24.01.2013 10:07 Man kann Kreativität nicht erzwingen, aber fördern

Marie Allnoch sprach mit Patrick Salmen - Der Deutsche Poetry Slam-Meister über die aktuelle Programmatikdebatte, Kreativität und Kafka

Patrick Salmen, Meister des deutschsprachigen Poetry Slams

Patrick Salmen, hat sein Lehramtsstudium für seine Leidenschaft auf Eis gelegt, Bild 1 Patrick Salmen (c) Fabian Stürtz

Patrick Salmen Der Deutsche Poetry Slam-Meister

Bild 2 Patrick Salmen (c) Fabian Stürtz

Von: GFDK - Marie Allnoch

Patrick Salmen, Meister des deutschsprachigen Poetry Slams, hatte sich Ende Dezember mit mir in einem kleinen Lokal in Dortmunds Szeneviertel verabredet. Auf meinem Weg zum vereinbarten Treffen mit dem Wortakrobaten brachte mich die weihnachtliche Stadt zum Nachdenken:

Scharen Minderjähriger quälten dreistimmig ihre hölzernen Blasinstrumente in den gefrorenen Gassen, und nicht gerade die Mehrheit dieser Musiker sah beflügelt und künstlerisch berührt aus.

Sicher, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und ach, was waren diese genervten Rabauken bezaubernd. Erinnerungen aus Kindertagen drangen an die Oberfläche und verweigerten mir den Genuss dieses Schauspiels. Waren diese Kinder zum Erbringen der von ihnen erwarteten Leistung verdammt? Sieht so der Beginn kreativen Handelns aus oder erstickt eine solche Szene jegliche schöpferische Mobilität?

Wo fängt künstlerische Freiheit an und wo liegen ihre Grenzen? Kann Kunst auf Kommando kreativ sein? Vielleicht kann mein ausgewachsener Interviewpartner, der sich mit genau dieser mir so wichtig erscheinenden Kombination aus überzeugender Darbietung, Werk und stets in Bewegung bleibendem Geist verdient gemacht hat, eine Antwort darauf finden.

Als ich im Lokal eintreffe erwartet mich Patrick Salmen bereits beim Kaffee, nach einer herzlichen Begrüßung kommen wir zur Sache. Noch recht frisch ist meine Mitgliedschaft in der schreibenden Zunft, und genau wie mein Gegenüber bei seinen ersten Schritten in die Welt der Poesie damals, befinde ich mich noch mitten im Studium.

Ganz so mutig wie Patrick Salmen, der sein Lehramtsstudium für seine Leidenschaft auf Eis gelegt hat, bin ich allerdings nicht.

Was ihn zum Schritt weg von der voraussichtlich sicheren Beamtenzukunft und hin zum Künstlerberuf motiviert hat möchte ich von ihm wissen.

Patrik Salmen lacht bescheiden. „Ach, das klingt ja immer so abenteuerlich wenn man sagt man ist Künstler, aber im Endeffekt hat man auch einfach einen Beruf dem man nachgeht.“  Das Risiko sei nicht sehr groß gewesen, zumal er plane seine Hochschulausbildung in naher Zukunft fortzusetzen und abzuschließen. Gänzlich überzeugt mich das nicht vom Glanz des Künstlerlebens. Sicher scheint sicher.

Die große Leidenschaft des Poeten war aber schon immer das Schreiben, und auch wenn es wie einer Hollywood-Produktion entsprungen anmutet, im Fall Salmen scheinen tatsächlich Leidenschaft und Talent ausgereicht zu haben, um im zeitweise ungemütlich wirkenden Kulturbetrieb zu überzeugen.

Als der Stein erst einmal ins Rollen gebracht war habe sich alles irgendwie gefügt,  jeder Schritt den nächsten einfacher gemacht, sagt er mir. Sympathisches Tiefstapeln oder tatsächlich das große Glück? Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Im Jahr 2010 ist Patrick Salmen zum deutschsprachigen Meister im Poetry Slam gekürt worden.

Ein großer Titel.  Auch auf der Sonnenseite hilft ein kühler Kopf.

Mit einer Auszeichnung wie dieser wachsen nicht nur Selbstvertrauen und Künstlerglück, auch steigender Erwartungsdruck begleitet den Erfolg. „Auf der einen Seite hat es mir natürlich sehr viel gebracht, weil ich mir einen Namen gemacht habe, ich hatte was in der Hand.“

Der Titel sei sehr überraschend gekommen, erinnert sich Patrick Salmen, besonders weil er zuvor über eher dürftige Bühnenerfahrung verfügt habe. „Deshalb hatte ich danach schon ein bisschen Erwartungsdruck.

Ich dachte oh Gott, jetzt wirst du immer dementsprechend angekündigt, die Leute erwarten irgendwelche ganz abgefahrenen Sachen von dir, und im Endeffekt stehst du dann nur da und liest eine Geschichte vor.“ Der Humorist zeigt sich ein erstes schüchternes Mal: „Ich möchte bitte deswegen aber nicht den Titel zurückgeben, das war schon alles gut so.“

Man kann Kreativität nicht erzwingen, aber fördern.

Wer Salmen einmal beim „abgefahrenen“ Vorlesen seiner Geschichten gelauscht oder eins seiner Bücher aufgeschlagen hat, der ist sich der Qualität seiner Phantasie sicher. Wie aber ist es um die Quantität bestellt? Auf Kommando kreativ sein, dass schreit nach einem Widerspruch in sich.

Doch der Slammer und Autor hat sich Techniken angeeignet, die er in Workshops weitergibt. „Grade an Schulen kommt das kreative Schreiben leider häufig viel zu kurz“ sagt Salmen mir, deshalb möchte er motivieren und die ersten Schritte leichter machen.

„Trotzdem hat jeder seinen eigenen Stil und da möchte ich natürlich nicht reinpfuschen.“ Ein guter Autor sei auch immer ein großer Leser, mit der Zeit entwickle man auch auf diesem Weg ein Gefühl für Sprache. So hegt er für einen Autor ganz besonders große Bewunderung:

Peter Bichsel. Dem Kurzgeschichtenschreiber sei es möglich, mit wenigen einfachen Worten ganze Welten zu schaffen, ohne dabei den Raum für die Phantasie des Lesers zu beschneiden. Der Deutsche Meister verneigt sich.

 Und wie steht es um die Selbstmotivation? Eine erste Antwort scheint meiner Desillusionierung zu dienen. „Ich habe mir angewöhnt, auch wenn ich von zu Hause aus arbeite, zu simulieren ich würde zur Arbeit gehen. Ich stehe wirklich früh auf, setzte mich zu bestimmten Zeiten an den Schreibtisch. Ich bin morgens am produktivsten, und in einem anderen Job müsste ich auch früh aufstehen.“ Stechkartenpause, Spaziergang, Spätschicht.

Dann die erhoffte Ergänzung: „Ich höre viel Musik beim Schreiben, meistens instrumentale. Das klingt so klischeehaft nach dem einsamen traurigen Dichter, stimmt aber. Ich brauche einen Soundteppich weil ich immer sehr bildhaft schreibe, das hilft mir mich in Situationen zu versetzen. Ich rauche leider wie ein Schlot. Kaffee.“ Der Rechtfertigung meines persönlichen Nikotin- und Koffeinmissbrauchs steht nichts mehr im Weg, ein Gefühl der Bestätigung macht sich breit.

Die Programmatik lautet: keine Programmatik haben.

Was aber, wenn dem Autor das Papier zu weiß erscheint? Auch einem Ausnahmetalent erstarren von Zeit zu Zeit ohne diagnostische Vorwarnung die Fingerglieder, und nicht immer zeigt sich die Welt so komisch oder tragisch wie der Plot es grade verlangt. Im Kampf gegen Schreibblockaden ist Salmen simpel und doch wirksam bewaffnet: Flexibilität heißt das Schlüsselwort.

Momentan schreibt der Autor an drei Büchern gleichzeitig.  Neben Kurzgeschichten sind Zwei Romane und ein Kinderbuch in Arbeit, mal sind sie lustig, mal kommen sie überraschend ernst und tiefgründig daher.

Sie erzählen auch von Moral und Würde, von simulierten Realitäten, der Kunstszene. Das Alter spielt eine große Rolle, und während Salmen seine Gedanken verlautet entdecke ich ihn doch, den nachdenklichen Dichter. „Ich möchte immer über Dinge schreiben die bewegen, über die kleinen Helden des Alltags, Dinge die man täglich sieht aber vielleicht nicht wahrnimmt.

Heutzutage versuchen immer alle Kitsch zu vermeiden, aber ich glaube ich mag Kitsch manchmal. Dinge denen vermeintlich etwas Poetisches anhaftet, kleine grüne Gießkannen, alter Männer die Saxophon spielen.“

Diese Zerstreuung sei ein großer Vorteil, so könne er je nach Stimmung an entsprechenden Texten schreiben. Sich auf ein Genre fokussieren zu müssen würde ihn schnell langweilen, vermutet er. Freiheit ist dem Autor wichtig, sie zu halten nicht einfach.

„Als Autor wird man natürlich mit einem Genre assoziiert, und  irgendwann bist du der Kriminalroman-Autor oder der Fantasyroman-Autor, aber da möchte ich nicht hin. Nur weil ein Tischler jahrelang Tische gefertigt hat, heißt das ja nicht, dass er kein Stühle bauen kann.“ Mir präsentiert sich die von der Bühne bekannte Stimme in verschmitzt-altklugem Ton: „Das gilt es im Keim zu ersticken!“.

Genau hier setzt die aktuelle Debatte über Poetry Slam an. Eine Kritik in der Süddeutschen Zeitung hat das Fehlen einer Programmatik beanstandet, Poetry Slam sei nicht rebellisch und innovativ, sondern durchweg gesellschaftskonform und würde sich mit Ulk vor gesellschaftlichen Umbrüchen wegducken.

Wie beurteilt Salmen die Situation? „Durch Körpersprache und Stimme kann man einen Text in Bewegung versetzen, und ich finde es toll dass die Menschen sich wieder mehr für das gesprochene Wort begeistern, sich Geschichten anhören, ob sie albern sind oder nicht.

Auch in der Albernheit liegt manchmal so viel Tiefsinniges, vielleicht sogar mehr als in manchem Text der den Anspruch hat tiefsinnig zu sein. Mit Humor kann so vieles erzählt werden, vielleicht wirkt es clownhaft wenn die Zuschauer lachen, na und? Alle haben was davon. Für verhältnismäßig wenig Geld bekommt der Zuschauer viele Auftritte geboten, und Spaßvögel werden genauso erhört wie wahre Literaten.

Es wird vorgeworfen, die Szene hätte keine Programmatik, aber genau das ist doch das Faszinierende am deutschen Poetry Slam.“ Der Autor sieht die Charakteristik des Slams in grade dieser Vielfältigkeit. Fazit: „Eben keine Programmatik zu haben ist die Programmatik. Das Prinzip Poetry Slam funktioniert, und wenn etwas Mainstream wird weil es den Leuten gefällt, ohne dass wir uns dafür verstellen müssen, sehe ich kein Problem darin.“

Ob Kafka Bartträger war, geht niemanden etwas an.

So rückt der deutsche Poetry Slam in diesen Tagen mehr und mehr ins Bewusstsein der kulturbegeisterten Bevölkerungsgruppe. Unausweichliche Begleiterscheinungen des Interesses an einem Werk waren schon immer Rezeption, Analyse und Interpretation. Meist geschieht dies jedoch ohne verwertbaren Hinweis des Autors, nicht selten posthum, die Intention des Künstlers verkommt zum Spekulationsroulette.

Durch glückliche Umstände trennen die Geburtsstunde des Deutschen Poetry Slam-Meisters und meine eigene Existenz keine Jahrhunderte, nicht einmal eine ganze Dekade steht zwischen uns, und so bin ich in der vorteilhaften Situation ihn nach seinen Belangen zu befragen. Wie viel Salmen steckt wirklich in seinen Texten? Auf welche Rezeption zielt er ab? So erklärt er mir:

„Themen über die ich schreibe beschäftigen mich natürlich irgendwie persönlich. Grade das Alter, Erinnerungen, Vergessen. Ich finde es aber unschön alles biographisch zu analysieren, natürlich sind politische und sozialhistorische Aspekte interessant, aber das Privatleben der Autoren sollte privat bleiben.“

Kein Kafka also. Nein, Max Brod habe trotz des hohen Stellenwerts, den Kafkas Literatur inzwischen einnimmt, im Endeffekt doch seinen Freund verraten. „Ich versuche immer mit eher einfachen Worten zu arbeiten, Bilder und Atmosphären zu schaffen, der Leser soll aus einem Werk etwas für sich herausziehen, statt etwas über den Autoren zu erfahren.“ Als Beispiel fällt seine Hommage an den Bart, „Rostrotkupferbraun fast Bronze“.

Salmen schmunzelt, erzählt mir, dieser fiktive Brief sei ursprünglich als alberne Geschichte über Männlichkeit gedacht gewesen, nun ist er der erste Treffer für Poetry Slam auf Youtube. Er hat wohl den Nerv der Zeit getroffen, jetzt, da Hipstertum und Chic den Bart wieder salonfähig gemacht haben.

Mit „Lyrik und Luftflottenkriege“ hat Salmen dieses Rollenbild gefestigt, um es dann, nicht ohne diebische Freude, wieder aufzubrechen. Das Spiel mit Interpretationsdrang und Klischeementalität der Gesellschaft bereitet ihm sichtlich Freude.

Zukunftsvisionen mit Bodenhaftung

Deutscher Meister. Zwei veröffentlichte Bücher, drei in Arbeit. Workshops. Lesungen. Euphorie! Euphorie! Salmens erfolgsbringende Mixtur aus Phantastik und Feinsinn lässt große Pläne vermuten. Doch weit gefehlt - auf die Frage nach Zukunftswünschen bekomme ich eine ebenso bodenständige wie sympathisch Antwort: „Ich würde gerne eine reine Altersheim-Lesungsreihe machen.

Da schwirren mir grade ein paar grobe Pläne durch den Kopf. Ich finde Senioren werden viel zu wenig in die Gesellschaft mit einbezogen. Das Alter ist wertvoll und ältere Menschen verdienen mehr Beachtung und Beschäftigung als sie beim Bingospielen bekommen.“

Der Deutsche Meister scheint seinen Weg gefunden zu haben, gänzlich ohne sich zu verstellen. Trotz des stetig wachsenden Erfolgs hat er sich als bodenständiger Poet erwiesen, der seine Umwelt wahrnimmt, mal realistisch, mal herrlich phantasievoll, aber immer mit offenen Augen und respektvollem Blick.

Marie Allnoch ist Redakteurin der Gesellschaft Freunde der Künste und zuständig für Literatur, Kino, und TV-Tipp