04.12.2011 07:53 Kammermusik und öffentliche Masterclass

Sol Gabetta im Interview - Von Barock bis Barber - Ton und Spiel dieser zierlichen, auch blendend aussehenden Virtuosin wirken sonnendurchflutet

Christoph Dittmann hat für die GFDK mit der argentinischen Cellistin Sol Gabetta gesprochen

Christoph Dittmann hat für die GFDK mit der argentinischen Cellistin Sol Gabetta gesprochen. (c) Uwe Arens for Sony Classical

Sol Gabetta, Barockmusik ist ueberhaupt nicht leicht, wenn man sie ernst nimmt

Sol Gabetta, Barockmusik ist überhaupt nicht leicht, wenn man sie ernst nimmt.

Sol Gabetta ist von Natur aus offen und direkt

Sol Gabetta ist von Natur aus offen und direkt.

Sol Gabetta hat kein Problem, auf einer Buehne zu sein

Sol Gabetta hat kein Problem, auf einer Bühne zu sein.

Von: GFDK - Christoph Dittmann

Für sechs Konzerte wird Sol Gabetta in der Spielzeit 2011/2012 nach Essen kommen. Im Vorfeld der ersten beiden großen Konzerte im Dezember mit dem Royal Concertgebouw und ihrem Barockprogramm Progetto Vivaldi haben wir mit der sympathischen Cellistin ein Interview geführt, dessen Langversion Sie hier nachlesen können.

Sie starten Ihre Essener Residency mit Samuel Barbers Cello-Konzert – ein großartiges Stück, oder?

Gabetta: Ich hatte 2010 eine sehr lange Tournee in Amerika, da habe ich das Werk oft gespielt. Ich muss sagen, am Anfang hatte ich ein bisschen Angst vor dem Stück. Es ist schon sperriger als etwa Barbers Violinkonzert. Zuerst habe ich gedacht: Mein Gott, dieses Stück für eine Tournee, na ja. Aber die Leute haben es geliebt.

Es ist eigentlich ein Stück mit sehr vielen positiven Effekten für das Publikum. Ich glaube, die Gegensätze in diesem Konzert sind sehr extrem. Der dritte Satz ist sehr rhythmisch und schnell. Am musikalisch interessantesten ist sicher der erste Satz. Und der zweite Satz ist ein total romantisches Stück, das kann man nach dem ersten Satz fast nicht erwarten.

Sie kommen auch mit Ihrer Cappella Gabetta nach Essen, einem noch sehr jungen Ensemble. Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, Barockmusik zu spielen?

Gabetta: Barockmusik ist überhaupt nicht leicht, wenn man sie ernst nimmt. Das war bei meinem ersten Vivaldi-Projekt wirklich sehr schwierig. Ich habe zum Beispiel, wie viele andere, das Problem unterschätzt, auf Darmsaiten zu spielen.

Man muss die ganze Art und Weise seiner Interpretation verändern: Man ist auf einer Bühne und freut sich auf das Konzert. Plötzlich wird es durch die Scheinwerfer sehr heiß, und das Instrument reagiert überhaupt nicht so, wie man es erwartet hat.

Das ist nur ein kleines Beispiel, aber auch darauf muss man gut vorbereitet sein – sonst bekommt man im Konzert einen Schock. Solche Unterschiede waren bei meiner ersten Platte viel schwerer zu bewältigen als jetzt mit der Cappella. In meinem Ensemble wurde jeder einzelne Musiker ausgewählt.

Das heißt, man kennt sich schon, und alle Instrumentalisten sind tatsächlich Spezialisten für Barockmusik. Zudem habe ich in den letzten drei Jahren viel mehr experimentiert als vorher.

Wer hatte denn die Idee zu diesem Ensemble – Sie oder Ihr Bruder Andrés?

Gabetta: Es war schon meine Idee. Andrés ist wirklich ein fantastischer Musiker. Und auf irgendeine Art und Weise wollte ich ihn einbeziehen, weil er bereits sehr viel Alte Musik mit Christophe Coin im Ensemble Baroque de Limoges gespielt hat. Schon beim ersten Vivaldi-Projekt dachte ich:

Wenn ich nochmal so etwas mache, arbeite ich mit meinem Bruder zusammen. Wichtig war mir, die richtigen Leute für die Cappella zu finden. Die Auswahl überlasse ich deshalb meinem Bruder, er muss sich wohlfühlen.

Natürlich ist es mein Ensemble, aber Andrés arbeitet hauptsächlich mit den Musikern – auch für alle anderen Stücke, nicht nur für die Cello-Konzerte. Deshalb überlasse ich ihm die Verantwortung, und das läuft sehr gut.

Wie kam es zur musikalischen Partnerschaft mit der Pianistin Mihaela Ursuleasa?

Gabetta: Den Kontakt habe ich durch Patricia Kopatchinskaja, die ja auch in die Philharmonie kommt. Wir haben uns bei einem kleinen Festival in der Schweiz, das sie leitet, kennengelernt. Zu Mihaela gibt es definitiv eine besondere Verbindung. Was sie einfach außerordentlich macht: Sie ist keine Partnerin, die einfach nur begleitet.

Ich finde es fantastisch, wenn man eine Pianistin haben kann, die wirklich eigene Ideen zu einem Duo-Programm hat. Mihaela kann das Klavier klingen lassen wie eine Flöte, wie ein Sänger, dann plötzlich ist sie ein Löwe, das ist unglaublich. Die Klangfarben sind wirklich phänomenal.

Sie sind in Argentinien geboren. Haben Sie ein Stück südamerikanische Mentalität aus Ihrer Heimat mitgebracht? Oder sind Sie doch eher europäisch geprägt?

Gabetta: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Natürlich sind Südamerikaner sehr offene und warme Menschen. Auch ich bin grundsätzlich von Natur aus offen und direkt. Ich bin aber nach Europa gekommen, als ich noch nicht einmal zehn Jahre alt war.

Und es ist ja nicht so, dass ein Mensch immer nur fröhlich ist, selbst wenn er sehr positiv eingestellt ist. So wie ein negativer Mensch nicht immer nur negativ ist. Ich glaube, dass ich gerade diese extremen Kontraste in mir trage.

Kontrastreich und vielseitig wird das Publikum Sie auch in der Philharmonie erleben können – in der Masterclass sogar als Cello-Dozentin. Worin liegt für Sie der Reiz, sich immer wieder anders zu präsentieren?

Gabetta: In einer Residenz kann man eine Person natürlich viel besser kennenlernen. In einem einzelnen Konzert kann ich nur ein Stück interpretieren, das dem Publikum entweder gefällt oder nicht. In einer Residenz ist die Chance für einen Musiker und auch für sein Publikum viel größer.

Es entsteht eine Verbindung zum Publikum, zum Saal und zur Stadt. Und wenn man unterreichtet, wie in diesem Fall, dann auch zur jungen Musikergeneration.

Auch abseits des Konzertsaals sind Sie sehr präsent. Sie moderieren zum Beispiel die Sendung “Klick-Klack” im Bayerischen Rundfunk. Dieser Teil des Künstlerdaseins fällt Ihnen leicht, oder?

Gabetta: Ich muss sagen, das ist eine Lehre, wie alles im Leben. Genauso wie ich gelernt habe, auf der Bühne zu sein, musste ich lernen, vor einem Kamerateam zu sprechen. Das war überhaupt nicht leicht. Ich mag Theater, ich habe als Kind auch gerne gesungen.

Ich habe kein Problem, auf einer Bühne zu sein. Aber es ist ein Unterschied, vor einer Kamera zu stehen, eine Sprache zu sprechen, die nicht meine Muttersprache ist, und manchmal Leute zu treffen, die ich nicht kenne. Doch die Sendung hat meine Persönlichkeit total geöffnet und auch die Art und Weise verändert, wie ich mit Menschen reden kann.

Sie wirken außerhalb der Bühne so unheimlich locker, überhaupt nicht gestresst – trotz vieler Verpflichtungen. Ist das Professionalität oder einfach Ihre Mentalität?

Gabetta: Ich glaube, es ist Organisation. Man muss wissen, wie viel man machen kann oder auch nicht. Gerade mit “Klick-Klack” muss ich sehr aufpassen, wann wir die Sendung filmen. Da braucht man natürlich Flexibilität. Das Team ist bereit, dann zu kommen, wenn ich mal einen Tag frei habe und mich auch auf diese Arbeit freue.

Denn sie brauchen meine gute Laune und meine Energie, nicht solche Tage, an denen ich müde oder krank bin. Die braucht eigentlich niemand. Wenn ich krank oder müde bin, bleibe ich zuhause. Aber auch da gibt es manchmal Ausnahmen.

Interview: Christoph Dittmann

Sonnendurchflutet

Sie ist jung, sie spricht sechs Sprachen, sie wirkt äußerst sympathisch, und – das Wichtigste – sie spielt hervorragend Cello. Spätestens seit Sol Gabetta 2004 mit den Wiener Philharmonikern beim Lucerne Festival auftrat, gehört sie zu den Top-Interpretinnen auf diesem Instrument.

“Ton und Spiel dieser zierlichen, auch blendend aussehenden Virtuosin wirken sonnendurchflutet und gleichsam etwas spanisch, sandig, rau, energisch, ohne Forcierung, manchmal nervös flirrend, manchmal träumerisch versonnen”, mit diesen Worten beschreibt der angesehene Streicher-Experte Harald Eggebrecht das Spiel der gebürtigen Argentinierin.

Cappella Gabetta

In der Philharmonie kann das Publikum die “In Residence”-Künstlerin von ganz unterschiedlichen Seiten kennenlernen. Zum Auftakt spielt sie mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Samuel Barbers effektvolles Cellokonzert, das als eines der schwierigsten seiner Gattung gilt.

Wenig später ist sie mit ihrem eigenen Barockensemble zu Gast: Die Cappella Gabetta hat sie vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit ihrem Bruder, dem gerade im Bereich Alter Musik versierten Geiger Andrés Gabetta, gegründet.

Kammermusik und öffentliche Masterclass

Dass sie auch in kammermusikalischen Besetzungen zu überzeugen weiß, werden zwei weitere Konzerte belegen. Zum Abschluss ist Sol Gabetta im Trio mit der Violinistin Patricia Kopatchinskaja und dem Pianisten Henri Sigfridsson zu hören.

Das Publikum kann die drei Interpreten zuvor bereits bei einer öffentlichen Masterclass in der Philharmonie erleben: Zwei Tage lang geben die Künstler Studenten der Folkwang Universität wertvolle Tipps im solistischen und kammermusikalischen Spiel.