Exklusive Interviews mit interessanten Menschen

22.04.2013 ein Faible für ausgefallenes Schuhwerk

Michaela Boland - mit 4 Bildern

Mit seiner Stimme begeisterte er nicht nur einst Lord Yehudi Menuhin, sondern brachte jüngst auch die Star-Magier Siegfried & Roy dazu, ihm vor Rührung bis in die Garderobe zu folgen, um ihn höchstpersönlich kennen zu lernen. Sein Markenzeichen: Leidenschaft und kerniges Vibrato in der durchdringenden Stimme.

Die Rede ist von Star Tenor Bela Mavrak. Seit Meister-Geiger Andre Rieu den gebürtigen Ungarn für sich entdeckt und den Wahlkölner einem weltweiten Publikum bekannt gemacht hat, ist ihm seine Zeit zu Hause ebenso rar wie kostbar geworden.

Ein paar der seltenen Momente in der Wahlheimat widmete Bela Mavrak jetzt Journalistin Michaela Boland. Was den Star-Tenor mit dem Maastrichter Erfolgs-Geiger mit der wippenden Frisur verbindet, wie er in West-Papua auf einen Kannibalen-Volksstamm gestoßen ist, aus welchem Grund er ein Faible für ausgefallenes Schuhwerk mit Augen hat und was ihm Gianni Versace vor dessen gewaltsamen Tod sagte, verriet er Boland im Gespräch. 

Porträt des Monats über Bela Mavrak von Michaela Boland  

Auf seinen nagelneuen Kaffe-Latte-Automaten ist Bela Mavrak sichtlich stolz. In der knallroten Lack-Designer Küche fügt sich die schnittige Maschine optisch perfekt ins Gesamtbild. In seiner geräumigen kernsanierten Altbau- Eigentumswohnung mit hohen Stuckdecken unweit der Kölner Musikhochschule hat sich der Tenor ungarischen Ursprungs selbst verwirklicht:

Ausgefallenes tibetisches Sitzmobiliar, das an einfachsten Wohnkomfort ostasiatischer Urstämme erinnert, im Esszimmer, kunstvolle schwarze Lackstühle aus der Zeit Napoleons des III., mit Designerstöffchen überzogenen Sitzflächen versehen, im Wohnzimmer, wirken ebenso exotisch wie die vielen Büsten, die zum Teil Gottheiten aus Kambodscha, Indonesien, West Papua oder Neu-Guinea darstellen, und überall herumstehen.

„ Ich habe aus jedem Land, in dem ich war, etwas mitgebracht“, erzählt der 43-jährige Opernsänger. „Aber den einen kambodschanischen Kopf, den ich habe, habe ich vorsichtshalber in Köln gekauft, denn nachdem er 1000 Jahre alt ist, hätte man mich wahrscheinlich lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt, wenn ich ihn aus Kambodscha mitgebracht hätte.“  

Die Wohnung des Kölner Junggesellen ist tipp topp aufgeräumt, ein anheimelndes Feuer lodert im modernen gläsernen Minikamin und ein angenehmer, künstlich erzeugter Herbstduft verbreitet sich in sämtlichen Räumen. Auffällig: Die zahlreichen Abbildungen der Medusa (Anm. der Red: Figur aus der griechischen Mythologie: Ehemals schöne Tochter zweier Meeresgottheiten, welche aufgrund der erzürnten Pallas Athene in ein geflügeltes Ungeheuer mit Schlangenhaaren, Schuppenpanzer, langen Eckzähnen und glühenden Augen verwandelt wurde, dessen Anblick jeden zu Stein erstarren ließ als Schutz gegenüber Feinden, die es seiner Sterblichkeit wegen hätten töten können), die in Bela Mavraks Wohnung signifikant häufig auftauchen.

So ziert eine Medusa den Eingangsbereich oberhalb der Wohnungstür. Ein riesiges Abbild der griechischen Gorgone ist kunstvoll in den marmornen Fußboden seines luxuriösen Badezimmers eingearbeitet, gleichwohl befinden sich zahlreiche weitere Medusen auf Sofakissen oder Wandbildern.

„Was für eine Bedeutung hat diese Gestalt für Dich“, möchte ich wissen. „Das ist schwierig, ich kann es genauso wenig erklären wie Goethe, auf den Medusa ebenfalls eine große Faszination ausgeübt hatte. Genauso wie auf den am 15.Juli 1997 in Miami Beach erschossenen Modeschöpfer Gianni Versace. Es ist eben einfach ein mystisches Gesicht“, erklärt der Opernstar.  

Interessant erscheint jedoch die Tatsache, dass Mavrak sich in jüngeren Jahren erstmalig einmal eine Krawatte des berühmten Italo-Designers Versace gönnen und dafür sogar 160,- DM investieren wollte, nachdem dies zu noch früheren Studentenzeiten beinahe eine ganze Monatsmiete für sein damaliges acht Quadratmeter-Zimmer ausgemacht hätte.

Gesagt, getan, doch das Unheimliche: Wie sich nur eine halbe Stunde später, während er seinen Gesangslehrer besuchte, ausweislich durch die auf dem Kassenbon vermerkten Daten herausstellte, soll der Kauf der Gianni Versace-Krawatte exakt mit der Minute übereinstimmen, in der der weltberühmte Modeschöpfer noch am selben Tag durch einen Attentäter zu Tode kam. Druckmuster des besagten Kleidungsstückes: Medusen- Abbildungen.

Bezeichnend: Die Welt des italienischen Designers spiegelte sich in dem Symbol des Medusenhauptes wider, das auf die charakteristische griechische Art mit Ornamenten verziert ist. Die Wahl, die zuweilen eine fatale Faszination zuwies, wurde im Modehaus bewusst getroffen: Eine Art von Schönheit und Schlichtheit, die fesselt und verwirrt.  

„Beinahe ist es so als hätte eine Übergabe von Versaces Medusa-Faszination auf mich stattgefunden, in der Minute als er starb, denn seit ich jene Krawatte erworben hatte, war auch ich tief beeindruckt von diesem Symbol“, erinnert sich Bela Mavrak. 

Als der Opern Star, der seit vier Jahren als Gasttenor mit Andre Rieu mit jeweils 110 Konzerten pro Jahr durch Europa, Asien und Amerika reist, 1993 mit dem Gewinn der Goldenen Medaille, dem ersten Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb im italienischen Santa Margherita Ligure, aufwarten kann, kommt ein Mann zu ihm hinter die Bühne, der ihm herzlich gratuliert und seine gute italienische Aussprache lobt.

Jener Mann habe, wissentlich der Kenntnis, dass Mavrak Ungar war, zu diesem gesagt, dass man keinesfalls bemerke, dass der angehende Star kein Italiener sei. Gesiegt hatte der Sänger nämlich mit einer Arie aus Puccinis „La Boheme“. Dann verschwindet der Mann. Später fragte ihn der Festivaldirektor, ob Mavrak den „mysteriösen“ Bewunderer denn nicht erkannt habe.

Es war Gianni Versace und Bela Mavrak, der sich zum damaligen Zeitpunkt sein Einkommen betreffend noch nicht in der „Ich-trage-Versace-Outfits-Liga“ befunden hatte, zeigte sich sichtlich beschämt, den weltbekannten Modedesigner nicht erkannt zu haben. 

In unzähligen Rundfunk- und Fernsehproduktionen, sowie CD-Einspielungen von Rossinis „Petite Messe Solennelle, Vivaldis „Magnificat“ oder der Weltpremiere „In Exitu Israel“ sowie „Dixit Dominus“ von Marianna Martinez in der Kölner Philharmonie konnte Bela Mavrak sodann auf sich aufmerksam machen. In Verdis „Requiem“ debütierte er mit der Philharmonica Hungarcia in Bonn 1994.

Mit genau dieser exponierten Tenorpartie trat er nur ein Jahr später bereits im Teatro Colon in Buenos Aires und im Teatro Municipal in Sao Paolo auf, bevor er mit der Hauptrolle in „Fausts Verdammnis“ (Hector Berlioz) zum Salzburger Festspielhaus gelangte.

Von 1998 bis 2000 arbeitete Mavrak sodann auch noch als Solist am Deutschen Nationaltheater Weimar, wo er zehn verschiedene Opernrollen gesungen hat. U.a. sogar im Goethe Jahr 1999 als Weimar zur Kulturhauptstadt wurde, zwei verschiedene Faustrollen, „Magarete“ sowie „Fausts Verdammnis“. 

Die außergewöhnliche Tenorstimme Mavraks wird von der Presse als „lyrisch geschmeidig, bruchlos geführt und klangvoll“ beschrieben. Der
Opernsänger ist heute glücklich darüber, eigentlich aus einem Zufall heraus, genau das machen zu können, was er sich stets gewünscht hat.

Zu Beginn seiner Ausbildung hätte das wohl noch niemand gedacht, denn der am 07.April 1966 in Baden (bei Wien) geborene Sohn zweier ungarischer Studienräte machte auf Wunsch seines Vaters erst einmal eine Ausbildung zum MTA (medizinisch technischen Assistenten).  

„Mein strenger Vater hätte gern gehabt, dass ich Arzt werde. In dem kleinen Dorf, namens St. Michael, in dem ich innerhalb Woywodinas (Anm. der Red.: heutiges Nord Jugoslawien) aufwuchs, gab es nur eine Ärztin: Die Schwester meiner Mutter. Nachdem ihr einziger Sohn, mein Cousin, Informatik studierte, sollte ich nach dem Willen meines Vaters eines Tages ihr Nachfolger werden“, erinnert sich Bela Mavrak. Erforderlich wäre natürlich gewesen, noch ein Medizinstudium anzuschließen.

Dann kam alles ganz anders. Die Mutter Belas leitete in der Freizeit Folkloretanzgruppen und war in Kulturinteressenkreisen des Umkreises organisiert. Zu einer dieser Gesellschaften hatte auch ein gewisser Musikprofessor namens Bursac, der als Dirigent in Belgrad tätig war, gezählt. „Nachdem er meine Stimme gehört hatte, stand für ihn fest, dass ich Sänger werde“, weiß Bela Mavrak noch genau. Zunächst konnte sich der heutige weltbekannte Star-Tenor dies noch überhaupt nicht vorstellen.  

Während des Militärdienstes jedoch kam Mavrak der Umstand zugute, dass für eine Soldatenband ein Keyboarder gesucht wurde. Nachdem Bela bereits zu Grundschulzeiten Klavierunterricht genossen hatte, jedoch eigentlich froh war, das lästige Üben nach jener Zeit endlich hinter sich gelassen zu haben, machte sich seine Fertigkeit jetzt aber doch bezahlt:

„Sie haben mich nach mehreren Auditions ausgewählt, weil ich alle möglichen Stilrichtungen beherrschte. Klassik genauso wie Rock oder Pop. Das hat mir mein Leben während des Wehrdienstes sehr erleichtert, denn immer wieder durfte ich die Zeit mit Üben und Spielen in Hotels verbringen“ erläutert der Kölner. Noch in der Armee begann Bela Mavrak sogar damit, sich in kleineren Eigenkompositionen zu üben.

Nachdem er sich jedoch im Klaren darüber war, nicht ausgereift genug zu sein, um seine erdachten Melodien auch entsprechend qualifiziert niederzuschreiben, wandte er sich nach dem Wehrdienst erneut an Professor Bursac, um von diesem die Notation von Kompositionen zu erlernen.  

„Bursac ließ sich nur unter der Voraussetzung auf den Deal ein, dass ich in dem von ihm geleiteten Chor mitsang“, bestätigt Mavrak, „und dann saß ich irgendwann bei ihm am Klavier und habe etwas gesungen als er plötzlich aufstand und ohne mein Wissen einen Belgrader Gesangsprofessor der Musikhochschule anrief, um diesem mitzuteilen, dass er einen neuen Schüler für ihn habe. Dann konstatierte Bursac, dass ich Sänger werde und lamentierte so lange herum, bis er mich überzeugt hatte.“ 

Mavraks Vater hatte den Sohn eindringlich vor den Unabwägbarkeiten einer Laufbahn als Sänger gewarnt. Hatte er doch bereits ein riesiges Anwesen im Mediterranstil erbaut, in der Hoffnung, dass der Sohnemann eines Tages die erwünschte Arztkarriere antreten und sowohl die Dorfambulanz der Tante übernehmen, in jenes Anwesen verlegen und auch mit den erwünschten künftigen Enkelkindern dort leben würde.

„Jetzt wohnen meine Eltern leider allein in einem so großen Haus, da ich ja keine Geschwister habe. Das ist heute ein Problem im Winter, wenn die Kälte kommt. Dann müssen sie alles abschließen und bewohnen nur zwei Räume, da es unermesslich wäre, ein derartig großes Haus den kompletten Winter über zu beheizen.“

Heute ist der 68-jährige Vater außerordentlich stolz auf seinen weltberühmten Sohn. Die Mutter (67) war von vorneherein liberaler gegenüber der Idee eingestellt.

 
Eigentlich war Bela Mavrak ja von jeher ein Rock-Fan, vergötterte Pink Floyd und hatte bis zum Antritt seiner Gesangslaufbahn auch noch nicht eine einzige Oper gesehen. Der Mann mit den pechschwarzen Haaren und strahlend blauen Augen merkte zwar schon zu Discozeiten, dass er Songs wie „Hands up, Baby Hands up“ oder tanzbare Stücke von ABBA oder BONEY M. im Discosound musikalisch eher als langweilig empfand.

Er habe sich aber schon immer für kompliziertere Arrangements wie Synpho- oder Psychodelic-Rock interessiert. Gruppen wie Genesis oder Yes hätten da schon eher seinen Geschmack getroffen, nachdem er dort jetzt sogar eine Brücke zur Klassik erkenne.  

Bei den Mädels sei die anspruchsvollere Musik damals natürlich ebenso wenig angekommen wie bei Gleichaltrigen. Daher habe Mavrak sich auch stets mit durchschnittlich vier Jahre älteren Freunden umgeben müssen. „Als Jugendlicher sind vier Jahre Altersunterschied schon fast wie eine ganze Generation. Die Leute in meinem Alter hörten immer nur Trendmusik“ berichtet Mavrak. 

Nachdem Dirigent und Chorleiter Bursac den jungen Bela Mavrak sodann an der Belgrader Musikakademie untergebracht hatte, studierte der Ungar insgesamt zweieinhalb Jahre dort, bevor er 1991 eines Tages seinem Onkel, einem Musiker, einen Besuch abstattete. Onkel Josef Lukenich lebte nämlich schon seit fast. 50 Jahren in Düren. Gerade in dieser Zeit zeichnete sich dann auch in Jugoslawien der Konflikt zwischen Serben und Kroaten ab.

„Obwohl ich damals noch nicht ermessen konnte, dass ein Krieg bevorstehen würde, fühlte ich mich als Ungar, der mit dem politischen Konflikt, der sich da gerade zwischen den Volksgruppen vollzog, ja eigentlich nichts zu tun hatte, einfach nicht wohl“, weiß Mavrak noch wie gestern.

Onkel Lukenich, selbst Musiker und Mitbegründer der Dürener Saxophon- und Klarinetten Sparte der Musikschule, schlug dem Neffen kurzerhand vor, doch einfach nach Deutschland an die renommierte Kölner Musikhochschule zu wechseln. 

Zu dumm nur, dass die Anmeldefristen schon sechs Monate zuvor verstrichen waren als Mavrak durch Zufall und ohne es zu wissen, ausgerechnet am allerletzten Tag der Aufnahmeprüfung in der Domstadt aufschlug. Selbstverständlich wollte ihn da niemand mehr anhören, sondern man schlug ihm vor, nur kurz mit ihm zu sprechen, um ihm zu raten, was er für die Prüfung im Folgejahr schon mal lernen könne.

Dass sich Hartnäckigkeit auch selbst in dem oftmals als allzu bürokratisch verschrienen Deutschland bewähren kann, sollte der Magyar dann am eigenen Leibe erfahren. Den zuständigen Professor und Pro-Rektor Wilfried Jochims hat der Sänger nämlich dann so lange gebeten, ihn doch wenigstens anzuhören, dass dieser Bela trotz des Umstandes, dass bereits weitere, rechtzeitig angemeldete Prüflinge in der Aula warteten, sein Ohr lieh.  

„Dann habe ich dem Professor in einem Zimmer etwas aus „La Boheme“ vorgesungen“. Danach geschah das Unfassbare: Der Professor schien offenbar derartig begeistert, dass er entschied, Mavrak sofort aufzunehmen, schob den Ungarn kurzerhand irgendwie zwischen zwei andere Aufnahmeprüflinge und schleuste ihn vor die Prüfungskommission in der Aula.

Vor der kompletten Kommission entschuldigte sich der Professor zunächst dafür, jetzt noch jemanden so kurzfristig unterzujubeln, der noch nicht mal Deutsch sprechen könne, denn Bela war der Sprache damals noch in keiner Weise mächtig.

Doch wie ein Bürge gelobte der Professor vor den übrigen Entscheidungsberechtigten sodann, dafür Sorge zu tragen, dem jungen Mann vom Balkan schnellstmöglich Deutsch beizubringen. Nachdem Mavrak dann noch einmal vor der gesamten Kommission vorgesungen hatte, war er „drin“. 

Seither lebt Mavrak in Köln und hat die Stadt nicht nur kennen-, sondern auch lieben gelernt. „Ich liebe die Mentalität der Kölner. Gerade wir Ungarn sind ja auch ein temperamentvolles Volk. Die Kölner sind nicht so typisch Deutsch, sondern offen und witzig, können vor allem auch Witze ertragen, haben ihren Karneval, was zeigt, dass sie sich auch in verrückter Weise für Dinge begeistern können.

Außerdem habe ich mittlerweile so viele Freunde und Bekannte hier, dass dies mein Lebensmittelpunkt geworden ist. Die Kölner haben mich schon lange als Kölner anerkannt, das ist einfach schön.“ 

Nachdem Bela Mavrak sein künstlerisches Diplom an der Kölner Musikhochschule erhalten hat, folgen noch Privatunterricht beim weltbekannten Mailänder Tenor Franco Corelli, sowie Meisterkurse beim italienischen Operntenor Gianni Raimondi und dem schwedischen lyrischen Tenor Nicolai Gedda.

„Ich bin mehr so ein italienisch-lyrischer Tenor, weniger kopftonal“, erklärt der Sänger. „Um in der Art wie Pavarotti zu singen, bzw. all die typisch italienischen Klänge richtig zu erlernen, musst du dich schon nach Italien begeben, denn das kannst du nicht hier lernen“ erläutert er weiter.

Auf die Frage, welchen der bekannten Tenöre er selbst bewundert hat, antwortet Mavrak: „Für mich ist Pavarotti unschlagbar gewesen, weil der klare Klang seiner Stimme und der Perfektionismus wunderbar aufeinander trafen.“  

Was jetzt noch fehlt, ist eigentlich nur die passende Gefährtin an seiner Seite und die eigene Familie, von der er immer geträumt hat. „Meistens hätten Frauen gerne einen Mann an ihrer Seite, der immer dabei und dann zu Hause ist, wenn sie ihn brauchen. Und ich bin natürlich nicht immer da und da braucht man auch erst mal jemanden, der das akzeptieren und verstehen kann.

Zweitens ist es auch nicht einfach, eine Person zu finden, die all das, was ich liebe, ebenso mag. Es ist schwierig“, analysiert der Tenor, der zwischenzeitlich die Deutsche Staatsbürgerschaft hat. „Mein Problem ist auch, dass ich nicht dazu bereit bin, meine Freiheit komplett aufzugeben, weil ich dann wahrscheinlich nicht das wäre, was ich bin.“ 

In jedem Fall sollte die Zukünftige wohl die Reiseleidenschaft in abenteuerliche Länder des zuvorkommenden Sängers teilen. Bela Mavrak hält nämlich wenig von Pauschalreisen in Massentourigebiete, sondern zieht, ganz im Sinne von Indiana Jones, Trips an Orte wie Borneo, Sumatra, Burma, Kambodscha, Laos, Vietnam, dem Kongo oder Tibet eindeutig vor.

Und auch hier lässt sich der sympathische Star-Tenor nicht schnöde von Reiseleitern durch die Gegend schaukeln, sondern kämpft sich nur allzu gerne auch schon mal selbst tagelang zu Fuß durch Dschungelgebiete. 

Nur ein einziges Mal unternahm er bisher eine Reise zweimal in dasselbe Land: West Papua. Die Westhälfte der Insel Neuguinea, die politisch Bestandteil des Staates Indonesien ist, hat es dem Sänger, der als Kind schon immer gerne Archäologe werden wollte, um Ruinen, Tempel, Schätze oder gar verborgene Kulturen zu entdecken, angetan. Hier hatte er auch Gelegenheit, die Kulturen der Kombai und Korowai zu studieren.

Die Korowai bewegen sich von Verhüllungen der Genitalien abgesehen, völlig nackt durch die Wildnis und errichten ihre Behausungen in 30- bis 40 Meter hohen Baumkronen. In einer solchen durfte Bela Mavrak auch schon nächtigen als er den Stamm besuchte. Während der Sänger von seinen Reisen berichtet, verrät die Begeisterung in seiner Stimme, wie groß die Leidenschaft für dieses Hobby tatsächlich ist.

„Die Kombai“, so fährt er fort, „sind einer der letzten Kannibalenstämme.“ „Und da hast Du Dich wohlgefühlt“ will ich wissen. „Die Menschen gehen davon aus, dass man nicht einfach so sterben kann. Wenn daher ein Unglück geschieht, vermuten sie, dass eine Böswilligkeit von einem anderen Stamm dahintersteckt. Also wird der Schamane ausgesandt, den Schuldigen für das Unglück zu suchen

Er wird getötet und jeder Stammesangehörige isst von seinem Fleisch. Nur dann kann nach ihrer Auffassung das „Böse“ tatsächlich tot sein.“ In der Hoffnung, dass Bela Mavrak sich bei den Kombai nichts zu Schulden kommen ließ, frage ich ihn nach dem von ihm selbst entdeckten Stamm. 

„Das waren die Semse“ erklärt er stolz. Im Rahmen einer schwierigen Expedition tagelang durch Flüsse und tiefen Dschungel stieß Bela, der mit fünf Trägern und einem Guide unterwegs war, unerwartet auf eine Art Großfamilie in einem schwer zugänglichen Gebiet. „Die Menschen in West Papua ähneln vom Äußeren her den australischen Aborigines.

Sie leben als Sammler und Jäger und sind so eine Art Dschungel-Nomaden, bauen nur provisorische Häuser, ziehen von Ort zu Ort und sind daher schwer zu finden.“ Die Verständigung mit den eher kleinen Menschen erfolgte durch eine Frau, die der Sänger während der Expedition bei einem anderen Stamm traf. Sie war 15 Jahre zuvor dem Semse-Stamm entlaufen und beherrschte deshalb noch immer deren Sprache. „Wie geht man auf solche Menschen zu“, frage ich.

„Durch die Frau habe ich dem Stamm erst mal Geschenke zukommen lassen“, erzählt Bela Mavrak. Am besten schenke man den Menschen Naturalien wie Salz, Tabak oder Fleisch. Offenbar scheint die Stimmung in solchen Situationen dann schon mal ganz gut zu sein.

Bei früheren Reisen hatte der Star-Tenor auch schon auf andere Mittel gesetzt: Verschiedenen Bergpygmäen-Gruppen, die in 3000 m Höhe leben und im Durchschnitt nur 1,40 m Köpergröße messen, wie die Danis, Lanis oder Yalis, habe er auch schon vorgesungen, so wie sie auch ihm. „Durch Gesang kann man Freundschaft schließen, auch ohne eine Sprache zu sprechen“, weiß Mavrak.

Nachdem der Tenor ihnen vorgesungen habe, hätten diese Menschen zunächst einmal beruhigt davon ausgehen können, dass Bela keine Gefahr darstelle. Ein inbrünstiges „O Sole Mio“ hat schließlich auch schon in unseren Breitengraden so manche(n) dahin schmelzen lassen.

Die vielen Aufnahmen und Erfahrungen, die er im Dschungel machte, wird er womöglich irgendwann einmal öffentlich präsentieren. In jedem Fall, so sagt er, brauche er diese Reisen als Ausgleich zu seinem hohen Lebensstandard auf Tour, um nicht die Kontrolle über sich selbst oder sein Leben zu verlieren. 

Wann es zum nächsten Mal auf Expedition ins Ungewisse geht, steht bestimmt noch nicht fest, denn zunächst wird der Tenor erst einmal mit den zwei weiteren Platin-Tenören, Gary Bennett und Thomas Greuel gemeinsam mit Andre Rieu Frankreich bereisen. Zuerst geht es nach Marseille, anschließend finden auch Auftritte in Paris und Bordeaux statt.

Mit dem Star-Geiger Rieu versteht sich Mavrak ausgesprochen gut. „Ich lebe mit ihm von einem Ort zum anderen zusammen, denn wir fliegen zusammen, essen zusammen, wir stehen auf der Bühne zusammen, feiern Geburtstage zusammen. Er mag mich ganz sicher gern, weil ich eine verrückte und extravagante Person bin und auch gut in seine Show passe.

Besonders fasziniert ihn, dass wir drei Platin-Tenöre bisher in mehr als 400 Konzerten noch nicht einmal ausgefallen sind oder abgesagt haben, was für Tenöre fast unmöglich ist.“ 

„Worin siehst du den Vorteil in der Zusammenarbeit mit Andre Rieu“, frage ich. „Die Vorteile sind, dass man vor 30.000 bis 40.000 Leuten singt. Man hat den direkten Kontakt zu den Menschen. Spielst du in der Oper eine Rolle, bist du darin verhaftet und schaust nicht in die Augen deines Publikums, sondern hast durch deine Rollevorgaben eine Art Barriere, bist unfrei.

Hier bei Auftritten mit Andre Rieu singe ich für das Publikum, kann mit den Augen agieren, bin in der Lage, Ausdruck zu verleihen. Viele Fans sagen, es sei wie eine Massenhypnose. Es spricht die Menschen an, sie fühlen sich viel besser integriert und empfinden sich selbst wie ein Mitglied der „Showfamilie“. Die Leute gehen glücklich nach Hause und was will man mehr?“ 

Das Weihnachtfest wird der extravagante Star-Tenor, der ausgefallene Schuhe deshalb genau so gern hat wie Carry Bradshaw, weil normale für einen Indiana-Jones-Fan einfach zu langweilig wären und der daher ca. 70 Paar Schlangenleder- oder Krokodillederschuhe mit Augen sein Eigen nennt, bei seinen Eltern verbringen.

Und an Neujahr heißt es dann schon wieder „Walzer frei“ mit Andre Rieu in der Kölner Lanxess Arena. Das Motto des Tenors Bela Mavrak jedenfalls erscheint mehr als zutreffend, wenn man die Anzahl seiner begeisterten Musikfans betrachtet: „Wer das Singen recht versteht, ist aller Herzen König.“  

Weitere Infos unter: 

www.bela-mavrak.de 

www.andrerieu.com

 

 

 

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04.04.2013 Sie ist die wohl schrillste Muse aller Zeiten

GFDK - Michaela Boland

Buntes macht sie einfach glücklich. Sie ist die wohl schrillste Muse aller Zeiten, und trotz zahlreicher Gemeinsamkeiten hätte eine Gala Eluard Dali rein äußerlich mit Sicherheit eher langweilig neben ihr gewirkt.

Ihr Markenzeichen: Feuerrote Wallemähne, kunstvoller Blumenhut und auffällige Kunstwimpern an den Unterlidern. Die Rede ist von Multiorganisationstalent und Berufsmuse Elke Koska.

Oftmals selbst als lebendes Kunstwerk bezeichnet hat die charmante, lebensfrohe „rechte Hand“ des legendären in Köln ansässigen Objekt- und Aktionskünstlers HA Schult (1000 Trash People) Journalistin Michaela Boland in ihre wundersam-schöne Wohnstätte geladen. 

Nach Jahrzehnten der Inspiration und Organisation rund um HA Schult versucht sich die attraktive „alterslose“ Elke Koska nun auch selbst als Kunstschaffende. Schon am dritten November 2009 präsentiert sie das Ergebnis ihrer handwerklich ausgefeilten und alltagstauglichen Kreativität auf Drängen H.A. Schults in der Kölner Galerie Reitz im Rahmen einer Ausstellung. Um was es sich handelt, hat Elke Koska Michaela Boland beim Interview schon mal verraten.  

Bei strahlendem Herbstsonnenschein mache ich mich auf den Weg zu Elke Koskas Heim am Ufer des Rheins. Zugegeben, die Vorstellung, dass ein Mensch unter einer Brücke leben kann, ist leider nicht mehr abwegig, aber dass man sich doch tatsächlich auch „in“ einer Brücke häuslich niederlassen kann, wirkt irgendwie abgefahren. Elke Koska hat es vermocht, sich in einem hohlen Pfeiler der Deutzer Brücke ein gemütliches Zuhause zu schaffen.

 Der Umstand, dass einem tagtäglich mehrere Tausend Autos und Straßenbahnen über`s Dach rattern und die Raumdecke dabei teilweise beängstigende Geräusche von sich gibt, darf einen da wohl nicht sonderlich stören. Überwältigend: Der Anblick der unzähligen kleinen bunten Gegenstände die die fensterlose geräumige Ebene schmücken, auf der sich Koska kreative Abtrennungen für die Wohnbereiche Salon, Schlafstätte, Küche, Fernsehzimmer, Umkleide, Bad und Büro geschaffen hat. Fast möchte man sich in Las Vegas vermuten, so blinkt und glitzert es kunterbunt aus sämtlichen Ecken.

 Da befindet sich nicht nur ein aufwendig dekorierter Weihnachtsbaum mit strahlender roter Lichterkette unweit hinter den mitten im Salon stehenden drei Trash-Leuten von HA Schult, sondern allenthalben hängen auch bunt geschmückte Adventartige thematisch sortierte Kränze von der Decke hernieder. Auf einem jeden: Glänzender Weihnachtsschmuck in mit Sicherheit vierstelligem Wert. Hier lebt also Elke Koska, umgeben von ihren beiden riesigen und imposanten Wachhunden Minos und Zsa Zsa.  

Michaela Boland:

Was war das ausgefallenste Kompliment, das du für deine Wohnung bisher erhalten hast?  

Elke Koska:

Das ist schwierig. Ich habe so viele tolle Sachen gehört, die kann ich alle gar nicht benennen.

Im Übrigen muss ich Dir ganz ehrlich sagen, ich lebe weder als Person noch mit meiner Wohnung für jemanden, sondern immer nur für mich. Ich habe nämlich schon als kleines Mädchen damit angefangen, mich zu stilisieren. 

Michaela Boland:

Wie bist Du auf die Idee gekommen, in einen Brückenpfeiler zu ziehen? 

Elke Koska:

Berufsbedingt habe ich ja immer viele Events und sehe viel. Ich habe dann bei der Stadt angerufen und habe mir das Ganze dann auch ausgebaut. Heizung, Wasser und Strom mussten ja her. Denn zuvor hat es hier natürlich ganz herkömmlich ausgesehen. 

Michaela Boland:

Anpassung ist augenscheinlich nicht Dein Ding? 

Elke Koska:

Über Sprüche wie „Man tut das“, bzw. „Was sollen die Nachbarn sagen“, habe ich mich nachweisbar schon mit sechs Jahren aufgeregt. Ich habe schon damals gesagt: „Das interessiert mich nicht.“ Was natürlich dazu führte, dass du unheimlich stark sein musstest als Kind. So habe ich quasi jeden Tag aufs Neue für mich gekämpft. Ich stand insofern schon damals vor der Frage, soll ich mich anpassen, um leichter zu leben oder soll ich so leben, wie ich leben will, selbst mit dem Stress, dass ich mich jeden Tag beweisen muss. Aber ich habe mich nun mal dafür entschieden, genau so zu leben, wie ich es will. 

Michaela Boland:

Würdest du sagen, dass Du ein durch und durch glücklicher Mensch bist? 

Elke Koska:

Ich bin total glücklich und zufrieden. Ich kann wirklich von mir behaupten, dass ich zu den Menschen gehöre, die jeden Morgen aufstehen, den Tag anlächeln und sagen: „Wow, heute wird wieder ein schöner Tag“, und dann wird er auch immer schön. Ich hatte auch noch nie einen unschönen Tag und ich war auch noch nie im Leben deprimiert oder schlecht gelaunt. 

Michaela Boland:

Noch nie einen unschönen Tag? Dann gehörst Du wahrscheinlich zu einer Species, die heutzutage leider vom Aussterben bedroht scheint? 

Elke Koska:

Ja, aber das Geheimnis von Glück ist doch Zufriedenheit und die Leute sind nie zufrieden. Die jammern immer. Haben sie das Auto, wollen sie ein anderes, haben sie die Wohnung, wollen sie wieder eine andere. Ich bin nicht super religiös, aber ich glaube natürlich an Gott und neulich habe ich beim Gassi gehen daran gedacht, der arme liebe Gott hat nun alle Menschen geschaffen und die klagen von morgens bis abends und jammern und alles ist falsch. Der arme liebe Gott hat überhaupt kein Erfolgserlebnis also habe ich zu ihm gesagt: „Nein, Du hast es richtig gemacht, denn ich lebe gerne, ich finde das Leben schön.“ 

Michaela Boland:

Du stammst aus einer eher konservativen Familie in Dortmund. Wie war das Verhältnis? 

Elke Koska:

Meine Eltern litten natürlich unter mir als Individuum. Sie sagten immer: „Meine Güte, die Nachbarn gucken.“ Mein Bruder ist demgegenüber „völlig normal“. Mir war und ist völlig egal, was irgendjemand von mir denkt. Ich lebe ja nicht für die Leute. Auch war ich, ähnlich wie viele „wichtige“ Frauen, z.B. Alice Schwarzer und Elke Heidenreich, auf einer Nonnenschule. Ich war bei den Florentinerinnen.

Nach drei Jahren habe ich am Gymnasium aufgegeben und bin auf ein weltliches Gymnasium gegangen, weil es natürlich schwer war, jeden Tag zu kämpfen, wenn ich mir beispielsweise morgens Herzchen in den Pullover schnitt und es bei den Nonnen Aufruhr gab. Ich war nicht geeignet dafür. Die Erlebnisse in der Nonnenschule führten im Übrigen auch dazu, dass ich seither nicht mehr in die Kirche gehe.

Mit der Institution kann ich nichts mehr anfangen. Ich glaube an Gott und spreche mit Gott, aber ich denke, (lacht) jeder, der mal auf einer Nonnenschule war, wird hinterher nicht mehr in die Kirche gehen. Somit war natürlich das Verhältnis zu meinen Eltern bis zum Schluss letztlich nicht einfach, weil sie sich gerne angepasst haben.  

Michaela Boland:

Konformität als Feindbild? 

Elke Koska:

Die typische Schrankwand oder Menschen, von denen ich immer sage, die leben beige, die ziehen sich beige an, die denken beige, die sprechen beige, sind für mich Feindbilder. Das sind leider sehr viele. Das ist auch o.k., aber ich muss nicht mit ihnen kommunizieren. Ich respektiere natürlich diese Menschen, wenn es wirklich ihre Entscheidung war, so zu leben und es nicht nur darum geht, angepasst zu sein. 

Michaela Boland:

Wie kam es zu Deiner Sammlerleidenschaft?  

Elke Koska:

Weil ich eine barocke Persönlichkeit bin, sammle ich gerne. Ich gehöre zu den Menschen, die, was sie mögen, immer um sich haben. Ich habe eine Sammlung von Weihnachtsschmuck, den ich aber auch das ganze Jahr habe, weil ich ihn ja mag. Ich sehe nicht ein, dass man nur Weihnachten diesen Schmuck hat. Ich bin ein sehr logistischer, disziplinierter Mensch. Ich habe nie Chaos und bin immer in Harmonie ausgewogen, bei allem, was ich tue.

Seit Neuestem habe ich jetzt auch mit einer Ess-Sammlung aus Fakefood begonnen. Im Schlafzimmer habe ich eine sehr schöne Herzchensammlung. Aber die teuerste ist natürlich meine Teekannen- und Tassen-Sammlung. (Anm. der Red.: Mehrere Tausend aus aller Welt) Mein Sternzeichen ist Stier, da bin ich übrigens der klassische Vertreter: häuslich, kocht gerne, sinnlich, zuverlässig, guter Freund usw., und einem Stier ist sein Heim sehr wichtig, das ist die Sicherheit gebende Basis. Ich brauche mein Zuhause. 

Michaela Boland:

Mit HA Schult hast Du schon auf sämtlichen Kontinenten gelebt, bist 24 Mal umgezogen. Ist Dein stetes Zuhause hier jetzt der Ausgleich dafür? 

Elke Koska:

Der Schult ist ein Krebs und war immer getrieben. Wir haben überall in der Welt gelebt. Da ich ja Muse bin, hat der Schult immer kreativ irgendwo gearbeitet, ich habe Tausende von Dingen und Seefrachtcontainer gepackt und erst wenn die neue Wohnung irgendwo auf der Welt fertig war, dann kam der Schult rein. Und genauso ging es dann auch zurück.

Schult braucht immer das Getriebene, während ich denke, das Paradies ist in einem selbst und nicht irgendwo auf der Welt, denn egal, wo Du hingehst, wenn Du es nicht in dir hast, wirst Du es auch nicht finden. Aber der Schult als Künstler braucht das Chaos und die Unzufriedenheit. 

Michaela Boland:

Hat das Zusammenleben bei derart unterschiedlichen Lebensauffassungen denn gut geklappt, immerhin warst Du ja auch 25 Jahre mit HA Schult verheiratet? 

Elke Koska:

Ja, super. Ich habe ihn in Watte verpackt. Ich als Muse habe ihm die Möglichkeit gegeben, kreativ zu sein. Wobei Musen ja immer schon starke Frauen waren. Es gibt heute kaum welche, aber diejenigen, die es gab, Alma Maler-Werfel oder Gala von Salvador Dali, die haben ja ihren Künstlern das Leben immer organisiert und die Ausstellungen herangeschafft. Heute geht es natürlich einen Schritt weiter: Du machst das Management, das Sponsoring, was ja immens ist. 

Michaela Boland:

Was kommt bei der Organisation eines Kunstprojektes denn alles auf Dich als Muse zu? 

Elke Koska:

Wir haben ja einmal dieses globale Projekt, wo wir 1000 Müllmenschen/ Trash People haben, die um die ganze Welt gehen. Und die stehen immer an allen wichtigen kulturellen, politischen oder historischen Stätten. Und das ist natürlich sehr schwierig. Also wenn Du auf den „Roten Platz“ nach Russland willst, dann musst Du zwei Jahre an so einer Genehmigung arbeiten und nicht jeder bekommt sie, aber ich kriege sie natürlich. Ich habe Russisch gelernt, ich spreche Chinesisch, Italienisch, Französisch und Englisch sowie zwei afrikanische Sprachen. 

Michaela Boland:

Und das hast du alles eigens für die Projekte mit HA Schult erlernt? 

Elke Koska:

Ja, man muss einen Sinn haben. Man muss einen Sinn haben, etwas zu lernen und ich lerne gerne. Ich lerne immer irgendetwas. Augenblicklich lerne ich Portugiesisch. Und vor zwei Jahren habe ich mir eine Nähmaschine gekauft, obwohl ich meine Kleider immer schon eigenständig, jedoch mit der Hand genäht habe, habe ich dann einen Nähkurs gemacht, damit ich auch dies beherrsche. 

Michaela Boland:

Eigentlich hattest du ja mal vor, Schauspielerin zu werden. Du hast in München die Schauspielschule besucht und mit Rainer Werner Fassbinder Anti-Theater gespielt. In der Filmproduktion „Lenz“ hast Du auch bereits mitgewirkt, doch eines Tages sollst Du in ein Münchener Taxi gestiegen sein, an dessen Steuer der junge und noch unbekannte HA Schult gesessen hat. Fast über Nacht warfst Du alle eigenen Pläne über Bord und warst fortan Muse. Was genau geschah in jenen Momenten im Taxi Anfang der 70er Jahre? 

Elke Koska:

Der Schult stieg ein und konnte ja damals nicht von seiner Kunst leben, musste als Taxifahrer jobben und erzählte, dass er Müll auf die Straße werfen wird für Kunst und dass er Bakterien in Bilder machen wird. Und das fand ich so faszinierend, dass ich in dem Moment beschlossen habe, dass dies viel wichtiger ist als wenn ich einmal von rechts nach links gehe oder von irgendeinem Regisseur eingesetzt werde. Und dass das genau das ist, was sinnvoll ist, zu unterstützen, weil es auch Einfluss auf unsere Gesellschaft hat, Stichwort ökologische Projekte. Und von der Sekunde an haben wir ja auch zusammen gelebt. 

Michaela Boland:

Und was war dann mit deiner eigenen Vision? 

Elke Koska:

Ich bin ja auch weiterhin kreativ geblieben und das, was Schult sagt, was letztendlich nun auch zu meiner ersten eigenen Ausstellung führt, ist, ich habe das Theater quasi auf die Straße getragen, indem ich mich immer inszeniere. Ich inszeniere alles, darum mache ich auch alles so gerne.

Wenn ich den Müll herunter bringe oder meine Wohnung putze, dann ziehe ich z.B. ein afrikanisches Kleid an, mache afrikanische Musik und inszeniere mir das so, dass mir das Putzen Freude macht. Oder, wenn ich am PC Texte tippe, dann ziehe ich mich dementsprechend an, lege entsprechende Musik auf. Ich inszeniere mir meinen Alltag so, dass er mir jede Minute desselben wie ein Theaterstück Freude macht. 

Michaela Boland:

Das heißt, Du bist in jedem Moment Deines Lebens ähnlich gestylt wie jetzt?

 Elke Koska:

Ich würde jedenfalls niemals mit einer Jeans oder einem T-Shirt bekleidet sein, habe so etwas auch nie besessen. Du kannst Tag und Nacht kommen, ich bin immer, jedenfalls für meine Verhältnisse, perfekt, auch geschminkt. Ich schminke mich ja abends noch mal neu. Ich sehe nachts genauso wie tagsüber aus. Natürlich nicht mit Hut, aber mit geschminkten Augen und auch“ lecker“ mit Parfum. 

Michaela Boland: ...und deine Haut? 

Elke Koska:

Ich habe fast nichts direkt auf der Haut, nur ein wenig Feuchtigkeitscreme und etwas Puder und natürlich die Augen geschminkt. Ich finde es eigentlich abartig, wenn man nicht auf sich achtet. Kein Wunder dass viele Ehen so schlecht gehen, weil die Leute abends wirklich so ungepflegt nebeneinander ins Bett gehen, womöglich noch ihre Zähne rechts und links hinlegen. Ich möchte schön und attraktiv ins Bett gehen. Wie willst Du schließlich ein attraktives Liebesleben haben, wenn Du scheußlich in einem scheußlichen Schlafzimmer schlafen gehst? 

Michaela Boland:

Apropos Liebesleben, Du warst mehrmals verheiratet? 

Elke Koska:

Also mit Schult war ich ja endlos verheiratet, mein halbes Leben. Seitdem war ich dann noch zweimal verheiratet. Man muss ja im Leben Entscheidungen treffen. Den ersten Teil meines Lebens habe ich monogam verbracht, weil Schult war ja mein Lebensinhalt, logisch. Die Liebe hat sich jedoch irgendwann aufgebraucht, weil wir einfach so viel zusammen gearbeitet haben und dann vergisst du die Liebe. Aber alle anderen Ebenen zwischen Schult und mir sind ja noch vorhanden. So dass wir nach wie vor alles machen.

Eine Muse muss nicht unbedingt auch der Partner eines Künstlers sein. Die Muse ist ja die Göttin der Kunst in letzter Konsequenz. Ich respektiere ihn, ich finde, er ist ein wichtiger Künstler. Und dann habe ich mir gedacht, o.k., jetzt lebe ich wild, nachdem ich eine Hälfte meines Lebens total monogam gelebt habe, lebe ich jetzt total wild. Mit ganz vielen Affären und zwei Ehen, abenteuerlichen Hochzeiten in Afrika und allem drum und dran.. 

Michaela Boland:

Welche erscheint dir die bessere Lebensform? 

Elke Koska:

Ich würde jeden Tag meines Lebens wiederholen, sowohl mit Schult als auch mein augenblickliches Leben. Ich denke, man muss nicht sein ganzes Leben gleich leben, denn das Leben ist spannend.

Michaela Boland:

Für Deine „Lebensaufgabe“ HA Schult bist Du lange Zeit nicht nur Ehefrau gewesen, sondern hast als Muse die Aufgabe der treibenden und organisierenden Kraft als Sekretärin, Dolmetscherin, Presseagentin, technischer Leiterin, Diplomatin, Gesellschafterin und Köchin in einer Person übernommen. Kritische Stimmen behaupten, dass dies eigentlich eine klassisch tragische Frauenrolle ist. 

Elke Koska:

Das ist völliger Unsinn, Eine Muse ist eine starke Frau. Sich zurückzunehmen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Schult und ich funktionieren ja nur, weil wir zwei absolut gleich starke Personen sind. Wir haben beide unsere Stärken, die sich in der Kunst wunderbar ergänzen. Daher auch dieses Gleichgewicht. Ich bin der einzige Mensch, der Schult kritisieren kann und von dem Schult die Meinung akzeptieren würde, wirklich der einzige Mensch. Und es gibt, glaube ich, niemanden, der sein Oeuvre so gut kennt. 

Michaela Boland:

Du selbst hast einmal gesagt, dass Schult Menschen sehr schnell verschleiße. 

Elke Koska:

Schult verschleißt alle Menschen um sich herum. Ich konnte das total ab. Schult ist natürlich ein egomanischer Künstler, wie alle. Picasso hat ja auf allen herumgetreten. Nur das ist genau der Punkt. Ich bin die einzige, auf deren Seele er nicht herum trampeln konnte, weil ich so gefestigt bin und kreative Prozesse richtig einschätzen kann.

 Ich habe nie darunter gelitten. Jedoch ist es für die Umgebung sehr schwierig, mit Schult auszukommen. Aber er macht auch gute Sachen. Immerhin hat er bereits Mitte der 60-er Jahre schon das Thema Umwelt zum Thema seiner Kunst genommen. Jeder Künstler nimmt sich ja ein Thema, die altmodischen Künstler hatten Dinge wie Farbe und Form und haben sich dann ihr Leben lang damit beschäftigt. Es ist alles gemalt, das kann man nicht mehr machen, da es bessere Lösungen als die bereits existierenden, nicht gibt.

Wir sind der Meinung, dass Kunst den Zeitgeist visualisiert oder Strömungen, Visionen einer Gesellschaft aufzeigt. Schult hat als Thema das ökologische Ungleichgewicht unserer Welt, was bis dahin wirklich kein Künstler zum Thema seiner Kunst gemacht hat. Und dadurch halte ich Schult auch für einen wichtigen Künstler. Schult ist sich einfach selbst im Wege, in seiner Anerkennung als Visionär, weil er eben oft schwierig ist. Aber, wenn Schult tot ist, wird er in der Kunstgeschichte einfach einen richtig tollen Stellenwert haben. 

Michaela Boland:

HA Schult hat dir eine ganze Menge zu verdanken. Wie wichtig war ihm Deiner Meinung nach die Liebe zu dir? 

Elke Koska:

Schult war die sogenannte normale Liebe, wie er meinte, viel zu profan als dass sie allzu wichtig für ihn gewesen wäre. Er sagte, das sei „Frauenzeitungsgewäsch“ und das könnten alle Menschen haben. Als Künstler liebte er die Kunst und die Kunstgeschichte und das ist natürlich etwas viel Wichtigeres.

Nachdem unsere Liebe erloschen war, war es für mich nicht so schwierig, wie womöglich für eine Frau, die feststellt: „Oh, die Liebe ist vorbei, Scheidung, nichts mehr übrig geblieben, Krieg“, weil es für uns ja nur ein kleiner Bereich von vielen war, der plötzlich wegfiel. Wir haben darüber gesprochen und uns auch nie gestritten über irgendetwas, sondern das war einfach eine Feststellung, die wir getroffen haben. Für mich war das damals o.k. und doch suche ich jetzt natürlich ganz klar immer nur diese „naive“ Liebe.  

Michaela Boland:

Inwieweit hat das Musen-Dasein auch als künstlerische Inspiration für den Objekt- und Aktionskünstler gedient? Nimmt man automatisch Einfluss? 

Elke Koska:

Ich versuche, sehr intensiv darüber nachzudenken, was ich sage. Ich bin jemand, der sagt, der Spatz in der Hand ist mir lieber als die Taube auf dem Dach. Bei Schult ist es genau umgekehrt. Wenn Schult eine Idee hat, und ich sehe bei der Realisierung, so wie er sich das vorstellt, ist es nicht machbar, dann versuche ich natürlich, das mit ihm zu diskutieren.

Wenngleich wir uns auch privat nie gestritten haben, so haben wir es in künstlerischer Hinsicht doch vehement getan. Privat haben wir uns auch deshalb nicht gestritten, weil ich mich über so einen „Kleckerkram“, über den sich normale Paare streiten, ja grundsätzlich nicht streiten würde.

Da ich den Alltag ohnehin stets komplett und hundertprozentig alleine abgedeckt habe, gab es für Schult ja auch keinen klassischen Alltag. Er konnte sich total auf seine Kreativität konzentrieren. Ich würde ihm nie gesagt haben: „ Koch Dir doch deinen Kaffee oder irgend so etwas oder bring den Teller in die Küche“, nein, um Gottes Willen, unvorstellbar.  

Michaela Boland:

Welche Eigenschaften sollte eine „gute Muse“ mitbringen? 

Elke Koska:

Das ist natürlich eine Erfahrungssache. Eine meiner Stärken ist es, das ich bei Ämtern grundsätzlich motivieren kann. Beispielsweise die Weltkugel, ursprünglich auf der Severinsbrücke. Um die da hoch zu bringen, musst du die Straßen sperren lassen, die Schifffahrt sperren lassen, das Ordnungsamt fragen, das Luftfahrtsamt in Düsseldorf wegen der Lufthoheit fragen. Du musst ca. bei 20 Ämtern vorstellig werden und alle müssen Dir ja eine Genehmigung erteilen.

Und alle haben ja eigentlich kein Interesse daran, das zu genehmigen, weil es ja eventuell ein Risiko bedeuten kann. So etwas haben sie noch nie genehmigt. Das bedeutet, jeder einzelne, der da irgendwo sitzt, muss über seinen Schatten springen. In bestimmten Ländern sind sie korrupt, da musst du ihnen Geld geben. In Deutschland ist man nicht korrupt, was ich sehr schön finde, da musst du die Leute motivieren.

Ich versuche insofern, die Menschen in jedem Amt dahingehend zu motivieren, dass sie sagen: „Jetzt sind wir zum ersten Mal Teil von etwas Besonderem.“ Dann engagieren sie sich, weil sie mitmachen möchten und gehen das Risiko ein, auch wenn sie ein solches zuvor noch niemals eingegangen sind. Das ist ein ganz wichtiger Bereich bei mir und auch der Grund dafür, warum ich Russisch lerne, wenn wir in Russland sind oder Chinesisch in China, damit ich mit den Leuten kommunizieren kann. 

Michaela Boland:

Heißt es nicht, dass in Russland Geschäftsabschlüsse häufig feucht fröhlich zu begießen sind? 

Elke Koska:

 Richtig, in Russland hinterlasse ich auch immer eine Spur des Todes. Ich vernichte immer alle Pflanzen, wenn ich bei jedem „Nastrowje“ den Wodka hinter mich in den nächst besten Blumenkübel schütte, da ich keinen Alkohol trinke. 

Michaela Boland:

 Wer so viel herumkommt, trifft bestimmt auch viele interessante Menschen. Gab es ein einzigartiges Erlebnis? 

Elke Koska:

Für ein Projekt, das wir 1994 in St. Petersburg durchgeführt haben, „Der Krieg“, bei dem es darum ging, zwei riesige Panzer, den einen Panzer mit weißem Marmor, den anderen mit schwarzem Marmor zu versehen, beide Rücken an Rücken auf dem berühmten Schlossplatz in St. Peterburg stehend und zwischen ihnen in zehn Meter hohen, aus unzähligen kleinen Lichtern bestehende Buchstaben, die Worte „Der Krieg“ geschrieben, spannend, während zu einem bestimmten Zeitpunkt durch konträre Fahrtrichtungen „der Krieg“ zerrissen werden sollte, das Ganze wurde live sowohl auf dem Time Square in New York“ als auch in Berlin übertragen, haben wir den damaligen russischen Bürgermeister Sobtschak in St. Petersburg kontaktiert.

 Dieser hatte einen zweiten Mann, der die Verhandlungen mit mir führte. Von diesem erhielt ich letztendlich auch die Genehmigung. Und dieser zweite Mann, war damals Putin. Zu dieser Zeit natürlich noch nicht Staatschef. Ich weiß noch als ich damals zurückgekommen bin, da habe ich erzählt: „Ich habe einen Mann getroffen, der hatte die kältesten Augen, die ich je sah“, und das war er.  

Michaela Boland:

 Ist der Ablauf eines Projekts immer reibungslos? 

Elke Koska:

 Ich halte auch Kontakt zu allen, mit denen ich gearbeitet habe. Da ich mit allen immer gut gearbeitet habe und auch alles, was ich versprochen habe, eingehalten und hinterher alles wieder gut aufgeräumt habe und auch mit den Sponsoren, die wir  immer sehr ordentlich abrechnete haben, besitze ich eben auch eine Glaubwürdigkeit. Jetzt ist es natürlich viel einfacher als am Anfang, da uns keiner kannte. In Ländern, wo du noch nie warst, da musst du das natürlich alles erst neu aufbauen. 

Michaela Boland:

Wie verlief die Arbeit in China? Die Trash People standen ja auch an der Chinesischen Mauer? 

Elke Koska:

 Es hat zwei Jahre gedauert bis wir die Genehmigung erhalten haben. Ich habe dann auch extra Chinesisch gelernt, weil ich selbst kommunizieren wollte. Es war unheimlich schwierig, denn die Chinesen zu motivieren, eine Genehmigung zu geben, ist das Schwierigste auf der Welt, weil jeder Angst hat, eine Entscheidung zu treffen, denn er kann ins Gefängnis kommen oder getötet werden.

 Und ein Chinese ist nicht gewohnt, eine Entscheidung zu treffen, weil es ja immer weitergeschoben wird. Zwei Jahre lang erhielt ich E-Mail über E-Mail, in welchen immer neue Fragen von chinesischer Seite auftauchten, die aber völlig unwichtig für das Projekt waren.

 So zum Beispiel: Welche Farbe werden die Handschuhe haben, mit welchem Fuß, wird der Vorarbeiter zuerst auftreten, mit dem linken oder dem rechten? Tausende solcher Fragen, weil man das Gefühl hatte, dann kann nichts schief gehen, wir wissen alles. Nach zwei Jahren fielen ihnen dann keine Fragen mehr ein. Ich hatte sie alle beantwortet und zurückgeschickt. Dann kam die Genehmigung.  

Michaela Boland:

 Könntest du dir vorstellen, auch für andere Künstler zu arbeiten? 

Elke Koska:

 Nein, ich habe mich entschieden. Ich habe häufig derartige Anfragen, aber das mache ich nicht. Das ist eine Entscheidung und ich finde Schults Kunst auch richtig und gut und dazu stehe ich. Ich würde das ganze ja irgendwo abwerten, wenn ich zu jemand anderem ginge und das tue ich ihm auch nicht an.

Michaela Boland:

Was hat es mit deinem eigenen neuen Kunstprojekt auf sich? 

Elke Koska:

 Ich habe eigentlich genug Selbstbewusstsein, um das nicht zu tun, aber der Schult wollte es unbedingt, um mir eine Freude zu machen. Ich habe über 60 Mäntel hergestellt, ursprünglich nur für mich selbst, z.B. chinesische oder afrikanische Mäntel, die jetzt natürlich nicht, wie man es aus einer Boutique kennt, am Bügel aufgehangen werden, sondern in einem Rahmen, der das Thema aufgreift, inszeniert werden.

 Alle Mäntel wurden selbst genäht oder selbst beklebt und die werden in der Galerie ausgestellt, weil Schult meint, dass es sich um Alltagskunst handelt. Er sagt ja, dass ich mein Leben lang die Kunst in den Alltag hinausgetragen habe und darum zeigen wir das jetzt auch.

 Die Idee ist quasi, Kunst die an der Wand hängt, die du aber anziehen kannst und mit der du herumlaufen kannst. Am 03.11.2009 in der Galerie Reitz, St. Apern Str.42 – 46 in Köln findet sodann die Vernissage „Wall and Street clothes“ unter dem Motto „Kunst von der Wand auf die Straße“ ab 19.30 Uhr statt. Aus Alltagsgegenständen werden richtige Bilder gemacht.

Michaela Boland:

Welche weiteren Projekte stehen auf dem Programm? 

Elke Koska:

 Als nächstes sollen die Trash People in die Antarktis reisen, hierfür gibt es aber nur ein enges zeitliches Fenster, weil das Eis nur für wenige Wochen passierbar ist. Das heißt derzeit arbeiten wir fieberhaft daran, einen guten Plan für die Anreise der Müllmenschen zu entwerfen. 

Michaela Boland:

Was liest Du?

 

Elke Koska:

 Ich habe früher unheimlich viel gelesen. Als Kind, weil ich ein Außenseiter war und nicht draußen spielte, später mit Schult viele Kunstbücher, dann habe ich ja immer viel gelernt oder über die entsprechenden Länder gelesen und jetzt habe ich beschlossen, nicht zu lesen. Insbesondere keine Tageszeitung, weil ich mir den Kopf nicht mit unnötigem Ballast verstopfen möchte. Ich lasse nur Dinge, die für mich wichtig sind, in meinen Kopf hinein. 

Michaela Boland:

Schaust du auch kein Fernsehen? 

Elke Koska:

 Doch, wenn ich viel gearbeitet habe, entspanne ich auch, aber dann habe ich so meine Prioritäten. Ich liebe auch wie alle Menschen Klatsch und Tratsch. Wir wissen ja auch, dass eine Gesellschaft nur damit funktioniert. Ich war z.B. ein Fan von Sex & The City, ich sehe jetzt auch Desperate Housewives und anschließend Lipstickjungle.

 Was mich krank macht, ist Dummheit, also schlechte Dialoge oder diese asozialen Castingshows oder asoziale Dokus, in denen furchtbar asoziale grauenvolle Menschen ihr nicht funktionierendes Familienleben zeigen. Das kann ich nicht sehen, das muss nicht sein. 

Michaela Boland:

 Wie sieht es mit Soaps aus? 

Elke Koska:

 Nein, noch nie. Ich habe noch nie eine Soap opera gesehen. 

Michaela Boland:

 Doch dabei hattest du bereits einen Soapstar hier bei dir zu Hause zum Essen zu Gast als du im vergangenen Jahr am perfekten Promidinner teilgenommen und die „lächerliche“ Kochkonkurrenz abgezogen und gewonnen hast. (Anm.d. Red.: Koska kochte in der Vox-Produktion “Das perfekte Promidinner” vom 09.11.2008 im Wettstreit um 5000,- Euro für einen guten Zweck gegen Moderator Ralf Kühler, Rennradsportler Marcel Wüst und Soapdarsteller Kai Noll).

Elke Koska:

 Ja und ich kannte ihn nicht. Das zeigt mal wieder, wie relativ Prominenz ist. Wenn ich mit dem über die Straße gehen würde, da der 1895-mal in irgendeiner Soap, die ich bis heute nicht kenne, gespielt hat, würden ihn alle kennen. Ich habe diese Soap nie gesehen, ich habe ihn auch hinterher nie gesehen.

 Also ich kannte ihn nicht. Und das ist ja auch die Geschichte. Wenn du dich darüber definierst, ob du schön bist oder jung bist oder berühmt oder reich bist, wird es immer jemanden geben, der schöner, reicher, berühmter oder jünger ist als du. Das ist ja völliger Unsinn. Man hat seine Persönlichkeit und das ist es. 

Michaela Boland:

Bitte beschreibe dich selbst ohne die Begriffe Muse, HA Schult, Künstler, Organisatorin, Managerin und Ex-Ehefrau.  

Elke Koska:

Ich bin ein glücklicher Mensch, der ein individuelles Leben lebt.  

Michaela Boland:

Liebe Elke Koska, vielen Dank für dieses Interview und alles Gute für die erste eigene Ausstellung.  

 

Elke Koska wurde als Muse an der Seite des am 24. Juni 1939 in Parchim geborenen deutschen Künstlers Hans-Jürgen Schult (HA Schult) bekannt. Ihr Alter hält die aus Dortmund stammende, für ihre Extravaganz bekannte Kunstmanagerin seit Jahren konsequent geheim. Anfang der 70er Jahre lernte die ehemalige Schauspielschülerin den damals noch wenig bekannten Schult als 16-jährige kennen und lieben.

 Insgesamt 25 Jahre waren Koska und Schult dann auch ein Ehepaar. Nach Scheitern der Ehe heiratete Elke Koska noch zweimal jeweils afrikanische Staatsbürger. Koska hat einen Bruder. Bis heute managt und betreut sie H.A. Schult weiterhin bei all seinen Kunstprojekten. In 2009 stellt Koska erstmalig eigene Kunst aus.  

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Für den Westdeutschen Rundfunk stand sie nach dem Jura-Studium seit 1996 als jüngste deutsche Fernsehmoderatorin eines Unterhaltungsformates für die sonntagnachmittägliche Sommer-Familientalkshow „Hollymünd“ vor der Kamera.

In der ARD präsentierte sie, neben ihrer Tätigkeit als Redakteurin der creatv-Fernsehproduktions GmbH für die Daily-Talk-Formate „HANS MEISER“ und „OLIVER GEISSEN“, auch die interaktive Vorabend-Liveshow „ARD-Studio Eins“ als Moderatorin. Als „Guten-Abend-RTL“-Redakteurin und Reporterin berichtete Michaela über spannende Themen aus ganz NRW.

 Für den Mobilfunk-Softwareanbieter Bob-Mobile betreute Michaela Boland beim Sender Viva plus das tägliche Call-TV-Format „Call 4 Cash“ als Redakteurin und Producerin. Auf 3-Sat fungierte sie außerdem als Gastgeberin der jährlich ausgestrahlten Kulturtalkshow „Doppelkopf“. Für TV NRW moderierte Boland darüber hinaus jeden Freitagabend zur Primetime die erste Casino-Show im Deutschen Fernsehen, „Casinolife“. Zusätzlich arbeitet Boland auch als Synchronsprecherin.

 

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04.04.2013 weltklasse jazz

GFDK - ACT Music

Sängerinnen, die es vermögen, ein ganzes Genre wachzurütteln, sind selten. Diana Krall und Norah Jones waren solche Ausnahmeerscheinungen und haben dem Jazzgesang einen neuen Stempel aufgedrückt. Auch die Koreanerin Youn Sun Nah ist solch ein Phänomen. In den letzten Jahren und vor allem mit den beiden ACT-Alben „Voyage“ (2009) und „Same Girl“ (2010) hat sie die Musikwelt im Sturm erobert.

„Ein Wunder“, „Ganz große Kunst“, „Bezaubernd“ oder „Weltklasse-Gesang“ befand auch die hiesige Presse, binnen zweier Jahre bekam Nah ihren mittlerweile vierten „Korean Music Award“, den Publikumspreis des BMW Welt Jazz Awards und den ECHO als Jazz-Sängerin des Jahres international. In Frankreich, ihrer zweiten Heimat, war „Same Girl“ das meistverkaufte Jazzalbum des Jahres 2011, Nah erhielt unter anderem den „Prix Mimi Perrin du Jazz Vocal“ als Sängerin des Jahres, vom führenden Magazin Jazzman gar den „Choc de l'annee 2012“ als Künstlerin des Jahres, und vom Kulturminister die Adelung zum „Chevalier de l‘Ordre des Arts et des Lettres“, womit sich Nah in illustrer Gesellschaft unter anderem von David Bowie, Dee Dee Bridgewater oder Dustin Hoffman befindet.

Was aber ist das Geheimnis dieses beispiellosen Erfolgs? Das neue Album „Lento“ gibt Antwort, bündelt es doch, wie unter einem Brennglas, Youn Sun Nahs einzigartige Stärken. Da ist zuallererst der selbstverständliche Zugriff auf von den unterschiedlichsten kulturellen wie musikalischen Quellen gespeistes Material. Außer beim Jazz oder bei Jazz affinem bedient sich Nah respektvoll, aber sehr freimütig bei Chanson, Pop oder Folk – so auch wieder auf „Lento“: Neben Eigenkompositionen der Sängerin und ihrer Bandmitglieder findet sich eine hauchzarte Version des koreanischen Volksliedes „Arirang“, ebenso wie „Hurt“ von den Dark-Rockern Nine Inch Nails und Stan Jones' „Ghost Riders In The Sky“, ein vor allem von Johnny Cash berühmt gemachter County-Klassiker.

Erstmals verarbeitet Nah auch ein Werk der europäischen Klassik: Alexander Skrjabins Prelude op. 16 Nummer 4 in e-Moll, dessen Tempobezeichnung „Lento“ nicht ohne Grund den Albumtitel inspirierte. Sie gibt den Tenor vor für einen intimen, stimmungsreichen, in sich ruhenden musikalischen Kosmos. Es sind die ruhigen und langsamen Momente, aus denen Youn Sun Nah ihre ganze Ausdruckskraft entwickelt, ob sie Stücke wie „Full Circle“ als hauchzarte Chansons anstimmt, zu sich bis zum Herzzerreißen steigernden Klagen auftürmt wie bei „Lament“ oder artistische Unisono-Vokalesen abfeuert wie bei „Momento Magico“.

Deutlicher denn je wird auf „Lento“, wie Youn Sun Nahs Gesangsstil das Material wie ein Katalysator harmonisiert. Es ist ihre Präzision bei Intonation und Phrasierung, ihr unvergleichliches Timing und ihr kristalliner Glanz, durch welche aus minimalistischen Formen höchste Eleganz, mystischer Zauber und tiefes Gefühl entspringen. Das verlangt höchst filigrane und aufmerksame Begleiter, und so war das Erfolgsteam von „Same Girl“ auch für „Lento“ erste Wahl: Nahs langjähriger Duett-Partner Ulf Wakenius an der Gitarre, der Bass-Streichler Lars Danielsson und der feinsinnige Perkussionist Xavier Desandre-Navarre. Eine neue Stimme kommt freilich hinzu: Der französische Akkordeon-Zauberer Vincent Peirani. Zwei Titel auf „Lento“ stammen aus seiner Feder, und auch sonst scheinen seine Variationen und Einfälle genau wie bei Youn Sun Nah einer inneren Stimme zu entströmen, weshalb die beiden perfekt harmonieren.

Mit ihrer individuell artikulierten Universalität ringt Youn Sun Nah dem traditionellen Jazzgesang eine neue Note ab. Originell und eigenwillig, dabei scheinbar ganz unangestrengt, eröffnet sie dem Hörer höchst reizvolle Räume. Und ist damit die aktuell vielleicht überzeugendste Repräsentantin eines Jazz, der, stilistisch aufgefächert, das ganze Spektrum professioneller Kunstmusik einverleibt.

 

Bilder Youn Sun Nah © Sung Yull Nah

ACT Music & Vision GmbH & Co.KG
E-Mail: info@actmusic.com

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02.04.2013 "Lolita, die sich im Ghetto verlaufen hat"

GFDK - Universal Music - 8 Bilder

Lana Del Rey die Entdeckung des Jahres. Die Künstlerin aus New York bestimmt seit Anfang 2012 die internationalen Charts mit ihrem zweiten Album "Born To Die". In elf Ländern erreichte es Platz 1, allein in Deutschland erhielt es Gold sowie Doppel-Platin. Zahllose Preise untermauern zudem die Ausnahmequalität der Poetin, Songwriterin und Sängerin.

Manchmal entwickeln sich Stars. Manchmal werden uns Stars einfach aufgedrängt. Und dann gibt es zuweilen Stars, die einfach in die Atmosphäre eintauchen, als ob sie von einer jenseitigen Kraft angetrieben werden.

In diese letzte Kategorie fällt Lana Del Rey mit ihrer erstaunlichen Ausstrahlung, ihrer beeindruckenden Stimme, dem souveränen Look und ihrem einzigartigen Gefühl.

Musikalischer Starruhm ist nicht nur eine mögliche Option für Miss Del Rey. Es ist ihre Berufung. Sie nennt sich selbst die "Gangsta-Nancy-Sinatra" und beschreibt ihr Genre als "Hollywood Pop/Sadcore", eine dramatische neue Schwingung der Popmusik.

Ihren Look beschreibt sie als "Lolita, die sich im Ghetto verlaufen hat". Man sollte sich an all das gewöhnen. Denn es ist mehr als nur ein prägnantes Zitat – dies ist Lanas Realität.

Lana Del Rey wuchs als Lizzy Grant in Lake Placid auf, an den äußeren Randgebieten des Staates New York. Dort hat sie einen Teil ihres unverwechselbaren musikalischen Stils entwickelt.

"Man bekommt dort so ein monumentales, nostalgisches Gefühl“, beschreibt sie ihre Heimat. „Es liegt inmitten eines Nationalparks, sechs Stunden von New York City entfernt. Aber das Leben ist auch sehr anstrengend dort, weil der Ort auf einem Tourismus aufgebaut wurde, den es heute nicht mehr gibt."

Dass Lizzy mit 15 auf ein Internat in Connecticut abgeschoben wurde, machte die Sache kaum besser. Heute beschreibt sie diese Erfahrung als "nach außen hin ganz schön, doch innen drin auch ganz schön fertig".

Ihr Kopf nickt, wenn man sie mit dem Klischee konfrontiert, dass in solchen Internaten oft eine Art von reglementiertem Wahnsinn herrsche. "Darum gibt es ja auch so viele Filme über diese Einrichtungen, weil die ganzen Vorurteile über Internatsschulen wahr sind."

Mit 18 erfüllte sie sich schließlich den lebenslangen Traum und brach nach New York City auf. "Schon als ich noch ganz klein war, wusste ich, dass ich eines Tages dort landen würde", erinnert sie sich. "Dort ist einfach jeder Tag ein Vergnügen. Jeder einzelne Tag, den ich aus der Tür heraus gehe, ist ein guter Tag. Ich mag einfach alles dort. New York belohnt mich großzügig für meine Liebe zu dieser Stadt."

Der Prozess ihrer verblüffenden Neuerfindung, die Erfüllung ihrer natürlichen Neigung zum Starsein, begann gleich am ersten Tag. "Es ist schön, in der Lage zu sein, sich das Leben zu gestalten, das man sich erträumt hat. All die Dinge, mit denen man beginnt, sind einem ja von jemand anderem vorgegeben.

Da muss man so mutig sein und einen Neuanfang versuchen. Auch wenn der Gedanke erst ein wenig beängstigend sein mag. Schließlich trauen sich nicht viele Leute zu sagen: „Ich werde noch mal ganz von vorne beginnen und diesmal alles so machen, wie ich es will." Lizzy Grant hat es getan, angefangen mit der Verschrottung ihres Geburtsnamens. Lana Del Rey war geboren.

Ihre erste musikalische Visitenkarte gab Lana bei einer "Open Mic Night" ab, im New Yorker Hipster-Vorort Williamsburg. Sie war 19 und eingeschüchtert. „Die erste "Open Mic" war ein Schock für mich. Es war in der Lilo Lounge, ich trug Jeans und ein gelbes Shirt. Niemand spielte zu der Zeit noch in New York.

Ich hatte nur eine Akustikgitarre. Jeder hielt den Atem an, es war verdammt peinlich. Es war eine Rock-Bar, und ich gehörte da nicht hin. Ich sang eine Ballade, etwas in der Art von "Video Games", für das ich die drei Akkorde schon geschrieben hatte. Im ganzen Raum verstummten plötzlich die Streitereien, es wurde schlagartig still.

Die Leute haben danach auch nicht geklatscht. Es blieb einfach ruhig. Ich sagte "danke", ließ meine Jacke am Barhocker hängen und rannte einfach aus dem Laden. Das hatte eine interessante Dynamik. Ich dachte, wenn ich die Leute von etwas abhalten kann, dann könnte das reichen.“

Ohne Zweifel, hier passierte etwas Besonderes. Die ineinander greifenden Klangschichten ihrer hypnotisierenden, gedämpften Stimme weckten bei den Leuten sofort starkes Interesse.

"Jemand kam mir nachgelaufen und sagte: "Du solltest zu einer Session kommen, die ich nächste Woche veranstalte, und ein paar Songs dort spielen." Ich hatte ganz schön Angst, wenn sie mich in dieser Nacht ausgelacht hätten, wäre ich nie wieder auf die Bühne gegangen. Niemals."

Ihre direkten Einflüsse sind sowohl musikalischer als auch visueller Natur: David Lynch, Soundtracks zu Schwarzweiß-Filmen aus den 50ern, der schwirrende Sound des Riesenrads auf Coney Island, Ruhm an sich. Sie lebte in einem Trailer-Park bei New Jersey und schmückte ihre Heimstatt mit Fahnen, Wimpeln und saisonal unpassenden Weihnachtslampen. "All die Dinge, die ich liebe", wie sie anmerkt. Dies war nun Lanas Welt, und in der musste es funkeln.

Zunächst ging es für sie im Musikgeschäft auf und ab, wobei sie an den anspruchsvollen Träumen von den Möglichkeiten für Lana Del Rey stets fest hielt. Hier hatte sich schließlich eine atemberaubende Musiklandschaft entwickelt. Zerbrechlich, emotional und sich schier überschlagend mit filmischen Referenzpunkten, erstrahlte ihr Songwriting in Technicolour.

Der etwas verdorbene Glamour von "Video Games", mit den Anleihen bei der Schwatzhaftigkeit des HipHop und dem schwarz angehauchten Melodiegefühl des Torch Songs, wurde zum Ausgangspunkt für sie.

„Ich hatte einen Sound gefunden, der mich begeistert und zugleich intrigiert hat. Schockierend genug, dass ‘Video Games’ solch ein Schlüsselmoment für mich war. Ich war auf der Jagd nach Hits, schnellen Songs, bei denen ich mich dann fragen würde, wie ich dazu im Rampenlicht an der Stange tanzen soll.

Ich habe ‘Video Games’ allein für mich gemacht. Es war langsam, es war eine Ballade, die keinen richtigen Refrain hat. Ich habe den Song bei "Youtube" eingestellt und es hat funktioniert. Jeden Tag gab es wieder tausend neue Views, und ich fragte mich, wo all diese Leute her kamen.

Ich hatte keine Ahnung, wo sie davon gehört hatten, aber sie sprachen mich alle auf diesen Song an. Das hatte ich nicht erwartet. Doch was für eine Erleichterung. Wenn ich eine Chance bekommen sollte, genauso meine Hollywood-Glam-Balladen zu singen wie die Upbeat-Gangsta-Versionen dieser Songs, dann wäre das großartig. Hauptsache nicht so singen zu müssen, wie es so viele andere tun.“

Dies war eindeutig die Musik von jemandem, der sich in der Liebe hingegeben hatte und verletzt worden war, der den erlesenen, betörenden Schmerz eines gebrochenen Herzens verstand.

„Kampf hat etwas sehr Schönes an sich. Jeder Kampf. Und ich spüre den Schmerz des Lebens.“ Umso besser, dass sie dieses Gefühl mit einem Publikum teilt. „Ich erzähle in meinen Songs von epischen, in Stücke zerlegten und in die Länge gezogenen Love-Stories. Das ist es, wo ich hin will.

Ich möchte mit meiner Musik Leben zerstören und den Zauber der Gefahr verstehen. Gäbe es ohne Scarface auch nur halb so viele Gangster, wie da draußen rumlaufen? Odd Future, Lil Wayne, Simon Cowell. Man kann von den Geschichten dieser Leute einfach nicht lassen, wie sehr sie auch von der Macht verdorben sein mögen.

Es gibt da ein ganzes neues Genre, dem niemand Beachtung schenkt. Der American Dream und der American Psycho fangen an, die gleiche Sache zu repräsentieren. Das Kino und die Musik und das Leben beginnen ineinander zu fließen. Tod ist Kunst. Die Popmusik hat sich totgelaufen. Der einst blühende Traum ist tot.“

Starke Worte. Aber mit 24 Jahren hat sich Lana ihrer Angst gestellt und bemerkenswerte Erfahrungen gemacht, auf denen ihr magisches musikalisches Storytelling baut. „Ich verliebe mich nicht so leicht, denn ich bin sehr wählerisch. Doch gleichzeitig kann ich mich auch total töricht verlieben. Liebe als intensiver Zusammenprall.

Alles, was ich wissen muss, finde ich innerhalb von einer Minute heraus. Das heißt keineswegs, dass es gut ausgehen wird, aber zumindest sehe ich es sofort. Ich möchte jemanden finden, der starke Anziehung auf mich ausübt, mich aber nicht verletzen wird. Das ist hart.“

All diese Vertraulichkeiten fließen auf dem Debütalbum von Lana Del Rey zusammen, dessen Veröffentlichung vorläufig für Anfang 2012 angesetzt ist. Dort wird die opulente Orchestrierung von „Video Games“ von einem wahren Füllhorn an Musik komplementiert, die sie mit viel Liebe im Studio erschaffen hat, seit sie sich erstmals ihrer Angst gestellt hat.

Das geht vom hinreißenden Timbre von „Hey Lolita Hey“ bis zum von HipHop beeinflussten „National Anthem“. Lana Del Reys Musik klingt so einmalig, als wäre sie für sie maßgeschneidert worden.

Sie plant, mit den Schwergewichten des HipHop zu arbeiten, mit den Fußsoldaten an der Basis von aufregender Popmusik. „Ich weiß, dass es viel Arbeit erfordern wird, um dorthin zu kommen.

Aber das ist okay, solange du Leute um dich herum hast, die an dich glauben. Die Platte wird umwerfend. Soviel wissen wir schon sicher. Aber ob es funktionieren wird oder nicht, diesen Teil können wir leider nicht vorhersehen.“

Und was ist mit der unausweichlichen Publicity, die ihren Weg begleiten wird? Davor hat Lana Del Rey keine Angst. „Ich kenne eine Menge unterschiedlicher Leute. Im Dunkeln der Nacht, wenn sie betrunken sind, wollen sie doch alle das Gleiche.

Alle wollen sie berühmt sein. Das Bedürfnis, dass andere Leute von deinem Leben Notiz nehmen, ist nur natürlich und menschlich. Es ist für Menschen wichtig, beobachtet zu werden. Sie wollen nicht allein sein. Ich will nicht allein sein.“

Am Samstag, den 6. April 2013, gastiert die Stil-Ikone in der Hamburger o2 World

Universal Music Deutschland
Stralauer Allee 1
10245 Berlin


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Presse: Katja.Behrens@umusic.com

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14.03.2013 leute dreht die bässe auf! Redaktions-Tipp!

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Nach Adele und den ganzen Brit-Röhren endlich mal wieder ein wahres Highlight der Newcomer-Szene. Leute dreht die Bässe auf! Die Stimme sprengt alles. Ein absoluter Redaktions-Tipp!

Bei ihr ist nichts gekünstelt, konstruiert oder aufgesetzt. Im Gegenteil: Ihre massive Soul-Stimme, ihr Sound, ihre ganze Präsenz – das alles ist einfach nur natürlich und echt. Und gerade deshalb immer wieder umwerfend: Ganz gleich, ob sie mit ihrer 16-köpfigen Band (!) eine Masse von 4000 Fans selbst im heftigsten Regen zum Bleiben und schließlich sogar zum Tanzen bewegt (so geschehen beim Montreal Jazz Festival) oder im sehr viel kleineren Club-Rahmen mit „nur sechs Mann“ Begleitung auftritt.

Sobald sie ihre gewaltige Soul-Voice auspackt, zieht diese junge Britin das Publikum in ihren Bann. Und wer dermaßen lässig-unbeeindruckt die Bühne nach einer nüchternen Amy Winehouse betritt oder eine Legende wie Roy Ayers bei „Everybody Loves The Sunshine“ dermaßen (stil-)sicher unterstützt, darf sich auch nicht wundern, wenn die Medien nur Lob für sie übrig haben und sich unter die Fans längst auch diverse andere Musikgrößen mischen – so zum Beispiel Gilles Peterson, David Byrne, Dennis Coffey, Daddy G von Massive Attack oder die Jungs von Groove Armada.

Auch haben in den letzten Jahren diverse Produzenten bei ihr angeklopft und sie als Albumgast ins Boot geholt: Mr Scruff zum Beispiel, Quantic und Nostalgia 77, wobei sie mit letzterem zusammen sogar jene Coverversion von „Seven Nation Army“ aufnahm, die noch Jahre später die Tanzflächen in Brand setzen sollte. Nach der Veröffentlichung von „Under The Munka Moon“, so der Titel ihres Debüts, arbeitete Alice Russell jedoch größtenteils mit TM Juke zusammen, ihrem Stamm-Producer und Band-Leader. Angefangen mit dem gemeinsamen Debüt der beiden, „My Favourite Letters“, bis hin zum „Pot Of Gold“-Album, hat dieses Dream-Team ein paar der größten Soul-Tracks seit den Heydays einer Aretha Franklin aufgenommen.

„Wir beide sind halt extrem offen, was den Songwriting-Prozess angeht“, berichtet Alice über die Zusammenarbeit mit TM Juke. „Das mag auch daran liegen, dass wir beide auf so unglaublich viele Genres und Musikstile stehen – also Puristen sind wir definitiv nicht. Wenn man einen Blick auf unsere Einflüsse wirft, findet man da alles von Sarah Vaughan bis Bach, von Kate Bush bis Arvo Pärt – oder auch von J Dilla bis Alice Coltrane. Mal feiern wir richtig dreckigen Dubstep ab, und im nächsten Moment ist es schon wieder richtig krasser Soul von der alten Schule. Wir geben uns da immer gegenseitig einen Stups in die richtige Richtung.“

So wichtig ihr die Studioarbeit und das Schreiben neuer Songs auch ist: Mitzuerleben, wie Alice Russell einen Club oder eine Konzerthalle verwandelt und ein Publikum in ihren Bann zieht, ist kaum in Worte zu fassen. Und ob das nun mit gewaltiger Band und viel Bläser-Nachdruck im Rücken oder im ganz kleinen Rahmen geschieht, tut dabei wie gesagt nichts zur Sache: „Ja, auf der Bühne ist das alles einfach viel direkter“, sagt sie auch selbst. „Ich stehe generell auf Dinge, die noch wandelbar sind – auf Freiräume! Im Studio hingegen kann sich das schon mal so anfühlen, als ob einer ein Foto von dir machen will. Das eigentliche Schreiben im Studio meine ich gar nicht, das ist der Hammer, aber dann den perfekten Take aufzunehmen, das ist gar nicht so leicht, wobei es auch echt aufregend sein kann. Nur live gibt’s diesen zweiten Versuch nun mal nicht, da muss man einfach automatisch alles geben.“

Ihre Liebe zur Bühne hat ihr schon diverse grandiose Momente und etliche Anekdoten beschert – so zum Beispiel das eine Mal in Japan, wo sie ihren Aufenthalt ursprünglich nur verlängert hatte, um das Dorf zu besuchen, aus dem ihr Tourpromoter stammte – allerdings wurde ihr dort ein interessantes Angebot gemacht: Fast schon wie im Film, konnte sie so lange wie sie wollte über ihr Hotelzimmer verfügen, wenn sie im Gegenzug ein improvisiertes Konzert im Dorf geben würde. „Und natürlich haben wir sofort zugesagt“, strahlt Alice noch heute. „Sämtliche Omas und Babys wurden angekarrt, und wir haben dann über so eine improvisierte Anlage, irgendwelche Boxen und Verstärker gespielt. Ganz klar einer der wunderschönsten Gigs, den ich je gespielt habe.“

Zu weiteren Bühnen-Highlights zählt z.B. auch ihr Auftritt mit The Roots in deren Heimatstadt Philadelphia, während eine noch größere Legende sie zwar nicht auf die Bühne, aber erst kürzlich ins Studio bat: David Byrne, der sie für sein aktuelles Album als Vokalgast engagierte.

„Überhaupt ist das Singen für mich der beste Weg, um meine Gefühle rauszulassen“, berichtet Alice weiterhin. „Manchmal fühle ich mich dann richtig high, gerade wenn ich in höheren Tonlagen singe. Mir tut es einfach gut: Wenn man das Gefühl hat, dass nichts so richtig klappt, geht’s einem gleich viel besser, wenn man die richtige Melodie auf den Lippen hat. Ich hab selbst Panikanfälle schon erfolgreich damit beenden können: Einfach ‘Songs In The Key Of Life’ von Stevie Wonder mitsingen – das ganze Album. Sollten vielleicht auch mal die Ärzte in ihren Maßnahmenkatalog aufnehmen: Gesang auf Rezept.“

Das 2012 gemeinsam mit Quantic veröffentlichte „Look Around The Corner“-Album wurde rund um den Globus abgefeiert: Soul und Blues kombinierten die beiden hier auch mit Folk- und Gospel-Elementen, wobei Quantics Combo Bárbaro für sämtliche Instrumente verantwortlich war. Über den Tracks, die sie in Quantics Sonido del Valle-Studio in dessen Wahlheimat Cali (nicht Kalifornien, sondern die Stadt in Kolumbien) aufnahmen, bewies Alice wieder einmal, wie vielseitig und scheuklappenfrei sie als Sängerin und Songschreiberin ist. Auch die ausverkaufte Tour zu dieser Albumveröffentlichung entpuppte sich Abend für Abend als ein einziges großes Fest.

Womit wir also beim neusten Kapitel in der Karriere von Alice Russell angekommen wären: Gemeinsam mit ihrem Producer-Buddy TM Juke aufgenommen, präsentiert sie das neue Album „To Dust“, das am 15.02.2013 erschienen ist. Schon mit ihrer ersten Singleauskopplung „Heartbreaker“ unterstreicht sie, dass sie heute mehr Soul denn je hat: „Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung“, so ihr Kommentar, „von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“ Im Videoclip zu „Heartbreaker“ spielt übrigens Hollywood-Schauspieler Harry Shearer mit, der neben etlichen anderen Rollen auch als eine der wichtigsten Stimmen von The Simpsons bekannt ist.

Im Folgenden berichtet Alice Russell über die Entstehung von „To Dust“ und geht dabei auch detailliert auf eine Auswahl der neuen Tracks ein...

Entstanden ist „To Dust“, indem ich mich einfach mit Alex getroffen und wir beide Ideen ausgetauscht haben. Wir haben sehr viel mit der Live-Band ausprobiert, und viele der neuen Songs haben wir etliche Male umgeschrieben und verändert, bis dabei schließlich diejenige Version herauskam, die sich für uns richtig anfühlte. Was meine Kommentare zu den einzelnen Songs angeht, ist es letzten Endes doch so: In unseren Köpfen wissen wir ganz genau, was diese Stücke bedeuten, doch sobald ein Song veröffentlicht wird, sind die Zuhörer an der Reihe – sie sollen das darin finden und sehen, was sie nun mal für sich darin entdecken und dem jeweiligen Stück abgewinnen können. Manchmal ist das dann hinterher etwas vollkommen anderes als das, was ich im Kopf hatte, als der Song entstanden ist – aber auch das ist vollkommen okay.

Es geht doch immer darum, eine Idee zu kommunizieren; ein Gefühl oder irgendeine Gemütsregung, und wenn auch nur ein klitzekleiner Teil davon bei den Zuhörern ankommt, dann genügt das vollkommen. In einem Wort: Vielleicht sollte man die folgenden Zeilen gar nicht lesen, sondern einfach nur genau hinhören und darauf achten, was die Songs mit einem anstellen. Aber fangen wir mal an...

„HEARTBREAKER“

„Heartbreaker“ basiert auf einem Gitarrenriff, das sich Al ausgedacht hat. Ich bin sofort drauf abgegangen. Ausgangspunkt war danach der Refrain: „Heartbreaker, I cannot breathe, it’s so over, self-signed decree“. Ich hab diverse Harmonien dazu ausprobiert, und der Rest ergab sich dann wie von selbst... „there’s a river in my mind, and it won’t stop running just for you, there’s a thousand forest fires between us, and I can’t get through.“ Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung, von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“

„FOR A WHILE“

Das war eines der ersten neuen Stücke, die wir für dieses Album geschrieben haben. Der Beat ist ganz schön heftig verschroben, und im Text geht’s darum, sich einfach mal in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen: „If you were me just for a time, maybe you’d think about it more and realise“ – ich wollte dafür ganz viele Harmonien übereinander schichten, denn ich liebe Harmonien einfach! Schließlich hat Alex mir auch das Abmischen überlassen bei diesem Track, denn bei so vielen Harmonien kann einem als Mann schon mal schwindelig werden.“

„HARD AND STONG“

Der Arbeitstitel dieses Tracks lautete ursprünglich „Petrol Station“. Hat ganz schön lange gedauert, bis wir zum Kern dieser Idee vorgedrungen waren; wir nahmen immer noch eine weitere Version auf, dabei hatte alles ganz spontan angefangen: Alex gab mir einen Loop und ich nahm dazu mit meinem iPhone mal eben die erste Strophe und somit auch die Melodie auf. Das Stück handelt davon, wie eine Idee plötzlich in den Köpfen der Menschen ankommen kann; von der Kraft, die frei wird, wenn wir zusammenkommen und gemeinsam versuchen, etwas zu verändern. Wenn also plötzlich alles klar ist, die Leute aufstehen, um ihre Meinung zu sagen, und man auch kein Geld mehr braucht, um eine Meinung zu verbreiten, weil der Ball so oder so schon längst ins Rollen gekommen ist und langsam unaufhaltbar wird. Es geht darum, sich selbst wieder zu ermächtigen – in einer Welt mit Kanälen wie Twitter und Wikileaks, in der die Leute zum ersten Mal auch selbst Gehör bekommen können, ohne den Umweg über die Medien gehen zu müssen. Ich habe das Gefühl, dass sich die großen Jungs immer schwerer damit tun, ihr Versteckspiel erfolgreich am Laufen zu halten. Darum auch: „you can’t stop the lights from turning on, dull these words but back they come hard and strong.“

„TWIN PEAKS“

Wir haben einen einwöchigen Abstecher nach Frankreich gemacht, und „Twin Peaks“ ist der einzige Song, der aus dieser Zeit auf dem Album gelandet ist. Wir hatten einfach all unser Aufnahme-Equipment in den Wagen gepackt und waren zur Familie von Jack Baker aufs Land gefahren in Frankreich; dort angekommen bauten wir also alles auf, und genau genommen entstanden diverse Songs während dieser Sessions – und vielleicht wird davon auch später noch mal was erscheinen – aber was dieses Album angeht, fühlte es sich richtig an, genau diesen Song dafür auszuwählen. Die Woche selbst war grandios: Vollkommen abgeschnitten von der Welt, konnten wir uns voll und ganz auf die Musik konzentrieren und schauen, was dabei herauskommt. Komplett im Kasten war „Twin Peaks“ natürlich noch nicht, als wir zurückkamen, aber ich habe dann zu Hause noch den Text und die Melodie überarbeitet und dann hat’s gepasst. Was die Harmonien angeht, hatte ich wohl Prince im Hinterkopf. Hört man auch deutlich raus, den „Purple“-Einschlag...

BREAKDOWN

Dieser Song entstand ehrlich gesagt, als es mir gerade nicht besonders gut ging. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, ist schließlich keine Therapiesession hier, aber ich war auf jeden Fall ziemlich traurig: Ein paar Freunde hatten sich entschlossen, zum nächsten Ort weiterzuziehen – wo oder was auch immer dieser Ort sein mag – und dazu kam, dass ich echt wütend war auf einen Menschen, der mich mies behandelt hatte, wie ich fand. Problem war nur, dass ich meine Gedanken dazu irgendwie nicht ordnen konnte. Und genau aus dieser Stimmung heraus entstand nun also dieser Song, der teilweise wie ein Mantra funktioniert, dessen wichtigste Worte wohl das „Let go“ sind. Loslassen! Abschließen mit dem Thema! Irgendwann wird wohl jedem klar, dass die Sachen von uns Besitz ergreifen, an denen wir zu verkrampft festhalten, die wir nicht loslassen können oder wollen. Und damit sie uns nicht ganz auffressen oder zum Durchdrehen bringen, muss man sich auch mal wieder locker machen. Let go!

„TO DUST“

Der Song soll unter anderem eine Ode ans Finanzamt sein – und überhaupt an alles, was vollkommen überflüssig zu sein scheint, aber doch einen Großteil unserer wertvollen Zeit in Anspruch nimmt: Der ganze Papierkram halt. „To Dust“ entstand, als ich gerade eine Reihe von unschönen Briefen erhalten hatte, woraufhin ich sogar eine Abneigung gegen meinen Briefträger entwickelte – wobei der bestimmt ein ganz akzeptabler Kerl ist! Mir war das einfach zu viel, und so entstand also „To Dust“, was leider auch bedeutet, dass ich nun jedes Mal an diese Zeit erinnert werde, wenn ich das Stück live singe. Trotzdem kann sich bestimmt jeder damit identifizieren!

„CITIZENS“

Das ist noch so ein Stück, das schon vor einer ganzen Weile entstanden ist. Wir haben „Citizens“ dann immer wieder anders gespielt, bis eines Nachts diese Version dabei im Studio entstand: Es war drei Uhr in der Früh, wir hatten schon den ganzen Tag lang an den anderen Songs gearbeitet, und eigentlich brauchten wir nur etwas, um nach so einem verrückten Tag hinterm Mischpult mal wieder ein wenig herunterzukommen. Man hört wohl auch das Rauchige in meiner Stimme raus - aber es ist ja auch ein Ruf zu den Waffen... „stop and think a little about what you’ve got/citizens of planet earth don’t get caught in the catch/just take a little time to contemplate/are you still moving on everytime you fall...“

„I LOVED YOU“

Den hier hat Alex geschrieben. Er sah darin ursprünglich einen Disco-Track, und so präsentierte er mir „I Loved You“ auch zunächst, nur konnte ich damit nichts anfangen und schlug daher vor, einfach mal das Tempo zu drosseln, das alles etwas zu reduzieren – und diese Version fühlt sich nun genau richtig an. Inhaltlich geht’s dabei um einen verflossene Liebe, die man sich zwar zurückwünscht, aber andererseits auch genau weiß, dass es nichts bringt, dass es vorbei ist; es geht also schon um Trauer und um Herzschmerz.

 

Am 24. Mai 2013 spielt Alice im Postbahnhof Berlin

 

Beats International
Peter & Stephan GbR
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23.02.2013 Lindseystomp

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Die junge und erfolgreiche Amerikanerin Lindsey Stirling bricht mit vielen Konventionen und vereint damit die unterschiedlichsten Musikgenres - Ihr Debütalbum erschien am 08.02.2013 bei Universal Music.

Hinter der Violinistin und Choreographin Lindsey Stirling verbirgt sich eine außergewöhnliche Künstlerin. Mit ihrer atemberaubend individuellen Mischung aus klassischen Kompositionen, modernen DubStep-Rhythmen und progressiven Tanzeinlagen hat die 26-Jährige nicht nur ein eigenes Genre erschaffen. Sie verbindet zudem auf vollkommen neue Weise die Tiefe von E-Musik und künstlerischer Tanz-Performance mit der Leichtigkeit moderner Pop- und Clubmusik.

Lindsey Stirling wuchs in einfachen Verhältnissen in Gilbert/Arizona auf, wo sie bereits als Kind aufmerksam den Klassik-Platten ihres Vaters lauschte. Im Alter von fünf wünschte sie sich eine Violine, für Unterricht fehlte aber das Geld. Ihr zweites Interesse galt dem modernen Tanz, dessen technische Grundzüge sie sich über Lehrvideos im Internet beibrachte. Ihr überbordender Enthusiasmus überzeugte die Eltern schließlich, in ihre künstlerische Ausbildung zu investieren. Bereits als Teenager begann Lindsey, ihr Instrument auch außerhalb üblicher Klassik-Kontexte auszuprobieren. Mit ihrem Spiel, das ebenso mutig wie kontrolliert, expressiv wie geschmeidig ist, gewann Lindsey Stirling zahlreiche Preise.

2007 etablierte sie mit 'Lindseystomp' ihren eigenen YouTube-Kanal, auf dem sie ihre kraftvollen Kompositionen zwischen Klassik und DubStep mit progressiven Tanz- und Performance-Videos verknüpfte, bei denen sie größtenteils selbst Regie führte und deren Choreographien sie entwarf. Zügig entwickelte Lindsey sich zum Internet-Phänomen und zu einer der meistangesehenen Künstlerinnen auf YouTube: 'Lindseystomp' zählt aktuell mehr als eine Million Abonnenten, ihre Videos wurden insgesamt über 208 Millionen Mal angeklickt

Das im September erschienene Debütalbum "Lindsey Stirling" erreichte Platz 1 der US-Dance- und Platz 2 der US-Klassik-Charts – ein Spagat, der noch keinem Künstler zuvor gelungen ist.

Nach ihrer bereits im Vorfeld ausverkauften Clubtour sind neue Live-Daten für Mai in Planung.

 


 

 

Kai Manke
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17.02.2013 jung, blond und blauäugig

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Irgendwie kommt man von der Vorahnung nicht los, dass uns hier das wohl unbeschwerteste Album des Frühjahres 2013 ins Haus steht. Dass hier eine Künstlerin im Anmarsch ist, der schon jetzt so viele erliegen, dass man sich – auch so eine Art von Leslie Clio – über das Morgen nicht den Kopf zerbrechen muss.

Irgendwie ist sie eine Herzenfängerin. Auf der Bühne, wo sie bei Joss Stone oder Michael Kiwanuka zeigt, dass sie mehr ist, als der „Support“-Act. Auf ihren eigenen Konzerten und Festivalauftritte. Mit einem Video zu ihrer ersten Single „Told You So“, das bereits mehr als 1.000.000 mal allein auf youtube angeschaut wurde und eine Künstlerin zeigt, die weder Angst vor offen gelegten Gefühlen noch vor klaren Ansagen hat. Mit bereits über 500 Plays für die aktuelle Single „I Couldn’t Care Less“ jede Woche im Radio.


Es brodelt gewaltig um Leslie Clio, die weder Angst vor offen gelegten Gefühlen noch vor klaren Ansagen hat. Doch wenn man sie fragen würde, was dieser steigende Druck auf dem Aufmerksamkeitskessel mit ihr macht, sie würde wahrscheinlich antworten: „I Couldn't Care Less“ und weiter einfach vor Freude in die Luft springen. Wir machen mit!

 

Leslie Clio

Jetzt nur nicht zu clever erscheinen. Nicht dumm aber auch nicht zu clever. Das wäre fatal - und unnötig. Sie ist jung, blond und blauäugig. Ihr Soul ist blauäugig. In diesen grossen, blauen Augen spiegelt sich das Staunen über unser irdisches Dasein. Sie haben schon mehr gesehen als die ihrer Altersgenossen. Leslie ist eine Reisende; ihr gehört die Welt, denn sie lässt sich nicht aufhalten.

Das glaubt einem keiner. Man kann das Gebot der Stunde gar nicht überstrapazieren. Nicht zu clever erscheinen. Nicht zu dick auftragen. Die Realität ist prall genug. Nehmen wir zum Beispiel die Pop-Nation schlechthin, Großbritannien. Die liebt den leichten Anflug von mangelnder Perfektion. Das Publikum ist misstrauisch, wenn die Dinge zu slick erscheinen. Lieber klammert es sich an die Illusion von Unbekümmertheit. So erklärt Dusty Springfield, in den Sixties die Queen des so genannten “Blue-Eyed Soul”, dass sie bis heute nur als Interpretin bekannt ist. “Ich dachte, Credits in Anspruch zu nehmen, wäre nicht förderlich für meine Glaubhaftigkeit als kleine, unschuldige Sängerin.”

So etwas kann Leslie nicht passieren. Trotz aller Bewunderung für die klassischen und modernen Stimmen des Souls hat sie sich bereits vor der Produktion für einen ganz eigenen Weg entschieden, und der führt an allen Stereotypen vorbei. Leslie macht kein Geheimnis aus ihrer Selbstermächtigung und vertraut lieber Nikolai Potthoff als einer Armada von prominenten Produzenten und Co-Autoren. Zusammen haben Leslie und Nikolai über viele Monate hinweg einen musikalischen Kosmos ausgestaltet, der seinesgleichen sucht. Im selben Moment leicht und dennoch gehaltvoll, brilliert die facettenreiche Produktion mit Beats und Sounds, die man in dieser Form noch nicht gehört hat. Auffallend ist die konzentrierte Einfachheit, die transparenten Arrangements und das urbane Setting - Referenzen an freundlicheren Post-Punk und dunkleren Trip-Hop sind hier ebenso in homöopathischer Dosierung zu finden wie die Spuren der älteren und jüngeren Soul-Geschichte. Als hätten sich die beiden eingeschlossen, mehrere geschmackvolle Plattensammlungen eingedampft und daraus pure Magie destilliert.

Im Kern scheinen alle Songs von grossen Gefühlen zu handeln. Mad Drama! Doch das wirkt nur so. “In meinen Liedern reflektiere ich einfach, was mich beschäftigt,” behauptet Leslie und zieht die Stirn in Falten, wenn sich jemand erdreistet, noch mal nachzufragen. Warum gerade das Scheitern der Liebe eine so grossen Raum bei ihr einnimmt? Ist doch klar: “Negative Gefühle verlangen einfach nach einem ganz anderen Maß von Verarbeitung.” Und als ein Paradebeispiel dafür, wie sich Niederlagen in einen Triumph verwandeln lassen, kann ihr Song “I Couldn’t Care Less” gelten. Die Botschaft lässt sich mit einer modernen Zen-Haltung vergleichen und ambitionierte Feuilletonisten finden darin vielleicht sogar das philosophische Konzentrat einer ganzen Generation. Nach eigenen Angaben will uns aber Leslie damit nur verraten, dass wir “den ganzen kleinen, alltäglichen Dramen des Alltags auch mal den Mittelfinger zeigen müssen, weil man sich oft, ohne dass man es will, von wahnsinnig unwichtigen Dingen verrückt machen lässt.”

Im Überwinden der uralten, längst überkommenen Dichotomie zwischen Kopf und Herz versöhnt Leslie Clio die vermeintlichen Gegensätze zwischen Mainstream und guten Geschmack. Musik und Texte mögen intelligent erscheinen, möchten aber auch einfach “nur gefallen”. Dahinter steckt weniger Berechnung als ein Bedürfniss. Erfolg akzeptiert Leslie nur zu ihren eigenen Bedingungen. Und ihr größter Erfolg präsentiert sich ihr bereits vor der ersten Veröffentlichung. Sie bleibt, wer sie ist. Und sie singt, was sie will. Für Leslie Clio soll die Musik sprechen, denn aus der Musik spricht Leslie Clio.

Das mag auch der Grund sein, warum Leslie gern so tut, als hätte sie nichts über ihre Musik zu erzählen. Dann beantwortet sie Fragen nach ihren persönlichen Vorlieben mit einem naseweisen Bekenntnis wie: “Keine Ahnung, ich mag Kaugummis.” Oder es bricht bei einem Gespräch über Kunst plötzlich aus ihr heraus: “Ich stehe zur Malerei wie Garfield zur Maniküre!” Statt eine Kindheit im Gospel-Chor herbei zu fabulieren, erinnert sie sich lieber an die Goldenen Jahre des deutschen Schlagers und an originäre Typen wie Heintje. - oder auch mal an die Afrikanische Musik, mit der Sie von Ihrer Mutter beschallt wurde. Das ist ehrlich (und) anders. Als eine der ganz wenigen Frauen ihrer Generation vermag es Leslie, aus feinen Beobachtungen einnehmende Geschichten zu spinnen und aus diesen Geschichten noch etwas attraktivere Songs zu machen. Die Songs sind ein Spiegel ihrer Seele. Sie stecken voller Liebe, Hoffnung und Witz - und am Ende sind sie allesamt beseelt von einem unerschütterlichen Glauben an das Gute in uns allen.

Wer Fragen hat, wird in diesen Songs alle Antworten finden.

Wer Ohren hat, der höre ...

 

Musikvideo zu "Told You So":

http://www.universal-music.de/leslie-clio/videos/detail/video:280636/told-you-so

 

Rezensionen:

http://www.rollingstone.de/reviews/alben/article370286/leslie-clio-gladys.html

http://www.laut.de/Leslie-Clio/Gladys-%28Album%29

 

 

Universal Music
Julia Keutner
Julia.Keutner@umusic.com

Weiterführende Links:
http://www.universal-music.de/leslie-clio/home
http://www.leslieclio.com/player/

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24.01.2013 Man kann Kreativität nicht erzwingen, aber fördern

GFDK - Marie Allnoch

Patrick Salmen, Meister des deutschsprachigen Poetry Slams, hatte sich Ende Dezember mit mir in einem kleinen Lokal in Dortmunds Szeneviertel verabredet. Auf meinem Weg zum vereinbarten Treffen mit dem Wortakrobaten brachte mich die weihnachtliche Stadt zum Nachdenken:

Scharen Minderjähriger quälten dreistimmig ihre hölzernen Blasinstrumente in den gefrorenen Gassen, und nicht gerade die Mehrheit dieser Musiker sah beflügelt und künstlerisch berührt aus.

Sicher, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und ach, was waren diese genervten Rabauken bezaubernd. Erinnerungen aus Kindertagen drangen an die Oberfläche und verweigerten mir den Genuss dieses Schauspiels. Waren diese Kinder zum Erbringen der von ihnen erwarteten Leistung verdammt? Sieht so der Beginn kreativen Handelns aus oder erstickt eine solche Szene jegliche schöpferische Mobilität?

Wo fängt künstlerische Freiheit an und wo liegen ihre Grenzen? Kann Kunst auf Kommando kreativ sein? Vielleicht kann mein ausgewachsener Interviewpartner, der sich mit genau dieser mir so wichtig erscheinenden Kombination aus überzeugender Darbietung, Werk und stets in Bewegung bleibendem Geist verdient gemacht hat, eine Antwort darauf finden.

Als ich im Lokal eintreffe erwartet mich Patrick Salmen bereits beim Kaffee, nach einer herzlichen Begrüßung kommen wir zur Sache. Noch recht frisch ist meine Mitgliedschaft in der schreibenden Zunft, und genau wie mein Gegenüber bei seinen ersten Schritten in die Welt der Poesie damals, befinde ich mich noch mitten im Studium.

Ganz so mutig wie Patrick Salmen, der sein Lehramtsstudium für seine Leidenschaft auf Eis gelegt hat, bin ich allerdings nicht.

Was ihn zum Schritt weg von der voraussichtlich sicheren Beamtenzukunft und hin zum Künstlerberuf motiviert hat möchte ich von ihm wissen.

Patrik Salmen lacht bescheiden. „Ach, das klingt ja immer so abenteuerlich wenn man sagt man ist Künstler, aber im Endeffekt hat man auch einfach einen Beruf dem man nachgeht.“  Das Risiko sei nicht sehr groß gewesen, zumal er plane seine Hochschulausbildung in naher Zukunft fortzusetzen und abzuschließen. Gänzlich überzeugt mich das nicht vom Glanz des Künstlerlebens. Sicher scheint sicher.

Die große Leidenschaft des Poeten war aber schon immer das Schreiben, und auch wenn es wie einer Hollywood-Produktion entsprungen anmutet, im Fall Salmen scheinen tatsächlich Leidenschaft und Talent ausgereicht zu haben, um im zeitweise ungemütlich wirkenden Kulturbetrieb zu überzeugen.

Als der Stein erst einmal ins Rollen gebracht war habe sich alles irgendwie gefügt,  jeder Schritt den nächsten einfacher gemacht, sagt er mir. Sympathisches Tiefstapeln oder tatsächlich das große Glück? Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Im Jahr 2010 ist Patrick Salmen zum deutschsprachigen Meister im Poetry Slam gekürt worden.

Ein großer Titel.  Auch auf der Sonnenseite hilft ein kühler Kopf.

Mit einer Auszeichnung wie dieser wachsen nicht nur Selbstvertrauen und Künstlerglück, auch steigender Erwartungsdruck begleitet den Erfolg. „Auf der einen Seite hat es mir natürlich sehr viel gebracht, weil ich mir einen Namen gemacht habe, ich hatte was in der Hand.“

Der Titel sei sehr überraschend gekommen, erinnert sich Patrick Salmen, besonders weil er zuvor über eher dürftige Bühnenerfahrung verfügt habe. „Deshalb hatte ich danach schon ein bisschen Erwartungsdruck.

Ich dachte oh Gott, jetzt wirst du immer dementsprechend angekündigt, die Leute erwarten irgendwelche ganz abgefahrenen Sachen von dir, und im Endeffekt stehst du dann nur da und liest eine Geschichte vor.“ Der Humorist zeigt sich ein erstes schüchternes Mal: „Ich möchte bitte deswegen aber nicht den Titel zurückgeben, das war schon alles gut so.“

Man kann Kreativität nicht erzwingen, aber fördern.

Wer Salmen einmal beim „abgefahrenen“ Vorlesen seiner Geschichten gelauscht oder eins seiner Bücher aufgeschlagen hat, der ist sich der Qualität seiner Phantasie sicher. Wie aber ist es um die Quantität bestellt? Auf Kommando kreativ sein, dass schreit nach einem Widerspruch in sich.

Doch der Slammer und Autor hat sich Techniken angeeignet, die er in Workshops weitergibt. „Grade an Schulen kommt das kreative Schreiben leider häufig viel zu kurz“ sagt Salmen mir, deshalb möchte er motivieren und die ersten Schritte leichter machen.

„Trotzdem hat jeder seinen eigenen Stil und da möchte ich natürlich nicht reinpfuschen.“ Ein guter Autor sei auch immer ein großer Leser, mit der Zeit entwickle man auch auf diesem Weg ein Gefühl für Sprache. So hegt er für einen Autor ganz besonders große Bewunderung:

Peter Bichsel. Dem Kurzgeschichtenschreiber sei es möglich, mit wenigen einfachen Worten ganze Welten zu schaffen, ohne dabei den Raum für die Phantasie des Lesers zu beschneiden. Der Deutsche Meister verneigt sich.

 Und wie steht es um die Selbstmotivation? Eine erste Antwort scheint meiner Desillusionierung zu dienen. „Ich habe mir angewöhnt, auch wenn ich von zu Hause aus arbeite, zu simulieren ich würde zur Arbeit gehen. Ich stehe wirklich früh auf, setzte mich zu bestimmten Zeiten an den Schreibtisch. Ich bin morgens am produktivsten, und in einem anderen Job müsste ich auch früh aufstehen.“ Stechkartenpause, Spaziergang, Spätschicht.

Dann die erhoffte Ergänzung: „Ich höre viel Musik beim Schreiben, meistens instrumentale. Das klingt so klischeehaft nach dem einsamen traurigen Dichter, stimmt aber. Ich brauche einen Soundteppich weil ich immer sehr bildhaft schreibe, das hilft mir mich in Situationen zu versetzen. Ich rauche leider wie ein Schlot. Kaffee.“ Der Rechtfertigung meines persönlichen Nikotin- und Koffeinmissbrauchs steht nichts mehr im Weg, ein Gefühl der Bestätigung macht sich breit.

Die Programmatik lautet: keine Programmatik haben.

Was aber, wenn dem Autor das Papier zu weiß erscheint? Auch einem Ausnahmetalent erstarren von Zeit zu Zeit ohne diagnostische Vorwarnung die Fingerglieder, und nicht immer zeigt sich die Welt so komisch oder tragisch wie der Plot es grade verlangt. Im Kampf gegen Schreibblockaden ist Salmen simpel und doch wirksam bewaffnet: Flexibilität heißt das Schlüsselwort.

Momentan schreibt der Autor an drei Büchern gleichzeitig.  Neben Kurzgeschichten sind Zwei Romane und ein Kinderbuch in Arbeit, mal sind sie lustig, mal kommen sie überraschend ernst und tiefgründig daher.

Sie erzählen auch von Moral und Würde, von simulierten Realitäten, der Kunstszene. Das Alter spielt eine große Rolle, und während Salmen seine Gedanken verlautet entdecke ich ihn doch, den nachdenklichen Dichter. „Ich möchte immer über Dinge schreiben die bewegen, über die kleinen Helden des Alltags, Dinge die man täglich sieht aber vielleicht nicht wahrnimmt.

Heutzutage versuchen immer alle Kitsch zu vermeiden, aber ich glaube ich mag Kitsch manchmal. Dinge denen vermeintlich etwas Poetisches anhaftet, kleine grüne Gießkannen, alter Männer die Saxophon spielen.“

Diese Zerstreuung sei ein großer Vorteil, so könne er je nach Stimmung an entsprechenden Texten schreiben. Sich auf ein Genre fokussieren zu müssen würde ihn schnell langweilen, vermutet er. Freiheit ist dem Autor wichtig, sie zu halten nicht einfach.

„Als Autor wird man natürlich mit einem Genre assoziiert, und  irgendwann bist du der Kriminalroman-Autor oder der Fantasyroman-Autor, aber da möchte ich nicht hin. Nur weil ein Tischler jahrelang Tische gefertigt hat, heißt das ja nicht, dass er kein Stühle bauen kann.“ Mir präsentiert sich die von der Bühne bekannte Stimme in verschmitzt-altklugem Ton: „Das gilt es im Keim zu ersticken!“.

Genau hier setzt die aktuelle Debatte über Poetry Slam an. Eine Kritik in der Süddeutschen Zeitung hat das Fehlen einer Programmatik beanstandet, Poetry Slam sei nicht rebellisch und innovativ, sondern durchweg gesellschaftskonform und würde sich mit Ulk vor gesellschaftlichen Umbrüchen wegducken.

Wie beurteilt Salmen die Situation? „Durch Körpersprache und Stimme kann man einen Text in Bewegung versetzen, und ich finde es toll dass die Menschen sich wieder mehr für das gesprochene Wort begeistern, sich Geschichten anhören, ob sie albern sind oder nicht.

Auch in der Albernheit liegt manchmal so viel Tiefsinniges, vielleicht sogar mehr als in manchem Text der den Anspruch hat tiefsinnig zu sein. Mit Humor kann so vieles erzählt werden, vielleicht wirkt es clownhaft wenn die Zuschauer lachen, na und? Alle haben was davon. Für verhältnismäßig wenig Geld bekommt der Zuschauer viele Auftritte geboten, und Spaßvögel werden genauso erhört wie wahre Literaten.

Es wird vorgeworfen, die Szene hätte keine Programmatik, aber genau das ist doch das Faszinierende am deutschen Poetry Slam.“ Der Autor sieht die Charakteristik des Slams in grade dieser Vielfältigkeit. Fazit: „Eben keine Programmatik zu haben ist die Programmatik. Das Prinzip Poetry Slam funktioniert, und wenn etwas Mainstream wird weil es den Leuten gefällt, ohne dass wir uns dafür verstellen müssen, sehe ich kein Problem darin.“

Ob Kafka Bartträger war, geht niemanden etwas an.

So rückt der deutsche Poetry Slam in diesen Tagen mehr und mehr ins Bewusstsein der kulturbegeisterten Bevölkerungsgruppe. Unausweichliche Begleiterscheinungen des Interesses an einem Werk waren schon immer Rezeption, Analyse und Interpretation. Meist geschieht dies jedoch ohne verwertbaren Hinweis des Autors, nicht selten posthum, die Intention des Künstlers verkommt zum Spekulationsroulette.

Durch glückliche Umstände trennen die Geburtsstunde des Deutschen Poetry Slam-Meisters und meine eigene Existenz keine Jahrhunderte, nicht einmal eine ganze Dekade steht zwischen uns, und so bin ich in der vorteilhaften Situation ihn nach seinen Belangen zu befragen. Wie viel Salmen steckt wirklich in seinen Texten? Auf welche Rezeption zielt er ab? So erklärt er mir:

„Themen über die ich schreibe beschäftigen mich natürlich irgendwie persönlich. Grade das Alter, Erinnerungen, Vergessen. Ich finde es aber unschön alles biographisch zu analysieren, natürlich sind politische und sozialhistorische Aspekte interessant, aber das Privatleben der Autoren sollte privat bleiben.“

Kein Kafka also. Nein, Max Brod habe trotz des hohen Stellenwerts, den Kafkas Literatur inzwischen einnimmt, im Endeffekt doch seinen Freund verraten. „Ich versuche immer mit eher einfachen Worten zu arbeiten, Bilder und Atmosphären zu schaffen, der Leser soll aus einem Werk etwas für sich herausziehen, statt etwas über den Autoren zu erfahren.“ Als Beispiel fällt seine Hommage an den Bart, „Rostrotkupferbraun fast Bronze“.

Salmen schmunzelt, erzählt mir, dieser fiktive Brief sei ursprünglich als alberne Geschichte über Männlichkeit gedacht gewesen, nun ist er der erste Treffer für Poetry Slam auf Youtube. Er hat wohl den Nerv der Zeit getroffen, jetzt, da Hipstertum und Chic den Bart wieder salonfähig gemacht haben.

Mit „Lyrik und Luftflottenkriege“ hat Salmen dieses Rollenbild gefestigt, um es dann, nicht ohne diebische Freude, wieder aufzubrechen. Das Spiel mit Interpretationsdrang und Klischeementalität der Gesellschaft bereitet ihm sichtlich Freude.

Zukunftsvisionen mit Bodenhaftung

Deutscher Meister. Zwei veröffentlichte Bücher, drei in Arbeit. Workshops. Lesungen. Euphorie! Euphorie! Salmens erfolgsbringende Mixtur aus Phantastik und Feinsinn lässt große Pläne vermuten. Doch weit gefehlt - auf die Frage nach Zukunftswünschen bekomme ich eine ebenso bodenständige wie sympathisch Antwort: „Ich würde gerne eine reine Altersheim-Lesungsreihe machen.

Da schwirren mir grade ein paar grobe Pläne durch den Kopf. Ich finde Senioren werden viel zu wenig in die Gesellschaft mit einbezogen. Das Alter ist wertvoll und ältere Menschen verdienen mehr Beachtung und Beschäftigung als sie beim Bingospielen bekommen.“

Der Deutsche Meister scheint seinen Weg gefunden zu haben, gänzlich ohne sich zu verstellen. Trotz des stetig wachsenden Erfolgs hat er sich als bodenständiger Poet erwiesen, der seine Umwelt wahrnimmt, mal realistisch, mal herrlich phantasievoll, aber immer mit offenen Augen und respektvollem Blick.

Marie Allnoch ist Redakteurin der Gesellschaft Freunde der Künste und zuständig für Literatur, Kino, und TV-Tipp

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11.12.2012 “Also obrigkeitshörig war ich nicht“

GFDK - Christopher Lesko

Sein Facebook-Profil trägt präzise Rollenbeschreibungen: “Niveaubestatter, Cosmoprolet und Zotenorgel“. Micky Beisenherz, 35, ist TV-Autor und Moderator. In Hamburg traf BVB-Fan, “Leute, Leute“-Head-Autor und “Dschungelcamp“-Wortfrickler Beisenherz Christopher Lesko, um in einem zweiteiligen Interview über Leben, Entwicklung und das Fernsehen zu sprechen. Ein Weg von Castrop-Rauxel bis in den RTL-“Dschungel“ Australiens: “Ich bin aufgewachsen wie die Waltons – nur mit besseren Sprüchen.“

Micky Beisenherz, wir sind ja das, was man Facebook-Freunde nennt. Wir lesen voneinander, finden uns witzig oder nervig, streiten uns über Markus Lanz, und wir duzen uns seit schlappen 2 Jahren, ohne uns wirklich zu kennen. Ich fände es schräg, wenn wir uns im offiziellen Meedia-Interview-Kontext plötzlich siezten.


Das ist richtig, ich bin auch dafür! Ich habe ja indirekt auch schon für Waldis Club gearbeitet, insofern ist mir das Duzen durchaus geläufig. Indirekt. Ich bestehe auf: indirekt!

Matze Knop?


Ja. Atze war auch schon da.

Jetzt sind wir am Anfang unseres Gespräches und mich interessiert, womit genau Du in den nächsten beiden Stunden rechnest.


Oh Gott. Wir sitzen ja hier zunächst draußen bei gefühlten 5 Grad, und ich rechne damit, dass es nicht entscheidend kälter wird. Das könnte sich auf meine Haltung in unserem Interview auswirken. Bitte meine verschränkten Arme nicht als Abwehrgeste deuten, das wird ja auch immer wieder gerne gemacht. Bei diesen Temperaturen ist meine Haltung vorteilhaft. Ich bin ja nur so ein Hemd.

Ach, wahre Kälte kommt doch stets von innen.


Wenn Du dann doch irgendwann mit Markus Lanz zusammen sitzt und der gerade wieder aus Grönland zurückkommt, kannst Du ja mit ihm darüber sprechen.

Ansonsten wird hier mit nichts gerechnet?


Doch! Ich verspreche mir von diesem Interview die unmittelbare Lanz-Nachfolge zur Sendung 3. Ich möchte gerne, dass TV-Produzenten das lesen und mich häufiger in die Green-Box einladen, wo ich dann neben Claudia Effenberg und Ross Anthony die lustigsten Naturkatastrophen Deutschlands kommentiere. Das ist quasi mein Nahziel.

Wer Claudia Effenberg und Ross neben sich weiß, hat einen sehr direkten Kontakt zu Naturkatastrophen.


Das ist allerdings richtig. Sehr schön, Daumen hoch! Ich habe Claudia Effenberg ja unlängst als Facebook-Freundin verloren.

Nein!


Doch! Umso trauriger, das mein Autoren-Kollege und Kumpel Oli Haas sie noch als Freundin hat, obwohl ich gegen seinen Willen in seiner Abwesenheit seinen Account genutzt habe, um bei ihr anzufragen. Er hat sie noch, und ich habe sie verloren! Jetzt kommst Du!

Ich muss erst die Tragik dieses emotionalen Tsunamis bewältigen. Das ist jetzt nicht leicht für mich. Du sitzt nicht in einem schwarzgelben Dress vor mir. Warum?


Schwarzgelb trage ich erst am Wochenende wieder, wenn ich am Sonntag in Altona auf der Wiese Fußball spiele. Du meinst doch als BVB-Anhänger, oder meinst Du, ich würde nebenberuflich bei der Post arbeiten? Als Autor hat man ja doch ein wenig Zeit nebenbei.

Die nehmen ja nur Zuverlässige. Erzähle mir drei doch kurze Geschichten über Dich. Eine davon muss gelogen sein.


Au! Drei? Ach Du Scheiße. Da fängst Du aber gut an, Du. Also die erste Geschichte: Ich bin einmal bei ProSieben zur besten Sendezeit nackt auf einem Pferd durch die Eifel geritten. Die zweite ist, dass mein Bruder und ich uns jahrelang gegenseitig die Pornokiste geklaut haben. Und die dritte: Mein Onkel ist Bürgermeister von Castrop-Rauxel.

Haben wir denn gar nichts Gelogenes am Lager?


Ach ja, gelogen.. Ich hab was machen lassen. Mit Mitte Dreißig muss man sich ja ranhalten.

Wir können hier über Penis-Verlängerungen nicht sprechen. MEEDIA ist seriös.


Absolut. Einigen wir doch darauf, dass ich die Lüge noch an anderen Stellen einbaue, wo ich sie dringender brauche.

Micky, beschreibe mir doch in einigen Sätzen, wer genau hier vor mir sitzt.


Vor Dir sitzt jemand, der relativ früh festgestellt hat, dass er mit einer gewissen Verhaltensauffälligkeit immer wieder Szenenapplaus erheischen kann. Und dankenswerter Weise gab es Menschen, die mich dabei unterstützten, diese Fähigkeit zum Beruf zu machen. Wer jemals gesehen hat, was ich im Handwerk anstelle, weiß, dass es niemals für die Miete gereicht hätte. Und sonst bin ich vielleicht jemand, der ganz gut Assoziationsketten bilden kann.

Was noch: Bist Du Autist oder liebevoller Familienvater, konzentriert oder verhuscht, penibel oder von Menschen gelangweilt?


Wenn wir in diesen Dimensionen reden, bin ich wahrscheinlich künftig ein liebevoller Familienvater. Ich bin sozial kompatibel und interessiere mich für meine Mitmenschen. Auch in meiner Ehe. Ich tue viel dafür, dass sich alles in einem vernünftigen Gleichgewicht bewegen kann. Schon in Schulzeugnissen wurde mir früh eine anständige soziale Kompetenz bescheinigt, und ich hoffe sehr, dass sich dies in den nächsten Jahren nicht ändert.

Passt das denn Deiner Meinung nach gut zusammen: TV und soziale Kompetenz?


Ja, das finde ich schon. Entgegen der langläufigen Meinung habe ich bisher mit wahnsinnig vielen, netten Leuten in der Medienbranche zu tun gehabt und habe es noch. Und denjenigen, die ich für Arschlöcher halte, gehe ich aus dem Weg. Meine Frau überrascht das häufig, und sie sagt: “Du findest ja alle immer nett.“ Stimmt gar nicht. Aber die, die ich für bescheuert halte, schließe ich schnell aus und habe fortan nichts mehr mit ihnen zu tun.

Du bist im Pott auf die Welt gekommen. Erzähle mir von Deinem Start ins Leben und Deinem Weg.


Ich wurde in Castrop-Rauxel sozialisiert, einer Stadt mit damals 80.000, jetzt etwa 78.000 Menschen. Die 2.000, sagt mein Onkel, habe er als Bürgermeister schon verbrannt. Das ist ein Aufwachsen im Mikrokosmos der Provinz, wo alles ein wenig näher an Dich heranrückt als in der Großstadt. Es ist ja viel cooler in Großstädten auszuwachsen, in Kleinstädten aber erlebst Du vieles unmittelbarer: Die Oberen, die Unteren, Neureiche und Parallelgesellschaften. Man hat mit allem viel direkter zu tun, und eigentlich ist das auch viel spannender.

Ich bin die ersten 25 Jahre meines Lebens aufgewachsen wie die Waltons – nur mit besseren Sprüchen. Drei Generationen unter einem Dach: Omma, Oppa , Eltern, Bruder. Mittlerweile wohnen sie mit vier Generationen unter einem Dach. Ich bin der einzige, der ausgeschert ist, aber immer wieder gerne zurückkommt. Da hattest Du natürlich jeden Abend schon ein Publikum. Obwohl ich Beachtung nicht hinterherlief, stellte ich fest, immer wenn ich in Ommas altes Korsett etwas aufführte oder alte Lumpen anzog und etwas darstellte, gab es Applaus und alle hatten Spaß. Irgendwie entstand so ein gewisser Mitteilungsdrang. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Was haben Deine Eltern denn beruflich gemacht?


Die sind im Handwerk tätig und haben immer noch einen mittelständischen Handwerksbetrieb. Im Grunde genommen komme ich aus einem Klempner-Haushalt.

Gas-Wasser-Scheiße, wie wir Berliner sagen.


Genau. Seit ich fünfzehn war, ging es In den Ferien ab auf den Bau. Da habe ich in relativ kurzer Zeit ganz gut Geld verdient und festgestellt: Geld zu verdienen macht aber ganz schön Laune. Es ist schön, wenn man bei Saturn ist und den CD-Stapel, den man sich gerade angehört hat, komplett  mitnehmen kann. Das ist einfach geil.

Was hat Dir denn in das Aufwachsen in Deiner Großfamilie für Dein späteres Leben mitgeben können?


Na ja, als erstes soziale Kompetenzen. Du lernst halt auch Respekt gegenüber älteren Generationen. Wenn Du einen gewissen Familiensinn erlebt hast, lernst Du auch, mit unterschiedlichen Personen, mit Großeltern, Onkels oder Tanten eben auch unterschiedlich zu agieren. Und wenn Du einen sechs Jahre älteren Bruder hast, lernst Du schnell, dass es nicht immer gerecht zugeht und Du auch mal auf die Fresse bekommst. Man lernt, sich auf verschiedenste Charaktere ganz gut einzustellen. Das hat sicher dabei geholfen, mich heute auf verschiedenste Zuschauer, Zuhörer oder Leser möglicherweise ganz gut einstellen zu können.

Was warst Du denn für ein Kind?


Ich war ein ganz lieber Kerl. Allerdings musste man mir im Gegensatz zu meinem älteren Bruder Entscheidungen oder Regeln immer erklären. Ich bin nur gerne gefolgt, wenn ich verstanden habe, wozu. Also obrigkeitshörig war ich nicht.

Warst Du beim Bund?


Nee! Zivildienstleistender. Das war eine fantastische Zeit. Ich habe nicht einen einzigen Tag gefehlt. Das war super, weil Du im Zivildienst, wie in anderen Funktionen Jahre später, erstmalig die Gelegenheit hattest, in andere Lebenswirklichkeiten reinzuschnuppern. Man kümmerte sich um sozial Bedürftige und vermeintlich “Asoziale“, Kranke und Alte. Wir haben Buden entrümpelt von Menschen, die damals noch nicht “Messies“ sondern “Asis“ genannt wurden. Eine Super-Zeit, mit zehn anderen Zivildienstleistenden in Castrop-Rauxel: Das war 'ne Super-Truppe.

Ich habe ja damals viel gezeichnet. Und die Menschen, die wir damals betreut haben, waren in der Kleinstadt quasi die Prominenten des kleinen Mannes. Wenn Du also bei Omma Jaksch warst, wusste jeder von der Truppe, wie sie drauf war. Und wenn Du bei Oppa Dingenskirchen warst, konntest Du von ihm erzählen: Du saßt in Deinem Zivi-Büro mit der Dienststelleleiterin und hast gegeiert. Ich habe dazu den Themen und Begegnungen gezeichnet, und irgendwann hing das ganze Büro voll von Zeichnungen über die Arbeit und die Personen. Als dann der Ober-Bezirksleiter kam, mussten wir sie wieder abhängen. Da gab es Ärger.

Wie ist denn-über Zeichnen hinaus- Dein Zugang zum Umgang mit Sprache gewachsen? Irgendwann ging das ja los.


Ich weiß auch nicht. Wenn ich mit Freunden zusammen war, begann es mit dem klassischen Prinzip der Hitparade. Das taucht ja in der Vita von vielen auf, die in unserem Bereich tätig sind. Zusätzlich hatte ich mit meinen beiden Cousins noch einen “Verlag“: Wir zeichneten Comic-Bücher und Hefte und verkauften sie. Wir nahmen nach Kassensturz damals die stolze Summe von 120 D-Mark ein. Also: Ich war schon sehr früh Publizist, und bin schon mit sechs Jahren mit einem Kassettenrekorder durchs Dorf gelaufen. Man muss wissen; Ich habe ja nicht in Castrop-Rauxel gewohnt, sondern in einem Vorort von Castrop-Rauxel.

In der Provinz der Provinz, den Outskirts von Castrop-Rauxel. Dort habe ich also den lokalen Pfarrer in Augstein'scher Mentalität ausgequetscht, ob er einen verurteilten Mörder bei sich wohnen lassen würde. Ich glaube, der hatte auch mit einer anderen Frage gerechnet, als da ein Siebenjähriger mit einem Kassettenrekorder auf ihn zulief. Ich habe ihn zum Aufwärmen zuerst nach dem Wetter gefragt. Aber dann habe ich ihn gegrillt. Wer weiß, was ich ihn mit dem Kenntnisstand von heute noch alles gefragt hätte.

Dann hast Du Abi gemacht?


Mit einem Jahr Verzögerung ja.

Und, wie man Deiner Vita entnehmen darf, nach einem Jahr “erfolgreich das Studium abgebrochen“.


Ja. Nach einem Semester.

Das allerdings hast Du durchgezogen ohne Pause.


Ja! Ich habe exakt so lange studiert, bis ich mit meiner damaligen Freundin und Fahrgemeinschaft zusammenkam: Ich habe sie so häufig zur Uni gefahren, bis ich fest mit ihr zusammen war. Danach konnte ich mich aus dem Studium zurückziehen. Ich hatte ja Sozialwissenschaften studiert, insofern habe ich quasi an ihr meinen Schein gemacht und konnte sie danach wieder alleine zur Uni fahren lassen.

Dein Start in die putzige Welt der Medien begann dann im Radio.


Ja. Nachdem ich das eine Semester Sozialwissenschaften zumindest zur Hälfte hinter mich brachte, musste ich dann irgendwann einmal Farbe bekennen und mir selbst eingestehen, dass ich doch auch eines dieser oberflächlichen Medien-Arschlöchern werden wollte. Wenn man aus einem Handwerker-Haushalt kommt, begegnet man diesem Berufsfeld ja doch gleichzeitig mit einer gewissen Scheu und Abscheu: Alles wirkte dubios oder irgendwie habschwul. Irgendwann war mir klar, wie stark meine Grund-Affinität war. Also schnappte ich mir das Medien-Handbuch, diesen dicken Wälzer, und ich schrieb endlos Bewerbungen. Das dauerte alles ewig, also arbeitete ich ein ganzes Jahr auf dem Bau. Da zu sitzen und gar nichts zu tun kam überhaupt nicht in Frage.

Anfang 2000 ging ich einfach zum lokalen Radiosender in Herne, um ein Praktikum zu machen. Das Irre ist: Um ein Praktikum zu bekommen, musst Du erst einmal ein Praktikum vorweisen. Komplett behämmert: Ohne Praktikum bekommst Du kein Praktikum. So also wollte ich eigentlich das Lokalradio-Praktikum nur machen, um woanders ein Praktikum vorweisen zu können. Im besten Falle natürlich beim Fernsehen. Dann hat das so einen Spaß gemacht, so gut gewuppt und gefluppt, dass ich ein ganzes Jahr geblieben bin. Die damalige Unterhaltungschefin vom Mutterschiff, Radio NRW, hatte mich dann dorthin gezogen. Glücksache, sie wohnte damals in Herne und hatte mich gehört. Vielleicht wäre ich ohne diesen Zufall immer noch glücklicher Lokalradio-Moderator. Oder auch Ballermann-Sänger.

Bist Du es denn jetzt: glücklich?


Wie klügere Menschen es ja schon formuliert haben: Glücklich zu sein, ist ja eher jene Spitze, die ab und zu aus der Zufriedenheit herausragt. Und zufrieden bin ich auf jeden Fall. Und glücklich bin ich häufig genug. Mehr vielleicht als so manch anderer.

Du verleihst  ja vielen Comedians Sprache...


...das klingt so nach Augsburger Puppenkiste…

…ich baggere mich schnell noch zur eigentlichen Frage vor: Die Liste ist lang und reicht von Atze Schröder über Dieter Nuhr, Hans Werner Olm, Rüdiger Hoffmann, Oliver Polak bis zu Monika Gruber oder Matze Knop. Wie genau näherst Du Dich denn den jeweiligen Aufgaben?


Das hängt natürlich stark davon ab, für welche Produktion ich arbeite. Bei Dieter Nuhr und dem Comedy Preis gerade etwa gab es gar keine großen Berührungspunkte. Man trifft sich zwei-, dreimal und Björn Mannel, der andere Autor des Comedy-Preises und ich liefern zu allen Themenkomplexen lines. Dieter nimmt dann im besten Fall ein paar lines, steuert seine Dinge bei und macht ansonsten vieles einfach aus dem Programm. Wenn wir etwa für Atzes Bühnenprogramm schreiben, dann sind wir wie eine Band. Und Atze ist unser Lead-Sänger. Wir sitzen zusammen, spinnen einfach rum, unterhalten uns über Gott und die Welt und hauen raus. Arbeite ich für Rüdiger Hoffmann, ist es so: Ich telefoniere mit ihm, frage, zu welchem Thema er gerne etwas erzählen würde, schreibe etwas und schicke es ihm.

Mit wieder anderen wie Olli Polack sitze ich zusammen, wir unterhalten uns über Themen und schauen, was dabei rauskommt. Also, es ist bei allen unterschiedlich.

 

Wie wichtig oder nebensächlich ist die Qualität von Beziehung zu den Künstlern?


Ich halte die für sehr wichtig, weil ich keine Lust habe, mit Arschlöchern zusammen zu arbeiten. Und, wenn ich -über Arschlöcher hinaus- die Person zwar für ganz nett halte, aber die Zusammenarbeit fürchterlich zäh wird, ist das auch nicht lustig. Ich habe schon mit Humoristen oder Humoristinnen zusammen gesessen, die überhaupt nicht wussten, was sie erzählen wollten. Das finde ich dann so zäh, dass ich denke: An dem Tag kannst Du auch besser etwas anderes machen. Dann lasse ich es lieber. Ich möchte schon mit Menschen zusammen arbeiten, die auch wissen, was sie erzählen wollen.

Gerade aufgrund der Tatsache, dass zwei, drei Leute mit ihren Fähigkeiten Stadien füllten, schießen plötzlich alle möglichen Leute wie Pilze aus dem Boden und  sagen: Du bist doch Autor, schreib mir doch mal was. Sie erwarten, dass ich ihnen dabei helfe, in ein paar Tagen vor 10.000 Menschen auftreten. Schräg! Ich muss doch als Künstler selber das Gefühl haben, Zuschauern etwas so zu erzählen, dass sie sagen: Deubelschlag, so hat mir das aber noch keiner erzählt! Aber bei einigen scheint irgendwie inzwischen der Geschäftssinn mehr im Vordergrund zu stehen, als Fähigkeiten und Inhalte. Ich bin jetzt etwas abgeschweift.

Da kommt uns ein wenig zugute, dass ich mich noch an meine Frage erinnere. Der eine Pol des Spektrums verbände Deine Fähigkeiten mit Deiner Beziehung zum Künstler. Der gegenüberliegende Pol sähe Dich zu Themen schreiben - annähernd unabhängig von der Frage, für wen Du schriebest: Content-Haus Beisenherz quasi.


Theoretisch könnte ich auch jemanden für einen Idioten halten und könnte trotzdem ein Stand Up für eine Sendung schreiben. Ich muss auch zugeben: Ich habe auch schon mal jemanden für einen Idioten gehalten und dennoch mit ihm zusammen gearbeitet. Es ist ja auch Handwerk, bei dem Du möglichst kunstfertig von A über B nach C leitest. Da könnte derjenige, der es auf Bühnen oder in TV-Sendungen erzählt, ein Trottel oder ein totaler Honk sein: Man könnte trotzdem für ihn arbeiten. Ich arbeite lieber mit jemandem, als für jemanden arbeiten zu dürfen.

Vielleicht ein männliches Attribut, dieser Wunsch danach, wirkliche Augenhöhe zueinander zu haben. Dass jemand Hof hält, und Du darfst ihm ein paar Pointen anreichen, die er Dir im Zweifel in bester Kinski-Manier um die Ohren haut, das macht man wahrscheinlich eher am Anfang einer Karriere als in der Mitte.  Das hat viel mit Selbstachtung zu tun, und die andere Variante macht auch einfach mehr Spaß.

Du bist in der Mitte jetzt? In Deiner und in der Deiner Karriere?


(Lachend) Ja, ich bin in der Mitte.

Wenn wir schnell mal über ein paar Medienfiguren lästern wollten, was wir ja keinesfalls wollen: Welche Figuren wären das, über die wir keinesfalls lästern wollen?


Ich werde bestimmt keine Namen nennen.

Ach?


Das mache ich nur bei Facebook.

Und welche Namen sind das, die Du nicht nennen wirst?


Sagen wir es so: Das sind exakt die Figuren, bei denen man sich die Frage stellt: Waren das schon arrogante Pfeifen, bevor sie erfolgreich geworden sind, oder sind sie es erst durch ihren Erfolg geworden. Von diesen Typen gibt es ja zwei, drei. Die typischen, unzuverlässigen, grenzschizophrenen Figuren, die auch in ihrem privaten und erweiterten Bekanntenkreis nur noch ihre Jubelperser dulden und Lichttechniker, Tontechniker oder Maskenbildner wie Dreck behandeln. Da muss man sich die Frage stellen, ob man in diesen Zusammenhängen arbeiten will.

Ein paar Menschen tun dies. Und, wenn ich das jetzt so offen sage, mache ich dies auch aus der Arroganz heraus, dass ich es mir zumindest bis zu einem gewissen Grad aussuchen kann, mit wem ich arbeite. Und ich bin halt sehr dankbar, dass es in der Branche -komisches Wort eigentlich: Branche- viele Leute gibt, mit denen es Spaß macht zu arbeiten, und mit denen man ein ganzes Jahr füllen kann.

Branche klingt immer ein wenig nach Rotlicht und Milieu.


Finde ich auch. Nach Halbwelt und Rotlicht.

Bissige Autoren können ja aus der Distanz aggressive Impulse ironisch platzieren, ohne sich wirklich der Gefahr eines ernsten Konfliktes aussetzen zu müssen.


Mit dieser Formulierung versuchst Du doch, mich aufs Glatteies zu führen!

Ich will ja nicht unangemessen stören, könnte aber theoretisch meine belanglose Frage noch anschließen.


Um Gotteswillen – jederzeit.

Welchen Zugang hast Du denn zur eigenen Aggressivität?


Du meinst zu dem Furor, der in mir wütet?

Ich fühle mich verstanden.


Ach, ich lasse das schon raus. Diejenigen, die es angeht, bekommen dies schon zu hören oder zu lesen. Ich neige nicht dazu, mich einerseits über andere aufzuregen und es ihnen andererseits nicht zu sagen. Und sonst rege ich mich über Bahnverspätungen ebenso auf wie über andere Dinge, über die sich Menschen aufregen. Beruflich regt es mich manchmal auf, wenn 60er-Jahre-Sachen als preiswürdige Oberknaller betrachtet werden, ich daneben sitze und denke: wow! Ich will nicht sagen, dass mich da die blanke Wut packt, aber zumindest spüre ich ein gewisses Unverständnis.

Es nerven auch Situationen, in denen, was Du geschrieben hast, mit abenteuerlichen Begründungen von der Produktionsleitung, Redaktion oder Sender nicht umgesetzt wird. Das ist so die Nummer “Das versteht der Zuschauer nicht“. Manchmal entstehen solche Begründungen auch, weil man vielleicht nicht so viel Geld in die Hand nehmen möchte, um umzusetzen, wie es gedacht war. Das ist dann schon ärgerlich, und manchmal bekomme ich das Kotzen. Das allerdings kann ich auch nur deshalb bekommen, weil ich sehr gerne mache, was ist gut finde.

Das letzte, was ich will ist, etwas zu schreiben, es dann auf dem Schirm zu sehen und den Menschen die es gucken sagen zu müssen: Freunde, das war ursprünglich ja ganz anders geschrieben. Alle Bekannten schön zur Sendezeit zum Essen einzuladen, wenn der Sendetermin bevorsteht – Hauptsache sie sehen diese Sendung nie – ist ja auch keine Lösung. Das ist ja nicht mein Ansinnen, wenn ich an einer Sendung beteiligt bin. Ich möchte ein gutes und präsentables Ergebnis und ärgere mich natürlich, wenn es am Ende die totale Scheiße wird, obwohl es eigentlich besser hätte werden können.

Das kommt schon vor?


Ja, das kommt schon vor: dankenswerterweise immer weniger, weil es immer mehr Sender und Redakteure gibt, die sich mehr trauen, die Humor mehr zulassen und dem Zuschauer auch mehr zumuten. Insgesamt wird meines Erachtens die Situation für Autoren besser. Dass heute bei Sendern mehr möglich ist, sieht man etwa beim ZDF mit der “heute show“ oder “Leute, Leute“ oder auch bei RTL mit dem Dschungel. Der Dschungel ist eben auch deshalb so viel gefeiert, weil wir im Dschungel mit Markus Küttner, RTL, zusammensitzen und der  sagt: Macht Ihr mal! Und bei Stephan Denzer im ZDF ist es genauso.

Mehr über den Autor Christopher Lesko unter 

www.leadership-academy.de

www.pferdeakademie-berlin.de

meedia.de


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06.12.2012 “Angst spielt schon eine große Rolle“

GFDK - Christopher Lesko

Im zweiten Teil des Gespräches mit Christopher Lesko spricht Max Giermann über Erfahrungen der Parallelwelt Schauspielschule und den tragischen Tod seines Freundes Georgo Peugot. Er erzählt von Angst und Lampenfieber, vom Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Loslassen, und er beschreibt Glücksmomente und Anstrengungen seines Berufes. Fernsehen selbst schaut Führerscheinbesitzer Giermann eher "aus beruflicher Neugier": "Ich brauche nicht mehr so lange, bis ich vor dem Fernseher einschlafe."

Clown zu sein hat ja sehr etwas spontan Operatives. Schauspielschulen sind ein ganz anderes Feld.


Absolut.

Erzählen Sie, wie es Ihnen dort ergangen ist.


Über den Stempel habe ich ja schon gesprochen. Als ich anfing, dachte ich, ich würde die Schauspielschule für mein Clown-Sein nutzen. Oder ich würde Regisseur werden, das hat mich damals sehr interessiert. Dann allerdings hat es mich schnell gepackt. Rückblickend war das eine ganz seltsame Zeit. Wie ein sehr intensives Insel-Dasein. Es war genauso, wie man sich eine Schauspielschule vorstellt: Man hat sich drei, vier Jahre eingeschlossen und sich praktisch selbst erforscht. Nie wieder habe ich so intensiv gearbeitet: An mir und an Rollen.

Für Außenstehende ist das schwer nachvollziehbar: Man ist ja sein eigenes Instrument und beschäftigt sich sehr mit sich. Jeder musste dort durch tiefe Täler, auch bei mir war das so. Wir wurden dort mit unseren Schwächen konfrontiert. Ich habe das zwischenzeitlich sehr gehasst und eine Münze geworfen, ob ich bleiben soll.

Die ist dann fürs Weitermachen gefallen.


Ja, die ist fürs Weitermachen gefallen.

Mit welchen Ihrer Schwächen sind Sie denn konfrontiert worden?


Die Hochschule für Schauspiel Ernst Busch in Berlin ist dafür bekannt, relativ viel mit Disziplin und Druck zu arbeiten. Es gab beispielsweise ein Fähnchen-System: Rollen- oder Szenen-Studien von jeweils etwa sechs Wochen endeten mit einem Vorspiel vor den Dozenten. Bestand man dies nicht, bekam man ein Fähnchen. Bei drei Fähnchen wurde man exmatrikuliert. Dieses System, war natürlich nicht unbedingt förderlich, um junge Leute dazu zu bewegen, ihre Ängste zu überwinden und aus sich heraus zu gehen. Das verlieh gerade Menschen, die schon zwei Fähnchen hatten,  zusätzlich zum Druck, den man ohnehin schon hatte, weiteren Druck. Sie verklemmten noch schneller, machten zu und konnten gar nicht mehr frei spielen.


Es gibt ein schönes Zitat meines Intendanten aus Essen, der als Regieanweisung aus Spaß immer aus vollem Hals brüllte: "Locker!!! Locker!!" Das beschreibt es. Also,  die Schule hat schon mit seltsamen Methoden gearbeitet, der Druck war für alle groß. Ich hatte aber zum Glück nie ein Fähnchen.
Sie haben ja nach meinen Schwächen und damaligen Tälern gefragt. Anfangs musste ich hart lernen, das Clowneske vom normalen Spiel zu trennen. Und häufig habe ich gedacht, ich könne das alles nicht, oder ich sei nicht durchlässig, ein typisches Schauspielschulen-Wort. Ich bin ohnehin anfällig für Kritik, und da bekam man auch genug. Und: Es war einfach auch wahnsinnig viel Arbeit.

Da wurde von früh bis spät malocht, und man wurde ganz schön rangenommen. Das hat jeden auch psychisch ein wenig in die Mangel genommen. Man sagt ja, Schauspielschule sei in etwa das, was im Theater die Endprobenphase ist, in der es richtig zur Sache geht. Das war in der Schauspielschule die gesamte Zeit so: jahrelange Endprobenphase.

Ein drastisches Gegenmodell zum Komfort der Freiburger Kindheit und der freiheitlichen Haltung von Georgo Peugot.


Das war ein absolutes Gegenmodell. Auch das hat mir aber andererseits gefallen. Ich vermisste schon die Clownerie und war immer froh, in den Sommerferien wieder frei von der Leber weg Clown sein zu können. Aber, so hart es war: Die Disziplin, das genaue Arbeiten, das Nicht-Nachgeben, auch dieses Offen-Und-Ehrlich-Sein hat mir gefallen. Das ist das Schöne an dem, was ich jetzt machen darf: Beide Aspekte fließen ein. Einerseits der komische Wahnsinn und auf der anderen Seite die Disziplin. Man muss beim Parodieren schon auch seinem Affen immer wieder Zucker geben, und auf der anderen Seite braucht es Vorbereitung, Handwerk. Es ist sehr schön, dass sich beide Extreme verbinden. Schauspielschule war rückblickend eine andere Welt. Diese Welt  hatte nicht viel Bezug zur Realität, nicht einmal wirklich viel Bezug zum Theater-Leben.

Wo haben Sie denn danach fähnchenlos auf der Welt herumgelümmelt?


Ach, danach dachte ich: Jetzt aber schon Deutsches Theater Berlin oder Berliner Ensemble. Was heraussprang, war ein Vorsprechen bei den Münchner Kammerspielen. Das war auch erstmal in Ordnung, hat aber nicht geklappt. Dann kam die Ernüchterung: Was übrig blieb, war das Schauspiel Essen. Da dachte ich damals als arroganter Schnösel-Student, das sei nun irgendwie nicht so dolle.

Sie waren arrogant?


Nee, aber ein wenig realitätsfremd. Ich war ein erfolgreicher Student und habe geglaubt, das ginge einfach am Theater so weiter. Und das war nicht so.

Ach gar.


Dann war es halt das Theater Essen. Bodenständiges, normales Stadttheater, wo fürs Abo-Publikum solide inszeniert wurde. Das war neu für mich, hat mich zunächst ein wenig abgestoßen. Ich wollte große Kunst machen. Ich saß da in Essen, konnte mich mit der Stadt überhaupt nicht anfreunden und habe relativ schnell entschieden, die Zelte nach einem Jahr wieder anzubrechen. Ich ging zurück nach Freiburg und zur Clownerie, durfte aber in Essen noch gastieren. Ich habe fünf Jahre lang noch zwei, drei Stücke im Jahr gemacht. Ich konnte mir die Rollen auch aussuchen, eigentlich eine tolle Zeit mit Clownerie und Theater. Später kamen parallel auch die ersten Fernsehangebote.


In Freiburg wollte ich mit Georgo Peugot zusammen ein Clowns-Duo gründen. Wenn man ehrlich ist, ein extrem unrealistisches Unterfangen, aber wir wollten das unbedingt versuchen. Das übrigens war das erste Mal, dass meine Eltern Widerspruch hatten: Ein festes Engagement am Theater zu kündigen um Clown zu sein, fanden sie nicht so berauschend. Und dann ist in diesem Sommer, fünf Wochen nach meiner Rückkehr, Georgo bei einem Autounfall gestorben. Ich musste alles neu sortieren und entschied mich dafür, erst recht dabei zu bleiben. Ich hätte auch ans Theater zurück gehen können, habe aber dann seine Sachen weitergeführt.

Wie ist er denn gestorben?


Er ist mit seinem Auto in der Schweiz an einem unbeschrankten Bahnübergang von einem Zug erfasst worden. Ein Schock. Ich bin mit seiner damaligen Lebensgefährtin heute noch eng befreundet. Auch mit seinem damaligen Partner Jack Millet, mit dem ich nach Georgos Tod lange zusammen gespielt habe. Sein Tod war für mich noch einmal eine nächste Stufe des Erwachsen-Werdens. In einem Leben, in dem alles immer eher logisch aufeinander aufgebaut war und weiter lief: Plötzlich war irgendwie Schluss, aber es war in diesem Moment egal. Man denkt nicht an die eigene Karriere in Situationen wie diesen damals.

So hat Ihr Mentor Georgo Peugot Ihren Start ins Fernsehen nicht mehr erlebt?


Nein, er hat das nicht erlebt. Ich glaube, er wäre sehr, sehr stolz gewesen. Nein: Ich weiß es. Noch heute vor großen Auftritten denke ich an ihn und versuche, von seinem Spirit etwas mitzunehmen.

Glauben Sie an Gott?


Nein, leider nicht. Ich beneide immer Leute, die das tun. Ab und an habe ich das Gefühl, so etwas wie der Geist von Georgo sei im Raum, dann fühle ich mich ihm nahe. Das wird seltener, der Unfall ist ja zehn Jahre her. Nach seinem Tod habe ich anfangs viel von ihm geträumt, habe mich in Situationen häufig gefragt, was er wohl getan oder mir geraten hätte. Das wird weniger.

Sich derartige Fragen im inneren Dialog zu stellen, ist Beleg für Bindung und Beziehung. Diejenigen, die Schalter ausknipsen, kann man eh vergessen. Übrigens: Stolz – sind Ihre Eltern eigentlich stolz auf Sie?


Ja. Es gab diese erwähnte Phase, in der es schwierig war: Meine Eltern waren im weiteren Sinn zwar Künstler, aber sie sind eben auch Beamte gewesen. Da überwog die Sicherheits-Komponente. Meinem Vater geht es heute noch so: Er hat immer Angst, wie es für mich jetzt weiter geht. Selbstständige gewöhnen sich ja an eine gewisse Ungewissheit. Und es tut mir durchaus auch gut, nicht zu wissen, was ich in zwei Jahren mache. Doch, meine Eltern sind stolz. Mein Vater hat dies in einer wunderbaren Hochzeitsrede auch gesagt, und das freut mich sehr.

Ihr Leben unterscheidet sich ja in einigen Aspekten von dem eines Beamten. Sie sind, so hoffe ich, mehr in Bewegung. Was bedeutet dies für Anzahl und Qualität von Bindungen? Haben Sie viele wirkliche Freunde?


Also, ich habe wenig gute Freunde. Ich glaube, das hat weniger mit dem Beruf zu tun als mit meinem Wesen.

Die Berufswahl selbst hat auch mit dem Wesen zu tun. Was ist denn schnell nochmal mit Ihrem Wesen?


Ich tue mich schwer damit, Bindungen zu pflegen. Eigentlich mag ich es auch nicht so, wenn man in Erinnerungen schwelgt.

Für dieses Gespräch kommt die Information ein wenig spät.


Nein, hier ist das ganz angenehm Aber sonst so im Alltag… ich habe zum Beispiel nur noch einen Freund aus der Schulzeit. Und es liegt bestimmt auch an mir. Ich glaube, ich bin nicht so treu. Und ich tue mich schwer, künstlich Brief- oder Mailverkehr aufrecht zu erhalten. Also, ich habe wenig gute Freunde und die wenigen, die ich habe, sind auch wirklich gute Freunde, auf die ich zählen kann. Eine Handvolll, wenn es hochkommt. Dann gibt es viele gute Bekanntschaften: Auch Menschen, mit denen ich arbeite und denen ich in Projekten sehr nahe komme, und die ich wirklich kennen lerne. Und dann: Ich bin auch gerne allein. Viele Bekannte und auch gute Freunde von mir sind sehr unternehmungslustig und müssen immer etwas erleben. Mir geht das anders. Ich sitze lieber auch mal auf der Couch.

Wie gut treffen Sie denn Sie denn die Balance zwischen der Beanspruchung beruflicher Ressourcen und dem Auffüllen Ihres Akkus?


Ich habe glücklicherweise nicht den Wahn, unbedingt in allen wichtigen Formaten auftauchen zu müssen, und ich habe auch kein Problem damit, etwas abzusagen. Wenn ich etwas mache, mache ich es richtig. Und das bedeutet schon manchmal, dass ich Probleme habe, es zu dosieren. Wenn es richtig viel Arbeit ist, kann ich nicht sagen, ich lasse es einfach mal bleiben und gehe morgen unvorbereitet ans Set. Aktuell hatten wir bei “Switch“ mit 18 Folgen eine sehr lange Staffel und ein halbes Jahr ohne Wochenende. Da hatte ich natürlich das Gefühl, ich könne die Balance nicht halten. Da fragst Du Dich schon, wie Du das machen würdest, wenn Du Familie hättest. Das ist ein wenig ein Gewissenskonflikt: Wie weit willst Du Dich aufopfern? Ich will es dann halt auch nicht halb machen.

Das eine ist ja zu entscheiden, das andere, überhaupt zu merken, wenn es droht zu viel zu werden.


Ach, das merke ich vielleicht sogar ein wenig zu gut, ich bin da eher hypochondrisch veranlagt. Ich hatte mal ein richtiges Tief, fühlte mich ausgebrannt. Es fiel mir schwer, morgens aufzustehen, die Kraft war weg. Ich bin dann zu einem Fachmann gegangen, habe ihm allerdings am Ende der ersten Sitzung schon gesagt, ich bekäme das schon alleine hin. So war es dann auch. Nein, ich habe ein gutes und präzises, inneres Frühwarnsystem. Damals war es, so glaube ich, nur der Punkt zu erkennen: Achtung, komm mal runter.

Sagen Sie mir doch schnell mal aus dem Bauch die aktuell ödeste TV-Sendung, die Ihnen einfällt.


Ich wundere mich, dass “Wetten, dass…?“ so ein Erfolg ist. Ich finde es sterbenslangweilig. Ich fand es übrigens schon als Kind nicht besonders spannend. Alle sind damit groß geworden - ich nicht. Ich war noch nie ein großer “Wetten, dass…?“-Fan.

Tom Hanks hatte schon nicht ganz unrecht.


Nein, er hatte total Recht. Ich verstehe auch nicht, warum sich alle so über seine Äußerung echauffiert haben. Mittlerweise ist Fernsehen insgesamt für mich auch schwierig. Ich schaue viele Sachen lieber gezielt auf dem Rechner. Wenn ich Sachen parodiere oder nach möglichen Themen für Parodien suche, muss ich mir die Dinge ohnehin mehrfach anschauen. Und meine Fernseh- Schmerzgrenze sinkt natürlich: Ich brauche nicht mehr so lange, bis ich vor dem Fernseher einschlafe. Meine Frau bleibt übrigens genau bei den Sachen hängen, die wir immer verarschen. Ich sitze dann nebendran und schaue eher aus beruflicher Neugier mit. Aber vieles halte ich mittlerweile immer schlechter aus.

In jenem Teil von Medienkultur, der von Schleim, Anpassung und Oberflächen bestimmt ist: Wie navigieren Sie denn so, dass Sie selbst noch heil bleiben?


Ach, das ist schwierig. Ich habe kein Rezept dafür, dieser ganze Zirkus ist schon schwierig. Gerade wegen der Extreme: Einerseits ist beim Spielen Ernst und Authentizität gefordert, auf der anderen Seite gibt es jede Menge Politik. Ich bin ja nun auch in einer Situation, in der es darauf ankommt Formate zu verkaufen, in der ich viel mit Geschäftsführern oder Senderchefs am Tisch sitze. Das zu dürfen, ist ein Privileg. Aber, man macht da sehr viel mehr mit: Man ist nicht mehr einfach nur Akteur und Darsteller. Das ist schon echt nicht so einfach, da durch zu schiffen. Ich bin immer froh, wenn die Kamera läuft.

Ich habe in diesem Jahr viel Spaß beim Drehen gehabt. Um auf Georgo Peugot zurück zu kommen: Man muss sich immer wieder neu klar machen, warum man das alles tut. Und wenn es nur ein paar Tage im Jahr gibt, von denen man sagen kann, es habe richtig Spaß gemacht: Es ist so wichtig, diese Tage auch zu haben. Viele haben das wahrscheinlich kaum. Am Set mit dem Team zu arbeiten, ist ein tolles Gefühl: Man hat diese gesunde Aufregung, kann aus sich herausgehen, lacht auch viel. Das sind Glücksmomente, die man wahrnehmen muss und aus denen man nicht so schnell wieder heraus hetzen sollte.

Was ist denn für Sie das Schwierigste an Ihrem Beruf?


Dass man zu allem sofort ein Feedback bekommt. Dass jeder sich sofort zu allem, was Du tust, eine Meinung bildet. Manchmal möchte man irgendwie auch gerne im stillen Kämmerchen arbeiten. Am liebsten würde ich im Ausland arbeiten oder leben. Man arbeitet und fährt nachhause woanders hin. Diese Trennung ist heute sehr schwierig, gerade in Facebook-Zeiten. Jeder gibt zu allem seinen Senf dazu. Gerade, wenn man ein wenig zarter besaitet ist -ich bin ja nicht so gut im Einstecken- liegt man schon mal nachts wach und grübelt, weil jemand etwas Blödes geschrieben hat. Man weiß zwar, man sollte das nicht tun, aber es geschieht dennoch.

Wissen reicht nicht: Die Fähigkeit zu emotionaler Distanz ist halt keine rationale Frage. Der lausigste Weg ist, über Jahre einzustecken und irgendwann stumpfer zu werden. Ich befürchte aber, dies ist der Weg, den viele gehen.


Das glaube ich auch, das geht vielen Kollegen so.

Eine Handvoll Freunde haben Sie, und: Wenigstens einen anständigen Feind?


Ich glaube nicht. Keinen, von dem ich weiß. Es kann natürlich sein, dass etwa ein Daniel Kreibich oder ein Reinhold Beckmann mir insgeheim wegen der Parodie Böses wünschen. Ehrlich gesagt, ich fände es überhaupt nicht schlimm. Ich lege es nicht darauf an, aber wenn, ist es auch in Ordnung. Es wundert mich ohnehin, dass alle Parodierten die Parodien immer so toll finden, wir versuchen ja durchaus, schon auch mal böse zu sein.

Welche Ihrer Stärken ist Ihnen die relativ angenehmste, welche Ihre Schwächen die relativ unangenehmste?


In beiden Fällen ist es das, was mit dem Begriff Perfektionismus auch ein wenig blöde beschrieben ist. Nicht loslassen, Kontrolle ausüben wollen sind Stärken, weil ich dadurch immer gut vorbereitet bin. Aber es ist für mich auch unangenehm, weil es manchmal besser wäre, einfach loszulassen. Frei sein zu können, Kontrolle abzulegen, ist mitunter für den Beruf wichtig, und für einen selber erst recht.

Wann sind Sie denn das letzte Mal richtig ausgerastet?


Ich habe mich über mich gewundert, als ich letzten Sommer meinen Produktionsleiter angeschrien habe. Das kam einfach aus dem Bauch. Muss auch mal sein. Sonst ist das überhaupt nicht meine Art.

Kennen Sie Angst?


Ja. Klar, kennt doch jeder. Die Angst zu sterben treibt mich täglich um. Natürlich habe ich gelernt, dem nicht nachzugeben. Oder die Angst, jemanden zu verlieren. Auch Lampenfieber ist eine besondere Form von Angst. Sehr abgemildert, aber auf jeden Fall eine Form von Angst. Das habe ich in meinem Job oft: Was andere mit Prüfungsangst haben, habe ich an jedem Drehtag: Angst zu versagen, Angst, dass es nicht gut ist, was ich mache. Mir ist auch klar, dass es Unsinn ist. Aber das Herz bummert und man schwitzt. Es ist, wie ein bisschen zu schnell eine Skipiste herunter zu fahren. Einerseits hat man Angst und andererseits ist es auch toll. Ich bin kein Adrenalin-Junkie, aber Angst spielt schon eine große Rolle.

Wie möchten Sie denn alt werden? Nicht ob, sondern: wie?


Vielleicht in dem Haus, was ich hoffentlich bald mal finde. Wie in diesem Lied von Peter Fox „Haus am See“. Mit meiner Frau und Enkelkindern, Weihnachten und allem. Aber ich möchte auch so lange wie möglich arbeiten.

Vor die Gnade der Enkelkinder hat der Herrgott, an den Sie nicht glauben, erst einmal die Kinder gesetzt.


Genau. Das ist mir bewusst.

Sind Sie denn da ganz anständig unterwegs?


Noch nicht, aber es steht sozusagen auf der Agenda.

Das haben Sie gefühlvoll formuliert.


Danke. Jetzt wissen Sie ja alles, was auf meiner Agenda steht: Haus, Garten, Kinder- Führerschein Klasse 3 hab ich ja schon.

Max Giermann, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.


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