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23.08.2013 eine Goldader aus der Wüste Nordafrikas

GFDK - Leila Benameur

Hindi Zahra ist mit »Handmade« die perfekte Verschmelzung unterschiedlichster musikalischer Welten gelungen. Mit einer Melange aus künstlerischer Leichtigkeit und lebensfroher Gedankenschwere beschwört diese faszinierende Esperanto-Chanteuse, die es bereits bis ins Olympia von Paris geschafft hat, ein so noch nie gehörtes World-Music-Eldorado.

Eine wahre Goldader aus der Wüste Nordafrikas: von Hindi Zahra darf man auch in Zukunft noch manch hochkarätige Glanzleistung erwarten.

Mit ihrem nunmehr fast drei Jahre alten Debütalbum hat die französisch-marokkanische Künstlerin Hindi Zahra wahrlich eine höchst nachhaltige Duftmarke gesetzt. »Handmade« ist eines jener Albumjuwelen, das sich nicht mit glitzerndem Charterfolg brüsten muss, dessen Langzeitwirkung jedoch umso bemerkenswerter ist.

Portrait des Monats

Preise hat sich die aparte Sängerin und Songwriterin für ihr bahnbrechendes und von World-Music-Connaisseuren innig geliebtes Werk redlich verdient: 2011 erhielt sie den Prix Constantin für das beste Album und im selben Jahr den renommierten Victoires de la Musique für das beste Weltmusik-Album. Nicht minder erwähnenswert ist, dass »Handmade« nach wie vor seine Kreise zieht und von immer mehr Musikliebhabern entdeckt wird.

Hindi Zahra, ausgestattet mit einer sanft melancholischen Stimme und einem feinen Händchen für prägnante Melodien, kreierte mit »Handmade« fürwahr eines der wohl außergewöhnlichsten Blue-Note-Alben der letzten Jahre. Nicht genug, dass sie alle Songs selbst komponierte, sie hat sie auch quasi im Alleingang arrangiert und produziert.

Blues, World Music, Folk und Jazz

Hindi Zahra hat sich viel Zeit gelassen für ihr Erstlingswerk, das mit einer ebenso einzigartigen wie eigenwilligen Mischung aus Blues, World Music, Folk und Jazz aufwartet — spartanisch, verträumt, magisch, intim, vielsprachig, poetisch...

Schon der Opener »Beautiful Tango«, schwermütig und rubinrot wie ein Tokajer, macht gleich hellhörig, wenn nicht gar süchtig. Das britische Magazin »The Wire« meinte, in diesem Song, der  inzwischen sagenhafte vier Millionen Clicks auf YouTube verzeichnet, die perfekte Symbiose aus Django Reinhardt und Billie Holiday erkannt zu haben. Wie passend, dass den Videoclip zu diesem wunderbaren Lied der französische Regisseur Tony Gatlif drehte.

Immerhin pulsiert durch dessen Adern Zigeunerblut und tatsächlich spielt Hindi Zahra ihre Gitarre nicht selten wie weltverlorenen Zigeunerblues. So fügt sie ihren mit schlichten Mitteln produzierten Songs immer wieder Elementarteilchen aus verschiedenen Genres bei, die ihnen eine Aura des Geheimnisvollen verleihen.

Ihre Songs lassen stets viel Raum zum Atmen und entfalten dazu die wundersamsten Aromen. »Oursoul« etwa, ein Lied über die unerfüllten Träume eines Mädchens, das zur Heirat bestimmt ist, besitzt die glänzende Patina eines alten französischen Chansons. Der Titel ist übrigens kein englisches Wort, sondern stammt aus der Sprache der Berber und bezeichnet die »Verflossenen«.

Geboren wurde Hindi Zahra 1979 in der marokkanischen Provinzstadt Khouribga. Ihr Vater war beim Militär, ihre Mutter eine im Ort beliebte Gelegenheitsschauspielerin und Sängerin. In ihrer Verwandtschaft gab es ebenfalls Musiker, die jene psychedelische Musik der Berber spielten, die man landläufig als Desert Rock’n’Roll bezeichnet. Sie wuchs mit den vielgestalten Klängen des afrikanischen Kontinents auf, von der traditionellen Musik der Berber über die Stimmen berühmter Diven wie Cheika Rimitti und Oum Kalsoum bis hin zu Ali Farka Touré und Ismaël Lô.

Doch die afrikanischen Wurzeln sind nur ein Zweig in ihrem Geflecht musikalischer Inspirationen. In jungen Jahren folgte sie ihrem Vater nach Paris, wo sie mit 18 Jahren einen Job im Louvre annahm.

»Das war mein großes Treffen mit der Kunst. Als Kind war ich nachdenklich und eng mit der Natur verbunden. Die Gemälde haben bei mir ganz ähnliche Empfindungen ausgelöst.«

Doch nichts hat ihre Vorstellungskraft mehr angeregt als Musik. Hindi Zahra hat die »afro-amerikanischen Grooves« verinnerlicht: allen voran Aretha Franklin, James Brown, 2-Pac und A Tribe Called Quest. Ihre Stimme hat sie als Backgroundsängerin in der vielseitigen Pariser Szene an der Schnittstelle zwischen Soul und HipHop geschult.

Zweifellos hat die Autodidaktin ein intuitives Gespür für Rhythmus und Melodie, das fühlt man bei fast jeder ihrer Kompositionen. »Jazz ist der einzige Ort, wo ich die Noten meiner Heimat heraushöre. Jazz kommt kreativer Freiheit gleich. Das ist einfach eine großartige Schule.«

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In ihrer zwischenzeitlichen Wahlheimat London begegnete sie Fink, einem Gitarristen der Electro-Szene rund um das Label Ninja Tune. Er gab Hindi den Ratschlag, weiter und intensiv an ihrem Repertoire und an ihrem Stil zu feilen.

Das Resultat hätte kaum perfekter ausfallen können. »Handmade« mag mit seinen elf Songs von insgesamt 40 Minuten ein Album von überschaubarer Länge sein, doch die nachhaltige Wirkung dieses Albums ist nur schwer zu ermessen. Es gibt kaum einen Song auf diesem kleinen handgemachten Meisterwerk, der nicht seinen ganz eigenen Reiz hat, seinen unverwechselbaren atmosphärischen Zauber. »Stand Up« erinnert mit seinem karibisch gefärbten Gitarrenrhythmus an Manu Chao, mit dem Hindi gelegentlich verglichen wird.

»Old Friends« klingt wie eine Jazzballade aus einer anderen Galaxie; »Music« verblüfft mit einer eher wohl unbewussten Referenz an das Gitarrenspiel von Fleetwood Mac. Vom Delta-Blues-Hybrid »Set Me Free« über den Tribal-Chant »Kiss And Thrills« bis hin zum Swing von »Fascination« — auf dem Album von Hindi Zhara kann jeder seine eigenen Entdeckungen machen, sich ganz dem Sog hingeben, wenn Songs nahezu unmerklich vom Blues zum Soul übergleiten oder sich ein Gefühl wohltuender Gravität ausbreitet.

Kein Wunder, dass die Werbebranche da schnell zugriff: Während »Stand Up« bereits vor drei Jahren von der Western Union Bank für eine große Werbekampagne ausgewählt wurde, hat Chanel für seinen jüngsten Werbespot mit Gisele Bündchen das vitale »Imik Si Mik« als musikalische Untermalung ausgewählt.


Leila Benameur

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14.08.2013 überzeugt mit ungemein rauchiger soul-stimme

GFDK

Wie kann jemand, der in seiner Karriere bereits 4,5 Millionen Alben verkauft und weltweit zahlreiche Nummer-Eins-Hits landete – darunter sein zum Klassiker avanciertes “You Give Me Something“ – von einem weiteren „Reifeprozess“ sprechen?

Wie soll es außerdem noch weiter aufwärts gehen, wenn man schon ganz oben ist? James Morrison kann diese Fragen beantworten. Leicht sogar. Denn der schmächtige, fast zerbrechlich wirkende Mann mit dieser ungemein rauchigen Soul-Stimme war bei seinem Durchbruch in 2006 erst ganze 21 Jahre alt.

Ein Jungspund, der bis dahin mehr Tiefen als Höhen erlebt hat: aufgewachsen in der britischen Provinzstadt Rugby. Das Mittlere von drei Kindern. Der Vater – ein Alkoholiker, der die Familie verließ, als James noch ein Kind war. Dann: Umzug folgt auf Umzug. Gelegenheitsjob auf Gelegenheitsjob.

Kaum 20 Jahre alt, ändert sich sein Leben innerhalb weniger Monate. Vielleicht sind es sogar nur Wochen, die aus dem Autowäscher (aktueller Job) in Derby (aktueller Wohnsitz) einen weltweit umjubelten Sänger machen. Kein Wunder, sein Debüt „Undiscovered“ besitzt einfach alle Zutaten, um aus der Masse der Neuerscheinungen herauszuragen.

Meterweit! Dafür sorgen soulige, groovige Songs, grandiose Melodien, lässige Instrumentierung und – vor allem – diese unglaubliche Stimme. Gleichermaßen rau und sanft erzählt sie von einem Menschen, der schon einiges erlebt und durchlebt hat – trotz seiner Jugend. „You Give Me Something“, sein erster Hit berührt nicht nur weltweit Millionen von Menschen.

Es gelingt James Morrison damit auch auf Anhieb, ein stimmliches Signet zu entwickeln. So wie er singt nur einer: James Morrison.

Was folgt, ist die berühmte „vom Tellerwäscher zum (Platten)Millionär“-Geschichte: Jede Menge Top-Hits („Wonderful World“, „You Make It Real“), ein zweites, ebenfalls äußerst erfolgreiches Album („Songs For You, Truths For Me“), ein Hit-Duett mit Nelly Furtado („Broken Strings“), gemeinsame Shows mit Stevie Wonder und Bruce Springsteen und – logische Konsequenz – jede Menge Awards (darunter auch der BRIT-Award).

James Morrison hätte jetzt einfach so weiter machen können. Schnell ein Album und ein paar Hits nachschieben und erneut auf Konzertreise gehen. Doch der nachdenkliche Brite hat sich für das Gegenteil entschieden: Er hat sich rar gemacht und dreijährige Album-Pause eingelegt.

Eine wichtige, aber auch keine leichte Zeit. Zum einen ist James Morrison Vater einer Tochter geworden – andererseits ist sein eigener Vater verstorben: zwei emotionale Pole, für die der Musiker ein Ventil gefunden hat – die Songs seines neuen Albums „The Awakening“.

„Die ersten zwei Alben waren eher Testballons“, sagt er, „jetzt bin ich reifer. Für mich ist es irgendwie sogar mein erstes richtiges Album.“ So viel zum Reifeprozess eines Weltstars …

Wer die Tracks des neuen, von Bernard Butler (Suede) produzierten Albums hört, kann ihm nur beipflichten. Titel wie die Single-Auskopplung „I Won’t Let You Go“, das soulige „Right By Your Side“, das unbekümmerte, extrem tanzbare „Slave To The Music“ oder die Soul-Ballade „Up“ (mit Jessie als Duett-Partnerin) zeigen den charismatischen Künstler auf dem Höhepunkt seines Könnens.

„Mein letztes Album war zu sehr `Pop´, zu `lauwarm´“, sagt er selbstkritisch, „es ging in die falsche Richtung. Wenn ich so weiter gemacht hätte, hätte ich mich selbst irgendwie verloren. Und das wollte ich nicht.“

Ganz anders deshalb die Herangehensweise zu „The Awakening“. Bei diesem musikalischen Erweckungserlebnis habe er keinen Moment an Hits und Erfolg gedacht. „Ich habe mir nicht den Druck gemacht, diese hohen, lauten Noten zu singen, sondern einfach nur Spaß bei den Aufnahmen gehabt.“

Dafür waren – neben Produzent Bernard Butler – auch seine Co-Songautoren verantwortlich. Hit-Lieferanten wie Steve Robson (Take That), Eg White (Duffy), Dan Wilson (Adele) und Toby Gad (Beyonce).

Alle Titel haben die Gemeinsamkeit wie für die Bühne geschaffen zu sein. Unter anderem deshalb dürfen sich Fans auf die fünf anstehenden Konzerte im März des nächsten Jahres freuen.

Am 30. September erschien sein drittes Album "The Awakeing"

Morrison war für "The Awakening" u.a. mit Jessie J im Studio, um den Song Up aufzunehmen - eines von zwei Stücken, die Mark Taylor produziert hat. Bei allen anderen Stücken saß Bernard Butler hinter den Reglern.

Morrison dazu:

„Die Arbeit mit Bernard Butler hat den Songs eine vollkommen neue Dimension verliehen. Ich glaube, dass es mir gelungen ist, auf dieser Platte zwei Dinge zu vereinen: meine Liebe zu klassischem Soul – sprich: Marvin Gaye, Stevie Wonder, Otis Redding –, kombiniert mit einem Sound, der einfach nur absolut zeitgenössisch ist.

Während der Arbeit an diesem Album gab es einschneidende Veränderungen in meinem Privatleben, und ich glaube, man erkennt sofort an der Musik, dass das hier nicht nur die Platte ist, die ich machen wollte, sondern genau diejenige Platte, die ich genau jetzt machen musste.“

Wie bereits der Titel seines dritten und mit Abstand besten Albums andeutet, präsentiert sich James Morrison auf "The Awakening" als ein sehr viel reiferer Musiker, als Künstler, der aufgerüttelt wurde, in Aufbruchstimmung ist.

In seinem Privatleben ist sehr viel passiert seit der Veröffentlichung des letzten Longplayers; Morrison ist selbst Vater geworden und hat zugleich seinen eigenen Vater verloren, nachdem dieser jahrelang gegen seine Alkoholsucht und eine Depression angekämpft hatte.

Darüber hinaus ist der 26-Jährige auch als Sänger gewachsen, als Songschreiber und Musiker, und so gelingt es ihm auf dem dritten Album, all die Geschehnisse und Emotionen der letzten Zeit zu nehmen und sie in seine bisher eindrucksvollsten Songs zu verwandeln.

"Meine ersten beiden Alben fühlen sich heute eher wie Übungsrunden an, wie ein paar Schüsse zum Warmwerden", meint er, "und jetzt habe ich die Prüfung endlich bestanden. In gewisser Hinsicht fühlt es sich so an, als wäre diese LP mein erstes richtiges Album." …

Als es an der Zeit war, das zweite Album aufzunehmen, habe er "zu sehr darauf geachtet zu beweisen, warum ich überhaupt ganz oben gelandet war und warum mein Sound bei den Leuten ankam. Ich wollte es ihnen einfach noch mal beweisen."

Das sollte ihm in der Tat gelingen: Allein die erste Single "Broken Strings" ist mit 1,5 Millionen verkauften Einheiten noch immer seine erfolgreichste Auskopplung überhaupt, nur konnte er diesen Erfolg nicht so sehr genießen, wie das noch beim Erstling der Fall gewesen war. Rückblickend bezeichnet er seinen zweiten Longplayer nämlich als zu poppig, zu "lauwarm", ja sogar als Schritt in die falsche Richtung.

"Ich sagte mir daraufhin folgendes: Wenn ich es im dritten Anlauf nicht berichtigen und alles so machen kann, wie ich es will, dann bin ich raus und schmeiße das alles hin. Ich verliere sonst die Kontrolle, und das kommt für mich nicht in Frage."

Zum Glück ist "The Awakening" genau das Album, das James Morrison schon längst hätte aufnehmen sollen und können; es ist die perfekte Plattform für seine einzigartige Stimme. "Dieses Mal habe ich überhaupt nicht daran gedacht, ob sich etwas verkauft oder nicht, und dadurch habe ich die Arbeit wieder richtig genießen können.

Ich hab auch gar nicht andauernd versucht, ganz laute und schwierige Passagen zu singen; stattdessen habe ich mich einfach innerlich zurückgelehnt und so gesungen, wie es mir in den Sinn kam, und dadurch kamen die Songs regelrecht aus mir herausgesprudelt."

Das Resultat dieser lockeren Herangehensweise, "The Awakening", ist ein Album, dessen Folk- und Soul-Songs, zeitlos und zeitgenössisch zugleich, extrem warm klingen, weil alles live eingespielt wurde. Rein musikalisch betrachtet gibt es durchaus Parallelen zu seinem Debütalbum, nur klingt Morrison heute sehr viel selbstbewusster und mutiger.

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Die Streicher setzen an und heben ab, die Melodien und Harmonien sind übergroß, episch, aufbauend, dazu gibt es Balladen mit sehr viel Soul und, im Fall von "Slave To The Music", sogar einen Abstecher auf die Tanzfläche inklusive Hand-Claps – ein ganz neues Element in seinem Sound.

Morrison knüpft gelegentlich an die Motown-Ära an, bezieht Gospel und Country ein, ja sogar ein Hauch Latin schimmert gelegentlich durch. Allein technisch muss man ihn immer noch als einen der größten weißen Soulsänger unserer Zeit bezeichnen, dessen Gesang Stevie Wonder genauso viel schuldet wie Paul Young.

Dabei ist Morrison sehr viel mehr als nur ein großes Stimmtalent, denn man hört, dass sein Gesang aus dem Bauch heraus kommt, dass seine Gefühle echt sind: "Ich verstehe unter dem Begriff Popmusik einfach nur großartige Songs, die auch nach Jahren noch gut klingen und bei den Leuten ankommen", meint er.

"Doch natürlich gibt es auch die Kehrseite dieser Medaille, die Sache, dass man in dieser Popwelt manchmal auch nur einen Hit hat und dieser Song danach sofort in Vergessenheit gerät. Die Art von Song wollte ich nie machen."

Das neue Album, an dem James Morrison drei Jahre gearbeitet hat, ist sein Debüt für Island Records; die Vorgänger waren bei Polydor erschienen. Das Team jedoch ist noch immer dasselbe wie zuvor: zu den Co-Autoren der Songs zählen unter anderem Steve Robson, verantwortlich z.B. für "Shine" von Take That, Eg White (Duffy), Dan Wilson (Adele) sowie Toby Gad, bekannt für "If I Were A Boy" von Beyoncé.

Zehn der 12 neuen Tracks wurden von Bernard Butler produziert, jenem Mann also, der früher bei Suede Gitarre gespielt hat. Seither hat sich Butler, der auf "The Awakening" auch für die Gitarrenspuren verantwortlich war und den Morrison als den "Regisseur der neuen Platte" bezeichnet, mit Aufnahmen für The Libertines, Tricky oder Duffy einen Namen als Produzent gemacht.

"Ich war vor unserem ersten Treffen ganz schön nervös, schließlich kommt er aus einer ganz anderen musikalischen Ecke als ich", berichtet der Sänger über die Arbeit mit Butler. "Ich war dadurch irgendwie angespannt und wollte unbedingt etwas machen, was ihm gefällt.

So kam es also, dass ich am Mikrofon voll abgegangen bin, und er immer wieder sagen musste: ‘Entspann dich – du gibst zu viel Gas. Sing die Stelle doch noch mal etwas sanfter ein.’ Am zweiten Tag fiel der Groschen dann und ich wusste mit einem Mal, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Ab da war ich nur noch begeistert von der Arbeit mit ihm."

"Bernard hat stets dafür gesorgt, dass die Songs schön luftig bleiben, dass die Produktion nicht so sehr im Vordergrund steht und alles andere überdeckt. Dank ihm kann man ganz deutlich raushören, was in den Stücken so alles passiert. Er hat es geschafft, die LP wie ein richtiges Album klingen zu lassen, ohne den Sound dabei zu glatt zu machen.

Sein Ansatz war genau das, was diesen Songs vorher gefehlt hat", berichtet Morrison weiterhin. "Insgesamt waren wir ein ganz schön großes Team, doch unterm Strich saßen wir eigentlich immer nur zu viert im Studio: Schlagzeuger, Bassist, Bernard mit der Gitarre und ich am Mikrofon.

Jeden Track haben wir dann sieben, acht Mal aufgenommen, daraus die beste Version ausgewählt und uns dann an den Feinschliff gemacht. Uns war also erst mal wichtig, dass der Vibe, die Stimmung eines Songs stimmt; danach kann man alles Mögliche damit machen und es wird sich meistens super anhören."

Dass es sich bei dem Duett "Up" um einen absoluten Hit-Kandidaten handelt, sieht man quasi schon von weitem; es handelt sich dabei um einen von zwei Songs, die Mark Taylor produziert hat, der auch schon für "Broken Strings", den besagten Morrison-Duett-Hit, hinter den Reglern stand. Morrisons Gesangspartnerin wirkt auf den ersten Blick eher unpassend gewählt: immerhin ist Jessie J die Queen in den Urban-Charts, und ein dreckiges Mundwerk hat sie noch dazu.

Der Vorschlag, mit ihr zu arbeiten, kam von Colin Barlow, James’ A&R: "Nicht etwa, dass ich an ihrem Können als Sängerin gezweifelt hätte", sagt Morrison, "doch ich hatte zunächst schon meine Bedenken, ob sie denn nun die Richtige für diese Art von Song war.

Doch dann ging sie in die Gesangskabine und legte diese grandiosen Aufnahmen hin – sie ist unfassbar talentiert, so präzise als würde man mit Autotune arbeiten. Ich wollte versuchen, die andere Seite ihrer Persönlichkeit aus ihr herauszuholen, die normaler Seite, das normale Mädchen in ihr.

Ich meinte also, ‘Hey, Jessie, du bist wie ein Ferrari, der den ganzen Tag im fünften Gang durch die Gegend rast – schalte mal einen Tick runter, in den dritten Gang.’ Und dann lief alles wie geschmiert: Sie sang den Refrain genau so ein wie ich es hätte machen müssen."

Sein angespanntes Verhältnis zu seinem Vater, der letztes Jahr nach einem langwierigen Kampf gegen seine Alkoholsucht an einem Herzversagen starb, wird im Songtext von "Up" adressiert – und in diversen weiteren Stücke von "The Awakening".

"Der Song ist einfach wahnsinnig persönlich:

‘How can I find you when you’re always hiding from yourself/Playing hide and seek with me until it gets too dark inside your shell/Why do I even try when you take yourself for granted – I should know better by now/And when you call, I can already hear that crashing sound as it all falls down.’

Damit will ich ihm im Grunde genommen sagen: ‘Ich werde mich auf deinen ganzen Kram nicht einlassen, aber du sollst wissen, dass du selbst stark genug bist, um das Blatt aus eigener Kraft zum Guten zu wenden.’

Allerdings habe ich Jessie das alles gar nicht so genau erläutert, schließlich hatten wir uns ja gerade erst kennen gelernt. Uns ging es im Studio also einfach nur darum, eine unfassbar krasse Gesangsspur für den Refrain aufzunehmen."

Ein anderer Track, "The Person I Should Have Been", geht zurück auf ein Gedicht, das Morrison nach einem Gespräch mit seinem im Sterben liegenden Vater geschrieben hatte. "Ihm ging es kurz vor seinem Tod sehr, sehr schlecht, und wir unterhielten uns über all die Dinge, die er hätte tun sollen – oder auch über Dinge, die ich hätte tun sollen. Mich hat das ganz schön aus der Bahn geworfen; ich musste also einfach darüber schreiben, um nicht durchzudrehen."

Der direkteste und heftigste Song ist jedoch "In My Dreams": "Den kann ich mir ehrlich gesagt kaum anhören, weil mich die Nummer so sehr bewegt; ich hab auch keinen Schimmer, wie ich das Stück jemals live spielen soll. ‘In My Dreams’ entstand, als ich gerade mit Dan Wilson an neuen Songideen arbeitete.

Er fragte mich dann, was gerade so in mir vorging, woraufhin ich ihm erzählte, dass mein Vater kürzlich verstorben war und dass ich irgendwie hoffte, er könne mir im Traum erscheinen, nur war es dazu noch nicht gekommen. Darauf sagte Dan nur: ‘Genau da müssen wir ansetzen’, und als der Titel ‘In My Dreams’ erstmal stand, nahm ich einfach die Gitarre und der Song schrieb sich wie von selbst.

Der Track sollte schon auch positiv klingen, so wie die Aufnahmen von Curtis Mayfield oder Stevie Wonder damals. Es sollte sich nämlich so anfühlen, als wäre man selbst in einer Traumwelt, wenn man das Stück hört."

Was den Titelsong der LP angeht, befasst sich Morrison da mit den Erfahrungen, die er selbst als Vater in den vergangenen Jahren sammeln durfte – seine Tochter Elsie ist inzwischen schon drei. „Mir kommt das so vor, als ob ich da erst richtig wach geworden bin und realisiert habe, was richtig und wichtig ist.

Früher habe ich immer gesagt: ‘Ach nein, Kinder will ich eigentlich keine’ – und als ich dann plötzlich doch als Vater dastand, gab es nichts Größeres für mich. Dieses Gefühl wollte ich in diesem Song einfangen.“

Das grandiose "I Won’t Let You Go", auf dem er gesanglich wirklich alle Register zieht, widmet er mal wieder seiner Freundin Gill, über die er zuvor schon Songs wie "You Give Me Something" oder, während einer eher schwierigen Phase, "The Pieces Don’t Fit Anymore" geschrieben hatte.

Auch wenn auf "The Awakening" die Gefühle ganz ungeschönt im Mittelpunkt stehen, seien die neuen Tracks keine „Downer-Nummern“, die einen runterziehen, so Morrison.

"Ja, natürlich geht es da auch um Probleme – aber zugleich geht es mir auch darum, einen Blick auf mein Leben und mein Umfeld zu werfen, alles abzuwägen, um letztlich das Gute daran zu sehen. Ich schätze mal, dass vielen Leuten gerade dieser Aspekt der Songs gefallen wird, denn so ist das Leben nun mal, so funktionieren Beziehungen halt."

Kein Zuckerschlecken

Sein Glaube an das Gute ist übrigens etwas, an dem James Morrison immer wieder festhalten musste, schließlich war seine Kindheit kein Zuckerschlecken. Er kam in Rugby zur Welt, als zweites von insgesamt drei Kindern.

Nachdem sein Vater die Familie schon früh sitzengelassen hatte, mussten seine Mutter und die Kids immer wieder umziehen: immer drohte ein Räumungsbefehl, immer waren sie von Schulden geplagt, bis sie in dem Küstenort Porth in Cornwall endlich eine permanente Bleibe fanden – nur war James da schon 15.

Er brachte sich dann selbst das Gitarrenspielen bei, und seine ersten Live-Erfahrungen sammelte er als Straßenmusiker; nur seinen Abschluss in Musik schaffte er nicht: "Ich konnte einen Ton hören und ihn sofort auf dem Klavier anschlagen, da lag ich immer richtig; nur hatte ich von der technischen Seite keinen blassen Schimmer."

Miese Jobs

Es folgten ein paar Jahre, die er mit irgendwelchen miesen Jobs zubrachte, und der absolute Tiefpunkt war während seiner Zeit in Derby erreicht, als James einen Autowaschjob angenommen hatte und einen Lastwagen nach dem anderen waschen musste („Zu der Zeit war ich 19 und lebte eher wie ein 40-Jähriger.“)

Doch er ließ sich auch davon nicht unterkriegen und bahnte sich langsam doch noch den Weg zur Musik und dorthin, wo er heute steht – mit Auftritten bei Open-Mic-Nächten und kleinen Gigs in irgendwelchen Läden, bis er schließlich jenen Vertrag mit Polydor unterzeichnete, der sein Leben schlagartig verändern sollte.

Die Erfahrungen dieser Jahre erklären vielleicht auch, warum Morrison so seltsam reagiert, wenn es um seine Stellung als Musiker und um seine Berühmtheit geht. "Ich lege großen Wert darauf und tue alles dafür, mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass ich ein ganz normaler Mensch bin.

Ich hab zum Beispiel einen Camping-Trip in so einen Haven-Holiday-Park gemacht – und eigentlich wollte ich gar nicht dorthin, aber dann dachte ich mir, ich muss das einfach mal probieren, sonst hat das so was von ‘ich bin mir zu gut dafür’. So als ob ich mir zu schade wäre für solche Haven-Holiday-Parks und jedes Mal nach Hawaii fliegen würde, wenn ich mal entspannen will."

Doch es kam, wie es kommen musste: Morrison wurde angepöbelt, während er mit seiner Tochter schön stilecht Würstchen mit Kartoffelbrei essen wollte. "Ich hab dann noch versucht zu argumentieren, dass ich einfach nur privat da bin mit der Familie, aber letzten Endes musste mich ein Freund regelrecht rausholen aus dieser hitzigen Situation.

Und dann saß ich ganz alleine in meinem Zelt, zehn Stunden lang, nur um mein Essen in Ruhe zu mir nehmen zu können. Ich weiß, dass ich so etwas in Zukunft besser lassen sollte, weil an solchen Orten immer Dinge passieren, die kein Mensch braucht, aber wenn ich sie dann nicht mehr mache, habe ich das Gefühl, eine Grenze zwischen mir und meiner Umwelt zu ziehen – und das will ich auch nicht. Ich muss wohl einfach die Gelegenheiten nutzen, wie sie kommen, und nächstes Mal schneller essen."

Die schlechte Nachricht für James Morrison ist folgende: In Zukunft dürfte es für ihn noch schwieriger sein, derartige Camping-Abstecher reibungslos und unbemerkt zu machen. Im Gegenteil: Noch mehr Aufsehen und Gerangel ist vorprogrammiert, denn "The Awakening" ist die Art von Album, mit der er endgültig die Popwelt umkrempeln wird.

"Ja, es fühlt sich wie die richtige Platte zur richtigen Zeit an", räumt auch er abschließend ein. "Ich habe derartige Momente, die sich so anfühlen, bisher nur ganz selten erlebt, aber inzwischen weiß ich sehr genau, wann so ein Moment gekommen ist. Und jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass es so weit ist."

Universal Music Deutschland
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Katja.Behrens@umusic.com

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05.07.2013 Gedanken und Emotionen auf deutscher Sprache

GFDK - Stefanie Tendler

„Leinen Los“, so lautet der erste deutschsprachige Solotitel des Singer- Songwriters Martin Goett.

Der gebürtige Heidelberger hat bereits viel Banderfahrung sammeln dürfen, nicht zuletzt mit der auch noch aktuellen Band Gravity Saints. Dennoch war es sein inneres Bedürfnis seinen Gedanken und Emotionen auf deutscher Sprache Ausdruck zu verleihen.

Was war für dich der ausschlaggebende Moment deutsche Songtexte zu verfassen und der englischen Sprache für einen Augenblick den Rücken zu kehren?

Ich habe vor fast einem Jahr damit angefangen mich intensiver mit deutschen Texten zu beschäftigen und gemerkt, dass es mir leicht fällt mich auszudrücken und Gefühle in Worte zu packen. Obwohl es nahe liegt mit der Muttersprache Ausdruck zu verleihen hat es viel mehr Mut erfordert. Jeder achtet automatisch viel mehr auf den Text und im übertragenen Sinne präsentiert man sich seinem Publikum komplett nackt.

Bedingt durch Gravity Saints und durch die eigene Faulheit ist das aber erst mal wieder ein wenig eingeschlafen.

Erst Anfang 2013 während der Trennungsphase mit meiner Freundin hatte ich das unbedingte Bedürfnis Lieder auf Deutsch zu schreiben und vor allem zu texten. Das war fast wie eine Befreiung, bzw. eher eine Entlastung, wichtig für das Seelenheil, wenn man das heute noch so sagt... Es hat einfach unglaublich gut getan und seitdem bin ich viel motivierter mich kreativ in deutscher Musik auszuleben.

Leinen los, beschreibt ein Voranschreiten, einen neuen Abschnitt. Den Kopf nach vorn gewandt, ohne ihn nach hinten zu drehen...Welche Bedeutung hat für dich dein erster Song Leinen los?

Die Frage hast du praktisch schon beantwortet. Wobei das Zurückschauen ein wesentlicher Bestandteil des Textes ist und ich finde, ein wesentlicher Bestandteil des Voranschreitens ist die Gewissheit des Zurück gelassenen. Aber du hast Recht, man darf sich nicht zu oft umdrehen, sondern muss nach Vorne schauen, Dinge wagen, auch mal risikofreudig sein. Entscheidungen treffen, aus dem Bauch, aus einem guten Gefühl heraus. Das ist vor allem ein Generationenproblem. Ich glaube, wir lassen uns viel zu sehr von äußeren Einflüssen beeindrucken und wissen aufgrund der vielen Konventionen einerseits und der großen Vielfalt andererseits nicht mehr wohin. Also: Die Segel setzen und die Richtung selbst bestimmen, darum geht es.

Möchtest du mit diesem Song eine bestimmte Zielgruppe ansprechen?

Bis vor ein paar Jahren war „deutschsprachige Musik“ zu machen schon zielgruppendefiniert. Das hat sich glücklicherweise geändert. Aber nein, meine Musik soll keine bestimmte Zielgruppe ansprechen. Das wäre eine falsche Herangehensweise. Ich mache definitiv keine Partymusik. Wer Kraftklub oder K.I.Z erwartet ist bei mir falsch. Da bin ich eher das Gegenteil. (Martin schmunzelt). Wenn die Lieder vermehrt eine bestimmte Gruppe von Menschen ansprechen, dann ist das so. Das wiederum zu planen wirkt oft wenig authentisch und kann ich zumindest nicht vertreten.

Welche Wirkung übt Musik auf dich aus?

hmm... Musik umfasst Alles. Leidenschaft, Gefühl, Genuss, Lachen, Weinen, Freunde, Gemeinsamkeiten, Freizeit, Berufung! Viele meiner schönsten Momente im Leben sind auf Musik zurückzuführen.

Wenn die Leidenschaft aber überhandnimmt und zu etwas Krampfhaftem wird, dann wird sie – zwar selten – lästig und anstrengend zwanghaft. In den Momenten genieße ich es mit Menschen zusammen zu sein, die nichts mit Musik am Hut haben und sich im Idealfall wenig für meine musikalischen Ergüsse interessieren. Ich glaube, ich kann da manchmal auch etwas nervig sein... Alleine sein und sich ordnen hilft da auch.

Wie geht Gravity Saints mit deinem neuen Projekt um?

Oh die finden das toll was ich mache, zumindest sagen sie das haha...Nein im Ernst, sie respektieren mich als Musiker und als Freund und wissen, dass mir die Musik in meiner derzeitigen Lebensphase einfach sehr wichtig ist. Gleichzeit sind sie aber auch in einem gewissen Zwiespalt, der „gesund“ ist. Sie unterstützen mich und haben unter anderem auch auf „Leinen Los“ mit eingespielt. Musikalisch gibt es kaum Berührungspunkte und ich hoffe und glaube daran, dass ich das auch weiterhin fortführen kann. Danke an dieser Stelle an die Jungs!

Welche Erfahrungen haben dich in deiner Musikerlaufbahn besonders geprägt und die Richtung wechseln lassen?

 Praktisch jede Erfahrung verändert mich als Mensch und Musiker ein klein wenig. Ich habe früh mit klassischer Musik angefangen, in der Pubertät die ersten Banderfahrungen als Sänger gemacht und bin dem treu geblieben. Verschiedene Lebensphasen und die Menschen im privaten musikalischen Umfeld haben dazu beigetragen, dass ich mich immer weiterentwickelt und auch mal einen Richtungswechsel gewagt habe.

Wenn ich da zurück schaue, war ich in jeder Band  - egal ob ich Hardrock, Alternative, Metal, Pop oder sonst was gemacht habe – immer derjenige, der  melancholische, melodiebetonte Musik geliebt hat.  Das zieht sich die ganzen letzten Jahre über durch, und hierbei spielt die Länge der Haare keine Rolle. (Martin grinst!)

Gibt es etwas, dass du anderen Träumern gerne mit auf den Weg geben würdest?

Oh! Du hast mich durchschaut. Träume haben und sie ein Stückweit zu leben ist essentiell. Damit meine ich nicht nur das nächste erreichbare Ziel, sondern Tagträume bei denen man abschalten, nachdenken und sich einen Augenblick in Gedanken verlieren kann. Es soll ja Menschen geben, die meinen, ich würde zu viel träumen und ich sollte mich mehr auf wesentliche Dinge konzentrieren. Ich lebe aber ganz gut damit und kann nichts Schlechtes am Träumen erkennen, solange man sich nicht völlig darin verliert und lethargisch wird. Was kann ich anderen Träumern oder Nicht-Träumern auf den Weg geben? Träumt so viel ihr wollt und genießt es!

Welche Pläne hast du für die zweite Hälfte von 2013?

Aktuell bin ich immer wieder im Studio um meine Lieder aufzunehmen. Parallel schreibe ich weiter und hinterfrage immer wieder kritisch was ich mache. Ein ausgewählter Personenkreis, darf auch gerne meine Demos hören und eine ehrliche Meinung abgeben. Für mich ist es wichtig Kritik zu bekommen, was nicht heißt, das ich sie immer annehme, wenn ich sie nicht für angemessen halte. Ich denke, dass ich es bis zum Herbst 2013 schaffe eine EP fertig zu haben. Der ist praktisch schon fertig und es wird auch schon an dem Video geschnippelt.

Aber natürlich möchte ich auch unbedingt noch einige Liveauftritte spielen. Das ist sozusagen der Höhepunkt eines jeden Musiker, wenn man die eigenen Lieder auf der Bühne präsentieren kann.

Ein bisschen stolz und gespannt blicke ich den nächsten Monaten entgegen, da ich es kaum erwarten kann, zu sehen wie mein neues Werk ankommt.

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29.06.2013 Spannung, die einen zerreist

GFDK - Michaela Boland

Spannung, die einen zerreißt. Das ist sein Metier und er versteht sich ausgezeichnet darauf. Nicht umsonst katapultierte sein Endzeit-Horror-Schocker "Der Übergang" den amerikanischen Professor für Englisch, Justin Cronin, mit einem Schlag in die Bestsellerlisten dieser Welt. Das Mädchen Amy wird mit nur sechs Jahren von zwei FBI-Agenten entführt und auf ein geheimes medizinisches Versuchsgelände verschleppt. Ein mysteriöses Experiment mit nur einem Ziel: Die Menschen sollen unsterblich gemacht werden.

Doch dann geht etwas schief. So beginnt der erste Teil von Cronin`s Passage-Trilogie, dessen Filmrechte bereits für 1,75 Millionen Dollar von der 20th Century Fox erworben wurden und dessen Stoff voraussichtlich mit Star-Regisseur Ridley Scott verfilmt wird. Gerade hat Harvard-Absolvent Cronin den zweiten Teil seiner Trilogie mit dem Titel "Die Zwölf" veröffentlicht und einem breiten Publikum in Deutschland im Rahmen seiner Lesetour vorgestellt.

Seine Reise führte den sympathischen Familienvater aus Houston auch in die Domstadt am Rhein. Warum der Mann, der im Kalten Krieg groß wurde, nur noch tut, wozu er wirklich Lust hat, aus welchem Grund Deadlines für ihn etwas Abstraktes sind und weshalb er  Museen in Köln eher meidet, verriet der Schriftsteller, der schon mit Stephen King verglichen wird, Michaela Boland beim Frühstück.

Michaela Boland: Ihre aktuelle Endzeit-Trilogie "The Passage" dreht sich in faszinierender Weise um eine mögliche Ausrottung der Menschheit durch Eigenverschulden. Sind sie selbst ein Mensch, der den Tod in besonderer Weise fürchtet?

Justin Cronin: Ja, natürlich habe ich Angst vor dem Tod. Wer hat das nicht? (lacht). Ich habe zwar auch mal eine Zeit durchlebt, in der ich dachte, ich sei unsterblich. Aber,  jetzt bin ich 50 und das ist ein Alter, bei dem ich anfange, mich hin und wieder doch ein wenig älter zu fühlen.

Michaela Boland: Sie sollen einmal geäußert haben, dass es in der Regel drei Stadien im Leben gäbe, während der sich ein Mensch mit dem Thema "eigener Tod" befasst. Welche sind das ihrer Meinung nach?

Justin Cronin: Ich erinnere mich, dass ich zu dem Thema mal ein Interview gegeben habe, aber was habe ich da nochmal gesagt? Es war jedenfalls brillant (lacht). Ich denke, dass Teenager sich erstmalig mit dem Thema befassen, wenn sie auf dem Weg zu Erwachsenwerden sind. Jüngere Kinder sind ja eher "unsterblich" und haben das Gefühl, dass sie niemals gehen müssen. Wenn dann einmal ein geliebtes Haustier stirbt, ist das zwar sehr deprimierend, verwirrend  und unerfreulich, aber bevor man ein Teenager ist, kommen einem diese Gedanken gewöhnlicherweise nicht in den Sinn.

Danach, so schätze ich, dann wieder in der Mitte des Lebens, wo ich mich, so glaube ich, jetzt gerade befinde. Ach was, ich habe die Mitte bereits überschritten (lacht). Dann jedenfalls werden einem die Dinge wieder bewusster und man muss sie in Betracht ziehen. Ich bekomme ja mit, dass meine Kinder groß werden. Meine Tochter ist beinahe schon aus dem Haus.

Michaela Boland:

Ist das jene Tochter, Iris, der wir den ersten Teil ihrer Trilogie "Der Übergang"  überhaupt verdanken, weil sie sie im Kindesalter darum bat, einmal eine Geschichte über ein kleines Mädchen zu verfassen, das die Welt rettet?

Justin Cronin:

Ja, richtig.

Michaela Boland:

Wie alt ist sie heute?

Justin Cronin: Sie ist mittlerweile 16 Jahre alt.

Michaela Boland: Ist sie ihr jüngstes Kind?

Justin Cronin:Nein, sie ist die Älteste. Ich habe noch einen jüngeren Sohn. Wir haben spät Kinder bekommen, so wie Leute es heutzutage häufig tun. Wenn ich allerdings noch einmal vor der Wahl stünde, würde ich wohl eher in einem jüngeren Alter Kinder bekommen wollen. Jetzt, in der Lebensmitte werden die Gedanken an die eigene Endlichkeit ein wenig dringlicher und man muss sie eher fürchten, schätze ich. Dann natürlich wieder im Alter.

Michaela Boland:

Sie haben mit dem zweiten Teil der Trilogie, "Die Zwölf", schon viele Lesungen in deutschen Städten abgehalten, waren ja auch mit dem ersten, ausgesprochen erfolgreichen Teil vor deutschem Publikum im Einsatz. Gibt es eigentlich Unterschiede bei Lesungen in verschiedenen Ländern?

Justin Cronin:

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Buchpräsentationen in Deutschland und beispielsweise den Vereinigten Staaten. Allein im Hinblick auf die Dauer einer solchen Veranstaltung. In den Staaten kommt alles, was in dieser Hinsicht länger als 30 Minuten dauert, einem Geiseldrama gleich. Hier in Deutschland kommst du zu einer solchen Veranstaltung und machst sie mal eben annähernd zwei Stunden und niemand haut zwischendurch einfach ab oder schläft ein. Sie sind tatsächlich alle interessiert und hoch konzentriert  für ganze zwei Stunden.

Michaela Boland:

Man erwartet hier also mit mehr Spannung, was sie als nächstes im Buch geschehen lassen?

Justin Cronin:

Ja, ganz genau. Doch in Amerika würden die Hörer längst gesagt haben, "können sie mir das nicht eben zum Mitnehmen einpacken".

Michaela Boland:

Halten sie eine solche Lesung am Abend bei uns in Deutschland denn gut durch, wenn sie es aus ihrer Heimat wesentlich kürzer gewohnt sind?

Justin Cronin: Ja, in  jedem Fall. Das ist großartig.

Michaela Boland:

Bei den Lesungen für den zweiten Teil ihrer Trilogie, "Die Zwölf", sollen jetzt auch auffällig viele Männer zugegen gewesen sein. Warum ist das so ungewöhnlich?

Justin Cronin:

Ja. Das ist mir selbst zwar gar nicht so aufgefallen, aber meine Verlagspublizistinnen, Manuela und Claudia, haben mich darauf aufmerksam gemacht. Zuvor waren es nämlich meistens Frauen, die zu den Lesungen kamen. In den Staaten ist das üblicherweise so, dass eher Frauen kommen, denn es sind meistens auch Frauen, die Fiction lesen. Diejenigen, die die Romane kaufen, sind in der Regel nun mal weiblichen Geschlechts. Ich möchte nun nicht schwarz-weiß malen und behaupten, dass es immer ausschließlich Frauen sind, aber es ist zumindest statistisch erwiesen, dass sie nun mal mehr Fiction konsumieren als Männer.

Michaela Boland:

Welches Buch lesen sie selbst zur Zeit?

Justin Cronin:

Mein eigenes Buch, denn ich schreibe ja gerade am dritten Teil meiner Trilogie. Eigentlich lese ich ja immer irgendetwas. Beispielsweise Sachen  von James Salter. Da ist in den Vereinigten Staaten jetzt gerade ein neues Buch von ihm herausgekommen. Er ist einer meiner Lieblingsautoren. Er ist schon ein etwas älterer Herr und zählt bereits 87 Jahre. Somit ist es womöglich sein letztes Buch. Es ist  sehr ruhig gehalten, eben literarische Romandichtung.

Das ist auch das, was ich üblicherweise lese. Ich lese beispielsweise grundsätzlich keine kommerzielle Fiction. Eigentlich kann ich sogar sagen, dass ich ausschließlich literarische Romandichtung lese, denn das hilft mir als Autor. Gut Geschriebenes und gute Sätze zu lesen, das ist das, was mich wirklich weiter bringt.

Michaela Boland:

Also können sie als Bestseller-Autor tatsächlich auch noch etwas lernen? (lacht)

Justin Cronin:

Ja (seufzt). Jim Salter ist 87, glauben sie nicht, dass er womöglich einige Dinge wüßte, die ich nicht weiß? (lacht).

Michaela Boland:

Hat er ebenfalls den in Amerika renommierten Studiengang "Iowa Writers` Workshop" besucht, so wie sie?

Justin Cronin:

Er war sogar Dozent dort. Die meisten Leute haben das gemacht. (lacht)

Michaela Boland:

War er womöglich sogar einer ihrer Lehrer?

Justin Cronin:

Nein, er hat zwar tatsächlich zu der Zeit als ich da war, dort gelehrt, aber ich habe mich nicht für seine Klasse entschieden, was, im Nachhinein betrachtet, natürlich irgendwie blöde war. Ich habe noch nicht mal gewusst, wer er war. Ich war ein junger Bursche, gerade mal 25. Ich habe mich wahrscheinlich gefragt, "wer ist dieser alte Mann". Da wird er so um die 50 gewesen sein, also in etwa so alt wie ich jetzt bin, was schon irgendwie gruselig ist.

Michaela Boland:

Haben sie viele Dinge anders gesehen als sie jung waren?

Justin Cronin.

Ja, leider. Wenn du jung bist, bist du oftmals wirklich töricht. Ich glaube, ich habe niemals James Salter`s unmittelbare Bekanntschaft gemacht. Oder wahrscheinlich habe ich sie sogar irgendwann gemacht als ich da war und es ist mir gar nicht bewusst gewesen. Es durchlaufen ja so viele Menschen Iowa (Anm.d. Redaktion: Iowa Writers` Workshop). Es ist beinahe so etwas wie eine Gemeinschaftserfahrung vieler amerikanischer Schriftsteller eines bestimmten Genres. Also, der literarischen Schriftsteller.

Michaela Boland:

Es sind ja sogar diverse Pulitzer- und andere Literatur-Preisträger aus diesem angesehenen Studiengang der University of Iowa für kreatives Schreiben hervorgegangen.

Justin Cronin:

Richtig, da gab es eine ganze Reihe. Auch International-Book-Awards Preisträger. Von all diesen Rezipienten haben viele den Iowa Writers` Workshop absolviert oder hatten in irgendeiner Form damit zu tun.

Michaela Boland:

Der Studiengang, "Iowa Writers` Workshop", der schon seit dem Jahre 1936 existiert und zunächst  mit einer Versammlung von Dichtern und Prosa-Autoren seinen Lauf nahm, erhielt 2003 sogar die erste "National Humanities Medal". Wie einfach war es für sie, in einen Studiengang mit derart hohem Anspruch zu gelangen?

Justin Cronin:

Oh Gott, die Voraussetzungen für die Aufnahme waren durchaus schon zu meiner Zeit ziemlich hart. Allerdings habe ich nun gehört, dass es noch viel schwieriger geworden ist, dort hinein zu kommen.

Michaela Boland:

Was heißt das?

Justin Cronin:

Keine Ahnung, vielleicht 400 Bewerber pro einzelnen Kurs, so etwas in der Art. Es heißt sogar, es sei schwieriger dort hinzukommen als an das MIT (Anm. d. Red.: Massachusetts Institute of Technology). Das ist aber an für sich kein objektiver Maßstab. Denn das, was man tut, ist ja einzig, ihnen zu zeigen, was man geschrieben hat, seine Fiction eben. Du präsentierst ihnen deine Worte, deine Geschichten und sagst, "hier, bitte seht euch das mal an".

Deshalb packt es dann der eine und kommt hinein, der andere nicht. Aber kann man denn tatsächlich sagen, der eine ist wirklich besser als der andere oder der eine wird mal ein besserer Schriftsteller als der andere? Nein, so etwas kann man doch zu diesem frühen Zeitpunkt eigentlich noch nicht beurteilen.

Michaela Boland:

Also, ist das notwendige Quäntchen Glück auch hier noch von entscheidender Bedeutung?

Justin Cronin:

Absolut, sogar eine ganze Menge Glück ist hierfür nötig.

Michaela Boland:

Wollten sie schon immer Schriftsteller werden?

Justin Cronin:

Nein. Ich wurde lediglich Schriftsteller, weil ich immer wieder vergaß, mich an einer juristischen Fakultät einzuschreiben. (lacht)

Michaela Boland:

Wie kam das?

Justin Cronin:

Ich mochte die Vorstellung einfach, Autor zu sein. Denn ich habe mir das Schriftsteller-Dasein niemals als anstrengenden Werdegang vorgestellt. Ich dachte, es könnte möglicherweise ein charmanter Lifestyle sein (lacht). Ich habe mich niemals in etwas gesehen, das man als einen "richtigen Job" bezeichnen würde. Zum Beispiel so einen klassischen Firmenjob. Auch habe ich nie gewusst, was die Menschen den ganzen Tag lang in diesen hohen Bürogebäuden machten.

Mein Vater arbeitete für einen riesigen Konzern und war extrem unglücklich, soweit ich das beurteilen kann. Zwar gab er mir keinerlei unmittelbare Ratschläge für meine Karriere, allerdings tat er es indirekt anhand seines eigenen Beispiels sicherlich doch. Ich fühlte eigentlich nicht den Druck, jetzt unbedingt eine Karriere voranzutreiben. Ich war eher langsam und faul im Hinblick auf meine Zukunftsgestaltung. Ich hatte eine großartige Ausbildung in Harvard, aber ich absolvierte das Fach Englisch und ich las einfach Bücher.

Ich erlernte also keineswegs etwas von praktischer Bedeutung. Meine Verwandten in Frankreich vertraten die Anschauung, dass ich gut Anwalt werden könne, weil ich ein schnellsprechender Klugscheißer war. Das war grundsätzlich, was sie gesagt haben, "er spricht gut, er liest viel und schreibt gut. Er könnte Anwalt werden". Für so etwas muss man allerdings eine Menge Geld aufbringen.

Man kann sich das auch leihen. Wenn du allerdings in Amerika Geld für das Jura-Studium aufnimmst, wirst du besser ein guter Anwalt, wenn du es dann anschließend wieder zurückzahlen musst. Und ich war mir einfach  nicht sicher, ob ich so etwas wollte. Mein Vater hat eine Law-School besucht, ist aber nie Anwalt geworden. Insofern habe ich dann eben für eine Weile als Lehrer gearbeitet.

Michaela Boland

Wo und was haben sie unterrichtet.

Justin Cronin:

An einer Highschool. Ich unterrichtete dort einige Jahre Englisch. Und ich reiste eine Weile in Europa herum. Ich hatte ein InterRail-Ticket und so verbrachte ich sechs Monate mit Reisen. Existieren die eigentlich noch in der Form, wie es sie damals gab? Man konnte in jeden Zug einsteigen und sie akzeptierten das InterRail-Ticket als 1. Klasse Ticket. Ich bin damals mit einem Freund zusammen aufgebrochen. Insgesamt war ich acht Monate hier in Europa, aber ich landete am Ende davon allein einige Monate in Italien, wo ich ein nettes Mädchen kennengelernt hatte. Daher blieb ich erst mal dort.

Michaela Boland:

Romantische Inspirationen können sie also durchaus aus eigener Erfahrung in frühester Jugend in ihre Werke einfließen lassen?

Justin Cronin:

Nun ja, was kann einem besseres passieren als nach Italien zu gehen und dort eine wunderschöne Liebesaffäre zu leben? Das kann einen durchaus sehr bereichern. Also, warum sollte ich gleich wieder aufbrechen? Anschließend habe ich mich noch eine Weile ein wenig treiben lassen und dann habe ich mich für verschiedene Schreib-Lehrgänge beworben, denn ich mochte nicht mehr länger Lehrer sein. War mir zu viel Arbeit.

Michaela Boland:

War das dann bereits in Iowa?

Justin Cronin:

Ja, es gibt auch dort jede Menge unterschiedliche Studienangebote. Heutzutage sogar noch einmal viel mehr als damals. Ich bewarb mich dann auch an Journalistenschulen, denn ich wollte etwas mit Schreiben machen. Ich ging nur deshalb nach Iowa, weil dafür bezahlt wurde. Ich hatte ein Stipendium. Das war der Grund, warum ich überhaupt nur dorthin gehen konnte. Ich hatte allerdings immer nur gerade so viel Erfolg, dass alles  so eben irgendwie weiterlaufen konnte. Es ging alles nur sehr langsam voran.

Mein erstes Buch habe ich erst nach zehn Jahren veröffentlicht. Ich habe dann wieder mit dem Unterrichten begonnen, allerdings diesmal an der Universität. Ich habe hart daran gearbeitet, und versucht ein guter Lehrer zu sein, außerdem auch immer wieder Geschichten veröffentlicht, aber noch kein Buch. Es folgte die Heirat und wir bekamen Kinder. Wir kauften dann ein kleines Haus und hatten Fixkosten. Insofern war ich gerade im Begriff, mir ein typisches Mittelklasse-Leben aufzubauen.

Michaela Boland:

Wie ging ihr Weg dann weiter?

Justin Cronin:

Dann verkaufte ich ein Buch, anschließend noch eins. Allerdings verdiente ich noch nicht genug Geld, um mich ausschließlich von diesen Büchern über Wasser halten zu können. Also arbeitete ich dann auch noch als freier Autor und verfasste Fachbücher, Geschichtsbücher, Reiseführer und all solche Sachen. So arbeitete ich nahezu rund um die Uhr. In meinen Dreißigern verbrachte ich fast all meine Zeit in meinem Büro.

Michaela Boland:

Hatte ihre Familie dann überhaupt noch etwas von ihnen?

Justin Cronin:

Kaum. Ich bin jemand, der  eigentlich schwer arbeitet. Aber, das tun ja die meisten. Gewöhnlich durchschnittlich zehn Stunden am Tag. Allerdings ist das ja ein Pensum, welches die meisten Amerikaner täglich absolvieren müssen, zumindest die mit einem Job. Insoweit kann ich das akzeptieren (lacht). Das Gute im Vergleich zu meinem jetzigen Leben bestand allerdings darin, dass ich einen sehr beweglichen Tagesablauf hatte.

Ich konnte auch nachts arbeiten, wenn es notwendig war. Wenn beispielsweise eins meiner Kinder Fieber hatte, blieb ich zu Hause, um mich um das Kind kümmern zu können. Denn, wenn eins von ihnen aus gesundheitlichen Gründen mal nicht zur Schule gehen konnte, dann war ich eben dafür verantwortlich, weil ich das im Gegensatz zu meiner Frau tun konnte. Sie musste nämlich immer pünktlich bei der Arbeit erscheinen.

Michaela Boland:

Ist ihre Gattin nicht auch Lehrerin?

Justin Cronin:

Sie war es. Mittlerweile ist sie es nicht mehr. Sie hat ebenfalls High-School-Englisch unterrichtet und musste jeden Morgen um 7.30 Uhr vor Ort sein.

Michaela Boland:

Wo haben sie einander kennengelernt?

Justin Cronin:

Wir haben uns in Iowa getroffen. Sie war auch Studentin dort.

Michaela Boland:

Dann kam eines Tages doch noch der große Erfolg mit "The Passage" ("Der Übergang"). Was veränderte das?

Justin Cronin:

Ja, dann entstand "The Passage" und es brachte mir eine Menge Geld von vielen verschiedenen Verlegern ein. In den Vereinigten Staaten, England und überall. Jetzt könnte ich es mir leisten, ausschließlich zu unterrichten, aber nun habe ich nicht mehr die Zeit dazu. Dann habe ich allerdings realisiert, dass ich glücklich darüber bin, diesen Abschnitt meines Lebens abgeschlossen zu haben. Ich habe immerhin beinahe 28 Jahre lang unterrichtet, das ist schon eine ganz schön lange Zeit. Ich habe ja mit 21 begonnen und letztendlich erst im vergangenen Juni mein Lehramt niedergelegt.

Michaela Boland:

Also handelt es sich nicht nur um ein vorrübergehendes Aussetzen als Lehrbeauftragter, sondern sie haben den Dienst komplett quittiert?

Justin Cronin:

Ich bin zwar immer noch ein angesehenes Fakultätsmitglied, aber ich mache dort nichts mehr.

Michaela Boland:

Bedauern das ihre Studenten nicht?

Justin Cronin:

Vielleicht. Aber, wenn man etwas erst mal 25 Jahre gemacht hat, reicht es auch. Außerdem kann ich mich glücklich darüber schätzen, dass es mir gelungen ist, nach dieser langen Zeit, meiner Karriere noch einmal eine völlig neue Richtung zu geben. Den wenigsten Menschen gelingt das noch in der Mitte ihres Lebens. Ich war immerhin schon 44 oder 45 Jahre alt als ich "Der Übergang" schrieb und ich bedauere das keinesfalls. Ich glaube, dass sich jeder zu einem Zeitpunkt  wünscht, die Chance zu haben, noch einmal etwas ganz anderes zu machen.

Michaela Boland:

Sie haben ja neben dem Fach Englisch hauptsächlich fiktionales Schreiben unterrichtet. Wie viel Prozent des guten Schreibens sind erlernbar und wie viel Prozent liegen einzig im Talent begründet?

Justin Cronin:

Es handelt sich dabei durchaus um eine erlernbare Fertigkeit.

Michaela Boland:

Bedeutet das, dass man aus jedem einen guten Schreiber machen könnte?

Justin Cronin:

Nein, aber man könnte aus jedem einen besseren Schreiber machen. Ich könnte beispielsweise nicht gelehrt werden, ein Mathematiker zu sein, aber man kann mir gewiss etwas Mathe beibringen. Ich war während der ganzen High-School ein ganz guter Mathe-Schüler, hatte Einsen. Und dann ging ich ans College und belegte mehr Mathe, weil ich es irgendwie mochte. Dann machte ich lineare Algebra, Vektorenrechnung und solche Dinge. Doch eines Tages konnte ich einfach nichts mehr verstehen. Mein Gehirn hörte schlichtweg damit auf, die Dinge nachzuvollziehen.

Ich konnte mir das Hirn zermartern, es brachte nichts. Also ging ich während der Sprechstunde ins Büro meiner Lehrerin, die eine wunderschöne, bereits graduierte Studentin namens Emma war.  Ich sagte ihr, "Emma, ich verstehe gar nicht s mehr, kannst du mir helfen". Sie antwortete, "na, dann lass uns mal darüber sprechen, was genau dir unklar ist". Mir war aber plötzlich irgendwie alles unklar, ich habe rein gar nichts mehr gerafft. Wir bemächtigten uns zunächst der Vorstellung einer gewissen Unbegrenztheit.

Das führte bei mir allerdings zu einer Art Existenzkrise, die mich so richtig aufgewühlt hat. Ich dachte, ich würde alles verpfuschen. Im nächsten Semester habe ich dann alles nur noch verhauen, nachdem ich im ersten Semester ja noch meine Eins hatte. Wenigstens hat Emma dann zugestimmt, mir immerhin noch eine 3+ zu geben. Das war es dann. Ich hatte eben einfach die Grenze meiner gedanklichen Mathekapazitäten erreicht, so einfach war das. Danach habe ich dann eben entschieden, Mathe  nicht mehr weiter zu wählen. Das persönliche Limit war erreicht.

Michaela Boland:

Was genau will der Autor damit sagen?

Justin Cronin:

Als Schreiblehrer erzähle ich meinen Studenten immer genau diese Story. Ich sage ihnen, dass sie vielleicht keine Grenzen haben. Womöglich hört ihr aber auch euer Limit. Vielleicht dauert es auch zehn Jahre. Auch sage ich ihnen immer, dass ich sicher bin, dass keiner von ihnen genug  gelesen hätte, um schon jetzt ein guter Schriftsteller zu sein. Wenn du Schriftsteller werden willst, dann garantiere ich dir, dass nichts wirklich Gutes dabei sein wird, bis du mindestens 40 Jahre alt bist. Denn bis dahin weißt du einfach noch nicht genug über die Welt.

Alles, was du bis dahin sagst, wird wahrscheinlich ein klein bisschen falsch sein. Seit ich allerdings 50 bin, erkläre ich immer, dass alles, was du bis dahin geschrieben hast, es eigentlich gar  nicht wert war, bevor du 50 bist (lacht). Aber im Ernst, eine ganze Menge ist erlernbar, eine ganze Menge ist Handwerk, viel ist auch zu lernen, die Dinge bewusster zu lesen. Ein Teil ist Talent oder Instinkt.

Michaela Boland:

Was genau raten sie dann Menschen, die Schriftsteller werden wollen?

Justin Cronin:

Ich sage ihnen,  "ihr müsst das Ganze wie einen Job behandeln. Stellt euch jeden Tag aufs Neue unter Beweis".

Michaela Boland

Wenn es wie ein ganz normaler Job anzusehen ist, können sie sich dementsprechend auch einfach morgens hinsetzen und drauflos schreiben, so wie Menschen in herkömmlichen Berufen auch morgens anfangen und drauflos arbeiten?

Justin Cronin:

Ja, es ist einfach harte Arbeit.

Michaela Boland:

Man braucht insoweit nicht auf Eingebung zu warten, bis einen sozusagen die Muse küsst?

Justin Cronin:

Nun, ich will ja nicht sagen, dass das Ganze eine mystische Qualität hat, dann müsste man sich zunächst  wieder die Frage stellen, woher Kunst kommt. Vielleicht irgendwo von oben? Möglicherweise vom Kölner Dom, vor dem wir jetzt gerade sitzen? (lacht) Keine Ahnung. Aber in jedem Fall bekommst du nichts getan, bevor du nicht an deinem Schreibtisch sitzt. Also, man sollte zunächst mal dafür sorgen, dass man an seinem Schreibtisch Platz nimmt. Wenn ich ein Buch schreibe, verbringe ich ungefähr sechs Monate damit, darüber nachzudenken und ca. 18 Monate, es niederzuschreiben.

Michaela Boland:

Wie läuft es dann konkret innerhalb des ersten halben Jahres ab?

Justin Cronin:

Da schreibe ich eigentlich eher aufs Geratewohl los, scroll dann rauf und runter. Allerdings mache ich mir schon eine Liste der Ereignisse, was wann passiert. Man muss sich das vorstellen wie eine ganz strikt geplante Architektur. Die Dinge müssen ja auch in ihrer Logik zusammenpassen und in Zeit, Raum und Handlung aufeinander abgestimmt sein und in einer bestimmten Reihenfolge passieren.

Alles muss Sinn machen. Manchmal sehe ich Filme und wenn ich sie dann ein zweites Mal sehe, dann frage ich mich Sachen wie, "warum hat er jetzt nicht sein Telefon benutzt und den anderen informiert". Also, manchmal passen die Geschehensabläufe gar nicht zusammen. Man muss immer sicherstellen, dass man nachvollziehbare Bedingungen für das, was geschieht, schafft, und das bedarf einer ganzen Menge detaillierter Planung.

Michaela Boland:

Haben sie insoweit für die Passage-Trilogie von vorne herein derartig viele unterschiedliche Charaktere eingeplant, wie letztendlich mitspielen? Bereits im ersten Teil, " Der Übergang", werden ja schon zu Beginn jede Menge Personen eingeführt.

Justin Cronin:

Ja, die meisten in der Tat. Allerdings kamen auch einige erst zu einem späteren Zeitpunkt ins Spiel. Dies war dann allerdings lediglich notwendig, weil sie einen Job erfüllen mussten, von dem ich wusste, dass ich da noch weitere Charaktere benötigen würde, um das zu gewährleisten. Insoweit war das Mittel zum Zweck und nicht weiter überraschend.

Michaela Boland:

Ist es für sie grundsätzlich leicht, sich in unterschiedliche Charaktere hineinzufühlen? Immerhin ist die Protagonistin aus "Der Übergang" zunächst erst sechs Jahre alt. Inwieweit war ihnen dabei womöglich ihre damals noch kleine Tochter hilfreich?

Justin Cronin:

Ich habe jede Menge Zeit mit einem kleinen Mädchen verbracht, allerdings ist meine Tochter nun natürlich nicht mehr klein. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, herauszufinden, wie sich die Gedanken des Lesers besetzen lassen. Und bevor du das nicht vermagst, wirst du dein Leben lang nur immer wieder deine eigene Biographie zu Papier bringen und das ist in meinen Augen das nervigste, was ich mir vorstellen kann. Ich weiß einfach nicht, wie man jeden Morgen aufstehen und so etwas machen mach. Ich habe tatsächlich auch Schriftsteller kennengelernt, die im Grundsatz ihre eigene Lebensgeschichte sechs Mal in sechs unterschiedlichen Geschichten umgesetzt haben. Das kommt schon ein wenig schräg rüber.

Michaela Boland:

Wie kann man ausschließen, dass man regelmäßig etwas von sich selbst in die Charaktere einfließen läßt?

Justin Cronin:

Da ist schon immer irgendetwas von mir in jedem einzelnen Charakter meiner Bücher. Ganz sicher sogar. Wir sind ja alle Menschen. Mein Gefühl für menschliches Verhalten führt dazu. Jeder startet ja nun einmal an der Basislinie der Menschlichkeit. Das ist der Grund dafür, warum ich überhaupt dazu in der Lage bin. Wenn ich mir zum Beispiel die Frage stelle, wie kann ich aus der Perspektive eines Obdachlosen schreiben, dann beantworte ich sie mir dahingehend, dass dieser Obdachlose im Prinzip genau wie ich ist.

Er hat zwar andere Leidenserfahrungen gemacht als ich, hat einen anderen Hintergrund und die Welt hat ihn sicherlich völlig anders betrachtet. Aber in diese äußeren Umstände kann ich mich hineindenken. Man muss einfach darauf vertrauen, dass uns schließlich allen die Menschlichkeit gemein ist. Mich in unterschiedliche Charaktere hineinversetzen zu können ist aber auch meine Aufgabe als Schriftsteller. In meinem ersten Buch, welches ich 2001 veröffentlicht habe, gibt es eine Wehen- und Geburtsszene.

Da wird also ein Kind geboren und dies wird aus der Perspektive einer Frau geschildert. Ich habe sehr oft gehört, dass dies absolut überzeugend war. Einige Frauen, die das Buch gelesen hatten, haben anschließend gesagt, "Wow, das ist die beste Geburtsszene, die ich je gelesen habe, und ein Mann hat sie geschrieben. Wie ist das möglich". Die Antwort lautet: Ich habe eben einfach viel gelesen. Das Lesen ist das beste Mittel, um ein guter Schriftsteller zu werden.

Darüber hinaus habe ich auch erlebt, wie meine Frau das erste und später das zweite Kind bekommen hat. Ich war mit im Raum, also weiß ich natürlich, was bei so einer Geburt auf einen zukommt. Ich weiß, wie sie sich offensichtlich währenddessen fühlte. Aber natürlich ist es, was die Schmerzen anbelangt, etwas völlig anderes, ob du selbst mitten im Geschehen bist, oder, ob du wie ich, außerhalb des Geschehens stehst.

Ich sagte zu ihr, "Das ist super gutes Material", und fragte sie, "kannst du bitte gerade mal ganz genau beschreiben, was  in diesem Augenblick  mit dir geschieht". Leider war sie in dem Moment nicht sonderlich hilfreich. (lacht). Aber, was man natürlich tun muss, ist, seinen Geist immer wieder dahingehend zu schulen, sich in andere hineinzuversetzen.

Michaela Boland:

In ihrem Buch spielen Vampire eine Rolle. Mochten sie früher gerne Vampir- oder speziell Dracula-Filme?

Justin Cronin:

Einige durchaus. Ich wuchs ja in den Sechzigern und Siebzigern auf. Meine Kindheit ging von 1962 bis 1980. Wir hatten nicht ebenso großen Zugriff auf  kommerzielle Unterhaltungsmöglichkeiten wie die Kids von heute. Es gab gerade mal drei Fernsehprogramme bei uns zu Hause und das auch noch in schwarz-weiß. Wir hatten zwei Kinos in der Nähe mit jeweils einer Leinwand und als das eine Kino eine zweite Leinwand erhielt, kam das fast einem Skandal gleich.

Ein Film wurde im Kino über Monate gespielt. Ich hatte auch nicht so viel Zugriff auf die Popkultur. Ich beschäftigte mich meistens mit Wörtern. Die Bücher, die ich las, waren die, die ich entweder einmal im Jahr beim Taschenbuchtrödel in der Schule erwerben  oder alles, was ich in der Schulbibliothek ausleihen konnte. Also, was habe ich damals eigentlich aufgenommen?

In jedem Fall habe ich eine Menge phantastischer Romane und Science Fiction verschlungen. Die Sechziger und Siebziger Jahre waren eine gute Zeit für das Science Fiction-Genre. Und ich las jede Menge davon. Ich sah allerdings auch viele große Filme, die zu dieser Zeit herauskamen. Zum Beispiel "2001: Odyssee im Weltraum" oder  "Planet der Affen".

Michaela Boland:

Haben sie auch die Neuverfilmung dieses Klassikers  mit Mark Wahlberg gesehen?

Justin Cronin:

Oh, bitte. Sogar die allerneuste Wiederverfilmung ist so stupide. Das Original ist ein regelrechtes Monument, es ist großartig. Da kann nichts herankommen. Ich habe jedenfalls früher viel Phantasy- und Science Fiction in mich aufgesogen, demgegenüber nicht so viel Horror. Der einzige Horror, den ich konsumierte, war eher in Buch-bzw. Heftform. Ich verbrachte mal einen Sommer bei meiner Großmutter und da gab es einen Süßigkeitenladen in der Nähe. Die hatten auch Comichefte, gleich neben der Tür in einem Drahtständer, welche einen Vierteldollar kosteten.

Ich bekam damals immer 25 Cent die Woche für Süßigkeiten, die ich aber regelmäßig in Comichefte investierte. Zum Beispiel "Märchen aus dem Gruft" oder was auch immer. Auf die Art bezog ich also meinen Horror. Irgendwann sah ich auch mal den Original-Dracula-Film, der aber eher schwerfällig daherkam und mich sogar langweilte. Es gab auch mal eine Vampir-Soap-Opera im Fernsehen, die alle von uns sahen. Sie kam immer nachmittags um drei oder vier Uhr.

Es war eine sehr preisgünstig produzierte Serie. Sie hieß "Dark Shadows" und wurde vor kurzem sogar noch einmal als Komödie mit Johnny Depp in der Hauptrolle neu verfilmt. Der Film war zwar ein absoluter Flopp, aber die Serie war so eine Art Klammer rund um meine Kindheit. Somit habe ich mehr oder weniger dasselbe aufgenommen wie die meisten Leute. Ich wurde mit Filmen wie "Planet der Affen" und Konsorten geradezu an die sogenannte Endzeit-Thematik herangeführt, denn wir befanden uns ja im Kalten Krieg. Wir haben damals alle wirklich geglaubt, dass die Welt in absehbarer Zeit untergehen würde.

Michaela Boland:

Die latente Angst davor schlummerte somit in der ganzen Generation?

Justin Cronin:

Ja, auf jeden Fall. Ich wurde beispielsweise sechs Wochen vor der Kuba-Krise geboren. Die Welt, wie wir sie kannten, hätte damals tatsächlich beinahe ein Ende gefunden. Da hat  immerhin bei Weitem einer der gefährlichsten Momente in der Geschichte der Menschheit stattgefunden. Als es soweit kam, hatten wir keinerlei Maßstab für so etwas, womöglich waren die Dinge  einfach bar jeden Verstandes. Auf jeden Fall war ich nun mal ein Kind des Kalten Krieges und ich glaube, wir alle haben uns häufig recht intensiv damit beschäftigt.

Michaela Boland:

Sie haben geäußert, dass Vampirgeschichten aus unterschiedlichen Zeiten allesamt verschiedene Aussagen tätigten. Wie ist das konkret gemeint?

Justin Cronin:

Die Vampirgeschichte ist an für sich keine eigenständige Geschichte bei mir, sondern dient lediglich als Füllstoff. Es ist einfach nur Material, dass du zu unterschiedlichen Zwecken gebrauchen kannst. Vampire sind in gewisser Weise einfach anders als andere Monster. Ich habe es nur aufgegriffen, weil ich Stoff brauchte, ich war aber keinesfalls irgendwie darauf festgelegt. Vampire sind von daher interessanter als andere Monster,  weil sie mehr Details aufweisen. Es gibt ja insgesamt vier Grund-Monster-Typen.

Da haben wir das Frankenstein-Monster, den Werwolf, den Zombie und den Vampir. Das ist es schon. Alles passt ganz gut in eine dieser Kategorien. Bei den Werwölfen ist es einzig die Frage nach Mensch oder Hund, aber das kennen wir ja schon zur Genüge. Bei "2001: Odyssee im Weltraum" war beispielsweise der Computer das Frankenstein-Monster. Das stand für die Angst vor den neuen Technologien. Doch eigentlich fühlen wir uns mit den Annehmlichkeiten der neuen Technologien ja durchaus wohl.

So könnte ich zum Beispiel sagen, dass mein I-Phone mein Frankenstein-Monster ist, aber ich laufe den ganzen Tag damit herum und es ist ausgesprochen angenehm. Bei Zombies gibt es ja an für sich nicht allzu viel zu sagen, außer, dass man in den Zombie-Erzählungen früher oder später eben immer  zu dem Schluss kommt, dass Zombies schon tot sind, und es nicht notwendig ist, erneut auf sie zu schießen. Einmal abgesehen davon, dass es sogar eher unangenehm sein könnte.

Es kommt immer zu einer Parität. Aber rund um die Vampire kann man immer mit den Einzelheiten wie Knoblauch, Spiegel oder Tageslicht spielen. Es ist eine recht biegsame Thematik, deshalb kannst du sie immer wieder auf eine neue Geschichtenart anwenden und es wird funktionieren. Das ist der Grund dafür, warum man die Vampirgeschichten immer wieder aufs Neue anwenden kann. Ich habe sie in meinen Büchern nur benutzt, um das Problem der Gefahrschaffung in der Welt zu lösen. Ich wollte nämlich keinerlei Elemente der Magie in meiner Geschichte haben.

Michaela Boland:

Da möchte ich sie sogleich unterbrechen und fragen, was es dann  im ersten Buch in einer Szene damit auf sich hat, dass Protagonistin Amy (sechs Jahre) mit ihrer bloßen Anwesenheit im Zoo dafür sorgt, dass sämtliche Tiere wie von Zauberhand getrieben, panisch die Flucht ergreifen, sobald sie die Anwesenheit des Kindes spüren? Das mutet irgendwie durchaus wie Magie an, wenngleich auch eher dunkler? Wirkt spooky.

Justin Cronin:

Jeder fragt mich danach. Es ist tatsächlich gruselig. Aber, alles innerhalb des Buches besitzt eine Analogie innerhalb der Natur. Das ist nicht magisch. Das kann es natürlich sein, wenn man es so sehen will. Ich würde das jedoch nicht sagen, da gibt es keine Magie im Buch, außer vielleicht Gott. Aber es ist ja bekannt, dass Tiere über eine gewisse Sensitivität verfügen, die wir nicht nachvollziehen können. Man kennt ja die Geschichten darüber, dass Tiere bestimmte Ereignisse lange spüren, bevor sie tatsächlich eintreten. Man könnte sich die Szene im Buch insoweit so erklären, dass Amy so eine Art Erdbeben ist.

Michaela Boland:

Allerdings würde das ja bedeuten, dass Amy bereits zu einem Zeitpunkt eine "Art Erdbeben" ist, lange bevor sie die Injektion mit dem synthetisierten Virus zwangsweise verabreicht bekommt. Warum ist das Kind in ihrer Geschichte denn von vorneherein "merkwürdig"?

Justin Cronin:

Die Erklärung, die ich üblicherweise für diese Szene im Buch gebe, wenn ich auf den Umstand angesprochen werde, dass die Tiere im Zoo Amy  bereits vor der Injektion als eine Art Erdbeben empfinden, ist die, dass sie eben eine Materie von solch kosmischer Bedeutung ist, dass es das Universum längst weiß.

Michaela Boland:

O.K.. Das muss ich dann wohl so hinnehmen.

Justin Cronin:

Vielleicht ist es einfach genau das, was Tiere voraussehen, wenn Erdbeben nahen, ich weiß es nicht. Es gibt nun mal viele Dinge in der Natur, die wir nicht erklären können. Vor 20 Jahren wäre mein I-Phone noch Magie gewesen. Da ist aber eben auch eine Menge Physik im Spiel. Die einzige Art von Magie, die ich vielleicht in "Der Übergang" eingearbeitet habe, ist womöglich der Umstand, dass die Vampire Angst vor Kreuzen haben. Also eine Art christliche Magie. Das ist auch schon alles.

Die Sache mit den Spiegeln, in denen Vampire typischerweise kein Spiegelbild haben, habe ich bewusst weggelassen, sondern das Gegenteil umgesetzt. Bei mir können sie in den Spiegel blicken, doch was sie dort sehen, macht sie regelmäßig sehr traurig. Es ist sogar extrem schmerzhaft für sie. Sie erkennen, was aus ihnen geworden ist im Vergleich zu dem, was sie einmal waren.

Das ist ja auch typischerweise das, was Menschen widerfährt, wenn sie älter werden. Das ist alarmierend. Ich beobachte das bei mir selbst ja auch. In dir drin fühlst du dich  immer wie du, ob du 18, 25 oder wesentlich älter bist, aber äußerlich bleibst du es eben nicht.

Michaela Boland

Sie können sich hinsichtlich ihres nach wie vor jungenhaften Aussehens doch eigentlich nicht beschweren.

Justin Cronin:

Vertrauen sie mir, ich kann. (lacht)

Michaela Boland:

Sind sie gläubig?

Justin Cronin:

Sicher. Ja, es ist sehr hilfreich.

Michaela Boland:

Am Anfang des Buches "Der Übergang" begeben sich einige Wissenschaftler auf eine Expedition in den Dschungel. Die Vorkommnisse dort führen zu genetischen Veränderungen bei einigen der Überlebenden. Wie intensiv mussten sie sich hierfür  in die Materie der Mutation durch fremdartige Viren einarbeiten?

Justin Cronin

Ich musste mich in jede Menge unterschiedliche Bereiche erst intensiv einarbeiten. Es gibt manches, in das man sich tiefer einarbeiten muss als in anderes. Ich bin natürlich kein Fachmann für diese Dinge, aber, Gott sei Dank gibt es das Internet. Als ich damals mit dem Schreiben anfing, gab es das ja noch nicht, da musste man immer in die Bibliothek marschieren und manchmal tue ich das sogar noch heute. Bei dem ganzen Themenkomplex rund um das Militär benötigte ich Fachwissen.

Dafür brauchte ich dann tatsächlich jemanden, der mir dabei helfen konnte. Die meisten Dinge lassen sich durch selektives Suchen aber verhältnismäßig leicht selbst herausfinden. Das medizinische Fachwissen, das ich brauchte, konnte ich allerdings durch einen ehemaligen Freund erwerben, der Arzt und auf Krebs spezialisiert war. Ich weiß zwar nicht  mehr, wie wir auf dieses Thema kamen, aber er erwähnte einmal, dass bei Patienten, die Krebs hatten, die Thymusdrüse eine entscheidende Rolle spielen kann. Sie hat eine wichtige Funktion innerhalb der Immunabwehr. Das war genau das, was ich brauchte.

Micaela Boland:

Ist es nicht hin und wieder ermüdend, wenn man inmitten seines kreativen Schreibflusses immer wieder Fachwissen recherchieren muss?

Justin Cronin:

Überhaupt nicht. Es macht tatsächlich großen Spaß und man lernt eine Menge dabei. Es hilft einem sogar dabei, die Geschichte im Kopf klar und vor allem rund zu bekommen. Für das zweite Buch musste ich jede Menge über Petroleum lernen. Beispielsweise über die Verfeinerung von Petroleum. Im zweiten Teil, "Die Zwölf", spielt Öl eine wichtige Rolle. Manche Sachen kann ich, um ehrlich zu sein,  auch einfach machen, weil ich einige Dinge ohnehin schon weiß.

Insoweit wusste ich zum Beispiel, dass die strategischen Petroleum Reserven zum Teil in Freeport in Texas liegen. Milliarden von Barrels werden dort von der Regierung für den Fall eines Krieges gehortet. Es wurde auch versucht, die Märkte zu stabilisieren. Nicht raffiniertes Öl wurde einbehalten. Ich weiß wo es ist, ich weiß, warum wir es haben und ich weiß das, weil ich ein Typ bin, der schlicht und ergreifend eine Menge Zeug lernt.

Es ist unglaublich hilfreich, wenn man Kenntnis über viele unterschiedliche Dinge hat, wenn es darum geht, mit einer Geschichte anzufangen. Also, ich  wusste zwar, wo sich das Öl befand, aber es galt für mich noch herauszufinden, wie man es raffiniert. Und konkret, wenn man es raffiniert, wieviel man dann erhält, wie viel Kerosin dabei herauskommt und wie man das ganze transportiert. All das habe ich dann eben versucht herauszufinden. Und das ist mir dann auch in allen Einzelheiten gelungen.

Michaela Boland:

Legen die Leser großen Wert darauf, dass innerhalb ihrer fiktionalen Geschichten die beschriebenen Fakten auch wirklich den Tatsachen entsprechen und überprüfen ihre Angaben gegebenenfalls?

Justin Cronin:

Manchmal machen sie das tatsächlich. Ich habe beispielsweise viele Leser, die dem Militär angehören und da hat man natürlich häufig viel Zeit, wenn nichts zu tun ist. Man kann da ja nicht mal eben irgendwohin ausgehen, sondern muss in seiner Uniform, manchmal bei unangenehmen Temperaturen, an der Basis bleiben und sitzt nur herum. In dieser Zeit kann man eben lesen. Sehr viel lesen sogar. Deshalb lieben sie dort oftmals Bücher und handeln sogar untereinander damit.

Ein Soldat erzählte mir einmal, dass bei der Army Bücher das seien, was im Gefängnis Zigaretten sind. Ich treffe ja hin und wieder Soldaten bei Bookevents, auch emailen sie mir oder kommunizieren über Facebook mit mir. Außerdem habe ich auch Bekannte unter ihnen, die mir für bestimmte Sequenzen im Buch hilfreich zur Seite gestanden haben. Jedenfalls würden diese Leser sofort merken, wenn das, was ich beispielsweise im Hinblick auf militärische Strukturen oder gar Feuerwaffen schreibe, nicht der Realität entsprechen würde.

Leider werden in den meisten Büchern Fachkenntnisse nur vorgetäuscht und das sehr schlecht. Ich halte es grundsätzlich gegenüber den Menschen für despektierlich, wenn man bestimmte Sachen, von denen man keine Ahnung hat, niederschreibt, ohne zuvor zu recherchieren, wie sich die Dinge tatsächlich verhalten. Man kann natürlich nicht immer alles hundertprozentig richtig hinbekommen, aber ich versuche stets, so viel ich kann, richtig zu machen. Mir geht es eben darum, die Leser auch zu überzeugen und dadurch alles, was ich schreibe, als durchaus möglich erscheinen zu lassen.

Michaela Boland:

Egal, mit welcher Thematik?

Justin Cronin.

Ja. Mir wurde zum Beispiel gesagt, "Was, es sollen Vampire in deiner Geschichte vorkommen? Nimmst du uns auf den Arm", aber ich habe einfach versucht, diese Thematik dennoch komplett möglich und nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Und das Ergebnis ist, dass mir die Leute heute wirklich sagen, "wow, das, was du geschrieben hast, wirkt so echt, dass es definitiv angsteinflößend ist".

Michaela Boland:

Wie weit gehen ihre Recherchen üblicherweise?

Justin Cronin:

Um etwas über Feuerwaffen zu lernen, habe ich mich zum Beispiel intensiv in die Materie eingearbeitet, da in den Büchern immer wieder mal solche Waffen zum Einsatz kommen. Also weiß ich nun alles darüber. Wie sie funktionieren und wie sie anzuwenden sind. Vor kurzem musste meine Tochter mal etwas darüber wissen, also bot ich ihr an, ihr eine Lehrstunde über Pistolen zu geben. 

Anschließend waren wir im Kino in einem Film mit Tom Cruise, "Jack Reacher", und konnten bei den Szenen, in denen er eine Waffe gebrauchen musste, beinahe überhaupt nicht hinsehen. Das war so lächerlich. Ich sah meine Tochter an und fragte sie, "was stimmt da gerade nicht in diesem Bild". Sie antwortete: "Zwei Dinge sind komplett falsch: Seine Waffe befindet sich überhaupt nicht in der richtigen Position und sein Finger berührt nicht mal ansatzweise den Auslöser."

Michaela Boland:

Sie waren ihr offenbar ein guter Lehrer.

Justin Cronin:

Ja. Allerdings gibt man sich in Hollywood auch nicht gerade die größte Mühe, die Dinge real erscheinen zu lassen. Ich kann mir mittlerweile kaum mehr einen solchen Film ansehen, weil es häufig so lachhaft dargestellt wird. Dort ist immer nur wichtig, dass alles irgendwie cool aussieht. Es wird häufig so umgesetzt als ob das alles nur ein Spiel wäre.

Michaela Boland:

Wie steht es mit den Dreharbeiten zum Film ihres ersten Trilogie-Teils "Der Übergang", deren Regie Gerüchten zu Folge von Star-Regisseur Ridley Scott übernommen werden soll? Verschiedenen Medien war zu entnehmen, dass die Filmrechte hierfür von der 20th Century Fox nach einem Wettstreit mit den Mitbewerbern  Universal, Warner Brothers und Sony vor kurzem für 1,75 Millionen Dollar erworben wurden.

Justin Cronin:

Die Filmrechte sind in der Tat erworben worden, allerdings wurde der Film bisher noch nicht gemacht.

Michaela Boland:

Haben sie eigentlich auch die Twilight-Bücher gelesen? Da ging es ja beispielsweise auch sehr erfolgreich um Vampire?

Justin Cronin:

Ich habe das niemals gelesen. Ist das nicht auch Lektüre für pubertierende Mädchen? Sehe ich etwa aus wie ein weiblicher Teenager? (lacht

Michaela Boland:

Nun ja, sie haben ja eine pubertierende Tochter zu Hause, doch abgesehen davon behandelt es ja auch das derzeit in Literatur und Film extrem angesagte und vor allem lukrative Thema des Vampirismus.

Justin Cronin:

Dann könnte es zumindest sein, dass jemand in meinem Haushalt es gelesen hat. Nun, ich weiß natürlich grob, worum es geht. Es handelt sich dabei ja um junge Erwachsenenliteratur, die für Mädchen geschrieben wurde. Ich plante übrigens die Passage-Trilogie, bevor Twilight heraus kam. So war Twilight nie auf meinem Radar. Natürlich gibt es immer Menschen, die glauben, man würde da auf irgendeinen Zug aufspringen. Aber das trifft für mich nicht zu. Ich bin ein schrecklicher Geschäftsmann und ich bin kein Stratege. Ich habe einfach das gemacht, was ich gemacht habe. Andernfalls ist man ja auch nicht man selbst. Es sollten immer die eigenen Ideen sein, die man umsetzt.

Michaela Boland:

Sie werden immer wieder mit Stephen King verglichen. Gibt es da aus ihrer Sicht  wirklich Gemeinsamkeiten?

Justin Cronin:

Das weiß ich nicht. Wenn ich meine Fiktion betrachte, so sehe ich Dinge, die niemand sonst schreibt. Ich sehe das Ganze auch anders. Der Vergleich mit Stephen King ist natürlich sehr schmeichelhaft. Aber das kommt oft nur daher, weil mein Buch mit King`s "The Stand" verglichen wird. Wobei ich finde, dass es kaum etwas damit gemein hat. Abgesehen davon, dass die Welt in beiden Büchern irgendwie droht, unterzugehen.

Aber darüber hinaus sehe ich nicht mehr Gemeinsamkeiten. Mein Buch ist natürlich ebenfalls recht lang gehalten und hat eine Menge Charaktere, außerdem wird auch beinahe die komplette amerikanische Landschaft darin benutzt, also, wenn man davon ausgeht, gibt es schon Dinge, die man jeweils  in Kings und meinem Buch findet.

Michaela Boland:

Also ist es im Prinzip so als würde man Justin Cronin und Stephen King anhand des Kriteriums vergleichen, dass sie beide über eine gültige Fahrerlaubnis verfügen?

Justin Cronin.

Das kommt dem sehr nahe. (lacht) Das, was wir womöglich tatsächlich gemeinsam haben, ist die Zuneigung zu unseren Charakteren. Das ist auch etwas, worin King wirklich sehr gut ist. Er ist auch ausgesprochen produktiv und in dem was er macht, ist er einzigartig.

Michaela Boland:

Manche Menschen fragen sich auch, wie jemand mit überdurchschnittlich viel abgedrehten Romanstoffen wohl persönlich drauf sein könnte.

Justin Cronin:

Ich habe Stephen King erst einmal getroffen, daher kann ich nicht beurteilen, was er für ein Typ ist. In jedem Fall lässt sich aber sagen, dass er unglaublich fleißig ist und viel hervorbringt. Da draußen gibt es nur wenige Schriftsteller, die ähnlich viel schaffen. Dass er derart viele Geschichten zu erzählen hat, macht ihn einzigartig und nicht unbedingt verrückter als andere.

Michaela Boland:

Wie einfach ist es, die Spannung in einem Buch, bzw. bei ihnen sogar über eine Spanne von drei Büchern, quasi dauerhaft aufrecht zu erhalten?

Justin Cronin:

Man kann natürlich kein Buch verkaufen, das eine Million Wörter beinhaltet. Deshalb musste ich die Geschichte auf drei Bücher verteilen. Alles benötigt einmal Ruhepausen. Deshalb gibt es Kapitel. Die Story gliedert sich in Bücher, die Bücher wiederum in Abschnitte, diese dann in Kapitel und jene sind sogar noch mal in Unterkapitel unterteilt. Dadurch schafft man ein System, in dem sich Aktivität und Ruhe abwechseln. Ähnlich wie in der Musik.

Da kann man ja auch nicht ein Crescendo nach dem anderen bringen, denn sonst vertreibt man das Publikum womöglich aus der Konzerthalle. Das sind lediglich organisatorische Werkzeuge. Mir selbst sind die ruhigen Momente die liebsten. Die lauten haben natürlich eine gewisse Bühnentauglichkeit und du stellst dir immer vor, wie die Abteilung "Special Effects" sie einmal umsetzen wird.

Aber die stillen Momente zwischen den Charakteren in der Geschichte sind die, bei denen der Leser auch am meisten über sie erfährt. Außerdem liegen sie mir beim Schreiben auch am meisten. Wenn man schon so lange schreibt, dann benutzt man auch sämtliche stilistischen Werkzeuge, die es gibt. Das kann alles Mögliche sein, bei jeder Art von Szene. Es ist fast so, als wolle man rein gar  nichts vermissen lassen, sondern jedwede Möglichkeit ausschöpfen.

Michaela Boland:

Ist jemand wie sie, der daran gewöhnt ist, extrem lange Geschichten zu verfassen, auch dazu in der Lage Shortstories zu produzieren?

Justin Cronin:

Das weiß ich gar nicht. Ich habe tatsächlich mal damit angefangen. Die meisten jungen Autoren machen ja so etwas, weil der Aufwand um einiges geringer ist. So eine Kurzgeschichte kostet dich vielleicht eine Woche, zwei oder höchstens mal einen Monat Zeit.

Michaela Boland:

Bei der Kurzgeschichte ist dann also keine aufwendige Recherche notwendig?

Justin Cronin:

Dafür bleibt keine Zeit. Im Bereich der Short Fiction geht es ja lediglich um eine Episode im Leben einiger Menschen. Das ist dann vielleicht mal 20 Seiten lang und nicht 900. Davon abgesehen ist es aber auch eine der schwierigsten Formen, da dort sehr exakt gearbeitet werden muss. Wenn so etwas richtig gemacht ist, dann hängt alles in der Geschichte mit allem Übrigen zusammen und das zu einhundert Prozent.

Alles muss zueinander im Verhältnis stehen, wenn die Arbeit keine Zeitverschwendung gewesen sein soll. Im Roman habe ich ja demgegenüber jede Menge Raum, um die Dinge zu einem Abschluss zu bringen. Mit Kurzgeschichten habe ich deshalb immer zu kämpfen. Ich bin definitiv besser in Längen als in der Kurzform. Ich habe auch seit Ewigkeiten keine Kurzgeschichte mehr geschrieben. Ich habe es eigentlich 2001 für das Romanschreiben aufgegeben.

Michaela Boland:

Sie haben eben beschrieben, dass die Struktur der Geschichte schon von vornherein von ihnen festgelegt wurde. Was geschieht jedoch, wenn ihnen beim Schreiben plötzlich weitere gute Eingebungen für die Story kommen? Schieben sie das Ende dann womöglich weiter hinaus oder verwerfen sie die neuen Ideen?

Justin Cronin:

Ich weiß immer schon zu Beginn ganz genau, wann und wo die Geschichte endet. Deshalb würde ich auch gar keine andere Idee zulassen,  denn das Ende klärt alles auf. Alles, was in der Geschichte geschieht, läuft ja genau auf dieses Ende zu, welches ich mir von vorneherein überlegt habe. Würde ich durch neue Eingebungen plötzlich von meinem geplanten Kurs abweichen, würde es die komplette Struktur des Gebildes in Gefahr bringen.

Bei seinem Kurs zu bleiben, macht die Story zu einer guten Geschichte. Man kann es sich vorstellen, wie beim Hausbau. Plant man von Anfang an ein dreistöckiges Gebäude, würde ein ungeplantes viertes womöglich alles zum Einsturz bringen. Es kann höchstens einmal sein, dass ich mir später eingefallene Ideen noch für den Epilog vorbehalte.

Michaela Boland:

Wie sind sie auf die Titel der Bücher gekommen?

Justin Cronin:

Die sind mir einfach so in den Sinn gekommen.

Michaela Boland:

"Die Zwölf" lässt einen sogleich an Jesus und seine Jünger denken. War das beabsichtigt?

Justin Cronin:

Absolut.

Michaela Boland:

Wie weit sind sie augenblicklich schon mit Teil drei der Trilogie?

Justin Cronin:

Weit, aber noch nicht weit genug. Ich habe im Sommer des letzten Jahres angefangen, aber die tatsächliche Zeit, die ich bisher daran arbeiten konnte, waren nur wenige Monate, denn im Oktober erschien der zweite Teil  "Die Zwölf", bei uns in den USA und so musste ich dort zunächst einmal für zwei Monate auf Lesetour gehen und dann kam schon Weihnachten. So hatte ich die ersten Monate dieses Jahres und dann bin ich auch hier auf Büchertour gegangen.

Michaela Boland:

Haben sie für den dritten Teil eigentlich auch eine Deadline?

Justin Cronin:

Ja, wahrscheinlich. Wie ich über Deadlines denke, ist, wie ich glaube, hinreichend bekannt. (lacht). Eine Deadline zu haben, ist sehr hilfreich. Zu wissen, wann genau sie erreicht ist, ist es nicht. Wenn ich schon mal journalistisch arbeite, stellt das kein Problem für mich dar. Da ende ich sogar früher als ich muss. Im fiktionalen Bereich eher nicht. Insoweit ist eine Deadline für mich eher ein abstraktes Hilfsmittel. Sie sorgt dafür, dass man seinen Hintern hoch bekommt  und sich dann gleich an seinen Schreibtisch setzt.

Michaela Boland:

Befindet sich ihr Büro direkt in ihrem Haus in Texas?

Justin Cronin:

Es ist über der Garage. Wenn ich es betrete, tue ich dort in der Regel auch nichts anderes als arbeiten. Da habe ich absolute  Ruhe. Selbst, wenn meine Frau etwas von mir möchte, schreibt sie mir eine Mail. Wenn meine Kinder zu Hause sind, was häufig der Fall ist, können sie mich so nicht stören. Ich reagiere dann eigentlich nur, wenn Blut fließt oder der Feueralarm ausbricht. Dadurch, dass ich es zur Arbeit so nahe habe, spare ich ja auch jede Menge Zeit. Während andere eine Stunde brauchen, um zu ihrem Job zu gelangen oder um abends wieder zurück zu kommen, liege ich noch im Bett und lese.

Michaela Boland:

Welchen Hobbies gehen sie in ihrer Freizeit nach?

Justin Cronin:

In erster Linie Sport. Ich spiele  viel Tennis, fahre Rad und mache Fitnesstraining. Ich mache jeden Tag ein Workout. Ich bin früher auch gelaufen, sogar 25 Jahre lang. Aber jetzt machen das meine Knie nicht mehr mit. Ich spiele auch Klavier, zwar nicht gut, aber das ist jetzt eine Art neues Projekt für mich. Ich habe das mal als Kind begonnen und jetzt plane ich, es einigermaßen zu beherrschen bis ich 60 bin. Aber meine Finger sind eher langsam und ich habe auch viel von früher vergessen.

Michaela Boland:

Ist Musikalität in ihren Augen sehr hilfreich für das Schreiben?

Justin Cronin:

Oh ja. Sprache vollzieht sich ja auch in den Ohren. Der Rhythmus, den ein Satz schafft, kreiert physische Empfindungen im Körper des Lesers. Unterschiedliche Satzarten verändern sogar visuell die Erfahrung, die man beim Lesen eines Buches macht.

Michaela Boland:

Welche Menschen lesen ihre Bücher?

Justin Cronin:

Für Amerika kann ich das ganz gut beurteilen, weil ich ganz ungezwungen mit ihnen sprechen kann. So weiß ich, wer meine Bücher liest. Dort ist die Leserschaft auf alle möglichen Bevölkerungsgruppen verteilt. Solche, die typischerweise literarische und solche, die kommerzielle Romandichtung lesen. Frauen, Männer. Im United Kingdom denke ich, dass es eher Menschen sind, die ein Interesse an Gothic Horror haben.

Meine Absicht bestand allerdings darin, ein Buch zu schreiben, für das jeder einen Grund finden könnte, es zu lesen. Ich denke, da gibt es ein breites Spektrum hinsichtlich ihres Alters und ihrer Bildung. Wenn dein Buch genauso von einem 16-jährigen wie von einem 60-jährigen gemocht wird, hast du alles richtig gemacht.

Michaela Boland:

Wurden die Bücher auch in Japan verkauft?

Justin Cronin:

Ja, sie wurden überall verkauft. Jedenfalls überall dort, wo man entweder in englischer Sprache lesen oder wo zumindest aus dem Englischen in die jeweilige Landessprache übersetzt werden und dann gelesen werden kann. Da blieben nicht viele Länder übrig, in denen das nicht der Fall war.

Michaela Boland:

Sind sie als ehemaliger Universitätsdozent eigentlich auch mit deutscher Weltliteratur vertraut?

Justin Cronin.

Ich wurde in amerikanischer und englischer Literatur ausgebildet, daher fürchte ich, dass meine Kenntnisse in deutscher Literatur  recht begrenzt sind, was wirklich sehr peinlich ist. Aber, das hat mich, ehrlich gesagt, auch noch niemand gefragt.

Michaela Boland:

Was nicht ist, kann ja noch werden.

Justin Cronin:

Ich habe jede Menge französische und auch russische Romane gelesen. Und ich erinnere mich dunkel daran, dass ich einmal ein  langes Schriftstück mit dem Thema "Der Tod in Venedig" (Anm. d. Red.: Novelle von Thomas Mann aus dem Jahre 1911) gelesen habe. Also, gilt es jetzt, auch mal wieder etwas Deutsches zu lesen. Ich muss ja auch ein wenig Deutsch lernen. Ihr bringt mir das schon näher.

Michaela Boland:

Haben sie sich denn schon unsere Hauptstadt Berlin ansehen können?

Justin Cronin:

Nein, sie haben mich noch nie dorthin geschickt. Ich würde gerne mal dorthin fahren.

Michaela Boland:

Ich hörte, dass sie immerhin schon mal der Stadt Wiehl die Ehre geben werden. (Anm. d. Red.: Stadt im Oberbergischen Kreis, 41 km Luftlinie östlich von Köln mit ca. 26.000 Einwohnern)

Justin Cronin:

(lacht) Ich habe keine Ahnung, warum sich dieser Umstand unter sämtlichen Kollegen aus meinem deutschen Verlag zu einem solchen Running Gag entwickelt hat.

Michaela Boland:

Sind sie ein ausgeprägter Familienmensch?

Justin Cronin:

Ja, das würde ich durchaus sagen. Die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich damit, etwas mit meinen Kindern zu machen und  meiner Arbeit nachzugehen.

Michaela Boland:

Besitzen sie auch ein Interesse an bildender Kunst?

Justin Cronin:

Nicht besonders, muss ich bekennen, denn mein Leben fokussiert sich tatsächlich in erster Linie auf meine Familie und meine Arbeit. Ich versuche in Form zu bleiben und lese jeden Tag die Zeitung. Bücher zu schreiben ist darüber hinaus auch eine extrem harte Arbeit und fordert viel Zeit. Ich finde, man sollte absolut ehrlich zu sich selbst sein, was die Dinge anbelangt, für die man sich interessiert oder eben nicht interessiert. Wenn man älter wird, muss man sich auch mal ein wenig herunterfahren, besonders, wenn ich bedenke, dass ich ohnehin nur so wenig Zeit in der Woche habe.

Wenn mein Sohn mit der High-School fertig ist, werde ich bereits 60 sein. Als ich damit fertig war, war mein Vater gerade mal 44. Das lässt mich vielleicht nun wie ein Kunstbanause wirken, aber als einige Leute hörten, dass ich nach Köln reisen würde, sagten sie mir, dass es hier einige wunderbare Museen gäbe. Aber, um ehrlich zu sein, war es das Letzte, was ich mir in der kurzen Zeit hätte vorstellen können, in irgendwelchen Museen umherzuwandeln.

Ich liebe es, draußen zu sein, Häuser anzuschauen. Vor zehn Jahren hätte ich das bestimmt gemacht, hätte Museen besucht und probiert, mich damit glücklich zu fühlen. Jetzt ist mir wichtig, zu wissen, was mich wirklich glücklich macht, was nicht und das auch zu artikulieren. Man sollte nicht immer nur nach den Wünschen anderer Menschen handeln, wenn man es selbst eigentlich gar nicht möchte.

Jetzt frage ich mich immer, was mich wirklich interessiert und nur darauf konzentriere ich mich. Am Anfang war es richtiggehend schwer, diese eigenen Impulse zu verteidigen. Es ist schließlich vordergründig immer viel einfacher, nachzugeben und bei dem mitzumachen, was sämtliche Leute toll finden und von dem sie dich dazu drängen, es ebenfalls toll zu finden. Jetzt tue ich glücklicherweise nur noch, was ich wirklich möchte und darauf bin ich auch ein wenig stolz.

Michaela Boland:

Wie reagiert ihr Umfeld darauf?

Justin Cronin:

Ich glaube, ganz gut. Ich wünschte, ich hätte das schon früher so gehandhabt. Ich kenne auch einige Menschen, die das schon viel früher so gemacht haben. Und ich bitte eben jetzt mein Umfeld, meine Wünsche zu respektieren. Man sollte sein Leben nutzen und nicht nur Konformität üben. Bei meiner Frau war es so, dass sie mit ihrer Promotion begonnen hatte, bis sie irgendwann bemerkte, dass sie das eigentlich gar nicht interessierte. Sie wollte nämlich ein weiteres Baby.

Michaela Boland:

Wie alt ist ihre Frau?

Justin Cronin.

47. An einen Punkt in ihrem Leben hat sie sich dann dafür entschieden, sich ganz intensiv um ihre Pferde zu kümmern, denn das ist, was sie wirklich aus vollem Herzen gerne tut. Sie arbeitet jetzt nicht mehr. Das interessiert sie nicht. Für mich ist es auch wichtig, dass sie nicht arbeitet, da ich ja nun sehr viel umherreisen muss und daher war es wichtig, dass sie zuerst mal ihren Job kündigt, damit sich jemand um die Kinder kümmern kann. Sie hat ja zuvor als Lehrerin gearbeitet und irgendwann hatten wir drei Personen in unserem Haushalt, die morgens zur selben Zeit an drei unterschiedlichen Schulen sein mussten. Das konnte auf Dauer ohnehin nicht funktionieren. Daher ist es jetzt gut. Meine Frau macht das, was sie ausfüllt.

Michaela Boland:

Haben sich die Menschen in ihrem Umfeld seit ihrem kometenhaften Aufstieg in der Welt der Literatur durch den Bestseller "Der Übergang" in ihrem Verhalten ihnen  gegenüber verändert?

Justin Cronin:

Die Antwort ist ja. Aber nicht meine wahren Freunde. Wenn man ein Buch schreibt und Menschen es lesen, dann meinen viele, den Autor  zu kennen. Sie machen eine ganz intime Erfahrung mit dir, die du aber nicht mit ihnen machst. Sie empfangen all diese Übertragungen aus deinem Gehirn, die sich mit ihren Gedanken vermischen. Ich kenne das, denn ich bin ja auch ein Leser. Wenn ich Jim Salter`s Bücher lese, denke ich auch manchmal, dass ich ihn gut kenne.

Aber so ist es ja nicht. So glauben eben viele, auch mich zu kennen und wenn sie mich dann treffen, sind sie wahrscheinlich enttäuscht. Also, insoweit macht es schon einen Unterschied, wenn du plötzlich eine Art öffentliche Figur bist. Ich merke das auch immer durch die sozialen Netzwerke. Ich nutze Facebook. Die Verleger wollen immer gerne, dass man diese Netzwerke nutzt, aber ich hätte es sowieso genutzt.

Ohne so etwas würde man gar nicht derart wahrnehmen können, was so geschieht. Früher machte man seine Lesungen, traf dort 50 bis 100 Menschen, ging anschließend wieder heim und das war es. Heute kann ich mit den Lesern, der Öffentlichkeit interagieren. Viele wollen gerne mit einem in Kontakt treten. So hat man im Prinzip zwei Leben. Ein öffentliches und ein privates.

Michaela Boland:

Lieber Justin Cronin, vielen Dank für dieses ausführliche Interview. Viel Erfolg beim Schreiben des dritten Teils der Passage-Trilogie, den wir mit großer Spannung erwarten, gute Reise zurück nach Houston und alles Gute für sie und ihre Familie.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

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22.04.2013 ein Faible für ausgefallenes Schuhwerk

Michaela Boland - mit 4 Bildern

Mit seiner Stimme begeisterte er nicht nur einst Lord Yehudi Menuhin, sondern brachte jüngst auch die Star-Magier Siegfried & Roy dazu, ihm vor Rührung bis in die Garderobe zu folgen, um ihn höchstpersönlich kennen zu lernen. Sein Markenzeichen: Leidenschaft und kerniges Vibrato in der durchdringenden Stimme.

Die Rede ist von Star Tenor Bela Mavrak. Seit Meister-Geiger Andre Rieu den gebürtigen Ungarn für sich entdeckt und den Wahlkölner einem weltweiten Publikum bekannt gemacht hat, ist ihm seine Zeit zu Hause ebenso rar wie kostbar geworden.

Ein paar der seltenen Momente in der Wahlheimat widmete Bela Mavrak jetzt Journalistin Michaela Boland. Was den Star-Tenor mit dem Maastrichter Erfolgs-Geiger mit der wippenden Frisur verbindet, wie er in West-Papua auf einen Kannibalen-Volksstamm gestoßen ist, aus welchem Grund er ein Faible für ausgefallenes Schuhwerk mit Augen hat und was ihm Gianni Versace vor dessen gewaltsamen Tod sagte, verriet er Boland im Gespräch. 

Porträt des Monats über Bela Mavrak von Michaela Boland  

Auf seinen nagelneuen Kaffe-Latte-Automaten ist Bela Mavrak sichtlich stolz. In der knallroten Lack-Designer Küche fügt sich die schnittige Maschine optisch perfekt ins Gesamtbild. In seiner geräumigen kernsanierten Altbau- Eigentumswohnung mit hohen Stuckdecken unweit der Kölner Musikhochschule hat sich der Tenor ungarischen Ursprungs selbst verwirklicht:

Ausgefallenes tibetisches Sitzmobiliar, das an einfachsten Wohnkomfort ostasiatischer Urstämme erinnert, im Esszimmer, kunstvolle schwarze Lackstühle aus der Zeit Napoleons des III., mit Designerstöffchen überzogenen Sitzflächen versehen, im Wohnzimmer, wirken ebenso exotisch wie die vielen Büsten, die zum Teil Gottheiten aus Kambodscha, Indonesien, West Papua oder Neu-Guinea darstellen, und überall herumstehen.

„ Ich habe aus jedem Land, in dem ich war, etwas mitgebracht“, erzählt der 43-jährige Opernsänger. „Aber den einen kambodschanischen Kopf, den ich habe, habe ich vorsichtshalber in Köln gekauft, denn nachdem er 1000 Jahre alt ist, hätte man mich wahrscheinlich lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt, wenn ich ihn aus Kambodscha mitgebracht hätte.“  

Die Wohnung des Kölner Junggesellen ist tipp topp aufgeräumt, ein anheimelndes Feuer lodert im modernen gläsernen Minikamin und ein angenehmer, künstlich erzeugter Herbstduft verbreitet sich in sämtlichen Räumen. Auffällig: Die zahlreichen Abbildungen der Medusa (Anm. der Red: Figur aus der griechischen Mythologie: Ehemals schöne Tochter zweier Meeresgottheiten, welche aufgrund der erzürnten Pallas Athene in ein geflügeltes Ungeheuer mit Schlangenhaaren, Schuppenpanzer, langen Eckzähnen und glühenden Augen verwandelt wurde, dessen Anblick jeden zu Stein erstarren ließ als Schutz gegenüber Feinden, die es seiner Sterblichkeit wegen hätten töten können), die in Bela Mavraks Wohnung signifikant häufig auftauchen.

So ziert eine Medusa den Eingangsbereich oberhalb der Wohnungstür. Ein riesiges Abbild der griechischen Gorgone ist kunstvoll in den marmornen Fußboden seines luxuriösen Badezimmers eingearbeitet, gleichwohl befinden sich zahlreiche weitere Medusen auf Sofakissen oder Wandbildern.

„Was für eine Bedeutung hat diese Gestalt für Dich“, möchte ich wissen. „Das ist schwierig, ich kann es genauso wenig erklären wie Goethe, auf den Medusa ebenfalls eine große Faszination ausgeübt hatte. Genauso wie auf den am 15.Juli 1997 in Miami Beach erschossenen Modeschöpfer Gianni Versace. Es ist eben einfach ein mystisches Gesicht“, erklärt der Opernstar.  

Interessant erscheint jedoch die Tatsache, dass Mavrak sich in jüngeren Jahren erstmalig einmal eine Krawatte des berühmten Italo-Designers Versace gönnen und dafür sogar 160,- DM investieren wollte, nachdem dies zu noch früheren Studentenzeiten beinahe eine ganze Monatsmiete für sein damaliges acht Quadratmeter-Zimmer ausgemacht hätte.

Gesagt, getan, doch das Unheimliche: Wie sich nur eine halbe Stunde später, während er seinen Gesangslehrer besuchte, ausweislich durch die auf dem Kassenbon vermerkten Daten herausstellte, soll der Kauf der Gianni Versace-Krawatte exakt mit der Minute übereinstimmen, in der der weltberühmte Modeschöpfer noch am selben Tag durch einen Attentäter zu Tode kam. Druckmuster des besagten Kleidungsstückes: Medusen- Abbildungen.

Bezeichnend: Die Welt des italienischen Designers spiegelte sich in dem Symbol des Medusenhauptes wider, das auf die charakteristische griechische Art mit Ornamenten verziert ist. Die Wahl, die zuweilen eine fatale Faszination zuwies, wurde im Modehaus bewusst getroffen: Eine Art von Schönheit und Schlichtheit, die fesselt und verwirrt.  

„Beinahe ist es so als hätte eine Übergabe von Versaces Medusa-Faszination auf mich stattgefunden, in der Minute als er starb, denn seit ich jene Krawatte erworben hatte, war auch ich tief beeindruckt von diesem Symbol“, erinnert sich Bela Mavrak. 

Als der Opern Star, der seit vier Jahren als Gasttenor mit Andre Rieu mit jeweils 110 Konzerten pro Jahr durch Europa, Asien und Amerika reist, 1993 mit dem Gewinn der Goldenen Medaille, dem ersten Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb im italienischen Santa Margherita Ligure, aufwarten kann, kommt ein Mann zu ihm hinter die Bühne, der ihm herzlich gratuliert und seine gute italienische Aussprache lobt.

Jener Mann habe, wissentlich der Kenntnis, dass Mavrak Ungar war, zu diesem gesagt, dass man keinesfalls bemerke, dass der angehende Star kein Italiener sei. Gesiegt hatte der Sänger nämlich mit einer Arie aus Puccinis „La Boheme“. Dann verschwindet der Mann. Später fragte ihn der Festivaldirektor, ob Mavrak den „mysteriösen“ Bewunderer denn nicht erkannt habe.

Es war Gianni Versace und Bela Mavrak, der sich zum damaligen Zeitpunkt sein Einkommen betreffend noch nicht in der „Ich-trage-Versace-Outfits-Liga“ befunden hatte, zeigte sich sichtlich beschämt, den weltbekannten Modedesigner nicht erkannt zu haben. 

In unzähligen Rundfunk- und Fernsehproduktionen, sowie CD-Einspielungen von Rossinis „Petite Messe Solennelle, Vivaldis „Magnificat“ oder der Weltpremiere „In Exitu Israel“ sowie „Dixit Dominus“ von Marianna Martinez in der Kölner Philharmonie konnte Bela Mavrak sodann auf sich aufmerksam machen. In Verdis „Requiem“ debütierte er mit der Philharmonica Hungarcia in Bonn 1994.

Mit genau dieser exponierten Tenorpartie trat er nur ein Jahr später bereits im Teatro Colon in Buenos Aires und im Teatro Municipal in Sao Paolo auf, bevor er mit der Hauptrolle in „Fausts Verdammnis“ (Hector Berlioz) zum Salzburger Festspielhaus gelangte.

Von 1998 bis 2000 arbeitete Mavrak sodann auch noch als Solist am Deutschen Nationaltheater Weimar, wo er zehn verschiedene Opernrollen gesungen hat. U.a. sogar im Goethe Jahr 1999 als Weimar zur Kulturhauptstadt wurde, zwei verschiedene Faustrollen, „Magarete“ sowie „Fausts Verdammnis“. 

Die außergewöhnliche Tenorstimme Mavraks wird von der Presse als „lyrisch geschmeidig, bruchlos geführt und klangvoll“ beschrieben. Der
Opernsänger ist heute glücklich darüber, eigentlich aus einem Zufall heraus, genau das machen zu können, was er sich stets gewünscht hat.

Zu Beginn seiner Ausbildung hätte das wohl noch niemand gedacht, denn der am 07.April 1966 in Baden (bei Wien) geborene Sohn zweier ungarischer Studienräte machte auf Wunsch seines Vaters erst einmal eine Ausbildung zum MTA (medizinisch technischen Assistenten).  

„Mein strenger Vater hätte gern gehabt, dass ich Arzt werde. In dem kleinen Dorf, namens St. Michael, in dem ich innerhalb Woywodinas (Anm. der Red.: heutiges Nord Jugoslawien) aufwuchs, gab es nur eine Ärztin: Die Schwester meiner Mutter. Nachdem ihr einziger Sohn, mein Cousin, Informatik studierte, sollte ich nach dem Willen meines Vaters eines Tages ihr Nachfolger werden“, erinnert sich Bela Mavrak. Erforderlich wäre natürlich gewesen, noch ein Medizinstudium anzuschließen.

Dann kam alles ganz anders. Die Mutter Belas leitete in der Freizeit Folkloretanzgruppen und war in Kulturinteressenkreisen des Umkreises organisiert. Zu einer dieser Gesellschaften hatte auch ein gewisser Musikprofessor namens Bursac, der als Dirigent in Belgrad tätig war, gezählt. „Nachdem er meine Stimme gehört hatte, stand für ihn fest, dass ich Sänger werde“, weiß Bela Mavrak noch genau. Zunächst konnte sich der heutige weltbekannte Star-Tenor dies noch überhaupt nicht vorstellen.  

Während des Militärdienstes jedoch kam Mavrak der Umstand zugute, dass für eine Soldatenband ein Keyboarder gesucht wurde. Nachdem Bela bereits zu Grundschulzeiten Klavierunterricht genossen hatte, jedoch eigentlich froh war, das lästige Üben nach jener Zeit endlich hinter sich gelassen zu haben, machte sich seine Fertigkeit jetzt aber doch bezahlt:

„Sie haben mich nach mehreren Auditions ausgewählt, weil ich alle möglichen Stilrichtungen beherrschte. Klassik genauso wie Rock oder Pop. Das hat mir mein Leben während des Wehrdienstes sehr erleichtert, denn immer wieder durfte ich die Zeit mit Üben und Spielen in Hotels verbringen“ erläutert der Kölner. Noch in der Armee begann Bela Mavrak sogar damit, sich in kleineren Eigenkompositionen zu üben.

Nachdem er sich jedoch im Klaren darüber war, nicht ausgereift genug zu sein, um seine erdachten Melodien auch entsprechend qualifiziert niederzuschreiben, wandte er sich nach dem Wehrdienst erneut an Professor Bursac, um von diesem die Notation von Kompositionen zu erlernen.  

„Bursac ließ sich nur unter der Voraussetzung auf den Deal ein, dass ich in dem von ihm geleiteten Chor mitsang“, bestätigt Mavrak, „und dann saß ich irgendwann bei ihm am Klavier und habe etwas gesungen als er plötzlich aufstand und ohne mein Wissen einen Belgrader Gesangsprofessor der Musikhochschule anrief, um diesem mitzuteilen, dass er einen neuen Schüler für ihn habe. Dann konstatierte Bursac, dass ich Sänger werde und lamentierte so lange herum, bis er mich überzeugt hatte.“ 

Mavraks Vater hatte den Sohn eindringlich vor den Unabwägbarkeiten einer Laufbahn als Sänger gewarnt. Hatte er doch bereits ein riesiges Anwesen im Mediterranstil erbaut, in der Hoffnung, dass der Sohnemann eines Tages die erwünschte Arztkarriere antreten und sowohl die Dorfambulanz der Tante übernehmen, in jenes Anwesen verlegen und auch mit den erwünschten künftigen Enkelkindern dort leben würde.

„Jetzt wohnen meine Eltern leider allein in einem so großen Haus, da ich ja keine Geschwister habe. Das ist heute ein Problem im Winter, wenn die Kälte kommt. Dann müssen sie alles abschließen und bewohnen nur zwei Räume, da es unermesslich wäre, ein derartig großes Haus den kompletten Winter über zu beheizen.“

Heute ist der 68-jährige Vater außerordentlich stolz auf seinen weltberühmten Sohn. Die Mutter (67) war von vorneherein liberaler gegenüber der Idee eingestellt.

 
Eigentlich war Bela Mavrak ja von jeher ein Rock-Fan, vergötterte Pink Floyd und hatte bis zum Antritt seiner Gesangslaufbahn auch noch nicht eine einzige Oper gesehen. Der Mann mit den pechschwarzen Haaren und strahlend blauen Augen merkte zwar schon zu Discozeiten, dass er Songs wie „Hands up, Baby Hands up“ oder tanzbare Stücke von ABBA oder BONEY M. im Discosound musikalisch eher als langweilig empfand.

Er habe sich aber schon immer für kompliziertere Arrangements wie Synpho- oder Psychodelic-Rock interessiert. Gruppen wie Genesis oder Yes hätten da schon eher seinen Geschmack getroffen, nachdem er dort jetzt sogar eine Brücke zur Klassik erkenne.  

Bei den Mädels sei die anspruchsvollere Musik damals natürlich ebenso wenig angekommen wie bei Gleichaltrigen. Daher habe Mavrak sich auch stets mit durchschnittlich vier Jahre älteren Freunden umgeben müssen. „Als Jugendlicher sind vier Jahre Altersunterschied schon fast wie eine ganze Generation. Die Leute in meinem Alter hörten immer nur Trendmusik“ berichtet Mavrak. 

Nachdem Dirigent und Chorleiter Bursac den jungen Bela Mavrak sodann an der Belgrader Musikakademie untergebracht hatte, studierte der Ungar insgesamt zweieinhalb Jahre dort, bevor er 1991 eines Tages seinem Onkel, einem Musiker, einen Besuch abstattete. Onkel Josef Lukenich lebte nämlich schon seit fast. 50 Jahren in Düren. Gerade in dieser Zeit zeichnete sich dann auch in Jugoslawien der Konflikt zwischen Serben und Kroaten ab.

„Obwohl ich damals noch nicht ermessen konnte, dass ein Krieg bevorstehen würde, fühlte ich mich als Ungar, der mit dem politischen Konflikt, der sich da gerade zwischen den Volksgruppen vollzog, ja eigentlich nichts zu tun hatte, einfach nicht wohl“, weiß Mavrak noch wie gestern.

Onkel Lukenich, selbst Musiker und Mitbegründer der Dürener Saxophon- und Klarinetten Sparte der Musikschule, schlug dem Neffen kurzerhand vor, doch einfach nach Deutschland an die renommierte Kölner Musikhochschule zu wechseln. 

Zu dumm nur, dass die Anmeldefristen schon sechs Monate zuvor verstrichen waren als Mavrak durch Zufall und ohne es zu wissen, ausgerechnet am allerletzten Tag der Aufnahmeprüfung in der Domstadt aufschlug. Selbstverständlich wollte ihn da niemand mehr anhören, sondern man schlug ihm vor, nur kurz mit ihm zu sprechen, um ihm zu raten, was er für die Prüfung im Folgejahr schon mal lernen könne.

Dass sich Hartnäckigkeit auch selbst in dem oftmals als allzu bürokratisch verschrienen Deutschland bewähren kann, sollte der Magyar dann am eigenen Leibe erfahren. Den zuständigen Professor und Pro-Rektor Wilfried Jochims hat der Sänger nämlich dann so lange gebeten, ihn doch wenigstens anzuhören, dass dieser Bela trotz des Umstandes, dass bereits weitere, rechtzeitig angemeldete Prüflinge in der Aula warteten, sein Ohr lieh.  

„Dann habe ich dem Professor in einem Zimmer etwas aus „La Boheme“ vorgesungen“. Danach geschah das Unfassbare: Der Professor schien offenbar derartig begeistert, dass er entschied, Mavrak sofort aufzunehmen, schob den Ungarn kurzerhand irgendwie zwischen zwei andere Aufnahmeprüflinge und schleuste ihn vor die Prüfungskommission in der Aula.

Vor der kompletten Kommission entschuldigte sich der Professor zunächst dafür, jetzt noch jemanden so kurzfristig unterzujubeln, der noch nicht mal Deutsch sprechen könne, denn Bela war der Sprache damals noch in keiner Weise mächtig.

Doch wie ein Bürge gelobte der Professor vor den übrigen Entscheidungsberechtigten sodann, dafür Sorge zu tragen, dem jungen Mann vom Balkan schnellstmöglich Deutsch beizubringen. Nachdem Mavrak dann noch einmal vor der gesamten Kommission vorgesungen hatte, war er „drin“. 

Seither lebt Mavrak in Köln und hat die Stadt nicht nur kennen-, sondern auch lieben gelernt. „Ich liebe die Mentalität der Kölner. Gerade wir Ungarn sind ja auch ein temperamentvolles Volk. Die Kölner sind nicht so typisch Deutsch, sondern offen und witzig, können vor allem auch Witze ertragen, haben ihren Karneval, was zeigt, dass sie sich auch in verrückter Weise für Dinge begeistern können.

Außerdem habe ich mittlerweile so viele Freunde und Bekannte hier, dass dies mein Lebensmittelpunkt geworden ist. Die Kölner haben mich schon lange als Kölner anerkannt, das ist einfach schön.“ 

Nachdem Bela Mavrak sein künstlerisches Diplom an der Kölner Musikhochschule erhalten hat, folgen noch Privatunterricht beim weltbekannten Mailänder Tenor Franco Corelli, sowie Meisterkurse beim italienischen Operntenor Gianni Raimondi und dem schwedischen lyrischen Tenor Nicolai Gedda.

„Ich bin mehr so ein italienisch-lyrischer Tenor, weniger kopftonal“, erklärt der Sänger. „Um in der Art wie Pavarotti zu singen, bzw. all die typisch italienischen Klänge richtig zu erlernen, musst du dich schon nach Italien begeben, denn das kannst du nicht hier lernen“ erläutert er weiter.

Auf die Frage, welchen der bekannten Tenöre er selbst bewundert hat, antwortet Mavrak: „Für mich ist Pavarotti unschlagbar gewesen, weil der klare Klang seiner Stimme und der Perfektionismus wunderbar aufeinander trafen.“  

Was jetzt noch fehlt, ist eigentlich nur die passende Gefährtin an seiner Seite und die eigene Familie, von der er immer geträumt hat. „Meistens hätten Frauen gerne einen Mann an ihrer Seite, der immer dabei und dann zu Hause ist, wenn sie ihn brauchen. Und ich bin natürlich nicht immer da und da braucht man auch erst mal jemanden, der das akzeptieren und verstehen kann.

Zweitens ist es auch nicht einfach, eine Person zu finden, die all das, was ich liebe, ebenso mag. Es ist schwierig“, analysiert der Tenor, der zwischenzeitlich die Deutsche Staatsbürgerschaft hat. „Mein Problem ist auch, dass ich nicht dazu bereit bin, meine Freiheit komplett aufzugeben, weil ich dann wahrscheinlich nicht das wäre, was ich bin.“ 

In jedem Fall sollte die Zukünftige wohl die Reiseleidenschaft in abenteuerliche Länder des zuvorkommenden Sängers teilen. Bela Mavrak hält nämlich wenig von Pauschalreisen in Massentourigebiete, sondern zieht, ganz im Sinne von Indiana Jones, Trips an Orte wie Borneo, Sumatra, Burma, Kambodscha, Laos, Vietnam, dem Kongo oder Tibet eindeutig vor.

Und auch hier lässt sich der sympathische Star-Tenor nicht schnöde von Reiseleitern durch die Gegend schaukeln, sondern kämpft sich nur allzu gerne auch schon mal selbst tagelang zu Fuß durch Dschungelgebiete. 

Nur ein einziges Mal unternahm er bisher eine Reise zweimal in dasselbe Land: West Papua. Die Westhälfte der Insel Neuguinea, die politisch Bestandteil des Staates Indonesien ist, hat es dem Sänger, der als Kind schon immer gerne Archäologe werden wollte, um Ruinen, Tempel, Schätze oder gar verborgene Kulturen zu entdecken, angetan. Hier hatte er auch Gelegenheit, die Kulturen der Kombai und Korowai zu studieren.

Die Korowai bewegen sich von Verhüllungen der Genitalien abgesehen, völlig nackt durch die Wildnis und errichten ihre Behausungen in 30- bis 40 Meter hohen Baumkronen. In einer solchen durfte Bela Mavrak auch schon nächtigen als er den Stamm besuchte. Während der Sänger von seinen Reisen berichtet, verrät die Begeisterung in seiner Stimme, wie groß die Leidenschaft für dieses Hobby tatsächlich ist.

„Die Kombai“, so fährt er fort, „sind einer der letzten Kannibalenstämme.“ „Und da hast Du Dich wohlgefühlt“ will ich wissen. „Die Menschen gehen davon aus, dass man nicht einfach so sterben kann. Wenn daher ein Unglück geschieht, vermuten sie, dass eine Böswilligkeit von einem anderen Stamm dahintersteckt. Also wird der Schamane ausgesandt, den Schuldigen für das Unglück zu suchen

Er wird getötet und jeder Stammesangehörige isst von seinem Fleisch. Nur dann kann nach ihrer Auffassung das „Böse“ tatsächlich tot sein.“ In der Hoffnung, dass Bela Mavrak sich bei den Kombai nichts zu Schulden kommen ließ, frage ich ihn nach dem von ihm selbst entdeckten Stamm. 

„Das waren die Semse“ erklärt er stolz. Im Rahmen einer schwierigen Expedition tagelang durch Flüsse und tiefen Dschungel stieß Bela, der mit fünf Trägern und einem Guide unterwegs war, unerwartet auf eine Art Großfamilie in einem schwer zugänglichen Gebiet. „Die Menschen in West Papua ähneln vom Äußeren her den australischen Aborigines.

Sie leben als Sammler und Jäger und sind so eine Art Dschungel-Nomaden, bauen nur provisorische Häuser, ziehen von Ort zu Ort und sind daher schwer zu finden.“ Die Verständigung mit den eher kleinen Menschen erfolgte durch eine Frau, die der Sänger während der Expedition bei einem anderen Stamm traf. Sie war 15 Jahre zuvor dem Semse-Stamm entlaufen und beherrschte deshalb noch immer deren Sprache. „Wie geht man auf solche Menschen zu“, frage ich.

„Durch die Frau habe ich dem Stamm erst mal Geschenke zukommen lassen“, erzählt Bela Mavrak. Am besten schenke man den Menschen Naturalien wie Salz, Tabak oder Fleisch. Offenbar scheint die Stimmung in solchen Situationen dann schon mal ganz gut zu sein.

Bei früheren Reisen hatte der Star-Tenor auch schon auf andere Mittel gesetzt: Verschiedenen Bergpygmäen-Gruppen, die in 3000 m Höhe leben und im Durchschnitt nur 1,40 m Köpergröße messen, wie die Danis, Lanis oder Yalis, habe er auch schon vorgesungen, so wie sie auch ihm. „Durch Gesang kann man Freundschaft schließen, auch ohne eine Sprache zu sprechen“, weiß Mavrak.

Nachdem der Tenor ihnen vorgesungen habe, hätten diese Menschen zunächst einmal beruhigt davon ausgehen können, dass Bela keine Gefahr darstelle. Ein inbrünstiges „O Sole Mio“ hat schließlich auch schon in unseren Breitengraden so manche(n) dahin schmelzen lassen.

Die vielen Aufnahmen und Erfahrungen, die er im Dschungel machte, wird er womöglich irgendwann einmal öffentlich präsentieren. In jedem Fall, so sagt er, brauche er diese Reisen als Ausgleich zu seinem hohen Lebensstandard auf Tour, um nicht die Kontrolle über sich selbst oder sein Leben zu verlieren. 

Wann es zum nächsten Mal auf Expedition ins Ungewisse geht, steht bestimmt noch nicht fest, denn zunächst wird der Tenor erst einmal mit den zwei weiteren Platin-Tenören, Gary Bennett und Thomas Greuel gemeinsam mit Andre Rieu Frankreich bereisen. Zuerst geht es nach Marseille, anschließend finden auch Auftritte in Paris und Bordeaux statt.

Mit dem Star-Geiger Rieu versteht sich Mavrak ausgesprochen gut. „Ich lebe mit ihm von einem Ort zum anderen zusammen, denn wir fliegen zusammen, essen zusammen, wir stehen auf der Bühne zusammen, feiern Geburtstage zusammen. Er mag mich ganz sicher gern, weil ich eine verrückte und extravagante Person bin und auch gut in seine Show passe.

Besonders fasziniert ihn, dass wir drei Platin-Tenöre bisher in mehr als 400 Konzerten noch nicht einmal ausgefallen sind oder abgesagt haben, was für Tenöre fast unmöglich ist.“ 

„Worin siehst du den Vorteil in der Zusammenarbeit mit Andre Rieu“, frage ich. „Die Vorteile sind, dass man vor 30.000 bis 40.000 Leuten singt. Man hat den direkten Kontakt zu den Menschen. Spielst du in der Oper eine Rolle, bist du darin verhaftet und schaust nicht in die Augen deines Publikums, sondern hast durch deine Rollevorgaben eine Art Barriere, bist unfrei.

Hier bei Auftritten mit Andre Rieu singe ich für das Publikum, kann mit den Augen agieren, bin in der Lage, Ausdruck zu verleihen. Viele Fans sagen, es sei wie eine Massenhypnose. Es spricht die Menschen an, sie fühlen sich viel besser integriert und empfinden sich selbst wie ein Mitglied der „Showfamilie“. Die Leute gehen glücklich nach Hause und was will man mehr?“ 

Das Weihnachtfest wird der extravagante Star-Tenor, der ausgefallene Schuhe deshalb genau so gern hat wie Carry Bradshaw, weil normale für einen Indiana-Jones-Fan einfach zu langweilig wären und der daher ca. 70 Paar Schlangenleder- oder Krokodillederschuhe mit Augen sein Eigen nennt, bei seinen Eltern verbringen.

Und an Neujahr heißt es dann schon wieder „Walzer frei“ mit Andre Rieu in der Kölner Lanxess Arena. Das Motto des Tenors Bela Mavrak jedenfalls erscheint mehr als zutreffend, wenn man die Anzahl seiner begeisterten Musikfans betrachtet: „Wer das Singen recht versteht, ist aller Herzen König.“  

Weitere Infos unter: 

www.bela-mavrak.de 

www.andrerieu.com

 

 

 

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04.04.2013 Sie ist die wohl schrillste Muse aller Zeiten

GFDK - Michaela Boland

Buntes macht sie einfach glücklich. Sie ist die wohl schrillste Muse aller Zeiten, und trotz zahlreicher Gemeinsamkeiten hätte eine Gala Eluard Dali rein äußerlich mit Sicherheit eher langweilig neben ihr gewirkt.

Ihr Markenzeichen: Feuerrote Wallemähne, kunstvoller Blumenhut und auffällige Kunstwimpern an den Unterlidern. Die Rede ist von Multiorganisationstalent und Berufsmuse Elke Koska.

Oftmals selbst als lebendes Kunstwerk bezeichnet hat die charmante, lebensfrohe „rechte Hand“ des legendären in Köln ansässigen Objekt- und Aktionskünstlers HA Schult (1000 Trash People) Journalistin Michaela Boland in ihre wundersam-schöne Wohnstätte geladen. 

Nach Jahrzehnten der Inspiration und Organisation rund um HA Schult versucht sich die attraktive „alterslose“ Elke Koska nun auch selbst als Kunstschaffende. Schon am dritten November 2009 präsentiert sie das Ergebnis ihrer handwerklich ausgefeilten und alltagstauglichen Kreativität auf Drängen H.A. Schults in der Kölner Galerie Reitz im Rahmen einer Ausstellung. Um was es sich handelt, hat Elke Koska Michaela Boland beim Interview schon mal verraten.  

Bei strahlendem Herbstsonnenschein mache ich mich auf den Weg zu Elke Koskas Heim am Ufer des Rheins. Zugegeben, die Vorstellung, dass ein Mensch unter einer Brücke leben kann, ist leider nicht mehr abwegig, aber dass man sich doch tatsächlich auch „in“ einer Brücke häuslich niederlassen kann, wirkt irgendwie abgefahren. Elke Koska hat es vermocht, sich in einem hohlen Pfeiler der Deutzer Brücke ein gemütliches Zuhause zu schaffen.

 Der Umstand, dass einem tagtäglich mehrere Tausend Autos und Straßenbahnen über`s Dach rattern und die Raumdecke dabei teilweise beängstigende Geräusche von sich gibt, darf einen da wohl nicht sonderlich stören. Überwältigend: Der Anblick der unzähligen kleinen bunten Gegenstände die die fensterlose geräumige Ebene schmücken, auf der sich Koska kreative Abtrennungen für die Wohnbereiche Salon, Schlafstätte, Küche, Fernsehzimmer, Umkleide, Bad und Büro geschaffen hat. Fast möchte man sich in Las Vegas vermuten, so blinkt und glitzert es kunterbunt aus sämtlichen Ecken.

 Da befindet sich nicht nur ein aufwendig dekorierter Weihnachtsbaum mit strahlender roter Lichterkette unweit hinter den mitten im Salon stehenden drei Trash-Leuten von HA Schult, sondern allenthalben hängen auch bunt geschmückte Adventartige thematisch sortierte Kränze von der Decke hernieder. Auf einem jeden: Glänzender Weihnachtsschmuck in mit Sicherheit vierstelligem Wert. Hier lebt also Elke Koska, umgeben von ihren beiden riesigen und imposanten Wachhunden Minos und Zsa Zsa.  

Michaela Boland:

Was war das ausgefallenste Kompliment, das du für deine Wohnung bisher erhalten hast?  

Elke Koska:

Das ist schwierig. Ich habe so viele tolle Sachen gehört, die kann ich alle gar nicht benennen.

Im Übrigen muss ich Dir ganz ehrlich sagen, ich lebe weder als Person noch mit meiner Wohnung für jemanden, sondern immer nur für mich. Ich habe nämlich schon als kleines Mädchen damit angefangen, mich zu stilisieren. 

Michaela Boland:

Wie bist Du auf die Idee gekommen, in einen Brückenpfeiler zu ziehen? 

Elke Koska:

Berufsbedingt habe ich ja immer viele Events und sehe viel. Ich habe dann bei der Stadt angerufen und habe mir das Ganze dann auch ausgebaut. Heizung, Wasser und Strom mussten ja her. Denn zuvor hat es hier natürlich ganz herkömmlich ausgesehen. 

Michaela Boland:

Anpassung ist augenscheinlich nicht Dein Ding? 

Elke Koska:

Über Sprüche wie „Man tut das“, bzw. „Was sollen die Nachbarn sagen“, habe ich mich nachweisbar schon mit sechs Jahren aufgeregt. Ich habe schon damals gesagt: „Das interessiert mich nicht.“ Was natürlich dazu führte, dass du unheimlich stark sein musstest als Kind. So habe ich quasi jeden Tag aufs Neue für mich gekämpft. Ich stand insofern schon damals vor der Frage, soll ich mich anpassen, um leichter zu leben oder soll ich so leben, wie ich leben will, selbst mit dem Stress, dass ich mich jeden Tag beweisen muss. Aber ich habe mich nun mal dafür entschieden, genau so zu leben, wie ich es will. 

Michaela Boland:

Würdest du sagen, dass Du ein durch und durch glücklicher Mensch bist? 

Elke Koska:

Ich bin total glücklich und zufrieden. Ich kann wirklich von mir behaupten, dass ich zu den Menschen gehöre, die jeden Morgen aufstehen, den Tag anlächeln und sagen: „Wow, heute wird wieder ein schöner Tag“, und dann wird er auch immer schön. Ich hatte auch noch nie einen unschönen Tag und ich war auch noch nie im Leben deprimiert oder schlecht gelaunt. 

Michaela Boland:

Noch nie einen unschönen Tag? Dann gehörst Du wahrscheinlich zu einer Species, die heutzutage leider vom Aussterben bedroht scheint? 

Elke Koska:

Ja, aber das Geheimnis von Glück ist doch Zufriedenheit und die Leute sind nie zufrieden. Die jammern immer. Haben sie das Auto, wollen sie ein anderes, haben sie die Wohnung, wollen sie wieder eine andere. Ich bin nicht super religiös, aber ich glaube natürlich an Gott und neulich habe ich beim Gassi gehen daran gedacht, der arme liebe Gott hat nun alle Menschen geschaffen und die klagen von morgens bis abends und jammern und alles ist falsch. Der arme liebe Gott hat überhaupt kein Erfolgserlebnis also habe ich zu ihm gesagt: „Nein, Du hast es richtig gemacht, denn ich lebe gerne, ich finde das Leben schön.“ 

Michaela Boland:

Du stammst aus einer eher konservativen Familie in Dortmund. Wie war das Verhältnis? 

Elke Koska:

Meine Eltern litten natürlich unter mir als Individuum. Sie sagten immer: „Meine Güte, die Nachbarn gucken.“ Mein Bruder ist demgegenüber „völlig normal“. Mir war und ist völlig egal, was irgendjemand von mir denkt. Ich lebe ja nicht für die Leute. Auch war ich, ähnlich wie viele „wichtige“ Frauen, z.B. Alice Schwarzer und Elke Heidenreich, auf einer Nonnenschule. Ich war bei den Florentinerinnen.

Nach drei Jahren habe ich am Gymnasium aufgegeben und bin auf ein weltliches Gymnasium gegangen, weil es natürlich schwer war, jeden Tag zu kämpfen, wenn ich mir beispielsweise morgens Herzchen in den Pullover schnitt und es bei den Nonnen Aufruhr gab. Ich war nicht geeignet dafür. Die Erlebnisse in der Nonnenschule führten im Übrigen auch dazu, dass ich seither nicht mehr in die Kirche gehe.

Mit der Institution kann ich nichts mehr anfangen. Ich glaube an Gott und spreche mit Gott, aber ich denke, (lacht) jeder, der mal auf einer Nonnenschule war, wird hinterher nicht mehr in die Kirche gehen. Somit war natürlich das Verhältnis zu meinen Eltern bis zum Schluss letztlich nicht einfach, weil sie sich gerne angepasst haben.  

Michaela Boland:

Konformität als Feindbild? 

Elke Koska:

Die typische Schrankwand oder Menschen, von denen ich immer sage, die leben beige, die ziehen sich beige an, die denken beige, die sprechen beige, sind für mich Feindbilder. Das sind leider sehr viele. Das ist auch o.k., aber ich muss nicht mit ihnen kommunizieren. Ich respektiere natürlich diese Menschen, wenn es wirklich ihre Entscheidung war, so zu leben und es nicht nur darum geht, angepasst zu sein. 

Michaela Boland:

Wie kam es zu Deiner Sammlerleidenschaft?  

Elke Koska:

Weil ich eine barocke Persönlichkeit bin, sammle ich gerne. Ich gehöre zu den Menschen, die, was sie mögen, immer um sich haben. Ich habe eine Sammlung von Weihnachtsschmuck, den ich aber auch das ganze Jahr habe, weil ich ihn ja mag. Ich sehe nicht ein, dass man nur Weihnachten diesen Schmuck hat. Ich bin ein sehr logistischer, disziplinierter Mensch. Ich habe nie Chaos und bin immer in Harmonie ausgewogen, bei allem, was ich tue.

Seit Neuestem habe ich jetzt auch mit einer Ess-Sammlung aus Fakefood begonnen. Im Schlafzimmer habe ich eine sehr schöne Herzchensammlung. Aber die teuerste ist natürlich meine Teekannen- und Tassen-Sammlung. (Anm. der Red.: Mehrere Tausend aus aller Welt) Mein Sternzeichen ist Stier, da bin ich übrigens der klassische Vertreter: häuslich, kocht gerne, sinnlich, zuverlässig, guter Freund usw., und einem Stier ist sein Heim sehr wichtig, das ist die Sicherheit gebende Basis. Ich brauche mein Zuhause. 

Michaela Boland:

Mit HA Schult hast Du schon auf sämtlichen Kontinenten gelebt, bist 24 Mal umgezogen. Ist Dein stetes Zuhause hier jetzt der Ausgleich dafür? 

Elke Koska:

Der Schult ist ein Krebs und war immer getrieben. Wir haben überall in der Welt gelebt. Da ich ja Muse bin, hat der Schult immer kreativ irgendwo gearbeitet, ich habe Tausende von Dingen und Seefrachtcontainer gepackt und erst wenn die neue Wohnung irgendwo auf der Welt fertig war, dann kam der Schult rein. Und genauso ging es dann auch zurück.

Schult braucht immer das Getriebene, während ich denke, das Paradies ist in einem selbst und nicht irgendwo auf der Welt, denn egal, wo Du hingehst, wenn Du es nicht in dir hast, wirst Du es auch nicht finden. Aber der Schult als Künstler braucht das Chaos und die Unzufriedenheit. 

Michaela Boland:

Hat das Zusammenleben bei derart unterschiedlichen Lebensauffassungen denn gut geklappt, immerhin warst Du ja auch 25 Jahre mit HA Schult verheiratet? 

Elke Koska:

Ja, super. Ich habe ihn in Watte verpackt. Ich als Muse habe ihm die Möglichkeit gegeben, kreativ zu sein. Wobei Musen ja immer schon starke Frauen waren. Es gibt heute kaum welche, aber diejenigen, die es gab, Alma Maler-Werfel oder Gala von Salvador Dali, die haben ja ihren Künstlern das Leben immer organisiert und die Ausstellungen herangeschafft. Heute geht es natürlich einen Schritt weiter: Du machst das Management, das Sponsoring, was ja immens ist. 

Michaela Boland:

Was kommt bei der Organisation eines Kunstprojektes denn alles auf Dich als Muse zu? 

Elke Koska:

Wir haben ja einmal dieses globale Projekt, wo wir 1000 Müllmenschen/ Trash People haben, die um die ganze Welt gehen. Und die stehen immer an allen wichtigen kulturellen, politischen oder historischen Stätten. Und das ist natürlich sehr schwierig. Also wenn Du auf den „Roten Platz“ nach Russland willst, dann musst Du zwei Jahre an so einer Genehmigung arbeiten und nicht jeder bekommt sie, aber ich kriege sie natürlich. Ich habe Russisch gelernt, ich spreche Chinesisch, Italienisch, Französisch und Englisch sowie zwei afrikanische Sprachen. 

Michaela Boland:

Und das hast du alles eigens für die Projekte mit HA Schult erlernt? 

Elke Koska:

Ja, man muss einen Sinn haben. Man muss einen Sinn haben, etwas zu lernen und ich lerne gerne. Ich lerne immer irgendetwas. Augenblicklich lerne ich Portugiesisch. Und vor zwei Jahren habe ich mir eine Nähmaschine gekauft, obwohl ich meine Kleider immer schon eigenständig, jedoch mit der Hand genäht habe, habe ich dann einen Nähkurs gemacht, damit ich auch dies beherrsche. 

Michaela Boland:

Eigentlich hattest du ja mal vor, Schauspielerin zu werden. Du hast in München die Schauspielschule besucht und mit Rainer Werner Fassbinder Anti-Theater gespielt. In der Filmproduktion „Lenz“ hast Du auch bereits mitgewirkt, doch eines Tages sollst Du in ein Münchener Taxi gestiegen sein, an dessen Steuer der junge und noch unbekannte HA Schult gesessen hat. Fast über Nacht warfst Du alle eigenen Pläne über Bord und warst fortan Muse. Was genau geschah in jenen Momenten im Taxi Anfang der 70er Jahre? 

Elke Koska:

Der Schult stieg ein und konnte ja damals nicht von seiner Kunst leben, musste als Taxifahrer jobben und erzählte, dass er Müll auf die Straße werfen wird für Kunst und dass er Bakterien in Bilder machen wird. Und das fand ich so faszinierend, dass ich in dem Moment beschlossen habe, dass dies viel wichtiger ist als wenn ich einmal von rechts nach links gehe oder von irgendeinem Regisseur eingesetzt werde. Und dass das genau das ist, was sinnvoll ist, zu unterstützen, weil es auch Einfluss auf unsere Gesellschaft hat, Stichwort ökologische Projekte. Und von der Sekunde an haben wir ja auch zusammen gelebt. 

Michaela Boland:

Und was war dann mit deiner eigenen Vision? 

Elke Koska:

Ich bin ja auch weiterhin kreativ geblieben und das, was Schult sagt, was letztendlich nun auch zu meiner ersten eigenen Ausstellung führt, ist, ich habe das Theater quasi auf die Straße getragen, indem ich mich immer inszeniere. Ich inszeniere alles, darum mache ich auch alles so gerne.

Wenn ich den Müll herunter bringe oder meine Wohnung putze, dann ziehe ich z.B. ein afrikanisches Kleid an, mache afrikanische Musik und inszeniere mir das so, dass mir das Putzen Freude macht. Oder, wenn ich am PC Texte tippe, dann ziehe ich mich dementsprechend an, lege entsprechende Musik auf. Ich inszeniere mir meinen Alltag so, dass er mir jede Minute desselben wie ein Theaterstück Freude macht. 

Michaela Boland:

Das heißt, Du bist in jedem Moment Deines Lebens ähnlich gestylt wie jetzt?

 Elke Koska:

Ich würde jedenfalls niemals mit einer Jeans oder einem T-Shirt bekleidet sein, habe so etwas auch nie besessen. Du kannst Tag und Nacht kommen, ich bin immer, jedenfalls für meine Verhältnisse, perfekt, auch geschminkt. Ich schminke mich ja abends noch mal neu. Ich sehe nachts genauso wie tagsüber aus. Natürlich nicht mit Hut, aber mit geschminkten Augen und auch“ lecker“ mit Parfum. 

Michaela Boland: ...und deine Haut? 

Elke Koska:

Ich habe fast nichts direkt auf der Haut, nur ein wenig Feuchtigkeitscreme und etwas Puder und natürlich die Augen geschminkt. Ich finde es eigentlich abartig, wenn man nicht auf sich achtet. Kein Wunder dass viele Ehen so schlecht gehen, weil die Leute abends wirklich so ungepflegt nebeneinander ins Bett gehen, womöglich noch ihre Zähne rechts und links hinlegen. Ich möchte schön und attraktiv ins Bett gehen. Wie willst Du schließlich ein attraktives Liebesleben haben, wenn Du scheußlich in einem scheußlichen Schlafzimmer schlafen gehst? 

Michaela Boland:

Apropos Liebesleben, Du warst mehrmals verheiratet? 

Elke Koska:

Also mit Schult war ich ja endlos verheiratet, mein halbes Leben. Seitdem war ich dann noch zweimal verheiratet. Man muss ja im Leben Entscheidungen treffen. Den ersten Teil meines Lebens habe ich monogam verbracht, weil Schult war ja mein Lebensinhalt, logisch. Die Liebe hat sich jedoch irgendwann aufgebraucht, weil wir einfach so viel zusammen gearbeitet haben und dann vergisst du die Liebe. Aber alle anderen Ebenen zwischen Schult und mir sind ja noch vorhanden. So dass wir nach wie vor alles machen.

Eine Muse muss nicht unbedingt auch der Partner eines Künstlers sein. Die Muse ist ja die Göttin der Kunst in letzter Konsequenz. Ich respektiere ihn, ich finde, er ist ein wichtiger Künstler. Und dann habe ich mir gedacht, o.k., jetzt lebe ich wild, nachdem ich eine Hälfte meines Lebens total monogam gelebt habe, lebe ich jetzt total wild. Mit ganz vielen Affären und zwei Ehen, abenteuerlichen Hochzeiten in Afrika und allem drum und dran.. 

Michaela Boland:

Welche erscheint dir die bessere Lebensform? 

Elke Koska:

Ich würde jeden Tag meines Lebens wiederholen, sowohl mit Schult als auch mein augenblickliches Leben. Ich denke, man muss nicht sein ganzes Leben gleich leben, denn das Leben ist spannend.

Michaela Boland:

Für Deine „Lebensaufgabe“ HA Schult bist Du lange Zeit nicht nur Ehefrau gewesen, sondern hast als Muse die Aufgabe der treibenden und organisierenden Kraft als Sekretärin, Dolmetscherin, Presseagentin, technischer Leiterin, Diplomatin, Gesellschafterin und Köchin in einer Person übernommen. Kritische Stimmen behaupten, dass dies eigentlich eine klassisch tragische Frauenrolle ist. 

Elke Koska:

Das ist völliger Unsinn, Eine Muse ist eine starke Frau. Sich zurückzunehmen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Schult und ich funktionieren ja nur, weil wir zwei absolut gleich starke Personen sind. Wir haben beide unsere Stärken, die sich in der Kunst wunderbar ergänzen. Daher auch dieses Gleichgewicht. Ich bin der einzige Mensch, der Schult kritisieren kann und von dem Schult die Meinung akzeptieren würde, wirklich der einzige Mensch. Und es gibt, glaube ich, niemanden, der sein Oeuvre so gut kennt. 

Michaela Boland:

Du selbst hast einmal gesagt, dass Schult Menschen sehr schnell verschleiße. 

Elke Koska:

Schult verschleißt alle Menschen um sich herum. Ich konnte das total ab. Schult ist natürlich ein egomanischer Künstler, wie alle. Picasso hat ja auf allen herumgetreten. Nur das ist genau der Punkt. Ich bin die einzige, auf deren Seele er nicht herum trampeln konnte, weil ich so gefestigt bin und kreative Prozesse richtig einschätzen kann.

 Ich habe nie darunter gelitten. Jedoch ist es für die Umgebung sehr schwierig, mit Schult auszukommen. Aber er macht auch gute Sachen. Immerhin hat er bereits Mitte der 60-er Jahre schon das Thema Umwelt zum Thema seiner Kunst genommen. Jeder Künstler nimmt sich ja ein Thema, die altmodischen Künstler hatten Dinge wie Farbe und Form und haben sich dann ihr Leben lang damit beschäftigt. Es ist alles gemalt, das kann man nicht mehr machen, da es bessere Lösungen als die bereits existierenden, nicht gibt.

Wir sind der Meinung, dass Kunst den Zeitgeist visualisiert oder Strömungen, Visionen einer Gesellschaft aufzeigt. Schult hat als Thema das ökologische Ungleichgewicht unserer Welt, was bis dahin wirklich kein Künstler zum Thema seiner Kunst gemacht hat. Und dadurch halte ich Schult auch für einen wichtigen Künstler. Schult ist sich einfach selbst im Wege, in seiner Anerkennung als Visionär, weil er eben oft schwierig ist. Aber, wenn Schult tot ist, wird er in der Kunstgeschichte einfach einen richtig tollen Stellenwert haben. 

Michaela Boland:

HA Schult hat dir eine ganze Menge zu verdanken. Wie wichtig war ihm Deiner Meinung nach die Liebe zu dir? 

Elke Koska:

Schult war die sogenannte normale Liebe, wie er meinte, viel zu profan als dass sie allzu wichtig für ihn gewesen wäre. Er sagte, das sei „Frauenzeitungsgewäsch“ und das könnten alle Menschen haben. Als Künstler liebte er die Kunst und die Kunstgeschichte und das ist natürlich etwas viel Wichtigeres.

Nachdem unsere Liebe erloschen war, war es für mich nicht so schwierig, wie womöglich für eine Frau, die feststellt: „Oh, die Liebe ist vorbei, Scheidung, nichts mehr übrig geblieben, Krieg“, weil es für uns ja nur ein kleiner Bereich von vielen war, der plötzlich wegfiel. Wir haben darüber gesprochen und uns auch nie gestritten über irgendetwas, sondern das war einfach eine Feststellung, die wir getroffen haben. Für mich war das damals o.k. und doch suche ich jetzt natürlich ganz klar immer nur diese „naive“ Liebe.  

Michaela Boland:

Inwieweit hat das Musen-Dasein auch als künstlerische Inspiration für den Objekt- und Aktionskünstler gedient? Nimmt man automatisch Einfluss? 

Elke Koska:

Ich versuche, sehr intensiv darüber nachzudenken, was ich sage. Ich bin jemand, der sagt, der Spatz in der Hand ist mir lieber als die Taube auf dem Dach. Bei Schult ist es genau umgekehrt. Wenn Schult eine Idee hat, und ich sehe bei der Realisierung, so wie er sich das vorstellt, ist es nicht machbar, dann versuche ich natürlich, das mit ihm zu diskutieren.

Wenngleich wir uns auch privat nie gestritten haben, so haben wir es in künstlerischer Hinsicht doch vehement getan. Privat haben wir uns auch deshalb nicht gestritten, weil ich mich über so einen „Kleckerkram“, über den sich normale Paare streiten, ja grundsätzlich nicht streiten würde.

Da ich den Alltag ohnehin stets komplett und hundertprozentig alleine abgedeckt habe, gab es für Schult ja auch keinen klassischen Alltag. Er konnte sich total auf seine Kreativität konzentrieren. Ich würde ihm nie gesagt haben: „ Koch Dir doch deinen Kaffee oder irgend so etwas oder bring den Teller in die Küche“, nein, um Gottes Willen, unvorstellbar.  

Michaela Boland:

Welche Eigenschaften sollte eine „gute Muse“ mitbringen? 

Elke Koska:

Das ist natürlich eine Erfahrungssache. Eine meiner Stärken ist es, das ich bei Ämtern grundsätzlich motivieren kann. Beispielsweise die Weltkugel, ursprünglich auf der Severinsbrücke. Um die da hoch zu bringen, musst du die Straßen sperren lassen, die Schifffahrt sperren lassen, das Ordnungsamt fragen, das Luftfahrtsamt in Düsseldorf wegen der Lufthoheit fragen. Du musst ca. bei 20 Ämtern vorstellig werden und alle müssen Dir ja eine Genehmigung erteilen.

Und alle haben ja eigentlich kein Interesse daran, das zu genehmigen, weil es ja eventuell ein Risiko bedeuten kann. So etwas haben sie noch nie genehmigt. Das bedeutet, jeder einzelne, der da irgendwo sitzt, muss über seinen Schatten springen. In bestimmten Ländern sind sie korrupt, da musst du ihnen Geld geben. In Deutschland ist man nicht korrupt, was ich sehr schön finde, da musst du die Leute motivieren.

Ich versuche insofern, die Menschen in jedem Amt dahingehend zu motivieren, dass sie sagen: „Jetzt sind wir zum ersten Mal Teil von etwas Besonderem.“ Dann engagieren sie sich, weil sie mitmachen möchten und gehen das Risiko ein, auch wenn sie ein solches zuvor noch niemals eingegangen sind. Das ist ein ganz wichtiger Bereich bei mir und auch der Grund dafür, warum ich Russisch lerne, wenn wir in Russland sind oder Chinesisch in China, damit ich mit den Leuten kommunizieren kann. 

Michaela Boland:

Heißt es nicht, dass in Russland Geschäftsabschlüsse häufig feucht fröhlich zu begießen sind? 

Elke Koska:

 Richtig, in Russland hinterlasse ich auch immer eine Spur des Todes. Ich vernichte immer alle Pflanzen, wenn ich bei jedem „Nastrowje“ den Wodka hinter mich in den nächst besten Blumenkübel schütte, da ich keinen Alkohol trinke. 

Michaela Boland:

 Wer so viel herumkommt, trifft bestimmt auch viele interessante Menschen. Gab es ein einzigartiges Erlebnis? 

Elke Koska:

Für ein Projekt, das wir 1994 in St. Petersburg durchgeführt haben, „Der Krieg“, bei dem es darum ging, zwei riesige Panzer, den einen Panzer mit weißem Marmor, den anderen mit schwarzem Marmor zu versehen, beide Rücken an Rücken auf dem berühmten Schlossplatz in St. Peterburg stehend und zwischen ihnen in zehn Meter hohen, aus unzähligen kleinen Lichtern bestehende Buchstaben, die Worte „Der Krieg“ geschrieben, spannend, während zu einem bestimmten Zeitpunkt durch konträre Fahrtrichtungen „der Krieg“ zerrissen werden sollte, das Ganze wurde live sowohl auf dem Time Square in New York“ als auch in Berlin übertragen, haben wir den damaligen russischen Bürgermeister Sobtschak in St. Petersburg kontaktiert.

 Dieser hatte einen zweiten Mann, der die Verhandlungen mit mir führte. Von diesem erhielt ich letztendlich auch die Genehmigung. Und dieser zweite Mann, war damals Putin. Zu dieser Zeit natürlich noch nicht Staatschef. Ich weiß noch als ich damals zurückgekommen bin, da habe ich erzählt: „Ich habe einen Mann getroffen, der hatte die kältesten Augen, die ich je sah“, und das war er.  

Michaela Boland:

 Ist der Ablauf eines Projekts immer reibungslos? 

Elke Koska:

 Ich halte auch Kontakt zu allen, mit denen ich gearbeitet habe. Da ich mit allen immer gut gearbeitet habe und auch alles, was ich versprochen habe, eingehalten und hinterher alles wieder gut aufgeräumt habe und auch mit den Sponsoren, die wir  immer sehr ordentlich abrechnete haben, besitze ich eben auch eine Glaubwürdigkeit. Jetzt ist es natürlich viel einfacher als am Anfang, da uns keiner kannte. In Ländern, wo du noch nie warst, da musst du das natürlich alles erst neu aufbauen. 

Michaela Boland:

Wie verlief die Arbeit in China? Die Trash People standen ja auch an der Chinesischen Mauer? 

Elke Koska:

 Es hat zwei Jahre gedauert bis wir die Genehmigung erhalten haben. Ich habe dann auch extra Chinesisch gelernt, weil ich selbst kommunizieren wollte. Es war unheimlich schwierig, denn die Chinesen zu motivieren, eine Genehmigung zu geben, ist das Schwierigste auf der Welt, weil jeder Angst hat, eine Entscheidung zu treffen, denn er kann ins Gefängnis kommen oder getötet werden.

 Und ein Chinese ist nicht gewohnt, eine Entscheidung zu treffen, weil es ja immer weitergeschoben wird. Zwei Jahre lang erhielt ich E-Mail über E-Mail, in welchen immer neue Fragen von chinesischer Seite auftauchten, die aber völlig unwichtig für das Projekt waren.

 So zum Beispiel: Welche Farbe werden die Handschuhe haben, mit welchem Fuß, wird der Vorarbeiter zuerst auftreten, mit dem linken oder dem rechten? Tausende solcher Fragen, weil man das Gefühl hatte, dann kann nichts schief gehen, wir wissen alles. Nach zwei Jahren fielen ihnen dann keine Fragen mehr ein. Ich hatte sie alle beantwortet und zurückgeschickt. Dann kam die Genehmigung.  

Michaela Boland:

 Könntest du dir vorstellen, auch für andere Künstler zu arbeiten? 

Elke Koska:

 Nein, ich habe mich entschieden. Ich habe häufig derartige Anfragen, aber das mache ich nicht. Das ist eine Entscheidung und ich finde Schults Kunst auch richtig und gut und dazu stehe ich. Ich würde das ganze ja irgendwo abwerten, wenn ich zu jemand anderem ginge und das tue ich ihm auch nicht an.

Michaela Boland:

Was hat es mit deinem eigenen neuen Kunstprojekt auf sich? 

Elke Koska:

 Ich habe eigentlich genug Selbstbewusstsein, um das nicht zu tun, aber der Schult wollte es unbedingt, um mir eine Freude zu machen. Ich habe über 60 Mäntel hergestellt, ursprünglich nur für mich selbst, z.B. chinesische oder afrikanische Mäntel, die jetzt natürlich nicht, wie man es aus einer Boutique kennt, am Bügel aufgehangen werden, sondern in einem Rahmen, der das Thema aufgreift, inszeniert werden.

 Alle Mäntel wurden selbst genäht oder selbst beklebt und die werden in der Galerie ausgestellt, weil Schult meint, dass es sich um Alltagskunst handelt. Er sagt ja, dass ich mein Leben lang die Kunst in den Alltag hinausgetragen habe und darum zeigen wir das jetzt auch.

 Die Idee ist quasi, Kunst die an der Wand hängt, die du aber anziehen kannst und mit der du herumlaufen kannst. Am 03.11.2009 in der Galerie Reitz, St. Apern Str.42 – 46 in Köln findet sodann die Vernissage „Wall and Street clothes“ unter dem Motto „Kunst von der Wand auf die Straße“ ab 19.30 Uhr statt. Aus Alltagsgegenständen werden richtige Bilder gemacht.

Michaela Boland:

Welche weiteren Projekte stehen auf dem Programm? 

Elke Koska:

 Als nächstes sollen die Trash People in die Antarktis reisen, hierfür gibt es aber nur ein enges zeitliches Fenster, weil das Eis nur für wenige Wochen passierbar ist. Das heißt derzeit arbeiten wir fieberhaft daran, einen guten Plan für die Anreise der Müllmenschen zu entwerfen. 

Michaela Boland:

Was liest Du?

 

Elke Koska:

 Ich habe früher unheimlich viel gelesen. Als Kind, weil ich ein Außenseiter war und nicht draußen spielte, später mit Schult viele Kunstbücher, dann habe ich ja immer viel gelernt oder über die entsprechenden Länder gelesen und jetzt habe ich beschlossen, nicht zu lesen. Insbesondere keine Tageszeitung, weil ich mir den Kopf nicht mit unnötigem Ballast verstopfen möchte. Ich lasse nur Dinge, die für mich wichtig sind, in meinen Kopf hinein. 

Michaela Boland:

Schaust du auch kein Fernsehen? 

Elke Koska:

 Doch, wenn ich viel gearbeitet habe, entspanne ich auch, aber dann habe ich so meine Prioritäten. Ich liebe auch wie alle Menschen Klatsch und Tratsch. Wir wissen ja auch, dass eine Gesellschaft nur damit funktioniert. Ich war z.B. ein Fan von Sex & The City, ich sehe jetzt auch Desperate Housewives und anschließend Lipstickjungle.

 Was mich krank macht, ist Dummheit, also schlechte Dialoge oder diese asozialen Castingshows oder asoziale Dokus, in denen furchtbar asoziale grauenvolle Menschen ihr nicht funktionierendes Familienleben zeigen. Das kann ich nicht sehen, das muss nicht sein. 

Michaela Boland:

 Wie sieht es mit Soaps aus? 

Elke Koska:

 Nein, noch nie. Ich habe noch nie eine Soap opera gesehen. 

Michaela Boland:

 Doch dabei hattest du bereits einen Soapstar hier bei dir zu Hause zum Essen zu Gast als du im vergangenen Jahr am perfekten Promidinner teilgenommen und die „lächerliche“ Kochkonkurrenz abgezogen und gewonnen hast. (Anm.d. Red.: Koska kochte in der Vox-Produktion “Das perfekte Promidinner” vom 09.11.2008 im Wettstreit um 5000,- Euro für einen guten Zweck gegen Moderator Ralf Kühler, Rennradsportler Marcel Wüst und Soapdarsteller Kai Noll).

Elke Koska:

 Ja und ich kannte ihn nicht. Das zeigt mal wieder, wie relativ Prominenz ist. Wenn ich mit dem über die Straße gehen würde, da der 1895-mal in irgendeiner Soap, die ich bis heute nicht kenne, gespielt hat, würden ihn alle kennen. Ich habe diese Soap nie gesehen, ich habe ihn auch hinterher nie gesehen.

 Also ich kannte ihn nicht. Und das ist ja auch die Geschichte. Wenn du dich darüber definierst, ob du schön bist oder jung bist oder berühmt oder reich bist, wird es immer jemanden geben, der schöner, reicher, berühmter oder jünger ist als du. Das ist ja völliger Unsinn. Man hat seine Persönlichkeit und das ist es. 

Michaela Boland:

Bitte beschreibe dich selbst ohne die Begriffe Muse, HA Schult, Künstler, Organisatorin, Managerin und Ex-Ehefrau.  

Elke Koska:

Ich bin ein glücklicher Mensch, der ein individuelles Leben lebt.  

Michaela Boland:

Liebe Elke Koska, vielen Dank für dieses Interview und alles Gute für die erste eigene Ausstellung.  

 

Elke Koska wurde als Muse an der Seite des am 24. Juni 1939 in Parchim geborenen deutschen Künstlers Hans-Jürgen Schult (HA Schult) bekannt. Ihr Alter hält die aus Dortmund stammende, für ihre Extravaganz bekannte Kunstmanagerin seit Jahren konsequent geheim. Anfang der 70er Jahre lernte die ehemalige Schauspielschülerin den damals noch wenig bekannten Schult als 16-jährige kennen und lieben.

 Insgesamt 25 Jahre waren Koska und Schult dann auch ein Ehepaar. Nach Scheitern der Ehe heiratete Elke Koska noch zweimal jeweils afrikanische Staatsbürger. Koska hat einen Bruder. Bis heute managt und betreut sie H.A. Schult weiterhin bei all seinen Kunstprojekten. In 2009 stellt Koska erstmalig eigene Kunst aus.  

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Für den Westdeutschen Rundfunk stand sie nach dem Jura-Studium seit 1996 als jüngste deutsche Fernsehmoderatorin eines Unterhaltungsformates für die sonntagnachmittägliche Sommer-Familientalkshow „Hollymünd“ vor der Kamera.

In der ARD präsentierte sie, neben ihrer Tätigkeit als Redakteurin der creatv-Fernsehproduktions GmbH für die Daily-Talk-Formate „HANS MEISER“ und „OLIVER GEISSEN“, auch die interaktive Vorabend-Liveshow „ARD-Studio Eins“ als Moderatorin. Als „Guten-Abend-RTL“-Redakteurin und Reporterin berichtete Michaela über spannende Themen aus ganz NRW.

 Für den Mobilfunk-Softwareanbieter Bob-Mobile betreute Michaela Boland beim Sender Viva plus das tägliche Call-TV-Format „Call 4 Cash“ als Redakteurin und Producerin. Auf 3-Sat fungierte sie außerdem als Gastgeberin der jährlich ausgestrahlten Kulturtalkshow „Doppelkopf“. Für TV NRW moderierte Boland darüber hinaus jeden Freitagabend zur Primetime die erste Casino-Show im Deutschen Fernsehen, „Casinolife“. Zusätzlich arbeitet Boland auch als Synchronsprecherin.

 

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04.04.2013 weltklasse jazz

GFDK - ACT Music

Sängerinnen, die es vermögen, ein ganzes Genre wachzurütteln, sind selten. Diana Krall und Norah Jones waren solche Ausnahmeerscheinungen und haben dem Jazzgesang einen neuen Stempel aufgedrückt. Auch die Koreanerin Youn Sun Nah ist solch ein Phänomen. In den letzten Jahren und vor allem mit den beiden ACT-Alben „Voyage“ (2009) und „Same Girl“ (2010) hat sie die Musikwelt im Sturm erobert.

„Ein Wunder“, „Ganz große Kunst“, „Bezaubernd“ oder „Weltklasse-Gesang“ befand auch die hiesige Presse, binnen zweier Jahre bekam Nah ihren mittlerweile vierten „Korean Music Award“, den Publikumspreis des BMW Welt Jazz Awards und den ECHO als Jazz-Sängerin des Jahres international. In Frankreich, ihrer zweiten Heimat, war „Same Girl“ das meistverkaufte Jazzalbum des Jahres 2011, Nah erhielt unter anderem den „Prix Mimi Perrin du Jazz Vocal“ als Sängerin des Jahres, vom führenden Magazin Jazzman gar den „Choc de l'annee 2012“ als Künstlerin des Jahres, und vom Kulturminister die Adelung zum „Chevalier de l‘Ordre des Arts et des Lettres“, womit sich Nah in illustrer Gesellschaft unter anderem von David Bowie, Dee Dee Bridgewater oder Dustin Hoffman befindet.

Was aber ist das Geheimnis dieses beispiellosen Erfolgs? Das neue Album „Lento“ gibt Antwort, bündelt es doch, wie unter einem Brennglas, Youn Sun Nahs einzigartige Stärken. Da ist zuallererst der selbstverständliche Zugriff auf von den unterschiedlichsten kulturellen wie musikalischen Quellen gespeistes Material. Außer beim Jazz oder bei Jazz affinem bedient sich Nah respektvoll, aber sehr freimütig bei Chanson, Pop oder Folk – so auch wieder auf „Lento“: Neben Eigenkompositionen der Sängerin und ihrer Bandmitglieder findet sich eine hauchzarte Version des koreanischen Volksliedes „Arirang“, ebenso wie „Hurt“ von den Dark-Rockern Nine Inch Nails und Stan Jones' „Ghost Riders In The Sky“, ein vor allem von Johnny Cash berühmt gemachter County-Klassiker.

Erstmals verarbeitet Nah auch ein Werk der europäischen Klassik: Alexander Skrjabins Prelude op. 16 Nummer 4 in e-Moll, dessen Tempobezeichnung „Lento“ nicht ohne Grund den Albumtitel inspirierte. Sie gibt den Tenor vor für einen intimen, stimmungsreichen, in sich ruhenden musikalischen Kosmos. Es sind die ruhigen und langsamen Momente, aus denen Youn Sun Nah ihre ganze Ausdruckskraft entwickelt, ob sie Stücke wie „Full Circle“ als hauchzarte Chansons anstimmt, zu sich bis zum Herzzerreißen steigernden Klagen auftürmt wie bei „Lament“ oder artistische Unisono-Vokalesen abfeuert wie bei „Momento Magico“.

Deutlicher denn je wird auf „Lento“, wie Youn Sun Nahs Gesangsstil das Material wie ein Katalysator harmonisiert. Es ist ihre Präzision bei Intonation und Phrasierung, ihr unvergleichliches Timing und ihr kristalliner Glanz, durch welche aus minimalistischen Formen höchste Eleganz, mystischer Zauber und tiefes Gefühl entspringen. Das verlangt höchst filigrane und aufmerksame Begleiter, und so war das Erfolgsteam von „Same Girl“ auch für „Lento“ erste Wahl: Nahs langjähriger Duett-Partner Ulf Wakenius an der Gitarre, der Bass-Streichler Lars Danielsson und der feinsinnige Perkussionist Xavier Desandre-Navarre. Eine neue Stimme kommt freilich hinzu: Der französische Akkordeon-Zauberer Vincent Peirani. Zwei Titel auf „Lento“ stammen aus seiner Feder, und auch sonst scheinen seine Variationen und Einfälle genau wie bei Youn Sun Nah einer inneren Stimme zu entströmen, weshalb die beiden perfekt harmonieren.

Mit ihrer individuell artikulierten Universalität ringt Youn Sun Nah dem traditionellen Jazzgesang eine neue Note ab. Originell und eigenwillig, dabei scheinbar ganz unangestrengt, eröffnet sie dem Hörer höchst reizvolle Räume. Und ist damit die aktuell vielleicht überzeugendste Repräsentantin eines Jazz, der, stilistisch aufgefächert, das ganze Spektrum professioneller Kunstmusik einverleibt.

 

Bilder Youn Sun Nah © Sung Yull Nah

ACT Music & Vision GmbH & Co.KG
E-Mail: info@actmusic.com

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02.04.2013 "Lolita, die sich im Ghetto verlaufen hat"

GFDK - Universal Music - 8 Bilder

Lana Del Rey die Entdeckung des Jahres. Die Künstlerin aus New York bestimmt seit Anfang 2012 die internationalen Charts mit ihrem zweiten Album "Born To Die". In elf Ländern erreichte es Platz 1, allein in Deutschland erhielt es Gold sowie Doppel-Platin. Zahllose Preise untermauern zudem die Ausnahmequalität der Poetin, Songwriterin und Sängerin.

Manchmal entwickeln sich Stars. Manchmal werden uns Stars einfach aufgedrängt. Und dann gibt es zuweilen Stars, die einfach in die Atmosphäre eintauchen, als ob sie von einer jenseitigen Kraft angetrieben werden.

In diese letzte Kategorie fällt Lana Del Rey mit ihrer erstaunlichen Ausstrahlung, ihrer beeindruckenden Stimme, dem souveränen Look und ihrem einzigartigen Gefühl.

Musikalischer Starruhm ist nicht nur eine mögliche Option für Miss Del Rey. Es ist ihre Berufung. Sie nennt sich selbst die "Gangsta-Nancy-Sinatra" und beschreibt ihr Genre als "Hollywood Pop/Sadcore", eine dramatische neue Schwingung der Popmusik.

Ihren Look beschreibt sie als "Lolita, die sich im Ghetto verlaufen hat". Man sollte sich an all das gewöhnen. Denn es ist mehr als nur ein prägnantes Zitat – dies ist Lanas Realität.

Lana Del Rey wuchs als Lizzy Grant in Lake Placid auf, an den äußeren Randgebieten des Staates New York. Dort hat sie einen Teil ihres unverwechselbaren musikalischen Stils entwickelt.

"Man bekommt dort so ein monumentales, nostalgisches Gefühl“, beschreibt sie ihre Heimat. „Es liegt inmitten eines Nationalparks, sechs Stunden von New York City entfernt. Aber das Leben ist auch sehr anstrengend dort, weil der Ort auf einem Tourismus aufgebaut wurde, den es heute nicht mehr gibt."

Dass Lizzy mit 15 auf ein Internat in Connecticut abgeschoben wurde, machte die Sache kaum besser. Heute beschreibt sie diese Erfahrung als "nach außen hin ganz schön, doch innen drin auch ganz schön fertig".

Ihr Kopf nickt, wenn man sie mit dem Klischee konfrontiert, dass in solchen Internaten oft eine Art von reglementiertem Wahnsinn herrsche. "Darum gibt es ja auch so viele Filme über diese Einrichtungen, weil die ganzen Vorurteile über Internatsschulen wahr sind."

Mit 18 erfüllte sie sich schließlich den lebenslangen Traum und brach nach New York City auf. "Schon als ich noch ganz klein war, wusste ich, dass ich eines Tages dort landen würde", erinnert sie sich. "Dort ist einfach jeder Tag ein Vergnügen. Jeder einzelne Tag, den ich aus der Tür heraus gehe, ist ein guter Tag. Ich mag einfach alles dort. New York belohnt mich großzügig für meine Liebe zu dieser Stadt."

Der Prozess ihrer verblüffenden Neuerfindung, die Erfüllung ihrer natürlichen Neigung zum Starsein, begann gleich am ersten Tag. "Es ist schön, in der Lage zu sein, sich das Leben zu gestalten, das man sich erträumt hat. All die Dinge, mit denen man beginnt, sind einem ja von jemand anderem vorgegeben.

Da muss man so mutig sein und einen Neuanfang versuchen. Auch wenn der Gedanke erst ein wenig beängstigend sein mag. Schließlich trauen sich nicht viele Leute zu sagen: „Ich werde noch mal ganz von vorne beginnen und diesmal alles so machen, wie ich es will." Lizzy Grant hat es getan, angefangen mit der Verschrottung ihres Geburtsnamens. Lana Del Rey war geboren.

Ihre erste musikalische Visitenkarte gab Lana bei einer "Open Mic Night" ab, im New Yorker Hipster-Vorort Williamsburg. Sie war 19 und eingeschüchtert. „Die erste "Open Mic" war ein Schock für mich. Es war in der Lilo Lounge, ich trug Jeans und ein gelbes Shirt. Niemand spielte zu der Zeit noch in New York.

Ich hatte nur eine Akustikgitarre. Jeder hielt den Atem an, es war verdammt peinlich. Es war eine Rock-Bar, und ich gehörte da nicht hin. Ich sang eine Ballade, etwas in der Art von "Video Games", für das ich die drei Akkorde schon geschrieben hatte. Im ganzen Raum verstummten plötzlich die Streitereien, es wurde schlagartig still.

Die Leute haben danach auch nicht geklatscht. Es blieb einfach ruhig. Ich sagte "danke", ließ meine Jacke am Barhocker hängen und rannte einfach aus dem Laden. Das hatte eine interessante Dynamik. Ich dachte, wenn ich die Leute von etwas abhalten kann, dann könnte das reichen.“

Ohne Zweifel, hier passierte etwas Besonderes. Die ineinander greifenden Klangschichten ihrer hypnotisierenden, gedämpften Stimme weckten bei den Leuten sofort starkes Interesse.

"Jemand kam mir nachgelaufen und sagte: "Du solltest zu einer Session kommen, die ich nächste Woche veranstalte, und ein paar Songs dort spielen." Ich hatte ganz schön Angst, wenn sie mich in dieser Nacht ausgelacht hätten, wäre ich nie wieder auf die Bühne gegangen. Niemals."

Ihre direkten Einflüsse sind sowohl musikalischer als auch visueller Natur: David Lynch, Soundtracks zu Schwarzweiß-Filmen aus den 50ern, der schwirrende Sound des Riesenrads auf Coney Island, Ruhm an sich. Sie lebte in einem Trailer-Park bei New Jersey und schmückte ihre Heimstatt mit Fahnen, Wimpeln und saisonal unpassenden Weihnachtslampen. "All die Dinge, die ich liebe", wie sie anmerkt. Dies war nun Lanas Welt, und in der musste es funkeln.

Zunächst ging es für sie im Musikgeschäft auf und ab, wobei sie an den anspruchsvollen Träumen von den Möglichkeiten für Lana Del Rey stets fest hielt. Hier hatte sich schließlich eine atemberaubende Musiklandschaft entwickelt. Zerbrechlich, emotional und sich schier überschlagend mit filmischen Referenzpunkten, erstrahlte ihr Songwriting in Technicolour.

Der etwas verdorbene Glamour von "Video Games", mit den Anleihen bei der Schwatzhaftigkeit des HipHop und dem schwarz angehauchten Melodiegefühl des Torch Songs, wurde zum Ausgangspunkt für sie.

„Ich hatte einen Sound gefunden, der mich begeistert und zugleich intrigiert hat. Schockierend genug, dass ‘Video Games’ solch ein Schlüsselmoment für mich war. Ich war auf der Jagd nach Hits, schnellen Songs, bei denen ich mich dann fragen würde, wie ich dazu im Rampenlicht an der Stange tanzen soll.

Ich habe ‘Video Games’ allein für mich gemacht. Es war langsam, es war eine Ballade, die keinen richtigen Refrain hat. Ich habe den Song bei "Youtube" eingestellt und es hat funktioniert. Jeden Tag gab es wieder tausend neue Views, und ich fragte mich, wo all diese Leute her kamen.

Ich hatte keine Ahnung, wo sie davon gehört hatten, aber sie sprachen mich alle auf diesen Song an. Das hatte ich nicht erwartet. Doch was für eine Erleichterung. Wenn ich eine Chance bekommen sollte, genauso meine Hollywood-Glam-Balladen zu singen wie die Upbeat-Gangsta-Versionen dieser Songs, dann wäre das großartig. Hauptsache nicht so singen zu müssen, wie es so viele andere tun.“

Dies war eindeutig die Musik von jemandem, der sich in der Liebe hingegeben hatte und verletzt worden war, der den erlesenen, betörenden Schmerz eines gebrochenen Herzens verstand.

„Kampf hat etwas sehr Schönes an sich. Jeder Kampf. Und ich spüre den Schmerz des Lebens.“ Umso besser, dass sie dieses Gefühl mit einem Publikum teilt. „Ich erzähle in meinen Songs von epischen, in Stücke zerlegten und in die Länge gezogenen Love-Stories. Das ist es, wo ich hin will.

Ich möchte mit meiner Musik Leben zerstören und den Zauber der Gefahr verstehen. Gäbe es ohne Scarface auch nur halb so viele Gangster, wie da draußen rumlaufen? Odd Future, Lil Wayne, Simon Cowell. Man kann von den Geschichten dieser Leute einfach nicht lassen, wie sehr sie auch von der Macht verdorben sein mögen.

Es gibt da ein ganzes neues Genre, dem niemand Beachtung schenkt. Der American Dream und der American Psycho fangen an, die gleiche Sache zu repräsentieren. Das Kino und die Musik und das Leben beginnen ineinander zu fließen. Tod ist Kunst. Die Popmusik hat sich totgelaufen. Der einst blühende Traum ist tot.“

Starke Worte. Aber mit 24 Jahren hat sich Lana ihrer Angst gestellt und bemerkenswerte Erfahrungen gemacht, auf denen ihr magisches musikalisches Storytelling baut. „Ich verliebe mich nicht so leicht, denn ich bin sehr wählerisch. Doch gleichzeitig kann ich mich auch total töricht verlieben. Liebe als intensiver Zusammenprall.

Alles, was ich wissen muss, finde ich innerhalb von einer Minute heraus. Das heißt keineswegs, dass es gut ausgehen wird, aber zumindest sehe ich es sofort. Ich möchte jemanden finden, der starke Anziehung auf mich ausübt, mich aber nicht verletzen wird. Das ist hart.“

All diese Vertraulichkeiten fließen auf dem Debütalbum von Lana Del Rey zusammen, dessen Veröffentlichung vorläufig für Anfang 2012 angesetzt ist. Dort wird die opulente Orchestrierung von „Video Games“ von einem wahren Füllhorn an Musik komplementiert, die sie mit viel Liebe im Studio erschaffen hat, seit sie sich erstmals ihrer Angst gestellt hat.

Das geht vom hinreißenden Timbre von „Hey Lolita Hey“ bis zum von HipHop beeinflussten „National Anthem“. Lana Del Reys Musik klingt so einmalig, als wäre sie für sie maßgeschneidert worden.

Sie plant, mit den Schwergewichten des HipHop zu arbeiten, mit den Fußsoldaten an der Basis von aufregender Popmusik. „Ich weiß, dass es viel Arbeit erfordern wird, um dorthin zu kommen.

Aber das ist okay, solange du Leute um dich herum hast, die an dich glauben. Die Platte wird umwerfend. Soviel wissen wir schon sicher. Aber ob es funktionieren wird oder nicht, diesen Teil können wir leider nicht vorhersehen.“

Und was ist mit der unausweichlichen Publicity, die ihren Weg begleiten wird? Davor hat Lana Del Rey keine Angst. „Ich kenne eine Menge unterschiedlicher Leute. Im Dunkeln der Nacht, wenn sie betrunken sind, wollen sie doch alle das Gleiche.

Alle wollen sie berühmt sein. Das Bedürfnis, dass andere Leute von deinem Leben Notiz nehmen, ist nur natürlich und menschlich. Es ist für Menschen wichtig, beobachtet zu werden. Sie wollen nicht allein sein. Ich will nicht allein sein.“

Am Samstag, den 6. April 2013, gastiert die Stil-Ikone in der Hamburger o2 World

Universal Music Deutschland
Stralauer Allee 1
10245 Berlin


Tanja.Spranger@remove-this.umusic.com

Presse: Katja.Behrens@umusic.com

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14.03.2013 leute dreht die bässe auf! Redaktions-Tipp!

GFDK - Beats International - 3 Bilder

Nach Adele und den ganzen Brit-Röhren endlich mal wieder ein wahres Highlight der Newcomer-Szene. Leute dreht die Bässe auf! Die Stimme sprengt alles. Ein absoluter Redaktions-Tipp!

Bei ihr ist nichts gekünstelt, konstruiert oder aufgesetzt. Im Gegenteil: Ihre massive Soul-Stimme, ihr Sound, ihre ganze Präsenz – das alles ist einfach nur natürlich und echt. Und gerade deshalb immer wieder umwerfend: Ganz gleich, ob sie mit ihrer 16-köpfigen Band (!) eine Masse von 4000 Fans selbst im heftigsten Regen zum Bleiben und schließlich sogar zum Tanzen bewegt (so geschehen beim Montreal Jazz Festival) oder im sehr viel kleineren Club-Rahmen mit „nur sechs Mann“ Begleitung auftritt.

Sobald sie ihre gewaltige Soul-Voice auspackt, zieht diese junge Britin das Publikum in ihren Bann. Und wer dermaßen lässig-unbeeindruckt die Bühne nach einer nüchternen Amy Winehouse betritt oder eine Legende wie Roy Ayers bei „Everybody Loves The Sunshine“ dermaßen (stil-)sicher unterstützt, darf sich auch nicht wundern, wenn die Medien nur Lob für sie übrig haben und sich unter die Fans längst auch diverse andere Musikgrößen mischen – so zum Beispiel Gilles Peterson, David Byrne, Dennis Coffey, Daddy G von Massive Attack oder die Jungs von Groove Armada.

Auch haben in den letzten Jahren diverse Produzenten bei ihr angeklopft und sie als Albumgast ins Boot geholt: Mr Scruff zum Beispiel, Quantic und Nostalgia 77, wobei sie mit letzterem zusammen sogar jene Coverversion von „Seven Nation Army“ aufnahm, die noch Jahre später die Tanzflächen in Brand setzen sollte. Nach der Veröffentlichung von „Under The Munka Moon“, so der Titel ihres Debüts, arbeitete Alice Russell jedoch größtenteils mit TM Juke zusammen, ihrem Stamm-Producer und Band-Leader. Angefangen mit dem gemeinsamen Debüt der beiden, „My Favourite Letters“, bis hin zum „Pot Of Gold“-Album, hat dieses Dream-Team ein paar der größten Soul-Tracks seit den Heydays einer Aretha Franklin aufgenommen.

„Wir beide sind halt extrem offen, was den Songwriting-Prozess angeht“, berichtet Alice über die Zusammenarbeit mit TM Juke. „Das mag auch daran liegen, dass wir beide auf so unglaublich viele Genres und Musikstile stehen – also Puristen sind wir definitiv nicht. Wenn man einen Blick auf unsere Einflüsse wirft, findet man da alles von Sarah Vaughan bis Bach, von Kate Bush bis Arvo Pärt – oder auch von J Dilla bis Alice Coltrane. Mal feiern wir richtig dreckigen Dubstep ab, und im nächsten Moment ist es schon wieder richtig krasser Soul von der alten Schule. Wir geben uns da immer gegenseitig einen Stups in die richtige Richtung.“

So wichtig ihr die Studioarbeit und das Schreiben neuer Songs auch ist: Mitzuerleben, wie Alice Russell einen Club oder eine Konzerthalle verwandelt und ein Publikum in ihren Bann zieht, ist kaum in Worte zu fassen. Und ob das nun mit gewaltiger Band und viel Bläser-Nachdruck im Rücken oder im ganz kleinen Rahmen geschieht, tut dabei wie gesagt nichts zur Sache: „Ja, auf der Bühne ist das alles einfach viel direkter“, sagt sie auch selbst. „Ich stehe generell auf Dinge, die noch wandelbar sind – auf Freiräume! Im Studio hingegen kann sich das schon mal so anfühlen, als ob einer ein Foto von dir machen will. Das eigentliche Schreiben im Studio meine ich gar nicht, das ist der Hammer, aber dann den perfekten Take aufzunehmen, das ist gar nicht so leicht, wobei es auch echt aufregend sein kann. Nur live gibt’s diesen zweiten Versuch nun mal nicht, da muss man einfach automatisch alles geben.“

Ihre Liebe zur Bühne hat ihr schon diverse grandiose Momente und etliche Anekdoten beschert – so zum Beispiel das eine Mal in Japan, wo sie ihren Aufenthalt ursprünglich nur verlängert hatte, um das Dorf zu besuchen, aus dem ihr Tourpromoter stammte – allerdings wurde ihr dort ein interessantes Angebot gemacht: Fast schon wie im Film, konnte sie so lange wie sie wollte über ihr Hotelzimmer verfügen, wenn sie im Gegenzug ein improvisiertes Konzert im Dorf geben würde. „Und natürlich haben wir sofort zugesagt“, strahlt Alice noch heute. „Sämtliche Omas und Babys wurden angekarrt, und wir haben dann über so eine improvisierte Anlage, irgendwelche Boxen und Verstärker gespielt. Ganz klar einer der wunderschönsten Gigs, den ich je gespielt habe.“

Zu weiteren Bühnen-Highlights zählt z.B. auch ihr Auftritt mit The Roots in deren Heimatstadt Philadelphia, während eine noch größere Legende sie zwar nicht auf die Bühne, aber erst kürzlich ins Studio bat: David Byrne, der sie für sein aktuelles Album als Vokalgast engagierte.

„Überhaupt ist das Singen für mich der beste Weg, um meine Gefühle rauszulassen“, berichtet Alice weiterhin. „Manchmal fühle ich mich dann richtig high, gerade wenn ich in höheren Tonlagen singe. Mir tut es einfach gut: Wenn man das Gefühl hat, dass nichts so richtig klappt, geht’s einem gleich viel besser, wenn man die richtige Melodie auf den Lippen hat. Ich hab selbst Panikanfälle schon erfolgreich damit beenden können: Einfach ‘Songs In The Key Of Life’ von Stevie Wonder mitsingen – das ganze Album. Sollten vielleicht auch mal die Ärzte in ihren Maßnahmenkatalog aufnehmen: Gesang auf Rezept.“

Das 2012 gemeinsam mit Quantic veröffentlichte „Look Around The Corner“-Album wurde rund um den Globus abgefeiert: Soul und Blues kombinierten die beiden hier auch mit Folk- und Gospel-Elementen, wobei Quantics Combo Bárbaro für sämtliche Instrumente verantwortlich war. Über den Tracks, die sie in Quantics Sonido del Valle-Studio in dessen Wahlheimat Cali (nicht Kalifornien, sondern die Stadt in Kolumbien) aufnahmen, bewies Alice wieder einmal, wie vielseitig und scheuklappenfrei sie als Sängerin und Songschreiberin ist. Auch die ausverkaufte Tour zu dieser Albumveröffentlichung entpuppte sich Abend für Abend als ein einziges großes Fest.

Womit wir also beim neusten Kapitel in der Karriere von Alice Russell angekommen wären: Gemeinsam mit ihrem Producer-Buddy TM Juke aufgenommen, präsentiert sie das neue Album „To Dust“, das am 15.02.2013 erschienen ist. Schon mit ihrer ersten Singleauskopplung „Heartbreaker“ unterstreicht sie, dass sie heute mehr Soul denn je hat: „Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung“, so ihr Kommentar, „von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“ Im Videoclip zu „Heartbreaker“ spielt übrigens Hollywood-Schauspieler Harry Shearer mit, der neben etlichen anderen Rollen auch als eine der wichtigsten Stimmen von The Simpsons bekannt ist.

Im Folgenden berichtet Alice Russell über die Entstehung von „To Dust“ und geht dabei auch detailliert auf eine Auswahl der neuen Tracks ein...

Entstanden ist „To Dust“, indem ich mich einfach mit Alex getroffen und wir beide Ideen ausgetauscht haben. Wir haben sehr viel mit der Live-Band ausprobiert, und viele der neuen Songs haben wir etliche Male umgeschrieben und verändert, bis dabei schließlich diejenige Version herauskam, die sich für uns richtig anfühlte. Was meine Kommentare zu den einzelnen Songs angeht, ist es letzten Endes doch so: In unseren Köpfen wissen wir ganz genau, was diese Stücke bedeuten, doch sobald ein Song veröffentlicht wird, sind die Zuhörer an der Reihe – sie sollen das darin finden und sehen, was sie nun mal für sich darin entdecken und dem jeweiligen Stück abgewinnen können. Manchmal ist das dann hinterher etwas vollkommen anderes als das, was ich im Kopf hatte, als der Song entstanden ist – aber auch das ist vollkommen okay.

Es geht doch immer darum, eine Idee zu kommunizieren; ein Gefühl oder irgendeine Gemütsregung, und wenn auch nur ein klitzekleiner Teil davon bei den Zuhörern ankommt, dann genügt das vollkommen. In einem Wort: Vielleicht sollte man die folgenden Zeilen gar nicht lesen, sondern einfach nur genau hinhören und darauf achten, was die Songs mit einem anstellen. Aber fangen wir mal an...

„HEARTBREAKER“

„Heartbreaker“ basiert auf einem Gitarrenriff, das sich Al ausgedacht hat. Ich bin sofort drauf abgegangen. Ausgangspunkt war danach der Refrain: „Heartbreaker, I cannot breathe, it’s so over, self-signed decree“. Ich hab diverse Harmonien dazu ausprobiert, und der Rest ergab sich dann wie von selbst... „there’s a river in my mind, and it won’t stop running just for you, there’s a thousand forest fires between us, and I can’t get through.“ Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung, von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“

„FOR A WHILE“

Das war eines der ersten neuen Stücke, die wir für dieses Album geschrieben haben. Der Beat ist ganz schön heftig verschroben, und im Text geht’s darum, sich einfach mal in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen: „If you were me just for a time, maybe you’d think about it more and realise“ – ich wollte dafür ganz viele Harmonien übereinander schichten, denn ich liebe Harmonien einfach! Schließlich hat Alex mir auch das Abmischen überlassen bei diesem Track, denn bei so vielen Harmonien kann einem als Mann schon mal schwindelig werden.“

„HARD AND STONG“

Der Arbeitstitel dieses Tracks lautete ursprünglich „Petrol Station“. Hat ganz schön lange gedauert, bis wir zum Kern dieser Idee vorgedrungen waren; wir nahmen immer noch eine weitere Version auf, dabei hatte alles ganz spontan angefangen: Alex gab mir einen Loop und ich nahm dazu mit meinem iPhone mal eben die erste Strophe und somit auch die Melodie auf. Das Stück handelt davon, wie eine Idee plötzlich in den Köpfen der Menschen ankommen kann; von der Kraft, die frei wird, wenn wir zusammenkommen und gemeinsam versuchen, etwas zu verändern. Wenn also plötzlich alles klar ist, die Leute aufstehen, um ihre Meinung zu sagen, und man auch kein Geld mehr braucht, um eine Meinung zu verbreiten, weil der Ball so oder so schon längst ins Rollen gekommen ist und langsam unaufhaltbar wird. Es geht darum, sich selbst wieder zu ermächtigen – in einer Welt mit Kanälen wie Twitter und Wikileaks, in der die Leute zum ersten Mal auch selbst Gehör bekommen können, ohne den Umweg über die Medien gehen zu müssen. Ich habe das Gefühl, dass sich die großen Jungs immer schwerer damit tun, ihr Versteckspiel erfolgreich am Laufen zu halten. Darum auch: „you can’t stop the lights from turning on, dull these words but back they come hard and strong.“

„TWIN PEAKS“

Wir haben einen einwöchigen Abstecher nach Frankreich gemacht, und „Twin Peaks“ ist der einzige Song, der aus dieser Zeit auf dem Album gelandet ist. Wir hatten einfach all unser Aufnahme-Equipment in den Wagen gepackt und waren zur Familie von Jack Baker aufs Land gefahren in Frankreich; dort angekommen bauten wir also alles auf, und genau genommen entstanden diverse Songs während dieser Sessions – und vielleicht wird davon auch später noch mal was erscheinen – aber was dieses Album angeht, fühlte es sich richtig an, genau diesen Song dafür auszuwählen. Die Woche selbst war grandios: Vollkommen abgeschnitten von der Welt, konnten wir uns voll und ganz auf die Musik konzentrieren und schauen, was dabei herauskommt. Komplett im Kasten war „Twin Peaks“ natürlich noch nicht, als wir zurückkamen, aber ich habe dann zu Hause noch den Text und die Melodie überarbeitet und dann hat’s gepasst. Was die Harmonien angeht, hatte ich wohl Prince im Hinterkopf. Hört man auch deutlich raus, den „Purple“-Einschlag...

BREAKDOWN

Dieser Song entstand ehrlich gesagt, als es mir gerade nicht besonders gut ging. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, ist schließlich keine Therapiesession hier, aber ich war auf jeden Fall ziemlich traurig: Ein paar Freunde hatten sich entschlossen, zum nächsten Ort weiterzuziehen – wo oder was auch immer dieser Ort sein mag – und dazu kam, dass ich echt wütend war auf einen Menschen, der mich mies behandelt hatte, wie ich fand. Problem war nur, dass ich meine Gedanken dazu irgendwie nicht ordnen konnte. Und genau aus dieser Stimmung heraus entstand nun also dieser Song, der teilweise wie ein Mantra funktioniert, dessen wichtigste Worte wohl das „Let go“ sind. Loslassen! Abschließen mit dem Thema! Irgendwann wird wohl jedem klar, dass die Sachen von uns Besitz ergreifen, an denen wir zu verkrampft festhalten, die wir nicht loslassen können oder wollen. Und damit sie uns nicht ganz auffressen oder zum Durchdrehen bringen, muss man sich auch mal wieder locker machen. Let go!

„TO DUST“

Der Song soll unter anderem eine Ode ans Finanzamt sein – und überhaupt an alles, was vollkommen überflüssig zu sein scheint, aber doch einen Großteil unserer wertvollen Zeit in Anspruch nimmt: Der ganze Papierkram halt. „To Dust“ entstand, als ich gerade eine Reihe von unschönen Briefen erhalten hatte, woraufhin ich sogar eine Abneigung gegen meinen Briefträger entwickelte – wobei der bestimmt ein ganz akzeptabler Kerl ist! Mir war das einfach zu viel, und so entstand also „To Dust“, was leider auch bedeutet, dass ich nun jedes Mal an diese Zeit erinnert werde, wenn ich das Stück live singe. Trotzdem kann sich bestimmt jeder damit identifizieren!

„CITIZENS“

Das ist noch so ein Stück, das schon vor einer ganzen Weile entstanden ist. Wir haben „Citizens“ dann immer wieder anders gespielt, bis eines Nachts diese Version dabei im Studio entstand: Es war drei Uhr in der Früh, wir hatten schon den ganzen Tag lang an den anderen Songs gearbeitet, und eigentlich brauchten wir nur etwas, um nach so einem verrückten Tag hinterm Mischpult mal wieder ein wenig herunterzukommen. Man hört wohl auch das Rauchige in meiner Stimme raus - aber es ist ja auch ein Ruf zu den Waffen... „stop and think a little about what you’ve got/citizens of planet earth don’t get caught in the catch/just take a little time to contemplate/are you still moving on everytime you fall...“

„I LOVED YOU“

Den hier hat Alex geschrieben. Er sah darin ursprünglich einen Disco-Track, und so präsentierte er mir „I Loved You“ auch zunächst, nur konnte ich damit nichts anfangen und schlug daher vor, einfach mal das Tempo zu drosseln, das alles etwas zu reduzieren – und diese Version fühlt sich nun genau richtig an. Inhaltlich geht’s dabei um einen verflossene Liebe, die man sich zwar zurückwünscht, aber andererseits auch genau weiß, dass es nichts bringt, dass es vorbei ist; es geht also schon um Trauer und um Herzschmerz.

 

Am 24. Mai 2013 spielt Alice im Postbahnhof Berlin

 

Beats International
Peter & Stephan GbR
email: sven@remove-this.beatsinternational.com oder birgit@remove-this.beatsinternational.com

 

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23.02.2013 Lindseystomp

GFDK - Kai Manke - 3 Bilder

Die junge und erfolgreiche Amerikanerin Lindsey Stirling bricht mit vielen Konventionen und vereint damit die unterschiedlichsten Musikgenres - Ihr Debütalbum erschien am 08.02.2013 bei Universal Music.

Hinter der Violinistin und Choreographin Lindsey Stirling verbirgt sich eine außergewöhnliche Künstlerin. Mit ihrer atemberaubend individuellen Mischung aus klassischen Kompositionen, modernen DubStep-Rhythmen und progressiven Tanzeinlagen hat die 26-Jährige nicht nur ein eigenes Genre erschaffen. Sie verbindet zudem auf vollkommen neue Weise die Tiefe von E-Musik und künstlerischer Tanz-Performance mit der Leichtigkeit moderner Pop- und Clubmusik.

Lindsey Stirling wuchs in einfachen Verhältnissen in Gilbert/Arizona auf, wo sie bereits als Kind aufmerksam den Klassik-Platten ihres Vaters lauschte. Im Alter von fünf wünschte sie sich eine Violine, für Unterricht fehlte aber das Geld. Ihr zweites Interesse galt dem modernen Tanz, dessen technische Grundzüge sie sich über Lehrvideos im Internet beibrachte. Ihr überbordender Enthusiasmus überzeugte die Eltern schließlich, in ihre künstlerische Ausbildung zu investieren. Bereits als Teenager begann Lindsey, ihr Instrument auch außerhalb üblicher Klassik-Kontexte auszuprobieren. Mit ihrem Spiel, das ebenso mutig wie kontrolliert, expressiv wie geschmeidig ist, gewann Lindsey Stirling zahlreiche Preise.

2007 etablierte sie mit 'Lindseystomp' ihren eigenen YouTube-Kanal, auf dem sie ihre kraftvollen Kompositionen zwischen Klassik und DubStep mit progressiven Tanz- und Performance-Videos verknüpfte, bei denen sie größtenteils selbst Regie führte und deren Choreographien sie entwarf. Zügig entwickelte Lindsey sich zum Internet-Phänomen und zu einer der meistangesehenen Künstlerinnen auf YouTube: 'Lindseystomp' zählt aktuell mehr als eine Million Abonnenten, ihre Videos wurden insgesamt über 208 Millionen Mal angeklickt

Das im September erschienene Debütalbum "Lindsey Stirling" erreichte Platz 1 der US-Dance- und Platz 2 der US-Klassik-Charts – ein Spagat, der noch keinem Künstler zuvor gelungen ist.

Nach ihrer bereits im Vorfeld ausverkauften Clubtour sind neue Live-Daten für Mai in Planung.

 


 

 

Kai Manke
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