Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

07.11.2009 Azadeh und Somayeh Alizadeh waren der Hingucker

Michaela Boland

Köln. An schönen Frauen mangelte es beim jüngsten Kölner Kulturtreff im Zollhafen keinesfalls. Die Modeltauglichen Freiburger Schwestern Azadeh und Somayeh Alizadeh jedenfalls waren der Hingucker des Abends.

Zum ersten Mal nahmen die Kauffrau und die Erzieherin an der beliebten Veranstaltung, deren Einladungen namentlich erfolgen und nicht übertragbar sind, teil und zeigten sich von der Stimmung begeistert.

Organisator und Ex-EMI-Promotion-Manager Winni Ebert hatte seine illustren Gäste diesmal zur Zusammenkunft ins neue In-Lokal Sportsbar in schmucker Umgebung und mit direktem Blick auf den Rhein geladen. 300 Vertreter aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft waren bei lauer Sommernachatmosphäre mitten im Frühling gerne erschienen, um kulturelle Neuigkeiten und Visitenkarten auszutauschen.

Bei Fingerfood, Kölsch, Sekt und Wein ließ es sich wahlweise unter „geschlossenem“ oder freiem Himmel wunderbar plaudern. So erzählte Schauspieler Ralf Richter beispielsweise vom neuen geplanten Internetprojekt, bei welchem Castingshows persifliert werden und Protagonist „Kalle“ eine Braut („Olle“) suchen soll..

Ex-WDR 2- Moderator, Robert Treutel, besser bekannt als Comedian „Bodo Bach“, der für seine Telefonscherze bekannt ist, unterbrach sein erfolgreiches 3. Tourneeprogramm „Viertel nach Bach“ nach Stationen in Hamburg und Kiel gerne für einen Zwischenstop in Köln, bevor es schon bald in Hessen weitergeht.

Seit acht Jahren steht der Comedian, der als Hörfunkmoderator der Kultsendung „Schlagerralley“(WDR 2) und „Musik Convoy“ (WDR Fernsehen) bekannt wurde, auf der Bühne. „Manchmal muss man die Leute vor sich selbst schützen, weil sie so viel erzählen“, weiß der gebürtige Hesse.

Auch in seinem aktuellen Bühnenprogramm, bei dem er sein Publikum ganze zwei Stunden unterhält, ruft er als Bodo Bach solche Nummern, an, die ihm die Leute geben und treibt zur Belustigung der Anhängerschaft vor Ort live seinen Schabernack mit ahnungslosen „Opfern“ zu Hause.

Ebenfalls unter den Gästen: WDR-Musikredakteurlegende Werner Hoffmann. Seinen wie nagelneu blitzenden russischen GAZ, unmittelbar im Eingangsbereich der Feier-Location geparkt und fast an einen antiken Opel Admiral erinnernd, ließ der pensionierte WDR-Mann gerne von jedem bewundern.

Rosarot erscheint derzeit wohl nahezu alles für Schauspieler und Partysänger Willi Herren. Grund: Der ehemalige Lindenstraßen- und RTL- Dschungel-Camp-Star ist frisch verliebt. Seit vier Monaten treibt die hübsche 25-jährige Diplom-Eventmanegerin, Kanika Kaltenberg den einst skandalumwitterten Mimen zur Bestform an.

Mit frisch gebleachten Zähnen und körperlich topfit erzählt er denn auch, wie er sich um Freundin Kanikas Willen für eine echte Kuh einsetzte und prompt in einen Rechtsstreit verwickelt wurde. Hintergrund: Kanika hatte Mitleid mit einem noch kleinen Rindvieh, welches sein Bauer aufgrund von Problemen mit dem rechten Vorderbeinchen für den Schlachthof vorgesehen hatte.

Held Herren läutete eine Rettungsaktion für Kalb „Anita“ ein und fotografierte die junge Kuh auf des Bauers Weide. Dieser verklagte Willi Herren darauf hin wegen des Rechts am Bild an seiner Kuh, erzählt der Schauspieler. Über Dieter Bohlen weiß er eine ganze Menge: Horst Hültenschmidt.

Der erfolgreiche Verleger (Gallery Art of Music – GAM) war nämlich etliche Jahre als Promotor für den Pop-Titan im Einsatz. Weil er nur Augen für Werner Hoffmans GAZ hatte, plauderte der Unternehmer, der auch Metallica, die Scorpions und Bon Jovi betreute, an diesem Abend aber nicht aus dem Nähkästchen.

Dass nicht nur Frauen das Geheimnis langanhaltender Jugend gepachtet haben, stellten die Musikproduzenten Oliver Schmidt und Jürgen Backes von den Labels SWOP MUSIC aus Pulheim und Culture of Music unter Beweis. Das schlichte Geheimnis der beiden Mid-Vierziger:

Während Oliver bei Lektüre von Dan Brown im Garten entspannt, ist Jürgens Jungbrunnen die einjährige Tochter Penelope. Auch gesehen: Hedwig- Neven -DuMont-Bruder Charles von Auersperg , Consultant Ralf Metternich und Unternehmer Ralf Kleinherne.

Der nächste Kulturtreff, weiß Mitorganisatorin Gloria Herskamp, wird bereits Anfang Juni im Hotel The New Yorker im Stadtteil Mülheim stattfinden.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR- Sommer-Unterhaltungsshow „Hollymünd“ in Köln-Bocklemünd.. Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „Studio Eins“.

Als Redakteurin und On-Reporterin bei „Guten Abend RTL“ lieferte sie täglich spannende Reportagen aus ganz NRW. Auf 3-Sat moderierte sie die Kultur-Talkshow „Doppelkopf“, für TV NRW präsentierte sie mit „Casinolife“ die erste deutsche Casino-Show rund um eine Million Euro Gewinn aus Dortmund-Hohensyburg. Boland arbeitet darüber hinaus als Sprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

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01.11.2009 Im Kölner „Past & Future“, der lauschigen Astro Bar

MICHAELA BOLAND - 10 Bilder

Im Kölner „Past & Future“, der lauschigen Astro Bar mit Restaurant, tagte jetzt der erste „Künstlerstammtisch“ seiner Art (Anm. d. Red.: freundederkuenste.de berichtete).

Wenn Ex-RTL Kommunikations-Chef Hendrik Schmidt und Jung-Moderatorin Julia Fröhlich (Lifestyler TV) Sekt schlürfen, sich Malerin Sigrun Nenzel statt mit Ehemann Volker Nenzel (Ex-WDR Unterhaltungsredakteur/ Boulevard Bio) ausnahmsweise mit Star-Kostümbildner Hans van Almsick ( www.tausend-schoen.com ) an leckerer Paella gütlich tut und anschließend heiße Rhythmen lateinamerikanischer Klänge in anmutigen Tanzfiguren einiger Gäste Ausdruck finden, dann ist der etwas andere Künstlertreff angesagt.

Gastro-Inhaberin Aida Le Pesqueur hatte sich mit tatkräftiger Unterstützung der Kölner Malerin Ursula Wandel überlegt, wie man Künstler aus unterschiedlichsten Bereichen vereinen und zu regem Gedankenaustausch bringen könnte.

Die Antwort lag regelrecht auf der Hand: In der gemütlichen Atmosphäre des „Past & Future“ in der Hamburger Straße bei kostenfreiem Begrüßungsdrink, spanischem Essen und anregender Musik fiel es den zahlreichen Gästen nicht im Geringsten schwer, schnell miteinander ins Gespräch zu finden und später sogar das Tanzbein zu schwingen.

Die besondere Mischung der Geladenen ermöglichte dann auch solchen Kunstschaffenden den Dialog , die ansonsten eher selten miteinander in Berührung kommen.

So bekamen Kabarettistin Sylvia Brecko, die noch am 04.06.2010 mit ihrem aktuellen Programm „Liebling, wir müssen reden“ im Kölner Ateliertheater zu sehen ist, und der portugiesische Salsa-Tanzguru Vitor Manuel Jorge doch einiges zu Lachen als sie fürs gemeinsame Foto posierten ohne sich zu kennen

Ob Jorge, der behauptet, dass deutsche Männer ihre Hüften nicht bewegen könnten, seine Meinung nach diesem Abend revidierte, wird er erst beim nächsten Mal verraten.

Moderationssternchen Julia Fröhlich (27) berichtete begierig vom neu geplanten Eigenprojekt, nämlich einer neuen TV-Doku über den neusten Tanztrend aus den USA, „Sumba“, einer Mischung aus Aerobic, Salsa und Merengue.

Die hübsche Sprachstudentin, die selbst bereits seit Jahren begeistert lateinamerikanisch tanzt, ist derzeit jeden ersten und dritten Freitagabend um 21.00 Uhr bei Center TV Köln zu sehen.

Glas-Objekt-Künstlerin Bärbel Weides aus Porz , u.a. bekannt durch TV-Auftritte wie der WDR-Hobbythek mit Jean Pütz, erzählte beim Essen schmunzelnd, wie Moderator und Spätvater Pütz sie noch heute bei jedwedem Aufeinandertreffen begrüße, nachdem sie seinerzeit recht freizügige gläserne Exponate für die Sendung angefertigt habe.

Hendrik Schmidt, erster Pressechef des TV-Senders RTL, schwelgte an diesem Abend wohl in vergangenen Zeiten und erinnerte sich bei Tisch an seine gemeinsame Studienzeit mit Rudi Dutschke. Auch der späteren. Terroristin Ulrike Meinhof, welche er früher gekannt habe, bescheinigte er außergewöhnlich hohe Intelligenz, allerdings völlig falsche Handlungsansätze.

Tanz-Veranstalterin Gloria Herskamp und Freundin Monica Zepeda Martinez verließen die Veranstaltung bereits bei Zeiten Anlass: Herskamp rief jetzt das neuartige Folklore-Event „Inovidables Noches Latinas“ mit Chanconier Carlos Mordes ins Leben, für welches es noch jede Menge vorzubereiten galt.

Percussion-Künstler Erik Gonzales überzeugte die Gäste bei einer fetzigen „unplugged“ Trommel- Darbietung bereits kurz vor dem Essen von seinem Können.

Alles in allem eine gelungene Veranstaltung, die sich gerade durch gemütliche Ungezwungenheit auszeichnete. So will Veranstalterin Aida Le Pesqueur ihren Künstlerstammtisch künftig denn auch regelmäßig einmal pro Monat stattfinden lassen.

link zu „Past & Future“ DIE BAR VON HEUTE MIT DEM BLICK AUF MORGEN – MICHAELA BOLAND HAT SIE FÜR UNS BESUCHT

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR- Sommer-Unterhaltungsshow „Hollymünd“ in Köln-Bocklemünd.. Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „Studio Eins“.

Als Redakteurin und On-Reporterin bei „Guten Abend RTL“ lieferte sie täglich spannende Reportagen aus ganz NRW. Auf 3-Sat moderierte sie die Kultur-Talkshow „Doppelkopf“, für TV NRW präsentierte sie mit „Casinolife“ die erste deutsche Casino-Show rund um eine Million Euro Gewinn aus Dortmund-Hohensyburg. Boland arbeitet darüber hinaus als Sprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

Foto 1: Hendrik Schmidt und Michaela Boland
Foto 2: Aida Le Pesqueur und Erik Gonzales

Foto 3:  Sigrun Nenzel und Hans van Almsick

Foto 4: Sylvia Brecko und Vitor Manuel Jorge

Foto 5:  Bärbel Weides

Foto 6: Julia Fröhlich

Foto7:  Uli Kross und Uschi Wandel

Foto 8:  Aida Le Pesqueur und Vitor Manuel Jorge

Foto 9:  Erik Gonzales

Foto 10 Monica Zepeda Martinez und Gloria Herskamp

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16.08.2009

Dieter Reitz - mit 5 Bildern

Oliver Kunkels Arbeitsstil begründet sich hauptsächlich auf einen konzeptionellen Rahmen, ohne sich allerdings darauf festzulegen. Diese Vorgehensweise führt zu intuitiven, emotionalen Arbeiten, die auch ohne Beschreibung existieren können.

Da er von der konzeptionellen Kunst kommt, richtet sich sein Hauptaugenmerk auf den menschlichen Körper, entweder auf seinen eigenen oder auf die physischen oder psychologischen Reaktionen des Betrachters, der animiert wird zu agieren bzw. seine Gefühle zu zeigen.

Durch seine Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper, Körperteilen, Körpersäften - thematisiert er soziologische Phänomene, ihre soziokulturellen Auswirkungen, ihre doppelte Bedeutung; der Mensch im Allgemeinen und die gesellschaftlichen Einflüsse aufzeigend, denen er ausgesetzt ist.

Die Wahl des Mediums hängt ab von der Konzeption bzw. der Idee. Auf diese Art und Weise verbindet er verschiedenartige Materialien und Medien; die Ergebnisse variieren:

Die meisten Werke sind Skulpturen, Videos, Installationen, Performance und Fotos, meist sind sie miteinander verbunden. Mit der bewußten Einbeziehung der Reaktionen des Betrachters bietet er Möglichkeiten zur Selbstreflektion und macht auf die Zerbrechlichkeit unserer Zivilisation aufmerksam.

Oliver Kunkel war Student von Rosemarie Trockel an der Kunstakademie Düsseldorf, und von Valie Export, Stahl Stenslie, Peter Zimmermann, Marcel Odenbach und Juergen Klauke an der Kunsthochschule Köln.

Künstlerseite: www.oliverkunkel.com

Galerie: Dieter Reitz Berlin

Böttgerstraße 18 | D-13357 Berlin

T: ++49 (0)30-28 047 056

www.galeriedieterreitz.de

 

Bilder:

1) Bluecoast office cologne, 2008

2) Sleeping Beauty Syndrome I, 2008

3) Roadkill, 2007, 3 D modeled lambda print

4) -6) Little plastic surgery, 2006, installation and video

 

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29.05.2009 25 Jahre - ein traum wird wahr

Pop-Star Robin Gibb von den legendären Bee Gees befindet sich nach fünf Jahren jetzt wieder auf Deutschland Tournee.  Seit dem ersten Mai tourt er durch die größten Hallen unseres Landes und begeistert seine Fans im Rahmen des Programms „An Evening of Bee Gees Greatest Hits“. Einer seiner wohl größten Fans ist Moderatorin Michaela Boland. Im Alter von 13 Jahren hatte sie 1983 beschlossen, den Mega-Star zu interviewen. Dass es 25 Jahre bis dahin dauern und hierfür notwendig sein würde, erst einmal Journalistin zu werden, hatte sie damals zunächst zwar nicht gedacht, wurde dann jedoch eines Besseren belehrt. In Oberhausen war es nun endlich soweit, der Juliet-Sänger nahm sich Zeit zum Plausch.

 

Michaela Boland:        

Robin, Du hast in Deinem bisherigen Leben schon jede Menge Tourneen hinter Dir. Genießt Du es heute anders, live auf der  Bühne zu stehen, als beispielsweise vor 20 bis 30 Jahren?

 

Robin Gibb:          

Ja, der Unterschied ist, dass wir heute einen so großen Katalog an Liedern haben. Wir sind sehr stolz darauf, ihn im Laufe der Jahre immer weiter aufgefüllt zu haben. Die meiste Zeit unseres Lebens haben wir Songs geschrieben, was wir auch immer sehr genossen haben. Das erreicht zu haben, was wir erreicht haben, ist etwas, worauf wir sehr stolz sind. In diesem Bewusstsein heute auf der Bühne zu stehen und diese Lieder zu singen, ist insofern schon etwas anderes.

   

Michaela Boland:        

Nach welchen Kriterien hast Du bei all Euren Hits entschieden, welche Songs Bestandteil Deines aktuellen Tourprogramms sein sollen und welche nicht?

 

Robin Gibb:          

Es gilt immer sicherzustellen, nicht zu viele Wiederholungen einzubauen. Da gibt es ja eine riesige Auswahl. Und natürlich sind da einige Songs, die man lieber singt als andere. Und da gibt es ja auch Lieder, die wir für andere Leute geschrieben haben und die wir selbst nicht aufgenommen haben, die ich diesem Programm zum ersten Mal singe. Wie z.B „Woman in Love“ für Barbra Streisand, „Islands in Stream“,  „Emotion“ das Beonce mit Destiny`s Child interpretiert und zum Welterfolg gemacht wurde, „Heartbreaker“ (Dionne Wawrick), also alles Lieder, die wir normalerweise nicht auf der Bühne singen würden. Aber nichts desto trotz  sind es nach wie vor unsere Songs. Insoweit ist es dann lediglich eine Frage, wie man jene Lieder herüberbringt. Also jedes Mal, wenn wir uns auf eine Show vorbereiten, gehen wir den ganzen Katalog durch und überlegen uns, was wir wie machen. So einfach ist das.

 

Michaela Boland:        

Manche Besucher des Konzerts haben unterschiedliche Lieder vermisst.

 

Robin Gibb:            

Nun, die Menschen möchten natürlich immer, dass man ganz bestimmte Songs singt. Doch das würde den Rahmen unweigerlich sprengen.

 

Michaela Boland:        

Ein Stück innerhalb des Programms hast Du einem gewissen DJ gewidmet. Was hat es damit auf sich?

 

Robin Gibb:          

Ja, das ist ein brandneuer Song, der bisher noch nicht mal veröffentlicht wurde. Er ist Alan Freeman gewidmet, der ein Pioneer Disc-Jockey in den 60-er Jahren war. Er hat insoweit Pionierarbeit hinsichtlich britíscher Musik und  dem Songwriting betrieben, als dass er den Weg für britische Musik in die Staaten geebnet hat, die Beatles eingeschlossen. Er brachte als einer der Ersten britische Musik in die USA und hat eine Plattform hierfür  geschaffen. Das soll eine Ehrerbietung an ihn sein.

 

Michaela Boland:        

In der Regel hat die Musik der BeeGees einen sehr beschwingenden Charakter. Es macht einen irgendwie fröhlich, wenn man ein Stück von Euch hört, selbst wenn man kurz zuvor noch schlechte Laune hatte. Was ist das Geheimnis dieser Gabe, anderen Menschen ein gutes Gefühl vermitteln zu können?

 

Robin Gibb:                

Das ist eigentlich kein Geheimnis. Ich glaube, das, was unser Manager, Robert Stigwood, einmal zu uns sagte als wir das erste Mal zurück nach England kamen und wir übrigens stets in Erinnerung behalten haben, ist der Grund. Er meinte: „Schreibt 40 Jahre in der Zukunft, schreibt über menschliche Gefühle!“ Und das haben wir immer beherzigt, wir sind immer solchen Songs verhaftet geblieben,  mit denen auch die Leute einmal würden etwas anfangen können, die da noch gar nicht geboren waren. Mit menschlichen Gefühlen können sich nun mal alle identifizieren. Und das ist etwas, was die Menschen offenbar immer verbindet, Junge ebenso wie Alte. Es ist ein Teil von ihnen, sie finden sich selbst in den Stücken wieder. Ich glaube, das ist der Grund, das sind die Zutaten. Schlicht und ergreifend: Emotion, Melodie und menschliche Beziehungen.

 

Michaela Boland:      

Hattest Du eigentlich auch jemals ein Idol?

 

Robin Gibb:                

Roy Orbison. Er wurde Jahre später dann ein persönlicher Freund. Er war meine erste Inspiration als ich sehr jung war. Die erste und letzte Platte, die ich jemals gekauft habe, war von ihm.“Crying“ Ich war elf Jahre alt und lebte noch in Brisbane. He war einfach bahnbrechend und neuartig.

 

Michaela Boland:        

Was war der schönste Moment in Deiner Karriere?

 

Robin Gibb:

Musik zu schreiben. Wir begannen ja Musik zu schreiben als wir acht Jahre alt waren. Wir hörten immer Radio und wir drei forderten uns gegenseitig dazu heraus, einmal einen Song zu schreiben, der auch mal im Radio gespielt werden würde. Ich glaube wirklich, das Schönste in unserer Karriere war und ist stets, das Komponieren. Ein Komponist sein zu dürfen. Wir sind niemals darin unterrichtet worden. Das ist alles ist immer einfach in unseren Köpfen gewesen. Musik lässt Dich irgendwie ganzheitlich fühlen, sie kann Dich zu einem anderen Ort tragen, sie hat einfach so viel zu bieten, vielmehr als nur Worte. Es fühlt sich schlichtweg gut an, dazu in der Lage zu sein, Musik komponieren zu können.

 

Michaela Boland:        

Was hättest Du eigentlich für einen Beruf ergriffen, wenn Du keine Musikkarriere gemacht hättest?

 

Robin Gibb:                

Oh, Zimmermann oder Schreiner! Nein, keine Ahnung. Ich habe nie in Betracht gezogen, etwas anderes zu tun, weil ich immer genossen habe, das zu tun, was ich mache. Ich glaube, ich hatte immer Spaß. Ich hätte nicht irgendetwas tun können, nur um Geld zu verdienen, ohne es zu lieben.

 

Michaela Boland:        

Inwieweit interessierst Du Dich für Dich für bildende Kunst?

 

Robin Gibb:                

Ich mag photographische Kunst sehr. Manchmal interessiere ich mich auch für Malerei, aber es ist eher die Photografie, die es mir angetan hat.

 

Michaela Boland:        

Ist es für  jemanden, wie Dich, der stets ursprüngliche eigene Musik gemacht hat, schwer zu verstehen, wie heutzutage Pop-Stars in Castingshows „hergestellt“ werden?

 

Robin Gibb:                

So richtig komme ich da in der Tat nicht mit. Ich meine, das sind natürlich nur Fernsehshows. Es sind gutgemachte Sendungen, ich bezeichne sie als gelenktes Fernsehen. Das hat nichts mit guter Musik zu tun, sondern mit guter TV-Unterhaltung. Dort geht es um Einschaltquoten. Und deshalb ist es eigentlich schwierig zu behaupten, dass aus ihnen Stars hervorgingen. Ob es tatsächlich um Talent geht, weiß ich nicht. Alles, was ich eigentlich daraus schließe, ist lediglich, dass Plattenfirmen heute völlig anders sind als zu der Zeit als wir im Musikbusiness anfingen. Also, wenn man eine große Bandbreite an Songs hat, ist das natürlich gut, aber wo sind die neuen Acts, die heutzutage ihre Karriere beginnen, wie sollen sie sich diese große Bandbreite erschaffen, die beispielsweise Leute wie wir, Lennon/Mc Cartney, Abba, Queen oder Elton John haben. Wo sind diese neuen Acts?

 

Michaela Boland:        

Hältst Du es denn grundsätzlich für möglich, neue Bands dieser Größenordnung zu erschaffen?

 

Robin Gibb:                

Nein, nicht in dieser Industrie.

 

Michaela Boland:        

In den frühen 90-igern gab es einen Bee-Gees Hit mit dem Titel odinary lives. Wie gewöhnlich lebst Du eigentlich tatsächlich?. Könnte man Dich beispielsweise zu Hause auch mal im Garten beim Einpflanzen von Blumenzwiebeln antreffen?

 

Robin Gibb:                

Nein, eher nicht. Songs sind zwar biografisch, doch sie zu schreiben ist ein bisschen wie schauspielern. Du stellst Dir eine andere Person in diesem Song vor, aber du gibst nicht notwendigerweise das Leben wieder, dass Du selbst lebst. Ich glaube zwar, dass die Menschen die Vorstellung mögen, dass es sich um Dich selbst handelt, aber wenn Du das tätest, würdest Du ja irgendwann zusammenbrechen. Du kannst natürlich nicht all das sein, worüber Du so schreibst, aber Du kannst über Gefühle schreiben, was wir ja stets gerne tun und immer getan haben. Ich glaube einfach, letztendlich geht es doch immer nur um die Umwandlung der Vorstellungskraft in einen Song.

 

Michaela Boland:        

Als vorsitzender Präsident der Dachgesellschaft der Verwertungsgesellschaften ( International Confederation of Societies of Authors and Composers /CISAC), welche sich für den Schutz der Kreativ-Schaffenden im Hinblick auf Verwertungsrechte einsetzt, hast Du jüngst massive Urheberrechtsverletzungen in den Ländern China, Russland, Afrika und Indien beklagt und jene Länder diesbezüglich öffentlich scharf kritisiert. Was kann man Deiner Meinung nach tun, um zu verhindern, dass der weltweiten Musikindustrie durch diese Länder weiterhin Verluste in Millionenhöhe entstehen, weil dort Urheberrechte oftmals mit Füßen getreten werden?

 

Robin Gibb:                

Zunächst einmal sei gesagt, dass es nicht ausschließlich um Autoren und Komponisten geht, sondern weltweit auch um Designer, Drehbuchautoren, Texter also Kreative allgemein. Es geht darum, die Urheberrechte dieser Menschen zu schützen. Es geht um Immaterialgüterrecht, das Recht am geistigen Eigentum. Es ist schlimm, wenn plötzlich jemand anderer Dein geistiges Eigentum besitzt und daran verdient. Fakt ist ja, auch bei dem, was ein Kreativer schafft, geht es um ein Produkt, im Prinzip genauso wie bei körperlichen Gegenständen. Die eben erwähnten Länder, gerade Russland und China bezahlen ja in dieser Hinsicht noch nicht einmal ihre eigenen Leute. Sie sind, was das anbelangt, auf einem Stand, auf dem die USA, Europa oder das United Kingdom bereits Mitte des 18. Jahrhunderts befand. Das gibt es noch sehr viel zu tun, das schafft man wohl nicht über Nacht auch in diesen Ländern den Kreativ-Schafenden zu ihren ihnen zustehenden Rechten zu verhelfen. Es geht zunächst mal darum, ein öffentliches Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen, gerade auch in diesen Ländern. Ich hoffe, es wird ein Wandel stattfinden. Man muss eben in den Ländern darüber sprechen.

 

Michaela Boland:        

Noch eine letzte Frage…

 

Robin Gibb:                

Ja, ich bin männlich, ich bin nicht homosexuell..(lacht).

 

Michaela Boland:        

Spürt man als Popstar eigentlich auch die Auswirkungen der augenblicklichen Weltwirtschaftskrise?

 

Robin Gibb:                

Also als Songwriter leben ja nicht wirklich auf Kredit. Und das ganze ist ja mehr oder weniger eine Kreditknappheit. Wir werden ja direkt bezahlt. Nur wenn Du leihst, spürst Du ja die Effekte. So gesehen ist es eigentlich ein Glücksfall in dieser Branche zu sein.

 

Michaela Boland:        

Herzlichen Dank für dieses Interview und viel Spaß bei Deinen weiteren Deutschland Auftritten in Hannover (17.05.2009) und Frankfurt (19.05.2005)

Siehe hierzu auch unsere Konzertempfehlung.

  

ROBIN GIBB wurde am 22.Dezember 1949 als drittes Kind von Barbara und Hugh Gibb, einer Sängerin und einem Drummer aus Manchester, in Douglas, der Hauptstadt der Isle of Man, geboren. Gemeinsam mit seinem um 35 Minuten jüngeren Zwilling, Maurice, und dem drei Jahre älteren Bruder Barry, stellten sie als Bee Gees die erfolgreichste Familien-Pop-Band aller Zeiten dar. Neben Maurice (gest. 2003) und Barry wuchs Robin mit der älteren Schwester Lesley und dem Nesthäkchen Andy (gest.1988) auf.

Bereits im Alter von sechs Jahren hatten Robin und seine Brüder erste öffentliche Auftritte in Manchester, wohin die Familie 1953 wieder zurück gezogen war. Schon im Kindesalter  bastelten Robin, Maurice und Barry sich Gitarren und traten damit im Kino als Band auf. In Wirklichkeit taten sie nur so als ob sie spielten und im Hintergrund lief eine Platte. Als diese jedoch einmal zerbrach, sangen sie selbst und hatten so großen Erfolg damit, dass am nächsten Tag die Zeitung darüber berichtete.

Damit war der Grundstein für ihre Musikkarriere gelegt. 1958 wanderte die Familie Gibb nach Australien aus. Hier fanden die musikalischen Brüder bald wieder die Möglichkeit, öffentlich aufzutreten: Sie sangen an einer Rennstrecke in den Pausen der Rennen. Auf diese Weise wurde ein bekannter australischer DJ auf sie aufmerksam, der mit ihnen ein Demotape aufnahm. Um die Musik der Jungen vermarkten zu können, kreierte man den Namen Bee Gees, der für Brothers Gibb steht.

Die Band begeisterte die Australier mit harmonischen Gesängen und Robin, der in den meisten Liedern die erste Stimme sang, steuerte das hohe Falsett bei, das zum Markenzeichen der Bee Gees wurde. Verstärkt durch Gitarrist Vince Melouney und Schlagzeuger Colin Petersen hatten sie im Frühjahr 1967 ihren ersten weltweiten Millionen Erfolg mit der düsteren Ballade „New York Mining Desaster 1941“. Es folgten weitere Hits wie „To love somebody“, Massachusetts“, „World“, „Words“, I`ve got a massage to you“ u.v.a. Die Bee Gees wurden innerhalb kürzester Zeit als größte Konkurrenz der Beatles gehandelt.

Ende 1969 löste sich die Gruppe auf, nachdem sich die Brüder zerstritten hatten. Als erster verließ Vince Melouney, dann Robin Gibb und dann Colin Petersen die Band. Die einzelnen Mitglieder schlugen Solopfade ein, dabei war Robin der Erfolgreichste. Mit „Saved by the bell“ hatte Robin im selben Jahr einen weltweiten Hit. Das Soloalbum „Robin`s Reign“ folgte 1970. Nach 15-monatiger Trennung fanden die Brüder wieder zusammen und feierten in den 70er Jahren unzählige Erfolge u.a mit der Filmmusik zu "Saturday Night fever“, mit welchem sie die Disco Ära maßgeblich prägten. Dieser Soundtrack zum Film mit Welthits wie „Stayin`alive“, „Night Fever“ und „How deep is your love“ machte die Bee Gees zu Mega Stars. Das Album ist bis heute der zweitmeistverkaufte Soundtrack in den USA. Nur „Bodyguard“ von Whitney Houston ging dort häufiger über den Ladentisch.

Als es in den 80ern wieder etwas ruhiger um die Bee Gees wurde, brachte Robin weitere Soloalben heraus, die ebenfalls Hits hervorbrachten. Der bekannteste davon war „Juliet“ von dem Album „How old are you?“ Er landete mehrere Wochen auf Platz 1 der deutschen Charts. 1984 erschien das Album „Secret Agent“ mit dem Single Hit „Boys do fall in Love“. 1985 veröffentlichte Gibb das Album „Walls have eyes“. Die Auskopplungen „Like a Fool“ und „Toys“ wurden von den Radiostationen rauf und runter gespielt.

Nach einer Pause, in denen die Bee Gees wieder gemeinsam aktiv gewesen waren, veröffentlichte Robin dann erst 2003 wieder ein Soloprojekt. Mit dem Album „Magnet“ und dem Single Hit „Please“ begeisterte der Sänger nicht nur seine Fans. In 2006 folgte dann noch ein Weihnachtsalbum mit dem Titel „My Favourite Christmas Carols“. Im Jahre 2007 nahm Robin gemeinsam mit der Pop-Band US 5 den Bee Gees-Klassiker „Too much heaven“ erneut auf.

Das offizielle Ende der Pop-Gruppe Bee Gees wurde im September 2006 bekannt, nachdem Robin und Barry bereits am 12. Januar 2003 den Verlust ihres Bruders Maurice, der plötzlich und unerwartet verstarb, hinnehmen mussten. Künftige gemeinsame Projekte von Robin und Barry würden nunmehr nicht mehr unter dem Namen Bee Gees, sondern Brothers Gibb veröffentlicht werden .Robin Gibb war in erster Ehe mit der Sekretärin Molly Hullis verheiratet. Aus dieser Ehe gingen Sohn Spencer Gibb (36) und Tochter Melissa Gibb (34) hervor. Die Ehe wurde 1980 geschieden. In zweiter Ehe ist der Sänger, Texter und Komponist mit Dwina Murphy Gibb verheiratet. Aus dieser Ehe stammt Sohn Robin-John Gibb (26). Aus einer Affäre mit seiner Haushälterin, Claire Yang, ging Gibbs bisher jüngste Tochter, Snow Evelyn Robin Juliet Gibb (sechs Monate), hervor. Im Mai 2004 erhielt Robin Gibb in Manchester die Ehrendoktorwürde der Universität.

 

MICHAELA BOLAND ist Journalistin und TV-Moderatorin. Für den Westdeutschen Rundfunk stand sie nach dem Jura-Studium seit 1996 als jüngste deutsche Fernsehmoderatorin eines Unterhaltungsformates für die sonntagnachmittägliche Sommer-Familien-Talk-Show „Hollymünd“ vor der Kamera. In der ARD präsentierte sie neben ihrer Tätigkeit als Redakteurin der creatv-Fernsehproduktions GmbH für die daily Talk-Formate „Hans Meiser“ und „Oliver Geissen“, die Vorabend Live-Show „Studio Eins“. Als Guten-Abend-RTL-Reporterin berichtete Michaela über spannende Themen aus ganz NRW. Außerdem war sie Gastgeberin der Freitag-Abend-Gala-TV-Show „Casino Life“auf TV NRW.

 

 

 

 

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26.09.2008 Exklusiv fur GFDK

Heribert Brinkmann

Interview mit Professor Hermann-Josef Kuhna

 „Die Postmoderne ist weitgehend eine einzige Enttäuschung über sich selbst.“ 

Heribert Brinkmann: Was unterscheidet Ihre Malerei vom Pointillismus?

 

Hermann-Josef Kuhna: Der Pointillismus existierte aus der Überzeugung, dass die einzelnen Farbpunkte gesehen werden und ihr Zusammenspiel die Intensität der Farbwirkung steigert. Das war ein physiologischer Irrtum. Gerade bei größerem Abstand wirken pointillistische Bilder oft wie von einem atmosphärischen Schleier eingehüllt. In meinen Bildern ist – vielleicht nicht sofort erkennbar – sehr viel Zeichnung enthalten.

Die einzelnen Punkte, besser Flecken, sind verschieden groß, das geht bis zur Größe einer Zigarettenschachtel. Ich komme von der Landschaftsmalerei. Mir geht es um Rhythmus und Fließen der Farbe, maßgebend ist, wie sich die Farbe in der Fläche verändert. Nehmen Sie das Gemälde Seine-Ufer von Seurat. Es lebt unter anderem von der Geometrie, von der Staffelung der Ebenen.

Meine Bilder haben selten lineare räumliche Abgrenzungen. Ob ich eine erogene Zone oder eine Landschaft meine, beim Malen vermeide ich Gegenständlichkeit, was aber nicht auf Kosten der Wirklichkeit geschieht. 

Heribert Brinkmann: Wie sind Sie auf diese Art der Malerei gekommen? 

Hermann-Josef Kuhna: Den eigentlichen Anstoß gab ein Bild von van Gogh. Wie er Grasnarben mit wenigen Farbtupfen realisierte und wie der Betrachter das eigentlich abstrakte Geschehen für sich übersetzt, hat bei mir zu einem Schlüsselerlebnis geführt. Wenn sich jemand in meine Bilder einsieht, wird er nicht nur bunte Punkte sehen, sondern zum Beispiel eine Schlange ausmachen.

Mir ist es dabei gleich, ob man ein Slalom-Bild als nervöse Bewegung empfindet, sich an den Äskulap-Stab erinnert fühlt oder über den direkten Umweg philosophiert. Ich bin aber nicht allein durchs Malen und Beobachten zu meiner Art der Malerei gekommen. Mich hat Ethnologie interessiert, heute noch mehr Paläontologie. Das Strukturelle kommt für mich aus den Naturwissenschaften, das ist für mich wichtiger als beispielsweise die Gedankengebäude, die etwa Joseph Beuys vermittelte. 

Heribert Brinkmann: Wo steckt Kuhna im Streit zwischen Abstraktion und Figuration? 

Hermann-Josef Kuhna: Ich bin schon ein Abstrakter. Aber auch jeder gegenständliche Maler abstrahiert in einem gewissen Maße. Der Expressionismus war eine große Abstraktion, wie die Fläche in Spannung gehalten wurde. Das Problem für den Künstler heute ist, dass bei fortschreitender Abstraktion Inhalt und Sinn verloren gehen können.

Das ist die Schnittstelle, an der ich balanciere. Meine Bilder entstehen weder aus einem formalen Interesse, noch sind sie manisch-literarisches Tagebuch. Ich setze Empfindungen um. Prüde Menschen sehen nicht, was ich in meinen Bildern versteckt habe. Die begnügen sich schon mit den Punkten als bunten Farbtupfen. 

Heribert Brinkmann: Also haben Ihre Bilder geheime Botschaften? 

Hermann-Josef Kuhna: Nein, leider nicht. Ich übe keine Mission oder Bekehrung aus. Bei mir ist alles Narzissmus und Hingabe, eine artifizielle Befriedigung. Dabei male ich nie dasselbe Bild. Vielleicht wäre ich schon längst verrückt geworden, hätte ich nicht meine Fossilien-Sammlung. Seit meinem zwölften Lebensjahr sammle ich Fossilien.

Ein Mal im Quartal verschwinde ich auf Exkursion in einen Steinbruch, etwa in der Paffrather Mulde bei Köln, die urzeitliche Korallenriffe beinhaltet. Das bedeutet stundenlanges Hämmern, danach ist jede intellektuelle Verquetschung weg. Das wollte mir als Schüler schon mein Nachhilfelehrer beibringen, als er mich nach anderthalb Stunden Altgriechisch mit einer Schachpartie belohnen wollte. Aber da finde ich Steineklopfen doch entspannender. 

Heribert Brinkmann: Was haben Sie denn in Ihrem größten Außenbild am Düsseldorfer Rathausufer am Burgplatz versteckt? 

Hermann-Josef Kuhna: Da müssen Sie schon auf die andere Rheinseite hinübergehen. Von Oberkassel aus sind abstrahierte Körperformen zu sehen, Menschen am Strand, aber nicht so deutlich. Letztendlich soll das Ganze einfach eine Farborgie sein, satt in C-dur, keine Moll-Bilder. Dass ich am Rheinufer circa 360 Quadratmeter ausmalen durfte, war eine Idee des Architekten Professor Niklaus Fritschi, ich war begeistert. 

Heribert Brinkmann: Ihr Werk akzentuiert jetzt ausgerechnet das Joseph-Beuys-Ufer. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm? 

Hermann-Josef Kuhna: Als Student hatte ich großen Respekt vor ihm als Person, aber seine Ideen konnte ich nicht akzeptieren. An der Kunstakademie bekam ich weiche Knie und Herzrasen, wenn ich mit ihm zu tun hatte, aber ich stand nie in der Gefahr, ein Beuys-Jünger zu werden. Ich wusste auch, an den kommst du nie dran.

Aber muss Beuys denn wegen seiner Kunst geliebt werden, reicht es nicht zu verstehen, was Beuys will und was ihm wichtig ist? Johannes Stüttgen war so ein unbedingter Beuysianer. Als Stüttgen alle AStA-Mitglieder in der DSP, Beuys’ Studentenpartei, versammelt hatte, entsprach das nicht meinem Demokratieverständnis.

Ich habe damals den AStA der Akademie gespalten, indem ich einen Anti-AStA gegründet habe, der von Prof. Dr. Eduard Trier, dem damaligen Rektor, sofort als zweiter AStA akzeptiert wurde. Das ideologische, zusammenhanglose, oft pseudoreligiöse Gewäsch von Stüttgen konnte ich nicht ertragen, ebenso wenig auch die Figürchen von Mataré.

Damals durchlitt ich die Scheidung von meiner ersten Frau, ich steckte voller Hass und Wut, die ich los werden musste. Ich kann Ideologien und Heuchelei einfach nicht ertragen. Vor Joseph Beuys habe ich nach wie vor größten Respekt, heute habe ich ihn sogar sehr, sehr gern, unter anderem, weil er die Toleranzschwelle für die Kunst sehr hoch angesetzt hat. 

Heribert Brinkmann: Ihre eigene Studienzeit liegt gut 40 Jahre zurück. Wie beurteilen Sie die Düsseldorfer Akademie heute? Überhaupt: Ist Düsseldorf 2008 noch eine Kunststadt? 

Hermann-Josef Kuhna: Die Akademie lebt bis heute gut von ihrem legendären Ruf aus den 60er/70er Jahren. Viele Studenten kommen heute aus dem Ostblock oder aus Korea und Japan. Viele verstehen die Sprache ihrer Professoren nicht, erst recht sind Shakespeare und Surrealismus Fremdwörter für viele dieser Studenten.

Die ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren in der ganzen Kunstszene spannend, danach wurde alles in der Kunst zynischer, größer, bunter. Die Postmoderne ist weitgehend eine einzige Enttäuschung über sich selbst. Heute sind Gags, das Komische und Witziges wichtig. Das war früher völlig verpönt. Es galten Ironie und schwarzer Humor.

Seit 15 Jahren ist Kunst öfter mal eine Party, mit kleinen Wichsern, die sich gern zur reichen High Society gesellen. Düsseldorf ist unbedingt eine Kunststadt, aber ich sehe den Schwerpunkt eindeutig bei den Museen. Was wäre Düsseldorf ohne K 20 und K 21, ohne Ehrenhof, Kunsthalle und Kunstverein?

Aber ich nenne auch ausdrücklich das wunderbare Filmmuseum mit der Black Box und das Theater. Wir dürfen auch nicht die vielen Galerien in der Stadt vergessen, von denen viele am Rande der Existenz arbeiten. 

Heribert Brinkmann: Sie arbeiten an der Außenstelle der Akademie in Münster. Wie fällt Ihr Vergleich zwischen Rheinland und Westfalen, zwischen Düsseldorf und Münster aus? 

Hermann-Josef Kuhna: Münster ist eine tolle Stadt. Dort leben allein 60000 junge Menschen – bei insgesamt 240000 Einwohnern. In den Semesterferien dagegen ist Münster eine traurige Stadt. Im Gegensatz zu Düsseldorf. Da merkt man den Campus überhaupt nicht. Es gibt Proletenkneipen, aber keine richtigen Studentenlokale. Bis 1970 war die Ratinger Straße Zentrum des Punks.

Heute haben die Yuppies die Straße fast übernommen. Die Altstadt ist immer noch dem Mythos des Rheinischen verhaftet. Das westfälische Münster dagegen steht nicht für sich allein, sondern schöpft aus einem riesigen ländlichen Einzugsbereich. Man darf nicht vergessen, dass Münster früher auch einmal für die Wehrsportgruppe Hoffmann stand.

Heute sind die Grünen eine wichtige politische Kraft. In Münster hat sich eine Kulturszene etabliert, auch wenn es dabei ohne Kiffen nicht gegangen wäre. Heute gibt es 25 Galerien in der Stadt, das ist unter anderen auch der Akademie zu verdanken. Die Düsseldorfer Akademie platzte ja aus allen Nähten. Als eine Entlastungsakademie geplant wurde, haben sich Dortmund, Soest und Münster beworben.

Münster war bereits Universitätsstadt. Ich halte viel davon, wenn die jungen Menschen parallel Verschiedenes studieren können. Münster bekam 1972 eine Kunstakademie. Noch eine Besonderheit gilt für die Kunstakademie Münster: Von Anfang an gab es eine Filmklasse. 

Heribert Brinkmann: Wie steht die deutsche Kunst international da? 

Hermann-Josef Kuhna: Im Kunstaustausch über die Grenzen verändert sich was. Früher, denken Sie in Düsseldorf nur an Ruhrberg und Harten, gab es überall eine große Neugier, was international passiert. Heute erleben wir die Regionalisierung des gesamten Kunstbetriebes – trotz Internet und internationaler Messen.

Österreich öffnet sich dem Ostblock, wofür wir uns nicht besonders interessieren. Frankreich blockt deutsche Kunst ab. Aber auch, was in München gilt, stößt im Rheinland auf weniger Interesse. Dieser Zug zur Provinzialisierung läuft völlig konträr zur Entwicklung der Europäischen Union. 

Heribert Brinkmann: Hermann-Josef Kuhna: Was die Museen anbetrifft, eine sehr große. Die Besucherzahlen der Museen sind höher als bei der Bundesliga. Das war vor 20 Jahren noch nicht so. In Münster erlebe ich häufig, wie katholische Hausfrauenvereine aus der Umgebung nach Münster reisen, um dort zu shoppen und anschließend eine Ausstellung zu besuchen.

Eine Macke-Ausstellung in Münster hatte 480000 Besucher. In Nordrhein-Westfalen haben wir eine der größten Museumsdichten weltweit. Ich sehe heute so gut wie keine Picasso-Witze mehr, kaum jemand vergleicht die Moderne mehr mit entarteter Kunst. 

Heribert Brinkmann: Werden diesem Rollenwandel die Feuilletons und das Fernsehen gerecht? 

Hermann-Josef Kuhna: Überregional ist Titel-Thesen-Temperamente wichtig, Westart sehe ich mir gern an. Ansonsten kann ich nur für Düsseldorf reden, wo ich lebe, nicht für Hamburg, München oder Berlin. Die Feuilletons der Tageszeitungen sind zu mager. Völlig Belangloses wird dort aufgebauscht. Eine große Tageszeitung bringt im Lokalteil regelmäßig viertelseitig mit Farbabbildung den größten Künstler: Stuss natürlich von Laien. 

Heribert Brinkmann: Wie erleben Sie die jungen Künstler heute? 

Hermann-Josef Kuhna: Auch hier hat sich alles sehr gewandelt. Früher konnte nach großen Ausstellungen wie Donald Judd oder Henry Moore an der Akademie eine große Imponierwelle feststellen. Heute lernen die Studenten zu 80 Prozent voneinander, nicht mehr nur von den Profs. Die jungen Künstler heute sind besser informiert und vernetzt, das Internet spielt eine wichtige Rolle. Der Geniekult der 70er und 80er Jahre ist vorbei. Wichtig sind Ausstellungen in internationalen Museen. 

Heribert Brinkmann: Verdirbt Geld den Künstler? 

Hermann-Josef Kuhna: Nein, kommt auf den Künstler an. Bei mir? Ich habe lieber Ölfarben als Essen gekauft. Geld hat mich nicht verdorben, sondern mir eher neue Möglichkeiten eröffnet. Ich habe die schönsten Museen Europas besucht, ich unternahm Reisen nach Ostasien. Auch für die unbedingt notwendigen dicken, fetten Kataloge braucht ein Künstler Geld.

Es ist das Geld, das es mir ermöglicht, mich auf einem wunderbaren Niveau zu bewegen. Auf der anderen Seite ist Geld ein relativer Wert. Die Preise von Kunstwerken haben nichts mit Qualität zu tun. Für was manchmal 100000 Euro verlangt und gezahlt werden, ist schon traurig und deprimierend. 

Heribert Brinkmann: Was haben Sie sich für die Zeit nach der Akademie vorgenommen? 

Hermann-Josef Kuhna: Mein Ruhestand steht erst in anderthalb Jahren an. Ich hoffe dann, mehr malen zu können und weiter auszustellen. Zwei, drei Ausstellungen im Jahr reichen mir völlig. Mein letztes Lebens-Fünftel ist angesagt, da möchte ich in erster Linie mein Werk abschließen. Ich verliere die Lust, mich um den Nachwuchs zu kümmern.

Mit der Arbeit an der Akademie stoße ich jetzt an meine Grenzen. Ich bin froh, wenn der Spuk vorbei ist. Wenn ich zwei Tage lang Mappen von Bewerbern ansehen musste, träume ich danach von Katastrophen. Ich möchte wieder besser träumen, reisen, Kunst genießen können. Vor allem gilt, wie Ben Vautier es so schön formulierte: „I don’t want to do art. I want to be happy.“ 

Professor Hermann-Josef Kuhna: Der „Kölner“ Kuhna studierte von 1964 bis 1969 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei den Professoren Bobek, Arnscheidt und Weber. 1969 legte er seine erste philologische Staatsprüfung ab, 1971 seine zweite. Danach arbeitete er als freier Künstler und jobbte als Kellner. 1972 wurde er Dozent am Institut für Kunsterzieher der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, Abteilung Münster.

1979 wurde er dort an der mittlerweile selbstständigen Kunstakademie Münster zum Professor ernannt. Sein Atelier behielt er die ganzen Jahre über in Düsseldorf. Doch die Düsseldorfer Kunstszene hat den aktiven, experimentierfreudigen Künstler noch zu entdecken – das Interview will dazu beitragen, eine interessante Künstlerpersönlichkeit mit einem individuellen Werk einer großen Öffentlichkeit bekannt zu machen.  

Über den Autor:

Dr. Heribert Brinkmann, geboren 1956 in Düsseldorf, Kunsthistoriker, Studium in Köln, Dissertation 1981 über „Wassily Kandinsky als Dichter“. Werbetexter, Journalist und Buchautor, zurzeit Redakteur der Rheinischen Post, lebt in Kaarst bei Düsseldorf. 

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20.07.2008 eine schleichende Verarmung eines Teils der deutschen Bevölkerung

Gottfried Böhmer

Andreas Oehler im Gespräch mit dem Kurator und Redaktionsleiter von GFDK, Gottfried Böhmer über die Ästhetik der Gesellschaft, Eliten und Präkariate 

Gottfried Böhmer:  Am 4. März hat das Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)  eine Studie veröffentlicht, wonach die Zahl der Geringverdiener in Deutschland in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Gleichzeitig ist die Mittelschicht deutlich geschrumpft. Ihr Anteil an der Bevölkerung sank von 62 auf 54 Prozent.

Die Zahl der Geringverdiener in Deutschland ist damit auf etwa ein Viertel der Bevölkerung gewachsen, also rund 20 Millionen Menschen, im Jahr 2000 war es noch ein Fünftel, etwa 16 Prozent. Die Zahlen zeigen, dass wir derzeit eine schleichende Verarmung eines Teils der deutschen Bevölkerung erleben. Ich frage deshalb Sie als Journalist, was machen eigentlich die Journalisten, die Medien, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen?

Andreas Oehler: Es gibt derzeit leider wichtige gesellschaftliche Themen, die es selten auf die ersten Seiten deutscher Zeitungen oder als Programmschwerpunkt in Radio oder Fernsehen oder als Meldung in die TV-Nachrichten schaffen, obwohl sie eigentlich auf den Nägeln brennen und wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, ist das ihre persönliche Meinung und sieht die Mehrheit Ihrer Kollegen das auch so? Man hat doch eher den Eindruck, dass die Hintergründe dieser mittlerweile massenhaften Verarmung in Deutschland eher nicht ausgesprochen werden.

Andreas Oehler: Das ist meine persönliche Meinung. Ob das die Mehrheit meiner Kollegen genau so sieht, kann ich nicht sagen, da ich keine entsprechenden Untersuchungen kenne. Von den Kollegen, die mit mir zusammenarbeiten, hat die Mehrheit diese Entwicklung mitbekommen. Nur schaffen sie es nicht, das Thema besser zu platzieren.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Zunächst ist der Arbeitsalltag der Journalisten heute so überladen, dass kaum noch Zeit bleibt einmal ein Thema jenseits der Arbeitsroutinen zu bearbeiten. Und das Thema Verarmung der Gesellschaft fordert, wenn es nicht beim Aufzeigen von Phänomenen bleiben soll, viel Erfahrung, gründliches Nachdenken und Zeit für Recherche.

Diese ist aber heute in den meisten Redaktionen nicht mehr vorhanden. Dann gibt es ein Gesetz der Aktualität, das die Redaktionen, so meine ich, oft davon abhält, Themen zu platzieren, die zwar von brennendem Interesse aber selten Tagesgespräch sind. Man nimmt eher die Themen, die leichter aufzugreifen sind, weil sie laut und spektakulär auf den Tisch oder Bildschirm kommen.

Dazu kommt bei einigen Kollegen sicherlich noch eine gewisse Trägheit im Denken dazu, die häufig mit Vorurteilen verbunden ist. Man will über das Bekannte hinaus nicht denken und die eigenen Grenzen, Erkenntnisse und die eigene Arbeit nicht in Frage stellen.

Das genannte Beispiel ist dafür typisch. Nach meiner Beobachtung war über das Thema Verarmung in den letzten Tagen in den Medien fast täglich etwas zu lesen, zu hören oder zu sehen – aber leider meist nur dort, wo das Thema weniger Aufmerksamkeit erregt. D. h.  im Wirtschaftsressort oder in TV-Magazinen, die nicht die breite Masse erreichen. Oder man kann auch sagen, dass die Beiträge zu brennenden gesellschaftlichen Fragen von vielen Menschen nicht mehr wahrgenommen werden.

Gottfried Böhmer: Erregt sollten wir aber doch sein – angesichts dieser Entwicklung? Will man das Thema vielleicht nicht an die große Glocke hängen, um den Eindruck zu erwecken, alles sei in Ordnung, nach dem Motto „weiter so, es wird schon werden“?

Andreas Oehler: Diese Meinung gibt es sicherlich auch, wird aber nach meiner Beobachtung von einer Mehrheit meiner Kollegen nicht getragen. Es sind eher eine Mischung aus ökonomischen Zwängen, fehlenden Formaten für eine angemessene Präsentation des Themas und die fehlenden Kenntnisse zum Thema.

Will man das Thema angemessen bearbeiten, muss man eine Mischung aus historischem, ökonomischem, philosophischem, soziologischen und theologischen Denken beherrschen oder – kurz gesagt – in der Lage sein, einen gesellschaftliches Problem fundiert zu diskutieren.

Tiefschürfende Analysen zu gesellschaftlichen Problemen sind aber in den meisten Medien nicht mehr gewünscht. Das kostet zu viel Zeit. Ausnahmen bilden hier große Zeitungen wie die Süddeutsche, FAZ, manchmal der Spiegel, einige wenig verbreitete Spezialmagazine und die öffentlich-rechtlichen Sender, denen jedoch jetzt ein Bündnis aus Politikern und privaten Medienunternehmern Grenzen setzen will, die wahrscheinlich die redaktionelle Arbeit erheblich erschweren werden.

Damit ginge ein Stück demokratischer Kultur verloren.Ich frage mich zudem oft, ob Medienpolitiker wie Medienunternehmen – privat oder öffentlich-rechtlich – heute noch breite öffentliche Diskussionen über ein gesellschaftlich wichtiges Thema anstoßen wollen, oder ob es ihnen nur noch um Aufmerksamkeit und Marktmacht geht.

Man kann auch sagen: Ökonomisch machen Publikationen zum Thema Verarmung für private Medienunternehmer keinen Sinn, wenn sie nicht nur Phänomene, sondern auch Grundlagen unserer Gesellschaft wie Wertefragen berühren sollen.

Das erfordert zu viel Zeit für Recherche und Produktion. Die öffentlich-rechtlichen Sender wiederum stehen sich oft selbst im Weg, weil sie – so meine Beobachtung – zu viel Abstimmung brauchen (so bei der ARD) oder zu viel wollen (Information, Kultur, Unterhaltung, Sport, Service etc) und sie deshalb zu wenig Kapazitäten haben, um gerade dort ihre ökonomische Freiheit ins Spiel zu bringen, wo sie deutlich machen können, welchen wertvollen Dienst für die Gesellschaft ein mit Gebühren finanziertes Medienunternehmen leisten kann.

Beim Thema Verarmung könnten ARD und ZDF zeigen, was Grundversorgung heißt und warum sie diese Aufgabe zuverlässig erledigen können. Solange aber wertvolle Sendezeit für fragwürdige Unterhaltung oder endlose Sportübertragungen verschwendet wird, bekommen wirklich wichtige Themen in der Regel nur einen Nischenplatz.

Mein eigenes Unternehmen versucht immerhin jährlich mit so genannten Themenwochen, gesellschaftlich wichtige Themen, die es selten in die Schlagzeilen schaffen, der breiten Öffentlichkeit stärker ins Bewusstsein zu rufen – bisher allerdings nach meinem Eindruck mit wenig Wirkung. 

Gottfried Böhmer: Wenn Sie von Ihrem Unternehmen sprechen, sprechen wir doch wohl vom Staatsfernsehen? Anders kann man doch die öffentlich-rechtlichen Sender kaum nennen, die von genau den Parteien kontrolliert werden, die doch als politisch Verantwortliche für die Verarmungsgesellschaft verantwortlich sind. Oder sehen Sie das anders Herr Oehler? 

Andreas Oehler: Die öffentlich-rechtlichen Sender als Staatsfernsehen zu bezeichnen, halte ich für absurd. Diese Behauptung hält keinem historischen Vergleich stand. Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen ja unter der Aufsicht so genannter Rundfunkräte, in denen neben Vertretern der Länder und der Parteien auch unabhängige Vertreter von Kirchen, Gewerkschaften, Sport- und Jungendverbänden, aus Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft sitzen – also eigentlich alle gesellschaftlichen Gruppen.

Das ist zumindest die Idee der Rundfunkräte. Sicher ist, dass die Politik lange versucht hat und immer noch versucht, bei den Sendern Einfluss zu gewinnen. Häufig ist es den Parteien gelungen, ihre Leute auf wichtige Posten zu bringen.

Das ist in Bundesländern wie NRW und Bayern sicherlich leichter gewesen, weil hier jahrelang nur eine Partei das Sagen hatte. Beim SWR zum Beispiel ist das schon schwieriger, weil hier zwei Bundesländer mit Regierungen unterschiedlicher Färbung das Sagen haben.

Ich möchte das Gegenteil behaupten: Die öffentlich-rechtlichen Sender zeigen immer wieder ihre Unabhängigkeit gegenüber den politischen Parteien. Beispiele: Lothar Späth wurde letztlich durch Recherchen und Sendungen seines Haussenders (SDR) gestürzt wurde. TV-Magazine wie plusminus, Monitor, Report etc im Ersten zeigen ständig kritische Berichte, die bei staatlicher Kontrolle nie über den Sender gehen würden.

Seitdem es die privaten Fernsehsender gibt, macht zudem eine Beeinflussung der öffentlich-rechtlichen Sender weniger Sinn als früher. In Berlin beispielsweise hatte der SFB schon Anfang der 90er Jahre Konkurrenten wie Rias TV, TV-Berlin, FAB und private Radiosender. Diese Medienvielfalt erfordert auf Seiten der staatlichen Behörden und Parteien eine ganz andere Medienpolitik.

Heute scheint es so, dass einige Politiker dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Grenzen setzen wollen, die keine lästige Berichterstattung mehr erlauben. Vernünftige Medienpolitik hieße heute, gemeinsam mit den öffentlich-rechtlichen Sendern ein klares Konzept zu erarbeiten, aus dem hervorgeht, was wirklich Grundversorgung ist, die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender gestärkt wird, das Internet als künftiges Leitmedium einen angemessenen Platz hat und die Berichterstattung über Themen, die ökonomisch keinen Sinn machen, garantiert ist. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der demokratischen Kultur in Deutschland.

Gottfried Böhmer: Inwieweit haben denn die Medien überhaupt in den letzten Tagen wertvolle Beiträge zum Thema Verarmung der Gesellschaft geleistet?

Andreas Oehler: Sie haben klar gemacht, das das Problem ist größer, als wir bisher angenommen haben. Fest steht: Wenn nichts geschieht, ist die Gefahr groß, dass die Mittelschicht weiter schmilzt und zudem der Aufstieg, den ärmeren Bevölkerungsgruppen weiter verwehrt bleibt.

So hat ja das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in den letzten Wochen darauf hingewiesen, dass das Nettoeinkommen der Arbeitnehmer weiter sinkt. In den letzten drei Jahren um 3,5 Prozent - trotz des Wirtschaftsaufschwungs. Das heißt: Die Kaufkraft der meisten Arbeitnehmer sinkt, während die Bruttogewinne der Unternehmen durch den Aufschwung der letzten Jahre um 25 Prozent gewachsen sind, wie die IMK-Forscher zeigen.

Gottfried Böhmer: Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Viele Institute können nachweisen, dass das Realeinkommen der Bevölkerung in Deutschland seit über 20 Jahren nicht mehr gewachsen ist. Verantwortlich ist zum größten Teil der Staat, der durch seine Monopolpreise und Steuern dazu am meisten beiträgt. Ich erinnere Sie nur daran, dass mittlerweile 41 Prozent der Stromkosten aus Steuern bestehen. Oder die Gebühren für einen Reisepass, sich sage und schreibe in nur 10 Jahren verfünffacht haben. Ich könnte Ihnen jetzt noch hunderte solcher Beispiele nennen, das würde aber den Rahmen sprengen.

Andreas Oehler: Das stimmt nicht ganz. Die Studien der letzten Monate belegen, dass beim reicheren Teil der Bevölkerung das Einkommen in den letzten Jahren stark gestiegen ist, während es beim einkommensschwächsten Teil abgenommen hat. Deshalb sprechen viele auch von der Schere, die unsere Gesellschaft immer mehr auseinander reißt.

Richtig ist, dass der Staat mit seiner Steuerpolitik dazu beiträgt, dass bei den meisten Menschen in Deutschland immer weniger in der Tasche bleibt. Ich selbst finde es unerträglich, dass der Staat beinahe überall seine Hand aufhält, doppelt besteuert,  Abgaben erhöht, aber keine wirkliche Steuerentlastung zustande bringt. Damit verhindert der Staat, dass sich viele Menschen selbst aus der Armut befreien, ihre kreativen Kräfte entfalten oder Einkommen und Vermögen bilden können. 

Damit sind die Chancen für einen sozialen Aufstieg begrenzt. Wer zum Beispiel aus der Mittelschicht in die Unterschicht absteigt, hat es schwer wieder zurückzukehren – obwohl dies immer wieder gelingt, wie Studien des DIW belegen. Insgesamt aber ist diese Entwicklung eine Gefahr für die Gesellschaft. Denn ungleiche Einkommensverhältnisse lassen sich leichter ertragen, wenn sie durch Hoffnung auf Karriere und Aufstieg gemildert werden. Fehlt diese Hoffnung, geht das Engagement für das eigene Fortkommen und die Gesellschaft verloren.

Gottfried Böhmer: Die Folgen der heutigen sozialen Entwicklung sind doch, wer einmal unten ist, bleibt auch unten. Damit ist der Staat doch eindeutig für die Perspektivlosigkeit von Millionen Bürger verantwortlich.

Andreas Oehler: Ich frage mich dazu noch, warum muss in Deutschland die Abgabenbelastung eines Durchschnittverdieners wesentlich höher sein als im OECD-Durchschnitt? (42,8 Prozent in Deutschland, 26,6 Prozent im OECD-Durchschnitt – bei Geringverdienern ist der Abstand sogar noch größer - Anm. Redaktion).

Während in den meisten Industrieländern zudem Steuerstufen und Sozialleistungen automatisch an die Preisentwicklung angepasst werden, bildet Deutschland hier eine unrühmliche Ausnahme. Damit nützt vielen Arbeitnehmern eine Lohnerhöhung nichts. Das zusätzliche Geld landet zum größten Teil beim Finanzamt, in den Sozialkassen oder wird von der Inflation gefressen.

Zudem verweist die OECD darauf, dass hierzulande die Belastungen von Familien und Alleinerziehenden mit Sozialabgaben besonders hoch seien. Wie will man so der schleichenden Verarmung entgegen wirken. Die Bekenntnisse der „sozialen“ und „christlichen“ Volksparteien zur sozialen Marktwirtschaft erscheinen angesichts dieser Fakten hohl und heuchlerisch.

Gottfried Böhmer: Was ist zu tun?

Andreas Oehler: Die Politiker müssen ihren Job machen und beispielsweise dafür sorgen, dass wir ein Bildungssystem haben, dass mehr Menschen als bisher eine große Chance zum Erreichen höherer Einkommen bietet. Doch hier versagt derzeit unser – überwiegend in staatlicher Verantwortung betriebenes – Bildungssystem.

Kinder aus bildungsfernen oder armen Familien haben weniger Chancen, wodurch sich Armut verfestigt. Trotz 3,6 Millionen Arbeitslosen gelingt es zudem nicht, knapp eine Millionen offene Stellen zu besetzen, weil es keine effektive Weiterbildung gibt. Wir brauchen daher endlich eine Bildungspolitik, die uns in Deutschland wirklich weiterhilft.

Gottfried Böhmer: Bildungspolitik ist ein schönes Schlagwort, für die in Medien und Politik Verantwortlichen, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Mit diesen Begriffen kann man den Bürgern suggerieren, sie seien selbst Schuld für ihre Verarmung, da sie einfach nicht genug Bildung besitzen. Darüber kann ich nur lachen.

Angesichts der Tatsache, dass in den letzten Jahren hunderttausende bestausgebildete Akademiker jahrelang in so genannten Praktikas verschlissen wurden (man kann auch von Ausbeutung sprechen), und weitere Millionen gut ausgebildeter Leute, nur noch in Billigjobs unterkommen, ist Bildung in Deutschland nur noch Hohn und Spott. Ich darf Sie daran erinnern, was heute für freie Journalisten, soziale oder auch künstlerische Berufe bezahlt wird. Das reicht nicht für die Hand in den Mund. Fazit: Bildung ist nach meiner Meinung kein Garant mehr für eine bessere Zukunft.

Andreas Oehler: Das halte ich für Unsinn und ist auch nicht zu belegen. Richtig ist, Garantien gibt es nicht. Aber eindeutig ist doch, ohne Bildung gibt es wesentlich weniger Chancen – nicht nur in Deutschland, weltweit. Noch ist es zudem so, dass das deutsche Bildungssystem erhebliche Mängel aufweist, aber gleichzeitig immer noch vielen zu einem sehr guten Beruf verhilft.

Dass viele gut ausgebildete Menschen nicht angemessen bezahlt werden, spricht ja nicht gegen die Bildung, sondern zeigt Mängel bei der Wertschätzung ihrer Arbeit auf.  Andererseits zeigen Studien, dass gerade die Menschen ohne gute Bildung die größten Probleme haben, ein gutes Auskommen zu finden.

Wenn etwa ein Viertel aller Jugendlichen in Westdeutschland und fast die Hälfte aller Jugendlichen in Ostdeutschland keinen Ausbildungsplatz erhält oder zu großen Teilen gar nicht die Voraussetzungen für eine berufliche Bildung mitbringt, dann haben wir damit ein Riesenproblem. Die Mehrheit der jungen Menschen, die zu lange in Praktikas ausgebeutet wird, findet immerhin einen Job – und oft auch einen guten.

Zu kurz greift auch der Vorwurf, die Politiker und die Medien allein seien Schuld an der Misere. Seit meinem Zivildienst in einem sozialen Brennpunkt, durch die Gespräche mit Pädagogen und Schuldnerberatern weiß ich, viele Menschen tragen zumindest eine Mitschuld, wenn sich ihre Einkommenslage nicht verbessert.

Es fehlt oft einfach der Wille, die Hilfen der Sozialarbeiter, Kirchen oder staatlichen Fördermittel zu nutzen, um die eigene Lage zu verbessern. Da wird das Geld lieber in teure Handys, Fernseher, Autos oder Stereoanlagen als in Bildung investiert. Oder man säuft lieber vor dem Fernseher sein Bier als sich um die eigenen Kinder zu bemühen und ihnen zu helfen, der Armut zu entkommen.

Es gibt zum Glück auch viele Menschen, die ihre Chancen ergreifen und Verantwortung übernehmen und damit ihren Kindern zum Aufstieg in die Mittelklasse verhelfen. Auch das habe ich im sozialen Brennpunkt und im Freundeskreis erlebt. 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie sich widersprechen. Einerseits geben Sie zu, dass keine Bildung keine Garantie für eine bessere Zukunft ist, und dass viele gut ausgebildete Menschen nicht angemessen bezahlt würden. Andererseits unterstellen Sie genau diesen Menschen, eine Mitschuld und bemühen Platitüden wie „die saufen zu viel, kümmern sich nicht um ihre Kinder, aber investieren in teure Handys.

Das ist genau die tendenziöse Berichterstattung, die ich in vielen TV-Formaten wieder finde. Nach dem Motto: Du gehörst nicht zur Mittelschicht, biste selber Schuld, also geh in Sack und Asche. Ich bleibe dabei zu behaupten, dass einzig und allein die politisch Verantwortlichen für die Ausplünderungsorgien gegen das Volk verantwortlich sind.

Wenn hunderte Lobbyisten in den Bundesministerien die Gesetze im Auftrag der Wirtschaft formulieren, während die Abgeordneten ihren Beratervertragsverpflichtungen und Vortragstätigkeiten nachgehen, kann man ohne rot zu werden von einer Unmoral der politischen Kaste sprechen. 

Andreas Oehler: Das halte ich für eine Behauptung, die nicht bewiesen ist. Dass Lobbyisten in den Ministerien arbeiten, ist unbestritten, dass sie alleine aber die Gesetze formulieren, während die Politiker anderen Dingen nachgehen, entspricht nicht dem, was ich über das Gesetzgebungsverfahren in Deutschland weiß.

Zudem ist unangemessen, alle alle Politiker in einen Topf zu werfen. Es gibt erstens nicht die Politiker und zweitens habe ich festgestellt, dass es auch unter Politikern ehrenwerte und verantwortungsbewusste Menschen gibt. Nehmen wir nur mal unseren Bundespräsidenten, der in seinen öffentlichen Auftritten immer wieder auf die schleichende Verarmung der Gesellschaft hinweist und Politiker wie Manager auf ihre Verantwortung hinweist.

Doch insgesamt versagt nach meiner Beobachtung die Politik dabei, Ihren Auftrag zu erfüllen und dem Gemeinwohl zu dienen. Man kann deshalb sicherlich auch von einer Verarmung der politischen Kultur sprechen. Das Ziel politischen Handelns scheint heute weitgehend der nächste Wahlerfolg. Deshalb bestimmen – nach meinem Eindruck – vor allem Wahlgeschenke, Interessenpolitik für laut- oder lobbystarke Gruppen, ja und oft auch Wortbrüche und Lügen das politische Geschäft. 

Gottfried Böhmer: Wortbruch und Lügen, das sind gute Stichwörter. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, wissen wir doch alle, dass der Wortbruch und die Lüge zum politischen Tagesgeschäft geworden ist. Nicht umsonst gehen teilweise über 50 % der Wähler nicht mehr zur Wahl und 80 % der Bevölkerung misstrauen der Politik.

Die Folgen für die Demokratie, scheinen unseren politisch Verantwortlichen - solange sie weiter gut versorgt sind - egal zu sein. Abgesehen davon, dass der Gesetzgeber (Staat) immer mehr als Gesetzesbrecher auftritt – Steuern auf Steuern erhebt und laufend vom Bundesverfassungsgericht darauf hingewiesen werden muss, dass er gegen die Grundrechte aller Bürger verstößt, ist es mit der Glaubwürdigkeit der politischen Eliten nicht gut bestellt. 

Andreas Oehler: Ich glaube, die meisten Bürger sind deshalb von der Politik enttäuscht, weil sie merken, es kommen von oben keine wirklichen Lösungen für die aktuellen Probleme. Das Vertrauen ist weg, dass für Probleme wie Rente, Gesundheitssystem oder auch den demografischen Wandel wirkliche weitsichtige Lösungen gefunden werden.

Es fehlt damit die Hoffnung, dass sich durch Wahlen wirklich etwas ändert. Viel lieber als endlich eine vernünftige Renten-, Gesundheits- oder Bildungsreform anzugehen, verteilen die Politiker kleine Trostpflaster oder doktern an den Problemen herum. Die Rentner zum Beispiel erhalten jetzt ein bisschen mehr Rente, die Gesundheitskosten werden immer wieder irgendwie gedeckelt und die Eltern erhalten mehr Geld, um die Betreuung ihrer Kinder bezahlen zu können.

Doch wer deshalb den Politikern alleine die Schuld an den gegenwärtigen Problemen gibt, vergisst, dass die Politiker ja nicht als Politiker geboren werden, sondern aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Der Verlust an Weitsicht, Vertrauenswürdigkeit und Verantwortungsgefühl lässt sich in vielen Bereichen unserer Gesellschaft beobachten.

Ich erinnere nur an die zunehmend sinkende Zahlungsmoral, die vielen kleinen Unternehmen zu schaffen macht, oder an die weit verbreitete Abneigung, Kinder in die Welt zu setzen, oder an manche Auszubildende und Studenten, die als Angestellte nicht einzusetzen sind, weil sie Verantwortungsgefühl und Engagement vermissen lassen.

Die Reihe der Beispiele lässt sich noch fortsetzen und gleichzeitig muss auch betont werden, dass diese Beispiele zum Glück nicht die Regel sind. Trotzdem: Solange nicht Charakter, Verantwortungsbewusstsein und Engagement für andere die wichtigsten Werte unserer Gesellschaft sind, wird es auch mit unserer Politik nicht besser. 

Gottfried Böhmer: Warum melden sich denn dann die Kirchen nicht stärker zu Wort? 

Andreas Oehler: Die Kirchen haben seit über zehn Jahren regelmäßig auf die zunehmende Spaltung und Verarmung unserer Gesellschaft hingewiesen. Weiter muss man sagen, dass ohne die diakonische Arbeit der Kirchen und ihre Gemeindearbeit die Situation vieler Menschen in den benachteiligten Bevölkerungsschichten noch schlechter wäre.

Nicht nur Obdachlose, auch viele Kinder, arme Alte oder sozial Schwache erhalten durch kirchliche Initiativen warmes Essen, Kleider, Möbel – und vor allem – was man nicht vergessen darf, ein zusätzliches Zuhause. Man darf nicht vergessen. Armut bedeutet häufig auch Verlust an sozialen Kontakten und Gemeinschaft.

Die Kirchen sind heute einer der wenigen Plätze, wo man Heimat und Gemeinschaft finden kann – unabhängig von Einkommen, Bildung, Rasse oder Herkunft. Diese soziale Bindekraft der Kirchen wird heute weitgehend übersehen und unterschätzt. Und was die Kirchen leisten, was sie zu sagen haben und wie wichtig sie für die Stabilität unserer Gesellschaft sind, wissen heute viele nicht mehr oder wollen es nicht hören. Man blickt lieber auf die Schwächen und die „Skandale“ - und lässt es dabei bewenden. 

Gottfried Böhmer: In diesem Punkt kann ich ihnen voll und ganz zustimmen. Ich glaube, wir brauchen viel mehr Kirche. Aber die Kirche und gemeinnützige Institutionen dürfen nicht als Alibi missbraucht werden, um sich der Verantwortung zu entziehen. 

Andreas Oehler: Die Kirchen und auch einzelne Christen lassen sich nicht als Alibi missbrauchen. Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern etc entstehen nicht, weil sie der Staat verordnet hat oder man dem Staat helfen will. Christliche Diakonie zeichnet heute, gestern und wahrscheinlich auch in Zukunft aus, dass sie entsteht, weil einzelne Christen die Not anderer Menschen sehen und initiativ werden.

Das kann man heute gut bei vielen Suppenküchen oder Tafeln beobachten. Es sind in der Regel Initiativen einzelner Menschen. Und ich finde das gut so. Wo einzelne Menschen Initiative ergreifen, aktiv eine Notlage bekämpfen, da lebt eine Gesellschaft.

Unser Problem heute ist ja, dass es zu wenige Menschen gibt, die die Not ihrer Mitmenschen sehen, Verantwortung übernehmen und nicht warten, bis Institution aktiv werden. Große Organisationen sind zudem in der Regel zu groß, zu träge und von ihrer Struktur her einfach zu langsam, um auf jede Notlage schnell und angemessen reagieren zu können.

Ein Riesenproblem für unsere Gesellschaft ist doch, dass mit der breiten Abwendung von den Kirchen unserer Gesellschaft auch kulturelle Werte verloren gehen. Wer regelmäßig Gottesdienste besucht, lernt das Zuhören, Respekt gegenüber der Schöpfung, Gott und den Mitmenschen, durch wiederum Bibellektüre lernt man wichtige jahrtausende alte Weisheiten des Zusammenlebens zu verinnerlichen, man lernt, dass man nicht der Mittelpunkt der Welt ist, was wiederum hilft, den Blick über den eigenen Tellerrand zu heben und auch mal über den eigenen Schatten zu springen. Auf Werte wie Verantwortung, Mitgefühl, Verzicht, Hingabe, Geduld, usw kann eine Gesellschaft doch nicht verzichten? 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, Sie sprechen hier von großen Werten. Sind diese überhaupt noch zu halten angesichts des enormen Werteverlustes in unserer Gesellschaft? 

Andreas Oehler: Ich würde sogar sagen, die Folgen dieses „Werteverlustes“ sind heute schon sichtbar. Politisch betrachtet: Der große Frankfurter Sozialethiker Friedhelm Hengsbach hat mir Mitte der 90er Jahre in einem Interview erklärt, dass es in Deutschland in den 80er Jahren eine breite Abwendung der Eliten von der sozialen Marktwirtschaft gegeben habe.

Ein anderes Beispiel: Ein Bekannter, der als Coach für Manager arbeitet, hat mir erzählt, dass 60 Prozent aller Firmenpleiten auf charakterliche Schwächen der Verantwortlichen zurückzuführen sind und nicht auf ökonomische Probleme.

Wir können davon ausgehen, dass die charakterlichen Schwächen, nicht nur ein Problem unter Managern sind. Das heißt für mich: Ein viel größeres Problem als die materielle Verarmung ist die kulturelle Verarmung in Deutschland. Denn die  materielle Verarmung ist in weiten Teilen eine Folge der kulturellen Verarmung. 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, kommt hier der Theologe zu Wort? Oder der Journalist? Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen? 

Andreas Oehler: Ich kann den Theologen nicht immer vom Journalisten trennen und umgekehrt. Allerdings habe ich das Thema erstmals als Journalist bearbeitet und mir dann Fragen gestellt, auf die ich ohne Theologiestudium wahrscheinlich nicht so schnell gekommen wäre. Die Bedeutung von Werten ist mir dadurch vielleicht stärker bewusst als anderen. Außerdem weiß ich als Theologe, dass die Ökonomie niemals die einzige Basis unseres Lebens und einer Gesellschaft sein kann.

Für mich steht fest: Wir brauchen in Deutschland eine Kultur der Verantwortung  – alles andere ist Unkultur. Der einzige Weg dahin scheint mir derzeit, dass zunächst möglichst viele, die Verantwortung tragen – also Politiker, Manager, Journalisten, Künstler, Pädagogen, Pfarrer kurz die gesellschaftlichen Eliten  - versuchen selbst eine Kultur der Verantwortung zu leben, dort, wo sie Einfluss haben, aber auch in ihrem alltäglichen Leben in der Familie, mit Nachbarn, Freunden und Kollegen. Nur wenn bei möglichst vielen Menschen der Wille vorhanden ist,  diese Kultur der Verantwortung zu leben, kann diese auch wachsen.

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, Sie haben zwei Mal das Wort Eliten verwendet und sie sprechen von den gesellschaftlichen Eliten. Ich glaube, wir haben eine unterschiedliche Auffassung, was man unter dem Begriff Elite verstehen sollte. Für mich sind die Eliten die tragenden Säulen der Gesellschaft wie zum Beispiel Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Landärzte usw. - mit anderen Worten: Menschen, die der Gesellschaft dienen, ohne sich dafür täglich in den Medien darzustellen, um sich feiern zu lassen.

In der Begriffswelt der Medien, also der Meinungsmacher, gelten immer noch Politiker, Manager aber auch Journalisten wie sie selbst betonten als gesellschaftliche Eliten. Dabei wird wohl übersehen, dass diese Kreise, sich gegenseitig das Glas Champagner in die Hand reichen. Die Politiker leben von der öffentlichen Meinung (der Medien), die Manager mal mehr mal weniger, mal mit mal ohne Druck von politischen Entscheidungen – und die Medien leben von beidem.

Da gilt wohl eher die Regel, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Anders ausgedrückt: Von diesen viel beschworenen Eliten hat das Volk nicht viel zu erwarten. Diese Eliten eignen sich nicht, die großen Probleme, die wir haben und die noch auf uns zukommen werden, zu lösen. 

Hätten diese Eliten ihre Verantwortung wahrgenommen, hätte es in den letzten Jahren eine andere Entwicklung geben.  

Andreas Oehler: Richtig, wenn unsere Eliten in den letzten Jahren ihre Verantwortung wahrgenommen hätten, gäbe es jetzt sicherlich einige Probleme weniger. Aber: Auch wenn unsere Eliten kein Vorbild sind und viel Vertrauen verspielt haben – und bei uns schon alleine das Wort Elite bei vielen einen negativen Klang hat, für mich steht fest, wir brauchen verantwortungsbewusste Eliten.

Diese Menschen müssen charakterlich gefestigt sein, die übertragene Verantwortung voll und ganz übernehmen, das Eigeninteresse zurückstellen und im Notfall den Karren selbstlos aus dem Dreck ziehen. Und: Eine größere Verantwortung für das Ganze tragen nun mal meistens die von mir vorhin genannten Berufsgruppen.

Unsere Verantwortung als Bürger ist es, dieses verantwortungsbewusste Verhalten immer wieder einzufordern. Ich halte nichts davon, die Ursache unserer oder auch der eigenen Probleme nur bei den Politikern oder Medien zu suchen. Jeder Mensch macht Fehler und trägt zu unseren Problemen heute bei – und sei es nur durch Nichtstun oder indem er nicht bereit ist, über Ursachen und Wirkungen von Problemen nachzudenken oder sich mit schnellen Antworten zufrieden gibt.

Schön zu sehen ist das bei den Talkshows im Fernsehen, wo man sich im Grunde festsitzende Urteile und Vorurteile als Argumente um die Ohren haut. Ein sinnvolles Gespräch, das zu einem Ergebnis führt, kommt eigentlich nicht mehr zustande. Ich schaue mir diese Talkshows deshalb schon lange nicht mehr an.

Das ist Zeitverschwendung. Die Unfähigkeit und die mangelnde Bereitschaft einander zuzuhören oder im Gespräch Argumente auszutauschen und dann irgendwie ein neues Ergebnis zu finden, erlebe ich aber auch oft im persönlichen Gespräch. Für mich sind dies Phänomene Teil einer kulturellen Verarmung, die wir heute erleben. Zu finden nicht nur bei Politikern oder Journalisten, sondern in weiten Teilen unserer Gesellschaft.

Trotzdem sollten wir nicht nachlassen und von der Politik und den Medien immer wieder eine Kultur der Verantwortung einfordern. Das heißt von der Politik sollten wir eine weitsichtigere und dem Gemeinwohl zuträgliche Politik fordern, eine Politik, die es wieder mehr Menschen ermöglicht, auf bessere Zeiten zu hoffen und am kulturellen Leben teilzunehmen.

Von den Medien – insbesondere den öffentlich-rechtlichen – sollten wir fordern, auf einige Sendungen zu verzichten und sich stärker mit den wirklich relevanten Themen zu profilieren und öfter einen Diskurs über die Grundlagen unseres Zusammenlebens und unserer Gesellschaft anstoßen. 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, in den vergangenen 20 Jahren war das große Schlagwort in unserer Gesellschaft die Privatisierung. Politiker und Manager haben der Bevölkerung weiß machen wollen, dass Privatisierung und Liberalisierung zur Effizienzsteigerung und damit zu mehr allgemeinem Wohlstand führen würde.

Eine derartige Milchmädchenrechnung hätten die Medien deutlicher und mehr hinterfragen müssen. Clemens Pornschlegel schrieb dazu in der Süddeutschen Zeitung „Diese Rechnung ging aber nicht auf, Effizienzsteigerung heißt privatwirtschaftlich nämlich zu allererst Kosteneinsparung. Nur sparen Unternehmer ihre Kosten weder im Dienst der Belegschaften noch der Kunden ein, sondern sie haben ihre Gewinnstruktur bzw die Kapitalanleger im Blick.“

Um es deutlicher zu sagen, mit der Wohlstandssteigerung haben unsere Politiker wohl nur die 10 Prozent gemeint, die 90 Prozent des Vermögens besitzen. Angesichts dieser Tatsachen frage ich mich, wie wir, wenn wir weiterhin keinen nennenswerten Widerstand leisten, die organisierte Ausweitung von Parallelgesellschaften, sozialen Randgruppen und Präkariaten verhindern wollen.

Ich fürchte Herr Oehler, dass in den kommenden Jahren weitere Millionen Bürger von der Mittelschicht in die Unterschicht abgedrängt werden. Clemens Pornschlegel hat dazu gemeint, Zitat: „Mit Liberalismus im politischen Sinn, d.h. mit der Garantie der größtmöglichen Freiheit für Individuen hat das nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Es bedeutet deren Preisgabe zugunsten unternehmerischer Interessen. Und demnächst werden wir uns im Namen dieser Interessen womöglich keine Menschenwürde mehr leisten können.“ 

Andreas Oehler: Herr Böhmer! Ich fürchte auch, dass es erst schlimmer werden muss, bevor unsere Politiker, Medien, Kirchen, Wirtschaft, die gegenwärtigen Eliten aber auch weite Teile der Gesellschaft merken, was wir wirklich als Grundlage unserer Gesellschaft brauchen.

Solange Respekt, Verantwortung, gegenseitige Achtung oder Vertrauen nicht den gleichen Wert haben wie Gewinn, wirtschaftlicher Erfolg, Einkommenssteigerung etc. sind wir auf dem Weg in eine wie auch immer geartete Barbarei, in der wir uns gegenseitig das Leben schwer machen und zerstören. Kurzfristig werden sich wohl immer stärker die Einzelinteressen durchsetzen, die in starken Verbänden organisiert sind.

Auch das ist übrigens Ursache unserer schleichenden Verarmung. Wer gut organisiert ist und eine starke Lobby hat, kann seine Interessen besser durchsetzen und oft auch sein Einkommen steigern. Wer keine starken Interessenverbände hat wie Alleinerziehende, Familien, Künstler oder Menschen, die als Sozialarbeiter, Erzieher oder Krankenpfleger arbeiten bleibt arm oder wird immer ärmer. Oder platt ökonomisch gesagt:

Die großen Unternehmen werden in der Regel weiter Gewinne machen während die Alleinerziehenden, Familien, Kinder oder auch die sozial schwachen Alten weitere Verluste hinnehmen müssen. 

Gottfried Böhmer: Was wünschen Sie sich, Herr Oehler? Haben Sie noch Träume? 

Andreas Oehler: Ich wünsche mir, dass wir, Menschen wie Sie und ich, die ihren Kopf auch zum Nachdenken einsetzen, über Lebenserfahrung verfügen und viele Daten und Fakten kennen, sich wieder mehr mit den wirklichen Grundlagen unserer Gesellschaft, den Werten beschäftigen.

Diese sind die Grundlage der Kultur unserer Gesellschaft. Wenn wir und viele andere Menschen versuchen in unserer Arbeit, unserem Privatleben, kurz in unserem täglichen Tun, eine Kultur der Verantwortung zu leben, wenn wir gleichzeitig anfangen, den Diskurs über gesellschaftliche Fragen und philosophische Diskussionen wieder mehr zu pflegen, wird das nicht ohne Folgen bleiben. Das ist unsere Verantwortung.

Leben wir eine Kultur der Verantwortung, des Respekts, des Mitgefühls für unsere Mitmenschen, haben wir schon viel erreicht. Ich bin überzeugt, dass davon auch bei den Politikern oder Medien etwas ankommen wird.

Jetzt fange ich an zu träumen oder der Theologe in mir bricht wieder durch. Wie auch immer: Unsere Gesellschaft braucht ein neues Bild oder einen neuen Traum vom Zusammenleben. Das würde in unsere Diskussionen endlich mehr Ästhetik, Schönheit und ein Feuer bringen, das diese ganze gegenwärtige Unkultur hinwegfegen kann. Vielleicht nur ein schöner Traum, aber eine Hoffnung, die mich treibt weiter nachzudenken, zu diskutieren und wo immer möglich Verantwortung zu übernehmen. 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, ich bedanke mich für das Gespräch!  

Andreas Oehler, 49 Jahre, ist Online-Redakteur bei ARD.de. Er hat Evangelische Theologie studiert und ab 1989 als TV-Reporter bei Rias TV, Deutsche Welle TV und dem SFB die Wende und den Umbruch in den ehemals kommunistischen Staaten (DDR, Russland, Rumänien, Albanien u.a.m.) teilweise hautnah miterlebt. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den politischen, kulturellen und sozialen Grundlagen unserer Gesellschaft.

Gottfried Böhmer, ist seit 1997  Kurator und künstlerischer Direktor der Gesellschaft Freunde der Künste, einer Non-Profit-Organisation, die ausschließlich nur mit Künstlerinnen arbeitet. Er ist Mitherausgeber des Kaiserswerther Kunstpreises, der nur an Künstlerinnen vergeben wird.  Seit 1999 initiiert Gottfried Böhmer auch die Goethe-Festivals „Künstlerinnen sehen Goethe“, an denen Künstlerinnen aus der bildenden Kunst, Theater, Tanz und Musik-Interpretationen teilnehmen. Von 1994-1998 war er auch Chefredakteur der Hirtenbriefe.

Literaturtipps:

Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technische Zivilisation.

Amitai Etzioni, Die Verantwortungsgesellschaft. Individualismus und Moral in der heutigen Demokratie.

Julia Friedrichs, Gestatten: Elite. Julia Friedrichs neues Buch begibt sich auf die Spuren der Elite von morgen.

 

 

 

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