Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

14.12.2018 Er zählt zur ersten Garde

GFDK - Exklusiv Interviews - Michaela Boland

Einer der populärsten Schauspieler in Deutschland drehte einen Fernsehfilm in Köln. Nun ist er in "DAS ENDE DER WAHRHEIT" zu sehen. Wir erinnern an das Gespräch, das Michaela Boland für die GFDK, mit ihm 2010 geführt hat

In der deutschen Schauspielriege zählt er zur ersten Garde. Seiner Vielseitigkeit ist es zu verdanken, dass er hierzulande zu einem der gefragtesten Darsteller in Film- und Fernsehproduktionen wurde.

Schauspiel-Superstar und Adolf-Grimme-Preisträger August Zirner dreht derzeit in Köln den WDR-Fernsehfilm „Die letzten 30 Jahre“ (Arbeitstitel).

An seiner Seite: Männertraum Barbara Auer. Nach einem anstrengenden Tag am Set traf sich der charismatische Mime mit österreichischer und US-amerikanischer Staatsbürgerschaft zum Interview mit Michaela Boland.   

Michaela Boland:        

Aus dem Titel ihres neuen Filmes „Die letzten 30 Jahre“ von Drehbuchautorin und Grimme- sowie Deutsche Fernsehpreisträgerin Ruth Toma („Romeo“, „Solino“) lässt sich unschwer erkennen, dass die zu erzählende Geschichte in die Vergangenheit führt. Worum geht es genau? 

August Zirner:             

Die Geschichte bewegt sich in einem Zeitraum zwischen 1976 und 2006. Es geht um die Liebesgeschichte der Jura-Studentin Resa und dem radikalen Oskar, vor dem Hintergrund der linken Studentenbewegung bis in die Jetztzeit, verknüpft mit dem gesellschaftspolitischen Wandel. So werden beispielsweise Ereignisse wie Startbahn West  thematisiert.

Resa wird wegen ihres Engagements in der Studentenbewegung nicht zum Staatsdienst zugelassen. Die beiden treffen sich in den 80ern wieder, finden und ziehen zueinander, bis Oskar irgendwann einfach mit einem Koffer, welcher in der gemeinsamen Wohnung als Tisch gedient hatte, verschwindet und abtaucht.

 Denn privates Glück ist in seinem Kampf gegen das System nicht vorgesehen. In den nächsten 30 Jahren führt das Schicksal die beiden immer wieder zusammen und auch, wenn sie politisch die Seiten gewechselt haben, fühlen sich die beiden noch immer stark zueinander hingezogen. 

Michaela Boland:        

Bereitet man sich auf einen Film, der drei Dekaden in die Vergangenheit führt, auf eine besonders nostalgische Art und Weise vor?   

August Zirner:             

Ich habe ja bereits den Film „Das Versprechen“ unter der Regie von  Margarethe von Trotta gemacht. Auch dort ging es      um eine Ost-West-Thematik, um Trennung und Beziehungsproblematiken. 

Michaela Boland:        

Nach welchen Kriterien wählen sie ihre Projekte aus? 

August Zirner:             

Es kommt immer darauf an, welche Fragen mir beim Lesen eines Drehbuchs kommen. Ich denke, das, was mich interessiert, könnte andere auch interessieren. Reizvoll finde ich immer, wenn sich hinter einer freundlichen Fassade, und das kommt oft vor, in Wahrheit ein Monster verbirgt. Also, traue keiner Fassade. 

Michaela Boland:        

Gab es in ihrem Leben jemals Momente, in denen sie bereuten, Schauspieler geworden zu sein? 

August Zirner:             

Nein. Es gibt zwar Momente, in denen ich merke, dass die Schauspielerei einen in seiner menschlichen Entwicklung hemmen kann, denn der Beruf macht es einem manchmal schwer, bei sich zu bleiben, wenn man stets in andere Rollen schlüpft. Auch für das Umfeld ist es nicht immer leicht, wenn ich manchmal so sehr in meinem Projekt verhaftet bin.  

Michaela Boland:        

Sie sind Vater von vier Kindern. Inwieweit hat ihr Beruf auf den Nachwuchs abgefärbt?  

August Zirner:             

Mein heute 30-jähriger Sohn, Johannes, ist ebenfalls Schauspieler. Er hatte u. a. bereits Engagements in Bochum und als freier Schauspieler am Schauspielhaus Zürich. Ich habe ihn oft auf der Bühne gesehen und ich mag sehr, was er macht. Dennoch können wir wie ganz normale Schauspielkollegen miteinander umgehen.   

Michaela Boland:        

Können sie in einem Satz beschreiben, was für sie einen guten Schauspieler ausmacht?  

August Zirner:             

Es ist die Bereitschaft, vor einer Figur demütig zu sein, zu verwandeln und ein anderes Schicksal zu respektieren, man muss nicht immer alles verstehen, aber der Beruf ist eine Art Schulung der aktiven Toleranz. 

Michaela Boland:        

Wie gehen sie mit Unvorhersehbarem um?  

August Zirner:             

Wenn auf der Bühne etwas Unvorhergesehenes passiert, handelt man einfach, weil man muß!  Der Zufall oder eine Panne helfen einem oft erstaunlicherweise weiter, ganz im Sinne von Joseph Beuys, der gesagt hat: „Zeige deine Wunde“. Oft ist die Unvollkommenheit etwas, wodurch man etwas erfahrt oder lernt. Man sollte daher Fehler oder Pannen  nicht verdrängen, sondern integrieren.   

Michaela Boland:        

Was haben sie sich eigentlich zuletzt im Fernsehen angesehen?  

August Zirner:             

Gestern: Hart aber Fair.  

Michaela Boland:        

Haben sie auch Gelegenheit, sich Unterhaltungsformate zu Gemüte zu führen? 

August Zirner:             

Für mich war die Sendung auch unterhaltsam, wenngleich ich auch nur zwei der Gäste als glaubwürdig empfand.  

Michaela Boland:        

Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen, wie beispielsweise Veronica Ferres, sieht man sie kaum auf Medienveranstaltungen . Meiden sie solche Events?  

August Zirner:             

Natürlich gehe ich auch hin und wieder mal zu einer Medienparty, um Leute zu treffen. Aber grundsätzlich genügt es mir, durch die Rollen, die ich spiele, in der Öffentlichkeit zu sein. Auch war ich ja bereits mit 23 Vater und habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen, schon da hatte ich keine Zeit für Parties oder abends in die Kneipe zu gehen. Und die Kneipe war ja so etwas wie die Bunte, dort entstand auch Klatsch und wurde weiterverbreitet. 

Michaela Boland:        

Sie erwähnen, schon in sehr jungen Jahren Vater geworden zu sein. War dies, rückwirkend betrachtet, eher besser oder schlechter als sich der Aufgabe in einem reiferen Alter zu stellen?  

August Zirner:             

Ich verdanke meinem Sohn, der jetzt 30 ist, den Einstieg ins Leben. Mit 23 habe ich gelernt, es geht nicht nur um mich.   

Michaela Boland:        

Sie sind seit 25 Jahren mit der Schauspielerin Katalin Zsigmondy verheiratet und führen ein skandalfreies Privat-und Familienleben.Wie schafft man es, in einer schnelllebigen Zeit und Gesellschaft mit einer Scheidungsrate von etwa 39 % eine Beziehung dauerhaft und so erfolgreich aufrecht zu erhalten?  

August Zirner:             

Indem man viele Krisen aushält. Es lohnt sich, denn die Summe der Krisen ist immer eine Vorwärtsbewegung. Man denkt immer, eine Beziehung muß  so oder so oder gar perfekt sein. Aber das kann nur enttäuschend sein, denn jede Beziehung ist anders. Man braucht Geduld und man muß  Widersprüche aushalten. . Ich bin froh um jede Form von Komplexität.  

Michaela Boland:        

Neben ihrem Schauspielerdasein sind sie ebenfalls als Sprecher für Hörbücher wie Eric Clapton`s „Mein Leben“ oder Adriaan van Dis` “Ein feiner Herr und ein armer Hund“ erfolgreich. Gibt es neue Produktionen?   

August Zirner:             

Ich habe erst vor kurzem das Buch „Hector und Hector und die Geheimnisse des Lebens“ des französischen Bestsellerautoren Francois Lelord (Hectors Reise) für den Hamburger Osterwoltverlag gelesen.  Ich habe bei einer Lesetour mit ihm den Psychiater Lelord kennen gelernt und einige Zeit mit ihm verbracht. Wir haben uns ausgesprochen gut verstanden. Die Tage mit Lelord waren sehr interessant.  

Michaela Boland:        

Lesen sie viel in ihrer Freizeit?  

August Zirner:             

Das hält sich in Grenzen. Lesen ist für mich sehr viel Arbeit und kein Vergnügen. 

Michaela Boland:        

Großes Vergnügen scheint ihnen demgegenüber jedoch die Musik zu bereiten. Stichwort: Diagnose Jazz! Da spielen sie sogar selbst Querflöte.  

August Zirner:             

Oh ja. In diesem Programm geht es um den Dialog Sprache und Musik. Eine Geschichte in Wort und Ton, vom Leben und Sterben dreier großer Musiker.

Gemeinsam mit dem Spardosenterzett aus Essen, bestehend aus den Musikern Rainer Lipski (Piano), Kai Struwe (Kontarbass) und Mickey Neher (Schlagzeug) gehe ich mit „Diagnose Jazz“ auf Tour.

(Anm. d. Red.: Tourdaten im Anhang) 

Michaela Boland:        

Was darf man dort konkret erwarten? 

August Zirner:             

„Diagnose Jazz“ ist ein musikalisch-literarisches Bühnenprogramm, das Geschichten aus den Leben der Jazzlegenden Thelonious Monk, Charles Mingus und Rahsaan Roland Kirk erzählt. Es werden wahre und fiktive, komische und tragische Geschichten geschildert aber auch ein Einblick in die soziale Wirklichkeit der 50er Jahre gewährt.  

Michaela Boland:        

Die Aufführung eines Stückes von „Wer-hat-Angst-vor-Virginia-Wolf“-Altmeister Edward Albee, in welchem es nicht wirklich um Sodomie aber dennoch um starke Tierliebe geht, planen sie außerdem noch.

August Zirner:             

Ja, Anfang nächsten Jahres  werde ich gemeinsam mit meiner Frau mit dem Stück „Die Ziege – oder wer ist Sylvia?“ auf Tournee gehen. Es ist eine Inszenierung aus dem Volkstheater München von Christan Stückl. Es geht um eine Ziegenliebe. Ein gefeierter, 50-jähriger Architekt, verliebt sich nach 20 Jahren glücklicher Ehe in Sylvia, und die ist keine flotte Zicke, sondern eine Ziege.

 Im Stück geht es verbal ganz schön zur Sache. Das Stück stellt die Ehe, beziehungsweise die Ehekonvention sehr in Frage. Es geht in dem Stück um die Suche nach wirklicher Liebe.

 Dieses Stück habe ich schon einmal gemeinsam mit meiner Frau gespielt, allerdings ohne, dass wir kommuniziert hätten, dass wir auch privat ein Paar sind. Später fragten uns dann Freunde, wie wir dies im Hinblick auf die Derbheiten, die man einander um die Ohren hauen musste, nur tun konnten.                                     

Michaela Boland:        

Für ihre Tournee mit dem Spardosenterzett sowie alle weiteren Projekte viel Erfolg und herzlichen Dank für dieses Interview.   

 

August Zirner ist US-amerikanischer/österreichischer Schauspieler, der am 07.01 1956 in Urbana/ Illinois (USA) als Sohn österreichischer Emigranten jüdischen Glaubens geboren wurde. Seit 1973 lebt er in Europa, behielt jedoch neben seiner österreichischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Wien besuchte er das Max-Reinhardt-Seminar und debütierte als Darsteller am Volkstheater Wien.

Engagements in Hannover, Wiesbaden sowie  acht Jahre bei den Münchner Kammerspielen folgten. Zirner ist mit der Schauspielerin Katalin Zsigmondy verheiratet und hat mit ihr vier Kinder. Sein ältester Sohn, Johannes Zirner, ist ebenfalls Schauspieler.

August Zirner wirkte bisher in über 100 Filmproduktionen mit. U.a. spielte er neben Katja Riemann in „Stadtgespräch“. Im Conterganfilm „Nur eine einzige Tablette“ überzeugte er als versierter Rechtsanwalt des Pharmaunternehmens.

Für seine Darstellung eines überforderten Familienvaters erhielt er in „Wut“ den Grimme-Preis und in dem als bester ausländischer Film mit dem Oscar prämierten KZ-Drama „Die Fälscher“, spielte er einen verzweifelten Arzt. 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Für den Westdeutschen Rundfunk stand sie nach dem Jura-Studium seit 1996 als jüngste deutsche Fernsehmoderatorin eines Unterhaltungsformates für die sonntagnachmittägliche Sommer-Familien-Talkshow „Hollymünd“ vor der Kamera.

In der ARD präsentierte sie, neben ihrer Tätigkeit als Redakteurin der Creatv-Fernsehproduktions GmbH für die Daily-Talk-Formate „Hans Meiser“ und „Oliver Geissen“, die interaktive Vorabend-Live-Show „Studio Eins“ im Ersten.

Als „Guten Abend RTL“- Reporterin berichtete Michaela über spannende Themen aus ganz NRW. Außerdem war sie Gastgeberin der Freitag-Abend-Gala-TV-Show „Casinolife“ auf TV NRW und Moderatorin der Kulturtalkshow „Doppelkopf“ auf 3-Sat. 

 

 

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27.08.2018 Karriereweg geht nur nach oben

GFDK - Portrait des Monats

Egal, ob als motorradfahrender Rocker, als wagemutiger König oder als zu Unrecht verurteilter Gefängnisinsasse in PAPILLON, seiner neuen Hauptrolle, in der er ab dem 26. Juli im Kino zu sehen ist: An Charlie Hunnam kommt derzeit niemand vorbei.

Kaum ein anderer Schauspieler schafft den Sprung zwischen sehr speziellen und starken Figuren so gekonnt wie Hunnam, der laut eigener Aussage selbst sein größter Kritiker ist.

Mit Bedacht und Fingerspitzengefühl wählt er Serien- und Filmrollen aus, die Zuschauer weltweit begeistern und wurde dafür nicht nur mehrfach für Preise nominiert und ausgezeichnet, sondern auch von der CinemaCon zum „Male Star of the Year“ 2017 gekürt.

Charlie Hunnams Karriereweg scheint nur eine Richtung zu kennen: steil bergauf.

Charlie Matthew Hunnam wurde am 10. April 1980 in Newcastle upon Tyne geboren, einer Stadt im englischen Nordosten, die ansonsten eher für Steinkohle, Bier und Schifffahrt bekannt ist.

Der zweitälteste Sohn einer Geschäftsfrau und eines Schrotthändlers studierte Filmgeschichte und Darstellende Künste am Cumbria College of Art und zog Anfang 2000, nach mehreren kleinen Rollen in britischen Fernsehserien, schließlich in die USA.

Nach ersten Erfolgen auf der großen Leinwand, unter anderem mit seinen Rollen als rebellierender Nicholas in der Charles Dickens Verfilmung Nicholas Nickleby (2003) oder als Patric im dystopischen Children of Men (2006), verschaffte ihm seine Darstellung des Protagonisten Jackson „Jax“ Teller, den er sechs Jahre in der US-amerikanischen Fernsehserie Sons of Anarchy (2008 – 2014) spielte, nicht nur zahlreiche Nominierungen, sondern auch weltweiten Ruhm.

Mittlerweile ist er zudem nicht nur für seine Hauptrolle in Guillermo del Toro’s millionenschwerem Blockbuster Pacific Rim (2013) bekannt, sondern auch als Percy Fawcett in Die versunkene Stadt Z (2016) und als der legendäre King Arthur in Guy Ritchies Action-Abenteuer King Arthur:

Legend of the Sword (2017), mit dem er seiner Karriere als Filmschauspieler den Ritterschlag verpasste. Aktuell sorgt er mit seinem neuesten Projekt PAPILLON international für Aufsehen.

„Er war ein anständiger Junge aus der Mittelschicht, ein Lehrersohn, der nach Wegen gesucht hat sein Leben aufregender zu gestalten.” (Darsteller Charlie Hunnam über „Papillon“

Papillon ist auf der einsamen Insel als Gefangener eines brutalen Systems immenser mentaler und körperlicher Folter ausgesetzt. Der Alltag der Gefangenen ist von Hunger, Schmerz und Demütigung geprägt.

Um seinem Charakter so viel Authentizität wie möglich zu verleihen, begab sich Hunnam selbst an die Grenzen des menschlich Erträglichen: Während der Dreharbeiten verbrachte er eine knappe Woche schweigend, ohne Essen und kaum Wasser, in einer Isolationszelle und berichtet von dieser Erfahrung als eine der schwierigsten seines Lebens:

„Das war das Mindeste was ich tun konnte, um auch nur ansatzweise zu verstehen, was es bedeutet, fünf Jahre in Einzelhaft zu verbringen. Gewissermaßen war ich es der Rolle schuldig (…), aber es war dann doch ziemlich emotional.“

“Es ist eine Geschichte, die von Freundschaft und Brüderlichkeit handelt und davon erzählt, wie Leute unter den schwierigsten Umständen dennoch gütig zueinander sind. Es ist gewissermaßen ein Zeugnis an das Durchhaltevermögen des Menschen.”
(Charlie Hunnam)

Die Rede ist hier nicht von Hunnam selbst, sondern von seinem Charakter Henri „Papillon“ Charrière, auf dessen unglaublicher Lebensgeschichte der gleichnamige Film basiert.

In dieser faszinierenden, brutalen und mitreißenden Verfilmung des autobiografischen Romans von Charrière wird Papillon im Frankreich der 30er Jahre zu Unrecht wegen Mordes verurteilt und muss seine lebenslange Haftstrafe daraufhin in der berüchtigten Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana verbüßen.

Den Spitznamen „Papillon“ beschert ihm sein markantes Schmetterlingstattoo auf der Brust, welches zu damaligen Zeiten ein Zeichen für Diebe war. Papillon begegnet in der Strafkolonie letztlich seinem Leidensgenossen Louis Dega (Rami Malek), einem verurteilten Fälscher, der fortan unter seinem Schutz steht, wofür Dega im Gegenzug Papillons Fluchtversuche finanziert.

„Flucht bedeutet nicht immer, dass man Freiheit finden wird. Flucht bedeutet so viel mehr.” (Regisseur Michael Noer)

Papillon ist auf der einsamen Insel als Gefangener eines brutalen Systems immenser mentaler und körperlicher Folter ausgesetzt. Der Alltag der Gefangenen ist von Hunger, Schmerz und Demütigung geprägt.

Um seinem Charakter so viel Authentizität wie möglich zu verleihen, begab sich Hunnam selbst an die Grenzen des menschlich Erträglichen: Während der Dreharbeiten verbrachte er eine knappe Woche schweigend, ohne Essen und kaum Wasser, in einer Isolationszelle und berichtet von dieser Erfahrung als eine der schwierigsten seines Lebens:

„Das war das Mindeste was ich tun konnte, um auch nur ansatzweise zu verstehen, was es bedeutet, fünf Jahre in Einzelhaft zu verbringen. Gewissermaßen war ich es der Rolle schuldig (…), aber es war dann doch ziemlich emotional.“

“Es ist eine Geschichte, die von Freundschaft und Brüderlichkeit handelt und davon erzählt, wie Leute unter den schwierigsten Umständen dennoch gütig zueinander sind. Es ist gewissermaßen ein Zeugnis an das Durchhaltevermögen des Menschen.”
(Charlie Hunnam)

Regisseur Michael Noer sieht in den verzweifelten Fluchtversuchen Papillons nicht nur eine Flucht aus grauenhaften Lebensumständen, sondern auch eine Neuentdeckung des Lebens, die Wertschätzung dessen und die Frage nach dem Sinn.

Nicht zuletzt ist es die Freundschaft zwischen Papillon und Dega, die dem Film seine prägnante zwischenmenschliche Note verleiht. Es ist eine Freundschaft, die sich von der Leinwand ins wahre Leben übertragen hat. 

Hunnam plante von Anfang an, Rami Malek für die Rolle des Dega an seiner Seite zu haben und dieser spricht nur in höchsten Tönen von ihrer Zusammenarbeit.  Malek betont, dass er in Hunnam einen Freund gefunden habe „den er für den Rest seines Lebens an seiner Seite haben wird.“

PAPILLON ist letztendlich eine Geschichte über die kettensprengende Kraft von Lebenswillen, Zusammenhalt und Hoffnung und kommt am 26. Juli in die deutschen Kinos. Es ist ohne Frage ein weiterer Meilenstein auf Charlie Hunnams Weg in die Riege der beeindruckendsten Schauspielstars unserer Zeit.


 



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03.07.2018 Wohntrends mit Unterhaltungswert

GFDK - Gottfried Böhmer/ Susanne Knacke

Geschichten aus München - außergewöhnliche Unternehmer aus Deutschland. Jürgen Reiter und Peter Schönhofen, die Gründer und Eigentümer der Möbelmarke Kare gründeten ihr Unternemen 1981. Das Credo der beiden Unternehmer lautet, „Mehr Geschmack als Geld“ und ist eine Absage an langweiliges, überteuertes Einrichten.

Wohntrends mit Unterhaltungswert aus München

Peter Schönhofen, "Unser Portfolio spricht Individualisten an, die Mittelmaß ablehnen und grenzüberschreitend experimentieren wollen. Hedonisten, die sich unabhängig ihres Alters jung fühlen, im Sinne von Weltoffenheit und Toleranz, und das ganze für einen unglaublichen Preis".

Ein inszeniertes, sinnliches und erregendes Wohntheater

Der Spaß am Wohnen und Leidenschaft für Design. Für die Querdenker und Romantiker, für die Wilden und Durchgestylten, auch für Paradiesvögel und all Jene, die hinter ihrer Haustüre alle Zwänge abstreifen.

Alles, nur nicht gewöhnlich

Die Neuheiten der Münchner Möbelmarke Kare sind ein Plädoyer für Interiors voller Mut und Lebenslust in schwierigen Zeiten. Schließlich soll das Nest in den eigenen vier Wänden Geborgenheit und Sicherheit bieten, ein Fluchtpunkt vor der Alltagshektik sein - da ist stilistisch erlaubt, was gefällt.

Menschen, Marken und Produkte

Die "Möbelrebellen" spannen mit ihren Wohnwelten den Bogen von schillernden Wohnideen unter dem Namen "Glam-Rock" über meditative, von der Sehnsucht nach der Natur erzählenden Möbel-Arrangements unter der Überschrift "Elements" bis zu verspieltem Möbeldesign wie barocken Polstersesseln, die mit weißen Kaninchen bedruckt sind.

Messing, Plüsch und ein Deko-Gorilla für das Wohnzimmer

Die ungebremste Lust an der Selbstinszenierung kommt in der neuen Kare Wohnwelt "Glam-Rock" zum Ausdruck. Wohldosierter Glanz in Gold und Messing und diskreter Glamour à la Grand Hotel ist beim Einrichten nach den Jahren reduzierter Zurückhaltung in Grautönen wieder erlaubt.

Der Wohntrend vereint Zitate des Möbeldesigns aus den 50er bis 70er Jahren mit matt verspiegelten Konsolen und Sideboards, tiefen Samtsesseln, Retro-Sofas und Plexiglashockern mit Kunstpelzbezug. Als Kontrapunkt dient kühne Dekoration auf dem Sideboard wie der sitzende Kunststoffgorilla "Jane", oder das bunte XXL-Papageien-Pärchen "Sissi and Franz".

Der Barwagen ist 2017 Key-Piece aller Trendsetter

Absolut unverzichtbares Trendmöbel 2017: Ein Barwagen, der sein großes Comeback feiert. Längst dient er nicht nur zum Servieren von Getränken, sondern schafft noch in der kleinsten Ecke Platz zum Dekorieren, zum Beispiel mit angesagten Deko-Objekten in Kaktus Form.

Bergsee im Beistelltisch

Die Sehnsucht nach der Natur in den eigenen vier Wänden bleibt 2017 ein wichtiger Trend. Kare setzt mit der Wohnwelt "Elements" raue Naturmaterialien in einen eleganten Kontext. "Elements" erinnert an archaischen Landschaften, die Designer spielen mit der spannungsreichen Kombination von Holz mit Glas und Metall. So ist beim Beistelltisch "Fundy" ein "See" aus grünlichem Glas in die Massivholzplatte eingelassen.

Bei den "Vulkano" Möbeln ruhen amorph geformte, dunkle Bruchsteinplatten auf rohen Eisenbeinen. Ein mächtiger, verwitterter Wurzelstock dient als Basis für die Konsole "Roots". Massivholz Möbel bleiben ein wichtiges Thema. Hier verändert sich die Gestaltung: Wichtig sind harmonisch gerundete Kanten und von Hand gearbeitete Details wie dekorative Schnitzereien, die von alten Handwerkskünsten erzählen.

Verspielte Wohnideen: Kaninchen-Sessel und Märchen-Spiegel

Wand-Spiegel wie aus dem Feenreich und humorvolle Kleinmöbel mit tierischen Motiven bringen Verspieltheit und eine Prise Humor nachhause. Wohndesign mit einem Augenzwinkern ist eines der Markenzeichen von Kare.

Auf dem Polsterbezug eines neo-barocken Sessel grinst das weiße Kaninchen aus Alice im Wunderland, eine Katzenfigur mit dem Gesichtsausdruck der berühmten "Grumpy Cat" dient als Tischfuß, Kommoden aus der Serie "Fun Factory" bestehen aus kunterbunt zusammengewürfelten Elementen.

Kaktus Wohnfarbe des Jahres

Grün in allen Schattierungen Materialien des Jahres: Keramik und naturbelassenes Holz Deko-Objekte des Jahres: Neon-Leuchtschriften Möbel des Jahres: Kuschelig-samtige Sofas und Sessel Erlaubt ist, was gefällt.

ÜBER KARE Design GmbH

Mehr als 100 KARE Shops in fast 50 Ländern tragen die Botschaft "Spaß am Wohnen" in die Welt. Seit 1981 bleibt das mittelständische Unternehmen in privater Hand mit seinem einzigartigen Sortiment und den unkonventionellen Wohnwelten auf Erfolgskurs. Das Unternehmen entwirft und vermarktet eigene Möbel, Leuchten und Wohn-Accessoires jenseits der Langeweile und des Mainstreams.

KARE führt heute eigene Geschäfte in München, Regensburg und Wien/Österreich und verfügt über mehr als 100 Franchise Stores, hunderte von Shop-in-Shop Flächen im Möbelhandel, eine Tochtergesellschaft für gewerbliche Projekte und Online-Shops.

KARE Design GmbH

Zeppelinstr. 16

D-85748 Garching-Hochbrück

Fon: +49+89-320821530

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18.02.2018 kosmopolitische Begabung

GFDK - Portrait des Monats

Eine schöne Auszeichnung für eine Grande Dame der Filmwelt. Die Berner Filmfachfrau Beki Probst (geb. um 1940) aus Istanbul bekam die Berlinale Kamera. Mit der Berlinale Kamera zeichnen die Internationalen Filmfestspiele Berlin seit 1986 Filmpersönlichkeiten oder Institutionen aus, denen sie sich besonders verbunden fühlen und denen sie mit dieser Ehrung ihren Dank ausdrücken möchten.

Zum Abschied sagte die Grande Dame: "Wüsster es war eine Lovestory"

Am 16. Februar 2018 wurde die Berlinale Kamera an die Präsidentin des European Film Markets Beki Probst  verliehen.

Beki Probst gilt als Grande Dame der Filmwelt. Unter ihrer Leitung entwickelte sich der European Film Market zu einer der größten und wichtigsten internationalen Filmmessen. Dieter Kosslick gratuliert seiner langjährigen Kollegin und Freundin zu 30 Jahren erfolgreicher Arbeit:

„Ohne Beki Probst und ihre weltweiten Kontakte, ihren Charme und ihre kosmopolitische Begabung, Geschäft und Kultur zu verbinden, wäre der EFM nie zu einer so erfolgreichen Plattform und einem so starken Rückgrat des Festivals geworden.“

Probst wurde in Istanbul geboren, wo sie nach dem Jura- und Journalismusstudium zunächst als Journalistin arbeitete. 1960 zog Beki Probst in die Schweiz und wurde die Betreiberin der Probst-Kinobetriebe, heute bekannt als Quinnie-Cinemas.

Von 1981 bis 1988 war Beki Probst Delegierte der Internationalen Filmfestspiele Berlin für die Länder Türkei und Griechenland. Bis 1995 war sie zudem Mitglied der Auswahlkommission von Locarno. Von 1988 bis 2014 war Beki Probst Leiterin des European Film Market der Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Der bis 1988 als Filmmesse bekannte Markt wurde von ihr zum European Film Market umbenannt und zu einem der bedeutendsten Branchentreffs der Filmindustrie ausgebaut. Beki Probst war von 1988 bis 1996 außerdem künstlerische Leiterin des Genfer Festivals „Stars de Démain“.

Sie gehörte mehrfach den Jurys internationaler Filmfestivals an, darunter Toronto, Jerusalem und San Sebastián. 1992 wurde Beki Probst mit dem französischen Staatsorden „Chevalier des Arts et des Lettres“ ausgezeichnet.


Die Berlinale Kamera ging bisher an Gina Lollobrigida (1986), Francis Ford Coppola (1991), Lauren Bacall (1997), Meryl Streep (1999), Daniel Day-Lewis (2005), Harry Belafonte (2011), Clint Eastwood (2007) und Isabella Rossellini (2013).

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11.02.2018 Beeindruckend und aufregend

GFDK - Portrait des Monats - Gottfried Böhmer

Catrine Vals künstlerische Position entwickelt sich aus einer bedingungslosen Neugierde am Diskurs im Umgang mit Kommunikationsmedien und den damit einhergehenden Hinterfragung einer medienkulturellen Identität, die sich ihrer sozialen, politischen, ästhetischen und ethischen Eingebundenheiten bewusst ist. 

Der Schwerpunkt ihrer Arbeiten liegt in der Videokunst, wie in der konzeptuellen inszenierten Fotoarbeit. Thematisch stellen sie sensible, gesellschaftliche Beobachtungen an, die oft zum Environment inszeniert, das Verhältnis der Betrachter zum Videobild, untereinander gestalten.

Im Vordergrund trat in den letzten Arbeiten wie  „Ich bin ein Anderes oder der hybriden Installation von „YouPrompt die produktive Gestaltung des Spannungsfeldes von virtuellen und realen Beiträgen im Experiment.

Im Kern bezogen sich die Installationen auf das ständig wachsende und auf YouTube abgelegte Videomaterial, in seiner ambivalenten und zuweilen belanglos erscheinenden Vieldeutigkeit. Aus den vorangegangenen Ansätzen und der bisherigen Arbeit entwickelt sie gerade das Konzept SHEPARL.

Gegenstand  der Hinterfragung wird auch hier die gesellschaftliche Funktion von Medien und deren kulturelle Bedeutung. Das Projekt SHEPARL überträgt die neuen partizipatorischen Kulturen, die sich im Internet entwickelt haben, auf politische Prozesse und untersucht, welche Rolle moderne Kommunikationsmedien im politischen Diskurs der Zukunft spielen können.

Kann man eine Verwirklichung der medienkulturellen Identität, die sich ihrer sozialen, politischen, ästhetischen und ethischen Eingebundenheiten bewusst ist, alleine nur durch das Nachahmen erzeugen? Doch ihr Hauptfokus liegt gerade  bei der Fortsetzung der inszenierten Modefotographie unter dem Titel „ WAYS OF ESCAPE“ mit aus Modekampagnen bekannten Haltungen und Posen in der Vervielfältigung einer einzigen Person.

Zum Thema:

Unsere Zeit wird von einer Welle des Narzissmus und einem Kult der Selbstdarstellung heimgesucht. Bezogen auf den Prozess des Sich-Selbst-Seins thematisiert der neue Fotozyklus von Catrine Val den Blick auf Fiktion zwischen Individuation und Sozialisation, zwischen Emotion und Kognition.

In diesem Sinne entspricht Catrine Val genau dieser Definition. In den neuen Fotoarbeiten WAYS OF ESCAPE! schlüpft Catrine Val in jedes einzelne Model. Aus den Schablonen des Jugendcodexes heraus konfrontiert sie den Betrachter

mit ihren körperlichen Abweichungen. Bei den Hochglanzaufnahmen handelt es sich wie bei dem vorangegangenen Fotozyklus „BIG BANG“ um ein Re-enactment in jeder Hinsicht. Das Modell als abstrakte Idee ist nicht mehr als eine Form.

Die Mode vom Sockel stürzen

Das Triptychon INGENIEUR thematisiert in ihrem Medium der Fotografie das Diktat des Flüchtigen in scheinbar, leeren dem Menschen übergeordneten, codierten Räumen. Die Aura der Mode ordnet sich in ihrer unterschiedliche Funktionalität und Ästhetik  zugunsten des Unheimlichen, unter.

Die zitierten Kleidungsstücke: der erotisierende Bikini, das wallend aufgeladene Chiffonkleid und die Konzeptualität eines Martin Margilia, dienen lediglich als Orientierungshilfe.

Die Isolation der Figuren von INGENIEUR steigert sich durch die graphische Dominanz in ihrer räumlichen Erinnerungen, in eine Verlorenheit, die als Schmerz empfunden werden kann. Voran marschieren, angetrieben von ihrer klassischen Stärke: der Körperlichkeit.

Der Blick des Zuschauers ist der des Exerzierens eines Objektes, als Lehrgegenstand. Die skulpturale oberflächliche Maskerade spricht gegen die Individualität und zerstört in ihren Formen und Kleiderhüllen, die Illusion von der andauernden Jugend.

eide Geschlechter agieren. Der weibliche Körper als männliche Statue mit dem Gewicht

Attitüden und Posen

Das  moderne Leben hat sich von der Echtheit und Solidität weit entfernt. Mit der Gewissheit, das man tut, was die anderen tun, weil die Mode sich ohnehin ändert.

Das Konzept der Fotoarbeit ICH UND ES sieht erneut eine Gratwanderung entlang Irritation, Persiflage und Verletzbarkeit vor und bedient sich dabei einer Vorlage von Gianni Versace, in der besetzung einer gleichzeitig von ihr imitierenden Claudia Schiffer.

TEAM:

Fotograf: Jan Friese

Fashion & Styling: Ekachai Eksaroj

Hair& Makeup: Rebecca Keim

Postproduction: Jens Greber 

inszenierte Wirklichkeit

Mit der Erweiterung unserer zwischenmenschlichen Kommunikation durch die verschiedenen Dienste des Internets wächst die Bedeutung virtueller sozialer Netzwerke. Das Tempo, in dem man sich über Grenzen, und Zeitzonen hinweg bewegt, ist rasantund steigt beständig.

In der großformatigen Farbphotographie TREAP entwickelt Catrine Val eine Interdependenz zwischen realen, kopierten und inszenierten Wirklichkeiten. All diese metaphysischen Mysterien werden durch die unmittelbare Verdopplung der Welt – das Mitlaufen des perfekten Doubles der Realität in Echtzeit – in Facebook, MySpace oder You- Tube neu definiert.

Modefotografie

TREAP

Den Ausgangspunkt für das Motiv von TREAP bilden die auf YouTube geposteten Videobotschaften der Miss World Wahl 2008. Catrine Val imitiert stellvertretend 11 Miss-World-Anwärterinnen aus unterschiedlichsten

Nationen in einer Collage. Da die medialen Fiktionen rund um die Schönheitsköniginnen einer „Miss Rushia“, „Miss Ethiopia“ oder „Miss Turkey“ im gleichen Maße um die Verführungskunst oberflächlicher Scheinwelten kreisen wie in der Mode, zitiert TREAP exemplarisch die viel beachtete

Anzeigenkampagne der Herbst-/Winterkollektion 2006 der deutschen Modefirma Escada. Mit vielen echten Fellen und grellen Farben steht diese Kampagne - aus heutiger Sicht in Zeiten der Rezession – für den Zenit eines längst vergangenen expressiven Luxus.

Camouflage

Das Styling in TREAP orientiert sich an der von den 11 Schönheitsköniginnen während ihrer Interviews auf YouTube getragenen privaten Kleidung. Man erkennt ansatzweise unterschiedliche,landestypische Modevorlieben und Auffassungen.

Dicht gedrängt werden in TREAP 11 Nationen gleichberechtigt nebeneinander gestellt. Die Nachahmung birgt ein unheimliches wie auch sinnliches Potenzial. Am Ende hinterfragt TREAP als glamouröse Camouflage

getarnt, das alltägliche Verwirrspiel von realen, kopierten und inszenierten Wirklichkeiten. Der Titel der Fotoarbeit „TREAP“ zitiert einen Begriff aus der Informatik: Dort bezeichnet dieser einen binären Suchbaum mit einem genau definierten Procedere für die Datenstruktur

TREAP

Catrine val

Digitalprint, 2009

306 x 94 cm

Foto: Jan Friese

Hair & Make-up: Rebecca Keim

Stylist: Ekachai Eksaroj

Postproduktion: Jens Greber

WAYS OF ESCAPE!

Romy Schneider, die ihrerseits im Film „L‘important c‘est d‘aimer“ (1975) von Andrzej Żuławski eine erfolglose Schauspielerin  verkörpert. In dem Videoloop  wird nur  eines Szene des Filmsets  komplett nachgestellt:

Romy Schneider als Nadine Chevalier steht isoliert vor der Leinwand und bittet alle anwesenden Fotographen und Kameramänner, kein einziges Abbild mehr von ihr zu machen: „ S‘il vous plaît pas de photos, pas de photos “. Ungeachtet ihrer Bitte bricht „ Nadine“ kurz darauf im  Blitzlichtgewitter  der Fotoapparate zusammen.

Die Kamera verweilt auf ihrem Gesicht, während ihre Hand versucht, dieses zu schützen. Stellvertretend für dieses medienreflektorische Phänomen hat die Sequenz in Zeiten von Flicker, Youtube und Facebook nichts von ihrer Brisanz verloren.

Catrine Val adaptiert Romy Schneider mit ihrem Team. Jan Friese ist der Modefotograph und gleichzeitig Schlüsselfigur ihrer letzten Produktionen. Das Klicken der Kamera ist hier übertragen als  physischen Schmerz.

Der Zuschauer wird zum Voyeur  und ist Komplize im Dreiecksverhältnis von Kamera, Fotograph und Model. Der  Voyeurismus erfährt allerdings eine überraschende Wandlung ins Schamgefühl.

Werdegang
seid 2004
Künstlerisch-Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Klasse Bjørn Melhus, Kunsthochschule Kassel

2001 - 2004

Postgraduiertes Studium bei Valie Export, Marcel Odenbach und Horst Königstein Kunsthochschule für Medien, Köln,

1994 – 2001

Studium der Freien Kunst, Klasse Urs Lüthi, Kunsthochschule Kassel

1991-1993

Arbeit in der Webeagentur Dr. Puttner & BSB; Wien

1988 - 91

Höhere Berufsfachschule für Graphik & Design, 

Ausstellungen

2010
HUMAN  RIGHTS, Fondazione Opera dei Caduti

Rovereto, Italy

startUP, Sala Birolli, Verona, Italy
BIG BANG, Einzelausstellung, Politics of the body

Galerie König, Berlin
2009

26. Kasseler Dokumentarfilmfestival Monotoring, Kassel

Images Recalled,3. Foto-Festival, Kunsthalle Mannheim

Gemeinsam in die Zukunft Frankfurter Kunstverein

Ich bin ein Anderes Stiftung Starke, Einzelausstellung, Berlin

2008

Monkey Up Plug In, Einzelausstellung, Basel Schweiz

2007

WATERCOLOURS, Galerie König, Hanauport

2006

Fremd bin ich eingezogen Kunsthalle Fridericianum, Kassel

Coolhunter, Kunsthalle Budapest, Ungarn

Blosses Außen U-Bahngalerie, München

2005

Coolhunter, ZKM, Karlsruhe

Altitude KHM, Köln

Coolhunter, Kunsthaus Wien

2004

Transmitter, European Media Art Festival, Osnabrück

2002

Feminale, Köln

Unplugged, Ars Electronica, Linz, Österreich

2001

Monitoring, DokFest, Kassel

2000

Das erste Mal Marburger Kunstverein

1998

Rundgang 2

Museum Fridericianum, Kassel

Zur Künstlerin: Catrine Val, geboren 1970 in Köln, studierte Kunst bei Urs Lüthi, Valie Export, Marcel Odenbach und Horst Königstein und arbeitete an der Kunsthochschule Kassel. Ihre Video- und Fotoarbeiten waren Bestandteil diverser Ausstellungen und Festivals. (Quelle: Kehrer Verlag)


Mit "FEMINIST" war sie bereits in der Ausstellung "Gaze upon my graze" des "Art Museum at The Art Park" in Hsinchu/Taiwan und auf dem "International Portfolio Reviews/Photo Ireland Festival" vertreten. Im Juni 2012 wurde ihr Bildband "FEMINIST" für den Renaissance Photography Prize London nominiert.
Weitere Infos unter www.catrineval.de


Catrine Val
FEMINIST

Kehrer Verlag, erschienen Januar 2012
Festeinband, 120 Seiten
ISBN 978-3-86828-290-0
36 Euro

Link:

www.catrineval.de

info@remove-this.catrineval.de

 


 

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21.09.2017 Im Premium-Beauty-Markt

Redaktion - GFDK

Erfolgsgeschichten aus Deutschland haben wir hier schon einige erzählt. Jürgen Reiter und Peter Schönhofen, die Gründer und Eigentümer der Möbelmarke Kare und die Winzerin Elisabeth Rücker haben wir zuletzt vorgestellt. Elisabeth Rücker machte sich einen Namen mit ihren "Elisabeth-Weinen". Nun wollen wir die Selfmade-Woman Frau Dr. Cordula Niedermaier-May vorsellen.

Leidenschaft, Mut und Glauben

Dr. Niedermaier Pharma ist vom Premium-Beauty-Markt mittlerweile nicht mehr wegzudenken und hat sich als Marktführer in fermentierten Beauty & Health Produkten erfolgreich etabliert. Die Erfolgsgeschichte kommt nicht von ungefähr – Leidenschaft, Mut und nicht zuletzt ihr Glaube und unermüdlicher Fleiß waren es, womit die studierte Pharmazeutin und Selfmade-Woman Dr. Cordula Niedermaier-May aus dem Nichts eine Firma mit 60 Mitarbeitern hochgezogen hat, die ihre Produkte in mittlerweile 55 Ländern vertreibt.

Direkt nach ihrem Pharmaziestudium machte sie sich selbstständig und eröffnete ihre eigene Apotheke – mit großem Erfolg. Doch dann kam ein Wendepunkt. Im Jahr 2000 besuchte sie ihre Eltern, der Familienhund lag (wie sie später herausfand durch eine Pestizidvergiftung) im Sterben.

Ihr Vater – Apotheker, Wissenschaftler und Gründer von Dr. Niedermaier Pharma sowie Entwickler des Phytopharmakums „Galama“ – experimentierte zu dem Zeitpunkt in seinem Labor mit dem Fermentieren von Enzymen, und entschloss sich, 2 Milliliter seiner gewonnenen Essenz, die er Regulat nannte, dem Hund zu verabreichen.

Menschen auf natürliche Weise helfen

Wie durch ein Wunder war der Yorkshire Terrier nach bereits unglaublichen 6 Stunden wieder fit und konnte beschwerdefrei laufen und atmen – von vorheriger Krankheit war nichts mehr zu spüren. Der Grund für die schnelle Genesung lag in der ganzheitlich regulierenden Wirkung des Regulats und der massiven Enzym-Aktivierung bedingt durch die Entgiftung. Ab diesem Moment stand für Dr. Cordula Niedermaier-May fest: Sie gibt ihre Apotheke auf und übernimmt das Unternehmen ihres Vaters.

Durch eigene Forschungen an der REGULATESSENZ® entdeckte sie zunehmend deren unglaubliche und vielseitige Wirkkraft, fuhr von einem Heilpraktiker zum Nächsten und tat alles, um das Wundermittel publik zu machen. Ihre Vision: Menschen auf natürliche Weise zu helfen, ihre Schönheit und Gesundheit aufrecht zu erhalten bzw. wiederzuerlangen.

Allerdings war der Beginn ihres neuen Weges mit 750.000 Mark Schulden in der Tasche und einem Rosenkrieg mit ihrem Mann alles andere als leicht: 3 Jahre lang kämpfte sie sich durch, leider noch ohne Erfolg.

Aber ihr Wille, ihre Überzeugung und ihre unverwechselbar positive Art verhalfen der bayerischen Powerfrau zum großen Erfolg: „Das Lachen habe ich von meiner Mutter, ich lache Schwierigkeiten einfach weg, das hat mich immer aus Krisen herausgeholt.“

Der große Durchbruch folgte im Frühjahr 2003, als eine schwer erkrankte Journalistin wie durch ein Wunder mit der REGULATESSENZ® geheilt wurde und sie einen neun-seitigen Artikel über die unglaubliche Wirkkraft veröffentlichte. Von einem Tag auf den anderen wurden tausende Flaschen bestellt, ein Anruf jagte den nächsten.

Mehr Anfragen, mehr Produktion, mehr Personal und von nun an auch maschinelle Unterstützung – in der Firma überschlug sich alles. Dr. Cordula Niedermaier-May hatte es geschafft und den Markt erobert. Das Unternehmen ist heute erfolgreicher denn je und kann mehr als 50 Studien vorweisen, welche die vielseitigen Wirkungen der REGULATESSENZ® wissenschaftlich belegen.

Dr. Cordula Niedermaier-May leitet mit voller Kraft, zusammen mit ihrem Sohn Alexander und ihren treuen Mitarbeitern im Rücken die Firma. Die Familie ist der Unternehmerin sehr wichtig, so wohnt sie gemeinsam mit ihrer Mutter, Cousine und Sohn Maximilian auf dem früheren Firmengelände mitten in der bayerischen Natur.

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18.09.2017 eben doch nicht alles Gold was glänzt?

GFDK - Michaela Boland

Was ist aus Matthias Rödder geworden? Michaela Boland hat für die GFDK 2010 mit ihm gesprochen, da wollte er noch ganz nach oben.

Plötzlich war er berühmt. Um die drei Millionen Zuschauer sahen ihn im Schnitt zu einer wunderbaren Sendezeit Abend für Abend auf der Mattscheibe. Lange nachdem er für große Namen wie Mario Adorf und Andre Eisermann eingesprungen war, jedoch mit Dieter Wedel nicht klar kam und dem Star-Regisseur kurzerhand die Arbeit aufkündigte, erhielt Jungschauspieler Matthias Rödder (29) ein verlockendes TV-Angebot:

Beim durchgehenden Tagesquotensieger unter sämtlichen Bildschirmformaten des deutschen TV innerhalb der werberelevanten Zielgruppe der 14 bis 49-Jährigen, bekam der selbstbewusste Mime die Möglichkeit, sein Gesicht einer Fernsehnation bekannt zu machen. Drei Monate währte das Rollen-Glück.

Jetzt warten neue Herausforderungen. Wie es sich anfühlt, plötzlich von sämtlichen Menschen erkannt zu werden, warum viele glauben, dass jeder, der im Fernsehen zu sehen ist, reich und glücklich sei, und aus welchem Grund man als Schauspieler zu aller erst sein eigener Manager sein müsse, verrät TV-Stern Matthias Rödder im Gespräch.

Der Journalistin Michaela Boland erzählt er außerdem vom täglichen Überlebenskampf in einer Zunft, in der eben doch nicht alles Gold ist, was glänzt.

In seiner Rolle als junger Musik-Manager einer neu zu formierenden Girlie-Group, „Amos“, wirkte er nicht nur professionell, straight und tough, sondern hin und wieder auch ein bisschen überheblich. Ganz anders als als türkischer Feuerwehrmann „Kadir“ in der täglichen actionreichen Nachmittagsserie „112 – Sie retten Dein Leben“ (RTL).

Den hilfsbereiten, verständnisvollen, manchmal etwas zickigen jungen Türken gab Rödder derart authentisch, dass es beinahe verwunderlich schien, ihn anschließend im erfolgreichsten Daily-Format Deutschlands, GZSZ (Anm. d. Red: Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ RTL), unvermittelt so arrogant wirkend zu sehen.

Das Gute daran: Ein Schauspieler, der es vermag, glaubhaft unterschiedlichste Charaktere darzustellen und darin zu überzeugen, kann eigentlich nicht schlecht sein.

Dass es jedoch für einen Mimen, der sich auch Charakter-Rollen wünscht, recht kompliziert werden kann, aus dem Serien-Schubladen-Denken der Köpfe mancher Produzenten wieder herauszugelangen, muss Rödder derzeit am eigenen Leibe erfahren.

Für eine kleinere Rolle beim ZDF, um welche er gerade kämpfe, könnte es sich nämlich problematisch gestalten, dass auf seinem Band vornehmlich RTL-Soaps zu sehen seien.

Ob es in Deutschland hinsichtlich der Besetzung von Schauspielern tatsächlich nur die Kategorien Film, Fernsehen und Soap gibt, in welchen man, soweit einmal in einer erschienen, auf ewig mit einem mehr oder weniger hochwertigen Stempel versehen, verhaften muss, will Matthias Rödder im Gespräch erläutern.

Hierzu haben wir uns am Rudolfplatz in Köln verabredet, wo Matthias bereits wartet. Lässig lehnt er bei ersten Frühlingssonnenstrahlen an einer Mauer und wirkt im modischen schwarzen Kurzmantel, mit dunkler Sonnenbrille und Dreitagebart recht entspannt.

Als er zur Begrüßung die Sonnengläser abnimmt, kommen tief blaue Augen zum Vorschein. In Kombination zum struppigen dunklen Haarschopf und ebenmäßigen Gesichtszügen, verwundert es kaum, dass der Schauspieler bereits seit einigen Jahren erfolgreich modelt.

Wir begeben uns in eines seiner Lieblingsfrühstückscafes in der Nähe und schon kurz nachdem wir bestellt haben, zeigt sich, was für die Domstadt typisch ist: Wir befinden uns in einer Medienmetropole, in der einem nahezu alle paar Minuten bekannte TV-Gesichter über den Weg laufen.

Pro 7-„SWITCH- Reloaded“-Star Michael Kessler nimmt gleich am Tisch hinter Matthias Platz, um sich mit einigen Herren zu besprechen. „Wie verlief dein Morgen bisher“, möchte ich von Rödder wissen. „Ich habe heute morgen bereits meine neuen Sed-Card-Fotos abgeholt und sie umhergemailt“, erzählt der Schauspieler lächelnd.

Er wirkt fröhlich und zuversichtlich. „Ich habe eigentlich immer etwas zu tun. Hier wieder mit jemandem in Kontakt treten, da wieder einer Produzentin etwas zuschicken, woanders noch mal auf sich aufmerksam machen. Das ist wichtig für einen selbst, dass du abends ins Bett gehst und sagst: Ich habe etwas getan.

Für mich wäre es das Schlimmste, mir vorwerfen zu müssen, nichts getan zu haben“, sagt der Schauspieler. Derzeit steht er im Kölner Theater Tiefrot in der Dagobertstraße in dem Stück „Die Bakchen“ auf der Bühne und gibt darin Dionysos. Am 19., 20. und 21. Mai ist er dort noch zu sehen.

Noch vor wenigen Wochen glänzte er in der RTL Serie „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ und machte Co-Star Anne Menden (Anm. d .Red: Spielt die „Emily Höfer“) den Einstieg in eine Mädchen-Kombo als engstirniger Girl-Group-Manager richtiggehend schwer.

Für diese Rolle habe er sich typische Manager genauer angesehen, oder auch einen Dieter Bohlen bei DSDS (Anm. d. Red: Deutschland sucht den Superstar) beobachtet.

Auf die Frage, ob er sich vom Pop-Titan eine spezielle Verhaltensweise für seine Rolle abgeguckt habe, antwortet der Mime: “Nee nee, es war einfach nur dieses „ein bisschen groß auftreten“, was ich da gesehen habe.“. Nach drei Monaten war die von vorneherein zeitlich begrenzte Drehzeit in Berlin vorüber.

Wenngleich der Mime auch gerne mitgespielt hat, so sieht er seine Zukunft längerfristig nicht in der Welt der Seifenopern. Obgleich es nämlich ein dankbarer, finanziell lukrativer Job sei, bei dem man auch viel lernen könne, würde es schwer bis unmöglich, etwas anderes zu bekommen, wenn man erst mal ein paar Jahre in der Soap gesteckt habe.

„Ich glaube einfach, dass wenn du dich für dein Leben lang im Job des Schauspielers etablieren möchtest und auch den Anspruch an dich selbst halten willst, dann musst du wirklich sehen, dass du in verschiedenen Formaten mitspielst und nicht immer nur die Soap bedienst“, konstatiert Rödder.

Seine ersten schauspielerischen Einsätze in Sachen Theater hatte der heute 29-Jährige übrigens bereits vor annähernd zehn Jahren inmitten einer recht prominenten Runde: Bei den Wormser Nibelungenfestspielen unter der Regie von Kult-Spielleiter Dieter Wedel fungierte der junge Rödder als Probendouble.

Für Schauspielgrößen wie Mario Adorf oder Andre Eisermann, die Engagements an großen Häusern und somit kaum Zeit für die Nibelungen-Proben hatten, durfte der junge Rödder Texte einlesen und ersatzweise neben Schauspielerin Maria Schrader einspringen.

Die Regie unter Dieter Wedel sei für den angehenden Mimen damals recht hart gewesen. „Ich habe nach zwei Monaten meinen Job bei Wedel gekündigt, weil er mit mir umging, wie er auch bekannt dafür ist“, erinnert sich Matthias Rödder.

„Er hat mich einfach ignoriert, nennen wir es so. Und dann habe ich schlichtweg gesagt, gut, ich glaube, meine Arbeit wird hier nicht gebraucht und bin erst mal nach Ibiza geflogen“ erzählt der Schauspieler.

Mit seinen knappen 20 Jahren, schmunzelt Rödder, habe er zum damaligen Zeitpunkt natürlich noch gar keine Ahnung davon gehabt, was er tat, als er Dieter Wedel einen Job kündigte. Trotz seines „tollkühnen“ Verhaltens gegenüber dem Star-Regisseur, ging es für Rödder munter weiter.

Von einer Komparsen-Agentin jener Festspiele von der Urlaubsinsel zurückgebeten, arbeitete Rödder fortan für magere 16 DM am Tag den Rest der Zeit als Komparse weiter.

So gab er denn einmal den toten Soldaten, ein anderes Mal den Fanfarenbläser oder bediente hin und wieder auch einfach nur den Pausengong. „Heute bin ich sehr stolz darauf, das gemacht zu haben“, erzählt Matthias Rödder, der zu jenem Zeitpunkt ja längst Schüler einer Mainzer Schauspielschule war.

Er habe keineswegs das Gefühl gehabt, durch seine Komparsentätigkeit ein paar Schritte zurück zu treten, denn im Endeffekt habe es ihm weitaus mehr gebracht, als sich auch weiterhin von Wedel ignorieren zu lassen. „Was war der Grund für deinen Berufswunsch“, frage ich den Schauspieler, der bereits vor GZSZ ein Jahr lang für die RTL-Serie „112 – Sie retten dein Leben“ vor der Kamera stand.

„Vor 15 Jahren wollte ich, so glaube ich, mal das, was manche meiner Kollegen in meinem Alter wohl auch heute noch wollen“, lacht der Mime, „nämlich, reich und berühmt werden. Ich habe aber dann zwischenzeitlich gelernt, dass das nicht die Realität ist“, gibt er ernüchtert zu.

In seiner Heimatstadt, Wissen an der Sieg, wo es nicht sonderlich viel Kultur gegeben habe, habe er als Jungendlicher stets „Verbotene Liebe“ (Anm. d. Red: Soapoera, die seit 1995 täglich in der ARD zu sehen ist) geguckt. Inspiriert und fasziniert durch die Figur der Clarissa von Anstetten (Anm. d. Red.: hinterhältige Intrigantin in der Serie) habe Rödder als Teenager ursprünglich selbst Soap-Star werden wollen.

Erst durch die Ausbildung in der Schauspielschule sei ein tiefes Interesse an der Theaterarbeit gekommen. “Zuvor“, so sagt er, „hatte ich gar keinen Zugang zum Theater.

Doch dann hat es mich gefesselt und ich begriff, dass es eine wesentlich intelligentere Form der Unterhaltung sein kann als viele Dinge, die du im Fernsehen siehst“ Bereits mit 15 Jahren sei Rödder an einer Schauspielschule in Siegburg aufgenommen gewesen, habe aber dann mit seinem Vater den Deal geschlossen, erst mal eine herkömmliche Ausbildung abzuschließen.

„Meine Eltern sicherten mir zu, dass wenn ich nach drei Jahren noch immer den Wunsch verspüren sollte, Schauspieler zu werden, dann geschlossen hinter mir zu stehen und mich in allem zu unterstützen“, erzählt Rödder.

Gesagt, getan. Nach seinem Realschulabschluss absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Bauzeichner, anschließend leistete er Zivildienst in der Krankenpflege, um dann endlich sein Schauspielstudium an einer privaten Schule in Mainz zu beginnen.

Auch noch während des Studiums jobbte er nebenbei als Pflegehelfer, um sein Budget aufzubessern. „In dieser ganzen oberflächlichen Welt des Films und Theaters war es mir besonders wichtig, gerade so einen Job zu machen“, sagt Matthias Rödder.

„ Du hast schon immer mit Menschen zu tun, die , vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind. Im Gegensatz hierzu siehst du dann im Pflegeberuf ganz andere Dinge, das hat mir ganz viel gegeben“, erinnert er sich.

Schon mit 22 Jahren war Rödder sodann fertig mit seiner Schauspielschule und konnte loslegen. Vorausschauend wie er nun einmal denkt, hatte er sich bereits zu Schauspielschulzeiten nach einem Management umgesehen. Durch dieses gab es nämlich dann auch schon frühzeitig Castings.

Dennoch bleibt offensichtlich auch noch viel Arbeit für ihn selbst übrig „Ich glaube, das Wichtigste für einen Schauspieler ist, zu verstehen, dass man wahnsinnig viel arbeiten muss. Ich verstehe meinen Job schon fast mehr als Manager und mein eigener Agent, als dass ich Schauspieler bin.

Du musst immer mit der Zeit gehen, dich immer bewerben, dich vor allem immer wieder ins Gespräch bringen und für alles offen sein, sowie verschiedene Fächer bedienen können“, beschreibt Matthias Rödder.

Warum man die Schauspielerei oftmals als „brotlose“ Kunst definiert hat, davon weiß auch der Jungmime ein Lied zu singen. Offen erzählt er, wie es ist: „Es gibt nicht einen graden Weg, man muss auch Kurven gehen.

„Es war eine verdammt harte Realität, in die ich nach der Schauspielschule hineingeschmissen wurde“, sagt der gebürtige Wissener. „Ich habe zunächst fest im Ensemble am Stadttheater Bamberg bei Rainer Lewandowski gespielt.

Ich spielte die männliche Hauptrolle im Musical „Harry & Sally“, spielte im Stück „Die Altruisten“ und „Das Maß der Dinge“. Eigentlich hatte ich einen Zweijahresvertrag, ging aber schon vorher, weil Bamberg am Arsch der Welt lag und ich durch die ganzen Theaterproben einfach nicht agieren konnte“, sagt Rödder.

Dann sei er eben auf gut Glück nach Köln gezogen, ohne einen festen Job zu haben. Wie hart sich das Leben ohne einen solchen gestalten kann, sollte Schauspieler Matthias dann schon bald erfahren.

Um sich über Wasser zu halten, nahm der attraktive Single unzählige Nebenjobs an: „Ich musste dreieinhalb Jahre im Einzelhandel Klamotten verkaufen, was übrigens der schlimmste Job meines Lebens war. Außerdem habe ich weiter in der Krankenpflege gearbeitet, gekellnert und im Callcenter gesessen“, gibt er zu.

Dann sei ein Angebot aus Frankfurt am Main gekommen, den Claudius in Hamlet zu spielen, anschließend die Einladung, an die Bochumer Studiobühne zu gehen. Haken: Leider alles ohne Bezahlung.

Aus Leidenschaft zu seinem Beruf habe Rödder dann beide Projekte gemacht und sie letztlich durch seine Nebenjobs finanziert. „Konntest du die Schauspielarbeit ohne Bezahlung in irgendeiner Form genießen, wenn die ursprüngliche Motivation diesen Beruf zu ergreifen, die war, reich und berühmt zu werden“, frage ich den 112-Bildschirmhelden.

„Es war wirklich ultrahart mitzuerleben, wie die Realität aussieht, weil du wahnsinnig viel Energie aufbringen musstest, sehr viel Zeit in Zügen verbrachtest, die einfach unbezahlt war“, antwortet der Mime. „Du hast dich quasi für einen Beruf entschieden, wo du froh sein musst, ihn machen zu dürfen“, fügt er hinzu.

Dennoch habe ihm jedes Stück wahnsinnig viel Spaß bereitet. Besonders, so betont er, wenn er mit Laien gespielt habe. „Profi-Schauspieler haben schon mal sehr einen an der Klatsche“, petzt Rödder und ergänzt, dass sie sich häufig gerne selbst reden hörten und mit Sprüchen wie: „ Du, ich fühl`s noch nicht so ganz“, aufwarteten, was Matthias Rödder zum „da könntest du ja nur noch kotzen“, findet.

Das Zusammenspiel mit Laien habe er demgegenüber oftmals genossen, wenngleich jene Zeit natürlich schon schwierig gewesen sei und er viele Probleme gehabt habe. Diese, so räumt er ein, habe er allerdings bis heute. So beschreibt er: „Dass du wirklich teilweise in Depressionen verfällst und sagst, das kann doch nicht sein, ist das dein Job?“

Monatelang habe man keinen Job und dann wisse man plötzlich nicht mehr, wo man alle Jobs hinpacken solle „Da verdienst du auf einmal in einem Monat so viel, dass du das ganze Jahr damit leben kannst, sitzt aber den Rest des Jahres herum“, erklärt er. Man habe einfach Null Sicherheit, keinen roten Faden darin.

Diesen findet man dafür aber um so eher in seinem eigenen Soloprogramm: „Ohne Dich ist es blöd“. Erst im März führte Rödder das „One-Man-Stück“ begleitet von seiner Pianistin in Wuppertal auf. Darüber hinaus ist es über seine Homepage auch für Restaurants buchbar.

Im Stück, welches Rödder gemeinsam mit Dramaturgin Julia Wahren entwickelt hat, geht es um einen auf die 30 zugehenden Mann, mit Dreitagebart, welcher sich mit Schoko, Tee und Teddy auf dem Sofa liegend, durch die Höhen und Tiefen der Liebe denkt.

Er habe zeigen wollen, erläutert Matthias Rödder, dass der ganz normale Mann auch ohne Alkohol und Kippe in seinen vier Wänden leiden könne. Zufall sind die Parallelen zum Hauptdarsteller wohl kaum.

So entschlüsselt dieser denn auch, dass das Stück, das erstmalig vor fünf Jahren in Bamberg aufgeführt wurde, deshalb entstanden sei, weil er damals wahnsinnigen Liebeskummer gehabt habe und am liebsten nur traurige Gedichte vorlesen wollte.

Alt-Freundin Julia Wahren habe sich dann aber mit der früheren Pianisten seiner angenommen und ihm klar gemacht, dass traurige Gedichte kein Mensch brauche. Kurzerhand wurde gemeinschaftlich das Soloprogramm entwickelt.

 „Daran hängt mein ganzes Herz“ erklärt Matthias Rödder, der in dem Stück von „Kann den Liebe Sünde sein“ über Silbermondlieder bis hin zum Robbie -Williams-Song „Angels“ auch sein gesangliches Talent unter Beweis stellt. Einziger Wermutstropfen:

„Das Ding zu vermarkten und damit auftreten zu können, ist halt die Hölle“, beklagt der Schauspieler. Es seien viele Glücksgriffe dabei gewesen und manche Kontakte, habe er im Theater gemacht. Außerdem kämpfe man in Köln mit der Presse.

„Einmal habe ich sogar einer Redakteurin angeboten, ihr eine Woche im Büro zu helfen, wenn sie bitte, bitte kommen und eine wie auch immer geartete Kritik schreiben würde“. Zwar seien die Ankündigungen allesamt gut gelaufen, worum sich Multitalent Rödder allerdings auch selbst habe kümmern müssen.

Dies sei auch immer wieder seine Kritik an Köln: „Dieses Geklüngel und dieses Bitten müssen und dass die Kultur so vernachlässigt wird, das ist echt schlimm.“

Umso stolzer zeigt er sich darauf, sich auf eine Bühne stellen und die Menschen unterhalten zu können. „Und wenn es anderthalb Stunden sind, in denen ich die Leute allein unterhalten muss, dann kann ich das auch“, sagt er.

Ohne arrogant klingen zu wollen, stellt Rödder fest, dass dies zeige, diesen Beruf eben wirklich erlernt zu haben. „Ich habe es einfach gelernt und weiß, was ich da tue.“ Schade nur, dass er nicht gerade immer mit einem Plusbetrag nach Hause gehe, sondern es ihn manches Mal noch Geld koste, wenn er an einem Abend sein Soloprogramm spiele.

„Selbst wenn 180 bis 200 Leute da sitzen, kann es noch sein, dass ich durch die ganze Werbung, wie Plakate und alles weitere, gerade mal mit Plus minus Null da raus gehe“, rechnet er vor.

Das Schauspielerdasein stellt somit wohl nicht immer ein bequemes Leben dar, so scheint es. Doch Rödder praktiziert seinen Job mit Leidenschaft und bleibt ihm dauerhaft treu. „Schauspiel war immer das, was ich wollte, so hart die Zeiten auch waren“, sagt er überzeugt.

Wenn man natürlich nach so einer Soap monatelang da hänge, nichts zu tun habe und nicht wisse, was man machen könne, wäre das nicht eben schön. „Ich habe mich auch auf verschiedene Nine-to-Five-Jobs beworben, was natürlich schwierig ist, gerade, wenn du so in der Öffentlichkeit gestanden hast.

Womit der Schauspieler schon deshalb Recht behält, als noch lange erkannt wird, wer in einem erfolgreichen Fernseh-Format mitgewirkt hat. Wichtig sei dem attraktiven TV-Beau Authentizität, was die Schauspielerei anbelange.

Dass sie ihm auch im wahren Leben wichtig zu sein scheint, merkt man schnell, wenn man sich mit dem direkten Mimen unterhält. Stets nennt er die Dinge beim Namen, unverblümt, ehrlich und auf den Punkt. So meint er denn auch:

„ Die Leute wollen vielleicht nicht hören, dass es mir mal schlecht geht. Die denken halt, jeder, der im Fernsehen ist, ist reich, glücklich sowieso und trägt nur Designer-Klamotten. Die Leute wollen eigentlich keine negativen Sachen ihrer Idole, das wollen sie nicht hören.“

Um seine Ziele zu erreichen, muss man jedoch hin und wieder Opfer bringen. Rödders Vorteil: Er denkt seit jeher bodenständig und jobbt regelmäßig nebenher abends in einer Discothek.

Auf die Frage, wo er in seinem Leben genau hin möchte und was er gezielt dafür tut, um dies zu erreichen, sagt der ehemalige GZSZ-Mime: „Du musst jeden Tag ran, kannst also nicht zu Hause sitzen und warten bis dein Agent anruft, sondern solltest auch selbst Ideen haben.

Ich stehe jeden Morgen auf, mache diese ganze Managerarbeit über E-Mail und Telefon.“ Oftmals seien es Dinge, die aus dem Bauch heraus kämen, auch schalte er nie ab, sondern sei in Gedanken immer irgendwie bei seinem Job.

„Ich bin optimistisch, weil ich weiß, was ich tue und dass ich etwas drauf habe. Einzig sei schwierig, die Chance zu erhalten. Doch was dies anbelangt, zeigt Rödder sich genauso zuversichtlich: „Ich warte halt wirklich auf die Menschen, die sagen, o.k., wir geben dir die Chance“.

„Fernsehfilm, Viertel nach acht, beispielsweise „Inga Lindström“, ob er sich so etwas wohl vorstellen könnte, möchte ich wissen. „Absolut“, befindet Rödder, „ich finde die gut.“

Trotz Nebenjob und Hauptjob, seiner Schauspielerei, bleibt Matthias Rödder auch noch ausreichend Zeit für seine zweite große Leidenschaft, die Musik. Augenblicklich bastelt er an seiner ersten CD. Alle englischen Texte habe er selbst geschrieben.

Es gehe um die Liebe, darum, man selbst zu sein und das zu tun, was man tun wolle. „Ich glaube da einfach dran“, schwärmt der sympathische Matthias. „Das CD-Projekt ist eine meiner besten Arbeiten und macht mich einfach glücklich“. Gemeinsam mit der New Yorker Sängerin Pamela Falcon hat Matthias Rödder großen Spaß am Singen, wenngleich er sich auch über Chancen am Markt derzeit noch wenig Gedanken macht.

Optimistisch blickt er in die Zukunft: „Du kannst sehr erfolgreich sein, wenn du auch mal über Umwege gehst und, genau wie in der Schauspielerei, nicht immer den leichten Weg wählst“ ist er sich sicher.

Ganz leicht wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl nicht werden, da der 29-Jährige nach einem Disput mit dem Produzenten derzeit ein neues Team für die Produktion seiner Scheibe sucht.

Auf die Frage, welchen Rat er jungen Kollegen geben würde, die heute da stehen, wo er schon vor zehn Jahren stand, antwortet der Wahlkölner, der übrigens Trompete spielt:  „Lern was Vernünftiges (lacht). Nein, ich würde ihm raten, in sich zu gehen und es sich gut zu überlegen.

Du musst es dir als einen der härtesten Jobs der Welt vorstellen. Ich habe hier in den Kneipen viele junge angehende Schauspieler kennen gelernt, die gerade auf der Schule sind und einen dann irgendwie anhimmeln, weil sie einen aus dem Fernsehen kennen.

Also, ich bin knallhart mit der Realität und sage denen auch ganz direkt, du, ich gehe gerade zum Arbeitsamt oder auch, ich kriege gar kein Geld mehr vom Arbeitsamt, denn warum soll ich das nicht sagen? Eine Ulrike Folkerts sagt auch, wenn sie gerade keinen Tatort dreht, sitzt sie ebenfalls da und stempelt.“

„Du musst oft mehr Manager sein als Schauspieler, darauf musst du dich einstellen. Es ist kein bequemes Leben“, fügt er hinzu. Und dennoch werden seine Augen wohl leuchten, wenn er demnächst wieder sein Soloprogramm „Ohne dich ist es blöd“ spielt, vor der Kamera oder auf den Brettern, die nicht nur ihm die Welt bedeuten, steht. 

Matthias Rödder ist ein deutscher Schauspieler und wurde am 20.03.1981 in Wissen an der Sieg geboren. Sein Vater arbeitet als Projektleiter in einer Firma, die Schulen baut, seine Mutter ist Hausfrau.

Rödder, der noch eine Schwester hat, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Schauspielschule Mainz in den Jahren 2001 bis 2004, außerdem nahm er an unterschiedlichsten Workshops in Mainz, Wiesbaden und Worms teil. Einem größeren Publikum würde der Schauspieler durch seine Serienrolle „Kadir Karabulut“ im RTL-Format „112 – Sie retten dein Leben“ bekannt.

In 2009 spielte er darüber hinaus an der Seite von Seriensternchen Anne Menden und Ex-DSDS-Bohlen-Aufreger Annemarie Eilfeld im RTL-Quotenhit „Gute Zeiten schlechte Zeiten“. U.a. war er auch in Filmen wie „Das Büro“oder Dörte`s dancing“ zu sehen.

Am Staatstheater Mainz wirkte er in „Gloria von Jaxtberg“ mit, außerdem war er im Musical „Hexe Lili“ zu sehen. Mit seinem Soloprogramm „Ohne dich ist es blöd“ begeistert Matthias Rödder in regelmäßigen Abständen sein Publikum.  

  

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR-Sonntags-Nachmittags-Show „HOLLYMÜND“. Für „Guten-Abend-RTL“ arbeitete sie als Redakteurin und On-Reporterin. Darüber hinaus präsentierte sie die Vorabendshow „Studio Eins“ in der ARD. Auf 3-Sat moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, außerdem die Casinoshow „Casinolife“ auf TV NRW.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

 

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07.08.2017 nett gleich doof gleich unattraktiv?

GFDK - Michaela Boland

Überempfindlichkeiten hat ja mittlerweile in Deutschland fast jeder Zweite. Von Milben und Pollen über Laktose bis hin zu Nickel oder Katzen. US-Schauspieler Robert Pattinson soll sogar einst durch eine Vagina-Allergie für Furore gesorgt haben. Aber gegenüber dem, was Schriftstellerin Pascale Graff in ihrem neusten Werk thematisiert, ist wohl selbst die vermeintliche Hypersensibilität des Leinwand-Akteurs gegenüber Scheiden gar nichts.

Mit einer waschechten Glücksallergie konnten nämlich bisher wohl eher wenige aufwarten. Was da so abwegig klingt, ist für die Autorin und Diplom-Psychologin nur naheliegend. Die Protagonistin ihres aktuellen Romans ist nämlich ernsthaft krank und die Symptome zeigen sich stärker als je zuvor:

Vom Ex-Freund nach fünf Jahren Beziehung abserviert und unerwartet online mit der bereits verlobten Nachfolgerin konfrontiert, lediglich schlappe 17 Freunde bei Facebook  und als einzige ihres Verlages nicht zur Supersause des smarten Buchhandelsvertreters eingeladen.

Da muss sich wohl schleunigst etwas ändern im Leben der Mittdreißigerin, wenn sie nicht in der Psychiatrie enden will. Pech nur, dass sie mit unzähligen Neurosen behaftet ist, die auf der Jagd nach dem großen Glück auf ganzer Linie eher hinderlich sind.

Ob die liebenswert-verschrobene Lektorin ihr Leben doch noch irgendwie in den Griff bekommt und ob das, was wir gemeinhin für Glück halten, am Ende tatsächlich das einzig Wahre ist, beschreibt Jugendbuch- Autorin Pascale Graff in ihrer ersten Lektüre für Erwachsene, "GLÜCKSALLERGIE", auf spritzig amüsante Weise.

Wie man real-vorkommende psychische Störungen auch in witziger Romanform umsetzen kann, ohne irgendwen zu verunglimpfen, hat die alleinerziehende Mutter eines 16-jährigen Sohnes verstanden. Nach einer Lesung in der Mayerschen Buchhandlung in Köln habe ich Gelegenheit, mit der sympathischen 42-Jährigen über ihr Buch, Neurosen der Neuzeit und die Liebe an sich zu plaudern.

Michaela Boland:

Sie tragen einen französischen Vornamen. Hat das eine besondere Bewandtnis?

Pascale Graff:

Mein Vater ist Franzose und lebt im Elsass.

Michaela Boland:

Sie selbst wohnen im Saarland?

Pascale Graff: Richtig.

Michaela Boland:

Würden sie eigentlich sagen, dass nett gleich doof gleich unattraktiv ist? Ihre Romanfigur, Patrizia, stellt im Buch genau diese Überlegung an.

Pascale Graff:

Ja, das ist die Frage. Ich würde sagen, dass es eigentlich darauf ankommt, was man selbst davon hält. Wenn man nett ist und  im schlimmsten Fall ein Helfersyndrom hat, dies auch ausleben möchte und glücklich damit ist, dann soll man das auch tun. Wenn man sich aber auf der anderen Seite damit ausgenutzt vorkommt, dann soll man es lieber lassen. Man kann jedoch schon sagen, dass man nicht automatisch dafür gemocht wird, nett zu sein. Manchmal werden Menschen auch mehr dafür respektiert, wenn sie mal nein sagen. Das gilt auch für Nicht-Liebesbeziehungen.

Aber vielleicht ist es gerade auch in Liebesbeziehungen  nicht das Schlechteste, wenn man nicht immer nur nachgibt, sondern eben auch mal nein sagen  und zu seiner Meinung stehen kann. Ich persönlich glaube eben, dass es häufig die Frauen sind, die in Beziehungen versuchen, sich anzupassen und es wirklich allen recht zu machen. Frauen sind die Zweifler und Männer sind diejenigen, die sich zurücklehnen und häufig auch gar nicht merken, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Michaela Boland:

Werden Diven weniger schnell verlassen?

Pascale Graff:

Ich glaube, Diven haben keinen Mann (lacht). Deswegen werden sie auch weniger schnell verlassen.

Michaela Boland:

In ihrem aktuellen Roman "Glücksallergie" hat die Protagonistin, Patrizia, zahlreiche Marotten. Wie sieht es in dieser Hinsicht bei ihnen aus?

Pascale Graff:

Ich habe tausende von Marotten, die ich jetzt nicht alle aufzählen werde (lacht). Allerdings ist es mir in der Tat nicht schwer gefallen, den Schuhtick von Patrizia nachzuvollziehen. Ich liebe Schuhe. Aber Gott sein Dank weiß ich, spätestens seit Sex and the City, dass ich da nicht die einzige bin.

Michaela Boland:

Sind in ihrem Schuhschrank dann auch die Manolos zu finden?

Pascale Graff.

Nein, keineswegs. Die brauche ich nicht. Da bin ich dann doch eher preisbewusst. Und eine andere Marotte, die ich selbst sehr witzig finde und auch erst in den letzten drei Jahren entwickelt habe, und von der ich glaube, dass sie altersabhängig ist, ist die, dass ich tatsächlich immer zu Hause eine Wärmflasche haben muss. Das ist ganz seltsam. Ich bin eher ein Fischstäbchen und in der Regel wie tiefgefroren.

Michaela Boland:

Sie sind Diplom- Psychologin und auffällig ist, dass ihre Protagonistin unter verhältnismäßig vielen alltagshinderlichen Neurosen leidet. Glauben sie, dass Neurosen eine typisch neuzeitige Erscheinung sind und sollte sich diese Problematik aus diesem Grunde auch in ihrem Roman widerspiegeln?

Pascale Graff:

Das Problem bei den psychischen Krankheiten ist, dass man die ganzen Maßinstrumente, wie beispielsweise auch sämtliche Fragebögen, die das erfassen, erst später entwickelt hat. Ich glaube, dass Neurosen eine Art Abfallkategorie sind.

Eine Neurose hat auch jemand, der quasi einen Zähltick hat. Das muss keine Zwangserkrankung sein, es kann auch eine Neurose sein, wenn es keine ausgewiesene Persönlichkeitsstörung ist. Es ist eine sehr schicke neuzeitliche Kategorie. Sagen wir es mal so: Das Burnout ist jetzt, was die Neurose in den Achtzigern/Neunzigern war.

Durch Woody Allen ist das ja erst etabliert worden, in der Form, dass man in der breiten Öffentlichkeit wusste, was eine Neurose beinhaltete. Nämlich irgendetwas Chaotisches, irgendetwas Zerrissenes, teilweise Absurdes, irgendwie auch Lustiges, mit dem man aber trotzdem lebensfähig sein kann. In meinen Recherchen bin ich übrigens auch auf Schiller gestoßen, der die Marotte hatte,  in seinem Schreibtisch immer vergammelte Äpfel haben zu müssen. Der konnte ohne diese Äpfel nicht schreiben und das ist auch schon neurotisch.

Michaela Boland:

Sie selbst mögen Schokolade, war zumindest in ihrer Pressemappe zu lesen. Geht das Ausmaß der Liebe zu dieser Süßigkeit schon in den neurotischen Bereich über oder hält es sich noch in Grenzen?

Pascale Graff:

(lacht) Ist noch völlig unter Kontrolle.

Michaela Boland:

Beim Lesen ihres Buches fühlte ich mich hin und wieder an Sequenzen der Sitcom "The King of Queens" oder auch Bücher wie "The Secret" bzw. Publikationen von Louise L. Hay oder Bärbel Mohrs "Der kosmische Bestellservice" erinnert.

Pascale Graff:

Ja, mein Gott, ich habe bestimmt nichts erfunden. Das ist ja immer das Lustige. Eine Szene, die ich heute nicht vorgelegen habe, beschreibt beispielsweise, wie Patrizia in einem Kaufhaus vor einer Vitrine mit Trauringen steht und sich denkt“, Ach, wenn ich am Ende keinen Mann finde, dann heirate ich mich selber.

Dann habe ich wenigstens ein schönes Bild und muss nichts wegschnippeln. Ich zelebriere das". Ein halbes Jahr später sehe ich im Internet einen Artikel darüber, dass es einen Trend gibt, sich selbst zu heiraten. Und da habe ich mir auch gedacht, ich hab es vorher geschrieben.

Also, so etwas passiert ganz zwangsläufig. Aber, um die Frage ganz konkret zu beantworten, King of Queens kenne ich, mag es auch sehr gerne, wobei ich es ein bisschen schade finde, dass das Bild von Beziehungen für meinen Geschmack ein wenig läppisch und respektlos herübergebracht wird. Das ist zwar sehr lustig, aber eigentlich möchte man nicht so eine Ehe führen, in der man in diesem Ton miteinander umgeht. Aber, das ist ja Fernsehen und sehr unterhaltsam. Die anderen Autorinnen kenne ich nicht, "The Secret" habe ich auch nicht gelesen.

Selbsthilfebüchern und Esoterik stehe ich sehr kritisch gegenüber. Wenn es so einfach wäre, dann wären alle ganz wunderbar ausgeglichen. Ich finde es faszinierend, dass es quasi stündlich neue Sachen gibt, wie "Das 40-Tage-Wunschprogramm", wünsch dich zu deinem Lebensziel - egal was - innerhalb von 40 Tagen. Doch dann gibt es da immer noch Seite 328, wo steht, "ich kann natürlich keine Garantie übernehmen, aber, es wird bestimmt nicht schlimmer als es vorher schon war". Also, ich stehe dem kritisch gegenüber.

Michaela Boland:

Und dennoch lassen sie ihre Protagonistin im Roman Affirmationen vornehmen. Lehnen sie sich dabei dann weniger an Esoterik als beispielsweise an Erkenntnisse und Ratschläge von Dr. Joseph Murphy in dessen Weltbestseller "Die Macht ihres Unterbewusstseins" an?

Pascale Graff:

Das sind wirklich Fakten. Das ist geradezu physisch. Die Gehirnströme verändern sich einfach ganz manifest, je nachdem, ob sie positive oder negative Sachen sagen. Also, man lebt quasi genau da, wo man sich gerade rein denkt.

Michaela Boland.

Haben sie ihr Buch für eine bestimmte Sorte Mensch geschrieben?

Pascale Graff.

Ich habe mein Buch für Optimierungssüchtige jeden Alters geschrieben. Frauen, die über sich lachen können, die unter dem Druck stehen oder manchmal das Gefühl haben, sie müssten in irgendeiner Art und Weise mehr aus sich machen.

Nach dem Motto, das kann noch nicht alles gewesen sein, ich könnte noch dieses oder jenes tun. Ich fand es ganz wichtig, quasi schon vorne anzufangen, also mit 25, denn die jüngere Freundin von Patrizia ist ja gerade mal 25 Jahre alt.

Dann aber  auch die ältere Nachbarin der Protagonistin, die ja schon 75 Jahre alt und Alzheimerkrank ist. Mir war wichtig zu zeigen, dass dieses Gefühl von Suche nach Glück und Liebe völlig altersunabhängig ist. Das trifft eine 20-Jährige genauso wie eine 45-Jährige. Die Lebensumstände sind zwar anders, aber das junge Mädchen in einem drin, das bleibt nach meinem Gefühl eigentlich immer gleich.

Michaela Boland:

Sie haben früher Mädchenromane geschrieben. Wie schafft man es im Erwachsenenalter, sich trotzdem immer wieder in die  kindliche Psyche hineinzufinden?

Pascale Graff:

Keine Ahnung. Ich glaube, dass es womöglich mit unserer Generation ein wenig anders ist. Ich bin jetzt 42, aber, wir sind alle mit MTV groß geworden und meine Genration von 42-Jährigen, die trägt noch Jeanshosen. So haben sich unsere Mütter mit 42 nicht mehr in ihrem Umfeld bewegt. Ich glaube, dass man sich deswegen auch noch so ein bisschen hineinfinden kann. Ich denke zwar nicht, dass das umgekehrt so von den Jugendlichen geschätzt wird.

Die wollen sich ja schon distanzieren. Aber, ich glaube schon, dass es gelingt, sich damit noch zu identifizieren. Es ist zwar nicht so, dass ich jetzt ständig MTV gucken würde. Das hat jetzt wirklich nachgelassen. Mein Sohn ist mittlerweile 16 und pubertiert gerade, daher ändern sich dann auch nochmal die Sichtweisen. Insoweit ist mir das Schreiben  nicht schwer gefallen. Aber es macht natürlich wesentlich mehr Spaß im Erwachsenenbereich, weil man dann einfach die Feinheiten herausholen und zeigen kann, was nach dem ersten Kuss passiert.

Michaela Boland:

In einem Interview haben sie gesagt, dass es sie interessiert hat, aufzuzeigen, wie es weiter geht. Nun haben sie mit "Glücksallergie" ein gelungenes Erstlingswerk in der Erwachsenenliteratur geschaffen. Macht ihnen das nun tatsächlich mehr Spaß, wenn sie das mit der Jugendliteratur vergleichen, die sie verfasst haben?

Pascale Graff:

Ich bin da schon näher dran. Aber das sind dennoch zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Das ist so, wie wenn man strickt und sich fragt, was findet man jetzt schöner, einen Schal oder ein paar Stulpen? Das Schreiben an sich macht mir einfach wahnsinnig viel Spaß. Und wenn ich schreibe, dann bin ich auch drin.

Dann bin ich genauso bei der 16-Jährigen und will, dass sie den Typen kriegt oder will sie durch ihren Gefühlsdschungel lotsen, ebenso, wie ich bei meiner aktuellen Protagonistin in "Glücksallergie" bin und dachte, " ach Gott, die Ärmste und nein, das geht jetzt so nicht".

Nichts desto trotz habe ich aber persönlich das Gefühl, dass man einfach bei einem Erwachsenenroman mehr in die Tiefe gehen kann und ich finde eben psychologische Themen wahnsinnig interessant. Ich möchte sie aber trotzdem so verpacken, dass sie irgendwie noch lustig herüber kommen.

Womit ich natürlich niemanden verunglimpfen will, denn es geht ja nicht darum, irgendwelche psychischen Störungen zu verulken. Denn, wenn man sie schon hat, ist es ja bereits schlimm genug. Dann hilft aber ein bisschen Humor zumindest dabei, damit umzugehen.

Michaela Boland:

War das das eigentliche Bedürfnis, aus dem heraus sie das Buch schrieben?

Pascale Graff:

Ja. Ich hatte eigentlich ursprünglich damit geliebäugelt, einen psychologischen  Selbsthilferatgeber zu schreiben. Dann stand aber im  Hugendubel diese ganze Auswahl, so, dass ich dachte, "nein, was für ein Druck". Ich mag ja selbst keine Selbsthilfebücher und dann noch einen draufzusetzen, wäre es nicht gewesen. Dann hätte ich mein Buch  wohl auch eher "Halt die Klappe, jammer nicht und find dich ab" genannt.

Michaela Boland:

In ihrem Buch sucht Patrizia das, was für sie zunächst Glück darstellt. Die meisten Menschen sind auch im echten Leben auf der Suche danach. Hat man ihrer Meinung nach eine Art natürlichen Anspruch auf das Glücklich sein?

Pascale Graff:

Nein, das glaube ich absolut nicht. Ich glaube, man hat einen Anspruch darauf zu leben, auch sicher zu leben. Dann sind alle Möglichkeiten offen. Jeder hat Anspruch auf Zufriedenheit und auf Ausgeglichenheit. Aber auf Glück in einem definierten Sinne, nach dem Motto, alle bekommen Rente auf Lebenszeit, den perfekten Partner und gut geratene Kinder, wie will man das rechtfertigen?

Michaela Boland:

Sie haben einmal gesagt, dass ihnen beständige Zufriedenheit lieber sei als Glück. Aus welchem Grund?

Pascale Graff: Glück existiert gar nicht. Glück ist ein biochemischer Ablauf im Gehirn, der Zentren stimuliert, die uns durchdrehen ließen, wenn sie über einen längeren Zeitraum stimuliert würden. Man hat zum Beispiel herausgefunden, dass die Dopaminausschüttung bei frisch Verliebten genau gleich ist wie bei Schizophrenen. Das ist auf lange Sicht gar nicht auszuhalten.

Deswegen gibt es ja dann andere Hormone, die eben langfristiger zufriedener machen. Bei einer langen  Beziehung, nach zwei Jahren, im Idealfall, flacht dann das eine Hormon ab und das andere kommt, wenn man es überhaupt so lange schafft, in einer Beziehung zu bleiben. Deswegen glaube ich, dass Zufriedenheit schon allein die Abwesenheit von Unglück ist. Dass es einem also nicht sehr schlecht geht und dass man in Balance ist.

Michaela Boland:

Sind sie zufrieden?

Pascale Graff:

Ich bin zufrieden.

Michaela Boland:

Haben sie denn auch ihren Traumprinzen/-Mann schon gefunden?

Pascale Graff:

Nein, habe ich nicht. Aber ich bin zufriedener Single, sagen wir es mal so. Ich habe auch diese Phase meines Lebens durchlaufen, in der ich dachte, ich müsste einen Traumprinzen haben. Aber, wie so oft, ist es dann so, dass es eben doch nicht der Traumprinz ist. Aber wichtig ist, dass man dann eben weiter macht und sich nicht abhängig macht von der Definition.

Michaela Boland:

Ihre Romanfigur, Patrizia, hatte bereits zu Beginn der Geschichte als sie Sven, ihren späteren Dauerratgeber bei einem Selbstfindungsseminar kennenlernt, etliche frühere Veranstaltungen dieser Art hinter sich, wie sich schnell herausstellt. Was halten sie von Selbstfindungsseminaren?

Pascale Graff:

Ich war tatsächlich selbst mal auf so einer Veranstaltung. Das ist allerdings schon länger her. Ich fand das aber  eher sehr oberflächlich. Ich habe es mehr als eine Werbeveranstaltung für Leute aus dem therapeutischen Bereich empfunden. Es geht um simples Networking, aber wird in wahnsinnige Selbstfindung verpackt.  Man tauscht sich aus. Vielleicht ist es dann gut, wenn man einfach nur mal einen Anstoß braucht. Wenn es einen glücklich macht, soll man es machen.

Michaela Boland:

Bei der hohen Anzahl der Selbstfindungsangebote, gewinnt man hin und wieder beinahe den Eindruck, dass derartige Veranstaltungen schon inflationär werden. Bedeutet das, dass sich viele Menschen heute einfach nicht mehr zutrauen, ihr Leben eigenständig in den Griff zu bekommen bzw. den Sinn ihres Daseins selbst zu erkennen?

Pascale Graff:

Ich glaube, dass Menschen per se Herdentiere sind. Da gibt es immer Alphatiere, eine Struktur oder eine Hierarchie. Die Kirche  hat ja ganz lange diese Rolle übernommen, da brauchte man nichts in Frage zu stellen.

Ich kann mir vorstellen, dass es ein sehr beruhigendes Gefühl ist, zu wissen dass es ein Schicksal und einen roten Faden gibt, und dass man gar nichts zu machen braucht, weil es ohnehin so kommt, wie es kommen soll. Ich denke, dass einen das nicht in so eine Panik verfallen lässt wie der Gedanke, "hey, du hast das eine Leben, mach alles daraus, mache unmögliche Dinge".

Denn schon fängt man an zu überlegen, was könnte ich denn noch so alles machen? Menschen brauchen Halt und gehen in ganz viele verschiedenen Richtungen. Wenn es da niemanden gibt, der ihnen sagt, "du bist o.k., bleib doch einfach so wie du bist. Du bist auf der guten Seite der Macht, bleib  so und dann ist es in Ordnung", dann sucht man nach neuen Wegen und dann ist Spiritualität meiner Meinung nach ein ganz großes Thema.

Michaela Boland:

Sind wir möglicherweise durch romantische Holly- oder Bollywood-Filme heutzutage sehr versteift auf bestimmte Abläufe in puncto Liebe und Beziehung?

Pascale Graff:

Ein großes Ja. Ich habe mit vielen meiner Freundinnen auch schon darüber gesprochen, dass wir absolut Doris-Day-Rock-Hudson-geschädigt sind. Wir sollten eigentlich Selbsthilfegruppen aufmachen. Man sieht ja, was daraus geworden ist.

Rock Hudson war ja nun, wie wir alle wissen, nicht der Traummann für die Frauen. Uns wurde aber immer nur gezeigt, dass sie sich jetzt bis in alle Ewigkeit lieben. Und dieses Gefühl, das man hat, wenn man einen Film sieht, das sind ja auch Gefühle, die in dem Moment tatsächlich real ablaufen.

Dieser Endorphinausstoß, wenn man sieht, wie sie sich finden, sich treffen, der erste Kuss, das erlebt man ja und das will man dann später auch haben. Das hat man dann auch, aber das hört dann auch schnell auf.

Deswegen finde ich den Walt Disney-Trickfilm Merida im Augenblick auch ganz spannend, in dem die kleine Protagonistin zum ersten Mal keinen Traumprinzen oder Jungen an der Seite hat, sondern die wirklich kämpft und quasi auch jungenhafte Anteile hat. Das ist eine Revolution für Walt Disney. Ich denke, da gibt es jetzt einen Switch. Wenn ich Töchter hätte, würde ich ihnen keine Märchen wie Cinderella vorlesen.

Michaela Boland:

Wie viel Pascale steckt eigentlich in ihrer Romanhauptfigur Patrizia?

Pascale Graff:

Das ist immer so eine Frage. Da können wir auch durch die Thriller-Abteilung gehen. Ich lese ja sehr gerne Psycho-Thriller. Da sind aber häufig so unappetitliche Sachen bei, dass ich denke, das muss doch eigentlich ein Psychopath gewesen sein, der das geschrieben hat.

Bei dem Buch habe ich eine Struktur, einen Plan gehabt und das Gerüst anschließend mit Fleisch bestückt. Es lebt halt von den kleinen Momenten. Woher kommen eigentlich Einfälle und Inspirationen? Nun, ich bin Diplom-Psychologin, insofern ist es kein Wunder, dass das Buch sich um solche Themen dreht.

Ich denke, dass der Ton daher kommt, dass ich 42 bin und in dieser Generation aufgewachsen bin. Ich glaube, das ist auch symptomatisch für einen etwas zackigeren Stil. Dennoch empfinde ich beim Schreiben schon eine gewisse Distanz.

Die braucht man auch. Jedenfalls bräuchte ich sie, weil man sonst Mitleid mit der Person empfindet. Man lässt ja die Figur schon durch ziemlich schwere Sachen gehen. Man muss ja auch nicht zwangsläufig einverstanden sein, mit dem, was sie da so macht. Das Ganze ist ja mit Absicht sehr überzeichnet.

Michaela Boland:

Wie sie auf den  originellen Buchtitel "Glücksallergie" gekommen sind, haben sie in einem Interview so beschrieben, dass sie in einer Buchhandlung unterwegs waren, um eine Art Aufmunterungsliteratur für eine Freundin zu finden und dann den Einfall hatten. Hat womöglich die betreffende Freundin Ähnlichkeit mit einer der Romanfiguren? Immerhin hat die Protagonistin eine problembeladene Mittvierziger-Freundin, Annette, und eine problembeladene Mittzwanziger-Freundin, Leonie.

Pascale Graff:

Nein, nicht wirklich. Mir war wichtig zu zeigen, dass es in allen Altersstufen die ganz eigenen Problemchen gibt. Ich habe ja beispielsweise auch mit Klischees gespielt. Dieser Ägyptentourismus, den die junge Leonie in Anspruch nimmt, hätte ja eigentlich besser zur älteren Annette gepasst. Das ist mit Mitte Vierzig ja eher das Alter, wo so etwas passieren kann, und nicht bei einer gutaussehenden 25-Jährigen. Ich fand es lustig, mit solchen Klischees zu spielen.

Michaela Boland:

Sie erwähnten, dass sie Psycho-Thriller lieben. Inwieweit interessieren sie menschliche Abgründe, einmal abgesehen von ihrer beruflichen Qualifikation als Psychologin?

Pascale Graff:

Es gibt zum Beispiel auch eine neue Fernsehserie, die ich sehr mag. Sie heißt "The Walking Dead". Ich mag, wenn es einigermaßen intelligent ist. Wie schon gesagt, die Menschen sind Herdentiere und sie sind eigentlich gewalttätig und haben so einen Todesdrang.

Michaela Boland:

Sind sie auch immer noch als Diplom-Psychologin tätig?

Pascale Graff:

Ich habe jetzt vor Jahren mal eine Pause eingelegt, die immer noch andauert, weil ich mich zurzeit auf das Schreiben konzentriere und weil ich an einem Konzept arbeite, mit dem ich in die Richtung "Best-Ager-Beratung" gehen möchte. Ich habe das Gefühl, dass dies notwendig im Sinne von gefragt ist. Es gibt wenig Psychologen, die sich auf altersspezifische Krankheiten oder Syndrome spezialisiert haben.

Michaela Boland:

Ab welchem Alter geht das los?

Pascale Graff:

Eigentlich ab 55. Bei Frauen ist zwangsläufig die Menopause der Startingpoint. Bei Männern liegt die Problematik häufig bei Schlafstörungen, Alkohol oder Drogen.

Michaela Boland:

Sie haben zunächst in Frankfurt als PR-Assistentin gearbeitet. Wie verlief ihr Weg bis zur Autorin von Jugendbüchern?

Pascale Graff:

Ich habe als Sekretärin gearbeitet und zwar direkt nach der Schule. Ich musste Geld verdienen für die eigene Wohnung. Dann habe ich mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgemacht, bin schwanger geworden und habe verhältnismäßig spät, mit 30, angefangen, Psychologie zu studieren. Mit 35 war ich dann fertig, ich habe das zügig durchgezogen.

Michaela Boland:

Wie schafft man das mit Kind?

Pascale Graff:

Ich fand das erstaunlicherweise fantastisch. In der Arbeitswelt ist es ja so, es sei denn man eine komplett eigene Praxis, da muss man sich ja meistens mit Kollegen abstimmen. Wenn dann mal ein Kind krank wird und man muss Patienten warten lassen, ist das ja dann auch fatal. Oder, wenn man gar Termine absagen muss. Wenn jemand depressiv ist und sie sagen zweimal den Termin ab, macht das den Patienten nicht glücklicher. Das ist eine sehr hohe Verantwortung.

Aber so ein Studium, das kann man quasi von zu Hause aus machen. Man muss natürlich in die Uni, aber, wenn man da mal eine Vorlesung verpasst, kann man Kommilitonen fragen oder Skripten herunterladen. Das ging wesentlich einfacher. Das war wirklich eine sehr schöne Zeit, die ich keinesfalls missen möchte.

Michaela Boland:

Haben sie denn in dieser Zeit auch noch weiterhin allein für den Lebensunterhalt sorgen müssen?

Pascale Graff:

Ich habe in dieser Zeit BAföG bezogen.

Michaela Boland:

Sie waren mit 35 fertig, wie ging es dann weiter?

Pascale Graff:

Dann habe ich erst mal wieder angefangen, immer mal für vier Wochen weiter im Bereich Sekretariat zu arbeiten, da ich ja Geld verdienen musste. Nebenbei habe ich eine Praxis gesucht, bei der ich mit einsteigen konnte. Selbst konnte ich ja zunächst keine eröffnen, denn als Diplom-Psychologin hätte man eine Kassenzulassung benötigt. Das musste insoweit auf einer privaten Basis gemacht werden. Dort ging es um Verhaltenstherapie, was mir sehr entgegen kam.

Ich mache ja keine Psychoanalyse. Leute denken ja häufig, dass man Psychoanalytikerin ist und jeden gleich auf die Couch legen möchte, wenn man Psychologie studiert hat. Es ist genau das Gegenteil. Das Studium der Psychologie ist eine Naturwissenschaft und hat furchtbar viel mit Statistik zu tun.

Es ist die gleiche statistische Ausbildung wie die, die ein BWL er hat. Es ist auch genauso ekelhaft wie Mathematik. In diesem Punkt muss man sich entgrauen. Mir ist es aber sehr entgegengekommen.

Es  ist zwar sehr spannend, herauszufinden, was manchmal für Hintergründe dazu geführt haben, dass aus einem Menschen der wurde, der er jetzt ist. Das ist manchmal sehr faszinierend, weil es wirklich ganz unglaubliche Zufälle in Familiengeschichten gibt, dass man denkt, das kann doch einen Menschen nicht  unbewusst so beeinflussen, dass der dann jetzt so eine Verhaltensweise entwickelt. Ist aber so. Aber das interessiert mich nicht.

Ein Patient hat einen Leidensdruck und das muss behandelt werden. Dann versuche ich aber nicht, nach den Hintergründen zu bohren. Ich mache also keine psychoanalytische Gesprächstherapie, sondern, ich mache eine Verhaltenstherapie. Man guckt also, was man behandeln kann. Sachen wie Konfrontationstraining funktionieren wunderbar.

Michaela Boland:

Wann kam ihnen zum ersten Mal die Idee, zu schreiben?

Pascale Graff:

Ich habe immer geschrieben, habe es aber niemandem gezeigt. Mein Vater ist Schriftsteller, hat zwar ganz andere Themen, ist aber auch recht erfolgreich. Vielleicht ist das einfach so, wenn man sieht, dass es normal ist, dass Bücher veröffentlicht werden. Ich hatte irgendwie noch nicht mit dem Gedanken gespielt, irgendetwas zu veröffentlichen. Meine Freundin, Gabi Strobel, ist Lektorin und war die erste, die, nachdem sie einmal ein paar Sachen von mir gesehen hat, darauf gedrungen hat, dass ich einmal ein Exposé abgebe. Bedingung meinerseits war allerdings, dass sie nicht erwähnt, dass sie mich kennt.

Michaela Boland:

Wann kam das erste Buch heraus?

Pascale Graff:

2008. Das erste wurde im Rahmen der Reihe "Sternzeichen Liebe" veröffentlicht. Es war eine Produktion mit vier Autorinnen und jede hatte drei Sternzeichen. Dann hatte ich eine Reihe namens "Just Girls" in 2009 und 2010. Das Filmbuch zu Hanni und Nanni habe ich auch als Ghostwriter gemacht.

Michaela Boland:

Wann und wo schreiben sie am effektivsten?

Pascale Graff:

Ich schreibe am liebsten im Cafe. Am Laptop. Wobei ich auch durchaus ständig Zettel und meinen Kalender, der stets mit sämtlichen Bemerkungen versehen ist, bei mir habe. Ich muss das alles immer gleich notieren, denn sonst vergesse ich es wieder. Am effektivsten schreibe ich aber tatsächlich zu Hause auf der Couch oder am Tisch, mit eingeschaltetem Fernseher oder irgendeiner anderen Geräuschquelle, weil ich das brauche. Ich brauche immer Geräusche im Hintergrund. Dadurch dass ich das Zehn-Finger-Schreibsystem beherrsche, geht es ratz fatz.

Michaela Boland:

Das Thema Alzheimer behandeln sie in "Glücksallergie" ebenfalls. Warum war ihnen das wichtig?

Pascale Graff:

Das gehört zu den Dingen, die einen nicht loslassen. Außerdem wird es ja auch immer mehr ein Thema in unserer Gesellschaft. Im Rahmen meines Studiums hatte ich ein Praktikum bei einem Verein zur Unterstützung von Alzheimerkranken und deren Angehörigen. Da hat man beispielsweise mit sämtlichen Alzheimererkrankten einen Ausflug gemacht, damit die Angehörigen, die teilweise 24 Stunden rund um die Uhr für ihre Lieben da sind, auch einmal Sachen wie in Ruhe einen Kaffee trinken oder zum Friseur gehen können.

Da habe ich eine alte Dame betreut, die eine wahnsinnige Vorliebe für Puddingbrezeln hatte. Egal wie viele wir bereits hatten, wir konnten an keiner Bäckerei vorüber gehen, ohne dass sie dort hineingehen und ein solches Gebäckteil kaufen musste. Das hat mich wirklich sehr berührt. Das war für mich faszinierend, beängstigend und traurig zugleich.

Das hat mich schon nachdenklich gemacht. Man schaut sich dann gemeinsam alte Bilder an und sieht eine wunderschöne Frau und ganz tolle Kleider und offensichtlich ein Lebensstandart, der damals dem entsprochen hat, den wir heute haben, das hat einfach sehr nachdenklich gemacht.

Michaela Boland:

Was sind ihre nächsten Projekte?

Pascale Graff: Ein Erwachsenenroman, der aus der Perspektive eines Mannes geschrieben ist. Der wird auch eine sehr spezielle Störung haben.

Michaela Boland:

Versetzen sie sich leicht in die Denke eines Mannes?

Pascale Graff:

Das ist wirklich eine Herausforderung. Ich bin auch mit dem ersten Drittel noch nicht fertig. Aber eigentlich glaube ich, tief in mir, dass es gar nicht so viele Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, sondern eher zwischen Typen. Das ist jetzt eher so ein Bastian Pastewka. Ich stelle mir dann immer visuell die Verfilmungen vor. Dann geht es nämlich auch schneller. In zwei Stunden kann man sich dann durch so ein Buch durch denken.

Es schreibt sich dann ja leider nicht ebenso so schnell. Aber in diesem neuen Buch wäre der Protagonist so ein Bastian Pastewka. Ich glaube, so einen kann man dann auch eher nachvollziehen. So ein bisschen verstrahlt oder auch so ein bisschen nachdenklicher.

Nachdenkliche sensible Männer haben ja dann ihre weiblichen Seiten. Ich glaube, dass es dann deswegen geht. Ich habe mir aber wirklich vorgenommen, dass da noch mal ein Mann drüber gucken muss. Auch wenn es wahrscheinlich Frauen lesen werden, es ist ja auch für Frauen geschrieben, möchte ich aber nicht, dass es dann komplett unrealistisch ist. Mal schauen.

Michaela Boland:

In "Glücksallergie" ist Protagonistin Patrizia von sehr unterschiedlichen Männertypen umgeben. Der nach außen eher unspektakulär wirkende angehende Therapeut Sven sowie der Karriere-orientierte Anwalt und Smartguy David. Wer von beiden wäre im Sinne eines im Roman erwähnten Traummannes  eher nach ihrem persönlichen Geschmack?

Pascale Graff:

Ich glaube nicht an Traummänner. Ein Wunschmann, wäre jemand, mit dem man sich nicht streitet, mit dem man die restlichen Jahre, die man noch hat, in Einvernehmen und  gegenseitigem inspirierendem miteinander verbringen kann.

Michaela Boland:

Sie mögen expressionistische Kunst. Gibt es einen Lieblingsmaler?

Pascale Graff:

Gibt es eigentlich nicht. Wirklich. Ich finde manche Sachen von Picasso und Dali grandios, aber andere wiederum ganz schrecklich. Ich bin da genau wie bei Büchern. Ich gebe überhaupt nichts auf Namen. Es kann sein, dass ich eine Sache eines Malers ganz toll finde, aber deshalb ist das nicht mein Lieblingsmaler.

Es gibt einen Bildhauer, der mein absoluter Lieblingsbildhauer ist und das ist Rodin. Er hat die Psychologie in die Kunst hinein gebracht. Er hat als erster eine Manifestation der psychischen Zustände, wie Schmerz und Leid in die Bildhauerei gebracht hat. Da habe ich mir wirklich alle Bücher geholt.

Michaela Boland:

Was fasziniert sie an der Kunstrichtung des Expressionismus?

Pascale Graff:

Ich bewundere Menschen, die zeichnen können. Ich male auch selbst. Manchmal wird in wenig wahnsinnig viel transportiert. Es kommt ein Gefühl zum Ausdruck, obwohl es nicht gegenständlich ist. Ich finde sämtliche Sachen von Ausdruck faszinierend. Ich habe tatsächlich auch Bilder mit Bügeleisen gemalt. Mittlerweile ist das ganz konventionell, das nennt sich Enkaustik. Ich habe das 1992 mit einem Reisebügeleisen gemacht.

Michaela Boland:

Habe sie auch ausgestellt?

Pascale Graff:

Ich hatte in Cafés Ausstellungen, habe aber interessanterweise aufgehört, als ich schwanger wurde. Ich hatte sogar Galerien, die interessiert waren.

Michaela Boland:

Sie scheinen in ihrem Leben in der Regel ein recht gutes Zeitmanagement durchgeführt zu haben. Ist ihnen das leicht gefallen?

Pascale Graff:

Ich weiß nicht, wie ich das mache. Ich trenne mich von irgendwelchen Ansprüchen. Ich habe keinen Fünf-Jahres-Plan. Ich mache einfach weiter und ich glaube, dass wenn man das macht, was einem Spaß macht, dass sich die Zeit dann dafür findet, dass sich das ergibt. Ich sage dann nicht, "ich male jetzt ein Bild", sondern ich warte bis irgendwann ein komischer leerer Moment da ist, wo es sich dann genau anbietet.

Und dann trifft man jemanden, wo man es ausstellt, oder der es für sein Wohnzimmer haben möchte. So etwas ergibt sich. Genau wie ich auch beim Schreiben nicht offensiv meine Manuskripte an der Verlag geschickt und  gesagt habe, "ich will unbedingt". Ich bin ein Mensch, ich glaube zwar nicht, dass es Schicksal wäre, denn man muss ja schon etwas tun, aber wenn der richtige Moment da ist, dann ergibt es sich.

Michaela Boland:

Man kann also auf das Leben vertrauen?

Pascale Graff:

Ich glaube ja. Auf sich selber und auch auf das Leben. Es wird schon alles irgendwie.

Michaela Boland:

In diesem Sinne ganz herzlichen Dank für dieses Interview und alles Gute für ihre Zukunft.

Pascale Graff ist Diplom-Psychologin und Autorin, hat lange in Frankfurt gewohnt und dort unter anderem als PR-Assistentin  gearbeitet. Mittlerweile lebt und wirkt sie in Saarbrücken. Neben ihrer Leidenschaft für Tango Argentino schwärmt die Autorin für expressionistische Kunst. "Glücksallergie" ist ihr erster Frauenroman.

Pascale Graffs Roman "Glücksallergie" ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen. ISBN 978-3-86265-184-9

Infos unter: www.schhwarzkopf-schwarzkopf.de      www.amelie-verlag.de

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

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07.08.2017 Seine Fans sind ihm wichtig

GFDK - Michaela Boland

2010 hat Michaela Boland für die GFDK den US-amerikanischen Musiker und Schauspieler Dan Reed gesprochen.

Seine Fans sind ihm wichtig. Nach jedem einzelnen Konzert nimmt er sich ausreichend Zeit für sie, macht Fotos, schreibt Autogramme und beantwortet jede Frage. Er ist ein Star zum Anfassen und das schon seit einer ziemlich langen Zeit.

Die folkigen Balladen rühren an. Zum Teil still und grüblerisch, aber immer voller Gefühl singt Dan Reed sich in die Herzen seiner Hörerschaft. Der smarte Sänger aus Portland/ Oregon mit deutschen, indianischen und philippinischen Wurzeln, der derzeit durch Europa tourt und sein neues Album „Coming up for air“ vorstellt, macht Eindruck.

Im schlichten Langarmsweatshirt und mit Jeans bekleidet, überzeugt der 47-Jährige nicht nur durch Natürlichkeit und Authentizität auf der Bühne, sondern lässt das Publikum auch musikalisch gekonnt in seine Gedankenwelt eintauchen.

Die selbstverfassten Texte des reflektierten Sängers handeln von Ungerechtigkeiten dieser Welt, von Hoffnung und Zuversicht, aber auch von der Sehnsucht nach der Liebsten.

Kaum zu glauben, dass Reed, der Ende der 80er Jahre als „next big thing“ gehandelt wurde, mit seiner damaligen Band „Dan Reed Network“ eigentlich geradezu sinnbildhaft für Funk und harten Rock stand und in Deutschland durch die 1987 veröffentlichten Hits „Get to you“ und „Ritual“ bekannt wurde.

Nicht nur äußerlich stark verändert, die lange Heavy-Metal-Lockenpracht wich einem Kahlschlag, trat der Mann, der ein Jahr lang abendliche Architekturkurse besuchte, um Häuser nach seiner Facon zu bauen, jetzt zur Freude seiner Fans endlich auch wieder einmal in deutschen Städten auf.

Nach Gigs in München und Unna habe ich Dank seines Hamburger Freundes, dem Musiker Attila Kormanyos, Gelegenheit, den sympathischen Star zu interviewen, bevor es schon bald weiter nach Bad Friedrichshall und Wien geht. 

Michaela Boland:

Dan, du bist der Liebe wegen nach Paris gezogen. Sprichst du eigentlich Französisch?

Dan Reed:

Nein, ich habe lediglich ein kleines Bisschen gelernt, aber nicht wirklich viel. Sprichst du?

Michaela Boland:

Ein Bisschen.

Dan Reed:

Das ist bestimmt besser als mein Deutsch.

Michaela Boland:

Du sollst deutsche Vorfahren haben. Entspricht das der Wahrheit?

Dan Reed:

Das ist richtig. Meine leibliche Mutter war zur Hälfte Deutsch.

Michaela Boland:

Wie weit reichen insofern deine Deutschkenntnisse?

Dan Reed:

Ich spreche leider kaum Deutsch. Ich verbringe bedauerlicherweise nicht genug Zeit in Deutschland und ich bin auch nicht bei meiner Mutter aufgewachsen, da ich nach der Geburt adoptiert wurde.

Michaela Boland:

Du bist noch ein wenig auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum unterwegs und hast hoffentlich Gelegenheit, noch das eine oder andere Wort aufzuschnappen. Kannst du eigentlich in einem Satz beschreiben, was es für dich bedeutet, auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen?

Dan Reed:

Ich glaube, es ist einfach dieses Gefühl, entweder eine Verbindung zu einem Thema ,dem Publikum oder auch zu einer Melodie aufzubauen, so dass man einfach den Eindruck gewinnt, eine Einheit mit dem zu bilden, was einen auch immer gerade umgibt.

Michaela Boland:

Erinnerst du dich noch an den Moment, an dem für dich klar war, dass Musik deine Leidenschaft ist, die du zum Beruf machen willst?

Dan Reed:

Hm, ich denke, dass muss irgendwie in der Kirche seinen Ursprung genommen haben als ich noch recht jung war. Dort habe ich im Chor gesungen und dann habe ich von meiner Tante das Orgelspielen erlernt. Anschließend im Alter von 12 oder 13 Jahren, begann ich dann damit, in der Kirche selbst Orgel zu spielen.

Außerdem habe ich zur gleichen Zeit auch noch Trompete in der Schule gespielt. Das war sozusagen meine erste Einführung in die Musik. Zwar wollte ich schon da immer Rock `n Roll spielen als irgendjemand eine Platte von Van Halen mit dem Titel „running with the devil“ mitgebracht hatte. Ich wurde also sozusagen durch sie „ruiniert“ (lacht).

Michaela Boland:

Spielst du denn zwischendurch auch heute noch Trompete? Man kennt dich ja eher mit Gitarre in der Hand.

Dan Reed:

Nein, eigentlich nicht. Allerdings hatten wir mal auf dem ersten Album von Dan Reed Network einige Blasinstrument-Parts. Und da habe ich, aber mehr oder weniger just for fun, einige kleine Hintergrundstrecken übernommen, in denen Hörner gespielt werden mussten.

Und dann habe ich auch einmal für eine tägliche Fernsehshow in Portland/ Oregon, versucht, an Weihnachten Trompete zu spielen. Das war ein christliches Lied und es war ein riesen Fehler (lacht).

Michaela Boland:

Wie oft warst du eigentlich schon in Deutschland?

Dan Reed:

Damals in 1989 und 1990 sind wir bereits durch verschiedene Clubs getourt. Und jetzt war ich schon zwei mal als Solokünstler in Deutschland. Im vergangenen Jahr und eben jetzt.

Michaela Boland:

Was magst du am meisten an diesem Land und seinen Menschen?

Dan Reed:

Oh, ich denke, Deutschland ist eines der am besten durchorganisierten Länder. Ich mag die Art sehr, wie in Deutschland ökonomisch gedacht und gehandelt wird. Schon allein, wenn ich an den Flughäfen beobachte, wie die Rolltreppen sich erst dann in Bewegung setzten, wenn man mit den Füßen auf ihnen steht. Das ist einfach sehr effizient und ich glaube, dass die Menschen durchaus sehr respektvoll mit ihrer Umgebung umgehen.

Michaela Boland:

Das heißt, diese Sache mit den Rolltreppen bist du aus den USA nicht gewohnt?

Dan Reed:

Nein, keineswegs. In Amerika lieben wir es, Energie zu verschwenden. Wir mögen es, wenn unsere Rolltreppen einfach die ganze Zeit über an sind. Das ist wirklich dumm.

Michaela Boland:

Du hast Musik an der Northern State University in Aberdeen studiert. Wie bedeutsam ist so ein Studium nach deinem Dafürhalten grundsätzlich für eine Musikkarriere?

Dan Reed:

Ich glaube, es gibt da keinen fest vorgeschriebenen Weg. Ich habe Musiker kennen gelernt, die haben sich schon in der Schule dem Musikstudium gewidmet und beispielsweise im Gitarrenspiel Zertifikate erworben und dennoch hatten sie es schwer, innerhalb der Musik Karriere zu machen.

Und dann gibt es auch wiederum solche Leute, die frustriert sind, weil sie einfach nicht genug Unterricht hatten, aber aufschreiben und aufnehmen können, was sie in ihrem Kopf hören, jedoch dann am Ende über nicht genug Wissen verfügen, um das ganze überhaupt ausarbeiten zu können.

Ich glaube, es gibt beide Pfade. Musiker wie Mick Jagger oder Bruce Springsteen. Sie wissen vielleicht nichts über Musiktheorie, aber sie sind großartige Songschreiber.

Auf der anderen Seite gab es eben auch jemanden wie Mozart, der sowohl in der Theorie als auch in der praktischen Umsetzung einfach einzigartig war und großartige Werke geschrieben hat. Letztendlich lässt sich wohl sagen, dass beides richtige Herangehensweisen sein können.

Michaela Boland:

Man kann also zumindest sagen, dass es keinen Nachteil darstellt, das Fach studiert zu haben, auch wenn man die Richtung Funk, Hard Rock oder Metal anstrebt?

Dan Reed:

Keineswegs. Ich kannte mal einen Piano-Spieler, der wie ein Irrer all die klassischen Stücke übte. Er war derart bewandert in klassischer Musik, aber konnte selbst einfach kein Stück hervorbringen, dass derart stark oder bewegend hätte sein können, wie das, was er zu spielen gelernt hatte. Es darf nicht zur Geißel werden.

Michaela Boland:

Nun hast du gerade Mozart erwähnt, hörst du dir auch schon mal klassische Musik an?

Dan Reed:

Vor ungefähr 20 Jahren habe ich mir regelmäßig jede Menge klassische Musik angehört, gerade wenn ich in meinem Auto unterwegs und ein wenig müde war. Aber genauso hörte ich mir schon mal Stücke von Frank Sinatra an, sowie Stück aus den Vierziger und Fünfziger Jahren. Doch jetzt habe ich all das schon eine ganze Weile nicht mehr gehört, aber ich würde jedem Musiker raten, sich all diese Dinge einmal anzuhören.

Michaela Boland:

Das Dan-Reed-Network-Projekt, mit welchem du ja zeitweilig sehr erfolgreich warst, ist schon eine ganze Weile vorüber. 1993 habt ihr euch nach mehreren Alben aufgelöst. Nachdem es zahlreiche Bands gibt, die schon mal ein Revival feierten, gibt es bei Euch womöglich auch die Chance auf ein Comeback?  

Dan Reed:

Nein, die Sache mit solchen Reunion-Tours und derartigen Dingen, ist ja immer, dass du eine Art Cover-Band deines eigenen Materials wirst. Bei so etwas haben die Menschen ja auch eine bestimmte Erwartungshaltung, dass man diese und jene Songs spielt, dass wir so und so laufen oder beispielsweise genau so und so die Rollenverteilung ist.

Da gibt es einfach eine zu große Gefahr, eine Parodie von sich selbst zu werden. Ich genieße augenblicklich einfach sehr das, was ich gerade tue.

Die Zusammenarbeit mit Musikern, mit denen man einfach ganz wundervoll zusammen spielen kann.. Es ist ja auch eine ganz andere Richtung als das, was wir mit dem Network gemacht haben oder mit dem Network jemals gespielt hätten.

Michaela Boland:

Hast du denn noch Kontakt zu den alten Bandkollegen vom Network?

Dan Red:

Oh ja, ich habe zu allen Kontakt und das ist schön.

Michaela Boland:

Zeitweise war in Kritiken über dein neues Album „Coming back for air“ zu lesen, dass man dort vergeblich nach Funk und Hardrock-Elementen sucht, stattdessen jedoch jede Menge gefühlvolle Sequenzen und Folkmusikparts vorfindet. Mit Sicherheit gibt es noch Fans aus der „Network-Ära“. Vermissen diese womöglich den etwas härteren Stil der vergangenen Tage?

Dan Reed:

Ja, ich hatte manchmal schon den Eindruck, dass manche Leute sich nach jenen Musikelementen zurückgesehnt haben.. Aber die meiste Zeit bekomme ich sehr positives Feedback. Weil jeder, der vor 20 Jahren das Network gehört hat, ist jetzt auch 20 Jahre älter geworden und somit sind wir ja quasi so etwas wie gemeinsam erwachsen geworden, was toll ist.

Michaela Boland:

Selbst wenn man dich nicht aus der früheren Dan Reed Network-Zeit kennt, ist, gerade wenn man Auftritte von früher mit heutigen auf Youtube vergleicht, auffällig, dass du einen ganz deutlichen Wandel durchlaufen haben musst. Damit meine ich nicht nur dein äußeres Erscheinungsbild, sondern deine komplette Anmutung erscheint wie ausgewechselt.. Was ist da geschehen?

Dan Reed:

Wow, das Leben, weißt du. Man geht eben durch diese Hochs und Tiefs. Ich habe in den letzten sechs Jahren beide Elternteile verloren.

Michaela Boland:

Das tut mir sehr leid.

Dan Reed:

Außerdem habe ich nach dem Network eine sehr düstere Zeitspanne durchlaufen, die von Drogen und Alkoholmissbrauch geprägt war. Ich verlor wirklich meinen Geist, meinen Antrieb, meine Richtung und in gewisser Weise auch meine Seele.

Dann folgte eine Periode des bloßen Reisens. Ich ging nach Indien und in den mittleren Osten um irgendwie einen Grund für mich zu finden, wieder Musik zu machen.

Als ich zurückkam, empfand ich eine weitaus größere Würdigung dafür, vor Menschen Musik spielen zu dürfen, ihnen ein wenig Freude in ihrem Alltag zu verschaffen, oder sie von ihrem Stress zu entspannen oder was immer es auch ist. Ich habe in jedem Fall wieder eine viel größere Wertschätzung für all dies empfunden.

Michaela Boland:

Und hast du auch in dieser Zeit deine Haare abrasiert? Als ich bei der Recherche älteres Fotomaterial von Dir mit jener Löwenmähne sah, konnte ich beinahe nicht glauben, dass du das gewesen sein sollst.

Dan Reed:

Also das erste Mal habe ich das schon 1990 gemacht, eine Woche vor der Rolling Stones Tour. Dann habe ich sie wieder etwas wachsen lassen als ich in Portland geschauspielert habe von 1992 bis 1994. Und nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, das Schauspiel erst mal nicht weiter zu betreiben, habe ich sie wieder abrasiert. 

Michaela Boland:

Beides sieht ja nicht übel aus.

Dan Reed:

Vielen Dank.

Michaela Boland:

Bedauerlicherweise stürzen und stürzten Rock-und Popstars relativ häufig in die Alkohol- und Drogenfalle. Was ist deiner Meinung nach die große Gefahr hierfür in dieser Branche? 

Dan Reed:

Nun, ich glaube bei mir war es einfach so, dass ich eigentlich nicht so sehr da hinein gerutscht bin, als ich in der Band war. Diese Dinge waren ja die ganze Zeit während meiner Zeit im Network um mich herum. Es ist natürlich nicht ohne, jeden Abend lange auf der Bühne zu stehen und am nächsten Tag dann wieder zu singen, aber da habe ich gar nichts angerührt.

Aber dann im Nachtclub (Anm. d. Red.: Dan Reed kaufte sich 1999 in den Blues- und Rockclub Key Largo in Portland ein, den er in einen Hybridclub umwandelte und in dem von 21 Uhr bis Mitternacht Livebands spielten und in dem sich von Null bis vier Uhr DJ`s austoben durften).

Von da an war ich noch wesentlich mehr ins Partygeschehen involviert, deshalb wurde das zur Gefahr. Das heißt jetzt ist die Herausforderung, alles irgendwie in Ballance zu halten. Ich versuche, einfach beizubehalten, ausreichend Schlaf zu bekommen, wenn ich am nächsten Tag singe.

Es ist wirklich eine Frage der richtigen Ausgewogenheit, ob man das Leben feiern möchte oder wie ein Mönch zwischen dem Leben zu sein. Ich halte es für schwierig, ausschließlich das eine oder das andere zu vollziehen. Das eine kann dich entspannen, das andere kann dich erleuchten. Daher versuche ich, ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden zu finden 

Michaela Boland:

Du sollst ja auch mit Mönchen zusammen gelebt haben. Wie hat dich das konkret beeinflusst?

Dan Reed:

Es war zunächst mal ein richtiggehender Schock bezüglich des Systems. Wenn du dich mit einer Gruppe von Menschen aufhältst, die sich den ganzen Tag auf Meditation und darauf, ihre Mitte zu finden, konzentrieren, um einen Weg zu finden, ein wenig anteilnehmender zu sein, bei jedwedem Schritt, den sie unternehmen. Also sowohl bei jedem rein physikalischen als auch jedem mentalen Schritt.

Ich hoffe natürlich, dass das in gewisser Formein reger Fluss ist. Nach der Eingewöhnungsphase war es dann jedoch zeitweilig sogar schwer, mir vorzustellen, jemals noch einmal etwas anderes zu tun für den Rest meines Lebens.

Aber dann realisierte ich schließlich, dass wenn ich Musik spielen wollte und umhertouren, dann würde ich eben nicht in einem Kloster leben können. Ich dachte einfach auch darüber nach, dass es schön sein würde, eines Tages eine Familie zu haben, das waren somit die Dinge, die mich dazu gebracht haben, das Kloster zu verlassen.

Aber es war ein großes Geschenk, all diese wunderbaren Seelen um mich herum zu haben, die mich lehrten, das Leben wieder zu schätzen und wie man zwischen dem Leben lebt. Das war immer bedeutsam.

Michaela Boland:

Kannst du es empfehlen, einmal eine solche Erfahrung im Kloster zu machen?

Dan Reed:

Oh ja. Ich denke, jeder sollte einfach einmal herumreisen und andere Kulturen kennen lernen. Zum Beispiel einmal nach Israel fahren und ein wenig mit der jüdischen Kultur herumhängen oder wenn du in den mittleren Osten reist und auf der palästinensischen Seite einfach auch mal mit jener Kultur abhängst. Je mehr unterschiedliche Gruppen du kennen lernst, desto mehr Werte kannst du daraus gewinnen.

Michaela Boland:

In einem Interview vor knapp einem Jahr hast du geäußert, dass du jetzt gerne eine Familie gründen würdest. Warst du in dieser Hinsicht schon erfolgreich, gibt es das schon von Fortschritten zu berichten?

Dan Reed:

(Lacht) Nein, bisher noch nicht .

Michaela Boland:

Du arbeitest aber noch daran?

Dan Reed:

Absolut.

Michaela Boland:

In deinen Lyrics auf deinem neuen Album „Coming up for air“ befasst du dich auch mit Themen wie Missständen und Ungerechtigkeit in der Welt. Da gibt es beispielsweise einen Song mit dem Titel „Dictator“.

Das dazugehörige Video ist eng mit dem legendären US-Spielfilm von Charles Chaplin aus 1940, „ Der große Diktator“ ,der eine Satire auf Adolf Hitler und den deutschen Nationalsozialismus darstellt, verknüpft.

Hast du den Eindruck gewonnen, dass Stücke wie dieses, die zum Denken anregen sollen, womöglich schon zu irgendwelchen Effekten in den Köpfen der Zuhörer geführt haben? Bemerkst du, ob da Denkprozesse in Gang gesetzt werden?

Dan Reed:

Das weiß ich nicht. Wenn ich einen Song schreibe, dann frage ich mich selbst, wie er mich empfinden lässt. Wenn er mich dazu inspiriert, mehr in diese Richtung zu denken, dann bin ich mit einem solchen Song zufrieden. Und ich bekomme auch jede Menge Feedback.

Da sind zum Beispiel gerade bei „Dictator“ Hunderte von Kommentaren von Leuten gekommen, die das Video gesehen haben. Es inspiriert sie, just in dem Moment, da sie es sehen. Ich denke am Ende des Tages zählt, wie du dein Leben lebst und wie du andere Menschen behandelst.

Deshalb glaube ich, dass jede Form von Musik, die dich dazu veranlasst, einfach ein wenig tiefgründiger zu denken und Mitgefühl als eine Art positive Gewalt zu sehen, doch schon etwas gebracht hat, so hoffe ich zumindest.

Michaela Boland:

Hast du eigentlich irgendwelche Vorbilder im Sinne eines Idols?

Dan Reed:

Mein Hauptidol ist Bruce Lee. Seine Geschicklichkeit, sein Antrieb waren schon immer etwas, das ich bewundert habe. Aber auch Elvis Presley und Alice Cooper. Allerdings auch Gandhi und den Dalai Lama. Menschen, die ihr Leben dem Zweck widmen, etwas zu verändern.

Michaela Boland:

In einem Interview mit der deutschen Sängerin Joana Zimmer, die Gandhi ebenfalls als ihr Vorbild beschrieb, erklärte mir die Künstlerin, dass Gandhi „sozusagen sexbesessen“ gewesen sein soll. Weißt du etwas darüber?

Dan Reed:

Nein, ich würde sagen, dass dies wohl das ist, was man als Gerücht bezeichnen könnte.(lacht) Also, ich habe all seine Schriften gelesen, war mehrfach in Indien und habe Menschen getroffen, die ihn kannten. Aber das höre ich jetzt zum ersten Mal.

Michaela Boland:

Wie gehst du beim eigentlich Songschreiben vor? Wartest du, bis die Muse dich küsst oder kannst du dich auch auf Kommando hinsetzten und ein neues Stück runterschreiben?

Dan Reed:

Als Musiker sollte man dazu in der Lage sein, beides zu können. Wenn jemand auf dich zukommt und dich fragt, „kannst du mir einen Song mit dem und dem Titel schreiben, aber ich brauche ihn schon bis morgen“, kann man das natürlich schaffen.

Bei mir war es zum Beispiel bei „ coming up for air“, dem Stück, das ich in Indien geschrieben habe, ein richtiger Schreibprozess. Es dauerte anderthalb Jahre es zu schreiben, ein weiteres Jahr für die Aufnahmen und ein weiteres, um es der Öffentlichkeit vorzustellen.

Für das nächste Album, das wir im Januar aufnehmen werden, war ich einige Wochen oben in Schweden in einem kleinen Haus und schrieb zehn Songs. Also ich habe mich eigentlich nur hingesetzt, mir überlegt, was ich ausdrücken wollte und geschrieben.

Also man muss irgendeine Richtung haben, eine Absicht, worum es auf dem Album gehen soll,. Solange die Intention von deinem Herzen kommt, glaube ich, dass die Menschen das hören können.

Michaela Boland:

Hast du auch etwas in Paris geschrieben?

Dan Reed:

Ich finde es sehr schwierig, dort zu schreiben, weil es in Paris all zu viel Energie gibt.

Michaela Boland:

Wohnt ihr denn mitten in Paris, in einem der Arrondisments oder ein wenig außerhalb?

Dan Reed:

Jetzt wohne ich gar nicht mehr dort. Wir habe unsere Zelte mittlerweile abgebrochen. Ich bin derzeit wohl ein bisschen so was wie heimatlos. Ich denke gerade darüber nach, vielleicht nach Schweden zu ziehen, aber ich bin mir noch nicht sicher.

Michaela Boland:

Warum kommst du nicht nach Deutschland? Wir haben hier ganz coole Rolltreppen.

Dan Reed:

(lacht). Danke für die Einladung.

Michaela Boland:

Was tust du überhaupt in deiner Freizeit?

Dan Reed:

Am liebsten schreibe ich. Zum Beispiel Stücke. Ich arbeite gerade an einem Stück über die Dan Reed Network Zeit und die Club-Drogen-Zeit, der anschließenden Reise nach Indien und später in den mittleren Osten und wie der Weg dann zurück zur Musik führte.

Allerdings ist all das nicht so sehr wie eine Biografie geschrieben, sondern völlig anders. Also daran arbeite ich gerade. Außerdem fahre ich sehr gerne Rad und liebe es, Filme anzuschauen.

Michaela Boland:

Was für Filme siehst du dir gerne an?

Dan Reed:

Im Prinzip alles. Ich bin allerdings besonders Fan des Science Fiction Genres. Die „Herr der Ringe“ Trilogie oder auch diesen kompletten „Harry Potter“- Stoff. Mein allerliebster Film auf der Welt ist „Blade Runner“. Außerdem Sachen von Ridley Scott, ich mag futuristischen oder apokalyptischen Stoff.

Michaela Boland:

Gibt es für das Stück, an dem du gerade schreibst, bereits konkrete Pläne für eine Bühnenaufführung oder eine Verfilmung?

Dan Reed:

Ich weiß es noch nicht. Derzeit habe ich einige Skripts in der Schublade, daher arbeite ich erst mal weiter und wir werden sehen, was die Zeit bringt. Innerhalb des nächsten Jahres werden diese Skripts erst einmal angeboten werden und dann wird sich zeigen, ob sich Leute finden, die Interesse daran hätten, das eine oder andere zu produzieren. 

Michaela Boland:

Du hast früher in Portland Schauspielunterricht genommen und ja auch selbst, wie du schon erwähntest, als Schauspieler gearbeitet. Wie stehen denn die Chancen, dass du auch deine Schauspielkarriere fortsetzt? 

Dan Reed:

Wenn jemand mich besetzen möchte und es sich dann auch für mich richtig anfühlen würde, wäre ich womöglich daran interessiert. Allerdings möchte ich mich augenblicklich auf jeden Fall darauf konzentrieren, sicherzustellen, dass meine Songs und die Tour mit ganzem Herzen bei der Sache durchgeführt werden.

Michaela Boland:

Bei gleich mehreren unterschiedlichen künstlerischen Talenten hätte aus dir nicht zwingend ein Musiker und Sänger werden müssen. Wäre auch noch etwas anderes in Betracht gekommen? 

Dan Reed:

Wahrscheinlich wäre ich Architekt geworden, denn ich liebe es, Gebäude zu zeichnen und zu designen.

Michaela Boland:

Hattest du insoweit auch mal Gelegenheit, dir La Sagrada Familia in Barcelona anzuschauen und wenn ja, sagt dir der neukatalanische Stil zu?

Dan Reed:

La Sagrada Familia ist eines meiner Lieblingsgebäude auf der ganzen Welt.

Michaela Boland:

Wie sieht es mit bildender Kunst aus? Interessierst du dich auch dafür?

Dan Reed:

Du meinst Bilder? Oh ja, sehr. Ganz besonders in Paris gibt es ja da jede Menge zu sehen. Ich mag die Werke von Claude Monet ausgesprochen gerne.

Michaela Boland:

Eure Tour führt euch jetzt noch nach Österreich, England und Frankreich. Wie wirst du zwischendurch das Weihnachtsfest verbringen?

Dan Reed:

An Weihnachten spiele ich eine Weihnachtsshow in Schweden.

Michaela Boland:

Du scheinst verhältnismäßig häufig in Schweden zu sein. Gibt es eine besondere Verbindung dorthin?

Dan Reed:

Die Schweden mögen meine Musik und ich mag natürlich, dass sie meine Musik mögen. Das ist sozusagen die Beziehung hierzu.

Michaela Boland:

Dann hast du ja besonderen Grund zur Freude, schon bald wieder dort sein zu können.. Hiefür, sowie für die komplette weitere Tour und das neue Album „Coming up for air“ wünschen wir dir alles Gute und weiterhin so viel Erfolg. Ein schönes Weihnachtsfest und ganz herzlichen Dank für dieses Interview. 

Infos unter:

www.danreed.com

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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07.08.2017 Auf der Suche nach dem Subversiven

GFDK - Angelika Wende

Im Jahr 2010 hat Angelika Wende für die GFDK mit dem Regisseur Alexander Biedermann ein Gespräch über seinen Film "Hacker" geführt. Heute im Jahr 2017 ist das Thema in aller Munde und täglich in den Nachrichten. Regierungen, Unternehmen aber auch Privatpersonen sind vor Hackerangriffen nicht mehr sicher.

Der Mythos vom Hacker, der in alle Computersysteme eindringt, jedes Sicherheitssystem knackt, jede Sicherheitslücke aufdeckt und alle Programme aushebelt, der gefährliche Viren, Würmer oder Ähnliches programmiert, liegt seit das Phänomen in den achtziger Jahren aufkam, in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität

Das Tun der Hacker, bewegt sich zwischen Cyper-Robin Hood und gefährlichem Kriminellen, zwischen Bewahrer und Zerstörer. Es ist eine Art Janusköpfigkeit, die dem Bild, das sich viele über diese Menschen machen, anhängt. Ohne zu bewerten, sind Hacker  Menschen, deren Antrieb es ist, die Grenzen unserer Computersysteme auszuloten und neu zu definieren.

Mit dem Dokumentarfilm „Hacker“ dringt der junge Regisseur Alexander Biedermann am Beispiel von fünf Hackern aus verschiedenen Generationen in diese fremde Welt der Cyperspace ein, die so Manchem auf eine subtile Weise Angst macht.

Ich treffe Alexander Biedermann und Marko Rogge, einen der fünf Protagonisten des Films, in einer kleinen Bar in der Darmstädter Innenstadt. Ich habe anderthalb Stunden Zeit für das Gespräch. Danach müssen sie zum nächsten Interview.

Das ZDF hat sich angekündigt. Der Debütfilm des 35jährigen Newcomers weckt das Interesse der Medien, das Thema Hacker, so scheint es, interessiert nicht nur Computerfreaks. 

Wieso dieser Film als Debüt, Herr Biedermann?

Alexander Biedermann:

„Mit einem kleinen Team und wenig Geld suchte ich nach einem Thema, das noch Erklärungsbedarf hat. Dabei ergab sich der Anstoß diesen Film zu machen, eigentlich durch einen Zufall.

2006 stieß ich auf die Geschichte des deutschen Hackers Karl Koch. Die Theorien um seinen Tod haben mich neugierig gemacht. Das war der Aufhänger mich dem Thema Hacker anzunähern. Ich wollte wissen: Was ist das eigentlich, ein Hacker?“

Angelika Wende

Sie begaben sich also auf die Suche nach Menschen, die der österreichische Soziologe Roland Girtler einmal „Freibeuter auf dem Meer des Internet“  nannte. Wie schwer war es an Hacker heranzukommen und wie haben Sie sie für Ihre filmische Collage gewinnen können?

Alexander Biedermann:

„Es gab noch ein anderes Motiv. Ich suchte nach einer subversiven Ausdrucksform. Ich habe ein Interesse an Leuten, die man als subversiv bezeichnet und es hat sich irgendwie auf die Hacker eingependelt.

Ganz so leicht war die Annäherung an diese Szene nicht. Gefunden habe ich sie Bei der ersten Hackergeneration der 80er Jahre stößt man schnell auf Widerstand. Man muss erst mal eine Vertrauensbasis herstellen.

Sie wollen mit dem Thema nichts mehr zu tun haben und haben sich zurückgezogen. Ich habe sie über den Chaos Computer Club gefunden und ihnen vermitteln können, dass ich keine Stereotypisierung  bedienen will, ich habe erklärt, es geht mir um die Ambivalenzen, darum einen authentischen Ton zu finden. Ich wollte das Gut - Böse Schema  relativieren.“

Angelika Wende

Ist Hacken, wie manche Hacker behaupten, eine Kultur oder eine Subkultur, die sich am Rande der Gesellschaft abspielt?

Alexander Biedermann:

„Diese Hacker haben eine starke Freiheitsliebe, sie haben enormen Eigensinn. Das hat subkulturelle Muster. Manche Hacker sagen es ist eine Kultur, sie wehren sich gegen den Begriff Subkultur. Zum Hacken gehören Werkzeuge wie in der Kunst und wie in jeder Form von Kreativität.“

Marko Rogge:

„Es ist eine Betrachtungsweise, die jeder für sich definiert. Eine Subkultur ist es sicher, weil man sich von anderen PC Benutzern distanzieren kann. Wir sind keine Administratoren, sondern vielmehr der Feind der Administratoren. Wir grenzen uns von den Kriminellen ab, die Programme schaffen um Leuten zu schaden.

Alexander Biedermann:

„Das drückt der Film aus. Es ist ein Feld von Individualisten, Leute wie Marko, die ihre ganz eigenen Codes leben. Da gibt es andere Leute vom Chaos Computer Club, die da sitzen mit ihren Computern mit RAF Symbolen im Zelt sitzen und sogar mit ihrem direkten Gegenüber nur über den PC kommuniziere. Die Fähigkeiten dieser Leute bilden den Zusammenhang, nicht ihre Haltung.“

Angelika Wende

Gibt es dennoch eine Typologie, so etwas wie eine gemeinsame Struktur, die diese Menschen ausmacht?

Marko Rogge:

„Kein Ehrenkodex, keine Hackerethik! Die Hacker der ersten Generation hatten eine Hackerbibel aufgestellt, wie ein Hacker sich zu verhalten hat.“

Alexander Biedermann:

„Was ich beobachten konnte ist zum Einen, das nicht akzeptieren Können von Grenzen, zum Anderen ist da eine spielerische Neugier in die Dinge und Vorgänge reingucken.

Die müssen das verstehen. Das ist fast schon ein zwanghaftes Verhalten, ebenso wie diese fast schon übertriebene Vorsicht und das Misstrauen, es könnte ihnen einer in die Karten gucken.

Angelika Wende

Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Biedermann:

„Wir hatten viele Probleme mit der Kamera. Als Medienmensch stößt man sehr schnell auf Widerstand, man muss sich erklären, ständig. Hacker haben eine große Empfindlichkeit, viel Skepsis, gerade wenn es darum geht persönliche Dinge zu fixieren.

Da reicht schon das Bild von sich, man will nicht die Kontrolle verlieren, eine Angst vor Kontrollverlust. Das steht auch mit dem im Zusammenhang: – Ich lasse mich von Computer nicht kontrollieren, deshalb will ich ihn verstehen und beherrschen.“

Angelika Wende

Denken Sie, dass das Thema „Kontrolle“ ein Motiv des Hackers ist?

Alexander Biedermann:

„Das Motiv des Hackers ist wohl, ich will diese Grenze überschreiten. Ich will derjenige sein, der die Leute kontrolliert.

Angelika Wende 

Hat das Hacken mit Macht zu tun? Ist das der Kick?

Alexander Biedermann:

„Ich denke ja.“

Marko Rogge:

„Die Frage ist ja, ist das ein Sicherheitssystem, wenn man es knacken kann? Die Kontroverse die ich dahinter sehe, ist: Ist ein Sicherheitssystem geknackt, wenn man in ein Unternehmen einbricht, das alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat und man darin eindringen kann?

Dann ist die Frage die man stellen muss: Sind es dann überhaupt Sicherheitsvorkehrungen? Und ist es überhaupt dann als Sicherheitssystem zu betrachten? Für neunundneunzig Prozent der Menschen ist es sicher – aber wenn einer reinkommt ist es das eben nicht.

Es ist also aushebelbar. Nach dem Gesetz ist es nur strafbar, wenn ich ein Sicherheitssystem hintergehe, wenn es aber aushebelbar ist, dann ist  da kein Sicherheitsmechanismus .Also umgehe ich das Sicherheitssystem nicht, weil es de facto keins ist

Angelika Wende

Welcher Antrieb liegt dem zugrunde?

Marko Rogge:

„Der Antrieb ist, ich zeige den Leuten, es ist nicht so, Ihr seid nicht sicher. 

Angelika Wende

Geht es neben dem Aspekt der Grenzüberschreitung auch um ein Zerstören?

Marko Rogge:

„Ja, wenn man eine Sicherheitslücke findet und bekannt gibt,  zerstören wir die Illusion, dass etwas sicher war. Genau das ist das Thema, was illusioniere ich den Menschen da draußen an Sicherheit?

Hacker sind vielen Leuten suspekt. Zum Einen, weil man sie nicht (er)kennt, zum Anderen, weil man nicht genau weiß, was die da tun und was sie alles verursachen könnten. Gibt es einen Grund Angst zu haben?

Alexander Biedermann:

„Die Technologie ist in die Intimsphäre des Menschen vorgerückt. Da ist dann der Gedanke, ich kann sie nur bis zu einem bestimmten Maße kontrollieren, aber die Hacker behrschen sie – also beherrschen sie auch mich ein Stück weit.

Angelika Wende

Marko, ist Macht ein Motiv für Sie?

Marko Rogge:

“Es hat mit Macht zu tun, das ist das Grundprinzip, ein Mix aus dem extremen Verständnis der Technologie plus dem Wissen, was den Menschen ausmacht und zwar, dass man im Menschen Angst erzeugen kann mit dem Wissen, das wir haben.

Da haben wir natürlich eine Macht. Wir haben Möglichkeiten Ängste zu schüren Da denken die Leute, der kann das, der muss ja Böses im Schilde führen. Was wir gar nicht wollen!“

Alexander Biedermann: 

„Allein die Existenz der Hacker reicht schon aus, dass wir eine ganze Sicherheitsindustrie erfinden müssen, die Geld und Macht bekommt, so wie es im Graubereich der PC Technologie Leute gibt, die Motive haben, die nicht nur positiv sind. Die können in dieser, von der Technologie so abhängigen Struktur Schaden anrichten.

Angelika Wende

Liegt da die große Ambivalenz, die in diesem Film mitschwingt? In der Verschiedenheit der selbstgewählten Mission der Hacker?

Marko Rogge:

„Das ist ja die Frage. Sind Hacker Kriminelle? Es wird aufgezeigt was möglich ist, nämlich genau zu den Steuerungen vorzudringen, durch eine mehrstufige Schadsoftware, wie Wurm in Kombination mit Trojanischem Pferd beispielsweise in Atomkraftwerke vorzudringen. Das macht Hacker so gefährlich, dass macht Hacker so gefährlich, weil sie einfach in der Lage sind eine Perfektion zu erreichen.“

Angelika Wende

Sie haben über viele Monate an dem Film gearbeitet. Sie haben fünf  Persönlichkeiten portraitiert. Haben sie in diesem Prozess Sympathie gegenüber dieser „Art zu sein“ entwickelt?  

Alexander Biedermann:

„Ich hatte die vorher schon, es ging mir ja um die Suche nach eigenwilligen Menschen, das ist für mich ein Ansatz überhaupt durchs Leben zu gehen, auch in meinen Freundeskreis lasse ich nur solche Menschen rein. Sie pflegen diesen besonderen Individualismus.

Das sind welche, die nicht zum Wohlgefallen anderer alles tun, die ihrer Sache verpflichtet sind, die treu ihre Eigentümlichkeit pflegen, koste es was es wolle. Es geht nicht immer um Geld, es geht um Leidenschaft.“

Angelika Wende

Gab es Momente, in denen Sie beim Drehen Schwierigkeiten  hatten?

Alexander Biedrmann:

„Ich hatte viele Schwierigkeiten beim Drehen.

Es war oft einfach kompliziert und nervig. Die Frage wo führt das denn hin, das hat die Sache erschwert. Da gibt es Situationen wo einer nicht gefilmt werden will. Sie stören sehr schnell die Situation, sie machen von ihrem Persönlichkeitsrecht sehr schnell Gebrauch.

Ich habe letzten Endes mit Menschen gearbeitet, die die Kamera als Bühne verstanden haben, die eine Botschaft haben, ein gewisses Sendebewusstsein. Dazu gehört auch Marko. Er ist bereit zu sprechen.“

Angelika Wende 

Marko, inwieweit haben Sie sich in die Karten schauen lassen? 

Marko Rogge:

„In meinen Privatbereich sicher nicht. Ich würde mir natürlich nie in dieses Kunsthandwerk hineinschauen lassen. „

Angelika Wende

Alexander, was glauben Sie, ist es, was sich hinter dieser Verschlossenheit verbirgt?

Alexander Biedermann:

„Nun, will nicht verallgemeinern. Sie haben Eigenheiten wie Arroganz, Vertrauensverlust, Narzissmus, Angst vor Kontrollverlust. Das macht diese Menschen aus, das transportiert der Film in den Zwischenzeilen.

Angelika Wende 

Haben Sie das Gefühl, dass Hacker einsame Menschen sind?

Alexander Biedermann:

„Es sind Menschen die Anschluss suchen. Meine Theorie ist, dass die intensive Auseinandersetzung mit der Maschine, es geht ja nicht nur um die Hacker dabei, sondern um die ganze Gesellschaft, um die Entwicklung der letzen Jahre, in denen der Computer und so extrem nahe an uns herangekommen ist und eine so wichtige Rolle spielt.

Da ist da schon die Frage: Wie verändert sich der Mensch überhaupt? Natürlich habe ich  den Focus auf Menschen gerichtet, die ihre Gedanken und Fantasien immer darauf beziehen. Da hat man nicht die Peergroupentwicklung, das hat soziale Auswirkungen. Sie sind sicher einsam.

Es gibt eine soziale Veränderung. Man teilt bestimmte „Intimitäten“ eher mit einer Maschine, die man früher vielleicht mit Freunden geteilt hätte.“

Angelika Wende

Marko, wie sieht es mit Ihrem sozialen Leben aus?

Marko Rogge:

„Die Theorie von Alexander ist richtig. Wenn man nicht aufhört damit und nur an der Maschine hängt, erleidet man einen gewissen Sozialverlust. Man wird im Zweifel zum Autisten. Natürlich kann man mit dem PC keine Nähe teilen. Aber andere Menschen erleben das auch, die tun mir dann noch mehr leid. Denn sie haben nicht einmal mehr die Leidenschaft für das Tun an sich.

Angelika Wende

Wie teilt man seine Leidenschaft fürs Hacken mit anderen Menschen und ist das überhaupt möglich?

Marko Rogge:

„Das Problem ist, dass man als Hacker immer wieder, egal wenn mich jemand was fragt, feststellt, das man im Gespräch zu viel an Wissen in diesem Bereich voraussetzt, dieses bisschen Voraussetzen ist schon achtzig Prozent zu viel vorausgesetzt. Man spricht eine andere Sprache. Und das will man nicht immer wieder erklären. Dann sagt man, ich erkläre es kein zweites Mal, geh halt.“

Angelika Wende

Marko, Sie simulieren Hackerangriffe für Firmen gegen Bezahlung und auf ausdrücklichen Wunsch der Firmen. Leben Sie Ihre seine Leidenschaft auf legale Weise aus?

Marko Rogge:

„Sicher.“

Angelika Wende

Alexander, der Film weckt Erwartungshaltungen. Was zeigt er über das Hacken selbst?

Alexander Biedermann:

“Dem Film wird zum Teil vorgeworfen er zeigt zu wenig. Zu wenig von, wie bricht man denn in ein Sicherheitssystem ein, wie geht man da genau vor.“

Marko Rogge:

„Aber das ist genau das was schwierig ist, sich in die Karten gucken zu lassen. Was gibt es da zu sehen? Ein paar langweilige Codezeilen.

Alexander Biedermann:

„Es gibt Prozesse in der ganzen Maschinerie, die man nicht beantworten kann. Warum habe ich den Film gemacht? Ich erkläre es mir mit der Suche nach der subversiven Kraft, den subversiven Elementen wo ich andocken kann, als Mensch selber. Vom hacken habe ich keine Ahnung.“ 

© angelikawende, 2010

Angelika Wende

Vita & mehr

  • Freie Journalistin und Autorin
  • Sprecherin, Moderatorin, Schauspielerin
  • Dreizehn Jahre Fernseherfahrung als Moderatorin und Nachrichtensprecherin beim Sender PRO 7 in München und im Zweiten Deutschen Fernsehen
  • OFF- Sprecherin für ZDF, Arte und Phönix
  • Freie Mitarbeiterin der Allgemeinen Zeitung Mainz
  • Presse-und Öffentlichkeitsarbeit für die Eventagentur oncue, Mainz
  • Kreation, Umsetzung und Saloniere des "Silbernen Salon"
  • Kreation, Umsetzung und Moderatorin des Kultur Salons Mainz mit dem Produzenten oncue event & communication
  • Inhaberin der Agentur workingforart
  • Kuratorin für das Kulturamt der Stadt Mainz:
  • "Leben ist Form - die Bildhauerin Irmgard Biernath"
  • Kuratorin des Kunstvereins Eisenturm in Kooperation mit dem Kulturamt Mainz: "Generationen"
  • Laudatorin für den Berufsverband Bildender Künstler (BBK) Rheinland-Pfalz
  • Freie Tätigkeit als Laudatorin in öffentlichen Institutionen und Galerien in Mainz, Wiesbaden, Berlin, Leipzig, Ludwigshafen, Kaiserslautern 

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