Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

05.12.2012 “Ich wäre ein schlechter Giermann-Darsteller“

GFDK - Christopher Lesko

Wenn Bohlen oder Beckmann, Lagerfeld, Lanz oder Lafer in Spiegel schauen möchten, bietet er bei “Switch Reloaded“ Alternativen: Max Giermann, 37, parodiert bis in den inneren Kern der Person mit erschütternder Präzision TV-Größen. In Köln sprach Giermann in einem zweiteiligen Interview mit Christopher Lesko über Stationen seines Weges. Im ersten Teil des Gespräches spricht Giermann über die Jugend in Freiburg und die zentrale Bedeutung seiner Beziehung zu Freund und Mentor Georgo Peugot.

Max Giermann, können Sie mir drei kurze Geschichten über sich erzählen? Eine davon muss gelogen sein.


Die Antwort wäre: Nein. Ich kann nicht gut lügen. Es wäre schon schwierig, die beiden wahren Geschichten aus dem Hut zu zaubern.

Echt?


Vielleicht fallen mir im Laufe des Gespräches noch welche ein.

Gut, belügen wollen Sie mich nicht, das ist aggressiv. Können Sie mir in ein paar Sätzen beschreiben wer genau hier vor mir sitzt


(Lachend) Ich dachte, es wäre jetzt Ihre Aufgabe, das rauszufinden. Damit wir danach beide klüger sind.

Das Bild, welches man von sich selbst hat, ist doch nicht nur langweilig. Ich kann es ja anreichern, wenn mir unterhalb der Ebene gesprochener Worte etwas auffällt.


Ich glaube, das ist mit die schwierigste Frage, sich selbst innerhalb einer Antwort zusammen zu fassen: Ich denke, ich bin ein relativ bodenständiger, normaler Typ, der aus Freiburg kommt und in sehr behüteten Verhältnissen aufgewachsen ist. So, wie man sich das eigentlich erträumt. Der als Kind mit Freunden im Wald spielen konnte. Der einen eigentlich sehr geradlinigen Lebenslauf hat, der nicht einmal drei Geschichten hergibt. Das ist nicht kokett gemeint: Ich bin ein normaler Typ, dem es wichtig ist, ein ganz normales Leben zu führen. Das ganze Drumherum, das der Job mit sich bringt, ist letztlich nicht so wertvoll.

Nun hält man möglicherweise in Frauengefängnissen andere Dinge für normal, als in Kölner Hotels. Obwohl, wenn ich mich hier so umschaue…


(Lachend) Da gibt es bestimmt Überschneidungen…

 …wenn Sie also den Blick auf sich richten, was finden Sie? Sind Sie Börsenfanatiker, Mountainbiker, Vieltrinker, Familienvater, ein aggressiver oder gründlicher Mensch?


Sie merken ja, dass ich mich sehr schwer tue. Mich selbst zu betrachten, finde ich unangenehm. Was bin ich? Ich könnte Ihnen jetzt ein paar Hobbies aufzählen…

Eigene?


Ja, aber das ist es dann auch nicht. Wäre ich Familienvater, würde ich sagen, ich sei in erster Linie Familienvater, weil das sicher jedem Familienvater so geht. Bei mir wäre das auch der Fall, aber soweit ist es ja noch nicht. Hmmhh: Ich bin frisch verheiratet.

Seit heute?


Nein, wir haben im Juli geheiratet.

Darf ich noch gratulieren, oder hat die Ehe schon gelitten?


Nein, die Gratulation nehme ich gerne an.

Herzlichen Glückwunsch, ich wünsche Ihnen beiden ein gutes Leben miteinander.


Vielen Dank. Es war eine tolle Hochzeit, und es fühlt sich gut an. Man fragt sich ja vorher: Ändert eine Heirat überhaupt irgendetwas? Nein, es ist schön, ich kann es nur empfehlen. Auch ein blöder Spruch.

Natürlich ändert Heirat etwas.


Ja, das gibt mir schon mehr das Gefühl, irgendwo hin zu gehören. Das klingt vielleicht auch wieder banal, aber an diesem sprichwörtlichen Hafen ist etwas dran. Man bekennt sich in anderer Art dazu, und es ist nicht mehr so austauschbar, wie es vielleicht vorher hätte sein können. Das ist sehr schön. Ansonsten bin ich ein relativ genervter, verzweifelter Haussuchender. Sie merken, es geht alles mehr in Richtung Sesshaftigkeit.

Warum genervt?


Weil wir nichts finden hier in Köln. Ich bin auch nicht der ganz große Köln-Liebhaber, aber ich habe mich hier langsam nach dreieinhalb Jahren eingelebt. Köln ist schwierig für Haussuchende: Entweder schweineteuer, oder uns fehlt der Garten, der schon dabei sein sollte. Zwei, drei Jahre, so Bekannte, muss man suchen. Es ist nicht so einfach, hier etwas Schönes zu finden.

MEEDIA als Brot-und-Butter-Portal für medienaffine Hausbesitzer und Immobilienmakler könnte den entscheidenden Schritt einleiten. Vielleicht wird ja unser Gespräch entsetzlich öde, aber Sie können sich auf der anderen Seite vor Häusern mit Garten oder gar Gartenhäusern nicht mehr retten.


Och ja,  gerne. Ja, und sonst bin ich ein Mensch, der sich auch sehr über seinen Beruf definiert. Ein Beruf, der mich sehr umtreibt: Kein normaler Bürojob, bei dem man abends und am Wochenende einfach so abschalten kann. Vieles arbeitet sehr in mir weiter, und immer wieder muss ich mich als Schauspieler neu orientieren.

Kommt Ihre Frau aus dem phantastischen Umfeld der TV-Medien?


Nein. Sie steht dem Ganzen auch relativ kühl gegenüber. Sie hat eine vernünftige Distanz und ist beispielsweise niemand, der gerne auf roten Teppichen umhergeht. Fassadenhaftes interessiert sie nicht so. Sie mag von den Kollegen auch jene besonders, die natürlich und mit den Füßen auf dem Boden geblieben sind.

Klingt so, als hätten Sie es gut getroffen. Wenn Sie nicht aufpassen, hält die Ehe.


Ich hoffe! Ich war auch schon zusammen mit Frauen, die meinen Beruf ausübten, das war immer schwierig.  Man tritt schnell ungewollt in ein Konkurrenzverhältnis: Einer bekommt ein Engagement beim Theater, der andere nicht, das kann anstrengend werden. Meine Frau hat auch überhaupt keine Ahnung von meinem Beruf, dadurch ist sie mir immer die liebste Kritikerin. Eigentlich die einzige, die im Vorfeld etwas zu meinen Sachen sagen darf, und es ist sehr angenehm, jemanden an seiner Seite zu haben, der abends im Fernsehen einfach nur die Serie sehen will. Ohne diesen komischen Blick, den man als Teil der Medien nur noch schwer ablegen kann.

Welche Frage sollte ich Ihnen innerhalb dieses Gespräches auf gar keinen Fall stellen?


Bitte nicht die Frage, die in jedem Interview gestellt wird, wie denn die Opfer auf meine Parodien reagieren.

Opfer?


Ein Ausdruck, den Journalisten geprägt hatten, und den die Parodie-Szene ein wenig übernommen hat. Stimmt, da schwingt etwas Schräges mit. Ich gehe nie mit dem Anspruch an die Arbeit, andere zu zerfleischen.

Die Frage nach Opfer-Reaktionen interessiert mich nicht. Im Gegensatz zu den von Ihnen Parodierten wären Sie dafür ohnehin der falsche Ansprechpartner. Ich will Sie zu Ihren Parodien übrigens gar nichts fragen.


Das gefällt mir. Diese Frage jedenfalls wurde bis jetzt in jedem Interview gestellt. Interessant, dass andere als Erstes interessiert, wie Parodierte auf Parodien reagieren. Eigentlich richtig: Bei einer guten Parodie sollte man nicht über den Parodisten, sondern den Parodierten sprechen.

Soll ich Ihnen die Frage doch noch stellen?


Nein - stimmt: Jetzt rede ich so darüber, als hätte ich die Frage gerne gehabt.

Wie schaffe ich es denn, mir innerhalb unseres Gespräches schnell Ihren größtmöglichen Ärger zuzuziehen?


Sie müssten unhöflich werden. Aufgesetzt provokant sein und Provokation als Technik benutzen. Ich mag generell eher Harmonie, auch beim Arbeiten und nicht, wenn man sich so anstachelt.

Ihr Management hat mir freundlicherweise vorab Ihre Vita geschickt. Waren Sie einer der Autoren?


Ich habe da auf jeden Fall drübergeguckt.

Mir ist außerordentlich positiv aufgefallen, dass vermerkt ist, Sie hätten den Führerschein Klasse 3. Der Hinweis darauf befindet sich in der Rubrik "Fähigkeiten" neben  Fechten; Akrobatik; Pantomime; Clownerie. Allerdings an letzter Stelle. Das hat mich misstrauisch gemacht.


(Lachend) Ich bin nicht so ein guter Autofahrer, das stimmt. Deshalb steht es am Schluss. Ich bin noch unfallfrei, aber ich habe auch keinen eigenen Wagen. So gesehen ist das keine Kunst. Auf diesen Setcards müssen diese Dinge angegeben werden. Also eine Rolle als Taxifahrer können Sie ohne Pappe abschreiben.

Sie teilen Ihren Geburtstag mit Kevin Cline…


Au! Nicht schlecht.

…Christoph Schlingensief, Bill Wyman und Mickey Rooney, aber auch mit Hippolyte Mège-Mouriès, dem Erfinder der Margarine und Schneemann Christoph Daum, dem mit den Augen. So für eine Woche Urlaub zu zweit auf den Bahamas, was wären Ihre Top 3?


Das mit der Margarine finde ich super!

Weil die Schmierfähigkeit gut zur TV-Kultur passt?


Nein: Margarine ist gesund. Gegen Margarine kann man eigentlich nicht viel Schlechtes sagen. Außer, dass sie nicht so gut schmeckt wie Butter. Sie taugt zum Backen und ist immer streichzart.

Ein in Urlauben weitgehend tabuisiertes Thema.


In der Tat. Ansonsten,  Mit Christoph Schlingensief würde ich es mir allein deswegen wünschen, um ihm diesen Tag zu vergönnen. Kevin Cline würde ich in jedem Fall nehmen, den finde ich großartig. Man hofft ja immer, dass Kollegen, die vor dem Bildschirm sehr lustig sind, auch privat lustig sind. Das haben Sie wahrscheinlich auch gehofft.

Ich hätte jederzeit gerne mit Ihnen über das eine oder andere Thema zusammen geschwiegen. Auch das verbindet. So ganz tief innen drin. Glaube ich.


Ich käme nie auf die Idee, mich selbst als unglaublich geselligen Typen zu bezeichnen. Das entwickelt sich im Gespräch. Ich bin eher ein wenig scheuer. Das wird von Journalisten gerne mal so dargestellt, als hätte ich auf Partys nie Spaß gehabt. Manchmal wird man ja, wenn man nicht jede Party rockt, schnell mal als Sanostol-Kind, das in der Schule nie Spaß hatte, abgestempelt. Das stimmt nicht. Aber ich habe zum Glück nicht diesen Drang, mich immerzu selbst darzustellen. Ich habe das auch bei meinem Bühnenprogramm gesehen: Dieses Gen: Leute, ich bin der Lustigste, hört mir mal alle zu, das habe ich gar nicht. Ich denke dann eher, na ja, behalt es mal lieber für Dich. Ich kenne viele Schauspieler, die eher ein wenig zurückgezogen, selbstreflektierend oder sogar ein wenig selbstzweifelnd unterwegs sind. Bei Comedians ist dies oft umgekehrt.

Sich mit Parodien oder Schauspiel den Raum einer Rolle, eines anderen zu eigen zu machen und ihn zu füllen, bindet ja immer wieder neu viel kreative Energie und fordert ganz besondere Fähigkeiten der Identifikation. Dies privat nicht ebenso zu gestalten, finde ich eher naheliegend. Das ist wie bei zwei Seiten einer Münze, die ebenso zusammengehören, wie sie sich voneinander unterscheiden.


Ja, das stimmt: Privat in Talks-Shows zu sitzen oder in Foto-Shootings finde ich als Teil des Berufes viel schwieriger, als eine Rolle zu spielen. In Rollen geht es nicht vordringlich um mich selbst. Ich genieße es schon, beruflich etwas zu machen, wo man weit von sich selbst weg geht. Ich wäre ein schlechter Max-Giermann-Darsteller. Ich bin ein besserer Lanz-Darsteller glaube ich.

Das verbindet Sie beide. Lanz ist auch ein schlechter Lanz-Darsteller. Switch: Sie sind in Freiburg geboren und aufgewachsen. Wie lief denn Ihr Start ins Leben?


Es war nicht so, dass ich es schwer hatte als Kind, und ich mir eigene Wege durchkämpfen musste. Ich hatte eine sehr straighte und behütete Kindheit, Es war alles schön, ich war sogar ein guter Schüler. Ich hatte Freunde, und meine Eltern hatten wenig Stress mit mir.

Was haben Ihre Eltern denn beruflich gemacht?


Sie waren beide Lehrer – Kunsterzieher, so bin ich mit der bildenden Kunst früh in Berührung gekommen. Ich habe schon als kleines Kind viel gezeichnet und gemalt. Seit dem Studium mache ich das nicht mehr so viel. Eigentlich war das der vorgezeichnete Weg, ich hatte sogar einen Studienplatz für Medienkunst am ZKM in Karlsruhe bekommen. Aber irgendwie dachte ich, jetzt versuchst Du doch noch die Schauspielschule.

Haben Sie über Malen hinaus irgendetwas von Ihren Eltern gelernt, dass Ihnen für Ihr späteres Leben geholfen hat?


Na ja, das mit dem Malen war schon deutlich mehr. Meine Eltern haben das ja hobbymäßig gemacht, meine Mutter hat abstrakt gemalt. Dieser Blick hat mir dabei geholfen, generell zu abstrahieren. Mit künstlerischen Themen frei umzugehen. Meine Eltern haben viel zugelassen, mich meine Wege suchen und finden lassen und mich nie zu etwas gezwungen. Manchmal finde ich es im Nachhinein etwas schade, dass sie mich nicht zwangen, etwa ein Musikinstrument zu lernen. Aber als Kind war es toll, weil ich frei war. So hatte ich später auch keine Schwierigkeiten, einen künstlerischen Beruf einzuschlagen. Ich glaube, meine Eltern hätten es eher problematisch gefunden, wenn ich hätte Jura studieren wollen. Da hätten sie wahrscheinlich gesagt: Oh, muss das sein, das ist doch langweilig. Es war immer alles sehr einfach für mich.

Was waren Sie denn für ein Kind: Lebendig, still, reflexiv? Haben Sie Fußball gespielt oder Autos der Nachbarn angezündet?


Ein gewisses Quantum an Rebellion hatte ich schon auch in mir. Autos habe ich zwar nicht angezündet, aber ich hatte meine Heavy-Metal-Phase: Lautes Musik-Hören in Guns ´n Roses T-Shirts. Später dann die Hip-Hopper-Phase, in der ich mir jede Woche eine andere Haarfarbe zulegte und mit weiten Hosen in die Schule ging. Und, wenn es um Streiche in der Klasse ging, war ich immer weit vorne. Aber ich konnte es mir auch leisten. Wir haben es teilweise schon bunt getrieben.

Gibt es denn irgendeinen Streich, den Sie jungen Menschen heute empfehlen könnten?


Wir haben z.B. mal eine Lehrerin im Klassenzimmer eingeschlossen, die Klasse ist aber draußen geblieben. Einerseits war ich ein ordentlicher Schüler, und andererseits habe ich viel Unsinn gemacht. Unsinn ist mir ja später auf besondere Art zum Beruf geworden.

Wie genau ist denn Ihr Bezug zu Clownerie, Schaupiel und Rollen gewachsen?


Meine ältere Schwester war Mitglied der Theater AG unserer Schule. Sie wollte, dass ich dort mitmache, aber ich habe mich gewehrt. Ich war dafür zu schüchtern damals. Sie hat mich solange beackert, bis ich es gemacht habe. Dort bin ich in einer Improvisation total aus mir herausgegangen, was super funktionierte und auch viel Beachtung fand: Der Adrenalin-Kick, meine eigene Angst überwunden zu haben, setzte Positives frei. Alle haben gelacht, und von da an war ich total begeistert.

Das wurde dann mein liebstes Hobby. Und so ist es heute noch: Ich habe auch heute noch fürchterliches Lampenfieber. Dieser Kick, die eigene Angst überwunden zu haben, fühlt sich einfach gut an. Das ist dieses Fallschirmspringer-Feeling. Kurz vorher denkst Du: Warum mache ich das hier eigentlich alles? Und wenn es dann gut geklappt hat, ist es ein Hochgefühl. Wie gesagt: Bis heute neige ich sehr zu Lampenfieber, gerade im Fernsehen vor großem Publikum. Das gehört dazu.

Lassen Sie uns noch einmal zurück zu Ihrer Entwicklung gehen. Theater AG, dann haben Sie irgendwann Abi gemacht. Wahrscheinlich gut, oder?


Ja. So zwischen Eins und Zwei.

Geht es noch ein wenig abstrakter – “zwischen Eins und Zwei“? Ach, Sie lächeln…


Ja, es ist so blöde…natürlich weiß ich es. Ich tue jetzt so, als wüsste ich es nicht…: 1,6.

Ja, Sie machen das schauspielerisch geschickt. 1,6 – nicht schlecht!


(Lachend) Ja! Hätte ich mir schenken können. Mensch, mich hat noch nie jemand danach gefragt, Sie sind der Erste.

Skandal, erschütternder. Wie war nochmal Ihre Abitur-Note? Und wie ging es dann weiter?


Eins-Sechs. Nicht schlecht, oder? Im Ernst: Der entscheidende Grund für meine spätere Berufswahl war die Begegnung mit Georgo Peugot. Er war ein amerikanisch-stämmiger Clown, der in Freiburg lebte und arbeitete. Er gab damals im Schultheater-Rahmen Workshops. Ich nahm teil und war total begeistert von ihm als Mensch und von dieser Arbeit. Vorher fand ich Clowns immer schrecklich. Ich wurde eines Besseren belehrt. Er hat mir dann später angeboten, mit ihm zusammen eine Gruppe für junge Nachwuchstalente zu gründen.

Das fand ich total reizvoll. Wir haben das gemacht. Mit dem Ergebnis, dass ich zehn Jahre lang Clownerie betrieben habe. Man durfte so viel machen, was man im echten Leben nie machen durfte: Wir sind mit unserer Truppe zu Straßen-Festivals gefahren, man ging in die Menge, konnte die Passanten hochheben und ihnen die Taschen wegnehmen. Das war schön und hatte zugleich so ein bisschen einen therapeutischen Effekt, glaube ich. Während meines Studiums habe ich das weitergemacht und mir ein wenig damit dazuverdient. Ich habe später für die Clownerie sogar beim Theater gekündigt und bin zurück zu Georgo.

Den wahren Bezug Thema gewinnt man ja nicht alleine durch das Thema. Lebendig werden Themen ja durch die Personen, die das Thema repräsentieren. Was war denn Georgo Peugot damals für ein Mensch, als Sie ihm begegneten?


Georgo konnte toll mit jungen Menschen umgehen, weil er sie auf eine sympathische Art ernst nahm: Nicht so aufgesetzt, er war selbst noch ein wenig jung geblieben. Das ist natürlich toll, in einer eigentlich blödsinnigen Sache so ernst genommen zu werden: Man macht sich da zum Affen, macht lustige Übungen mit roten Nasen. Wir alle fanden diese Mischung aus Leichtigkeit und Ernst toll, die er ausstrahlte. Professionell, aber mit wahnsinnig viel Spaß. Mit Georgo hatte man immer Spaß, er war ein so positiver Mensch. Er kannte keinen Neid. Sah er jemanden, der erfolgreicher war als er, hat er ihn eher bewundert. Von ihm konnte man sich viel abschneiden. Ich habe mir wahrscheinlich gar nicht genug abgeschnitten.

Er ist gestorben?


Ja, er ist später gestorben. Rückblickend fand ich das Tollste: Er wollte einfach nur spielen. Wenn wir einen Gig hatten, und es gab Ärger mit dem Auftraggeber, dem Vertrag oder der Kohle, sagte er: “Komm, ich habe keine Lust mehr auf den ganzen Quatsch. Lass uns spielen.“ Dann ging er raus und spielte. Wir sind oft auf dem Berliner Gauklerfest aufgetreten, und das war wirklich anstrengend. Das ging über viele Tage. Man spielte viermal für eine halbe Stunde und  improvisierte in der Menge. Jeden Tag, über den ganzen Tag verteilt. Das war wirklich anstrengend und kraftraubend, auch psychisch. Wir hatten nichts, woran wir uns festhalten konnten und mussten immer wieder völlig frei Neues erfinden. Ich erinnere mich gut: Wir waren alle kaputt und hielten uns relativ strikt an unsere Zeiten. In einer Pause kam uns Georg entgegen:

Er hatte so eine blöde Mr. Bean-Plastikmaske in der Hand und sagte: “Bean is gonna show them how to dance!“ Wir alle waren froh Pause zu haben, und er ging in seiner Pause Mr. Bean spielen. Er war Clown seit über dreißig Jahren, und er ging in seiner Pause spielen. Ich fand es großartig, dass Spielfreude so überwiegen kann bei allem anderen, was da mitschwingt. George hat auf eine ganz direkte Art alle, die mit ihm arbeiteten, beeinflusst. Er war kein intellektueller Mensch, alles kam aus dem Herzen.

Er war wirklich ein ganz großer Clown, war gut in dem, was er tat und tat es aus dem Herzen. Anders geht es auch nicht: Clown zu sein, ist wirklich kein leichter Beruf, das habe ich damals noch nicht so gesehen. Heute weiß ich das: Immer alleine bei irgendwelchen Hochzeits-Gigs den Comedy-Kellner zu geben, ist nicht immer nur schön. Ich habe Georgo immer als ebenbürtigen Freund verstanden, obwohl er älter war. Er war so etwas wie ein Mentor für mich.

Das ist wirklich schön. Sie hatten Glück.


Absolut. Wäre er nicht gewesen, hätte ich wahrscheinlich meinen Beruf nie ergriffen. George hat immer gesagt: „Mensch, geh doch zur Schauspielschule, dann wirst Du auch als Clown noch besser. Das bringt uns bestimmt auch etwas!“ Ich glaube, hätte er das nicht vertreten, hätte ich es bestimmt nicht getan. Und am Anfang der Schauspielschule war das für mich auch immer ein wenig ein Stempel – dass ich Clown war. Ich wurde oft kritisiert deswegen.

Der zweite Teil des Gesprächs kommt hier in 2 Tagen:

 www.leadership-academy.de

www.pferdeakademie-berlin.de

meedia.de



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07.10.2012 Vom Boyband-Star bis zum Solo-Künstler

GFDK - Peter Göbel - 6 Bilder

Jordan Knight steht schon mehr als die Hälfte seines Lebens auf der Bühne und im Rampenlicht. Er ist 14 Jahre jung als er mit New Kids On The Block aktiv wird und nur 4 Jahre später sich und seiner Band als Leadsänger einen weltweiten Namen macht.

Zehn Jahre lang reiste er mit der Band um den Globus und verbuchte Welt-Hits wie „Step By Step“, „Hangin Tough“ oder „You Got It“. Bis heute zählt man über 80 Millionen verkaufte Tonträger, doch als sich die Bandmitglieder 1994 dazu entschließen getrennte Wege zu gehen, beginnt Jordan Knight seine Karriere als Solo-Künstler und erlangt so ebenfalls große Erfolge in den Charts.

Seitdem die New Kids On The Block 2007 wieder musikalisch zueinander fanden, ist Jordan Knight mehr als je zuvor on the road und lebt seinen Traum. Das Comeback-Album „The Block“ eroberte die weltweiten Fanmassen im Sturm und führte die Billboard Pop Album Charts auf #1 an.

Vom Boyband-Star bis zum erfolgreichen Solo-Künstler und Songwriter erlebte Jordan Knight auf seinem Weg ein buntes und ereignisreiches Leben. Neben all den Ups and Downs, die ein solches Leben im Musik-Business bereithält, ist Jordan sich selbst immer treu geblieben und geht seinen eigenen Weg ohne seinen Optimismus oder seine Träume aus den Augen zu verlieren.

Mit „Unfinished“, seinem ersten Solo Album nach 5 Jahren, versprüht Jordan Knight immer noch Lebensfreude pur und sieht genauso erfreut und aufgeregt in die Zukunft wie damals als junges Mitglied in einer der erfolgreichsten Bands der Pop-Geschichte.

Die Single und Album Opener „Let’s Go Higher“ ist ein perfekter Einstieg, wirkt ansteckend und reißt jeden mit bzw. hoch: Der Name ist Programm. Der Song wurde mitproduziert vom Erfolgsproduzenten Colby O’Donis (u.a. Lady Gaga, Akon) und steht für Jordans Lebensmotto.

Auch andere bekannte Namen ließen es sich nicht nehmen mit Jordan Knight an seinem neuen Album zu arbeiten, darunter z.B. auch Nasri Atweh (u.a. Justin Bieber, Chris Brown, Vanessa Hudgens) für „One More Night“ oder Mike Krompass (u.a. Nelly Furtado, Natasha Bedingfield) und Kasia Livingston (Britney Spears, Pussycat Dolls).

Die Melodien und Texte entstanden in einer entspannten und freundschaftlichen Atmosphäre und so klingen sie auch, sodass Songs wie „Like A Wave“, Rockstar“ oder „Kiss It Away“ mit einem eingängigen Mix aus R&B und Pop schnell im Gehör bleiben.

Und auch Freund und Bandkollege Donnie Wahlberg arbeitete mit ihm an dem Album und so entstand der gefühlvolle und groovende Pop-Song „Stingy“, zu dem auch ein Video gedreht wurde.

Zusammen mit seinen Bandkollegen von New Kids On The Block, dem Urgestein aller Boybands, und den befreundeten Backstreet Boys geht es seit 2011 auf große Welttournee und so machen sie auch Stopp in Europa im Frühling 2012 um mit ihren Fans zu feiern.

Nicht nur auf der Bühne sondern auch auf seinem neuen Album zeigt Jordan Knight seine ganze Leidenschaft und Power und reiß jeden Fan mit.

Mit „Unfinished“, seinem ersten Solo Album nach 5 Jahren, versprüht Jordan Knight immer noch Lebensfreude pur und sieht genauso erfreut und aufgeregt in die Zukunft wie damals als junges Mitglied in einer der erfolgreichsten Bands der Pop-Geschichte.

Zusammen mit seinen Bandkollegen von New Kids On The Block, dem Urgestein aller Boybands, und den befreundeten Backstreet Boys ist Jordan auf großer Welttournee und so geben im Frühling 2012 auch in Europa Konzerte, um mit ihren Fans zu feiern.

Nicht nur auf der Bühne sondern auch auf seinem neuen Album zeigt Jordan Knight seine ganze Leidenschaft und Power und reiß jeden Fan mit.

VÖ Daten

04.05.2012 Album: "Unfinished"

http://www.jordanknight.com/

Peter Goebel
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06.10.2012 „Kunst muß die spirituelle Stimmung der Musik verstärken“

GFDK - Liane Bednarz

Zu Ihrem Gesamteindruck der nun vor Publikum aufgeführten "Via Crucis" – gab es noch einmal Überraschungen für Sie?

Bei der Kunst läßt sich nie alles „vorausberechnen“, es gibt immer Überraschungen, vor allem bei Premieren. Hier war es zunächst das Publikumsverhalten. Im ersten Teil der Veranstaltung, dem Begehen der installativen Arbeiten der Studenten, staute sich der Besucherstrom plötzlich vor dem Eingang zur eigentlichen „Via Crucis“ in der Viehauktionshalle. Jedermann kramte nach seinen Eintrittskarten. Das verzögerte den Ablauf. In der Halle wiederum begann die Vorstellung zu spät, technische Pannen im Hintergrund waren schuld.

Das war freilich nicht weiter gravierend, da die Besucher sich ohnehin an das Ambiente gewöhnen sollten. Dann lief die Vorstellung programmgemäß. Überraschend im positiven Sinn war die Stille im Publikum nach dem Ende der Musik und der Bilder. Es rührte sich lang keine Hand, erst langsam begann der Applaus. Diese Reaktion schien mir richtig und plausibel nach dem Erleben einer ergreifenden Passionsgeschichte. 

Robert Wilson hatte im Vorfeld der Premiere gesagt, dass Religion nicht auf die Bühne gehöre und sich deshalb stattdessen für das jetzige Konzept entschieden. Inwieweit hat dieses aus Ihrer Sicht die Religiosität bzw. den spirituellen Inhalt des Stücks zum Ausdruck gebracht?

Religion gehört in die Kirche bzw. in die Innerlichkeit der Menschen. Auch wenn sich die Kunst zur Dienerin religiöser Inhalte macht, tritt auf der Bühne immer ein fremdes, die Imagination in Bilder pressendes Moment hinzu. Damit muß man umgehen. Kunst muß auf eigene Weise bewegen und die spirituelle Stimmung, die durch die Musik hervorgerufen wird, verstärken.

Das Problem besteht dann aber darin, daß die geistigen Inhalte nicht durch Bilder verdoppelt werden sollte; das wäre banal. Wilsons abstrakte Bildersprache erfüllt diese schwierige Aufgabe meiner Meinung nach wunderbar. Daß nur zum Kreuzestod Christi ein konkretes Bild gezeigt wird, das langsame Sterben eines Tieres, hebt die Situation ins Allgemein-Kreatürliche, beweist auch eine gewisse Schamhaftigkeit gegenüber der überbordenden Ikonographie von Christi Kreuzestod durch die Jahrhunderte.

Daß wir zuerst durch die medienkünstlerische Hölle unserer Tage wie durch ein „Purgatorium“ hindurch müssen, steigert die Wirkung der Stille im eigentlichen Raum und die Konzentration auf das Wesentliche des Oratoriums.

Liszt war als Komponist epochenbildend, wies u.a. mit seiner "sinfonischen Dichtung" weit in die musikalische Zukunft. Inwieweit ist die Inszenierung der "Via Crucis" eine Werbung für Liszt im postmodernen 21. Jahrhundert?

Liszts „Via Crucis“ wurde erst langsam als musikalisch ungewöhnliches Kunstwerk anerkannt. Man hat nicht verstanden, daß es gerade die Collage von heterogenem musikalischen Material war, die die Modernität dieses Stückes ausmacht.

In welchem geistlichen Werk fände man eine solch kühne Mischung von Gregorianik, protestantischen Chorälen, Worten von Pilatus und Jesus, und einer Musik, die „das Verschwinden“ auf so sparsame, bewegende Weise darstellt? Erst die postmoderne Sensibilität weiß solche Techniken zu schätzen. Deshalb mache ich mit der „Via Crucis“ gern einmal in großem Maßstab „Werbung“ für Franz Liszt.

Dr. Nike Wagner, aufgewachsen in Bayreuth, ist Ururenkelin des Komponisten Franz Liszt, Urenkelin von Richard Wagner und Tochter Wieland Wagners.

Sie studierte Musik-, Theater- und Literaturwissenschaft in Berlin, Chicago, Paris und Wien.

Seit 1975 arbeitet Nike Wagner als freiberufliche Kulturwissenschaftlerin und wirkt an internationalen Symposien und Kolloquien mit. Als Autorin wurde sie bekannt durch ihre Arbeiten zur Kultur- und Geistesgeschichte der europäischen Jahrhundertwende, als Kritikerin und Essayistin durch ihre Auseinandersetzung mit Richard Wagner und Bayreuth. Wagners Werk im Kontext der deutschen Zeitgeschichte sowie die Verflechtung von Familien-, Werk- und Kulturgeschichte sind Thema ihrer Publikationen »Wagnertheater« (1982) und »Traumtheater« (2001).

Nike Wagner war zwischen 1985 und 1987 Mitglied des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Ab 1999 war sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, seit Oktober 2011 ist sie deren Vizepräsidentin. 2003 wurde sie zur Sachverständigen der Enquête-Kommission »Kultur in Deutschland« des Deutschen Bundestags gewählt.

Seit 2004 ist Nike Wagner künstlerische Leiterin von »pèlerinages« Kunstfest Weimar.

Das Interview führte Dr. Liane Bednarz für die Gesellschaft Freunde der Künste.

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06.10.2012 mehr eine Herzensangelegenheit als ein Geschäft

ACT/GFDK Team - mit 12 Bildern

ACT zu leiten ist mehr eine Herzensangelegenheit als ein Geschäft. An erster Stelle steht für mich die Musik, und ich bin dankbar dafür, dass es mir seit über 18 Jahren möglich ist, interessante und anspruchsvolle Musik zu produzieren und meinen Enthusiasmus mit anderen Musikliebhabern weltweit zu teilen. Siggi Loch

ACT, 1992 durch Musikproduzent und Verleger Siegfried "Siggi" Loch gegründet, wird international als herausragendes Independent Label des Jazz geschätzt. Mit der Veröffentlichung von Jazzpaña, die zwei amerikanische Grammy Nominierungen sowie den German Jazz Award erhielt, gelang ein fulminanter Einstieg und die Erfolgsstory von ACT entwickelte schnell eine eigene Dynamik.

2010 wählen Deutschlands Jazzfans ACT zum "Jazzlabel des Jahres", welches mit dem ECHO Jazz gewürdigt wird.

Das Label bietet heute einigen der spannendsten, eigenständigsten und erfolgreichsten internationalen Künstlern des Jazz ein Zuhause, und kann auf einen sehr breit gefächerten Katalog mit über 250 Veröffentlichungen zurückblicken, die mit zahlreichen Auszeichnungen für kommerzielle Erfolge und künstlerische Verdienste bedacht wurden.

ACT wird für seine innovativen und qualitativ hochwertigen Jazz- und World-Jazz-Produktionen international geschätzt und gilt als einer der führenden Anbieter in Europa.

Im Corporate Design von ACT schlägt sich Lochs ausgeprägtes Interesse für bildende Kunst sichtbar nieder. Seit mehr als 30 Jahren ein begeisterter Kunstsammler, hat Loch immer wieder Brücken zwischen Musik und bildender Kunst geschlagen und viele Werke seiner Sammlung werden für die Covergestaltung der Veröffentlichungen des Labels herangezogen.

"Etwa die Hälfte aller Alben wurden von mir selbst produziert. Ich entwickle ein Konzept und suche dann dafür den richtigen Künstler. So entstand auch Jazzpaña, meine erste neue Produktion für das Label, die im Juli 1992 mit Arif Mardin, Vince Mendoza, Michael Brecker, Carles Benavent und Perico Sambeat aufgenommen wurde“, erinnert sich Loch.

„Es folgten Projekte wie Blue Corner mit Jasper van't Hof (musikalische Hommagen an elf zeitgenössische Maler und ihre "blauen" Werke), Round about Bartók mit Richie Beirach, Europeana mit Michael Gibbs und Joachim Kühn, Swedish Folk Modern mit Nils Landgren und Esbjörn Svensson oder ganz aktuell IF (BLUE) THEN (BLUE) mit Heinz Sauer, Joachim Kühn und Michael Wollny.

Die andere Hälfte des ACT-Kataloges sind in Eigenregie produzierte Aufnahmen von Musikern, deren Vision ich teile und unterstütze.

Einer der Label-Schwerpunkte liegt auf Künstlern aus Skandinavien. Mit Musikern wie Nils Landgren, e.s.t. – Esbjörn Svensson Trio, Ulf Wakenius, Lars Danielsson oder den Sängerinnen Viktoria Tolstoy und Rigmor Gustafsson, ist ACT der erfolgreichste Produzent schwedischer Jazzmusiker.

Für seine Verdienste für die schwedische Kultur in Deutschland wird Siggi Loch im Jahre 2010 zum Ritter 1. Klasse des Nordsternordens ernannt.
Aber auch andere international führende Jazzmusiker wie Nguyên Lê, Vijay Iyer und Yaron Herman finden bei ACT ihr musikalisches Zuhause.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden deutsche Künstler, mit einem besonderen Augenmerk auf die Nachwuchsszene. In der Tat ist eines von Lochs erklärten Zielen die Entdeckung und Unterstützung neuer Talente. Eine seiner erfolgreichsten Unternehmungen der letzten Jahre ist die Reihe Young German Jazz, die im Januar 2005 startete.

„Als ich den jungen Pianisten Michael Wollny zum ersten Mal spielen hörte, entschied ich mich, der jungen deutschen Jazzszene eine ganze Reihe zu widmen."

Siegfried Loch zählt zu den erfolgreichsten Managern des internationalen Musik-Business. Bis Ende der 80er Jahre war er im Major-Geschäft tätig und gilt als Entdecker und Produzent so berühmter Namen wie Klaus Doldinger, The Rattles, Katja Ebstein, Amon Düül, Can, Heinz Rudolf Kunze, Marius Müller-Westernhagen oder Al Jarreau – um nur einige zu nennen.

Für sein Lebenswerk erhielt Loch 1998 den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Entzündet wurde seine Jazz-Leidenschaft durch ein Konzert von Sidney Bechet, das er als Teenager in Hannover erlebte.

Im Alter von 19 Jahren machte er seine ersten Schritte in der Musikindustrie, wurde mit 25 Jahren Deutschlands jüngster Schallplattenchef (Liberty/United Artists), daraufhin Geschäftsführer der WEA Deutschland (1971) und schließlich Präsident von WEA (Warner) - Europe (1982). Doch all die Jahre über hegte er den Wunsch, eines Tages sein eigenes Label zu gründen.

"Als ich mich entschied, den Traum vom eigenen Label in die Tat umzusetzen und all meine Erfahrung und finanziellen Mittel in den Dienst dieser Idee zu stellen, war es von großem Vorteil, dass ich drei Jahrzehnte lang erfolgreich in internationalen Musikkonzernen tätig gewesen war“, sagt Loch.

„Nun bin ich allein auf mich gestellt, immer auf der Suche nach neuen, viel versprechenden Talenten, deren Karriere ich mit all meinen Möglichkeiten fördere und unterstütze. Das ist ein großartiges Gefühl.“

 

Mehr Infos unter www.actmusic.com

 

Bilder:

1) Siegfried Loch, © ACT / CF Wesenberg

2) The first recording session with Klaus Doldinger, Hamburg 1962, © Archiv Siggi Loch

3) Mick Jagger and Siggi Loch, 1974, © Archiv Siggi Loch

4) Britt Ekland, Siggi Loch and Rod Stewart, Hamburg 1975, © Archiv Siggi Loch

5) Pat Rains, Al Jarreau and Siggi Loch, Montreux 1976, © Archiv Siggi Loch

6) Appointment to the president of WEA Europe, Nesuhi Ertegun and Siggi Loch, 1983 © Archiv Siggi Loch

7) Gold Record for "Das Boot": Siggi Loch and Klaus Doldinger, 1996, © Archiv Siggi Loch

8) German Jazz Award Gold ("Layers Of Light") and Platin ("Sentimental Journey") for Nils Landgren © ACT

9) German Jazz Platin Award for e.s.t. "Viaticum" © ACT / M. Kretzer

10) Siggi Loch receives Swedish knighthood: Ruth Jacoby (ambassador) and Siggi Loch © Anja Grabert

11) Nils Landgren Funk Unit with Dirk Mahlstedt & Michael Salamon (edel:kultur) and the ACT team © Rainer Haarmann

12) ECHO Jazz 2010: Siegfried Loch © BVMI/Monique Wüstenhagen

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01.10.2012 Sie schöpft inspiration aus ihrer heimat estland

GFDK/ UWE KERKAU - 3 Bilder

I met Ingrid for the first time at the great Willisau Jazz Festival. She and her friend were volunteers, driving and helping artists. Just at the end of the festival, Ingrid told me she was doing music of her own. I wanted to hear it, and after sending me some tracks, I was really blown away by her talent.
Ingrid is Estonian and bases her music on the beautiful Estonian musical traditions, haunting, extremely lyrical and melodic.

Using that background, along with her Swiss influences, mixing jazz and even some pop elements into her music, Ingrid manages to create a unique and personal atmosphere.That, together with an exceptionally clear voice and strong expression of thoughtful lyrics makes her one of the most promising young European vocalists today. Ingrid and her band sound fantastic in concert, and this new album, her second release, produced by Icelandic producer Valgeir Sigurdsson (Bjørk) is a wonderful step up for Ingrid’s music and will surely gain her the reputation she deserves.

Oslo, June 2011 Bugge Wesseltoft


«We Need to Repeat» hiess das (bei Ronin Rhythm Records erschienene) Debüt von Ingrid Lukas. In ironischem Widerspruch dazu ist das neue Album der estnischen Musikerin, Sängerin und Komponistin, die seit Jahren in der Schweiz lebt, alles andere als eine Wiederholung: An die Stelle des bewusst minimalistischen Konzepts tritt mit SILVER SECRETS ein vielschichtiges Werk mit üppigeren Arrangements und gefühlvollen Songs – eine abwechslungsreiche Fülle an Klängen, Stilen und Gefühlen.


Vergleiche mit Künstlerinnen wie Tori Amos, Björk, Regina Spektor und Joanna Newsom drängen sich auf, doch sie erzählen nur die halbe Geschichte: Ingrid Lukas hat eigene Vorstellungen, eine eigene Haltung und einen eigenständigen Sound. Sie schöpft ihre Inspiration aus verschiedenen Quellen – besonders wichtig ist die Gesangstradition ihrer Heimat Estland – und hat auf ihrem künstlerischen
Weg zu einer unverwechselbaren Ausdrucksweise gefunden.

Ihre musikalische Sprache ist überraschend und bleibt dennoch zugänglich. Sie bewegt sich anmutig und selbstsicher zwischen intimen Singer-Songwriter-Stücken und gefühlvollem Post–Rock, wie man ihn etwa von Sigur Rós oder Sweet Billy Pilgrim kennt.


Der norwegische Komponist, Pianist und Produzent Bugge Wesseltoft, der an der Entstehung des neuen Albums beteiligt war, sagt über Ingrid Lukas und SILVER SECRETS: «Ingrid Lukas gelingt es, eine einzigartige und persönliche Atmosphäre zu schaffen. Zusammen mit ihrer ausserordentlich klaren Stimme und ausdrucksstarken, tiefgründigen Texten macht sie dies zu einer der
meistversprechenden jungen Sängerinnen Europas.

» Produziert wurde das Album von Valgeir Sigurdsson, der für den Sound vieler Björk-Alben verantwortlich ist. Auch Bands wie Múm, The Magic Numbers, Coco Rosie und vielen andere wurden von ihm produziert. Mit seiner Handschrift bringt er auch die feinsten Nuancen des Albums zur Geltung und verleiht ihm einen meisterhaften Schliff.


Das Album eröffnet mit Blue Black White, einem eindrücklichen Bekenntnis, das kindliche Unschuld dem Sich-Zurechtfinden in einer verwirrenden modernen Welt gegenüberstellt. Eingebettet ist es in eine Musik, die sich zu beinahe hymnischen Höhen aufschwingt, zugunsten ungekünstelter Ausgelassenheit jedoch auf Bombast verzichtet.


Eine ähnliche Paarung des Kindlichen mit den bitteren Einsichten des Erwachsenwerdens schildert Unexpected, wobei der Ansatz hier ein völlig anderer ist. Der Song verkündet eines der prägenden Themen des Albums: Mach, was du willst, aber mach es richtig. Zu voller Entfaltung kommt dieses Lebensgefühl im anschliessenden Do WhateverYou Do (But Do It Right): Es gipfelt in einem
ungestümen Refrain voller ansteckender positiver Energie.


Der Titelsong Silver Secrets nimmt einen mit auf eine wunderschöne melodische Reise voller Sehnsucht, die gestillt wird – und die doch nach mehr verlangen lässt.
Veripunane ist ein estnisches Revolutionslied («veripunane» bedeutet blutrot), erzählt aus der Sicht einer jungen Frau, die ihren Verlobten auf dem Schlachtfeld verloren hat. Ein kraftvolles Lied, das Ingrid Lukas kammermusikalisch intim bearbeitet hat, ohne es seiner wortgewaltigen Eindringlichkeit zu berauben.


Paper Boat, ein hinreissend einfaches Lied, betrachtet nochmals kindliche Unschuld von der Warte des Erwachsenen aus; es ist eine grossartige Interpretation des Originals der französischen Band Cocoon.Running zeigt erneut Ingrid Lukas' Fähigkeit, sich leichtfüssig von nahezu epischen Motiven zu persönlichen Momenten bewegen zu können. Dabei beweist sie, dass das musikalische Verarbeiten persönlicher Erfahrungen nicht notwendigerweise von Furcht und Grübelei geprägt sein muss.

Der Song ist erhebend, ohne zu missionieren. Er markiert den vielleicht leichtesten Moment des Albums, wobei auch hier die Einfachheit der Musik nicht über die Komplexität des Texts hinwegtäuschen sollte; er erforscht die unbedingte Präsenz der Hoffnung auch in den dunkelsten Momenten.


Laula ist randvoll mit scheinbaren Widersprüchen. «Sing» heisst der Name übersetzt, im Zentrum des Lieds steht aber der Tod. Dieser wiederum bietet nicht Anlass zu Melancholie, sondern wird dargestellt als der einzige Grund, mit freudigem Singen aufzuhören. Greener Lands fängt das Gefühl der Erlösung ein, das Musik und Stille geben können. Für Ingrid Lukas sind es zwei Seiten der selben Medaille, denn beide bieten Raum zum Nachdenken.

Ein sehr persönlicher Song, dessen Themen dennoch universell und für jeden fassbar sind. Das eindringliche But zeigt, wie Ingrid Lukas übliche Zugänge zu Songwriting und Komposition zu erweitern und zu überwinden vermag. Ein atmosphärischer, zauberhafter Song, der von Hoffnung ebenso durchdrungen ist wie von Dunkelheit. Moonglow schliesst das Album mit einer ergreifenden Note ab. Es ist ein Lied über die Sehnsucht nach einer Sehnsucht, die sich durch sich selbst stillt. «Sweetness only the heart can know» – mit dieser Zeile schliesst SILVER SECRETS. Treffender lässt sich das Album kaum in Worte fassen.


Ingrid Lukas hat sich zu einer Künstlerin entwickelt, die sich mit dem Stillen und Ernsthaften ebenso auskennt wie mit dem Wunderlichen, Fröhlichen und Überschwenglichen. Ihre einzigartige Stimme bewegt sich durch all die Stimmungen und Strukturen ihrer wunderschönen Songs mit vollkommener Leichtigkeit, immer wieder überraschend und nie den Klang des Vertrauten verlierend. Ingrid Lukas ist
eine Künstlerin, deren Karriere zweifellos mit aussergewöhnlichen Momenten erfüllt sein wird. SILVER SECRETS ist einer davon. Und es ist erst der Anfang.


Text: Nathan Dunn Jr. Band:
Ingrid Lukas: vocals, grand piano, reed organ
Gregor Frei: saxophone, bass clarinet, contra bass clarinet
Valentin Dietrich: electric bass
Patrik Zosso: drums, electronics, toys
Michel Gsell: violin
Deborah Morat: viola
Céline-Giulia Voser: cello
Ingrid Lukas choir:
Priscilla Zürcher, Sandro Schnurrenberger, Tilmann Silber, Philipp Lüscher,
Franziska Brücker, Leili Lukas, Daphné Scotoni, Benjamin Sunarjo, Andrina Bollinger, Nuria Thie, Fabienne Brunner, Max Lauber, Lhakpa Tsepa, Laurence Landert, Caroline Schlüter, Zora Brändle, Blanca Bengoechea, Hannah Ifrah-Girot, Sabine Riess, Martina Gemassmer, Tobey Lucas, Rahel Werren

 

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01.09.2012 hr-Journal / Gesellschaft - Zu Hause bei den „Von“ und „Zus“

Daniella Baumeister

„Hessische Hoheiten“: In neuen Adelsporträts kommt Holger Weinert den Blaublütigen ganz nah. Sie öffnen ihm ihre Burgen und Schlösser und gewähren ihm Einblicke in ihr Leben. Dabei begegnet dem Society-Experten so Überraschendes wie ein Freiherr im Schlamm, Motten im Brokatsofa und eine leibhaftige Königin als Überraschungsgast.

Daniella Baumeister - Herr Weinert, was kann man erleben, wenn man bei einem hessischen Schloss oder einer hessischen Burg ans Tor klopft?


Holger Weinert: Ich war mal bei der Hochzeit einer Nichte des Landgrafen von Hessen, dessen Adelshaus zu den drei bedeutendsten in Deutschland zählt. Die sind verwandt mit dem englischen Königshaus und mit dem spanischen. Auf einmal ging die Autotür des landgräflichen Gefährts auf - und die Königin Sofía von Spanien stand vor mir. Ich war sprachlos. Aber als wir uns dann das dritte Mal zufällig getroffen haben, war‘s schon fast normal … (lacht)

Die Hoheiten sind also nicht schwierig, unnahbar oder vornehm distanziert?


Nein, die sind alle ganz normal. Mit einigen bin ich tatsächlich inzwischen befreundet. Mit Karl Graf zu Solms-Laubach zum Beispiel duze ich mich. Sie haben in der Regel alle eine ganz besondere Bildung und Eleganz. Je unabhängiger ein Aristokrat ist, desto freier und offener ist er im Gespräch. Und es gibt diesen ganz speziellen aristokratischen Humor, der ist toll.

Und wie sprechen Sie die Adligen an, wenn Sie sich nicht duzen?


Herr, Freiherr, Graf, Fürst oder Prinz. Durchlaucht sage ich nie, königliche Hoheit auch nicht. Das ist passé. Allerdings habe ich jetzt beim Dreh für „Höchstpersönlich“ im Ersten mit Gloria von Thurn und Taxis erlebt, dass alle sie „bei Hofe“ alle nur mit Durchlaucht ansprachen.

 

Wie fühlen Sie sich mitten unter den Reichen und Schönen, mitten in der „Society“?


Protz und Schickimicki kenne ich in Hessen überhaupt nicht. Der hessische Adel ist ein ordentlich verwurzelter Landadel: Der älteste Sohn ist Erbe und hat die Pflicht, das Schloss oder die Burg für die Familie zu erhalten. Das Geld dafür einzutreiben durch Konzerte, Tage der offenen Tür oder anderes ist an sich schon ein Beruf. Wenn dies nicht reicht, arbeiten die meisten Hoheiten noch etwas Bürgerliches.

Opernsänger werden zu wollen, wie mein Freund Karl sich das wünschte, das ging in den Kreisen natürlich nicht. Ich bin von diesen Menschen beeindruckt und auch vom Überfluss an schönen Dingen. Was in Hessen an prunkvollen Behausungen so rumsteht, da kannst du nur staunen! Man sieht es auch gern, es ist eine optische Bereicherung. Wenn in einer hessischen Kleinstadt ein Schloss oder eine Burg steht, ist auch die ganze übrige Bausubstanz besser, das färbt ab.

Natürlich wollten die Patrizier früher auch, dass es bei ihnen etwas schlossig aussah. Die adlige Wohnkultur wurde vom Bürgertum kopiert, das sieht man zum Beispiel in den Altbauwohnungen der hessischen Großstädte - die hohen Decken, der Stuck, die Flügeltüren, die durchgehenden Zimmer, das ist Schlossarchitektur. Für mich als Journalist ist ganz wichtig: Das Feedback aus den Adelskreisen auf meine Porträts ist gut, alle fühlen sich verstanden. Und ich finde es toll, was man da erlebt.

Und wenn‘s mal nicht so toll aussieht?


Na ja, ein paar wollen nicht porträtiert werden, sie haben Angst, dass sie mit Ihresgleichen nicht mithalten können. Und bei einer Lesung, die wir mal gefilmt haben, kam uns aus dem Sofa ein Schwarm Motten entgegen. Für fünf Minuten war der ganze Raum voller Motten! Leider hatten wir die Kamera nicht an ... aber ich bin mir ohnehin nicht sicher, ob ich die Bilder tatsächlich verwendet hätte, denn das war schon ein Sinnbild für Verfall.

Am 16. Oktober starten vier neue Folgen von „Hessische Hoheiten“ über Freiherr von Dörnberg und die Burg Herzberg - da haben Sie auch während des legendären Herzberg-Festivals, einem ausgewiesenen Hippiefestival, gedreht. Macht der Freiherr so was mit?


Der geht da hin! Die ganze Familie. Der Freiherr war die ganze Zeit auf dem schlammigen Acker unterwegs. Für eine Adelsserie ist das etwas ganz Besonderes, wie er mit mir durch den Schlamm watet und wir Spaß dabei haben.

Würde es Ihnen Spaß machen, selbst ein „Von und Zu“ zu sein?


Inzwischen habe ich die ersten Angebote, adoptiert oder geheiratet zu werden. Ich sage dann immer aus Quatsch: Unter Prinz mache ich es nicht! (schmunzelt) Freiherr wäre ich so schon längst geworden. Ich hätte nichts dagegen, wenn es sich durch eine Eheschließung ergeben hätte. Und wenn man geschieden wird, führt man den Titel weiter, so was gibt man nicht wieder her. Das täte ich auch nicht. [Interview: Daniella Baumeister]

Hessische Hoheiten", vier neue Folgen, hr-fernsehen, Di, 21 Uhr: Freiherr von Dörnberg zu Herzberg und die Burg Herzberg (16 Okt.), Baron zu Knyphausen und sein Weingut im Rheingau (23. Okt.), Hubertus und Sabine von Savigny in Freigericht (30. Okt), Philipp Baron Wambolt von Umstadt im Odenwald (6. Nov.)

Höchstpersönlich: Gloria von Thurn und Taxis“, das Erste, Sa, 8. Sept., 15 Uhr

hr-Journal / Gesellschaft

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31.08.2012 Michaela Merz hat das Internet in Deutschland mit aufgebaut

GFDK - Andreas Stein

Mit dem Kabinettsbeschluss zum so genannten Leistungs-schutzrecht ist eine Debatte losgetreten worden, bei der sowohl die Befürworter als auch die Kritiker mit (zum Teil) viel Polemik aufeinender losgehen. In diesem Artikel wollen wir versuchen, die Diskussion auf den Kern zurückzuführen. Dazu haben wir die ausgewiesene Internet-Spezialistin Michaela Merz gebeten, die wesentlichen Fragen zu beantworten.

Michaela Merz hat das Internet in Deutschland mit aufgebaut, wesentliche Erfindungen und Entwicklungen zur Entwicklung des Internets beigetragen (z.B. die Internet-Telephonie), arbeitet weder für Google, noch für Verlage und betreibt auch kein Blog oder eine andere Dienstleistung, die in irgendeiner Weise vom Leistungsschutzrecht berührt würde. Michaela Merz ist also durchweg ‘neutral’.

Andreas Stein: Michaela – wie findest Du Google?

Michaela Merz: Ich bin kein Google-Fan und betrachte Google’s Einfluss zunehmend kritisch. Mit einem Marktanteil von mehr als 90% in Deutschland bestimmt Google immer mehr, was wir im Internet sehen, finden oder zur Kenntnis nehmen.

Andreas Stein: Dann ist das Leistungsschutzrecht doch vielleicht eine Möglichkeit, Google in die Schranken zu weisen.

Michaela Merz: Das Leistungsschutzrecht bewirkt genau das Gegenteil. Google wird durch dieses Gesetz zu einer Art “Verteidiger des Internets” und macht das auch ganz geschickt. Google wird aus dieser Sache wohl gestärkt hervorgehen.

Andreas Stein: Zum Leistungsschutzrecht – was wollen die Verlage?

Michaela Merz: Die Verlage wollen verständlicherweise ihre Inhalte schützen. Die Verlage wollen aber auch im Internet gefunden werden. Sie brauchen die Klicks, damit Artikel – und natürlich die Werbung zu den Artikeln, angesehen werden. Dazu werden von den Verlagen so genannte “Snipplets”, also kleine Textauszüge, bereitgestellt, die von den Suchmaschinen gefunden, angezeigt und mit dem Artikel verlinkt werden.

Andreas Stein: Die Verlage stellen diese Kurzinfos, also Anreisser, selbst zur Verfügung? Die Suchmaschinen bedienen sich also nicht einfach so am Inhalt einer Webseite?

Michaela Merz: Wie alle anderen Firmen geben sich auch die Verlage die Mühe, diese Snipplets so zu formulieren, dass sie auch möglichst oft angeklickt werden. Das ist ein Bestandteil der SEO –  “Search Engine Optimization” also Suchmaschinen-Optimierung.

Andreas Stein: Und wie hängt das jetzt mit dem Leistungsschutzrecht zusammen?

Michaela Merz: Die Verleger möchten, dass die Suchmaschinen für diese Snipplets nun bezahlen. Mit anderen Worten: Sie möchten von den Suchmaschinen gefunden werden und von den Suchmaschinen bezahlt werden, wenn die Suchmaschinen diese Snipplets anzeigen. Das macht die Sache ja so .. sagen wir .. schwierig.

Andreas Stein: Damit wir das richtig verstehen: Die Suchmaschinen sollen dafür bezahlen, dass sie die Besucher auf die Seiten der Zeitungen weiterleiten?

Michaela Merz: So erscheint es – ja.

Andreas Stein: Wenn die Verlagen nicht wollen, dass die Kurztexte oder Snipplets bei Suchmaschinen auftauchen – wie könnten sie sich denn ohne ein Gesetz wehren?


Michaela Merz: In dem sie die Snipplets nicht mehr bereitstellen. Zusätzlich könnten sie die weltweiten Internet-Regeln nutzen, um Suchmaschinen explizit den Abruf Ihrer Seiten zu verbietet. Quasi ein “Zutritt verboten” Schild für Google&Co.

Andreas Stein: Aber dann würden die Zeitungen doch auch nicht mehr bei den Suchmaschinen gefunden?

Michaela Merz: Das ist korrekt. Deshalb dieses Gesetz. Verleger wollen gefunden werden und zusätzlich dafür Geld erhalten.

Andreas Stein: Und nun?

Michaela Merz: Schwierig. Denn die Implikationen sind deutlich komplexer und betreffen nicht nur die Suchmaschinen, sondern auch andere ‘gewerbliche’ Nutzer. Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, dass einen Zeitungsartikel auf Facebook teilt. Oder einen kleinen Blogger, der zwar mit seinen Werbebannern nur ein paar Euro verdient, aber möglicherweise schon als ‘gewerblich’ gilt.

Auch andere Internet-Dienste, die in irgendeiner Form auf die Daten anderer Webseiten zugreifen, z.B. Presivergleichsportale, oder META-Jobbörsen müssen ihr Geschäftsmodell überprüfen. Kompliziert wird es auch dadurch, dass automatische Systeme gar nicht erkennen können, welche Webseite nun gefunden und zitiert werden will und welche nicht.

Heute will die Webseite “A” zitiert werden, morgen schicken die vielleicht eine Abmahnung. Es gibt nichts, keinen Standard, an dem automatische Systeme das erkennen könnten.

Andreas Stein: Wie werden sich die Suchmaschinen wohl verhalten? Wird Google Geld bezahlen?

Michaela Merz: Google hat schon, mehr oder weniger deutlich, zum Ausdruck gebracht, dass sie das nicht machen werden. In Belgien haben die Verleger ja schon ähnliches Versucht – Google hat daraufhin die betreffenden Verlage aus dem Suchindex geworfen. Die Verlegen haben dann per Klage erreicht, dass sie wieder gelistet werden. Und alles ist, wie es vorher war.

Andreas Stein: Zum Abschluss: Kann man ein Leistungsschutzrecht machen, was alle Seiten zufrieden stellt?

Michaela Merz: Man muss klar sagen, dass man es nicht billigen kann, wenn automatisierte Systeme die internationalen Regeln des Internets missachten oder auf Daten zugreifen, die klar nicht für automatisierte Systeme bestimmt sind. Das könnte man in Form eines Leistungsschutzrechtes machen. Wer aber im Internet gefunden werden will, muss damit leben, dass die Suchmaschinen eben auch etwas zum Link stellen.

Text-Snipplets sind im Prinzip mit kleinen Bildchen – sogenannte “Thumps” vergleichbar. Muss eine Suchmaschine für das Verlinken einer Webseite mit einem “Thump” eine Urheberrechtsabgabe zahlen? Diese wurde bereits durch das Landgericht Erfurt klar mit “NEIN” beantwortet.(Aktenzeichen 3 O 1108/05)  Im Urteil heisst es:

In dem zu dieser Homepage gehörenden Quellcode (vgl. Anlage B 9) sind die Befehle in der so genannten „robots.txt-Datei”, die ein Auffinden der gesamten Webseite bzw. von Teilen davon durch Suchmaschinen verhindern, nicht aktiviert.

Die Kammer vertritt daher die Ansicht, dass ein Berechtigter, der ein Werk im Rahmen seines Internet-Auftritts allgemein und kostenlos zugänglich macht, stillschweigend sein Einverständnis mit Vervielfältigungen erklärt, die mit dem Abruf des Werkes notwendig verbunden sind (vgl. Berberich, MMR 2005 147).

Wenn er so viele Zugriffe wie möglich erzielen und die Aufmerksamkeit für seine Seite erhöhen möchte, muss er als Anbieter der Webseite mit Handlungen zum Zwecke des Zugriffs stillschweigend einverstanden sein. Ist er das nicht, kann er insbesondere den Zugriff durch die Suchmaschine der Beklagten zu 2) durch entsprechende Befehle im Quellcode leicht verhindern.

Andreas Stein:

Michaela, ich bedanke mich herzlich für dieses informative Gespräch und wünsche Dir für Deine weitere Arbeit – besonders auch bei www.liberalebasis.de – viel Erfolg!

Michaela Merz (* 3. Januar 1960) ist eine deutsche Software-Entwicklerin, Netzpionierin und Unternehmerin.

http://de.wikipedia.org/wiki/Michaela_Merz

http://www.freies-europa.eu/?page_id=29

Bruno Kramm kritisiert Bundesregierung und Verlage scharf - PIRATEN fordern Absage an das Leistungsschutzrecht

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/galerien/einzelansicht/article/bruno_kramm_kritisiert_bundesregierung_und_verlage_scharf_piraten_fordern_absage_an_das_leistungss.html

 

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27.08.2012 So langweilig klingt das jetzt gar nicht

GFDK - PURE Online

CSI: DEN TÄTERN AUF DER SPUR: Mit diesem Titel begann 2000 der Siegeszug der forensischen Krimiserien, der nach wie vor kein Ende findet: Insgesamt 24 Komplettstaffeln der Originalserie und der Spinoff-Serien CSI: MIAMI und CSI: NEW YORK kann der deutsche CSI-Fan inzwischen in den Mediaregalen finden. CSI hat sich in den letzten 12 Jahren zu einem weltweit populären Phänomen entwickelt und das Gebiet „Forensik“ bei den meisten Menschen überhaupt erst bekannt gemacht. Doch wie arbeitet die moderne Forensik eigentlich wirklich?

Wer könnte darauf besser Antwort geben als Mark Benecke? Der Forensiker aus Köln ist den meisten aus Radio und TV unter Namen wie „Der Herr der Maden“ oder „Doktor Schmeißfliege“ bekannt. Auch einige sehr erfolgreiche Bücher hat er bereits in den Handel gebracht, die neueste Taschenbuchausgabe mit dem Titel „Aus der Dunkelkammer des Bösen“ erschien gerade dieses Jahr.

Der überzeugte Vegetarier, Vorsitzender der deutschen Abteilung der Transylvanian Society of Dracula und Mitglied des Spaß-Nobelpreis-Komitees hat in gewohnt unverblümter Manier einige Fragen zu seiner außergewöhnlichen Tätigkeit beantwortet.

„Dipl.-Biol. Dr. rer. medic., Certified Forensic Biologist & Sworn In Expert for Biological Stains, International Forensic Research & Consulting“ kann man als Beruf auf deiner Homepage lesen, ein echter Zungenbrecher übrigens. Aber du wirst gern auch mal als „Madendoktor“ bezeichnet, oder offizieller als „Forensiker“. Wie würdest du kurz und knapp deinen Beruf bezeichnen?

Öh, am einfachsten: Kriminalbiologe. Ich liebe Biologie und Spuren und Biologiespurenrätsel. (Lacht.)

Was macht so ein Forensiker denn genau, wie ist dein Arbeitsalltag?

Ich mache zwei Sachen. Entweder ich bin als Spurenkundler tätig und gucke nur die Insekten an. Dann kann ich manchmal beispielsweise sagen, dass ein Insekt fünf Tage auf der Leiche gelebt hat, oder dass eine Leiche mit Sicherheit längere Zeit in einem Haus gelegen hat und nicht an der Stelle, wo sie gefunden wurde. Der Rest des Falles ist mir dabei vollkommen egal. Wenn es aber um Tatortrekonstruktionen geht, hole ich mir alle möglichen Infos heran und rede mit jedem, der irgendetwas wissen könnte.

Und wie gehst du da genau vor?

Erst einmal registriere ich alles, schreibe auf, fotografiere, notiere, beschrifte, katalogisiere, kartiere. Und wenn es dann um die Einordnung geht, was das alles für den Fall bedeutet, lautet die Regel: Ich glaube erst einmal gar nichts. Ich glaube auch nicht mir selbst. Schlechte Sachverständige denken, dass es eine Person auf der Welt gibt, auf die sie sich verlassen können: sie selbst. Aber das stimmt nicht. Erfahrungsgemäß macht man viele Denkfehler und steht sich selbst im Weg.

Wie kamst du denn überhaupt auf die Idee, so einen speziellen Beruf zu ergreifen?

Angefangen hat alles mit einem Praktikum in der Rechtsmedizin. Weiter ging es dann während meines Bio-Studiums, wo ich entdeckt habe, wie großartig wirbellose Tiere wie Tintenfische und Insekten sind, und dass sie an viel mehr Lebensräume angepasst sind als Wirbeltiere. Käfer, Würmer, Ameisen, Krebse, Schnecken... eben die ganzen Wirbellosen sind viel wichtiger als der ganze Rest.

Und jenseits vom Fachwissen: was zeichnet einen Forensiker aus?

Man muss Details mögen. Also eine große Vorliebe für das Spezielle haben als für das Allgemeine. Aber mögen reicht da nicht, man muss auch ein Auge dafür haben.

Hast du schon mal etwas Fallentscheidendes bei deiner Arbeit übersehen?

Das erfahren wir erstens nicht, denn unser Team ist leider oft die letzte Instanz. Zweitens versuche ich Murx zu vermeiden, indem ich den anderen Teammitgliedern sehr offen zuhöre. Das verhindert hoffentlich Fehler, denn jeder sieht was anderes.

Du beschreibst in verschiedenen Interviews, dass man sich von den Toten als Menschen distanzieren muss. Wie genau funktioniert das? Lernt man das mit der Zeit bei der Arbeit?

Du darfst einfach nicht darüber nachdenken, was mit dem Menschen passiert ist. Es ist auch kein Unterschied, ob nur der Arm abgehackt oder die gesamte Leiche in 20 Zentimeter dicke Stücke zerlegt ist. Das ist vollkommen schnuppe. Das kann man nicht lernen, das ist wie mit den Details: Entweder du magst sie oder eben nicht.

Wie steht es denn mit dem Respekt vor den Toten? Darf man in der Leichenhalle schon mal das Pausenbrot auspacken?

Ich esse tagsüber nix. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich tagsüber oft bakterienreiche oder geruchsstarke Flüssigkeiten oder Teilchen an Händen, Haaren oder Klamotten habe... so gesehen kein Problem. Ich selbst habe auch noch nie jemanden am Tatort essen sehen, weil man dadurch ja erstens Spuren legen würde und sich zweitens auch auf die Arbeit konzentrieren soll. Ein Stahlkocher wird wohl auch nicht neben dem Hochofen sein Ei-Brötchen auspacken.

Was schätzt du, wie viele Leichen du insgesamt schon untersucht hast?

Absolut nicht den Hauch eines Schimmers. Hunderte. Die spannendere Frage ist vielleicht eher, wie viele Spuren ich untersucht habe - zehntausende?

Du wirst ja auch sehr oft als Sachverständiger hinzugezogen. Dabei bist du mit berüchtigten Serienmördern wie Luis Alfredo Garavito zusammengetroffen. Wie ist das?

Serientäter sind zutiefst langweilig. Das, was man an ihnen in Filmen so spannend findet, ist überhaupt nicht vorhanden. Ich habe Garavito in einem Gefängnis in Kolumbien getroffen. Der Mann hat über 300 Jungs totgefoltert. Und was macht der? Will mir erzählen, dass er jetzt ein besserer Mensch sei und solche Dinge nicht mehr tun würde. Ich sagte nur:

„Das glaubt Ihnen doch kein Mensch.“ Er meinte: „Doch, das war ein Dämon, und der ist jetzt verschwunden.“ Garavito ist der Inbegriff eines paraphilen, antisozialen Täters: er hat keinerlei Emotionen gegenüber seinen Opfern und kann sich an jede einzelne Tat erinnern, ohne jemals eine Aufzeichnung gemacht zu haben. Er kennt das Alter der Kinder, weiß, wo sie begraben sind – alle Details.

Im Grunde ist das eine stinknormale Serientäter-Geschichte: Der Vater war Säufer, schon als Kind hat Garavito sexuelle Übergriffe erlebt – das ganze Programm eben. Die genetischen Einflüsse kennen wir nicht. Er ist jedenfalls antisozial, was aber keiner gemerkt hatte. Weil das Land so groß ist und dort solch ein Chaos herrscht, kam es zu dieser hohen Opferzahl.

So langweilig klingt das jetzt gar nicht.

Na ich weiß nicht: Ein Mensch, der in seinen Zwängen gefangen ist und aus ihnen nicht ausbrechen kann... aus der Sicht des Täters doch ein langweiliges Scheißleben, oder? Er würde vermutlich lieber auf seinem Balkon sitzen und in seelischer Ruhe ein Feierabendbierchen trinken und mit seinen Kids Quatsch machen oder Entscheidungen treffen, die nichts mit seinen "Dämonen" zu tun haben... nichts davon kann er aber wegen seiner Störungen.

 

Noch ein paar letzte Worte an die Leser?

Heulen hilft nix.

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03.08.2012 "Hauptsache es kommt die Musik dabei heraus"

GFDK - Michaela Boland

Wenn ihre schlanken Hände über die edle Steinway & Sons Tastatur fliegen, erzählt ihr Gesicht jedes Mal unzählige Geschichten. Die Mimik verrät, dass sie ganz tief eintaucht in eine Welt der Notation, welche sie nicht nur mechanisch widergibt, sondern die gleichsam ihre Seele spiegelt. Klassische Musik ist etwas Wundervolles.

Was wäre die Welt wohl ohne deren historische Komponisten wie Haydn, Mozart, Beethoven oder gar den Romantikern Schubert, Schumann, Brahms und Co? Grund zur Freude hatten Klassik- Anhänger insoweit auch am vergangenen Sonntag:

Im Rahmen einer aufwendigen Live-on-Tape-Show präsentierte das ZDF die große ECHO KLASSIK Preisverleihung aus Essen mit Deutschlands Unterhaltungsmoderatoren-Nummer- Eins, Thomas Gottschalk.

Die beste Wahl, denn obwohl der Alt-Profi, der sich mit „den besorgten Vätern“ und seinem Song „What happened to Rock `n`Roll“ bereits im Jahre 2001 eher zu einem ganz anderen Musik-Genre bekannte, nicht zwingend für Klassik steht, führte der charmante Ewig-Blondschopf derart gewohnt gekonnt durch das Programm, dass selbst solche Zuschauer, die üblicherweise eher nichts mit Klassik „am Hut“ haben, zuhauf gerne beim Zappen hängen blieben.

Allzweckwaffe Gottschalk als Köder zum Klassik-Fan-Fang? Womöglich Kalkül des ZDF und wenn dem so gewesen sein sollte, dann scheint der Plan wunderbar aufgegangen: 10,8 Prozent Marktanteil oder in Zuschauern ausgedrückt: 2,33 Millionen!

Doch nicht nur Moderatoren-Meister Gottschalk und seine Unterhaltungselemente als Brücke zwischen klassischer Musik und klassischem TV-Entertainment, das, ebenso wie der immer wieder angekündigte Auftritt von Weltstar Sting auch bisherige Nicht-Klassik-Liebhaber locken sollte, machten die Show zum Erfolg.

So waren es doch vor allem die Klassik-Stars des Abends, welche jene Preisverleihung zum ausgesprochen niveauvollen Bildschirmereignis erhoben. Auftritte von Star-Geiger David Garrett, Pianist Lang Lang (Instrumentalist des Jahres) oder Star Dirigent Kurt Masur zählten zu den Highlights des Abends.

Einziger Wermutstropfen: Wegen der Vielzahl an Preisträgern in diesem Jahr durften manche Echo-Gewinner erst gar nicht die Bühne betreten, sondern waren dazu angehalten, im Publikum auszuharren und sich bei Aufruf nur kurz mit der „Trophäe“ zu erheben und in die Kamera zu winken. Andere konnten sogar erst nachdem die Sendezeit vorüber war, auf die Bühne kommen um quasi „off air“ geehrt zu werden.

Sie hat ihren Preis zwar erst nach der offiziellen Fernsehshow überreicht erhalten, ist aber dennoch überglücklich: 32 Jahre jung, mit hochgelobtem ersten Album und frischem Echo Klassik „in der Tasche“: Mihaela Ursuleasa.

Ich treffe die gebürtige Rumänin, die seit 20 Jahren in Wien lebt, im hohen Gebäude des Deutschlandfunks in Köln, wo sie sich auf ein bevorstehendes Konzert vorbereitet, welches sie schon am nächsten Tag geben wird.

Noch einmal muss der Hochglanzflügel auf seine optimale Klangqualität überprüft werden, bevor sie sich und ihr Können morgen dem feinen Gehör vieler Klassikbegeisterter präsentiert. Nachdem verschiedene Nachbesserungsdetails mit dem Klavierstimmer besprochen sind, machen wir uns auf den Weg in die geräumige Kantine der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalt.

Völlig locker und natürlich zeigt sich der hochgelobte Klassikstar. Nach verschiedenen Besuchen beim Deutschlandfunk kennt sich die hübsche Mihaela zwischenzeitlich schon recht gut im Gebäude und mit den Finessen der Kaffee- und Kakao-Automaten aus.   

 

Michaela Boland:

Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zum ECHO KLASSIK, den du gestern Abend in der Kategorie „solistische Einspielung des Jahres“ für dein Debüt-Solo Album „Piano & Forte“ erhalten hast. Was bedeutet diese Auszeichnung für dich und deine Zukunft?

 

Mihaela Ursuleasa:

Es bedeutet mir sehr sehr viel. Ich kann mich daran erinnern, als ich vor circa zwei Monaten zu Hause einen Anruf erhielt und es erfahren habe, war ich total aus dem Häuschen. Ich konnte es kaum fassen. Natürlich habe ich, wie jeder, gehofft, dass das einmal passiert, aber man erwartet es nicht.

Es gab zwar vor 15 Jahren schon einmal eine CD, die aus einem Wettbewerb heraus entstanden ist, aber „Piano & Forte“ ist jetzt die erste richtig offizielle CD mit mir als wahrer Pianistin und nicht mehr als Wunderkind. Ein ECHO-Preis ist vergleichbar mit einem Oscar bei den Schauspielern.

 

Michaela Boland:

Heißt das, dass dir nun auch ganz andere Türen offen stehen als zuvor?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja, das schon. Man kann, beziehungsweise muss es sogar mit in die Biografie schreiben. Es ist einfach eine Auszeichnung, schon allein deshalb, weil die Leute, die jedes Jahr diese Auswahl treffen, in jedem Fall alles Menschen sind, die sehr viel von Musik verstehen und alles sehr sorgfältig auswählen.

 

Michaela Boland:

Man bezeichnet dich als eine der eigenwilligsten Pianistinnen deiner Generation. Was unterscheidet dich dahingehend von deinen Kolleginnen?

 

Mihaela Ursuleasa

Es gibt heutzutage in der Musikwelt gewisse Maße, wie man spielen muss. Es muss alles perfekt sein, weil wir in einer CD-Industrie oder einer Aufnahmen-Industrie leben. Es geht also um Sachen, die dann für ewig bleiben und die Spuren hinterlassen. Daher wird von jedem verlangt, alle Noten richtig zu spielen und keinen Fehler zu machen.

Bei den klassischen Musikern soll beispielsweise ganz genau das gespielt werden, was in den Noten steht. Für mich ist das bis zu einem Punkt nur zum Teil gut, denn man muss sich einem Komponisten widmen und sich fragen, was hat Mozart oder Beethoven mit genau dieser Notation sagen wollen?

Aber darüber hinaus bin ich eigenwillig, weil ich die Musik nicht nur mit den Augen sehe oder nur mit den Ohren höre, sondern erfahre sie auch mit der Seele. Man muss sie erzählen. So könnte ich zum Beispiel ein Märchen aus einem Buch vorlesen und mit Punkt- und Komma-Beachtung formal total richtig klingen, dafür aber auch total langweilig herüber kommen.

Ich kann es aber auch beispielsweise mit der Tonfarbe der Stimme oder mit einzelnen Rollen, die in dieser Geschichte vorkommen, so erzählen, dass es für diejenigen, die zuhören, einfach spannend wird. Und so ist es mit der Musik auch. Man darf sie nicht nur als etwas Starres oder Akademisches sehen.

Es gibt nicht E- und U-Musik oder Pop und Klassik und so etwas, sondern es gibt gute und schlechte Musik. Ich finde, als Interpret darf man und soll man ruhig auch mit seiner eigenen Fantasie daran gehen. Ich spiele zum Beispiel dasselbe Werk auf einer Tournee niemals in derselben Weise. Da experimentiere ich auch.

 

Michaela Boland:

Wie weit gehst du dabei? 

 

Mihaela Ursuleasa:

Wenn in den Noten beispielsweise „piano“ oder „forte“ steht, dann versuche ich diesen Klang manchmal noch wilder zu machen oder einfach mehr in die Extreme zu gehen, einfach mehr zu übertreiben, um die Leute dadurch zwar nicht unbedingt zu schockieren, aber um zu zeigen, hier ist etwas Starkes.

Ich habe auch starke Kontraste sehr gerne. Wenn es sehr sehr leise wird, möchte ich die Leute zwingen, nicht mehr zu atmen, nur um dann plötzlich lautstark alles aus dem Klavier herauszuholen.

 

Michaela Boland:

Heute bist du als diplomierte Konzertpianistin und gefeierter Klassikstar sehr erfolgreich und man bescheinigt dir im Rahmen des „Andersseins“ Eigenwilligkeit als Prädikat. Hat dir dieses „anders als andere sein“ vor deinem Durchbruch in der Vergangenheit immer nur Zuspruch eingebracht oder hat dir früher auch schon mal jemand gesagt, „Mädchen, so darfst du aber nicht spielen“?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja, klar. Es gibt ja immer jemanden, der ein bisschen aus der Reihe tanzt, der also nicht gerade brav ist oder in Anführungszeichen nicht immer alles „richtig macht“. Und so eine bin ich. Ich sehe mich als jemanden, der nicht jetzt das Besondere macht, nur um besonders zu sein , sondern, ich sage, ich fühle so und ich spiele so, wie ich fühle.

Wenn ihr wollt, o.k., wenn nicht, dann könnt ihr nach Hause gehen. Und natürlich gab es da geteilte Meinungen. So extrem ich bin, so extrem sind auch die Meinungen. Um ein Beispiel zu nennen: Ich habe in diesem Jahr mal ein Schumann-Konzert gespielt. Vom selben Konzert gab es zwei Kritiken in zwei verschiedenen Zeitungen.

Eine schrieb, „so kann man das nicht spielen, oh mein Gott, das ist zu viel, das ist zu verrückt“, und der andere Artikel besagte, „ genau so muss man Schumann spielen, wir haben es nie so gehört, aber so sollte es sein, sie wurde dem Komponisten absolut gerecht“. Es hat eben jeder das Recht auf einen eigenen Geschmack. Aber meistens ist das, was ich mache, erfolgreich, Gott sei Dank, und darauf bin ich stolz. 

 

Michaela Boland:

Bei deinem Flügel-Check konnte ich dich gerade ein wenig während des Spielens einer der Etüden von Rachmaninow beobachten und deine sich ständig wandelnde Mimik verfolgen. Was genau geschieht mit dir, wenn du Klavier spielst?

 

Mihaela Ursuleasa:

Es sind einfach die Klänge, die Noten selbst, die meine Finger in dem Moment auf dem Klavier berühren, das geht einfach durch meinen ganzen Körper und mein ganzes Wesen. So wie wenn man ein Ballett, einen Tanz verfolgt oder eine Geschichte hört.

Man denkt einfach nicht mehr konkret A, B, C, D oder 1,2,3,4 oder so etwas, sondern verfolgt das, was gerade in dem Moment passiert. Das ist nach dem ganzen Üben und Auswendig lernen bei mir der Fall. Das Ganze ist ja mittlerweile von der Technik des Stückes her automatisiert, so dass man einfach loslassen und sich in dieser Klangwelt verlieren kann und sie weitergibt, wie man sie fühlt.

Ich habe keine Ahnung, was für Gesichtsausdrücke ich mache, das heißt, einmal habe ich Filmaufnahmen von einem Konzert von mir gesehen und war schockiert und habe mich gefragt, „ wie, so etwas mache ich“? Aber na gut, im Endeffekt ist es mir auch egal, von mir aus könnte man auch auf dem Kopf stehend spielen oder mit Füßen, Hauptsache es kommt die Musik dabei heraus.   

 

Michaela Boland:

Du bist in deiner frühen Jugend als Wunderkind bezeichnet worden. Dieser Begriff steht naturgemäß in engem Zusammenhang mit Klassik-Vertreter und Musik-Genie Wolfgang Amadeus Mozart. Das setzte mit Sicherheit einen ziemlich hohen Maßstab. Wie stehst du selbst zu solchen Vergleichen?

 

Mihaela Ursuleasa::

Na ja, das ist natürlich so eine Sache. Das Wunder referieren die Leute sogleich, wenn jemand Talent hat. Man braucht Talent zum spielen, man braucht diese Intuition, um die Musik zu verstehen, was natürlich nicht jeder Mensch haben kann.

Einer ist nun mal für das eine talentiert, der andere hat Talent für etwas anderes. Aber, ich finde, man sollte mit solchen Kindern sehr aufpassen, um sie nicht zu stark zu puschen. Das Paradoxe ist nämlich, dass es sich hierbei um einen Beruf handelt, dem eigentlich nur ein Erwachsener gerecht wird, denn es ist ein Beruf, der Reife und Sensibilität verlangt und natürlich Lebenserfahrung, wie jede Form von Kunst.

Aber gleichzeitig kann man sie auch nicht erst mit 20 beginnen. Man muss als Kind anfangen. Und solche Kinder befinden sich leider zu oft in zu großem Stress. Man muss erst noch den großen Erfolg haben oder zum Star werden und das geht dann schon an die Substanz.

 

Michaela Boland:

Du stammst mit deiner Mutter als Sängerin und deinem Vater als Jazzpianisten aus einer Musiker-Familie. Gerade in jüngster Vergangenheit vernahm man innerhalb der Medien gehäuft, dass oftmals Eltern, die in einer durch die Öffentlichkeit exponierten Branche erfolgreich sind, ihren Nachwuchs allzu gerne ebenfalls im selben Gewerbe nach oben puschen möchten.

Jüngstes und stark kritisiertes Beispiel aus dem Bereich Schauspiel international: Will Smith und Ehefrau Jada Pinkett, die ihre sehr jungen Kinder Jaden und Willow bereits im Filmbizz arbeiten und dem Medienzirkus immer wieder aussetzen lassen.

Du hast dich schon mit neun, teilweise sogar schon mit sieben Jahren auf Konzertreisen befunden und spieltest bereits die 32 Variationen von Beethoven.

Erst als Zwölfjährige wurde durch ein Treffen mit dem Dirigenten Claudio Abbado dafür gesorgt, dass du dir für deine musikalische Entwicklung Zeit lässt und ein wenig zur Ruhe kommst. Wurdest du zeitweilig tatsächlich von jemandem wie eine Leistungssportlerin zur technischen Perfektion gedrillt?

 

Mihaela Ursuleasa:

Man muss sehr aufpassen, dass alles ausgeglichen ist und die Balance von solchen Kindern erhalten bleibt. Also, ich habe beides erlebt, deswegen, weiß ich, wovon ich spreche. Der Drill kam nicht von den Eltern, Gott sei Dank, da habe ich auch Glück gehabt. Mein Vater ist leider zu früh an Krebs gestorben.

Ich war damals erst zehn Jahre alt. Dann hat aber meine Mutter das Steuer von meiner Lehrerin übernommen, denn sie war eigentlich der Motor all dessen. Einerseits war es natürlich gut, weil man in diesem frühen Alter mit sieben, acht oder neun Jahren einfach noch nicht dieses Lampenfieber hat.

Man geht einfach auf die Bühne, denn man kennt ja nichts anderes. Ich gehe also da und da auf die Bühne und spiele mein Zeugs ab. Doch irgendwann merkt man nicht mehr, dass man eigentlich zu müde ist.

Man verliert als Kind die Realität zum Leben. Ein Kind sollte normalerweise in die Schule gehen, Ball spielen, malen und Freunde haben. So etwas habe ich nicht gehabt, zumindest nicht genug. Dann als ich zehn war, sagte meine Mutter zu dieser Lehrerin, „o.k. jetzt ist es genug. Jetzt machen Sie mein Kind nicht kaputt“. 

 

Michaela Boland:

Wie verlief dein Leben konkret unter den Fittichen jener Lehrerin?

 

Mihaela Ursuleasa:

Sie hatte unglaublich viel Kontakte im ganzen Land, in Rumänien und auch im Ausland. Es hieß heute ein Konzert hier, morgen ein Konzert da, Reisen, Tourneen, üben, üben, üben. Ich kannte nur das Klavier, sonst nichts. Mein Tag war essen, schlafen, Klavier.

 

Michaela Boland:

Wie viele Stunden pro Tag musstest du damals üben?

 

Mihaela Ursuleasa:

Zehn. Aber dann hat meine Mutter diesen Schlussstrich gezogen. Wir hatten Glück, jemanden zu treffen, der alles in die Wege geleitet hat, dass ich dem Dirigenten Claudio Abbado vorgespielt habe. Er hat mir dann ein Stipendium ermöglicht und gesagt, so, jetzt ist es zu viel.

Man hat sich dann auch darum gekümmert, dass ich in Wien einen Lehrer finde und an der Hochschule aufgenommen wurde. Ich habe ja normales Examen gemacht. Es wurde auch dafür gesorgt, dass es eine Wohnung und einen Flügel gab und Leute, wo ich üben gehen durfte. Aber alles in Maßen.

 

Michaela Boland:

Was bedeutet das in Zahlen? Wie viele Stunden hast du fortan täglich spielen müssen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Als wir nach Wien gegangen sind, war ich elf Jahre alt, da habe ich ganz normal zwei bis drei Stunden geübt. Ich ging auch ganz normal zur Schule, zum Gymnasium.

 

Michaela Boland:

Wusstest du darüber hinaus plötzlich mit all der Freizeit etwas anzufangen oder war das anfänglich schwierig für dich?

 

Mihaela Ursuleasa:

(Lacht). Ich habe Freundschaften geschlossen, ich konnte ins Kino gehen und durfte plötzlich alles, was ein normaler Mensch macht. Bis zum Alter von 15, 16 habe ich dann gar nicht mehr konzertiert, einmal abgesehen von irgendwelchen Hauskonzerten, damit ich die Zeit hatte, zu studieren und einfach Ruhe zu haben.

Mich haben sogar einige Leute in dieser Zeit gefragt, ob mir das nicht abgehe, denn ich sei ja fünf Jahre damit beschäftigt gewesen, ständig Konzerte zu geben. Und ich antwortete immer, „nein, ich war so froh, endlich einmal Zeit zu haben und etwas anderes zu machen“.

 

Michaela Boland:

Wie essentiell sind solche Ruhephasen aus heutiger Perspektive betrachtet?

 

Mihaela Ursuleasa:

Das ist schon wichtig, denn es hilft auch der Musik. Es gibt Leute, die mit dem Kopf Tag und Nacht in der Geige oder im Klavier sitzen und die sonst nichts anderes haben. Das ist zu nahe. Wie, wenn man ein Bild malt und schon fast mit der Nase daran klebt.

Man muss auch mal ein paar Schritte zurückgehen, um alle Farben sehen zu können. Es gibt immer zwei Monate im Jahr, einmal im Sommer, einmal im Winter, in denen ich gar nichts vom Klavier wissen möchte. Dann kommt man zurück mit ganz anderen Ideen.

 

Michaela Boland:

Komponierst du eigentlich auch schon einmal etwas?

 

Mihaela Ursuleasa:

Nicht im Sinne von richtigem Komponieren mit Aufschreiben, aber ich improvisiere sehr gerne. Das mache ich auf der Bühne auch manchmal. Zum Beispiel am Ende eines Konzerts. Einfach irgend etwas improvisieren.

 

Michaela Boland:

Hast du noch Geschwister oder bist du ein Einzelkind?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ich habe einen Halbbruder. Wir haben dieselbe Mutter und er ist 17 Jahre älter als ich. Wir sind also nicht als Kinder zusammen aufgewachsen. Er ist Maschinenbau-Ingenieur.

 

Michaela Boland:

Hätte es für dich bei dem musikalischen Hintergrund deiner beiden Elternteile eigentlich eine hohe Wahrscheinlichkeit gegeben, dass du einen „herkömmlichen“ Berufsweg einschlägst?

 

Mihaela Ursuleasa:

Das war nie im Gespräch. Das wurde fast für mich entschieden. Man hat mich zwar jetzt nicht dazu gezwungen, aber meine Eltern haben sofort gesehen, „aha, da gibt es ein Talent, klar macht sie das“. Aber ich habe mir natürlich schon ab und zu diese Frage gestellt. Zwar könnte ich ohne Musik nicht mehr leben, aber Schauspiel hätte mich beispielsweise auch interessiert, oder Rechtsanwältin.

 

Michaela Boland:

Hast du eigentlich im Abitur einen Musik LK belegt?

 

Mihaela Ursuleasa:

Nein, in der Musik kamen alle Kolleginnen zu mir, es war nämlich eine Mädchenschule, und baten mich, ihnen doch zu helfen. Sie fragten, ob Sie abschreiben dürften. Ich durfte im Gegenzug die Mathematik und Physiksachen abschreiben.

 

Michaela Boland:

War Mathe ein Problem?

 

Mihaela Ursuleasa:

Mathe war das Schlechteste für mich, aber Sprachen waren ganz gut. Ich spreche sechs Sprachen perfekt.

 

Michaela Boland:

Welche sind das, abgesehen von Rumänisch und Deutsch?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja, Rumänisch ist klar, es ist meine Muttersprache. Außerdem Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Türkisch habe ich auch jetzt angefangen und ein bisschen Russisch , aber ganz wenig. Außerdem spreche ich noch Spanisch. Alle Latein-Sprachen sind für uns Rumänen leicht. 

 

Michaela Boland:

Großes Kompliment. Damit kommst du mit Sicherheit ganz schön weit.

Was hörst du denn privat für Musik?

 

Mihaela Ursuleasa:

Jazz ist eine meiner Lieblingssachen. Klassischer Jazz. Keith Jarrett ist einer meiner Lieblinge. Es geht in die Richtung der Musik von Louis Armstrong oder Ella Fitzgerald. Das kann sehr rhythmisch sein.

Ich liebe zum Beispiel Schlagzeug. Da habe ich mir auch mal gewünscht, das zu lernen. Außerdem mag ich Pop-Sachen. Alicia Keys oder Diana Krall habe ich sehr gerne. Auch Volksmusik habe ich unglaublich gerne, Balkansachen.

 

Michaela Boland:

Spielst du auch selbst schon mal folkloristische Sachen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Bei meiner zweiten CD, die im nächsten Jahr herauskommen wird, geht es um Folklore. Komponisten aus der Klassik, die sich von der Folklore aus Rumänien haben inspirieren lassen. Ein Teil ist auch etwas von Franz Schubert dabei. Er hat sich von der österreichischen Volksmusik inspirieren lassen und da ich auch in Österreich lebe, war das naheliegend.

Das wird insofern Thema der CD sein, weil ich denke, das, was jeder Mensch braucht, ist Luft zum Atmen, essen, schlafen und Musik. Schon die Urvölker, die Wilden aus dem Dschungel oder die Pygmäen, die machen Musik, nachdem sie gejagt und gegessen haben. Und diese Wurzeln sind am wichtigsten, in jedem Stil.

 

Michaela Boland:

Was singst du, wenn du singst?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ich singe nicht so viel. Eigentlich nur in der Dusche oder ich singe schon mal beim Spielen mit. Manchmal hört man meine Stimme. Allerdings habe ich meiner heute vierjährigen Tochter früher viel vorgesungen als sie ein Baby war. Um sie in den Schlaf zu wiegen, das war einfach schön und ist immer eine gute Therapie um sich zu beruhigen oder um Spaß zu haben.

 

Michaela Boland:

Bist du verheiratet und wie viel Zeit bleibt bei deinem kompletten Pensum mit jeder Menge Reisen überhaupt noch für das Familienleben?

 

Mihaela Ursuleasa:

Verheiratet bin ich nicht, also ich erziehe die Kleine alleine mit meiner Mutter und einem Au-pair-Mädchen zusammen. Man braucht bei so einem Beruf sehr viel Hilfe. Wenn längere Reisen anstehen, ich also mehr als zwei oder drei Tage unterwegs bin, dann nehme ich meine Tochter auch schon mal mit. Sonst würde ich sie zu sehr vermissen.

Ich habe sehr viel Glück, eine sehr gute Agentur zu haben, die sehr viel Verständnis für solche Dinge hat. Sie überlegen eben gemeinsam mit mir, wie wir die Zeit einteilen, wann ich frei bin, wann ich üben muss und ich brauche Zeit für die Kleine, denn diese Zeit geht so rasch vorbei.

 

Michaela Boland

Du bist schon in so vielen Konzertsälen dieser Welt aufgetreten, warst in Berlin, Wien, Zürich, Köln, London, Amsterdam, New York und Los Angeles zu Gast. Stellt es eigentlich ein ganz besonderes Gefühl dar, wenn man beispielsweise in der berühmten Carnegie Hall in New York auftreten darf oder ist es so wie in anderen Häusern auch?

 

Mihaela Ursuleasa:

Sobald der erste Ton anfängt zu klingen, eigentlich nicht. Man konzentriert sich in dem Moment darauf, was man dort machen muss. Als ich damals in der Carnegie Hall war, war ich 17 oder im Musikverein in Wien, da denkt man einfach, „oh mein Gott, hier waren schon die anderen Großen, also Horowitz oder Karajan“, und dann denkt man, „wow, dass ich hier sitzen und spielen darf“.

Dann ist man vielleicht nervöser, aber man ist sich auch darüber bewusst, dass man jetzt oder nie einfach alles geben muss. Es ist schon wichtiger. Doch wenn man ein echter Musiker ist, ist eigentlich unerheblich, ob man in einem Dorf vor Kühen spielt oder in der Carnegie Hall, denn dann gibt man immer alles. Man hat stets die Motivation, das Allerbeste, was in dem Moment geht, zu geben.

 

Michaela Boland:

Kommt es auch schon mal vor, dass du dich verspielst?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja, klar. Man ist ja auch nur Mensch. Also manchmal gibt es so Blackouts oder so etwas. Man haut auch schon mal daneben, weil die Hand verschwitzt ist. Das passiert halt oder es gibt eine ganz kleine Konzentrationsschwäche. Dann macht man einfach weiter, einfach drüber und weiter.

Aber ich muss sagen, dass die Leute trotz dieser “perfektionistischen Ära“ sehr menschlich geblieben sind. Es ist ihnen nicht so wichtig, wenn kleine Patzer unterlaufen. Es ist wie beim Eislaufen, da fällt auch mal einer hin, doch dann sagt man, die restliche Performance war super, daher macht es nichts.

 

Michaela Boland:

Was sind das in erster Linie für Menschen, die deine Konzerte besuchen? Kann man sie irgendwie klassifizieren?

 

Mihaela Ursuleasa:

Es kommen natürlich sehr qualitative Leute, natürlich sind es Klassik-Fans, sonst würden sie gar nicht hingehen. Aber es sind auch Leute dabei, die vielleicht, keine Ahnung haben, aber sie hören dafür umso mehr mit einem unbekümmerten Herzen.

Die sogenannten Experten, die von sich behaupten, dass sie alles wissen und einfach mal gucken wollen, was „sie“ da oben auf der Bühne macht, die trifft man oft in den großen Städten.

Das sind dann Kritiker, die nicht objektiv hören, sondern die haben schon eine voreingenommene Meinung, bevor sie überhaupt auf dem Sitz im Saal Platz nehmen. Und es gibt dann noch diejenigen, die sich einfach hinsetzen und genießen.

Nun, und dann komme ich zu einem Punkt, an dem ich gerne einen Wunsch aussprechen möchte. Obwohl in dieser Richtung, Gott sei Dank, schon  sehr viel getan wird, werden die klassischen Konzerte immer noch von sehr vielen älteren Menschen besucht und es fehlen immer noch die jungen Menschen

 

Michaela Boland:

Woran liegt das nach deiner Auffassung?

 

Mihaela Ursuleasa:

Vielleicht liegt es daran: Ich habe gehört, dass man verschiedentlich in Deutschland den normalen Musikunterricht aus den Schulen herausgenommen hat, was eine sehr traurige Sache ist. Es gibt ein Projekt, das heißt „Rhapsody in scool“ (Anm. d. Red.: www.rhapsody-in-scool.de ), das wurde von dem Pianisten Lars Vogt initiiert.

Hier werden Künstler, die in Deutschland spielen, kontaktiert und gefragt, ob sie womöglich auch in einer Schule innerhalb der Stadt vorstellig werden und den Kindern etwas vorspielen und erzählen könnten. Ich habe hierbei die Erfahrung gemacht, dass zehn bis zwölfjährige Kinder in Dortmund nicht wussten, wer Beethoven ist oder sogar Mozart.

Das liegt daran, dass die Eltern zu Hause ihren Kindern nicht mehr so viel klassische Musik geben. Kinder haben auf die Weise schnell den Eindruck gewonnen, dass klassische Musik langweilig oder zu schwer sei.

Natürlich braucht man mehr Aufmerksamkeit bei einer Symphonie von Beethoven, Mozart oder Brahms. Aber mit der Zeit kann man sich diesen Geschmack formen und sogar auch wählen und sagen, den mag ich und den mag ich nicht.

 

Michaela Boland:

Unterstützt du dieses Projekt fortlaufend?

 

Mihaela Ursuleasa:

Natürlich, also ich habe das ein paar Mal gemacht  Ich muss sagen, die Kinder mögen das unglaublich. Sie haben mir dann Briefe geschickt mit aufgemalten Blümchen und geschrieben, „ja, dieses Stück von Beethoven, das Sie uns vorgespielt haben, war überhaupt nicht langweilig, sondern spannend“. Ich mache dann auch immer eine Erzählung daraus und erfinde eine Geschichte. 

 

Michaela Boland:

Könntest du dir, abgesehen von dem gerade erwähnten Projekt „Rhapsody in scool“ vorstellen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, Menschen, die keinerlei Berührungspunkte mit Klassik haben, daran zu führen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja ,schon,. Natürlich über das Internet. Ich stelle immer wieder Sachen dort hinein. Zum Beispiel bei Facebook, denn dadurch kann man an sehr viele Menschen herankommen. Ich werde nächstes Jahr ein Projekt in Wien durchführen, dass ich gerne auch in Deutschland umsetzen würde, nämlich Konzerte für Kinder zu veranstalten.

In dem Sinne , dass man ganz normale Sachen spielt und eben dabei etwas erzählt, zum Beispiel eine Geschichte erfindet, die mit dieser Musik zu tun hat.

So kann man die Kinder heran führen, in dem man sie beispielsweise auch auf die Bühne holt und ihnen anbietet, „klimper doch mal hier, dann siehst du, wie sich so etwas anfühlt“ .Das halte ich für sehr wichtig, denn man fragt sich ja schon, für wen wir in dreißig Jahren spielen.

 

Michaela Boland:

Bei deiner eigenen Tochter dürfte diese Problematik zumindest nicht gegeben sein.

 

Mihaela Ursuleasa:

Nein, sie hat ja Musik um die Ohren, seit sie im Bauch war. Sie möchte Geige spielen. Sie kratzt schon sehr falsch (lacht), aber sie möchte es unbedingt. Und ich denke, „oh Gott, nicht schon wieder eine, die Musik machen will“, (lacht). Aber wenn sie will, kann ich sie nicht davon abhalten.

 

Michaela Boland:

Bei der gestrigen ECHO KLASSIK Preisverleihung war auffällig, dass man mit Thomas Gottschalk, der seinen Job hervorragend gemacht hat, einen sehr populären Fernsehmoderator gewählt hat, der eigentlich nahezu sinnbildhaft für Unterhaltung steht.

In seinen Moderationen wurde auch immer wieder ein Bezug zu Unterhaltungsthemen geschaffen. Glaubst du, dass es heutzutage notwendig ist, die Unterhaltung als Brücke zu nutzen, um die Menschen an die Klassik heranzuführen? Mit anderen Worten: Hat ohne den entsprechenden Entertainment-Faktor einfach kaum noch jemand Lust auf Anspruchsvolleres?

 

Mihaela Ursuleasa:

Das ist eine sehr gute Frage, aber leider muss ich sagen, dass wir bedauerlicherweise in einer Welt leben, in der heute alles nur auf Konsum, Unterhaltung, Entertainment, Videospiele und solche Dinge ausgerichtet ist. Insofern muss man sich leider mit solchen Brücken behelfen.

Ich bin mir zwar sicher, dass es diejenigen gibt, die einfach so kommen oder aus purer Neugierde dabei sein wollen, aber die sind heutzutage zu wenig. Also man muss leider bis zu einem gewissen Grad bestimmte Kompromisse eingehen.

 

Michaela Boland:

Wie oft bist du noch in Rumänien?

 

Mihaela Ursuleasa:

Schon noch jedes Jahr zwei bis drei Mal. Ich spiele auch jedes Jahr dort. Also ich habe meine Fans seit der Kindheit dort. Auch fahren wir in den Ferien dorthin, es ist ja auch ein sehr schönes Land, man kann dort sehr viel machen. Es gibt ja Berge und Meer.

 

Michaela Boland:

Du kommst aus Siebenbürgen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja.

 

Michaela Boland:

Nachdem die Gegend früher einmal zur kaiserlichen und königlichen Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte, war der Schritt nach Wien für dich womöglich gar nicht so weit?

 

Mihaela Ursuleasa:

Richtig, eben.

 

Michaela Boland:

Gibt es ein Land, in dem du besonders gerne auftrittst?

 

Mihaela Ursuleasa:

Was Auftritte anbelangt, nicht wirklich, denn ich spiele überall gerne. Nach Deutschland komme ich beispielsweise schon seit ungefähr 15 Jahren, also es gibt fast keinen Ort in Deutschland, wo ich noch nicht gespielt habe. Das Publikum hier ist auch sehr warm.

In Polen finde ich auch ein sehr warmes Publikum vor. Was ich auch sehr gerne mag, ist, wenn die Leute nicht nur brav applaudieren, sondern wenn man auch die Antwort sieht, wenn man alles gegeben hat, total verschwitzt ist und alle Ideen ausgeschöpft hat.

 

Michaela Boland:

Gibt es auch schon mal Standing Ovation?  

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja, zum Beispiel in Amsterdam stehen sie immer auf. Das ist eine Tradition, die sie haben. Beim ersten Mal als ich in Amsterdam gespielt habe, habe ich noch gedacht, „oh, standing ovation, das ist ja unglaublich“, und dann habe ich gehört, „du, die stehen immer auf, egal für was“. Und dann habe ich gedacht, „ach so“.

 

Michaela Boland:

Vielleicht sind sie mittlerweile durch André Rieu konditioniert und stehen ständig in den Startlöchern, um zu tanzen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Nun, lieber so als eingeschlafen (lacht).

 

Michaela Boland:

Was machst du so in deiner knapp bemessenen Freizeit?

 

Mihaela Ursuleasa:

Sehr gerne Sport. Ich mache Kung Fu. Achtung! (lacht).

 

Michaela Boland:

Wie bist du auf die Idee gekommen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Das ist für die Selbstverteidigung sehr hilfreich. Es ist wie jeder Sport, man muss herumspringen und mit den Händen etwas machen. Ich mache das seit circa einem Jahr und es kam eigentlich nur dazu, weil diese Schule unserem Zuhause genau gegenüber liegt. Ich ging immer daran vorbei und dachte, „ ja, warum nicht einfach mal ausprobieren“. Außerdem schwimme ich sehr gerne. Und lesen. 

 

Michaela Boland:

Was liest du am liebsten?

 

Mihaela Ursuleasa:

Alles Mögliche. Angefangen bei Asterix & Obelix bis Robert Musil. Jetzt lese ich gerade so ein Schnulzbuch. „Shopaholic“. Also entweder Sachen, die sehr viel vom Gehirn verlangen, so auch analytische Bücher, wie dem von Oliver Sacks, dem einarmigen Pianisten. Ein richtig dicker Wälzer. Es handelt vom menschlichen Gehirn in Verbindung mit Klang. Es ist sehr kompliziert geschrieben.

 

Michaela Boland:

Bei welchen Gelegenheiten liest du so etwas?

 

Mihaela Ursuleasa:

Im Zug oder im Flugzeug, immer wenn ich Ruhe habe. Oder vor dem Schlafengehen. Was ich übrigens ansonsten noch absolut gerne mache, ist kochen.

 

Michaela Boland:

Was gibt es bei dir? 

 

Mihaela Ursuleasa:

Ich mache gerne Experimente. Besonders gerne lade ich schon mal meine Freunde ein und mache ein Sieben-Gänge-Menü aus allem: Spaghetti mit Trüffelsauce oder gefüllte Ente mit irgendwelcher Creme.

 

Michaela Boland:

Das klingt sehr gut. Wann nimmst du dir die Zeit, um deine „Haute Cuisine-Fertigkeiten auszutesten?

 

Mihaela Ursuleasa:

Wenn ich frei habe. Es gibt ja auch immer mal freie Tage. Ich habe ja zum Beispiel immer gesagt, dass ich im Sommer mal einen Monat komplett Pause brauche. Und um die Weihnachtszeit und Neujahr herum, da ist auch frei.

 

Michaela Boland:

Welche Menschen bewunderst du?

 

Mihaela Ursuleasa:

Menschen, die geradeaus sagen, was sie denken. Ohne Komplimente. Ich schätze meine Freunde sehr. Ich habe von allen Formen von Menschen, die man haben kann, ob Geliebter, Bekannter oder Chef, was auch immer, meine Freunde sind mir am wichtigsten, nach meiner Tochter natürlich.

Und solche Freunde müssen fähig sein, auch mal zu sagen, „hey, da hast du dich vertan. Tu das nicht mehr oder das war falsch“. Diese Leute verlangen auch dafür nichts zurück.

 

Michaela Boland:

Kannst du selbst gut Kritik annehmen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja. Ich frage sogar gezielt nach, was nichts mit einem Mangel an Selbstvertrauen zu tun hat. Denn zwei Köpfe sehen besser als einer.

 

Michaela Boland:

Was bringt dich zur Weißglut?

 

Mihaela Ursuleasa:

Große Menschenmengen (lacht). Warteschlangen am Flughafen. Ansonsten Lügen und schleimig sein nach dem Motto: „Oh Sie sind so toll“. Manchmal werde ich gelobt, einfach nur weil ich auf einer Bühne stehe

 

Michaela Boland:

Du machst einen sehr selbstsicheren Eindruck. Wann glaubst du, dir dies angeeignet zu haben?

 

Mihaela Ursuleasa:

Als Kind wurde ich eher gedemütigt oder man hat versucht, mich dieses Selbstvertrauens zu berauben. Das kam durch diese extrem strenge Lehrerin. Aber ich denke, die Balance gab es bei den Eltern. Mein Vater hat mir immer sehr viel Selbstvertrauen gegeben.

Er hat mir immer dieses Bild vermittelt, du schaffst es, trau dich und wenn es daneben geht, macht es auch nichts, denn niemand killt dich. Ich glaube, es kommt von daher, dass ich sehr gerne riskiere.

Ich bin auch ein Mensch, der die Dinge so nimmt, wie sie sind. Was gestern war, kann man nicht mehr ändern, das ist mein Motto. Einfach weiter gucken oder wenn es etwas Neues zum Ausprobieren gibt, dann schmeiße ich mich da einfach rein.

 

Michaela Boland:

Wovon träumst du?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ich möchte mich in jedem Fall immer wieder in meinem Spiel verbessern. Also immer wieder etwas Neues in der Musik entdecken. Dass man nicht stagniert und sagt, o.k., jetzt bin ich an diesem Punkt.

Ich sage immer, es ist schwer, auf einen Berg hochzukommen, aber es ist schwerer, an der Spitze zu bleiben. Ansonsten träume ich immer mal von Reisen im Sinne von Urlaub. Ich würde gerne mal zum Meditieren nach Indien reisen oder eine Safari machen.

 

Michaela Boland

Wie sieht es denn mit der weiteren Familienplanung aus oder ist sie bereits abgeschlossen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Vielleicht wäre irgendwann ein zweites Kind nicht schlecht, aber jetzt noch nicht. Je nachdem wie es kommt.

 

Michaela Boland:

Gibt es augenblicklich einen „Mr. Right“ in deinem Leben?

 

Mihaela Ursuleasa:

Gibt es schon, ja. Aber ich würde seinen Namen nicht verraten, denn er ist auch sehr berühmt.

 

Michaela Boland:

Aha.

 

Mihalea Ursuleasa:

Ich glaube, er hat das nicht so gerne.

 

Michaela Boland:

Ist er auch Pianist?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja, ja. Wir sind total verrückt beide, weil wir uns auch kaum sehen. Er spielt morgen in Wien. Und ich sagte, na toll, einmal kommst du nach Wien und ich bin in Deutschland.

 

Michaela Boland:

Wie lange seid ihr schon zusammen?

 

Mihaela Ursuleasa:

Etwas über ein Jahr. So anderthalb.

 

Michaela Boland:

Aber, jetzt erzähl doch mal, Mihaela. Wie muss denn der Mann sein, in den du dich verliebst?

 

Mihaela Ursuleasa:

Na ja, ich hatte Erfahrungen mit entweder solchen Männern, die Babys wollten, also im Prinzip eine Mama für ihren Nachwuchs suchten, oder Machos. Also entweder oder. Aber er ist gerade der Typ, der nichts vormacht. Ich kann sein, wie ich sein will und er kann auch sein, wie er will. Er versucht mich nicht zu ändern, genauso wenig, wie ich dies bei ihm versuche.

 

Michaela Boland:

Wie oft seht ihr euch?

 

Mihaela Ursuleasa:

Wir versuchen es wie verrückt, wann immer es geht. Selbst wenn es nur zwei Tage sind. Wenn wir zum Beispiel gleichzeitig zwei Tage frei haben, oder wenn ich frei habe, dann gehe ich zu einem Konzert von ihm oder er kommt zu einem von mir. Also wir sehen uns schon fast jeden Monat.

 

Michaela Boland:

Den sogenannten Alltag verbringt ihr also derzeit noch nicht gemeinsam?

 

Mihaela Ursuleasa:

Man verbringt den Alltag nicht gemeinsam, aber in meinem Fall muss ich sagen, ich könnte nicht jeden Tag mit derselben Person, demselben Mann verbringen. Ich weiß nicht, ich habe das ausgetestet und es ist unmöglich. Dann müsste ich dem Mann sagen, „Du Armer, der du jeden Tag mit mir verbringen musst“.

(Lacht). Er ist auch so. Daher ist es so besser. Das sind sehr intensive Tage und sehr intensive schöne Momente. Wir haben uns natürlich auch schon mal gezankt und uns sehr direkte Sachen an den Kopf geschmissen. Aber das war von Anfang an so.

Wir kannten uns ja schon sehr viele Jahre von früher und plötzlich ist etwas passiert und alles war so selbstverständlich irgendwie. Manchmal denkt man ja, oh, ich muss mich jetzt extra schminken oder was mag er wohl denken, wenn ich das und das sage? Das ist bei ihm nicht der Fall. Deswegen ist es sehr schön.

 

Michaela Boland:

Verfolgst du augenblicklich hierzulande das gesellschaftspolitische Geschehen, wenn du ja häufiger in Deutschland bist? Stichwort Integrationsdebatte?

 

Mihaela Ursuleasa:

Ja, das habe ich gelesen.

 

Michaela Boland:

Wie stehst Du grundsätzlich zu dieser Thematik?

 

Mihaela Ursuleasa:

Natürlich denke ich, wenn man in einer Kultur lebt und das mehrere Jahre lang und nicht nur für drei Tage Urlaub macht, dann muss man sich schon anpassen. Aber das heißt nicht, dass man seine eigenen Traditionen oder Religionen oder Ansichten völlig aufgeben muss.

Also wenn ich jetzt zum Supermarkt gehe, dann werde ich auch nicht mit amerikanischen Dollars bezahlen, sondern ich bezahle in der Währung, die in dem Land gängig ist und ich versuche, in der Sprache zu sprechen, die die Personen dort verstehen. Auch wenn es Englisch ist, aber man muss sich verständlich machen.

Aber dieses Thema ist etwas, was ich bei den Menschen allzu oft sehe. Wir sind 1991 nach Wien gekommen und es gab Demonstrationen gegen die Ausländer. Es ist also ein Thema, eine Ideologie, wo die Wurzeln sehr berechtigt sind und ein Recht dazu haben, ausgesprochen zu werden.

Aber was der Mensch macht, tendiert leider zum Extremismus. Man verliert die emotionale Kontrolle. Wegen so etwas entstehen sowohl auf der einen Seite als auch auf der anderen Seite auch Kriege.

 

Michaela Boland:

Liebe Mihaela, vielen Dank für dieses ausführliche Interview. Für die Zukunft von dir und deiner Familie die allerbesten Wünsche.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

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03.07.2012 über Sinn und Sinnsuche

GFDK/ Sony Music - 5 Bilder

„Alles, was anders ist, ist gut“, sagt Hollywoodstar Bill Murray am Ende des Kinokultfilms „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – Ausdruck purer Freude über Veränderung, die das Leben wieder in die Balance bringt. Nicht, dass Silbermond in ihrem Musikerleben an vergleichbaren Problemen oder immer wiederkehrenden Mechanismen litten.

Doch wie jede Band die ihr viertes Album angeht, schlichen sich auch bei der Bautzener Band gewisse Routinen, kleine Bequemlichkeiten ein - déjà vus eben. Herausforderungen, denen sich eine Band mit Anspruch wie Silbermond stellen musste.

Es wäre einfach gewesen, auf der Suche nach Neuerungen und Innovationen Input von außen zu verpflichten. Andere Bands suchen da schon mal Lösungen im Ausland und versuchen mit einem anderem Produzenten Erfolg zu erkaufen. Silbermond denken anders. Gitarrist Thomas Stolle, Sängerin Stefanie Kloß, Bassist Johannes Stolle und Schlagzeuger Andreas Nowak lösten ihre Aufgaben selbst, von innen.

„Auch wenn das mitunter sehr schwierig ist, weil jeder von uns eine eigene Vorstellung hat“, meint Gitarrist Thomas Stolle. „Da ist es wichtig, dass es Leute in unserem Umfeld gibt, die uns ihre ehrliche Meinung mitteilen, die auch mal sagen: Leute, das ist scheiße. Wir brauchen niemand, der uns zum Mund redet.“

Am Anfang zu „Himmel auf“ stand der Wille nach Veränderung, die Lust auf Neues, die Aussicht auf Abenteuer. „Es ist unserem Anspruch geschuldet, uns nicht wiederholen zu wollen“, beschreibt Thomas Stolle die Anfänge des Albums. Der Hauptsongwriter der Band griff bewusst nicht in seine Saiten, sondern ließ zunächst seiner Lust am Musikmachen freien Lauf. Nicht umsonst heißt das Album „Himmel auf“ – Sinnbild eines kreativen Prozesses voller Freiheit, ohne Grenzen. Lautete das interne Motto des Quartetts zum letzten Album noch „Zurück nach vorn“, hieß es diesmal pragmatisch: „Machen!“

So bastelten Thomas Stolle und Schlagzeuger Andreas Nowak im Band-eigenen Studio in Berlin Adlershof zunächst an neuen Sounds. Da wurden Keyboards und Drumcomputer, Sampler und Effektgeräte angeschleppt, Beats, Sound und Loops programmiert, „einfach mal ganz andere Ideen ausprobieren, Musik auf die wir auch sonst stehen“, erklärt Thomas Stolle. „Einfach mal den alten Pfad verlassen und versuchen neue Wege zu finden.“

Sei es durch Experimente wie etwa den Schlagzeug-Sound mit einem Mikrofon auf der Damentoilette einzufangen. Oder mit Chorgesängen zu experimentieren. Ungewöhnliche Song-Strukturen und unerwartete Wendungen auszuprobieren. Oder ganz unauffällig einen schrägen 7/8-Takt in einen Pop-Song zu schummeln, dass es höchstens Musikprofis auffallen dürfte. (100 Punkte, wer den Beat findet!)

Aus rund 60 Ideen die das Quartett über ein Jahr in sich trug, destillierte man rund 25 Stücke. Gerade die Hälfte davon passierte die interne Qualitätskontrolle. Was jedoch übrig blieb, sind die bislang wohl spannendsten, ungewöhnlichsten, kreativsten und vielschichtigsten Songs, die Silbermond bislang ihren Fans anvertraut haben: anders, neu, frisch klingen zu wollen und doch authentisch zu bleiben, etwas Neues schaffen, ohne Altbewährtes aus den Augen – besser Ohren – zu verlieren – das ist wahre Kunst.

Das beginnt mit modernen Beats, die das Titelstück „Himmel auf“ voran treiben. Überhaupt: die Beats geben den Herzschlag von Silbermond 2012 vor. Viele der 14 neuen Nummern grooven luftig und rocken doch satt: ein wunderbarer Gegensatz, für den exemplarisch auch der Midtempo-Rocker „Gegen“ steht. Ein Stück über unreflektierte Protestkultur und sinnentleertes Oppositionsgebahren destruktiver Verhinderer – gesellschaftsrelevante Themen liegen Sängerin Stefanie Kloß diesmal besonders am Herzen.

Hatte die Band auf dem letzten Album mit Songs wie „Nichts passiert“ Jugendliche dazu angehalten ihr Demokratieverständnis zu schulen, Aufmerksam zu sein und selbstbewusste, kritische Bürger zu werden, führt die Band mit „Irgendwo in der Mitte“ diesen Gedankengang weiter. „Es ist im Grunde eine private Betrachtung“, sagt Stefanie, „ein Lied das mir am Herzen lag.“

„Himmel auf“ zeigt eine Band die erwachsen geworden ist. Silbermond sind nicht mehr die jugendlichen Newcomer aus Bautzen. Hier formulieren gestandene Mittzwanziger Gedanken aus ihrer Lebens- und Erfahrungswelt. Faszinierend dabei wie die Band es erneut schafft die Gefühle ihrer Generation in Worte zu fassen. Silbermond älter und reifer geworden – wie ihre Fans mit ihnen.

Kein Lied reflektiert das deutlicher als „Weiße Fahnen“, ein Stück über das unvorstellbare Seelenleid der Kindersoldaten dieser Welt. „Und er wacht auf im Feuerregen / die Nacht gelähmt keine Sterne zu sehen / durch seine kleinen Hände fließt roter Sand / Er weiß wie Leben enden, aber nicht wie sie anfangen“ Gänsehaut.

„Solche Themen müssen erst mal in einem selber reifen, bevor man sie nach außen trägt und in einem Text zur Sprache bringt“, sagt Stefanie. „Wenn man allein das vergangene Jahr betrachtet, dann ist die Welt unheimlich in Aufruhr. Da macht man sich schon so seine Gedanken, weil man ja auch ein Teil dieser Welt ist. Und irgendwann stellt man fest, dass die Kriege gar nicht so weit weg sind und indirekt auch einen selbst betreffen.“

„Himmel auf“ ist auch ein Album über Sinn und Sinnsuche. Es ist nicht nur das musikalische Herausforderndste, es ist auch mit Abstand das persönlichste Album das Silbermond bislang eingespielt haben. Ein mutiges dazu. Wer, wenn nicht Stefanie würde sich trauen jene drei berühmten Worte auszusprechen, die andere Sänger mit allen Mitteln zu umschreiben versuchen?

Jenes „Ich liebe Dich“ ist Höhepunkt der Feuerzeug-Hymne „Ja“, die mit strahlenden Streichern zu hymnischer Größe wächst, als hätten Sigur Ros, Coldplay und U2 gleichzeitig im Studio gestanden. Wichtiger noch: „Ja“ ist Ausdruck von aufrichtiger Liebe, grenzenlosem Vertrauen und hingebungsvoller Überzeugung.

Es ist auch ein Zeichen des Erwachsenwerdens den Mut zu besitzen um Nähe zuzulassen, was Stefanie den Fans in „Oberfläche“ zeigt: „Kommst du mit unter die Oberfläche / ich zeig dir den Kern von mir und was ich sonst verstecke unter der Oberfläche / da ist so viel mehr von mir das will ich dir zeigen / wir gehen in die Tiefe und dort können wir bleiben.“ - ein weiteres Stück über die immerwährende Suche nach Wahrhaftigkeit und Tiefe, über das Wagnis sich seinem Gegenüber zu öffnen und verletzlich zu zeigen.

Inszeniert übrigens mit einem genialen Gitarrenthema wie es U2-Gitarrist The Edge nicht besser hinbekommen hätte. Und natürlich spielte auch bei diesem Album wieder eine Schultafel eine gewichtige Rolle.

Wer bei „Himmel auf“ eine zuckersüße Pärchenplatte mit Rosenduft und Romantik-Overkill erwartet hat, irrt. „Himmel auf“ rockt! Allein das gleichnamige Titelstück eignet sich hervorragend als Hymne und besitzt feinste produktionstechnische Details, raffinierte Programmings und ungewöhnliche Chöre. Überhaupt überraschen Silbermond mit einer vielschichtigen Produktion und ungewöhnlichen Arrangements, wenn etwa in „Es geht weiter“ am Ende das Schlagzeug noch einmal anzieht und … mehr sei hier nicht verraten. Nur so viel: „Himmel auf“ besitzt in jeder Hinsicht internationales Format.

Damit schließt sich der Kreis einer spannenden Reise mit einem Happy End wie es Hollywood nicht besser hinbekommen hätte. Die anfängliche Frustration über stereotype Mechanismen, die eigene Bequemlichkeiten und eigefahrene Routinen haben Silbermond mit Kreativität ausgekontert. „Es war anfangs extrem deprimierend“, sagt Thomas Stolle. „Es tat weh, am Anfang alles zu löschen und noch einmal ganz von vorne zu beginnen. Wir haben mit diesem Album unsere frustrierendsten Momente erlebt, aber auch unsere schönsten. Wir haben buchstäblich bei null angefangen.

Denn es ging darum Silbermond 2012 zu zeigen.“ Stefanie Kloß, Thomas Stolle, Johannes Stolle und Andreas Nowak haben es geschafft. „Himmel auf“ ist ihr klingender Beweis. „Alles was anders ist, ist gut“, sagt Billy Murray. „Bleibt alles anders“, sagt Grönemeyer. „Himmel auf“ ist anders, sagen Silbermond. Und es gibt darauf viel zu entdecken.

Sony Music International, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Sandra Kinzelmann

sandra.kinzelmann@sonymusic.com

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