana Zimmer:

Ja, (lacht), wieso ich? Klar, wenn mich irgendwie noch mal jemand schuppst, denke ich auch, du könntest es auch mal ne Woche gebrauchen.

Natürlich hat man solche Momente auch, wo man dann nicht gerade so menschenfreundlich drauf ist. Und es gibt durchaus auch Menschen, die sich darüber beklagen, dass sie jetzt eine Brille brauchen. Das nervt mich natürlich ein bisschen.

Weil ich dann sage, na ja, wenn eine Brille doch hilft, ist doch auch nicht schlecht. Das kann ich mir dann auch nicht verkneifen. Denn ich liebe ja auch die neusten Errungenschaften der Technik, zum Beispiel diese Internetsachen. Dass man da einkaufen kann, tausend Sachen machen und sich angucken und informieren kann.

Ich glaube, es gibt viele Sachen, die man gar nicht schätzt, weil man sie hat. Bestimmt mache ich das auch. Ich werde natürlich durch mein Handicap eher drauf hingewiesen als andere. Deswegen muss man ja auch aufpassen, dass man das nicht so aburteilt.

Vielleicht beschwere ich mich auch über Sachen, die ich einfach für selbstverständlich nehme. Aber grundsätzlich habe ich eigentlich nicht gehadert. Es ist natürlich so, dass man sich mit einer Sache, die man fast von Anfang an hat, auch lernt, zu arrangieren. Vielleicht auch leichter als wenn man es später bekommt.

Michaela Boland:

Du bist tatsächlich von Geburt an blind?

Joana Zimmer:

Ja, man ist sich da nicht ganz sicher, weil ich eine ganz seltene Augenkrankheit habe. Man weiß auch nicht genau, warum. Ich sehe auch noch hell und dunkel und Schatten. Aber auch nur ganz dicht vor mir.

Michaela Boland:

Auch mit der Sonnenbrille, die du trägst?

Joana Zimmer:

Dann zwar schlechter, aber auch. Auf jeden Fall nehme ich das wahr. Man ist sich nicht sicher, wann das Augenlicht weg war, aber auf jeden Fall als Baby. Das heißt, der Teil im Gehirn, wo man dann sehen lernt, hat sich ja auch nicht  so komplett ausbilden können.

Michaela Boland:

Kannst du beschreiben, wie du dir Dinge vorstellst?

Joanna Zimmer:

Man kann sich natürlich Dinge, die man direkt anfassen kann oder Modelle und Karten, dann auch vorstellen. Das ist aber schwer zu beschreiben.

Michaela Boland:

Wie stellst du dir Farben vor?

Joana Zimmer:

Verbinde ich immer mit Gegenständen. Weil ja Tomatenrot auch ein anderes ist als ein Kirschrot. Also so ein paar Unterschiede gibt es ja. Und meine Lieblingsfarbe ist ja pink (lacht herzhaft). Mir sind Farben halt wichtig. Auch dass Farben zusammenpassen. Ich lasse mir das dann beschreiben.

Und was so Schnitte und Stoffe und Muster angeht, das kann man ja auch fühlen. Denn wie eine Jeans sitzt, das weiß man ja auch. Ich mag Mode jedenfalls sehr gerne. Das finde ich schon gut.

Michaela Boland:

Wie war es in puncto Jungs? War es ein Thema, dass du nicht sehen konntest?

Joana Zimmer:

Also ja, im Alltag dann natürlich. Ich glaube, wichtig ist immer ein gewisser Respekt, den man vor dem anderen und vor der Privatsphäre des anderen haben muss. Es bringt nichts, wenn man überhilfreich ist. Da ein Feingefühl zu haben, das darf ich natürlich nicht voraussetzten. Das tue ich auch nicht. Aber ich hatte da eigentlich immer Glück.

Michaela Boland:

Hattest du bisher eher Freunde aus der Branche?

Joana Zimmer:

Ich tendiere immer zum „Normalobereich“ was meine Freunde angeht. Nicht nur Boyfriends, sondern überhaupt Freunde in meinem Kreis. Das sind alles eher nicht Musiker, weil ich ja, glaube ich, auch eher bodenständig bin und da ergibt sich das eher so. Das ist auch ganz gesund, weil man driftet ja sonst doch so ein bisschen ab.

Michaela Boland:

Bei dir braucht man sich da bestimmt keine Sorgen zu machen. Bist du gerade in einer Beziehung?  

Joana Zimmer:

Nein.

Michaela Boland:

Das heißt, Mr. Right kann noch kommen.

Joana Zimmer:

Ja, Mr. Right kann noch kommen. Irgendwie bin ich ganz optimistisch.

Michaela Boland:

Hast du eine konkrete Vorstellung davon, wie er sein sollte?

Joana Zimmer:

Hatte ich mal. Jetzt bin ich davon abgekommen. Weil es dann immer anders kommt als man denkt. Aber es gibt auch wirklich Gute. Und es gibt ja sowieso nicht nur gut und schlecht.

Wir haben ja ganz verschiedene Facetten. Es gibt ja auch Frauen, die Männer schlecht behandeln und dann sind die natürlich auch geschädigt. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man immer versucht, sich in Liebe entgegen zu kommen. Insoweit war ja eins meiner Vorbilder auch Ghandi. 

Michaela Boland:

Aus welchem Grund?

Joana Zimmer:

Das war ein sehr leidenschaftlicher Mensch. Der war ja sozusagen sexbesessen.

Michaela Boland:

Was?

Joana Zimmer:

Ja, ja, was ich auch krass finde. Er war anscheinend ein sehr leidenschaftlicher Mensch, der aber merkte, dass ihn das zu sehr verwirrt und dem deswegen komplett entsagte, was bestimmt auch nicht so einfach war für seine Frau. Sicherlich ist es ja etwas, was sehr viel Energie kostet.

Es ist ja normal, glaube ich, gut. Irgendwie gehört es ja zu unserem Leben und zu allem dazu. Aber man darf sich nicht nur auf das fokussieren, sonst hat man nicht mehr viel anderes. Und er war ja ein sehr geistvoller Mensch und wie er es dann beschrieb, war das dann einfach zu viel und so hat er dem dann komplett entsagt.

Er ist anscheinend ein sehr intensiver extremer Mensch gewesen. Aber dann hat er sich wirklich der Liebe zum Menschen gewidmet und dieser Gewaltlosigkeit. Das hat mich sehr beeindruckt.

Michaela Boland:

Was nimmst du davon mit?

Joana Zimmer:

Was ich bewundert habe, war diese Konsequenz. Das kann man für sich eigentlich mitnehmen. Ich glaube, eine Konsequenz in bestimmten Sachen ist auf jeden Fall etwas, das immer wieder überzeugt. Wobei, sich zu etwas zu nötigen, tut auch nicht gut. Ich denke, da würde man eher verbissen. 

Michaela Boland:

Machst du auch Sport?

Joana Zimmer:

Ich bin ja mal Marathon gelaufen. Das war mehr so ein Test, an die Grenzen zu gehen. Ich mache ein bisschen Krafttraining, ein bisschen Laufen und Yoga. Da mache ich vor allem auch Stretching im Power-Yoga. Da mache ich Ashtanga, das basiert auf dem Atem und man ist die ganze Zeit in Action. Ich brauche Flow-Sachen. Das bringt Sauerstoff in den Körper. Danach ist man immer glücklich und fitter .Spannend für den Körper.

Michaela Boland

Die Schauspielerei zählt auch zu deinen Interessensgebieten. Nachdem du den Titelsong zur recht erfolgreichen ARD-Telenovela „RoteRosen“ singst, hast du auch schon selbst dort mitgespielt. Könntest du dir regelmäßig Schauspieleinsätze vorstellen?

Joana Zimmer:

Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich zwar dort selbst gespielt, aber im Kontext von der Serie. Das war ganz spannend. Vergifteter Wein und was da nicht alles vorkam. Ich habe aber auch schon früher am Theater auch mal andere Sachen gespielt.

Ich habe auch mal in einem ZDF-Film mitgespielt (Anm. d. Red.: „Blindes Vertrauen“ mit Heikko Deutschmann). Ich denke auch, dass Schauspielerei und Singen sehr verwandte Dinge sind, weil man ja auch in eine Rolle schlüpft, wenn man singt.

Michaela Boland:

Wie lernst du die Texte? Gibt es dann für dich eine Ausführung des Drehbuches in Blindenschrift oder lässt du es dir vorsprechen und lernst es so?

Joana Zimmer:

Ja, genau. Ich habe ja auch einen Laptop, der spricht. Das heißt, ich kann mir das auch per E-Mail und Word-Anhang schicken lassen. Wenn ich dann unterwegs bin, lassen wir es dann ausdrucken in Punktschrift. Bei „Rote Rosen“ war es so, dass wir es dann auf der Autofahrt gelernt haben.

Michaela Boland:

Wie ist der Kontakt zu deinen Fans?

Joana Zimmer:

Schön. Es ist immer ganz spannend, was man für Menschen anzieht. Ich habe ganz junge Fans und auch ältere. Die Fans liegen vom Alter her zwischen sechs und 66. Zum neuen Album haben viele gesagt, hey, ist ja toll. Endlich auch mal etwas Fetzigeres. Bei unserer neuen Single, „MOVE YOUR BODY“, die ist sehr Club-tauglich, haben mir auch viele DJ`s geschrieben, dass sie sie cool finden.. 

Michaela Boland:

Du setzt dich auch für die Christoffel Blindenmission (CBM) ein. Warum liegt dir das am Herzen?  

Joana Zimmer:

Das ist eine Stiftung, die sich weltweit für Menschen mit Handicaps in Drittländern einsetzt. Was ich insoweit wichtig finde, weil es natürlich viel schwieriger ist, Sachen zu erreichen, wenn man gar keine Mittel zur Verfügung hat und keine Bildung haben kann.

Das ist ja sowieso schon schwierig und mit einem Handicap ist es in manchen Ländern ja fast schon so, dass man nicht mehr zur Gesellschaft gehört. Ich kann gut nachvollziehen, worum es da geht. Deshalb finde ich es auch sehr authentisch, wenn ich mich dafür einsetze. Es gab zum Beispiel einen Fall, der mich sehr gerührt hat.

Da haben die Eltern ein kleines Mädchen jahrelang in liegender Stellung weggesperrt, weil es blind war. Mit sechs Jahren ist es dann gefunden worden und in die Schule gekommen.

Das war sehr rührend für mich als ich es besucht habe, denn es war auch ganz aufgeregt und hat direkt sein Brot weggeworfen als es mich wahrgenommen hat. Diese Kinder sind immer ganz wissbegierig und wollen wissen, was da jetzt ist und an der Welt teilhaben. 

Michaela Boland:

In welchen Ländern bist du hierfür unterwegs?

Joana Zimmer:

Immer, wenn sich etwas ergibt. Ich war jetzt ein paar Wochen in Afrika. Dann war ich im Rahmen einer Kreuzfahrt nach Dubai, dort ging es um ein Filmprojekt für die und da habe das aber auch genutzt, um eine Augenklinik zu besuchen.

Michaela Boland:

Liebe Joana, für dieses ausführliche Interview recht herzlichen Dank. Für deinen weiteren beruflichen und privaten Weg ganz viel Glück und Erfolg.

PS: Das wünscht dir die ganze Redaktion von Freunde der Künste

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR- Sommer-Unterhaltungsshow „Hollymünd“ in Köln-Bocklemünd.. Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „Studio Eins“.

Als Redakteurin und On-Reporterin bei „Guten Abend RTL“ lieferte sie täglich spannende Reportagen aus ganz NRW. Auf 3-Sat moderierte sie die Kultur-Talkshow „Doppelkopf“, für TV NRW präsentierte sie mit „Casinolife“ die erste deutsche Casino-Show rund um eine Million Euro Gewinn aus Dortmund-Hohensyburg. Boland arbeitet darüber hinaus als Sprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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05.08.2017 Seine Texte machen neugierig

GFDK - Michaela Boland

Das ist nun auch über sieben Jahre her, als wir uns aufmachten, Henry Funke "Das gezeichnete Ich" zu treffen. Michaela Boland hat für die GFDK das Gespräch 2010 mit dem Musiker geführt.

Eine mittelalterliche Redensart besagte zwar einst, man möge sich vor den „Gezeichneten“ hüten. Wie jedoch zu verfahren war, wenn jener „Gezeichnete“ das eigene Selbst darstellte, ist nicht bekannt. Welch Glück, dass wir uns im 21. Jahrhundert bewegen, Aberglaube eher selten übermäßig viel Raum einnimmt und wir uns nunmehr „heran trauen“ können:

An Das Gezeichnete Ich. Hier hinter nämlich verbirgt sich nicht nur ein ausgesprochen sensibler, intelligenter und musikalisch weit gereifter junger Musiker, sondern auch ein Mensch, der uns im locker leichten, oftmals von Belanglosigkeit geprägten Pop-Alltag mit wiederentdeckter Tiefgründigkeit überrascht.

Während tanzbare Pop-Harmonien Mega-Erfolge verbuchen, sich aber inhaltlich so „weltbewegenden“ Thematiken wie Poker Face oder Paparazzi widmen, setzt Das Gezeichnete Ich auf ausgereifte Melodien und anspruchsvolle Texte.

Am 25.06. feierte sein neues, zwischenzeitlich hochgelobtes, Album, „Das Gezeichnete Ich“, Release (Anm. d. Red.: Veröffentlichung) Grund genug für GFDK-freundederkuenste.de, den Musiker mit dem geheimnisvollen Namen einmal zu besuchen. Im Mainzer Außengelände des ZDF treffe ich den U-30er während seiner Proben für Andrea Kiewels sonntägliche Vormittagsshow.

Seine Texte machen neugierig

Seine Texte machen neugierig, denn sie laden zum Denken ein. Auch wenn Spiegel-Bestseller Autor Thomas Wieczorek uns in seinem gedruckten Verkaufs-Hit „ Die verblödete Republik“ beinahe kollektiv mangelnde Bereitschaft zur Betätigung der Denkmaschine bescheinigt, zeugt dieser junge Musiker augenscheinlich davon, dass das einstige Land der Dichter und Denker noch immer für Überraschungen taugt.

Sein exaktes Alter möchte er nicht verraten. Er sei unter Dreißig gibt er lediglich an. Doch aus seinem eigentlich französischen Vornamen, „Henri“ macht Das Gezeichnete Ich zumindest keinen Hehl.

Unter praller Mittagssonne muss Henri auf einem kleinen Hügel inmitten des Lerchenbergs nun für seine Probe noch einmal ran. „Du, Es und Ich“ lautet der Titel seiner brandheißen Scheibe, die er morgen hier zum Besten geben wird.

Wenngleich einem hierbei auch schnell Gedanken an Psychoanalyse-Begründer Sigmund Freud in den Sinn kommen, oder man sich womöglich sogar kurzfristig dabei ertappt, auf eine leicht gespaltene Persönlichkeit zu tippen, um die es gehen könnte, macht der Sänger jedoch schnell klar, dass es sich in Wahrheit um ein philosophisches Werk handelt.

Ein philosophisches Werk

„Es gibt ein Du, es gibt ein Ich und es gibt ein Es dazwischen, was uns manche Sachen nicht machen lässt oder auch manche Dinge nicht erreichen lässt oder ein Wir erschwert“, erläutert Henri, Das Gezeichnete Ich.

Man könne es vielleicht beliebig interpretieren, es womöglich als wilde Ménage à trois verstehen, so als habe einer dem anderen die Freundin ausgespannt. Sollten es die Leute es so verstehen sei es auch wunderbar.

Er selbst allerdings sehe es, aus einer philosophischen Ecke kommend, vollkommen anders. Wie er es genau sieht, warum er nahezu melancholisch verfasst, zu langsam erwachsen geworden, falsch geliebt, viel gedacht und wenig geküsst zu haben, erläuterte der kluge Kopf Henri Michaela Boland im Gespräch.

Michaela Boland

Seit wann gibt es Das Gezeichnete Ich in dieser Form?

Das gezeichnete Ich:

Schon seit fast hundert Millionen Jahren. In der Form, in der wir jetzt sind, wahrscheinlich noch nicht so lange. Wann ist der Homo erectus entstanden? Mich selbst gibt es jedenfalls seit knapp 30 Jahren. Und meine Idee mit dem Gezeichneten Ich, von der ich ja denke, dass wir das mehr oder weniger alle sind, seit knapp vier Jahren.

Michaela Boland:

Wie kam es zu dem Projekt?

Das Gezeichnete Ich:

Ich habe immer schon Musik gemacht und, ja wie ist das so, wenn man als Künstler das Gefühl hat, man hat etwas zu sagen und man weiß gar nicht, ist man Künstler oder nicht oder wo wohnt man eigentlich? Und man erfüllt dauernd irgendwelche Geschichten.

Ich wusste eigentlich schon, seitdem ich fünf bin, was ich machen will. Aber es war nie so klar, dass ich das wirklich auch umsetzen würde. Und dann ist das eben über die Jahre gereift und ich habe alles Mögliche ausprobiert. Vor vier Jahren kam ich dann an den Punkt, wo ich gesagt habe, „Ich kann mich nicht mehr so verstecken, ich kann nicht die andere Welt ausblenden“.

Ich hatte diese normalen Jobs, die man macht und die Verpflichtungen, die man hat. Und das andere habe ich ja immer nebenbei gemacht, Musik war also immer dabei. Und das konnte ich nicht mehr ertragen. Und dann habe ich das vor vier Jahren einfach irgendwie durchgezogen und vom einen auf den anderen Tag gekündigt .

Michaela Boland:

Was hast du gemacht?

Das Gezeichnete Ich:

Ach, ich habe Vieles gemacht. Zuletzt habe ich dann noch einige Jahre Strategie für politische Parteien gemacht. Ich habe auch mal als Kabelträger gearbeitet und zwischendurch viel Stupides gemacht. Dann ging es los.

Michaela Boland:

Bei den Proben gerade sah man Dich am Flügel sitzen. Welche Instrumente spielst Du ansonsten?

Das Gezeichnete Ich:

Ich kann eigentlich gar nichts. Aber das reicht, glaube ich, für alles, was ich ausdrücken will. Jetzt lerne ich gerade Cello. Also ich bin auch immer dabei, was Neues zu machen. Ich brauche immer Input. Das Leben ist ja ein ewiges Lernen, oder?

Michaela Boland:

Bitte beschreibe den Musikstil, für den du stehst, in deinen eigenen Worten?

Das Gezeichnete Ich:

Naja, was man auf dem Album zu hören bekommt, also, was als erstes auffällt, ist, dass es sehr orchestral ist. Was aber auch ein Teil meines Lebens war, denn die Jugend habe ich sehr im klassischen Milieu verbracht.

Michaela Boland

Ist das etwas, was bisher noch nicht da gewesen ist?

Das Gezeichnete Ich:

Weiß ich nicht, aber es ist auf jeden Fall das Gezeichnete Ich.

Michaela Boland:

Auf Deiner Seite ist zu lesen, dass du als Gezeichnetes Ich es dir zum Ziel gesetzt hast, der Entzauberung der Liebe einen romantischen Zauber entgegen zu setzten. Wie willst du das gewährleisten? 

Das Gezeichnet Ich:

Den Satz habe ich auch gelesen (lacht) und dachte, „Mensch, da hat er sich aber viel vorgenommen, der Junge“. Nein, es ist ja schon im großen und ganzen ein Liebesalbum. Ich habe eigentlich geguckt, wo ist der Mensch? Und deswegen auch „Das Gezeichnete Ich“.

Dies steht für mich als Parabel für den Menschen . Es gibt ja auch so ein existentialistisches Gedicht von Gottfried Benn, wenn man das liest, weiß man genau, was los ist. Ich habe das als Überbau genommen, habe in allen Richtungen geguckt, wo ist der Mensch, was kann der jetzt?

Michaela Boland:

Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?

Das Gezeichnete Ich:

Ich habe dann eben geschaut, was ist denn in der kurzen Besuchszeit, die wir jetzt hier in dieser Existenz verbringen, eigentlich das Größte, was uns widerfahren kann? Und das haben ja auch alle Pop-Musiker verinnerlicht, also, das ist ja das Gefühl, was wir eben nicht beschreiben können, das der Liebe.

Oder zumindest ein so starkes Gefühl, das heißt, es ist ja eigentlich weniger ein Gefühl, denn eine Prägung, immerhin prägt es uns ziemlich stark in irgend eine Richtung. Insofern ist es das Größte, was wir mitnehmen können.

Eins war interessant: Nach allem, was ich gelesen habe, über Neurologie und wie weit die Bestimmung des Ich ist, wo sich das Wir-Zentrum befindet, die ganzen Freud-Geschichten auf der einen und die ganzen Naturwissenschaftsgeschichten auf der anderen Seite, da habe ich irgendwie festgestellt, dass der Mensch, den wir auch immer in der Theorie annehmen, der Homo oeconomicus , ja gar nicht so ist, wie wir den gerne hätten.

Gar nicht so berechenbar und all so etwas. Sondern es gehört ja ein ganz großer Batzen Gefühl und Empathie hinzu. Und das stellt auch für mich, Das Gezeichnete Ich dar. Nämlich den empathischen Menschen. Und in seiner Ganzheit fand ich dann doch immer, dass die Liebe dann doch der Schlüssel ist, um alle Rationalität irgendwie zu überwinden.

Michaela Boland:

Den Begriff „gezeichnet“ kann man ja auch in einem ganz andren Zusammenhang sehen. Im Mittelalter sagte man: Hüte Dich vor den Gezeichneten. Kannst Du Dir vorstellen, was man genau damit meinte?

Das Gezeichnete Ich:

Vielleicht das Kainsmal, oder? Also, das geht noch weiter biblisch zurück. Vielleicht ist es das. Vielleicht ist es der Bruder-Mörder. Oder vielleicht hat das so eine negative Konnotation? Aber für mich nicht. Für mich hat es eher eine sehr gleich machende und eine völlig ohne Grenzen Bedeutung.

Wenn man die Menschen als gezeichnetes Ich betrachtet, gibt es kein Schwarz und gibt es kein Weiß. Dann sitzen wir alle in einem Boot und wir haben alle unser Päckchen zu tragen.

Und wenn man immer mit so einer gewissen Demut an die Sache herangeht, dann muss man auch gar nicht so oft alles dialektisch zerreden und dann gucken, wo sind die Unterschiede. Da gibt es nämlich gar nicht so viel.

Michaela Boland:

Und du hast keine Angst davor, dass man einen solchen Künstlernamen womöglich in einem negativen Zusammenhang auffassen könnte? 

Das Gezeichnete Ich:

Doch, doch. Wenn wir über Ängste reden, muss ich sagen, ich habe furchtbar viele Ängste. Dazu gehört auch die, dass man das wahrscheinlich alles falsch auffasst, aber dagegen kann ich nichts tun.

Das wird passieren, aber ich glaube, wenn man bei dem Album hängen bleibt und darüber hört, das kann man sich nämlich sehr schön anhören, da muss man sich gar keine Gedanken machen, man kann es einfach so durch hören.

Aber das Gezeichnete Ich war für mich auch immer wie so etwas wie ein Stopschild, um sich in dieser schnelllebigen Welt noch mal kurz über etwas zu wundern. Et was, das in meinen Augen gezackt ist, da muss man mal ganz kurz hin und kann vielleicht unter der Oberfläche noch irgend etwas für sich selbst finden.

Michaela Boland:

Die über dich verfasste Biografie auf der Seite deines Labels befindet sich ja bereits sprachlich auf einem Niveau, welches man nicht unbedingt bei vielen Künstlern findet. Entspricht es auch Deiner Persönlichkeit, sich eher ausschließlich mit recht anspruchsvollen Texten und Dingen zu befassen?

Das gezeichnete Ich:

Nee, also ich lese ganz gerne In Touch und O.K. Also ich bin auch sehr oberflächlich. Ich nehme, glaube ich, alles mit, was da ist. Ich brauche auch jeglichen Input, Filme, Gossip Girl, alles. Ich gucke mir alles an, was es gibt. Deswegen, das ist auch Das Gezeichnete Ich.

Ich meine, das ist so facettenreich. Ich möchte nichts missen. Aber ich bin interessiert , ja klar, an ernsten Gesprächen, damit kann man mich immer locken.

Michaela Boland:

Du warst mit den Pet Shop Boys auf Tour...

Das Gezeichnet Ich:

...die ja im Übrigen auch sehr Kunstinteressierte Leute sind und Kunstverständige.

Michaela Boland

...und auch schon sehr lange erfolgreich im Business, was große Anerkennung verdient. Im Herbst wirst Du dann mit A-HA touren. Ist das im Vergleich zu deiner eigenen, ebenfalls Musik, die dir persönlich gefällt?

Das Gezeichnete Ich:

Ich finde die super. Aber Du ,genauso wie alle anderen meiner Freundinnen, seid wahrscheinlich ganz neidisch, dass ich mit Morton Harket da irgendwie im BackstageBereich sein kann.

Michaela Boland:

Da muss ich Dich enttäuschen, Henri. Ich mag A-HA sehr, meine größte Schwäche galt allerdings seit jeher den Bee Gees und insbesondere Robin Gibb. Zu meiner Schulzeit konnte ich innerhalb der Jahrgangstufe zumindest so ziemlich allein für ihn schwärmen, während die anderen Mädels sich um ihre Lieblingsstars, Morton Harket, Pål, Billy Idol oder gar Hubert Kah „gekloppt“ haben.

Das gezeichnete Ich

Ah, gut. (lacht). Das ist schlau. 

Michaela Boland:

Wie beurteilst Du das, was die Jungs von A-HA machen?

Das Gezeichnete Ich:

Das ist super. Ich finde, das sind großartige Komponisten. Ich weiß, dass sie unermüdlich an ihren Songs arbeiten und besser als die Beatles sein wollen. Bei einigen Stücken haben sie es meiner Meinung nach geschafft. 

Michaela Boland:

Was ist dein persönlicher Favorit unter ihren Songs?

Das gezeichnete Ich:

Vielleicht „Crying in the rain”. Also ich kenne Tausende. Natürlich war auch „Take on me“ brillant. Da sind sie ja auch nicht mehr herangekommen. Das war etwas ganz Besonderes. Fast schon ein ewiges Lied. Auch von der Produktion her, sehr einzigartig.

Michaela Boland:

Du bist bilingual aufgewachsen, nachdem deine Mutter Französin und dein Vater Deutscher ist. War es immer ein Vorteil für dich, zweisprachig groß geworden zu sein?

Das Gezeichnete Ich:

Nun, ich hatte schon Probleme, als ich dann in die dritte Klasse der deutschen Schule gekommen bin. Es war zuerst ein wenig nachteilig für mich, dass ich erst „der“ „die“ „das“ und die Satzstellung noch nicht so richtig konnte.

Michaela Boland:

Bist du zunächst in Frankreich aufgewachsen?

Das Gezeichnete Ich:

Nein, ich war auf einer französischen Schule und meine Mutter hat nur Französisch mit mir gesprochen, mein Vater war selten da. Also, vielleicht kann man nicht unbedingt sagen, dass es nachteilig für mich war, aber auf jeden Fall war es dann erst mal schwieriger, mich in der neuen Schule zurecht zu finden.

Ich hatte irgendwann sogar überhaupt keinen Bock mehr auf Französisch auf dem Gymnasium. Das war auch das Doofe, man denkt ja, man kann ja alles und lernt auch nie.

Michaela Boland:

Da frage ich dich als „halben“ Franzosen doch direkt mal, ob du den „Subjonctif“ (Anm. d. Red.: Modus der französischen Sprache, der mit keinem deutschen verglichen oder eins zu eins übersetzt werden kann und vornehmlich in gehobener Schriftsprache verwendet wird) an dem ich immer verzweifelt bin, beherrschst?

Das gezeichnete Ich:

Ach, hm, ja , ja. Ja Gott. Aber das schwierigere war doch, wie heißt denn das andere noch mal? Also, ich hatte mich eben auch nie richtig mit Grammatik beschäftigt, weil ich es ja konnte, denn ich habe es ja richtig benutzt.

Deswegen habe ich mir auch nie großartig Gedanken gemacht, was sich natürlich dann irgendwann rächt. Spätestens im Abitur musste ich dann noch mal ran. Da hat es mich wahnsinnig genervt. Aber schade ist, dass ich nicht mehr in anderen Sprachen träumen kann. Das hatte ich dann noch immer zwischendurch.

Michaela Boland:

Wie sähe es aus, wenn Du nun wieder einmal Frankreich besuchen würdest?

Das Gezeichnete Ich:

Ja, wenn ich jetzt wieder mal hingehe. Aber ich habe mich jetzt wirklich der deutschen Sprache angeglichen, also ich lese ganz viel auf Deutsch und während der Uni-Zeit liest man ja auch sehr viel auf Englisch. Also da war man dann plötzlich irgendwie in anderen Welten . Ich habe dann auch viele Sprachen gelernt. Russisch und Kroatisch kann ich noch ein Bisschen. Außerdem habe ich auch Spanisch gelernt. Irgendwann ging alles durcheinander.

Michaela Boland

Dann musst du dich mit jeder einzelnen Sprache recht intensiv beschäftigt haben.

Das Gezeichnete Ich:

Ja, einmal kam es vor, dass ich nach Spanien gefahren bin und dann konnte ich das ganz gut. Und anschließend bin ich nach Kroatien gefahren und dann konnte ich überhaupt nichts mehr, habe gar nichts mehr zustande bekommen. Aber jetzt klappt es wieder.

Michaela Boland

Auf Deiner MySpace Seite heißt es, „Das Gezeichnete Ich ahnt, dass seine Geschichte nichts Besonderes ist, aber Das Gezeichnete Ich fühlt, dass es die Stimme ist, sie zu erzählen.

Könnte man dies nicht als widersprüchlich auffassen, insoweit als man sich fragt, warum ein Künstler, der von sich selbst angibt, dass das, was er zu erzählen habe, nichts Außergewöhnliches sei, sich aber dennoch darum bemüht fühlt, die Öffentlichkeit damit zu beschäftigen?

Das Gezeichnete Ich:

Nein, jeder Mensch ist etwas Besonderes. Aber worauf ich eigentlich hinweisen will ist, dass alle ein schöpferisches Potential haben. Und alle sollten versuchen, es auszuleben. Dahin, hoffe ich, kommt die Menschheit noch. Wenn sie sich zuvor nicht selbst auslöscht.

An meinen Kunstprojekten wird man auch messen können, inwieweit ich dies auch ernst nehme. So schwebt mir beispielsweise vor, ein Open-Source-Album zu machen, wo ich lediglich eine Melodie vorgebe und alle anderen etwas dort hinzufügen können.

Gerade schreibe ich an einem solchen Programm. Also, in der Richtung wird noch viel kommen. Deswegen ist das nicht widersprüchlich, womöglich ist es jetzt nur nicht verständlich.

Michaela Boland:                                                                                                       

Hältst du es ganz mit dem von dir wiederholt erwähnten Gottfried Benn (Anm. d. Red.: Deutscher Arzt, Dichter und Essayist; geb. 2. Mai 1886 – gest. 7. Juli 1956 ), der die Bedeutung der Biografie sowie die Bedeutung der sozialen und regionalen Ursprünge für das Werk eines Künstlers als unbedeutend bezeichnet und herunter spielt?

Mit anderen Worten, es sei unerheblich für ein Werk, wo und wie jemand aufwachse. Und wenn ja, inwieweit ist dann der intellektuelle Anspruch, den du selbst hast – immerhin liest man über dich, dass du Goethe vergötterst, Thomas Mann verschlungen hast und den musikalischen Barock-Vertreter Johann Sebastian Bach liebst – relevant?

Das Gezeichnete Ich.

Ich wohne mehr in Büchern oder in Filmen oder in anderen Geschichten. Die Welt ist so klein geworden. Du kannst auf Google Street gucken, wo du hinwillst, vielleicht kurz mal am Santa Monica Boulevard spazieren, wenn ich Lust habe. Mit dem Finger auf der Landkarte.

Nein, das spielt nicht so eine Rolle. Man schafft das Werk, wo man ist und man ist natürlich von dem beeinflusst, was einen umtreibt. Aber das ist, glaube ich, auch mehr Wissenschaft, wenn ich mich mit irgendwelchen Theorien auseinandersetze oder versuche, Quantenmechanik zu verstehen, dann beeinflusst mich das mehr als mein Umfeld.

Also ich werde mehr von der platonischen Welt beeinflusst als von der, die wir jetzt reell nennen.

Michaela Boland

Spielt Herkunft deiner Meinung nach denn insofern nun eine Rolle für das Erschaffen bestimmter Dinge oder nicht?

Das Gezeichnete Ich:

Ah, ich weiß nicht. Ich glaube, man hat etwas in sich. Ich kann nur sagen, irgend etwas habe ich in mir, was mich von anderen unterscheidet. Ich merke das beispielsweise immer an meinen Musikern. Ich habe ein ganz starkes Gefühl dafür, wo das hingeht und wie das aussehen soll.

Wie eben jemand, der eine schöpferische Berufung oder eine Begabung hat. Und ich weiß gar nicht, ob ich die hätte groß trainieren müssen. Die war einfach da. Und ich nutze sie nur.

Natürlich kann ich sie jetzt immer besser kanalisieren durch mehr Wissen. Für mich ist Wissen zum Beispiel total ansteckend. Also ich brauche immer Input, denke immer, wow, das beflügelt mich noch. Aber ich glaube, andere können auch einfach Schaffen aus dem, was sie sehen.

Ich beobachte ja auch nur und wundere mich beispielsweise über eine kleine Pflanze und denke, wie unglaublich alles angeordnet und gemacht ist. Aus diesen Dingen, wenn man nur das richtige Auge hat,  kann man dann schon schöpfen. 

Michaela Boland:

Ob Arbeiter oder Kunst- Professor, schöpferisch können somit alle das Gleiche erreichen?

Das Gezeichnete Ich:

Der Arbeiter wird  womöglich nicht dasselbe erschaffen, aber er wird etwas anderes schaffen. Jeder ist schöpferisch veranlagt, davon bin ich überzeugt. Es gibt auch keinen blöden Menschen. Also ich glaube, jeder kann an sich arbeiten und etwas machen und reflektieren. Klar, das muss auch ein Bisschen gelernt sein. Hast du das weiße Band gesehen?

Michaela Boland:

Leider noch nicht.

Das Gezeichnete Ich:

Da spiegelt sich auch viel wieder, da denke ich auch immer wie wichtig Erziehung und Bildung in gewisser Form schon ist. Aber in sich tragen das alle, egal an welcher Stelle man da ansetzt. Das kann man auch später machen. Aber man braucht gute Vorbilder.

Michaela Boland:

Du verehrst Goethe. Darüber hinaus hinterlassen verschiedene weitere Angaben über Dich einen intellektuellen Eindruck. Fühlst du dich in der Showbranche eigentlich gut aufgehoben?

Das Gezeichnete Ich

Intellektuell bin ich aber nicht. Ich lese nur gerne. Ich lese auch jedes Jahr einmal den Faust, weil ich ihn einfach liebe. Ich habe das so intensiv gelesen, dass ich auch in Reimen geträumt habe, das fand ich wunderbar. 

Michaela Boland:

„Habe nun ach“,......?

Das Gezeichnete Ich

Ja, wirklich (lacht) „komm und fromm „.Aber, nein, intellektuell bin ich nicht, da gibt es einfach andere, die sich da noch mehr mit Sachen auseinandersetzen. Ich führe gerne Sachen zusammen und sehe mehr so eine Ganzheitlichkeit. Ich strebe einfach so ein Gefühl für das Ganze an.

Ich glaube, dass dies das ist, was auch der Trend sein wird. Ich denke, das wird uns noch mal entscheidend voran bringen. Ein Geist, der die ganzen kleinteiligen Sachen, die wir jetzt alle herausgefunden und gesehen haben, zusammen bringt.

Immer war es so, dass beispielsweise die großen Mathematiker ein Problem aus ganz anderen Blickwinkeln betrachtet haben. Und plötzlich kamen sie auf eine nie da gewesene Lösung. Ich glaube einfach, diese Vorbilder, die muss man suchen und die Richtung sollte man denken.

Die ganze Krise besteht doch beispielsweise nur, weil wir nicht interdisziplinär denken, sondern weil alle sich abschotten. Das „Wir“ muss größer werden. Und was das Showbizz betrifft, sehe ich es so wie in dieser Geschichte:

Der Teufel stand vor Gericht und der Richter hat ihn gebeten, bitte stehen Sie auf und er sagte nur, „wenn es der Wahrheitsfindung dienlich ist, gerne.“ Ich möchte natürlich, dass mein Werk verbreitet ist und ich glaube, dass es das Wert ist, wenn es andere auch so empfinden, wenn es gehört wird. Dafür habe ich lange gearbeitet. Ich möchte ja auch davon leben.

Michaela Boland:

War es schwierig, ein Label zu finden?

Das Gezeichnete Ich:

Ich hatte mir eben doch sehr viel Zeit gelassen, denn ich habe zu vielen Sachen nein gesagt. Ich bin da doch schon irgendwie Individuallist in vielen Dingen und das „Gezeichnete Ich“ war auch, glaube ich, nie so einfach für die Menschen. Die haben nicht  gerade gesagt, Juchu, ja Hurra, hier Peter Müller, das können wir vermarkten, das wird toll.“

Michaela Boland:

Woran glaubst du, lag das?

Das Gezeichnete Ich:

Naja, weil heute vieles in Formate gepresst ist und Leute eben nicht über den Tellerrand gucken. Und viele auch immer nur ihren Job machen. Es ist schon eine Kunst, Das Gezeichnete Ich überhaupt in aller Munde zu haben. Das ist schon das Einzige, was mich eigentlich froh macht, weil ich denke, so wow, cool, wie hast du das hingebracht?

Im Grunde auch kurios für Deutschland, denn eigentlich hat mich ein Engländer, oder ein  Pariser, besser gesagt entdeckt. Alex Silva, der auch der Produzent von Herbert Grönemeyer ist.

Und der fand es klasse. Über Umwege ist meine Musik an ihn geraten, obwohl ich alles für mich gemacht habe. Ich war nämlich eigentlich ziemlich abgeschottet. Ich habe gesagt, ich mache etwas und wenn ich scheitere, dann scheitere ich groß, das war mir völlig klar.

Aber ich musste das machen, was ich eben machen musste. Und das hat mich vorangetrieben. Wie eine Vision. Glaube, Hoffnung das brauchen wir, um sich auch stark zu fühlen und unabhängig zu machen.

Dann war es Zufall oder Schicksal, denn er hat es dann bekommen und rief mich an und fand es klasse und dann haben wir uns gut verstanden. Alles lief gut. Und nun rückwirkend betrachtet: Hätte ich irgendetwas anders in meinem Leben gemacht, Gott, es wäre alles nicht so passiert. Insofern, ist Schicksal in einem Satz, „ vielleicht mehr als Zufall“.

Michaela Boland:

Schule und Studium bezeichnest du als „belanglosen Entwicklungsgang“. Was hast du studiert?

Das Gezeichnete Ich:

Das hat Gottfried Benn so gesagt. Ich habe Volkswirtschaft studiert.

Michaela Boland:

Dann hast du ihn zitiert. Und Volkswirtschaft war so belanglos?

Das Gezeichnete Ich:

Nein, das war prägend (lacht). Ich habe mich immer ein bisschen blöd gefühlt, weil ich dachte, ich nehme irgendjemandem den Studienplatz weg, der es echt drauf hat. Ich fand es beim Machen dann doch interessant, aber es war ja so, dass ich immer geschrieben und Musik gemacht habe. Ich wollte eben einfach verrückte Kunstideen machen und umsetzen. Aber ich habe das Studium zumindest abgeschlossen.

Michaela Boland:

Das zweite Standbein ist also gesichert?

Das Gezeichnete Ich:

Ach ja gut, aber der Point of no return, der ist schön längst überschritten. Ich könnte, wenn ich wollte, aber ich komme da auch nicht mehr hin, das kann ich mir alles nicht mehr vorstellen.

Michaela Boland:

Was war das für ein Gefühl als du dich entschieden hast, jetzt hundertprozentig in das Musikgeschäft einzusteigen?

Das Gezeichnete Ich:

Erst mal ist es Angst. Man muss die Angst benennen und ihr tatsächlich ins Angesicht schauen. Und ich bin froh, dass ich echt viele Ängste überwunden habe. Aber natürlich denke ich auch: Oh Gott, wo bin ich denn jetzt gelandet?

Es ist ja viel geiler, wenn man um neun Uhr geht und einen Job mach und dann um 17.00 Uhr wieder zu Hause ist und so etwas wie Urlaub hat. Es ist natürlich für mich auch manchmal schwer, weil ich so ein Getriebener bin und ich habe einen Mitbewohner in Berlin, der ist Insolvenzanwalt, ein Kumpel von mir.

Und wir denken manchmal, du hast es so geil, Du kannst jetzt entspannen. Ich muss manchmal um 00.00 Uhr aufstehen und die ganze Nach lang arbeiten, weil ich nicht schlafen kann, wenn ich so getrieben bin. Dann muss es jetzt sein, denn es ist wann anders einfach nicht möglich.

Schicksalhaft war dann übrigens auch, wenn ich manchmal während des Studiums gedacht habe, in der Bahn passiert irgend etwas und am Morgen einfach zu Hause geblieben bin.

Michaela Boland:

Und passierte dann tatsächlich etwas?

Das Gezeichnete Ich:

Nein, natürlich nicht, aber ich hatte ein ungutes Gefühl und dann bin ich auch zu Hause geblieben.

Michaela Boland:

Bist du ein abergläubischer Mensch? 

Das Gezeichnete Ich:

Ja, komischerweise schon, manchmal. Also, ich lasse es nicht zu sehr ran, weil das ist einfach dieses Self- Fulfilling Prophecy, nachher wird es auch noch wahr. Also, das ist fürchterlich. Ich versuche mich immer mit Gedanken ganz schnell abzulenken. Dem Universum schicke ich immer nur ganz gute Vibes herüber.

Michaela Boland:

Glaubst du an Gott?

Das Gezeichnete Ich:

Also so, wie ihn die Kirche sieht, nein, überhaupt nicht. Aber ich glaube an irgendetwas, ja eben Unerklärliches. In dem Lied „Lichtjahre“ wirst du es dann erkennen.

Dennoch denke ich, mein Ich, Das kann nicht nur ich sein, denn ich schlüpfe in so viele verschiedene Perspektiven und fliege manchmal wie ein Vogel über die Welt, um einfach andere Sachen zu sehen. Ich zwinge mich selbst dazu, Dinge anders zu sehen. Es gibt ja überhaupt nichts Absolutes, gar nicht.

Michaela Boland:

Bist du frei von Vorurteilen?

Das Gezeichnete Ich:

Nein, natürlich nicht, aber ich hoffe immer, dass ich da immer schnell raus springen kann. Und ich halte es da auch mit Karl Raimund Popper, einem der ganz großen neuzeitlichen Philosophen, der sagt: „Du magst auch Recht haben“, das finde ich gut.

Michaela Boland:

Magst du auch solche Autoren wie Richard David Precht, wenn du dich mit Philosophie beschäftigst?

Das Gezeichnete Ich:

Ja, das habe ich auch gelesen. Ich dachte am Anfang, oh mein Gott, ist dieser Titel Scheiße. „Wer bin ich und wenn ja, wie viele“ Hätte es nicht heißen müssen: „Was bin ich und wenn ja....Das hat mich immer völlig aufgeregt, aber das Buch ist toll.

Auch sein Liebesbuch habe ich gelesen, „Liebe, ein unordentliches Gefühl“. Es ist toll, super. Wenn man es zusammenfasst, auf jeden Fall ein großartiger Typ.

Michaela Boland:

Was hat deine Aussage „Glück lässt mich verdursten, doch ich rechne mit dem Wolkenbruch“ zu bedeuten? Auch deine Verse, „Das Gezeichnete Ich wurde zu langsam erwachsen, liebte falsch, dachte viel, küsste wenig, erschrak, verstand, schluckte etc..“ lässt einen ein wenig ins Grübeln kommen. Fällt es Dir leicht oder schwer, glücklich zu sein?

Das Gezeichnete Ich:

Mir fällt es schon schwer, Sachen zu genießen und glücklich zu sein. Das fällt mir nicht so leicht. Die Schwermut ist da schon wesentlich konstanter.

Michaela Boland:

Fast könnte man beim Lesen dieser Zeilen dem Eindruck erliegen, dass das eine depressive Anwandlung ist.

Das Gezeichnete Ich:

Manchmal habe ich bestimmt schon manische Phasen, deswegen mache ich auch Musik. Ich komme damit klar, andere nicht. Das hilft mir natürlich, mich auszudrücken in Dinge Form von Songs abschieben.

Michaela Boland:

Du bist Einzelkind. Bist du eigentlich sprichwörtlich verwöhnt?

Das Gezeichnete Ich:

Verwöhnt? Da wirst du wahrscheinlich andere fragen müssen, die mich kennen. Aber ich brauche nicht viel, wirklich. Ich sage immer, ich brauche ein Klavier, einen Tisch und meine Bücher.

Michaela Boland:

Was steht bei dir abgesehen von Gottfried Benn zu Hause in den Bücherregalen?

Das Gezeichnete Ich:

Ach viel Reclam-Schrott. (lacht). Nein, gutes Zeug.

Michaela Boland:

Mit den dazugehörigen offiziellen Interpretationen?

Das Gezeichnete Ich:

Nee, nee. Ich mache so lange, bis ich es verstanden habe. Ich habe viel Dostojewski , den ich über alles liebe. Seine ganze Werk-Ausgabe. Ich habe das alles viel zu früh gelesen. Nietzsche habe ich beispielsweise auch viel zu früh gelesen.

Michaela Boland:

Warum glaubst du das?

Das Gezeichnete Ich:

Ich erkenne dann immer mein Denken, wenn ich wieder mal bei Nietzsche durchblättere, denke ich immer „Oh Gott“.

Michaela Boland:

In welchem Alter warst Du als Du dir diese Literatur erstmalig vorgenommen hast?

Das Gezeichnete Ich:

15 oder 16 Jahre alt. Ich hatte so alte Ausgaben in Altdeutsch, ganz schlimm. Ich weiß gar nicht wieso, denn ich war gar nicht gut in der Schule und so. Meine Deutschlehrer, die würden sich wahrscheinlich im Grabe herum drehen, das heißt, die leben noch. Sie würden wohl sagen: „Der? Niemals! Never ever!“. Doch, wenn es aber um Gedichte geht, war ich immer relativ kreativ und witzig, würde ich sagen.

Michaela Boland:

Schreibst du auch selbst Lyrisches?

Das Gezeichnete Ich:

Ja und ich möchte auch unbedingt mal einen Band herausgeben, wenn es gut genug ist. Aber das dauert noch. Da muss ich noch lange dran feilen. 

Michaela Boland:

Aber du hast schon einiges auf Lager, das du direkt so in Druck geben könntest?

Das Gezeichnete Ich:

Ja, ich habe schon mal wieder gerechnet, wie viele Seiten es jetzt wären.

Michaela Boland:

Und? Wie umfangreich würde es sein?

Das Gezeichnete Ich:

Es reicht für einen kleinen Band.

Michaela Boland:

Gehörst du zu den Menschen, die einmal Verfasstes möglicherweise schon am nächsten Tag wieder verwerfen, weil sie es nicht mehr für ebenso gut befinden wie am Vortag?

Das Gezeichnete Ich:

Ich lasse vieles liegen. Manchmal komme ich auch wieder zurück zum Ersten und sage, „mein Gott, das war genial, wieso bin ich denn diese ganzen Umwege gegangen“. Man muss manchmal alles einmal ablaufen.

Manchmal auch nicht, denn hin und wieder ist es auch so stark und so gut, dass man denkt, „oh Gott“, man hat Respekt davor, man kann es gar nicht anfassen. Diese Sachen, die bringt man dann nie zu Ende. Meine Songtexte sind eigentlich abgeleitete Gedichte, wo ich die Idee übernommen habe.

Das, was du eben zitiert hast, mit dem Wolkenbruch, (Anm. d. Red.: „Glück lässt mich verdursten, doch ich rechne mit dem Wolkenbruch“ siehe oben) das ist eigentlich ein total mathematisches Gedicht gewesen.

Michaela Boland:

Ach? 

Das Gezeichnete Ich:

Naja, weil der Wolkenbruch und ich teilen das Universum durch die Zeit. Man kann das natürlich auch ganz anders lesen.

Michaela Boland:

Also, ich war in Mathematik nie so gut, daher musste ich sie in Deinen Gedicht-Zeilen offensichtlich verkennen.

Das Gezeichnet Ich:

Ich war auch nicht so gut darin. Ich glaube, weil es uns falsch beigebracht wurde.

Michaela Boland:

Wie erleichternd, dass du das sagst.

Das Gezeichnete Ich:

Ja. Mittlerweile liebe ich Mathe. Ich weiß gar nicht, wie ich mein Leben bisher ohne Mathe leben konnte? 

Michaela Boland:

Das heißt, du hast mittlerweile ein Verständnis hierfür entwickelt?

Das Gezeichnete Ich:

Nein, ich bin ganz schlecht darin. Ich wünschte, ich wäre für Mathematik ebenso intuitiv wie für Musik. Da sagt Leipniz doch den berühmten Satz: „Musik ist Zählen ohne dass man weiß, dass man zählt.“

Also ich zähle, ohne, dass ich weiß dass ich zähle und fände es so toll, wenn mir dies in Mathe auch gelänge. Aber ich habe zumindest ein annäherndes Verständnis, obwohl mein Mathelehrer sagen würde: „Niemals!“

Michaela Boland:

Zeichnest du allein für deine Songtexte verantwortlich?

Das Gezeichnete Ich:

Ja, eigentlich schon. Das sind alles meine Lieder.

Michaela Boland:

Könntest du dir denn vorstellen, auch Stücke von einem anderen zu machen?

Das Gezeichnete Ich:

Ja, ich habe einen guten Kumpel. Bei dem probiere ich gerade, eines von seinen Liedern für mich zu adaptieren. Aber ich weiß nicht, ob es mir gelingt.

Michaela Boland:

Du lebst in Berlin. Sind deine Eltern auch vor Ort?

Das Gezeichnete Ich:

Sie leben nicht in Berlin.

Michaela Boland:

Hast du viel Kontakt zu ihnen? 

Das Gezeichnete Ich:

Ich habe viel Kontakt. Ich bin einer von den Jungs, der seine Mutter jeden Tag anruft.

Michaela Boland:

Unterstützen deine Eltern den von dir gewählten Weg?

Das Gezeichnete Ich:

Ja, jetzt schon. Früher natürlich auch, aber sie haben immer gesagt, „Junge, mach was Anständiges“.

Michaela Boland:

Du wirst das Land Brandenburg bei Stefan Raabs diesjährigem Bundesvision Song Contest vertreten. Wie kam es dazu?

Das Gezeichnete Ich:

Da wird etwas eingereicht und dann wird etwas ausgewählt und ich wurde ausgewählt.

Michaela Boland:

Du engagierst dich auch sozial. Was machst du genau? 

Das Gezeichnete Ich:

Echologic ist ein Netzwerk, das ich unterstütze. Mit den Jungs arbeite ich gemeinsam an Open-Source-Projekten. Ich werde mit denen eine Seite machen. Ich habe mit dem Gezeichneten Ich angefangen als gesamtheitlicher Kunst, denn ich möchte ein soziales Netzwerk machen, das wirklich sozial ist.

Also Social-Responsibility-Projects . Es gibt Leute, die einen Rhythmus geschrieben haben, der tatsächlich Diskussionen zusammen fast, also Wissen richtig toll aufbereitet.

Da kann man über Sachen diskutieren und über Projekte, die man verwirklichen möchte. Z.B.: „Macht den Spielplatz vor der Türe sauber vom Fixerbesteck “. Dann voten wir dafür und wenn das dann beispielsweise in Leipzig ist, dann  würde ich dann sagen:

„O.K, .ich habe dann und dann ein Konzert in Leipzig, dann ist der Fixtermin und wir treffen uns da vor Ort, machen das alles sauber und haben irgendetwas gemacht.

Vor allem haben wir diesen inneren Schweinehund überwunden und in dem Moment ist Virtualität Realität geworden. Es geht auch immer darum, sich abzulenken, übrigens auch in dem Song „Du, ES UND ICH“, sich neurolinguistisch zu programmieren.

Michaela Boland:

Inwieweit?

Das Gezeichnete Ich:

Es geht ganz einfach, Dinge zu machen, z.B: mehr Sport zu machen, wenn man die richtigen Anreiz-Systeme hat. NLP, also neurolinguistisches Programmieren geht ganz einfach. Ich habe aufgehört, Cola zu trinken als ich mich programmiert und gesagt habe, „Cola ist Scheiße“.

Das  war dann irgendwann richtiggehend verhaftet. Und von da an bin ich immer in den Laden gegangen und habe mir das vorgesagt und dann konnte ich da nicht mehr zugreifen.

Michaela Boland:

Und was ist mit dem Suchtfaktor?

Das gezeichnete Ich:

Du hast es dann entsprechend verhaftet. Und dann sagst du dir einfach, das ist ganz blöd. Es geht natürlich noch viel komplizierter und du kannst dich noch viel viel schlauer selbst an der Nase herum führen.

Aber das geht auch ganz schön, wie die Jungs von diesem Fun-Project, die gesagt haben, wie bringen wir die Leute dazu, die Treppen zu benutzen und nicht mehr die Rolltreppe?

Also haben sie eine Klaviertastatur daraus gemacht und an jenem Tag sind 98% der Leute auf dieser Klaviertastatur hoch gestiegen, die Töne von sich gegeben hat und haben die Rolltreppe links liegen lassen.

Es geht also. Und das versuche ich eben zu machen: Energie umzuwandeln. Wir können alle. Jedes gezeichnete Ich kann schon allein dadurch, dass es an dem und dem Tag dort ist, etwas ändern.

Michaela Boland:

Wie geht es bei dir in nächster Zeit konkret weiter?

Das Gezeichnete Ich:

Es stehen jetzt zunächst einzelne Auftritte an. Außerdem haben mich die Pet Shop Boys noch mal angerufen, ganz nett. Mit denen mach ich noch etwas. Ja, und dann kommt eben das Stefan Raab-Ding, dann kommt im Herbst die A-HA-Tour und dann mache ich endlich eine eigene kleine Tour und hoffe, dass ein paar Leute kommen.

Michaela Boland:

Gibt es etwas, das dir etwas Herzen liegt, und du der Welt unbedingt mitteilen möchtest?

Das Gezeichnete Ich:

Ja, denkt euch schnell was aus, wie wir das Leck von BP stopfen können!

Michaela Boland:

Henri, herzlichen Dank für dieses Interview, alles Gute und viel Erfolg für deine weitere Karriere.


Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR- Sommer-Unterhaltungsshow „Hollymünd“ in Köln-Bocklemünd.. Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „Studio Eins“.

Als Redakteurin und On-Reporterin bei „Guten Abend RTL“ lieferte sie täglich spannende Reportagen aus ganz NRW. Auf 3-Sat moderierte sie die Kultur-Talkshow „Doppelkopf“, für TV NRW präsentierte sie mit „Casinolife“ die erste deutsche Casino-Show rund um eine Million Euro Gewinn aus Dortmund-Hohensyburg. Boland arbeitet darüber hinaus als Sprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland

 

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