12.10.2015 13:08 Journalismus heißt auch einordnen und bewerten

Prof. Dr. Frank Überall - Verkommt der Journalismus zur billigen Content-Show?

Prof. Dr. Ueberall im Interview mit Michaela Boland

Nur auszuwählen nach dem Motto, was nehme ich denn jetzt aus den Agenturen, das ist kein Journalismus, sagt Prof. Dr. Überall (c) GFDK

Journalismus-Experte Prof. Dr. Frank Ueberall
Von: GFDK - Michaela Boland

Michaela Boland trifft für die Gesellschaft Freunde der Künste den Journalismus-Experten Prof. Dr. Frank Überall

Zugegeben: Um sich bei Politikern beliebt zu machen, gibt es bessere Wege, als deren Verstrickungen im Klüngel zu enttarnen. Wer  untersucht, wie sich zweckgerichtetes Zusammenwirken am Rande der Legalität vollzieht und die Erkenntnisse dann auch noch veröffentlicht, braucht nicht nur Rückgrat: Er geht im Zweifel sogar ein Wagnis ein. Ihm war dies zum Glück egal: Prof. Dr. Frank Überall.  

Wenngleich die Intention auch wissenschaftlich war, der Korruptionsforschungs-Experte und Journalismus-Dozent hat die Domstadt am Rhein ganz schön aufgemischt. Denn nachdem er über den `Klüngel in der politischen Kultur Kölns` promoviert und auch noch ein Buch darüber herausgebracht hatte, geschah etwas Außergewöhnliches: Verwaltungsmitarbeiter reflektierten plötzlich ihr Tun und Politiker querbeet buchten ihn für Lesungen und Diskussionen zum Thema.

Ob es daran lag, dass der 44-Jährige die „situative Kooperation“  nicht nur verteufelt, sondern zunächst wertfrei unter die Lupe genommen hat, ist nicht gewiss. Doch immerhin zeigte der zweifache Vater, der ein Faible für das Strukturieren hat, Alternativen auf, die zwischenzeitlich Einzug in die Kommunalpolitik gehalten haben.

Es stimmt also doch: Man kann etwas bewegen. Was der Politologe und Medienspezialist vom Schlag des Grossisten  MPV (Mitteldeutscher Presse Vertrieb GmbH & Co KG) gegen den  Bildzeitungs-boykottierenden Edeka-Markt in Chemnitz hält, worin er die Probleme der Studenten von heute sieht und warum Korruption auch sexy sein kann, hat mir der vom Staat berufene Professor jetzt im Vierscheibenhaus des WDR verraten.

Michaela Boland: Was gehört bei der täglichen Zeitungslektüre für Sie zum Pflichtprogramm?

Prof. Dr. Überall:  Beim Kölner Stadt-Anzeiger gehört bei  mir auf jeden Fall der Politikteil zum Pflichtprogramm. Es gehört auch der Lokalteil dazu, da ich ja ursprünglich aus der Kommunalpolitik komme. Da habe ich mit der Berichterstattung begonnen.

Das Schöne ist, dass Köln ja auch bundesweit immer noch so interessant ist, dass man an dieser Stadt selbst dann nicht vorbeikommt, wenn man den Schwerpunkt etwas verlagert hat. Auch die Medienseite ist mir wichtig. Genauso wie Wirtschaft und Kultur. Sport nicht. Ich bin bekennender Nicht-Sport-Leser.

Michaela Boland: Sie sind nicht nur Politologe, Soziologe und freiberuflicher Journalist, der kontinuierlich für Print und Rundfunk wie u.a. die taz und den WDR im Einsatz ist.

Sie sind auch  berufener Professor, Schatzmeister im Bundesvorstand des DJV, betreiben ein eigenes Weblog und sind seit 2012 als Journalismus-Dozent an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln und Berlin tätig.

Wie muss man sich bei Ihnen in Anbetracht dieses Pensums eine typische Arbeitswoche vorstellen?

Prof. Dr. Überall: Sie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es keine typische Woche gibt. Manchmal stelle ich  mit zwei bis drei Tagen Vorlauf fest, „da hast du ja mal einen richtig freien Tag“.

Es sind manchmal etliche Wochenenden hintereinander, die es dann auch durchgeht. Aber in der Tat, kann ich mir eben auch diese Inseln schaffen, was ich in der Vergangenheit oft am Wochenende getan habe.

Meine Kinder werden jetzt 16 und 18 Jahre alt. Da sie zurzeit ihre eigenen Wege gehen, brauche ich mir mittlerweile nicht mehr ganz so häufig die Wochenenden freizuschaufeln. Ansonsten liebe ich aber genau das.

Michaela Boland: Also keine klassische Nine-to-Five-Struktur?

Prof. Dr. Überall: Natürlich ist nun seit 2012 ein gewisses Korsett hineingekommen. Während der Vorlesungszeiten habe ich jetzt natürlich Seminare an der Hochschule und die muss ich geben.

Michaela Boland: Wie läuft das zeitlich konkret ab?

Prof. Dr. Überall: Im Arbeitsvertrag steht, dass ich zwei Tage die Woche im Semester Präsenzpflicht  habe. Das heißt, die ganzen Seminare müssen auf diese beiden Tage gelegt werden. Das ist meistens mittwochs und donnerstags.

Alles andere kann ich ja irgendwo mit dem Laptop unterwegs machen. Das interessiert dann keinen, wann ich Klausuren oder Bachelor-Arbeiten korrigiere.

Michaela Boland: Die Studenten wahrscheinlich schon. Die möchten doch gewiss erfahren, wie schnell es die Arbeiten zurückgibt, oder?

Prof. Dr. Überall: Das geht auf diese Weise meistens sogar noch schneller, als wenn ich dort im Büro sitzen würde. Wenn ich im Büro sitze, kommt sowieso dauernd ein Kollege zum Plaudern rein. Da komme ich auch nicht zum Arbeiten.

Die Studenten merken nur insofern etwas, als sie nicht ohne Weiteres jederzeit bei mir ins Büro kommen können. Was mir aber ohnehin lieber ist.

Michaela Boland: Aus welchem Grund?

Prof. Dr. Überall: Ich unterhalte mich zwar gerne mit jemandem auf dem Flur, aber über eine Bachelor-Arbeit nicht. Da habe ich einfach gerne schon mal fünf Zeilen, wo man sich schon mal erste Gedanken gemacht und sich strukturiert hat.

Denn, wer sich etwas aufschreibt, muss es strukturieren. Dann kann man nämlich ganz anders in das Gespräch gehen. Man muss die jungen Menschen dann auch zwingen, ihre Gedanken mal zu ordnen.

Das müssen sie im Berufsleben später auch tun, denn sie müssen eben auch da eine Arbeitshaltung finden.

Michaela Boland: Hat sich die Arbeitsweise der heutigen Studenten nach Ihrer Auffassung von jener der Studenten von vor 20 Jahren gravierend verändert?

Prof. Dr. Überall: Das hat weniger mit den Kids zu tun, sondern viel mehr mit dem System. Das Bachelor-System ist ein schwieriges. Das hat mit dem Studieren, wie wir es damals gemacht haben, nicht mehr viel zu tun.

Es ist sehr Stundenplan-mäßig, es ist sehr klar, es gibt wenige Wahlmöglichkeiten. Bei uns war es doch so, dass man die ersten zwei Stunden zu einem Professor hingegangen ist und wenn das Seminar doof war, musste der damit rechnen, dass er nach drei Stunden dann allein da steht. Das ist heute alles anders. Sich selbst Themen-Schwerpunkte zu suchen ist schwierig.

Allerdings hat das heutige System auch den Vorteil, zumindest, wenn es um Usability (Anwendbarkeit im Beruf) im Fachbereich Journalismus geht, dass jeder von jeder Mediengattung auch mal etwas gehört und es auch mal selbst gemacht haben sollte. Das halte ich auch für richtig.

Michaela Boland: Worin besteht dann das Problem?

Prof. Dr. Überall: Was ich schade finde ist, dass dieses System auch dazu führt, dass der Workload schon mit reiner stumpfer Anwesenheit so hoch ist, dass die Studenten mit der ganzen  zusätzlichen Vor- und Nachbereitung zu zwei Dingen nicht kommen.

Erstens: Tatsächlich mal Fachliteratur zu einem Seminarthema zur Hand zu nehmen und aus Interesse zu lesen. Zweitens: In der Praxis schon Erfahrungen zu sammeln. Das ist gerade im Journalismus unglaublich wichtig. Möglichst früh anfangen, Referenzen zu sammeln.

Journalismus heißt auch einordnen und bewerten

Michaela Boland: Das Jahr 2015 hat uns Journalisten in puncto Ereignisreichtum bisher nicht allzu viele Atempausen gelassen.

Vom Ausklang sämtlicher Pegida-Demonstrationen, über die Ukraine-Krise, das Charlie-Hebdo-Attentat, den Mord am russischen Regierungskritiker Boris Nemzow, den Wirbel um Milliardenkredite für Griechenland - oder gar den Varoufakis` Stinkefinger, den bewusst herbeigeführten Germanwings-Absturz über den französischen Alpen bis hin zum Fifa-Korruptionsskandal rund um Joseph Blatter.

Wie leicht ist es nach Ihrer Einschätzung heute noch der sogenannten Gatekeeper-Funktion des Journalisten nachzukommen und brauchen wir sie überhaupt noch, wo doch heute eigentlich fast jeder über das Netz publizieren kann?

Prof. Dr. Überall: Genau das ist ja die Aufgabe der Journalisten, da Ordnung hineinzubringen. Derjenige Journalismus im Allgemeinen, der dann von manchen Verlagsmanagern vielleicht nur als Content-Show gesehen wird, die auch noch möglichst billig sein soll, bringt genau das eben nicht.

Nur auszuwählen nach dem Motto, „was nehme ich denn jetzt aus den Agenturen“, das ist kein Journalismus. Journalismus ist eben tatsächlich einzuordnen und auch zu bewerten.

Allein das Einordnen ist eine Reduzierung von Komplexität, von der wir in der Soziologie sprechen. Sie ist für uns lebenswichtig und zwar in allen Lebensbereichen. Gerade im Informationsbereich ist sie besonders wichtig.

Wir brauchen gute Lesestücke

Michaela Boland: Wie gut funktioniert die Reduzierung von Komplexität heute denn noch?

Prof. Dr. Überall: Es gibt sehr viele Missverständnisse in der Journalismus-Forschung. Komplexität heißt da nicht: kurze Texte. Manche Verlagsmanager sagen, „da machen wir kurze Texte und haben so die Komplexität reduziert“ und dann schwafeln sie irgendetwas pseudowissenschaftlich daher.

Aber das ist es ja nicht. Wir brauchen einfach gute Lesestücke, wo beispielsweise auch die Syrien-Krise von Fachleuten mal gut erklärt wird. Das kann dann der Journalist als Experte sein oder der Journalist, der sich Experten anhört,  Meinungen zusammenträgt und mittels professionellen Handwerks und mit professioneller Ethik ein rundes Bild zeichnet. Deswegen haben beispielweise Zeitungen wie die Zeit auch Rekord-Auflagen.

Michaela Boland: Also nicht zu viel Information, die uns überflutet?

Prof. Dr. Überall: Das Ganze geht ja von der Prämisse aus, dass 2015 so unglaublich viel war, was es nie gegeben hätte. Also, eine Spiegel-Affäre im kalten Krieg hatte nochmal eine ganz andere Qualität.

Es ist immer so, dass man den Eindruck hat, dass in der Zeit, in der man gerade ist, besonders viel passiert.  Es ist immer schwierig, da irgendwo den Durchblick zu behalten und es war auch immer schwierig. Mittlerweile haben wir viel mehr Medien, die viel mehr abbilden.

Unser Problem ist natürlich, dass wir medial mittlerweile so viel zur Kenntnis nehmen, dass sich die Grenzen zwischen Journalismus und virtuellem Stammtisch unglaublich verschieben.

Mehr darauf achten, was die Kollegen machen

Michaela Boland: Befindet sich der Journalist trotzdem nicht auf dem Weg vom Gatekeeper zum Gatewatcher?

Prof. Dr. Überall: Es gibt natürlich mehr Player. Journalisten verlieren ihre Gatekeeper-Funktion aber nicht. Da kann man sich drüber streiten, ob sie dann schon zum Gatewatcher werden, was bedeuten würde, dass sie an der Stelle ihre Funktion aufgeben. Und ich sage: Das ist nicht so.

Aber sie müssen in der Tat mehr darauf achten, was ihre Kolleginnen und Kollegen machen und dazu müssen wir eben heute auch Leute zählen, die nicht das klassische Berufsbild des Journalisten erfüllen.

Michaela Boland: Befinden wir uns da nicht schon im Bereich des sogenannten Citizen-Journalism (Bürger-Journalismus), auch Graswurzel- oder partizipativer Journalismus genannt? Wie sehen Sie diese Entwicklung, bei der Bürger durch eigene Medien am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen und durch die neuen Publikationsmöglichkeiten im Internet eine große Verbreitung bewirken können?

Prof. Dr. Überall: Es gibt einige, die da auch hoch qualitativ Lücken füllen. Wir haben ja zum Teil wirklich das Problem, dass  es in manchen Bereichen schon gar keine Tageszeitung mehr gibt und da ist es auch nie so interessant, dass da jemals Radio oder Fernsehen hinkommen würden.

Da, wo Regionalzeitungen sterben, haben wir Lücken gerissen, die zum Teil dann von engagierten Bürgern gefüllt werden. Die eignen sich dann Handwerkszeug an, was wir übrigens mit dem Bürgerradio in Nordrheinwestfalen ganz bewusst installiert haben. Ich habe sogar selbst mal mit Bürgerfunk angefangen.

Michaela Boland: Also in einer demokratischen Ordnung unerlässlich oder auch gefährlich, wenn nun Hinz und Kunz unter dem Deckmantel des Journalismus über das Netz jederzeit alles behaupten und verbreiten können?

Prof. Dr. Überall: Gegen falsche Tatsachenbehauptungen haben wir ja nun ein gutes juristisches Instrumentarium. Wenn es in diese Kategorie fällt, und Verschwörungstheorien hat es immer gegeben, dann ist die Erfindung des Drucks entsprechend auch schon so etwas gewesen.

Ich finde bei diesen Diskussionen immer so putzig, dass man häufig sagt, „Jetzt ist alles ganz schlimm, denn jetzt können die Bürger selbst sagen, was sie wollen“. Ja, und nicht mehr gefiltert durch Leser-Redaktionen.

Es war doch nie so. Es hat auch zur Nazi-Zeit Leute gegeben, die von irgendwelchen Balustraden Flugblätter geworfen haben. Etwas, das wir heute eigentlich hoch verehren. Also lasst uns doch bitte nicht so tun, als ob das alles komplett neu wäre.

Auch gab es damals Bürgerzeitungen von Bürgerinitiativen und Piratensender. Sicherlich hat sich das Schwergewicht verlagert. Nur, ob ich mich auf der Seite von Lieschen Müller adäquat über die Eurokrise informieren kann? Ich glaube, das merkt auch der Dümmste.

Personalisierter Journalismus wird Einzug halten

Michaela Boland: Heißt das, im Prinzip ist alles easy?

Prof. Dr. Überall: Ich habe mich innerhalb der Politikwissenschaften viel mit Rechtsextremismus- und Rechtpopulismus-Forschung befasst und kann sagen, wir bekommen dann ein Problem, wenn  Gruppierungen radikaler Art es schaffen, über Personen eine solche Glaubwürdigkeit in ihren Medien zu bekommen.

Ich wage vorauszusagen, dass wir hier, ähnlich wie in den USA schon jetzt, eine viel deutlichere Personalisierung des Journalismus erleben. Also, dass es Journalisten-Typen gibt, die in der Öffentlichkeit für bestimmte – auch politische – Richtungen stehen.

Eigentlich sagt man im Journalismus ja immer: neutral sein! Aber kein Journalist ist komplett neutral. Es ist natürlich Handwerk, etwas in einem Beitrag erst mal neutral darzustellen und es dann zu kommentieren. Aber selbst das geht ja komplett durcheinander.

Auch in der Süddeutschen, auch in der FAZ. Also, dann kann man eben auch den Mut haben, dass man ganz bewusst sagt, „ja, jemand steht für eine bestimmte Richtung“. Und das wird kommen.

Michaela Boland: Lassen Journalisten Ihrer Meinung nach die persönliche Einstellung niemals ganz außen vor?

Prof. Dr. Überall: Sie außen vor zu lassen, ist in der Theorie eine tolle Idee. Natürlich gehört auch zum Handwerk, keine Information zu vernachlässigen, nur weil sie dem eigenen Weltbild und der eigenen Auffassung widerspricht.

Aber, wenn man sich anschaut, wie Medien heute gemacht werden, stellt man Folgendes fest: In Deutschland hat in den heutigen Medien gegenüber den Medien der letzten 30 bis 40 Jahre eine Boulevardisierung stattgefunden.

Ich nenne es immer dramatisieren, simplifizieren, personalisieren und damit auch emotionalisieren.

Michaela Boland: Funktioniert es anders grundsätzlich überhaupt nicht mehr?

Prof. Dr. Überall: In den seltensten Fällen. Den Text zu verkaufen, in welchem Medium auch immer,  bedeutet auch, ihn in eine moderne Form zu bringen. Da, wo wir im Fernsehen ganz schnelle und harte Schnitte gewöhnt sind und da, wo wir viel mehr Reizen ausgesetzt sind, muss dieses Format eben auch mit irgendwelchen Reizen mithalten.

Medienvielfalt am Leben halten

Michaela Boland: Die Meinungs- und Pressefreiheit, die bei uns in Art. 5 der deutschen Verfassung verankert ist, stellt per se eines der wichtigsten Grundrechte dar, das wir in unserer westlichen Welt haben.

Aufgrund des Boykotts der Bildzeitung des Chemnitzer Edeka-Supermarktes “Heymer“ seit Ende März, durch den die Medienvielfalt dort eingeschränkt wurde, warnen verschiedene Verbände jetzt vor einer „Pressezensur durch den Einzelhandel“.

Wie beurteilen Sie das Verhalten des Supermarkt-Betreibers, der sich mit seinem Boykott gegen die BILD offenbar kleineren Tankstellen, Geschäften und Kiosken angeschlossen hatte?

Prof. Dr. Überall: Ich muss vorweg sagen, dass ich auch ein paar Jahre für die Bildzeitung gearbeitet und auch heute immer noch ganz gute Kontakte dorthin habe.

Außerdem müssen wir sehr klar und fein zwischen einfachen Bürgern und Teilnehmern am System Presse-Grosso unterscheiden. Wir reden ja nicht über Kioskbesitzer Heinz oder Ali, der die Cola-Fläschchen aus dem Programm genommen hat, worüber ich mich auch ärgere.

Natürlich ist jeder Händler erst einmal autonom darin zu entscheiden, was er bei sich ins Regal stellt. In dem Moment, wo ich aber einen Vertrag mit einer Organisation schließe, hier also dem Presse-Grosso, muss ich mich an den Vertrag halten.

Da kann ich nicht den ganzen Tag da sitzen und jede Zeitung von vorne bis hinten durchblättern und sagen, „oh, bei der Bunten hat mir die Wulff-Berichterstattung nicht gefallen, bei der Bildzeitung dieses und bei der Jungen Freiheit jenes nicht“.

Ich finde die Junge Freiheit tendenziell volksverhetzend und halte sie wirklich für äußerst problematisch. Trotzdem: Wenn sie an dem Presse-Grosso teilnimmt, ist sie einerseits viel schlimmer als die Bildzeitung, auf der anderen Seite hat sie aber auch da das Recht.

Dann kann man politisch ansetzen und versuchen, mit den anderen Verlagen irgendetwas zu unternehmen. Man kann sich von mir aus auch an die Öffentlichkeit wenden und sagen, „Ich finde das blöd“.

Aber es aus dem Programm zu nehmen, ist eben einfach nur ein Vertragsbruch. Das System, Presse-Grosso, ist ja auch geschaffen und mehrfach gerichtlich bestätigt worden, um eine Pressevielfalt in Deutschland am Leben zu halten.

Das sind nun mal die Spielregeln, auf die wir uns geeinigt haben. Er kann sich ja aus dem Presse-Grosso insgesamt verabschieden.

Michaela Boland: Das braucht er jetzt wohl nicht mehr, nachdem der zuständige Grossist, MPV (Mitteldeutscher Pressevertrieb), laut Medienberichten zwischenzeitlich die Zusammenarbeit mit  dem Supermarkt gekündigt haben und ihn mit keinerlei Presseerzeugnissen mehr beliefern soll.

Denken Sie, dass diese Maßnahme auch wie eine Art Mahnmal vor Nachahmungsversuchen weiterer Einzelhändler schützen sollte?

Prof. Dr. Überall: Wenn ich mir professionelle Partner hole, und da mag man sich vielleicht darüber beklagen, dass es eine Monopol-artige Struktur ist - diese ist allerdings gesellschaftlich gewollt - dann muss ich entweder das Spiel mitspielen oder nicht.

Da ist das Verhalten des Grossisten nur konsequent. Aber, da würde ich nicht von abschrecken sprechen, sondern davon, dass die logische Konsequenz aufgezeigt wurde.

Er hätte sich ja vorher verabschieden können und dann hätte er eben mit seinem Wägelchen zu Gruner + Jahr fahren und da ein paar Zeitschriften abholen können. Die kann er sich ja dann in den Laden stellen oder er muss sich eben ein System ausdenken.

Als Edeka-Supermarkt gehört er ja auch einer Kette an und  könnte ja nun auch nicht sagen, ich kaufe jetzt bei Rewe meine Sachen, da sind die immer viel billiger und dann verkaufe ich die teurer hier bei Edeka. Da steckt er ja genauso in Vertragsproblemen drin.

Und wenn er sagt, "ich mag aber keine Zitronen“, und ich sage Ihnen, Zitronen können manchmal ganz schön sauer sein, genauso wie die Bildzeitung auch manchmal extrem anstrengend sein kann, die Bildzeitung ist sozusagen die Zitrone des Zeitschriftenregals, aber trotzdem muss ich auch Zitronen verkaufen, wenn ich den Gesamtliefervertrag über Obst und Gemüse eingegangen bin.

Notwendigkeit der Berichterstattung war gegeben

Michaela Boland: Der Protest in Form des Bild-Boykotts richtete sich konkret gegen die Art der Berichterstattung der großen Boulevardzeitung im Rahmen des Germanwings-Absturzes.

U.a. wurde kritisiert, dass der vollständige Name des Copiloten, der den Absturz bewusst herbeigeführt haben soll, Andreas Lubitz, veröffentlicht wurde. Des Weiteren wurde beanstandet, dass auch Personen im Umfeld des Mannes befragt wurden.

Zählt so etwas Ihrer Auffassung nach denn  nicht zum journalistischen Auftrag: die Öffentlichkeit umfassend zu informieren, wenn bei einer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorsätzlichen Handlung viele Menschen mit in den Tod gerissen werden?

Prof. Dr. Überall: Mittlerweile hat der Presserat ja auch eindeutig dazu Stellung genommen. Er hat klar gesagt, den Namen  durfte man dann ab einem gewissen Zeitpunkt nennen.

Es ist ein ganz schwieriger Grat, in dem Moment, in dem es um eine Suizid-Frage geht und dann um den sogenannten erweiterten Suizid. Da muss es eine öffentliche Relevanz geben.

Das heißt, jemand, der vom Hochhaus springt und dabei den Blumenkasten meiner Oma kaputt macht, lässt  jenen Kasten in der Abwägung wohl kaum so wichtig erscheinen, als dass dies ein Medienthema wäre.

Man muss vom Vergleich her manchmal in diese Extreme gehen, um sich das bewusst zu machen. Der Blumenkasten meiner Oma rechtfertigt das nicht, der Tod von derartig vielen Menschen schon.

Das mutmaßlich vorsätzliche Steuern eines Flugzeugs in ein Gebirgsmassiv mit der logischen Folge des Todes aller Insassen hat dann schon eine andere Qualität. Es hat aus meiner Sicht die Notwendigkeit der Berichterstattung gegeben.

Auf der einen Seite konsumieren viele von uns  elektronische und nicht-elektronische Boulevardmedien, das sagen allein die Zahlen. Auf der anderen Seite verurteilen wir unglaublich die Methoden, wie sie an die Informationen kommen.

Ich habe in der Zeit, als ich für die Bildzeitung gearbeitet habe, ein oder zwei Crime-Geschichten gemacht und dann damit aufgehört. Diese Arbeitsweise, irgendwo an Wohnungen zu klingeln und mit Menschen, die gerade einen Angehörigen oder Freund verloren haben, darüber zu sprechen, da habe ich keine Lust drauf. Das will ich  nicht.

Wir dürfen aber auch nicht ganz ausblenden, dass es eben das Interesse daran gibt. Das ist doch im Menschen drin, wenn es dann Medien bedienen, die sich einem ethischen Moralkodex unterwerfen, dann finde ich das auch in Ordnung.

Das muss man aushalten

Michaela Boland: Während sich die Bildzeitung im Zuge der Germanwings-Berichterstattung einem regelrechten Shitstorm im Netz ausgesetzt sah und ob ihrer Arbeit nicht nur kritisiert, sondern Mitarbeiter öffentlich angefeindet und beleidigt wurden, gab es keine Kontrolle  über die ungefilterten und teilweise völlig falschen Informationen, die von Seiten wütender Bürger im Netz verbreitet wurden.

Brauchen wir Ihrer Meinung nach ein spezielles Kontrollgremium auf Seiten der Citizen-Journalisten, so wie es auf klassischer Journalistenseite einen Deutschen Presserat gibt?

Prof. Dr. Überall: Das ist doch albern. Wir sind als Journalisten auch Personen des öffentlichen Lebens und dass wir uns da mit Meinungsäußerung konfrontiert sehen, ist völlig normal. Das, was wir heute Shitstorm nennen, waren früher Leserbriefkampagnen oder das Lästern am Stammtisch.

Michaela Boland: War dieser Wirkungskreis nicht eingegrenzter als die Verbreitungsmöglichkeiten durch das World Wide Web?

Prof. Dr. Überall: Gucken Sie Sich doch mal Filme an, wo etwas vom Stammtisch berichtet wird! Gehen Sie doch mal sonntags morgens zu einem wirklich konservativen Stammtisch, wenn es die noch irgendwo gibt!

Was die Leute da vom Leder ziehen, wenn Sie dem berühmten einfachen Volk mal zuhören. Mein Gott, was die über Politiker herziehen und was die über Journalisten herziehen. Da stehen wir im Ansehen mit Bankern ganz weit hinten am Ende.

Michaela Boland: Trifft Sie so etwas auch schon mal?

Prof. Dr. Überall: Das kriege ich auch im Alltagsleben mit. An manchen Tagen ist es schwierig bei der Kölner Stadtverwaltung anzurufen, weil ich gerade wieder etwas Böses berichtet habe und die stinksauer auf mich sind.

In der politischen Berichterstattung lernen Sie wie in keinem anderen Bereich, den Menschen, über die sie gerade geschrieben haben, möglicherweise noch am gleichen Tag über den Weg zu laufen.

Das muss man aushalten. Und dass diese Menschen auch schon mal ausfallend werden, das muss man auch aushalten.

Manchmal wird man „Arschloch“ genannt

Michaela Boland: Was war das Übelste, was Ihnen da schon mal widerfahren ist?

Prof. Dr. Überall: Es hat diverse unschöne Dinge gegeben, aber das schwierigste war ein damals noch amtierender Politiker, der nachhaltig damit gedroht hat, mich zu verklagen.

Er hatte einen Presserechts-Anwalt auf mich gehetzt und später stellte sich heraus, dass ich mit den Dingen, die ich angenommen hatte, definitiv Recht hatte. Aber, da dieser Mensch auch Jurist ist, hat er eben mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wobei ich  nicht eingeknickt bin.

Manchmal wird man einfach blöd angemacht oder ignoriert oder „Arschloch“ genannt. Das finde ich alles nicht so furchtbar schlimm.

Was jedoch ein extrem mulmiges Gefühl verursacht ist, wenn man kritisch über Rechtsextreme berichtet. Wenn man dann auch noch vor Ort ist, wenn die ein demonstratives Anliegen haben, also die berühmte rechts-/links-Demonstration, dann wird man als kritischer Journalist, gerade bei den Rechtspopulisten, schon mal von der Bühne aus namentlich begrüßt. Beispielsweise, „hier vorne steht dann auch Frank Überall, ein Hetzer vom Westdeutschen Rundfunk“.

Wenn Sie dann 20 Glatzen haben, die recht interessiert zu Ihnen schauen, ist das schon ein merkwürdiges Gefühl.

Michaela Boland: Brauchten Sie da schon mal Polizeischutz?

Prof. Dr. Überall: Nein, Polizeischutz hatte ich noch nicht, aber schon diverse unangenehme Begegnungen.

Alibi-Investigativ-Ressorts nützen nichts

Michaela Boland:  Wie frei wird nach Ihrem Dafürhalten tatsächlich in Deutschland berichtet?

Noch einmal zurück zum Airbusabsturz: Die Auswertungsergebnisse des Voice-Recorders der abgestürzten Germanwings-Maschine, aus denen hervorging, dass die Katastrophe wohl bewusst herbeigeführt wurde, wurden seinerzeit zuerst von den amerikanischen Journalisten-Kollegen der New York Times an die Öffentlichkeit gebracht.

Was hat das für eine Aussagekraft? Sind wir hier zu lahmarschig oder unterwerfen sich alle irgendeiner Maulkorb-Macht und halten dicht, wenn es verlangt wird?

Abgesehen davon macht sich im Printmedienbereich bedauerlicherweise ja auch immer mehr die Unart der sogenannten Interview-“Autorisierungen“ breit.

Prof. Dr. Überall: Ich glaube schon, dass wir immer noch recht frei arbeiten, aber dass es zum Teil ein Problem der Ressourcen ist. In dem Moment, wo Journalisten von Herausgebern und Sendern als Content-Schaufler gesehen werden, haben sie genau diejenigen nicht mehr, die dafür brennen und die nicht mehr intensiv und investigativ recherchieren.

Da nützt es auch nichts, wenn man sich Alibi-mäßig ein sogenanntes Investigativ-Ressort mit irgendwelchen Selbstdarstellern dahin setzt, sondern das muss man wirklich ernst nehmen.

Da hilft auch keine kleine Gruppe, die das innerhalb eines Verlages oder Senders macht. Das muss einfach Lebensstil im Berufsleben sein. Das scheint an manchen Stellen in der Tat ein Stück weit abhandengekommen zu sein.

System der Kettenduldungen und ständiger Angst um den Job

Michaela Boland: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Prof. Dr. Überall: Das hat unterschiedliche Gründe. Wenn man in ständiger Angst um den Job leben muss, wirkt sich das nicht gerade darauf aus, dass man die meiste Kraft in den Job steckt.

Wenn man in einem System der Kettenduldungen festgehalten wird, also sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt, regt das nicht zum selbständigen Denken oder vielleicht auch mal zum kritischen Denken gegenüber der Redaktions- Verlags- oder Anstaltsleitung an. Da kommen verschiedene Dinge zusammen. Gerade freie Journalisten, wenn sie so schlecht bezahlt werden – wir sprechen von zehn Euro pro Foto und zehn Cent pro Zeile –, dass jeder PR-Auftrag ihnen die Miete rettet, dann läuft da etwas schief.

Dann ist das ein System der Autokorrektur. Das hat nichts damit zu tun, dass da irgendjemand eine Linie vorgeben würde oder sonst etwas. Man kann es böse “Faulheit“ nennen.

Abgesehen davon bleibt heute auch gar keine Zeit mehr für ausreichende Recherche. Ich kenne noch die Zeiten, wo Zeitungsredakteure morgens hereingekommen sind, sich überlegt haben, was sie denn heute mal schreiben und dann am Tag einen Artikel geschrieben haben.

Extreme Arbeitsverdichtung

Michaela Boland: Wie kennen Sie es heute?

Prof. Dr. Überall: Das ist heute alles völlig undenkbar. Die müssen dann noch Facebook bedienen, noch schnell etwas bei Twitter posten, dann mal schnell noch einen Termin wahrnehmen und es heißt, „nimm Dein Handy mit und mach noch ein Foto, aber denk an online first“.

Insofern gibt es eine extreme Arbeitsverdichtung, die dazu führt, dass man vielen Dingen auch nicht mehr so intensiv nachgeht. Gleichzeitig öffnet man damit natürlich auch das Tor, dass man diese Auseinandersetzung mit Wirtschaftsmanagern und Politikern dann scheut, denn sie kostet einfach nur Zeit.

Stichwort Freigabe –Autorisierung von Interviews: Da sagt man dann, „ja, gut, ich will den Namen im Blatt haben, dann mache ich das eben jetzt so“. Ich halte das für ein hohes Maß an Bequemlichkeit, die zum Teil durch die Arbeitsbedingungen vorgegeben ist, weil es zum Teil gar nicht mehr anders geht.

Und die andere Seite hat sich da einen Spaß draus gemacht.  Es ist doch heute schon so, wenn  ich als freier Journalist möglicherweise 4000,- Euro dafür bekomme, dass ich dem Vorstandsvorsitzenden einer Aktiengesellschaft die Rede schreibe und 40,- Euro für meinen Artikel über die gleiche Aktionärsversammlung, wo liegen denn dann meine Loyalitäten?

Und nicht jeder trennt das so klar, wenn er es macht. Es gibt immer mehr Schwierigkeiten, weil der Bereich der professionellen Pressearbeit unglaublich aufrüstet bis hin zu dem Umstand, dass man sagt, „wir bedienen nur noch diejenigen, die unkritisch berichten.

Dann gibt es bei Politikern oder Wirtschaftsmanagern eben den beschränkten Zugang. Wer sich nicht wohl verhält, der kriegt halt nichts.

Vielen Journalistinnen und Journalisten ist das Selbstbewusstsein abhandengekommen, weil wir auch selbst nicht so richtig wissen, wie geht es mit unserem Berufsstand weiter?

Mein Handwerk kann ich aber nur dann ausüben, wenn ich davon überzeugt und auch selbstbewusst bin. Ein Schreiner, der zaghaft mit der Säge an das Holz geht, wird kein richtig gutes Möbel machen können.

Michaela Boland: Insgesamt also ein rein strukturelles Problem?

Prof. Dr. Überall: Ja. Ich kann nur sagen, und da kommt der Gewerkschafter wieder durch, Leute, wenn ihr Journalisten beschäftigt, bezahlt sie anständig! Es gibt so viele Verlockungen auf der anderen Seite.

Wenn ihr dann nicht Leute habt, die wirklich loyal zu ihrem Beruf stehen, dann wird es schwierig. Denn dann wird auch das Produkt nicht gut werden.

Michaela Boland: Sie arbeiten für die taz (die Tageszeitung). Sie verfügt als eine von wenigen Blättern im Zuge von inhaltlicher Unabhängigkeit redaktioneller Mitarbeiter über ein Redaktionsstatut.

Ist das ein Instrumentarium, das das Selbstwertgefühl von Journalisten möglicherweise auch woanders schon von innen her stärken könnte?

Prof. Dr. Überall: Nein. Papier ist geduldig. Ich komme aus der Korruptionsforschung und jede Kommune hat ein ganz tolles Anti-Korruptionskonzept. Es kennt nur keine Sau.

Also, das nützt nichts. Es ist schön so etwas zu haben, aber es muss konsequent gelebt werden.

Korruption ist Klüngel ohne Charakter

Michaela Boland: In jüngster Vergangenheit füllten Korruptionsvorwürfe gegen die Fifa die Schlagzeilen. Nach Angaben des US-Senders ABC ermittelt jetzt sogar das FBI gegen den Fußballfunktionär und frisch zurückgetretenen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter.

Auch in den vergangenen Jahren hat es bereits diverse Vorwürfe betreffend Korruption und Schmiergeld gegen Blatter gegeben, jedoch hat es den Anschein, als sei der Mann immer wieder quasi rehabilitiert daraus hervorgegangen.

Liest man manche Zitate des Schweizers, gewinnt man hin und wieder den Eindruck, als halte der Mann seine Handlungen in gewisser Weise für völlig harmlos, als sei es ein wenig wie ein netter, bedenkenloser Klüngel.

In puncto Klüngel sind Sie insoweit versiert, als Sie Ihre Dissertation diesem Thema – wenngleich auch auf Köln bezogen - gewidmet haben. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Fifa-/Blatter-Affäre? Ist so etwas noch Klüngel?

Prof. Dr. Überall: Klüngel im klassischen Sinne, wie Kölner ihn verstehen, hat erst mal  nichts mit Korruption zu tun. Sondern: Korruption ist Klüngel ohne Charakter.

Klüngel ist eine Mischung aus Nachbarschaftshilfe und  “Trink-doch-eine-mit“-Mentalität. Etwas, das ja erst mal nicht zu verteufeln, sondern zutiefst liebenswert ist.

Wenn ich in Situationen komme, wo ich einfach mal ein Bier ausgegeben bekomme, oder wo ich gerade auf der Straße an irgendetwas herum werkele und der Nachbar kommt vorbei und sagt: „Hör mal, das musst du doch so machen! Komm, lass mich mal eben.“

Michaela Boland: Wie schreiben Sie so schön in Ihrem Buch, “Der Klüngel in der politischen Kultur Kölns“? „Klüngel ist situative Kooperation.“

Prof. Dr. Überall: Genau. Insofern ist nicht alles Korruption, was Klüngel ist. Man muss das fein unterscheiden. Die Fifa ist einfach ein unglaubliches Eigengewächs gewesen, wo es aufgrund des Schweizer Rechts sehr schwierig war, überhaupt heran zu kommen.

Zwar habe ich im Detail noch nicht nachvollzogen, wie sie es hinbekommen haben, nun doch gegen die Fifa ermitteln zu können.  Da ja bei solchen internationalen Organisationen in der Schweiz neben der Gemeinnützigkeit auch viele rechtliche Regeln dort gelten, weswegen man an so etwas nicht heran kommt, also gar nicht erst ermitteln darf.

Ähnlich wie bei uns bei Abgeordneten. Das ist ein Fehler im System gewesen und jetzt hat man offensichtlich eine Möglichkeit gefunden es doch hinzubekommen. Aber da  hat man sich auch Zeit mit gelassen.

Die ersten validen Aussagen sind  ja erst zwei Jahre alt. Mit Klüngel hat das nicht mehr viel zu tun. Es war ja auch unglaublich, wie Blatter mit Kritikern umgegangen ist. Der berühmte Satz: „Ich vergebe fast immer, aber ich verzeihe nie“, das war der Pate und das hat nichts mit Klüngel zu tun.

Wenn sich das alles so bestätigt, dann war das ein Korruptionsnetz und damit organisiertes Verbrechen. Klüngel ist demgegenüber kein organisiertes Verbrechen, sondern ist organisierte Kooperation.

Michaela Boland: In Ihrer Doktor-Arbeit haben sie ja auch sämtliche positive Aspekte des Klüngels herausgearbeitet. Macht man sich ansonsten Feinde, wenn man in Köln lebt und arbeitet und dann den Kölschen Klüngel untersucht, seziert  und aufdeckt?

Prof. Dr. Überall: Das habe ich in der Tat auch reichlich getan und das hat vielen nicht gefallen. Aber ich bin nicht allein auf der Welt, um allen zu gefallen. Das liegt im Job und dabei liegt dann Wissenschaft auch sehr nahe am Journalismus.

Dass mich einige dafür hassen, dass sie in diesem Buch vorkommen, ja, so ist das Leben (lacht). Wir wären wahrscheinlich sowieso nie wirkliche Freunde geworden. Auf der anderen Seite haben aber auch viele einmal darüber reflektiert, was sie da getan haben.

Es war eine stinknormale Doktor-Arbeit, aber sie hat in dieser Stadt tatsächlich einiges an Diskussionen ausgelöst. Das lässt sich auch nachvollziehen anhand der Anfragen und Anträge im Stadtrat von Politikern, die das aufgegriffen haben.

In Köln gab es beispielsweise immer die gelebte Alternativlosigkeit. Verwaltungsvorlagen im Stadtrat liefen immer so, dass gesagt wurde, „ja, wir müssen das jetzt machen. Stimmt zu“. Ich habe dann irgendwann in der Doktor-Arbeit formuliert, dass es in anderen Parlamenten durchaus üblich ist, auch die Alternative darzustellen.

Das gab einen riesen Aufschrei. Jedoch muss zur Abwägung für den Souverän in der kommunalen Selbstverwaltung die Meinungsbildung nicht allein auf der reinen Verwaltungsseite stattfinden. Der Souverän, nämlich die Ehrenamtler, die juristisch gesehen Mitglieder einer Selbstvertretung der Bürger sind, haben ein besonderes Vorrecht an diesem Meinungsbildungsprozess innerhalb der Verwaltung teilzunehmen.

Das hat aber Jahrzehnte in Köln nicht stattgefunden, weil man sowieso gesagt hat, „wir schicken ja unsere `Vettern` dahin und die werden das schon richtig machen“. So ist es aber nicht vorgesehen.

Deshalb habe ich massiv dafür plädiert, die Alternative hineinzuschreiben. Dann kann man ja darüber abstimmen, man kann sich aber auch für die Alternative entscheiden.

Beispiel: „Wir reißen dieses Haus ab, weil es nicht sanierungsbedürftig ist“ oder „wir sanieren es.“ Wenn das Abreißen eine Million kostet und das Sanieren Eins Komma Zwei Millionen kostet, dann muss ich die Chance haben zu sagen, „ich will aber das“, selbst, wenn es teurer ist.

Alternativlos irgendetwas dahin rotzen, das geht so nicht. Es ging aber in Köln Jahrzehnte lang. So kann man mit Kleinigkeiten etwas bewegen und heute ist es selbstverständlich.

Michaela Boland: Wie schnell hat sich das Umdenken in Köln vollzogen?

Prof. Dr. Überall: Es hat ziemlich lange gedauert. Über ein Jahr. Aber interessant war, dass ich dann bei wirklich allen politischen Kräften, von der Linkspartei bis zum Wirtschaftsflügel der CDU Diskussionsrunden oder Lesungen hatte.

Dadurch, dass ich den Klüngel nicht einseitig verteufelt habe und mithilfe von klassischer Soziologie, nämlich erst einmal wertfrei an etwas heranzugehen, versucht habe, habe ich es geschafft, in allen gesellschaftlich politisch relevanten Bereichen eine Diskussion hinzubekommen. Damit habe ich in der Weise selbst nicht gerechnet.

Michaela Boland: Wie sind Sie ursprünglich auf das Thema für Ihre Dissertation gekommen?

Prof. Dr. Überall: Ich habe öfter mal über Klüngel berichtet und dann gab es einen Professor aus Tübingen, der bei der Landeszentrale für politische Bildung einen Vortrag zum Thema Klüngel angefragt hat.

Diesen Vortrag habe ich dann gehalten und dann sagte er, „Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht zu promovieren? Ich suche da seit Jahren jemanden, der mal über den Klüngel promoviert.“

Michaela Boland: Im Inhaltsverzeichnis Ihres 237-Seiten umfassenden Buches „Abgeschmiert – Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird“ aus dem Jahre 2011 beschreiben Sie Korruption im Inhaltsverzeichnis als: „sexy“, „lässig“, aufregend“, verführerisch“, vielversprechend“, verlockend“, „betörend“ und „geheimnisvoll“. Wie kann man ihr unter diesen Umständen am besten widerstehen?

Prof. Dr. Überall: Wir haben seit dem Altertum immer Korruption gehabt und wir werden sie immer haben. Widerstehen kann man nur, indem man sich selbst auch immer wieder mal infrage stellt.

Sein eigenes Handeln. Auch, wenn man sich vor allem mit Menschen umgibt, die dieses Infrage-Stellen ungestraft tun können.

Man muss ein Korrektiv haben

Michaela Boland: Sie sagen, Korruption gibt es überall und jederzeit. Schon der Staatstheoretiker Jean Jacques Rousseau äußerte, dass die in zivilisatorisch entwickelten Gesellschaften lebenden  Menschen selbstsüchtig, unwahrhaftig und eitel seien.

Liegt es somit womöglich in der Natur des Menschen, irgendwann Macht zu missbrauchen, wenn er für längere Zeit welche innehat?

Prof. Dr. Überall:  Ich erlebe es immer wieder bei Menschen, die dann irgendwann in eine Machtposition kommen, die sich vorher auch kritische Meinungen angehört haben, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre Komplexität reduzieren und dann  keine Kritik mehr zulassen. Vielleicht auch zum Selbstschutz.

Das öffnet das Tor dafür, sich in Beziehungsgeflechte zu begeben, wo man sich gar nicht mehr infrage stellt. Durch die Paradoxie des menschlichen Geistes ist es in uns angelegt, auch mal gierig und verführbar zu sein.

An der Stelle muss ich eben ein Korrektiv haben, wie beispielsweise gute Freunde. Dafür muss ich offen bleiben.

Michaela Boland: In Ihrem Buch ist auch die Rede von Korruptionsethik. Sind das an für sich nicht zwei Begrifflichkeiten, die einander widersprechen?

Prof. Dr. Überall: Es ist durchaus ein bisschen provokant. Aber es ist der Versuch deutlich zu machen, dass es Menschen gibt, die sich Korruption –platt gesagt- schönreden.

Solche, die also Rechtfertigungsstrategien entwerfen. Dieses berühmte „M`r dun et ja nur för Kölle“ (Anm. d. Red.: Wir tun es ja nur für Köln). Das Köln, was die meinen, ist ein anderes, als das, was wir als Gesellschaft meinen.

Es gibt Menschen, die leben das und sehen das wirklich als eine Ethik der Korruption. Bis hin zu solchen Unternehmern, die sagen, „wenn ich kein Schmiergeld bezahle, bekomme ich keine Aufträge“.

Mit dem Begriff der Ethik geht es auch darum, anzuerkennen, dass es Dilemma-Situationen geben kann.

Michaela Boland: Können Sie konkrete Situationen beschreiben?

Prof. Dr. Überall: Nehmen wir an, wir haben einen mittelständischen Unternehmer im ländlichen Bereich. Dieser hat massive finanzielle Probleme und steht kurz vor der Insolvenz.

Die Mitarbeiter, genau wie er, als Chef, sind bereits in der X-ten Generation im Betrieb. Er hat selbst als junger Mann diejenigen Leute, die jetzt als Auszubildende da sind, schon in Windeln gesehen.

Auch die älteren Herrschaften im Betrieb, die kurz vor der Rente stehen, haben ihn schon als Kind erlebt. All jenen gibt der Unternehmer mit seinem Betrieb Arbeit. Es kann aber morgen vorbei sein.

Jetzt ergibt sich die Möglichkeit, an einen Auftrag zu kommen. Der zuständige Mensch bei der örtlichen Straßenmeisterei sagt dem Unternehmer, „ Wenn Du 100,- Euro für die Kaffee-Kasse hast, kannst du den Auftrag bekommen“.

Diese 100,- Euro tun dem Unternehmer nicht weh und er rettet den Mitarbeitern die Arbeitsplätze. Andernfalls, wenn die Firma Pleite geht, ist der Unternehmer bei seinen Mitarbeitern unten durch, in seinem Ort unten durch und im privaten Freundeskreis unten durch. Zumindest wird das subjektiv so empfunden.

Das alles könnte er abwenden durch die Zahlung von einmaligen 100,- Euro. Wie würden Sie entscheiden? Viel Spaß in der Situation. So etwas auch mal bewusst zu machen, dass es neben den gierigen Arschlöchern eben auch ein ethisches Dilemma geben kann, darum geht es.

Es gibt eben mehrere Dimensionen. Auch um das Abgehoben-Sein der korrupten Klasse, Formationen und Freundschaftskreise, die sich das gegenseitig schöndichten. Wenn all das so ein Eigenleben gewinnt und plötzlich zur Normalität wird. Motto: Wer nicht mitmacht, ist doof.

Michaela Boland: Für die HMKW (Hochschule für Medien, Kommunikation, und Wirtschaft) moderieren Sie im Rahmen Ihres Journalismus-Kurses eine Talk-Reihe unter Mitwirkung Ihrer Studenten. Wie selbständig arbeiten die Studierenden an dieser Produktion mit?

Prof. Dr. Überall: Extrem unterschiedlich. Es kommt auf den Kurs an. Ich habe Kurse gehabt, wo das sehr schwierig war. Am Anfang haben wir das komplett zusammen gemacht, aber die Ressourcen haben wir nicht mehr.

Da ich auch viele andere Dinge machen muss und will, komme ich sozusagen jetzt nur noch zur Moderation da rein. In Zukunft ist daran gedacht, das Ganze im Klüngelpütz-Theater auch als Veranstaltung zu setzen.

Heute tritt keiner mehr zurück, weil er mit einer anderen Frau erwischt wird

Michaela Boland: Mit Ihrem Journalisten-Kollegen, Pascal Beucker, haben Sie im Rahmen verschiedener Projekte zusammengearbeitet. U.a. entstand auch das Buch “Endstation Rücktritt“. Welche Fälle haben Sie dabei in erster Linie untersucht und was war die Motivation hierfür?

Prof Dr. Überall: Es ging darum, einmal zu strukturieren. Wir sind beide Journalisten, Pascal in der Inlandsredaktion der taz. Man hat immer wieder die Situation, wenn ein Rücktritt passiert, dass man fragt, „Hat es denn so etwas schon mal gegeben“.

Das Witzige war: Es gab dazu nichts, also keine Publikation. Wir haben dabei eigentlich weniger Interviews geführt. Es war mehr Recherche anhand von Rücktrittsreden und Berichterstattungen usw.

Dann haben wir anhand dessen und unseres Fachwissens, sowie der Möglichkeit auf Archive zurückgreifen zu können, einfach mal eine Kategorisierung vorzunehmen. Der freiwillige Rücktritt, der unfreiwillige Rücktritt wegen Korruption, der Rücktritt wegen moralischer Verfehlungen.

Heute übrigens nahezu undenkbar, dass jemand zurücktritt, weil er mit einer anderen Frau erwischt wird, oder weil ihm Homosexualität angedichtet wird. Aber das hat es ja nun auch in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben. Wir wollten da mal so eine gewisse Ordnung hineinbringen. So wird auch der verhinderte Rücktritt beleuchtet. Unter welchen Bedingungen hält sich eigentlich jemand? Das einmal aufzuarbeiten, fand ich unglaublich spannend.

Michaela Boland: Bei Ihrem aktuellen Buchprojekt geht es um Verbote. Auf welche Weise haben Sie Sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt?

Prof. Dr. Überall: Mit einem Kollegen habe ich zusammen sieben Jahre lang Verbote gesammelt. Da gibt es bei Facebook auch eine Seite zu: „Es ist untersagt“. Außerdem gibt es einen Twitter-Kanal und bei Instagram läuft es im Moment auf meinen Namen.

Da werden Verbotsschilder fotografiert. Zum Teil habe ich sie auch im Internet oder auf Flohmärkten gekauft. Die Idee war in der Tat, irgendwann ein Buch daraus zu machen, wo Vertreter verschiedener Fachrichtungen über Verbote philosophieren.

Um als Interview-Partner an ein paar Promis wie Eckart von Hirschhausen, Gerhart Baum  oder den stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter  zu kommen, habe ich dann noch schnell ein Feature beim Deutschlandradio Kultur gemacht. Denn leider ist dann etwas sehr trauriges passiert: Mein Kollege ist verstorben.

Wir haben das Projekt in groben Zügen vorher noch abgesprochen, gemeinsam auf die Schiene gesetzt und ich habe ihm zugesagt, dass ich dieses Buch machen werde und die Erlöse an seine Familie gehen.

Er war Mitte 50, hat aber zwei kleine Zwillinge, die gerade zur Schule gehen. Recherchiert ist das Ganze im Prinzip, ich muss nur mal anfangen zu schreiben. Das steht jetzt gerade an.

Michaela Boland: Interessieren Sie Sich für Kunst?

Prof. Dr. Überall: Im Prinzip schon (lacht). Kunst ist ein extrem weites Feld. Ich habe selbst mal Projekte gemacht und zusammen  mit meiner Ex-Freundin Schlecht-Wetter-Postkarten hergestellt.

Michaela Boland: Wie sahen die aus?

Prof. Dr. Überall: Die Postkarte, wie es hier in Köln im Sonnenschein ist, kennt jeder. Aber mal eine verzerrte Wolke über dem Kölner Dom, kann unter Umständen sehr viel interessanter oder schöner sein.

Es ging darum, die positive Energie aus der Ästhetik des schlechten Wetters zu ziehen. Schlechtes Wetter hat eigentlich immer die geilsten Bilder verursacht. Da haben wir dann eben Postkarten von gemacht.

Es gab auch die Domain schlechtwetterpostkarten.de, die haben wir dann für einen guten Zweck weggegeben. Leider bleibt mir viel zu wenig Zeit, regelmäßig in Vorstellungen, ins Museum oder ins Kabarett zu gehen.

Michaela Boland: Für alle anstehenden Projekte viel Erfolg und herzlichen Dank für dieses Interview.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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