Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

26.09.2008 Exklusiv fur GFDK

Heribert Brinkmann

Interview mit Professor Hermann-Josef Kuhna

 „Die Postmoderne ist weitgehend eine einzige Enttäuschung über sich selbst.“ 

Heribert Brinkmann: Was unterscheidet Ihre Malerei vom Pointillismus?

 

Hermann-Josef Kuhna: Der Pointillismus existierte aus der Überzeugung, dass die einzelnen Farbpunkte gesehen werden und ihr Zusammenspiel die Intensität der Farbwirkung steigert. Das war ein physiologischer Irrtum. Gerade bei größerem Abstand wirken pointillistische Bilder oft wie von einem atmosphärischen Schleier eingehüllt. In meinen Bildern ist – vielleicht nicht sofort erkennbar – sehr viel Zeichnung enthalten.

Die einzelnen Punkte, besser Flecken, sind verschieden groß, das geht bis zur Größe einer Zigarettenschachtel. Ich komme von der Landschaftsmalerei. Mir geht es um Rhythmus und Fließen der Farbe, maßgebend ist, wie sich die Farbe in der Fläche verändert. Nehmen Sie das Gemälde Seine-Ufer von Seurat. Es lebt unter anderem von der Geometrie, von der Staffelung der Ebenen.

Meine Bilder haben selten lineare räumliche Abgrenzungen. Ob ich eine erogene Zone oder eine Landschaft meine, beim Malen vermeide ich Gegenständlichkeit, was aber nicht auf Kosten der Wirklichkeit geschieht. 

Heribert Brinkmann: Wie sind Sie auf diese Art der Malerei gekommen? 

Hermann-Josef Kuhna: Den eigentlichen Anstoß gab ein Bild von van Gogh. Wie er Grasnarben mit wenigen Farbtupfen realisierte und wie der Betrachter das eigentlich abstrakte Geschehen für sich übersetzt, hat bei mir zu einem Schlüsselerlebnis geführt. Wenn sich jemand in meine Bilder einsieht, wird er nicht nur bunte Punkte sehen, sondern zum Beispiel eine Schlange ausmachen.

Mir ist es dabei gleich, ob man ein Slalom-Bild als nervöse Bewegung empfindet, sich an den Äskulap-Stab erinnert fühlt oder über den direkten Umweg philosophiert. Ich bin aber nicht allein durchs Malen und Beobachten zu meiner Art der Malerei gekommen. Mich hat Ethnologie interessiert, heute noch mehr Paläontologie. Das Strukturelle kommt für mich aus den Naturwissenschaften, das ist für mich wichtiger als beispielsweise die Gedankengebäude, die etwa Joseph Beuys vermittelte. 

Heribert Brinkmann: Wo steckt Kuhna im Streit zwischen Abstraktion und Figuration? 

Hermann-Josef Kuhna: Ich bin schon ein Abstrakter. Aber auch jeder gegenständliche Maler abstrahiert in einem gewissen Maße. Der Expressionismus war eine große Abstraktion, wie die Fläche in Spannung gehalten wurde. Das Problem für den Künstler heute ist, dass bei fortschreitender Abstraktion Inhalt und Sinn verloren gehen können.

Das ist die Schnittstelle, an der ich balanciere. Meine Bilder entstehen weder aus einem formalen Interesse, noch sind sie manisch-literarisches Tagebuch. Ich setze Empfindungen um. Prüde Menschen sehen nicht, was ich in meinen Bildern versteckt habe. Die begnügen sich schon mit den Punkten als bunten Farbtupfen. 

Heribert Brinkmann: Also haben Ihre Bilder geheime Botschaften? 

Hermann-Josef Kuhna: Nein, leider nicht. Ich übe keine Mission oder Bekehrung aus. Bei mir ist alles Narzissmus und Hingabe, eine artifizielle Befriedigung. Dabei male ich nie dasselbe Bild. Vielleicht wäre ich schon längst verrückt geworden, hätte ich nicht meine Fossilien-Sammlung. Seit meinem zwölften Lebensjahr sammle ich Fossilien.

Ein Mal im Quartal verschwinde ich auf Exkursion in einen Steinbruch, etwa in der Paffrather Mulde bei Köln, die urzeitliche Korallenriffe beinhaltet. Das bedeutet stundenlanges Hämmern, danach ist jede intellektuelle Verquetschung weg. Das wollte mir als Schüler schon mein Nachhilfelehrer beibringen, als er mich nach anderthalb Stunden Altgriechisch mit einer Schachpartie belohnen wollte. Aber da finde ich Steineklopfen doch entspannender. 

Heribert Brinkmann: Was haben Sie denn in Ihrem größten Außenbild am Düsseldorfer Rathausufer am Burgplatz versteckt? 

Hermann-Josef Kuhna: Da müssen Sie schon auf die andere Rheinseite hinübergehen. Von Oberkassel aus sind abstrahierte Körperformen zu sehen, Menschen am Strand, aber nicht so deutlich. Letztendlich soll das Ganze einfach eine Farborgie sein, satt in C-dur, keine Moll-Bilder. Dass ich am Rheinufer circa 360 Quadratmeter ausmalen durfte, war eine Idee des Architekten Professor Niklaus Fritschi, ich war begeistert. 

Heribert Brinkmann: Ihr Werk akzentuiert jetzt ausgerechnet das Joseph-Beuys-Ufer. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm? 

Hermann-Josef Kuhna: Als Student hatte ich großen Respekt vor ihm als Person, aber seine Ideen konnte ich nicht akzeptieren. An der Kunstakademie bekam ich weiche Knie und Herzrasen, wenn ich mit ihm zu tun hatte, aber ich stand nie in der Gefahr, ein Beuys-Jünger zu werden. Ich wusste auch, an den kommst du nie dran.

Aber muss Beuys denn wegen seiner Kunst geliebt werden, reicht es nicht zu verstehen, was Beuys will und was ihm wichtig ist? Johannes Stüttgen war so ein unbedingter Beuysianer. Als Stüttgen alle AStA-Mitglieder in der DSP, Beuys’ Studentenpartei, versammelt hatte, entsprach das nicht meinem Demokratieverständnis.

Ich habe damals den AStA der Akademie gespalten, indem ich einen Anti-AStA gegründet habe, der von Prof. Dr. Eduard Trier, dem damaligen Rektor, sofort als zweiter AStA akzeptiert wurde. Das ideologische, zusammenhanglose, oft pseudoreligiöse Gewäsch von Stüttgen konnte ich nicht ertragen, ebenso wenig auch die Figürchen von Mataré.

Damals durchlitt ich die Scheidung von meiner ersten Frau, ich steckte voller Hass und Wut, die ich los werden musste. Ich kann Ideologien und Heuchelei einfach nicht ertragen. Vor Joseph Beuys habe ich nach wie vor größten Respekt, heute habe ich ihn sogar sehr, sehr gern, unter anderem, weil er die Toleranzschwelle für die Kunst sehr hoch angesetzt hat. 

Heribert Brinkmann: Ihre eigene Studienzeit liegt gut 40 Jahre zurück. Wie beurteilen Sie die Düsseldorfer Akademie heute? Überhaupt: Ist Düsseldorf 2008 noch eine Kunststadt? 

Hermann-Josef Kuhna: Die Akademie lebt bis heute gut von ihrem legendären Ruf aus den 60er/70er Jahren. Viele Studenten kommen heute aus dem Ostblock oder aus Korea und Japan. Viele verstehen die Sprache ihrer Professoren nicht, erst recht sind Shakespeare und Surrealismus Fremdwörter für viele dieser Studenten.

Die ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren in der ganzen Kunstszene spannend, danach wurde alles in der Kunst zynischer, größer, bunter. Die Postmoderne ist weitgehend eine einzige Enttäuschung über sich selbst. Heute sind Gags, das Komische und Witziges wichtig. Das war früher völlig verpönt. Es galten Ironie und schwarzer Humor.

Seit 15 Jahren ist Kunst öfter mal eine Party, mit kleinen Wichsern, die sich gern zur reichen High Society gesellen. Düsseldorf ist unbedingt eine Kunststadt, aber ich sehe den Schwerpunkt eindeutig bei den Museen. Was wäre Düsseldorf ohne K 20 und K 21, ohne Ehrenhof, Kunsthalle und Kunstverein?

Aber ich nenne auch ausdrücklich das wunderbare Filmmuseum mit der Black Box und das Theater. Wir dürfen auch nicht die vielen Galerien in der Stadt vergessen, von denen viele am Rande der Existenz arbeiten. 

Heribert Brinkmann: Sie arbeiten an der Außenstelle der Akademie in Münster. Wie fällt Ihr Vergleich zwischen Rheinland und Westfalen, zwischen Düsseldorf und Münster aus? 

Hermann-Josef Kuhna: Münster ist eine tolle Stadt. Dort leben allein 60000 junge Menschen – bei insgesamt 240000 Einwohnern. In den Semesterferien dagegen ist Münster eine traurige Stadt. Im Gegensatz zu Düsseldorf. Da merkt man den Campus überhaupt nicht. Es gibt Proletenkneipen, aber keine richtigen Studentenlokale. Bis 1970 war die Ratinger Straße Zentrum des Punks.

Heute haben die Yuppies die Straße fast übernommen. Die Altstadt ist immer noch dem Mythos des Rheinischen verhaftet. Das westfälische Münster dagegen steht nicht für sich allein, sondern schöpft aus einem riesigen ländlichen Einzugsbereich. Man darf nicht vergessen, dass Münster früher auch einmal für die Wehrsportgruppe Hoffmann stand.

Heute sind die Grünen eine wichtige politische Kraft. In Münster hat sich eine Kulturszene etabliert, auch wenn es dabei ohne Kiffen nicht gegangen wäre. Heute gibt es 25 Galerien in der Stadt, das ist unter anderen auch der Akademie zu verdanken. Die Düsseldorfer Akademie platzte ja aus allen Nähten. Als eine Entlastungsakademie geplant wurde, haben sich Dortmund, Soest und Münster beworben.

Münster war bereits Universitätsstadt. Ich halte viel davon, wenn die jungen Menschen parallel Verschiedenes studieren können. Münster bekam 1972 eine Kunstakademie. Noch eine Besonderheit gilt für die Kunstakademie Münster: Von Anfang an gab es eine Filmklasse. 

Heribert Brinkmann: Wie steht die deutsche Kunst international da? 

Hermann-Josef Kuhna: Im Kunstaustausch über die Grenzen verändert sich was. Früher, denken Sie in Düsseldorf nur an Ruhrberg und Harten, gab es überall eine große Neugier, was international passiert. Heute erleben wir die Regionalisierung des gesamten Kunstbetriebes – trotz Internet und internationaler Messen.

Österreich öffnet sich dem Ostblock, wofür wir uns nicht besonders interessieren. Frankreich blockt deutsche Kunst ab. Aber auch, was in München gilt, stößt im Rheinland auf weniger Interesse. Dieser Zug zur Provinzialisierung läuft völlig konträr zur Entwicklung der Europäischen Union. 

Heribert Brinkmann: Hermann-Josef Kuhna: Was die Museen anbetrifft, eine sehr große. Die Besucherzahlen der Museen sind höher als bei der Bundesliga. Das war vor 20 Jahren noch nicht so. In Münster erlebe ich häufig, wie katholische Hausfrauenvereine aus der Umgebung nach Münster reisen, um dort zu shoppen und anschließend eine Ausstellung zu besuchen.

Eine Macke-Ausstellung in Münster hatte 480000 Besucher. In Nordrhein-Westfalen haben wir eine der größten Museumsdichten weltweit. Ich sehe heute so gut wie keine Picasso-Witze mehr, kaum jemand vergleicht die Moderne mehr mit entarteter Kunst. 

Heribert Brinkmann: Werden diesem Rollenwandel die Feuilletons und das Fernsehen gerecht? 

Hermann-Josef Kuhna: Überregional ist Titel-Thesen-Temperamente wichtig, Westart sehe ich mir gern an. Ansonsten kann ich nur für Düsseldorf reden, wo ich lebe, nicht für Hamburg, München oder Berlin. Die Feuilletons der Tageszeitungen sind zu mager. Völlig Belangloses wird dort aufgebauscht. Eine große Tageszeitung bringt im Lokalteil regelmäßig viertelseitig mit Farbabbildung den größten Künstler: Stuss natürlich von Laien. 

Heribert Brinkmann: Wie erleben Sie die jungen Künstler heute? 

Hermann-Josef Kuhna: Auch hier hat sich alles sehr gewandelt. Früher konnte nach großen Ausstellungen wie Donald Judd oder Henry Moore an der Akademie eine große Imponierwelle feststellen. Heute lernen die Studenten zu 80 Prozent voneinander, nicht mehr nur von den Profs. Die jungen Künstler heute sind besser informiert und vernetzt, das Internet spielt eine wichtige Rolle. Der Geniekult der 70er und 80er Jahre ist vorbei. Wichtig sind Ausstellungen in internationalen Museen. 

Heribert Brinkmann: Verdirbt Geld den Künstler? 

Hermann-Josef Kuhna: Nein, kommt auf den Künstler an. Bei mir? Ich habe lieber Ölfarben als Essen gekauft. Geld hat mich nicht verdorben, sondern mir eher neue Möglichkeiten eröffnet. Ich habe die schönsten Museen Europas besucht, ich unternahm Reisen nach Ostasien. Auch für die unbedingt notwendigen dicken, fetten Kataloge braucht ein Künstler Geld.

Es ist das Geld, das es mir ermöglicht, mich auf einem wunderbaren Niveau zu bewegen. Auf der anderen Seite ist Geld ein relativer Wert. Die Preise von Kunstwerken haben nichts mit Qualität zu tun. Für was manchmal 100000 Euro verlangt und gezahlt werden, ist schon traurig und deprimierend. 

Heribert Brinkmann: Was haben Sie sich für die Zeit nach der Akademie vorgenommen? 

Hermann-Josef Kuhna: Mein Ruhestand steht erst in anderthalb Jahren an. Ich hoffe dann, mehr malen zu können und weiter auszustellen. Zwei, drei Ausstellungen im Jahr reichen mir völlig. Mein letztes Lebens-Fünftel ist angesagt, da möchte ich in erster Linie mein Werk abschließen. Ich verliere die Lust, mich um den Nachwuchs zu kümmern.

Mit der Arbeit an der Akademie stoße ich jetzt an meine Grenzen. Ich bin froh, wenn der Spuk vorbei ist. Wenn ich zwei Tage lang Mappen von Bewerbern ansehen musste, träume ich danach von Katastrophen. Ich möchte wieder besser träumen, reisen, Kunst genießen können. Vor allem gilt, wie Ben Vautier es so schön formulierte: „I don’t want to do art. I want to be happy.“ 

Professor Hermann-Josef Kuhna: Der „Kölner“ Kuhna studierte von 1964 bis 1969 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei den Professoren Bobek, Arnscheidt und Weber. 1969 legte er seine erste philologische Staatsprüfung ab, 1971 seine zweite. Danach arbeitete er als freier Künstler und jobbte als Kellner. 1972 wurde er Dozent am Institut für Kunsterzieher der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, Abteilung Münster.

1979 wurde er dort an der mittlerweile selbstständigen Kunstakademie Münster zum Professor ernannt. Sein Atelier behielt er die ganzen Jahre über in Düsseldorf. Doch die Düsseldorfer Kunstszene hat den aktiven, experimentierfreudigen Künstler noch zu entdecken – das Interview will dazu beitragen, eine interessante Künstlerpersönlichkeit mit einem individuellen Werk einer großen Öffentlichkeit bekannt zu machen.  

Über den Autor:

Dr. Heribert Brinkmann, geboren 1956 in Düsseldorf, Kunsthistoriker, Studium in Köln, Dissertation 1981 über „Wassily Kandinsky als Dichter“. Werbetexter, Journalist und Buchautor, zurzeit Redakteur der Rheinischen Post, lebt in Kaarst bei Düsseldorf. 

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20.07.2008 eine schleichende Verarmung eines Teils der deutschen Bevölkerung

Gottfried Böhmer

Andreas Oehler im Gespräch mit dem Kurator und Redaktionsleiter von GFDK, Gottfried Böhmer über die Ästhetik der Gesellschaft, Eliten und Präkariate 

Gottfried Böhmer:  Am 4. März hat das Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)  eine Studie veröffentlicht, wonach die Zahl der Geringverdiener in Deutschland in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Gleichzeitig ist die Mittelschicht deutlich geschrumpft. Ihr Anteil an der Bevölkerung sank von 62 auf 54 Prozent.

Die Zahl der Geringverdiener in Deutschland ist damit auf etwa ein Viertel der Bevölkerung gewachsen, also rund 20 Millionen Menschen, im Jahr 2000 war es noch ein Fünftel, etwa 16 Prozent. Die Zahlen zeigen, dass wir derzeit eine schleichende Verarmung eines Teils der deutschen Bevölkerung erleben. Ich frage deshalb Sie als Journalist, was machen eigentlich die Journalisten, die Medien, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen?

Andreas Oehler: Es gibt derzeit leider wichtige gesellschaftliche Themen, die es selten auf die ersten Seiten deutscher Zeitungen oder als Programmschwerpunkt in Radio oder Fernsehen oder als Meldung in die TV-Nachrichten schaffen, obwohl sie eigentlich auf den Nägeln brennen und wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, ist das ihre persönliche Meinung und sieht die Mehrheit Ihrer Kollegen das auch so? Man hat doch eher den Eindruck, dass die Hintergründe dieser mittlerweile massenhaften Verarmung in Deutschland eher nicht ausgesprochen werden.

Andreas Oehler: Das ist meine persönliche Meinung. Ob das die Mehrheit meiner Kollegen genau so sieht, kann ich nicht sagen, da ich keine entsprechenden Untersuchungen kenne. Von den Kollegen, die mit mir zusammenarbeiten, hat die Mehrheit diese Entwicklung mitbekommen. Nur schaffen sie es nicht, das Thema besser zu platzieren.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Zunächst ist der Arbeitsalltag der Journalisten heute so überladen, dass kaum noch Zeit bleibt einmal ein Thema jenseits der Arbeitsroutinen zu bearbeiten. Und das Thema Verarmung der Gesellschaft fordert, wenn es nicht beim Aufzeigen von Phänomenen bleiben soll, viel Erfahrung, gründliches Nachdenken und Zeit für Recherche.

Diese ist aber heute in den meisten Redaktionen nicht mehr vorhanden. Dann gibt es ein Gesetz der Aktualität, das die Redaktionen, so meine ich, oft davon abhält, Themen zu platzieren, die zwar von brennendem Interesse aber selten Tagesgespräch sind. Man nimmt eher die Themen, die leichter aufzugreifen sind, weil sie laut und spektakulär auf den Tisch oder Bildschirm kommen.

Dazu kommt bei einigen Kollegen sicherlich noch eine gewisse Trägheit im Denken dazu, die häufig mit Vorurteilen verbunden ist. Man will über das Bekannte hinaus nicht denken und die eigenen Grenzen, Erkenntnisse und die eigene Arbeit nicht in Frage stellen.

Das genannte Beispiel ist dafür typisch. Nach meiner Beobachtung war über das Thema Verarmung in den letzten Tagen in den Medien fast täglich etwas zu lesen, zu hören oder zu sehen – aber leider meist nur dort, wo das Thema weniger Aufmerksamkeit erregt. D. h.  im Wirtschaftsressort oder in TV-Magazinen, die nicht die breite Masse erreichen. Oder man kann auch sagen, dass die Beiträge zu brennenden gesellschaftlichen Fragen von vielen Menschen nicht mehr wahrgenommen werden.

Gottfried Böhmer: Erregt sollten wir aber doch sein – angesichts dieser Entwicklung? Will man das Thema vielleicht nicht an die große Glocke hängen, um den Eindruck zu erwecken, alles sei in Ordnung, nach dem Motto „weiter so, es wird schon werden“?

Andreas Oehler: Diese Meinung gibt es sicherlich auch, wird aber nach meiner Beobachtung von einer Mehrheit meiner Kollegen nicht getragen. Es sind eher eine Mischung aus ökonomischen Zwängen, fehlenden Formaten für eine angemessene Präsentation des Themas und die fehlenden Kenntnisse zum Thema.

Will man das Thema angemessen bearbeiten, muss man eine Mischung aus historischem, ökonomischem, philosophischem, soziologischen und theologischen Denken beherrschen oder – kurz gesagt – in der Lage sein, einen gesellschaftliches Problem fundiert zu diskutieren.

Tiefschürfende Analysen zu gesellschaftlichen Problemen sind aber in den meisten Medien nicht mehr gewünscht. Das kostet zu viel Zeit. Ausnahmen bilden hier große Zeitungen wie die Süddeutsche, FAZ, manchmal der Spiegel, einige wenig verbreitete Spezialmagazine und die öffentlich-rechtlichen Sender, denen jedoch jetzt ein Bündnis aus Politikern und privaten Medienunternehmern Grenzen setzen will, die wahrscheinlich die redaktionelle Arbeit erheblich erschweren werden.

Damit ginge ein Stück demokratischer Kultur verloren.Ich frage mich zudem oft, ob Medienpolitiker wie Medienunternehmen – privat oder öffentlich-rechtlich – heute noch breite öffentliche Diskussionen über ein gesellschaftlich wichtiges Thema anstoßen wollen, oder ob es ihnen nur noch um Aufmerksamkeit und Marktmacht geht.

Man kann auch sagen: Ökonomisch machen Publikationen zum Thema Verarmung für private Medienunternehmer keinen Sinn, wenn sie nicht nur Phänomene, sondern auch Grundlagen unserer Gesellschaft wie Wertefragen berühren sollen.

Das erfordert zu viel Zeit für Recherche und Produktion. Die öffentlich-rechtlichen Sender wiederum stehen sich oft selbst im Weg, weil sie – so meine Beobachtung – zu viel Abstimmung brauchen (so bei der ARD) oder zu viel wollen (Information, Kultur, Unterhaltung, Sport, Service etc) und sie deshalb zu wenig Kapazitäten haben, um gerade dort ihre ökonomische Freiheit ins Spiel zu bringen, wo sie deutlich machen können, welchen wertvollen Dienst für die Gesellschaft ein mit Gebühren finanziertes Medienunternehmen leisten kann.

Beim Thema Verarmung könnten ARD und ZDF zeigen, was Grundversorgung heißt und warum sie diese Aufgabe zuverlässig erledigen können. Solange aber wertvolle Sendezeit für fragwürdige Unterhaltung oder endlose Sportübertragungen verschwendet wird, bekommen wirklich wichtige Themen in der Regel nur einen Nischenplatz.

Mein eigenes Unternehmen versucht immerhin jährlich mit so genannten Themenwochen, gesellschaftlich wichtige Themen, die es selten in die Schlagzeilen schaffen, der breiten Öffentlichkeit stärker ins Bewusstsein zu rufen – bisher allerdings nach meinem Eindruck mit wenig Wirkung. 

Gottfried Böhmer: Wenn Sie von Ihrem Unternehmen sprechen, sprechen wir doch wohl vom Staatsfernsehen? Anders kann man doch die öffentlich-rechtlichen Sender kaum nennen, die von genau den Parteien kontrolliert werden, die doch als politisch Verantwortliche für die Verarmungsgesellschaft verantwortlich sind. Oder sehen Sie das anders Herr Oehler? 

Andreas Oehler: Die öffentlich-rechtlichen Sender als Staatsfernsehen zu bezeichnen, halte ich für absurd. Diese Behauptung hält keinem historischen Vergleich stand. Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen ja unter der Aufsicht so genannter Rundfunkräte, in denen neben Vertretern der Länder und der Parteien auch unabhängige Vertreter von Kirchen, Gewerkschaften, Sport- und Jungendverbänden, aus Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft sitzen – also eigentlich alle gesellschaftlichen Gruppen.

Das ist zumindest die Idee der Rundfunkräte. Sicher ist, dass die Politik lange versucht hat und immer noch versucht, bei den Sendern Einfluss zu gewinnen. Häufig ist es den Parteien gelungen, ihre Leute auf wichtige Posten zu bringen.

Das ist in Bundesländern wie NRW und Bayern sicherlich leichter gewesen, weil hier jahrelang nur eine Partei das Sagen hatte. Beim SWR zum Beispiel ist das schon schwieriger, weil hier zwei Bundesländer mit Regierungen unterschiedlicher Färbung das Sagen haben.

Ich möchte das Gegenteil behaupten: Die öffentlich-rechtlichen Sender zeigen immer wieder ihre Unabhängigkeit gegenüber den politischen Parteien. Beispiele: Lothar Späth wurde letztlich durch Recherchen und Sendungen seines Haussenders (SDR) gestürzt wurde. TV-Magazine wie plusminus, Monitor, Report etc im Ersten zeigen ständig kritische Berichte, die bei staatlicher Kontrolle nie über den Sender gehen würden.

Seitdem es die privaten Fernsehsender gibt, macht zudem eine Beeinflussung der öffentlich-rechtlichen Sender weniger Sinn als früher. In Berlin beispielsweise hatte der SFB schon Anfang der 90er Jahre Konkurrenten wie Rias TV, TV-Berlin, FAB und private Radiosender. Diese Medienvielfalt erfordert auf Seiten der staatlichen Behörden und Parteien eine ganz andere Medienpolitik.

Heute scheint es so, dass einige Politiker dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Grenzen setzen wollen, die keine lästige Berichterstattung mehr erlauben. Vernünftige Medienpolitik hieße heute, gemeinsam mit den öffentlich-rechtlichen Sendern ein klares Konzept zu erarbeiten, aus dem hervorgeht, was wirklich Grundversorgung ist, die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender gestärkt wird, das Internet als künftiges Leitmedium einen angemessenen Platz hat und die Berichterstattung über Themen, die ökonomisch keinen Sinn machen, garantiert ist. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der demokratischen Kultur in Deutschland.

Gottfried Böhmer: Inwieweit haben denn die Medien überhaupt in den letzten Tagen wertvolle Beiträge zum Thema Verarmung der Gesellschaft geleistet?

Andreas Oehler: Sie haben klar gemacht, das das Problem ist größer, als wir bisher angenommen haben. Fest steht: Wenn nichts geschieht, ist die Gefahr groß, dass die Mittelschicht weiter schmilzt und zudem der Aufstieg, den ärmeren Bevölkerungsgruppen weiter verwehrt bleibt.

So hat ja das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in den letzten Wochen darauf hingewiesen, dass das Nettoeinkommen der Arbeitnehmer weiter sinkt. In den letzten drei Jahren um 3,5 Prozent - trotz des Wirtschaftsaufschwungs. Das heißt: Die Kaufkraft der meisten Arbeitnehmer sinkt, während die Bruttogewinne der Unternehmen durch den Aufschwung der letzten Jahre um 25 Prozent gewachsen sind, wie die IMK-Forscher zeigen.

Gottfried Böhmer: Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Viele Institute können nachweisen, dass das Realeinkommen der Bevölkerung in Deutschland seit über 20 Jahren nicht mehr gewachsen ist. Verantwortlich ist zum größten Teil der Staat, der durch seine Monopolpreise und Steuern dazu am meisten beiträgt. Ich erinnere Sie nur daran, dass mittlerweile 41 Prozent der Stromkosten aus Steuern bestehen. Oder die Gebühren für einen Reisepass, sich sage und schreibe in nur 10 Jahren verfünffacht haben. Ich könnte Ihnen jetzt noch hunderte solcher Beispiele nennen, das würde aber den Rahmen sprengen.

Andreas Oehler: Das stimmt nicht ganz. Die Studien der letzten Monate belegen, dass beim reicheren Teil der Bevölkerung das Einkommen in den letzten Jahren stark gestiegen ist, während es beim einkommensschwächsten Teil abgenommen hat. Deshalb sprechen viele auch von der Schere, die unsere Gesellschaft immer mehr auseinander reißt.

Richtig ist, dass der Staat mit seiner Steuerpolitik dazu beiträgt, dass bei den meisten Menschen in Deutschland immer weniger in der Tasche bleibt. Ich selbst finde es unerträglich, dass der Staat beinahe überall seine Hand aufhält, doppelt besteuert,  Abgaben erhöht, aber keine wirkliche Steuerentlastung zustande bringt. Damit verhindert der Staat, dass sich viele Menschen selbst aus der Armut befreien, ihre kreativen Kräfte entfalten oder Einkommen und Vermögen bilden können. 

Damit sind die Chancen für einen sozialen Aufstieg begrenzt. Wer zum Beispiel aus der Mittelschicht in die Unterschicht absteigt, hat es schwer wieder zurückzukehren – obwohl dies immer wieder gelingt, wie Studien des DIW belegen. Insgesamt aber ist diese Entwicklung eine Gefahr für die Gesellschaft. Denn ungleiche Einkommensverhältnisse lassen sich leichter ertragen, wenn sie durch Hoffnung auf Karriere und Aufstieg gemildert werden. Fehlt diese Hoffnung, geht das Engagement für das eigene Fortkommen und die Gesellschaft verloren.

Gottfried Böhmer: Die Folgen der heutigen sozialen Entwicklung sind doch, wer einmal unten ist, bleibt auch unten. Damit ist der Staat doch eindeutig für die Perspektivlosigkeit von Millionen Bürger verantwortlich.

Andreas Oehler: Ich frage mich dazu noch, warum muss in Deutschland die Abgabenbelastung eines Durchschnittverdieners wesentlich höher sein als im OECD-Durchschnitt? (42,8 Prozent in Deutschland, 26,6 Prozent im OECD-Durchschnitt – bei Geringverdienern ist der Abstand sogar noch größer - Anm. Redaktion).

Während in den meisten Industrieländern zudem Steuerstufen und Sozialleistungen automatisch an die Preisentwicklung angepasst werden, bildet Deutschland hier eine unrühmliche Ausnahme. Damit nützt vielen Arbeitnehmern eine Lohnerhöhung nichts. Das zusätzliche Geld landet zum größten Teil beim Finanzamt, in den Sozialkassen oder wird von der Inflation gefressen.

Zudem verweist die OECD darauf, dass hierzulande die Belastungen von Familien und Alleinerziehenden mit Sozialabgaben besonders hoch seien. Wie will man so der schleichenden Verarmung entgegen wirken. Die Bekenntnisse der „sozialen“ und „christlichen“ Volksparteien zur sozialen Marktwirtschaft erscheinen angesichts dieser Fakten hohl und heuchlerisch.

Gottfried Böhmer: Was ist zu tun?

Andreas Oehler: Die Politiker müssen ihren Job machen und beispielsweise dafür sorgen, dass wir ein Bildungssystem haben, dass mehr Menschen als bisher eine große Chance zum Erreichen höherer Einkommen bietet. Doch hier versagt derzeit unser – überwiegend in staatlicher Verantwortung betriebenes – Bildungssystem.

Kinder aus bildungsfernen oder armen Familien haben weniger Chancen, wodurch sich Armut verfestigt. Trotz 3,6 Millionen Arbeitslosen gelingt es zudem nicht, knapp eine Millionen offene Stellen zu besetzen, weil es keine effektive Weiterbildung gibt. Wir brauchen daher endlich eine Bildungspolitik, die uns in Deutschland wirklich weiterhilft.

Gottfried Böhmer: Bildungspolitik ist ein schönes Schlagwort, für die in Medien und Politik Verantwortlichen, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Mit diesen Begriffen kann man den Bürgern suggerieren, sie seien selbst Schuld für ihre Verarmung, da sie einfach nicht genug Bildung besitzen. Darüber kann ich nur lachen.

Angesichts der Tatsache, dass in den letzten Jahren hunderttausende bestausgebildete Akademiker jahrelang in so genannten Praktikas verschlissen wurden (man kann auch von Ausbeutung sprechen), und weitere Millionen gut ausgebildeter Leute, nur noch in Billigjobs unterkommen, ist Bildung in Deutschland nur noch Hohn und Spott. Ich darf Sie daran erinnern, was heute für freie Journalisten, soziale oder auch künstlerische Berufe bezahlt wird. Das reicht nicht für die Hand in den Mund. Fazit: Bildung ist nach meiner Meinung kein Garant mehr für eine bessere Zukunft.

Andreas Oehler: Das halte ich für Unsinn und ist auch nicht zu belegen. Richtig ist, Garantien gibt es nicht. Aber eindeutig ist doch, ohne Bildung gibt es wesentlich weniger Chancen – nicht nur in Deutschland, weltweit. Noch ist es zudem so, dass das deutsche Bildungssystem erhebliche Mängel aufweist, aber gleichzeitig immer noch vielen zu einem sehr guten Beruf verhilft.

Dass viele gut ausgebildete Menschen nicht angemessen bezahlt werden, spricht ja nicht gegen die Bildung, sondern zeigt Mängel bei der Wertschätzung ihrer Arbeit auf.  Andererseits zeigen Studien, dass gerade die Menschen ohne gute Bildung die größten Probleme haben, ein gutes Auskommen zu finden.

Wenn etwa ein Viertel aller Jugendlichen in Westdeutschland und fast die Hälfte aller Jugendlichen in Ostdeutschland keinen Ausbildungsplatz erhält oder zu großen Teilen gar nicht die Voraussetzungen für eine berufliche Bildung mitbringt, dann haben wir damit ein Riesenproblem. Die Mehrheit der jungen Menschen, die zu lange in Praktikas ausgebeutet wird, findet immerhin einen Job – und oft auch einen guten.

Zu kurz greift auch der Vorwurf, die Politiker und die Medien allein seien Schuld an der Misere. Seit meinem Zivildienst in einem sozialen Brennpunkt, durch die Gespräche mit Pädagogen und Schuldnerberatern weiß ich, viele Menschen tragen zumindest eine Mitschuld, wenn sich ihre Einkommenslage nicht verbessert.

Es fehlt oft einfach der Wille, die Hilfen der Sozialarbeiter, Kirchen oder staatlichen Fördermittel zu nutzen, um die eigene Lage zu verbessern. Da wird das Geld lieber in teure Handys, Fernseher, Autos oder Stereoanlagen als in Bildung investiert. Oder man säuft lieber vor dem Fernseher sein Bier als sich um die eigenen Kinder zu bemühen und ihnen zu helfen, der Armut zu entkommen.

Es gibt zum Glück auch viele Menschen, die ihre Chancen ergreifen und Verantwortung übernehmen und damit ihren Kindern zum Aufstieg in die Mittelklasse verhelfen. Auch das habe ich im sozialen Brennpunkt und im Freundeskreis erlebt. 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie sich widersprechen. Einerseits geben Sie zu, dass keine Bildung keine Garantie für eine bessere Zukunft ist, und dass viele gut ausgebildete Menschen nicht angemessen bezahlt würden. Andererseits unterstellen Sie genau diesen Menschen, eine Mitschuld und bemühen Platitüden wie „die saufen zu viel, kümmern sich nicht um ihre Kinder, aber investieren in teure Handys.

Das ist genau die tendenziöse Berichterstattung, die ich in vielen TV-Formaten wieder finde. Nach dem Motto: Du gehörst nicht zur Mittelschicht, biste selber Schuld, also geh in Sack und Asche. Ich bleibe dabei zu behaupten, dass einzig und allein die politisch Verantwortlichen für die Ausplünderungsorgien gegen das Volk verantwortlich sind.

Wenn hunderte Lobbyisten in den Bundesministerien die Gesetze im Auftrag der Wirtschaft formulieren, während die Abgeordneten ihren Beratervertragsverpflichtungen und Vortragstätigkeiten nachgehen, kann man ohne rot zu werden von einer Unmoral der politischen Kaste sprechen. 

Andreas Oehler: Das halte ich für eine Behauptung, die nicht bewiesen ist. Dass Lobbyisten in den Ministerien arbeiten, ist unbestritten, dass sie alleine aber die Gesetze formulieren, während die Politiker anderen Dingen nachgehen, entspricht nicht dem, was ich über das Gesetzgebungsverfahren in Deutschland weiß.

Zudem ist unangemessen, alle alle Politiker in einen Topf zu werfen. Es gibt erstens nicht die Politiker und zweitens habe ich festgestellt, dass es auch unter Politikern ehrenwerte und verantwortungsbewusste Menschen gibt. Nehmen wir nur mal unseren Bundespräsidenten, der in seinen öffentlichen Auftritten immer wieder auf die schleichende Verarmung der Gesellschaft hinweist und Politiker wie Manager auf ihre Verantwortung hinweist.

Doch insgesamt versagt nach meiner Beobachtung die Politik dabei, Ihren Auftrag zu erfüllen und dem Gemeinwohl zu dienen. Man kann deshalb sicherlich auch von einer Verarmung der politischen Kultur sprechen. Das Ziel politischen Handelns scheint heute weitgehend der nächste Wahlerfolg. Deshalb bestimmen – nach meinem Eindruck – vor allem Wahlgeschenke, Interessenpolitik für laut- oder lobbystarke Gruppen, ja und oft auch Wortbrüche und Lügen das politische Geschäft. 

Gottfried Böhmer: Wortbruch und Lügen, das sind gute Stichwörter. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, wissen wir doch alle, dass der Wortbruch und die Lüge zum politischen Tagesgeschäft geworden ist. Nicht umsonst gehen teilweise über 50 % der Wähler nicht mehr zur Wahl und 80 % der Bevölkerung misstrauen der Politik.

Die Folgen für die Demokratie, scheinen unseren politisch Verantwortlichen - solange sie weiter gut versorgt sind - egal zu sein. Abgesehen davon, dass der Gesetzgeber (Staat) immer mehr als Gesetzesbrecher auftritt – Steuern auf Steuern erhebt und laufend vom Bundesverfassungsgericht darauf hingewiesen werden muss, dass er gegen die Grundrechte aller Bürger verstößt, ist es mit der Glaubwürdigkeit der politischen Eliten nicht gut bestellt. 

Andreas Oehler: Ich glaube, die meisten Bürger sind deshalb von der Politik enttäuscht, weil sie merken, es kommen von oben keine wirklichen Lösungen für die aktuellen Probleme. Das Vertrauen ist weg, dass für Probleme wie Rente, Gesundheitssystem oder auch den demografischen Wandel wirkliche weitsichtige Lösungen gefunden werden.

Es fehlt damit die Hoffnung, dass sich durch Wahlen wirklich etwas ändert. Viel lieber als endlich eine vernünftige Renten-, Gesundheits- oder Bildungsreform anzugehen, verteilen die Politiker kleine Trostpflaster oder doktern an den Problemen herum. Die Rentner zum Beispiel erhalten jetzt ein bisschen mehr Rente, die Gesundheitskosten werden immer wieder irgendwie gedeckelt und die Eltern erhalten mehr Geld, um die Betreuung ihrer Kinder bezahlen zu können.

Doch wer deshalb den Politikern alleine die Schuld an den gegenwärtigen Problemen gibt, vergisst, dass die Politiker ja nicht als Politiker geboren werden, sondern aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Der Verlust an Weitsicht, Vertrauenswürdigkeit und Verantwortungsgefühl lässt sich in vielen Bereichen unserer Gesellschaft beobachten.

Ich erinnere nur an die zunehmend sinkende Zahlungsmoral, die vielen kleinen Unternehmen zu schaffen macht, oder an die weit verbreitete Abneigung, Kinder in die Welt zu setzen, oder an manche Auszubildende und Studenten, die als Angestellte nicht einzusetzen sind, weil sie Verantwortungsgefühl und Engagement vermissen lassen.

Die Reihe der Beispiele lässt sich noch fortsetzen und gleichzeitig muss auch betont werden, dass diese Beispiele zum Glück nicht die Regel sind. Trotzdem: Solange nicht Charakter, Verantwortungsbewusstsein und Engagement für andere die wichtigsten Werte unserer Gesellschaft sind, wird es auch mit unserer Politik nicht besser. 

Gottfried Böhmer: Warum melden sich denn dann die Kirchen nicht stärker zu Wort? 

Andreas Oehler: Die Kirchen haben seit über zehn Jahren regelmäßig auf die zunehmende Spaltung und Verarmung unserer Gesellschaft hingewiesen. Weiter muss man sagen, dass ohne die diakonische Arbeit der Kirchen und ihre Gemeindearbeit die Situation vieler Menschen in den benachteiligten Bevölkerungsschichten noch schlechter wäre.

Nicht nur Obdachlose, auch viele Kinder, arme Alte oder sozial Schwache erhalten durch kirchliche Initiativen warmes Essen, Kleider, Möbel – und vor allem – was man nicht vergessen darf, ein zusätzliches Zuhause. Man darf nicht vergessen. Armut bedeutet häufig auch Verlust an sozialen Kontakten und Gemeinschaft.

Die Kirchen sind heute einer der wenigen Plätze, wo man Heimat und Gemeinschaft finden kann – unabhängig von Einkommen, Bildung, Rasse oder Herkunft. Diese soziale Bindekraft der Kirchen wird heute weitgehend übersehen und unterschätzt. Und was die Kirchen leisten, was sie zu sagen haben und wie wichtig sie für die Stabilität unserer Gesellschaft sind, wissen heute viele nicht mehr oder wollen es nicht hören. Man blickt lieber auf die Schwächen und die „Skandale“ - und lässt es dabei bewenden. 

Gottfried Böhmer: In diesem Punkt kann ich ihnen voll und ganz zustimmen. Ich glaube, wir brauchen viel mehr Kirche. Aber die Kirche und gemeinnützige Institutionen dürfen nicht als Alibi missbraucht werden, um sich der Verantwortung zu entziehen. 

Andreas Oehler: Die Kirchen und auch einzelne Christen lassen sich nicht als Alibi missbrauchen. Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern etc entstehen nicht, weil sie der Staat verordnet hat oder man dem Staat helfen will. Christliche Diakonie zeichnet heute, gestern und wahrscheinlich auch in Zukunft aus, dass sie entsteht, weil einzelne Christen die Not anderer Menschen sehen und initiativ werden.

Das kann man heute gut bei vielen Suppenküchen oder Tafeln beobachten. Es sind in der Regel Initiativen einzelner Menschen. Und ich finde das gut so. Wo einzelne Menschen Initiative ergreifen, aktiv eine Notlage bekämpfen, da lebt eine Gesellschaft.

Unser Problem heute ist ja, dass es zu wenige Menschen gibt, die die Not ihrer Mitmenschen sehen, Verantwortung übernehmen und nicht warten, bis Institution aktiv werden. Große Organisationen sind zudem in der Regel zu groß, zu träge und von ihrer Struktur her einfach zu langsam, um auf jede Notlage schnell und angemessen reagieren zu können.

Ein Riesenproblem für unsere Gesellschaft ist doch, dass mit der breiten Abwendung von den Kirchen unserer Gesellschaft auch kulturelle Werte verloren gehen. Wer regelmäßig Gottesdienste besucht, lernt das Zuhören, Respekt gegenüber der Schöpfung, Gott und den Mitmenschen, durch wiederum Bibellektüre lernt man wichtige jahrtausende alte Weisheiten des Zusammenlebens zu verinnerlichen, man lernt, dass man nicht der Mittelpunkt der Welt ist, was wiederum hilft, den Blick über den eigenen Tellerrand zu heben und auch mal über den eigenen Schatten zu springen. Auf Werte wie Verantwortung, Mitgefühl, Verzicht, Hingabe, Geduld, usw kann eine Gesellschaft doch nicht verzichten? 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, Sie sprechen hier von großen Werten. Sind diese überhaupt noch zu halten angesichts des enormen Werteverlustes in unserer Gesellschaft? 

Andreas Oehler: Ich würde sogar sagen, die Folgen dieses „Werteverlustes“ sind heute schon sichtbar. Politisch betrachtet: Der große Frankfurter Sozialethiker Friedhelm Hengsbach hat mir Mitte der 90er Jahre in einem Interview erklärt, dass es in Deutschland in den 80er Jahren eine breite Abwendung der Eliten von der sozialen Marktwirtschaft gegeben habe.

Ein anderes Beispiel: Ein Bekannter, der als Coach für Manager arbeitet, hat mir erzählt, dass 60 Prozent aller Firmenpleiten auf charakterliche Schwächen der Verantwortlichen zurückzuführen sind und nicht auf ökonomische Probleme.

Wir können davon ausgehen, dass die charakterlichen Schwächen, nicht nur ein Problem unter Managern sind. Das heißt für mich: Ein viel größeres Problem als die materielle Verarmung ist die kulturelle Verarmung in Deutschland. Denn die  materielle Verarmung ist in weiten Teilen eine Folge der kulturellen Verarmung. 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, kommt hier der Theologe zu Wort? Oder der Journalist? Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen? 

Andreas Oehler: Ich kann den Theologen nicht immer vom Journalisten trennen und umgekehrt. Allerdings habe ich das Thema erstmals als Journalist bearbeitet und mir dann Fragen gestellt, auf die ich ohne Theologiestudium wahrscheinlich nicht so schnell gekommen wäre. Die Bedeutung von Werten ist mir dadurch vielleicht stärker bewusst als anderen. Außerdem weiß ich als Theologe, dass die Ökonomie niemals die einzige Basis unseres Lebens und einer Gesellschaft sein kann.

Für mich steht fest: Wir brauchen in Deutschland eine Kultur der Verantwortung  – alles andere ist Unkultur. Der einzige Weg dahin scheint mir derzeit, dass zunächst möglichst viele, die Verantwortung tragen – also Politiker, Manager, Journalisten, Künstler, Pädagogen, Pfarrer kurz die gesellschaftlichen Eliten  - versuchen selbst eine Kultur der Verantwortung zu leben, dort, wo sie Einfluss haben, aber auch in ihrem alltäglichen Leben in der Familie, mit Nachbarn, Freunden und Kollegen. Nur wenn bei möglichst vielen Menschen der Wille vorhanden ist,  diese Kultur der Verantwortung zu leben, kann diese auch wachsen.

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, Sie haben zwei Mal das Wort Eliten verwendet und sie sprechen von den gesellschaftlichen Eliten. Ich glaube, wir haben eine unterschiedliche Auffassung, was man unter dem Begriff Elite verstehen sollte. Für mich sind die Eliten die tragenden Säulen der Gesellschaft wie zum Beispiel Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Landärzte usw. - mit anderen Worten: Menschen, die der Gesellschaft dienen, ohne sich dafür täglich in den Medien darzustellen, um sich feiern zu lassen.

In der Begriffswelt der Medien, also der Meinungsmacher, gelten immer noch Politiker, Manager aber auch Journalisten wie sie selbst betonten als gesellschaftliche Eliten. Dabei wird wohl übersehen, dass diese Kreise, sich gegenseitig das Glas Champagner in die Hand reichen. Die Politiker leben von der öffentlichen Meinung (der Medien), die Manager mal mehr mal weniger, mal mit mal ohne Druck von politischen Entscheidungen – und die Medien leben von beidem.

Da gilt wohl eher die Regel, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Anders ausgedrückt: Von diesen viel beschworenen Eliten hat das Volk nicht viel zu erwarten. Diese Eliten eignen sich nicht, die großen Probleme, die wir haben und die noch auf uns zukommen werden, zu lösen. 

Hätten diese Eliten ihre Verantwortung wahrgenommen, hätte es in den letzten Jahren eine andere Entwicklung geben.  

Andreas Oehler: Richtig, wenn unsere Eliten in den letzten Jahren ihre Verantwortung wahrgenommen hätten, gäbe es jetzt sicherlich einige Probleme weniger. Aber: Auch wenn unsere Eliten kein Vorbild sind und viel Vertrauen verspielt haben – und bei uns schon alleine das Wort Elite bei vielen einen negativen Klang hat, für mich steht fest, wir brauchen verantwortungsbewusste Eliten.

Diese Menschen müssen charakterlich gefestigt sein, die übertragene Verantwortung voll und ganz übernehmen, das Eigeninteresse zurückstellen und im Notfall den Karren selbstlos aus dem Dreck ziehen. Und: Eine größere Verantwortung für das Ganze tragen nun mal meistens die von mir vorhin genannten Berufsgruppen.

Unsere Verantwortung als Bürger ist es, dieses verantwortungsbewusste Verhalten immer wieder einzufordern. Ich halte nichts davon, die Ursache unserer oder auch der eigenen Probleme nur bei den Politikern oder Medien zu suchen. Jeder Mensch macht Fehler und trägt zu unseren Problemen heute bei – und sei es nur durch Nichtstun oder indem er nicht bereit ist, über Ursachen und Wirkungen von Problemen nachzudenken oder sich mit schnellen Antworten zufrieden gibt.

Schön zu sehen ist das bei den Talkshows im Fernsehen, wo man sich im Grunde festsitzende Urteile und Vorurteile als Argumente um die Ohren haut. Ein sinnvolles Gespräch, das zu einem Ergebnis führt, kommt eigentlich nicht mehr zustande. Ich schaue mir diese Talkshows deshalb schon lange nicht mehr an.

Das ist Zeitverschwendung. Die Unfähigkeit und die mangelnde Bereitschaft einander zuzuhören oder im Gespräch Argumente auszutauschen und dann irgendwie ein neues Ergebnis zu finden, erlebe ich aber auch oft im persönlichen Gespräch. Für mich sind dies Phänomene Teil einer kulturellen Verarmung, die wir heute erleben. Zu finden nicht nur bei Politikern oder Journalisten, sondern in weiten Teilen unserer Gesellschaft.

Trotzdem sollten wir nicht nachlassen und von der Politik und den Medien immer wieder eine Kultur der Verantwortung einfordern. Das heißt von der Politik sollten wir eine weitsichtigere und dem Gemeinwohl zuträgliche Politik fordern, eine Politik, die es wieder mehr Menschen ermöglicht, auf bessere Zeiten zu hoffen und am kulturellen Leben teilzunehmen.

Von den Medien – insbesondere den öffentlich-rechtlichen – sollten wir fordern, auf einige Sendungen zu verzichten und sich stärker mit den wirklich relevanten Themen zu profilieren und öfter einen Diskurs über die Grundlagen unseres Zusammenlebens und unserer Gesellschaft anstoßen. 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, in den vergangenen 20 Jahren war das große Schlagwort in unserer Gesellschaft die Privatisierung. Politiker und Manager haben der Bevölkerung weiß machen wollen, dass Privatisierung und Liberalisierung zur Effizienzsteigerung und damit zu mehr allgemeinem Wohlstand führen würde.

Eine derartige Milchmädchenrechnung hätten die Medien deutlicher und mehr hinterfragen müssen. Clemens Pornschlegel schrieb dazu in der Süddeutschen Zeitung „Diese Rechnung ging aber nicht auf, Effizienzsteigerung heißt privatwirtschaftlich nämlich zu allererst Kosteneinsparung. Nur sparen Unternehmer ihre Kosten weder im Dienst der Belegschaften noch der Kunden ein, sondern sie haben ihre Gewinnstruktur bzw die Kapitalanleger im Blick.“

Um es deutlicher zu sagen, mit der Wohlstandssteigerung haben unsere Politiker wohl nur die 10 Prozent gemeint, die 90 Prozent des Vermögens besitzen. Angesichts dieser Tatsachen frage ich mich, wie wir, wenn wir weiterhin keinen nennenswerten Widerstand leisten, die organisierte Ausweitung von Parallelgesellschaften, sozialen Randgruppen und Präkariaten verhindern wollen.

Ich fürchte Herr Oehler, dass in den kommenden Jahren weitere Millionen Bürger von der Mittelschicht in die Unterschicht abgedrängt werden. Clemens Pornschlegel hat dazu gemeint, Zitat: „Mit Liberalismus im politischen Sinn, d.h. mit der Garantie der größtmöglichen Freiheit für Individuen hat das nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Es bedeutet deren Preisgabe zugunsten unternehmerischer Interessen. Und demnächst werden wir uns im Namen dieser Interessen womöglich keine Menschenwürde mehr leisten können.“ 

Andreas Oehler: Herr Böhmer! Ich fürchte auch, dass es erst schlimmer werden muss, bevor unsere Politiker, Medien, Kirchen, Wirtschaft, die gegenwärtigen Eliten aber auch weite Teile der Gesellschaft merken, was wir wirklich als Grundlage unserer Gesellschaft brauchen.

Solange Respekt, Verantwortung, gegenseitige Achtung oder Vertrauen nicht den gleichen Wert haben wie Gewinn, wirtschaftlicher Erfolg, Einkommenssteigerung etc. sind wir auf dem Weg in eine wie auch immer geartete Barbarei, in der wir uns gegenseitig das Leben schwer machen und zerstören. Kurzfristig werden sich wohl immer stärker die Einzelinteressen durchsetzen, die in starken Verbänden organisiert sind.

Auch das ist übrigens Ursache unserer schleichenden Verarmung. Wer gut organisiert ist und eine starke Lobby hat, kann seine Interessen besser durchsetzen und oft auch sein Einkommen steigern. Wer keine starken Interessenverbände hat wie Alleinerziehende, Familien, Künstler oder Menschen, die als Sozialarbeiter, Erzieher oder Krankenpfleger arbeiten bleibt arm oder wird immer ärmer. Oder platt ökonomisch gesagt:

Die großen Unternehmen werden in der Regel weiter Gewinne machen während die Alleinerziehenden, Familien, Kinder oder auch die sozial schwachen Alten weitere Verluste hinnehmen müssen. 

Gottfried Böhmer: Was wünschen Sie sich, Herr Oehler? Haben Sie noch Träume? 

Andreas Oehler: Ich wünsche mir, dass wir, Menschen wie Sie und ich, die ihren Kopf auch zum Nachdenken einsetzen, über Lebenserfahrung verfügen und viele Daten und Fakten kennen, sich wieder mehr mit den wirklichen Grundlagen unserer Gesellschaft, den Werten beschäftigen.

Diese sind die Grundlage der Kultur unserer Gesellschaft. Wenn wir und viele andere Menschen versuchen in unserer Arbeit, unserem Privatleben, kurz in unserem täglichen Tun, eine Kultur der Verantwortung zu leben, wenn wir gleichzeitig anfangen, den Diskurs über gesellschaftliche Fragen und philosophische Diskussionen wieder mehr zu pflegen, wird das nicht ohne Folgen bleiben. Das ist unsere Verantwortung.

Leben wir eine Kultur der Verantwortung, des Respekts, des Mitgefühls für unsere Mitmenschen, haben wir schon viel erreicht. Ich bin überzeugt, dass davon auch bei den Politikern oder Medien etwas ankommen wird.

Jetzt fange ich an zu träumen oder der Theologe in mir bricht wieder durch. Wie auch immer: Unsere Gesellschaft braucht ein neues Bild oder einen neuen Traum vom Zusammenleben. Das würde in unsere Diskussionen endlich mehr Ästhetik, Schönheit und ein Feuer bringen, das diese ganze gegenwärtige Unkultur hinwegfegen kann. Vielleicht nur ein schöner Traum, aber eine Hoffnung, die mich treibt weiter nachzudenken, zu diskutieren und wo immer möglich Verantwortung zu übernehmen. 

Gottfried Böhmer: Herr Oehler, ich bedanke mich für das Gespräch!  

Andreas Oehler, 49 Jahre, ist Online-Redakteur bei ARD.de. Er hat Evangelische Theologie studiert und ab 1989 als TV-Reporter bei Rias TV, Deutsche Welle TV und dem SFB die Wende und den Umbruch in den ehemals kommunistischen Staaten (DDR, Russland, Rumänien, Albanien u.a.m.) teilweise hautnah miterlebt. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den politischen, kulturellen und sozialen Grundlagen unserer Gesellschaft.

Gottfried Böhmer, ist seit 1997  Kurator und künstlerischer Direktor der Gesellschaft Freunde der Künste, einer Non-Profit-Organisation, die ausschließlich nur mit Künstlerinnen arbeitet. Er ist Mitherausgeber des Kaiserswerther Kunstpreises, der nur an Künstlerinnen vergeben wird.  Seit 1999 initiiert Gottfried Böhmer auch die Goethe-Festivals „Künstlerinnen sehen Goethe“, an denen Künstlerinnen aus der bildenden Kunst, Theater, Tanz und Musik-Interpretationen teilnehmen. Von 1994-1998 war er auch Chefredakteur der Hirtenbriefe.

Literaturtipps:

Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technische Zivilisation.

Amitai Etzioni, Die Verantwortungsgesellschaft. Individualismus und Moral in der heutigen Demokratie.

Julia Friedrichs, Gestatten: Elite. Julia Friedrichs neues Buch begibt sich auf die Spuren der Elite von morgen.

 

 

 

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