22.05.2014 09:53 Terri Hooley im interview mit Michaela Boland

Terri Hooley mit Platten gegen das Töten - Good Vibrations zeigt die legendäre Geschichte im Nordirlandkonflikt

Michaela Boland und Terri Hooley

Freunde der Künste Reporterin Michaela Boland trifft Terri Hooley - ein intensives Gespräch über seine Kindheit in Belfast und den Nordirland-Konflikt (c) GFDK

Terri Hooley im Interview ueber Good Vibrations
Von: GFDK - Michaela Boland

Für die Freunde der Künste hat Terri Hooley exklusiv Michaela Boland seine Geschichte  über den legendären Plattenladen Good Vibrations  erzählt. Belfast Nordirland - Zwischen 1969 und 1998 beherrschte ein blutiger Identitäts und Machtkampf zwischen zwei Bevölkerungsgruppen die Politik: pro-britische Protestanten gegen irisch-nationalistische Katholiken.

Während sich die Menschen in den Siebziger Jahren bis aufs Äußerste bekämpften und feige Morde durch Bombenattentate auf der Tagesordnung standen, behielt ein Mann einen kühlen Kopf: Terri Hooley. 

Die Musik schien sein Schutzschild, der Punk sein Elixier. Mutig eröffnete er auf der meist bombardierten Straße Belfasts einen Plattenladen und förderte Punkbands mit seinem Label. Er glaubte an die Wirkung der Musik und landete prompt einen Erfolg: Mit “Teenage Kicks“ brachte er nicht nur „The Undertones“ groß heraus, sondern konnte auch für ein kleines bisschen mehr Frieden im Land sorgen.

Er verschenkte Platten für das Versprechen, nicht mehr zu töten. Jetzt ist der Film über ihn und sein Leben in deutschen Kinos angelaufen. „Good Vibrations“ lautet der Titel, genau wie der Name seines legendären Geschäfts. „

Michaela Boland: Vermag Musik die Welt zu verändern, Terri?

Terri Hooley: Ich würde das gerne glauben. Sie hat sicherlich meine Welt sehr verändert.

Michaela Boland: Während des Nordirlandkonflikts hast du ausgerechnet in der meist bombardierten Grand Victoria Street in Belfast einen Platten-Landen namens "Good Vibrations" eröffnet, später ein eigenes Plattenlabel gegründet, die Straßenunruhen mit ständiger Waffengewalt quasi ignoriert und trotzdem überlebt. Wenn Musik eine solche Kraft vermitteln kann, was geht in dir vor, wenn du augenblicklich Bilder aus der Ukraine siehst, wo politische Konflikte mit Russland teilweise ebenfalls mit Gewalt auf den Straßen ausgetragen werden?

Terri Hooley: Als ich im Fernsehen sah, in was Moskau und die Ukraine sich da gerade verwickeln, erinnerte mich das sehr stark daran, was damals bei uns in Belfast passiert ist als wir in diesen Konflikt mithineingezogen wurden. Ich sah kurz darauf auch noch einen Film über Musiker, die sich dagegen wandten, dass sich dieser politische Konflikt in der Form ausweitet. Der Nordirlandkonflikt bei uns zog sich über zehn lange Jahre mit all den Bombardements und Morden. Wir hatten wirklich mehr als genug von all dem.

Michaela Boland: Du wurdest am 23. Dezember 1948 in Belfast geboren und wohnst auch heute noch dort. Hast du eigentlich dein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht oder zwischendurch auch einmal woanders gelebt?

Terri Hooley: Ich hatte nie den Wunsch irgendwo anders zu leben. Man hat mir Jobs in Amerika angeboten, aber ich habe nie einen anderen Ort entdeckt, an dem ich mir hätte vorstellen können zu leben. Belfast ist ja nur eine kleine Stadt und ich kenne dort so viele Menschen, dass es für mich recht einfach ist, dort etwas zu organisieren. Auch wäre ich mir wie ein Verräter vorgekommen, wenn ich Belfast verlassen hätte.

 Ich war früher in der Friedensbewegung tätig, wir waren insgesamt 40 Leute und nannten uns „The Tribe“. Nach dem ersten Bombenanschlag war die Stadt jedoch auf einmal derart geteilt. Ganze Straßenzüge wurden niedergebrannt. Wenn Katholiken aus einem Gebiet wegzogen, brannten die Protestanten ihre Häuser nieder und wenn Protestanten bestimmte Häuser bezogen, fielen Katholiken dort ein. Was sich da abgespielt hat, war unglaublich.

 Einige derer, die paramilitärisch waren, kannte ich noch aus meiner Kindheit und so konnte ich mit ihnen reden. Manchmal kam es zum Streit mit diesen Menschen aus der Arbeiterklasse, die sogar ihre eigenen Leute erschossen. Das ging dann so lange, bis gesagt wurde, „sei nun still oder ich erschieße dich“.

 Von den ursprünglich 40 Leuten des „Tribe“ war ich am Ende der einzige, der übrig geblieben ist, denn die anderen sind aufgrund von unterschiedlichster Einschüchterung von Seiten der paramilitärischen Organisation oder des Militärs fortgegangen. Daher wollte ich nicht auch noch das Feld räumen.

Michaela Boland: Ihr habt dort in der Titanic-Werft-Stadt unter 300.000 Einwohner?

Terri Hooley: Ja, ich glaube schon. Ganz genau weiß ich es nicht. Ich biete dort Wandertouren an. Das nennt sich dann: “Terri Hooley`s Alternative Belfast Walking Tour“. Da erzähle ich aber rein gar nichts Historisches, ich spreche auch nicht über die Unruhen oder gar über die Titanic. Ich berichte nur über Sex, Drugs und Rock `n Roll. Dabei geht es um alle möglichen Rockstars wie Van Morrison, Jim Riley, Fergal Sharkey, Snow Patrol oder The Undertones. Auch um John Peel.

Michaela Boland: Du bist auch Vater?

Terri Hooley: Ja, ich habe eine 34-jährige Tochter und einen 14-jährigen Sohn. Daher sagten all meine Freunde immer, dass ich offensichtlich 20 Jahre lang viel zu betrunken war, um Sex zu haben.

Michaela Boland: Wie bist du aufgewachsen?

Terri Hooley: Ich bin in Armut aufgewachsen. Wir waren in keiner Weise reich, aber niemand in meiner Umgebung war das damals. Alles, was wir hatten, war ein riesiges Radio und ich liebte dieses Gerät abgöttisch. Ich hörte immerzu Radio. Mein Vater war Politiker.

 Er war eigentlich Engländer und begegnete meiner Mutter während des Zweiten Weltkriegs in Belfast. Dann zog meine Mutter mit nach England, aber sie fühlte sich dort überhaupt nicht wohl. Mein Vater war als Politiker in England zuvor recht etabliert gewesen, als er jedoch nach Nordirland kam, konnte er dort niemals so richtig Fuß fassen.

Michaela Boland: Hast du noch Geschwister?

Terri Hooley: Ja, einen Bruder. Er wurde noch in England geboren, ich bereits in Belfast. Ich mochte meinen Bruder allerdings auch nie (lacht). 

Michaela Boland: Wie hat sich deine besondere Leidenschaft für gepresstes Vinyl entwickelt?

Terri Hooley: Meine Eltern gingen abends schon mal aus und dann habe ich mich regelmäßig aus dem Bett geschlichen und dem Radio gelauscht. Das war Radio Luxemburg. Ich liebte das so sehr. Als ich dann sieben Jahre alt war, bekam ich meine erste Schallplatte. 

Michaela Boland: Mit welchem Titel und von welchem Interpreten?

Terri Hooley: Sie kam als Beilage einer Margarine-Werbung durch den Briefkastenschlitz. Es war der Titel "Swinging on the garden gate" von einem Jazz-Künstler namens Humphrey Lyttelton. Jazz war zu dieser Zeit sehr angesagt. Da ich meinen Bruder, der kein sehr angenehmer Zeitgenosse war, kannte, war mir sofort klar, dass er mir die Platte wegnehmen würde, sobald er sie sähe, und so rannte ich dem Austräger hinterher und bettelte ihn an, mir noch eine zu geben. Ich hütete diese Schallplatte wie einen Schatz und ich versteckte sie.

 Ich wickelte sie in Bettlaken ein und verbarg sie im Badezimmer. Auch las ich dann immer wieder die Textzeilen auf dem Cover, jedes einzelne Wort, denn es vergingen noch Monate, bevor ich die Scheibe zum ersten Mal hören konnte. Schließlich hatte ja niemand in unserer Straße einen Plattenspieler. Eines Tages bat mich ein Freund, dabei behilflich zu sein, Kohle zu seiner Tante zu tragen. Sie hatte einen Plattenspieler. Also bat ich sie, meine Schallplatte abzuspielen. Und sie war genauso wundervoll wie ich es mir vorgestellt hatte.

Michaela Boland: Wurdest du auf diese Weise mehr oder weniger „infiziert“?

Terri Hooley: Ja. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich zum Platensammler und zwar zu einem fanatischen. Leute von überall her brachten mir dann Schallplatten. Und auch ich klapperte Häuser ab, besonders in den 60ern, als alle so wild auf die Beatles und die Stones waren. Die Leute fragten mich dann häufig, "warum hörst du dir denn die Plattensammlung meiner Eltern an", denn ich spielte gerne Charlie Parker, Patsy Cline oder sogar Paganini. Mein Musikgeschmack war sehr umfassend.

 Ich liebte einfach all das. Und obgleich ich vor zehn Jahren meine komplette Plattensammlung in meinen Laden verbracht habe, und man ihn nur drei Wochen später niedergebrannt hat, besitze ich die allererste Scheibe noch immer.

Michaela Boland: Spielst du als Musikliebhaber auch selbst irgendwelche Instrumente?

Terri Hooley: Nein. Das überlasse ich den Profis. Ich kann weder singen noch Noten lesen. Aber, ich habe Platten gemacht. In meinem Herzen bin ich einfach ein großer Fan. Ich habe sehr viele Musiker-Freunde, sogar schon in den 60-er Jahren gehabt und jedes Mal, wenn ich sie auf der Bühne spielen hörte oder höre, geht mir das Herz auf. Ich selbst könnte das nie.

Michaela Boland: Nachdem du deinen Plattenladen hattest, hast du auch jede Menge junge Musiker unterstützt. Wie kam es dazu?

Terri Hooley:  Ich war im Großen und Ganzen glücklich und bin es nach wie vor. Ich bin nie ein Punk gewesen, aber habe immer damit weiter gemacht, mir all diese Punk-Bands anzuhören. Es kamen ja auch immer mal sehr junge Künstler zu mir in den Laden, die anderswo keine Unterstützung erfuhren. Die ersten waren “ The Outcasts“, die ich anfänglich überhaupt nicht gut fand, aber deren Manager und Plattenproduzent ich neun Monate später wurde.

 Die nächste Band war “Rudi“. Ich habe sie dann gefragt, wie es für sie wäre, wenn wir eine Platte produzieren würden. Und genau das haben wir dann auch getan. Ebenso wie mit vielen weiteren Bands. Einige Leute aus der Punk-Szene kamen dann später sogar zu mir und haben sich dafür bedankt, dass ich ihr Leben gerettet hätte.

 Sie meinten, wenn sie bei mir nicht mit dem Punk in Berührung gekommen wären, hätten sie bestimmt beim Arbeitsamt gesessen und wären früher oder später wohl bei den paramilitärischen Organisationen gelandet, hätten gemordet und seien wohl im Gefängnis geworfen worden. 

Michaela Boland: Was war deine ursprüngliche Motivation dieses große Engagement?

Terri Hooley: Dass ich letztendlich das Label gegründet habe, lag daran, dass ich die Menschen wissen lassen wollte, dass nun etwas passiert. Der Grund, warum mir so viel daran lag, den jungen Bands zu helfen, war der, dass es zu der Zeit als ich in Belfast aufwuchs, in den 60er Jahren, noch sogenannte Edie-Clubs gegeben hat. Dort konnten wir in unserer Jugend noch hingehen.

Michaela Boland: Was ist darunter zu verstehen?

Terri Hooley: Treffpunkte mit Live-Musik: Bars, Tanzhallen oder Ballsäle. Leider waren nach zehn Jahren des Konflikts nur noch ein oder zwei davon übrig. Einige waren nämlich schlicht zerbombt worden. Aber niemand kam am späten Abend oder gar nachts mehr in die Belfaster Innenstadt. Es war die einzige europäische Stadt, in deren Zentrum sich die Menschen abends nicht mehr trauten.

 Definitiv hatten sie aber auch eine Art Drahtseil um das Stadt-Zentrum gespannt, sodass die Menschen auch gar nicht mehr mit ihren Autos hineinfahren konnten. Außerdem musste man sich ja auch ständig vor Autobomben vorsehen. Sogar tagsüber, wenn du arbeiten wolltest, haben sie dich schon mal gesucht, die Barrieren durchbrochen und Läden in Brand gesetzt oder Bomben gezündet. Das war schon Grund genug für die Menschen, nachts erst recht nicht in die Stadt zu kommen. 

Michaela Boland: Wie macht man unter solchen Bedingungen Bands bekannt?

Terri Hooley: Es war natürlich für uns besonders schwer, Auftrittsmöglichkeiten für unsere Bands aufzutun. Was wir dann schon mal getan haben, war, Hotels abzutelefonieren und zu sagen, dass eine Party zum 21. Geburtstag von jemandem stattfinden sollte und wir dafür ein paar Bands organisiert hätten. Wenn jene Hotels dann aber herausfanden, dass es in Wahrheit um ein Punk-Konzert ging, sagten sie, obwohl sie froh darüber waren, Publikum zu haben und Alkohol zu verkaufen, „Kommt bloß nicht wieder“. Dieser Aufforderung unverzüglich nachzukommen, unterbrach natürlich so ein Konzert der Bands.

Michaela Boland: Habt ihr Alternativen gefunden?

Terri Hooley: Dann haben wir eine Location namens „Hard Bar“ aufgetan, die ein Strip-Club war. Das war für Belfast eher ungewöhnlich und auch der einzige seiner Art. Es hatte zwar vorher auch mal einen gegeben, aber der wurde zerbombt. Eine Stripperin habe ich da eigentlich auch nie gesehen. Ich habe dann Kontakt dorthin aufgenommen und gesagt, dass wir Live-Musik dort machen wollten und so konnten wir dort Konzerte veranstalten.

 Die Leute kamen von ganz Belfast dorthin. Manchmal war der Weg ein richtiger Kampf für sie, denn egal aus welcher Gegend du kamst, du musstest die Absperrung passieren. Für Leute des „anderen Stammes“ war es recht gefährlich, nachts in die Innenstadt zu kommen, denn die anderen konnten sie einfach so erschießen.

 Tatsächlich hat es in Belfast Straßen gegeben, auf denen du, wenn du nachts auf der rechten Seite fuhrst, für einen Katholiken gehalten wurdest und wenn du auf der linken Seite gingst, hieß das, dass du ein Protestant warst. Aber der Künstler Jerry Gleason sagte stets: Terri und seine Bandjungs laufen immer in der Mitte.

Michaela Boland: Bist du katholisch oder evangelisch?

Terri Hooley: Ich wurde einmal als Protestant geboren. Ich habe nie so ganz ausmachen können, was für eine Konfession mein Vater hatte. Hooley ist eigentlich ein eher katholischer Name. Aber es gibt den Namen nur zwei Mal in Nordirland. Nur mein 14-jähriger Sohn und ich heißen so. Und die Leute sagen sogar noch, das seien zwei zu viel.

 Hooley ist außerdem ein aus Märchen bekannter irischer Begriff. Er bedeutet, `eine Party machen`. Da gibt es ein bekanntes Lied in Irland, es heißt: “We`re gonna have a hooley…“ Ich bin als Methodist erzogen worden, meine Mutter war auch sehr religiös. Mein Vater war ein Mann der Arbeit und eher radikal.

 So wurde ich durch meinen Vater als Sozialist und durch meine Mutter als Christ erzogen. Allerdings konnte ich eigentlich nie einen großen Unterschied zwischen diesen beiden Positionen finden. Ich habe in jedem Fall gelernt, jeden zu respektieren und jedem die notwendige Ehrerbietung entgegenzubringen. Wir sind schließlich alle Gottes Kinder. 

Michaela Boland: Hast du während des Glaubenskonflikts für eine der Seiten Partei ergriffen?

Terri Hooley: Nein. Ich habe mich nie auf eine der Seiten gestellt und bin auch sehr stolz darauf. Und ich wurde bereits von beiden Seiten angegriffen, sogar noch in jüngster Vergangenheit. Ich vertrete die Einstellung, dass ich einen Bruder in Melbourne, eine Schwester in Paris und Cousins in Köln habe. Wir sind doch alle eine Menschen-Familie. Ich denke, es gibt zwei Sorten von Menschen: Uns und die anderen. Diese anderen mag ich nicht, aber ich mag uns.

Michaela Boland: Nun hast du ja bereits erzählt, dass dein Vater Politiker war. Ich las, dass du weniger an Politik interessiert sein sollst. Entspricht dies der Wahrheit und wenn ja, ist es nicht eher untypisch, dass Politiker-Kinder rein gar nichts damit am Hut haben wollen?

Terri Hooley: Ich interessiere mich durchaus für Welt -Politik. Nur die Politik Nordirlands interessiert mich nicht im Geringsten, denn sie ist dumm. Dass sie noch immer einen Kampf austragen, der sich schon im Jahre 1690 ereignet hat. Naja, die Protestanten haben gewonnen. König Wilhelm III. von Oranien, der schwul war und die Unterstützung vom Papst erhielt, was ja in sich schon lächerlich ist, schlug König James II. von England und Irland.

 Dieser Kampf am Fluss Boyne war Anlass zu einer der größten Demonstrationen Europas am 12. Juli und die Loyalisten des Oranier-Ordens mit all ihren Bannern schlagen dort regelmäßig auf. Als Nordirland zu Beginn des letzten Jahrhunderts vom Süden getrennt wurde, kontrollierten und dominierten die Protestanten die katholische Bevölkerung. Sie kontrollierten die Politik und Katholiken wurden diskriminiert. Aber die Zeiten haben sich geändert. 

Wir haben jetzt eher eine gleichwertige Gesellschaft. Aber trotzdem verletzten sie sich nach wie vor. Es gibt immer noch Leute, die ein vereinigtes Irland wollen. Einmal haben die Loyalisten unmittelbar vor Weihnachten das Leben der Stadt zum Stillstand gebracht. Sie blockierten die Straßen. Es ging nichts mehr. All die Restaurants blieben leer. Im vergangen Jahr haben mich die Loyalisten angegriffen, vor 14 Jahren haben sie versucht, mich zu töten. 

Was allerdings mittlerweile schön ist, ist der Umstand, dass wir mehr und mehr gemischte Schulen haben, die von katholischen und protestantischen Kindern besucht werden. Dies erschwert herauszufinden, ob jemand katholisch oder evangelisch ist.

Michaela Boland: Glaubst Du, dass die Menschen im Hinblick auf ihre Vergangenheit lernfähig sind?

Terri Hooley: Nein. Es ist einfach bizarr. Ich glaube nicht, dass ich immer Recht habe und jeder andere Unrecht. Ich fühle mich nur so lange im Recht bis jemand anderes mich eines besseren belehrt.

Michaela Boland: Was für einen Beruf hast du eigentlich ursprünglich mal erlernt, bevor dein Leben als Plattenshop-Besitzer und Label-Inhaber begonnen hat?

Terri Hooley: Ich habe für Kodak in der Entwicklung gearbeitet. Hauptsächlich war ich in der Schwarz-Weiß-Vergrößerung eingesetzt. Ich habe zwar die Schule verhältnismäßig früh verlassen, aber das Fotografieren von der Pike auf erlernt. Fotografie und Musik waren schon immer meine Leidenschaften, aber als ich dann angefangen musste, sechs Tage die Woche zu arbeiten, habe ich irgendwann das Interesse verloren. 

Eines Nachts war ich mal da um zu arbeiten, es war in einer kalten Novembernacht, und ich kam gerade aus dem Gebäude als plötzlich drei bewaffnete Männer aus einem Auto sprangen und versuchten, mich zu entführen. Glücklicherweise kamen mir zwei befreundete Männer zur Hilfe, sie sprangen herbei und retten mir das Leben. Das war der Punkt, an welchem ich mich dazu entschlossen habe, einen Plattenladen aufzumachen. Ich dachte, ich müsse das tun, bevor man mich eines Tages umbringen würde.

Michaela Boland: Bist du jemand, der so gar keine Angst empfindet? Sich während andauernder Waffenunruhen ein Ladenlokal in der meist bombardierten Straße zu nehmen, ist nicht unbedingt naheliegend.

Terri Hooley: Viele Leute haben mich gefragt, woher der Mut kommt. Ich denke, es war einfach Verrücktheit. Eine Sache, über die beispielsweise in Nordirland gesprochen wird, ist, dass ich ein Zusammentreffen bei den ständig von der Britischen Armee von Dächern aus überwachten “Divis Flats“ (Anm. d. Red.: fast ausschließlich von arbeitslosen irischen Nationalisten bewohnte Siedlung im Westen Belfasts, Hochburg der Untergrundorganisationen IRA und INLA und Schauplatz zahlreicher Straßenschlachten, Bombenanschläge und Schießereien) organisiert habe.

 Und ich schaffte es, die IRA dazu zu bringen, für einen Tag ihre Waffen niederzulegen und die Britische Armee dazu, sich zurückzuhalten. Wenn wir jetzt zurückblicken, dann fragen wir uns natürlich, wie uns das nur gelingen konnte. Naja, ich habe mit der IRA bis in die Morgenstunden in einem Club getrunken. 

Michaela Boland: Warum musste es denn unbedingt ein Ladenlokal in der gefährlichen Grand Victoria Street sein?

Terri Hooley: Naja, wir waren ja sehr an Bomben gewöhnt. Irgendwann wird so etwas einfach mal zur Alltäglichkeit. Ich habe diese Straße auch sehr gemocht, da ich als Kind ganz in der Nähe aufgewachsen bin. Früher bin ich immer an der Hand meines Großvaters durch diese Straße spaziert und kannte zu dem Zeitpunkt alle Ladenbesitzer. Früher gab es dort einen Musikinstrumente-Laden, einen Süßigkeiten-Laden, einen Antiquitäten-Shop und Kleidungsgeschäfte. Ich liebte diese Meile.

Michaela Boland: Wie lief es dann zu Beginn mit deinem Plattenshop „Good Vibrations“?

Terri Hooley: Als ich das leere Ladenlokal entdeckte, hatte es schon keine Fensterscheiben mehr. Also haben wir zuerst mal die Toiletten für die Damen gerichtet und eine Party darin gefeiert. Anschließend standen uns jede Menge helfende Hände zum Renovieren des Ladens zur Verfügung. Und als wir damit fertig waren, haben wir wieder eine große Party geschmissen. 

Wir lieben es, Partys zu feiern. Ab einer bestimmten Uhrzeit am Abend haben wir uns das natürlich nicht mehr getraut, da wir durch die Bombenaschläge, die ja auch häufig Pubs zum Ziel hatten, viele Freunde verloren haben. 

Da gehst du beispielsweise mit einem Kumpel und dessen Bruder aus und fünf Minuten später ist dieser Bruder tot und liegt mit aufgeschnittener Kehle auf dem Boden. Nur weil er katholisch war. Somit war es schon besser, die Feste bei uns zu feiern und häufig habe ich meine Gäste auch nicht mehr heim geschickt, sondern bei mir auf der Erde oder auf dem Sofa übernachten lassen. 

Michaela Boland: Kann man mit dieser latenten Dauerbefürchtung jeden Moment sein Leben verlieren zu können, überhaupt ruhig schlafen?

Terri Hooley: Sehr oft haben wir nachts alle zusammen John Peel im Radio gehört. Das ist auch der Grund, warum er für uns eine solche Bedeutsamkeit hat.

Michaela Boland: Er war der Mann, der den Song „Teenage Kicks“ von den Undertones später zum Erfolg verholfen hat.

Terri Hooley: Niemand mochte beispielsweise die Undertones, aber John Peel hat damit angefangen, die Platte, Teenage Kicks“ zu spielen, was wirklich großartig von ihm war. Als ich selbst diesen Titel zum ersten Mal hörte, glaubte ich einfach an seinen Erfolg.

 Also, nahm ich den Song mit rüber nach London und machte mich beim größten Independent-Label vorstellig, welches viel Punk im Programm hatte. Dann habe ich ihnen die Scheibe vorgestellt und sie erwiderten nur, dass dies die schrecklichste Platte sei, die ihnen je untergekommen wäre. De facto waren natürlich alle Platten deren Platten Müll, aber sie verkauften sich. Dann klapperte ich EMI und CBS und jeder meinte, es wäre Scheiße.

Michaela Boland: Du sollst ja in einer Plattenfirma vor lauter Wut einfach mal sämtliche goldenen Schallplatten von den Wänden gerissen und auf den Boden geschmettert haben. Sonderlich kontrolliert konntest du zu diesem Zeitpunkt wohl nicht mit der Art von Kritik umgehen?

Terri Hooley: Mein Herz war einfach gebrochen. Aber immerhin: Im vergangenen Jahr wurde bei einer Veranstaltung in Dublin „Teenage Kicks“ gespielt und 42.000 Menschen sangen den Text geschlossen mit. Spätestens das hat mich entschädigt. Nun, damals jedenfalls, habe ich in London einfach mal ein Paar Scheiben für John Peel bei der BBC gelassen. 

Dann habe ich mich mit ein paar Freunden aus Belfast betrunken, kam montags mit dickem Schädel zurück nach Belfast und brach heulend vor meiner Frau zusammen. Ich hoffte, dass John Peel die Schallplatte am Abend spielen würde und: er spielte sie tatsächlich mit den Worten, „ist das nicht eine großartige Platte und jetzt tue ich etwas, was ich noch nie gemacht habe“, und er legte die Platte zum zweiten Mal auf. 

Dass so etwas passierte, war das erste Mal in der Geschichte der BBC. Schon am nächsten Tag meldeten sich Leute, die die Rechte für den amerikanischen Markt haben wollten. Wir baten sie, einfach herüber zu kommen und sie kamen kurz darauf und so nahm alles seinen Lauf. Und noch heute sind die Undertones aktiv und spielen. Genauso wie die Outcasts.

Michaela Boland: Wie ist so ein typischer Arbeitstag in deinem Plattenladen verlaufen zum Zeitpunkt der Unruhen?

Terri Hooley: Ich kam gegen 12.00 Uhr mittags mit einem Kater in den Laden. Manchmal haben ja auch andere Personen nach dem Geschäft gesehen, da ich häufig mit den Bands unterwegs gewesen bin. Vormittags kamen immer mal Leute herein, die Bestellungen aufgegeben haben. Wir hatten als Erkennungsmerkmal und Maskottchen draußen einen riesigen Elvis angebracht. Der wurde zwar wiederholt gestohlen, aber wir haben ihn immer wieder zurückbekommen. Alles in allem lief der Laden ganz gut, obwohl es mehrere Platten-Geschäfte in Belfast gab.

Michaela Boland: Stimmt es. Dass du manchmal Menschen Platten umsonst gegeben hast, wenn sie dir versprochen haben, dass sie keine Menschen mehr töten?

Terri Hooley: Ja, das ist richtig. In gewisser Weise zeigte das auch Wirkung. An materiellem Wohlstand war ich ohnehin nie so recht interessiert. Den kann man schließlich am Ende nicht mitnehmen. Ich betätige mich allerdings in vielen Wohltätigkeitsprojekten. So etwas wie Amnesty International und andere. Ich finde auch gut, wenn man beispielsweise Werkzeuge recycelt und für bestimmte Länder zur Verfügung stellt. Manchmal ist es nämlich nicht genug, nur Geld zu spenden.

 In Äthiopien hat die Regierung eine Whisky –Bestellung für 150.000 Pfund aufgegeben, während die Bevölkerung dabei war zu sterben. Ich glaube ja, dass Geld die Ursache allen Übels auf der Welt ist. Die Leute werden so habegierig. Da kommt dann wieder die christliche Erziehung meiner Mutter durch.

Michaela Boland: Bist du auch sehr gläubig?

Terri Hooley: Mir wurde einmal von einem Arzt gesagt, dass ich meinen 30. Geburtstag nicht mehr erleben würde. Dann haben sie mir weismachen wollen, dass ich die 40 nicht erreiche und jetzt bin ich schon 65. Daher glaube ich, dass es Gottes Plan zu sein scheint. Aber, ich weiß noch immer nicht, warum er mich bisher hat so alt hat werden lassen. Was meine konkrete Aufgabe ist, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Michaela Boland: Warum hat man dir dies prognostiziert?

Terri Hooley: Wegen meines früheren Alkohol und Drogenkonsums. Das Kuriose an der ganzen Sache ist allerdings, dass ich nicht verstehe, warum ich schon so viele Freunde verlieren musste. Vor sieben Jahren-, die Unruhen waren alle vorüber, verlor ich auf einen Schlag 37 Freunde in nur einem Jahr. Und sie waren keineswegs alle in meinem Alter, sondern teilweise bedeutend jünger.

 Der jüngste Mann, Terri Little, nach mir benannt, starb bei einem Autounfall, die jüngste Frau, eine wirklich enge Freundin, Lucy Higgins, Tochter eines sehr berühmten Richters, den die IRA unzählige Male zu töten versucht hatte, wurde nur 38 Jahre. Sie starb an Krebs. Andere Freunde von mir starben durch Explosionen, wieder andere begingen Selbstmord. Ich habe einfach nicht verstanden, warum so viel jüngere Menschen als ich schon sterben mussten. Ich hätte es bei mir aufgrund meines Alters verstanden.

Michaela Boland: Glaubst an so etwas wie Schicksal?

Terri Hooley: Frühe habe ich das einmal geglaubt, aber manchmal denke ich, “naja“. Eigentlich bin ich mir da keineswegs sicher.

Michaela Boland: Mit wie vielen Verlusten hattest du insgesamt während der Unruhen in Nordirland zu kämpfen?

Terri Hooley: Ungefähr acht Freunde pro Jahr. Deshalb war es für mich ganz besonders erschreckend zuletzt 37 Freunde in nur einem Jahr zu verlieren.

Michaela Boland: Du hast nun mehrfach im Gespräch Alkohol erwähnt. Auch las ich, dass es Drogenerfahrungen gab. Wie intensiv hast du beides konsumiert?

Terri Hooley: Ich wusste damals nicht wirklich, welche Auswirkungen Alkohol haben kann, Dann traf ich all diese älteren Mädchen. Es war irgendwie wie ein Hollywoodfilm, sie fragten mich immer, was ich gerne trinken wolle. Ich habe aus der Szene viel mitgenommen. 

Sie nahmen mich zu Klassik-Konzerten mit. Mir wurde in der Szene irgendwie auch dieses Sex Drugs and Rock `n Roll –Ding vermittelt. Ich lernte einige sehr schlechte Angewohnheiten bei ihnen. Aber: sie haben mir auch das Lesen und Schreiben beigebracht, was eine gute Sache war.

Michaela Boland: Gerade ist der „Good Vibrations“ in den Kinos angelaufen. Wie zufrieden bist du mit dem Film über Dich?

Terri Hooley: Sehr zufrieden.

Michaela Boland: Warst du in die Arbeiten mit involviert?

Terri Hooley: Nicht all zu sehr. Ich habe mich da auch nicht eingemischt, weil ja jeder die Story kannte. Ich bin vor zehn Jahren zur Filmvertragsunterzeichnung nach Dublin gekommen. Wir haben eine sehr lange Zeit gewartet bis wir die richtigen Leute zum Besetzen gefunden hatten. Ursprünglich sollte Michael Fassbender (Anm. d. Red.: X-Men; 12 Years a Slave, Inglourious Basterds) übernehmen, aber wir waren dermaßen von Richard Dormer begeistert, dass wir einfach davon ausgingen, dass er mich besser als irgendjemand anders verkörpern würde.

 Ich selbst spiele ja auch eine kleine Rolle in dem Streifen, nämlich einen Akkordeonspieler im Studio. Meine Tochter und mein Sohn haben auch jeweils eine kleine Rolle übernommen. An dem Tag kam noch Pete Doherty vorbei, mit dem ich einen Drink nehmen wollte. Leider brach ich mir ein Bein und der arme Pete Doherty wurde von allen dafür verantwortlich gemacht, dabei konnte er überhaupt nichts dafür.

Michaela Boland: Bewundernswert, dass du dir nach all den schlimmen Dingen, die du vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts ja auch erleben musstest, noch immer auf so wunderbare Weise deinen Humor beibehalten hast.

Terri Hooley: Immer, wenn ich abends nach Hause komme, dann lache ich und lache ich und mache mich über alles Mögliche lustig.

Michaela Boland: Lieber Terri Hooley, herzlichen Dank für dieses Interview und für den weiteren Weg alles Gute und viel Erfolg. 

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

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