15.02.2014 09:15 Zweiergespräch mit Iris Boss

Iris Boss über brotlose Kunst, roter Teppich, Glamour und hohe Gagen

Iris Boss lebt in Berlin und arbeitet als Schauspielerin und Sprecherin.

Iris Boss lebt in Berlin und arbeitet als Schauspielerin und Sprecherin. Alle Bilder (c) Iris Boss

Iris Boss, Die staendig gleichen Nasen laufen über den roten Teppich.

Iris Boss "Die ständig gleichen Nasen laufen über den roten Teppich".

Iris Boss, Schauspieler muessen froh sein, wenn sie überhaupt eine Gage kriegen.

Iris Boss "Was die hohen Gagen betrifft, ist es im Gegenteil so, dass Schauspieler froh sein müssen, wenn sie überhaupt eine kriegen".

Iris Boss, In Deutschland koennen gerade mal zwei Prozent der Schauspieler von ihrem Beruf leben.

Iris Boss "In Deutschland können gerade mal zwei Prozent der Schauspieler von ihrem Beruf leben".

Iris Boss hat es Marion Wagner in ihrem Zweiergespräch erzählt.

Iris Boss hat es Marion Wagner in ihrem Zweiergespräch erzählt.

Von: GFDK - Marion Wagner Profil bei Google+

Marion Wagner sprach mit der Berliner Schaupielerin Iris Boss anläßlich der Berlinale über den Beruf der Schaupielerei. Marion Wagner spricht in ihrem Blog mit Kunst und Kulturschaffenden in Berlin und leitet den "Verlag für Kurzes " einen unabhängigen Verlag für kurze Texte.

Iris Boss lebt in Berlin und arbeitet als Schauspielerin und Sprecherin.

Roter Teppich, Glamour, hohe Gagen? Wie sieht die Lebenswirklichkeit eines Schauspielers tatsächlich aus?

Iris Boss hat es Marion Wagner in ihrem Zweiergespräch erzählt.

Viele Schauspieler sagen, sie hätten schon immer gewusst, dass sie nichts anderes werden wollen. War es bei dir auch so?

Schon immer nicht, aber schon sehr früh. Weihnachtsmann, Tierärztin, Piratin und Clownin waren die Berufswünsche davor. Als ich etwa acht war, wurde mir klar, dass ich alles zusammen werden könnte, wenn ich Schauspielerin werde.

Wie hast du dir das Leben als Schauspielerin vorgestellt?

Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen, vielleicht kam deswegen in meiner Vorstellung die Arbeit vor der Kamera gar nicht vor. Ich habe mich schon sehr früh, sehr ernsthaft mit dem Beruf befasst, habe alle Informationen gesammelt, die ich kriegen konnte. Über die Ausbildung, die Berufsanforderungen, den Arbeitsalltag am Theater usw. und habe einen dicken Ordner angelegt, in dem ich das alles archiviert habe.

Auch praktische Bühnenerfahrung habe ich schon sehr früh gesammelt, ich wusste also, was es bedeutet, eine Rolle zu erarbeiten. Ich habe mir vorgestellt, dass ich nur für diesen Beruf leben würde und in meinen Rollen ganz aufgehe.

Die Sprache war auch schon früh sehr wichtig für mich. Ich liebte die Vorstellung, mich ein Leben lang mit Sprache beschäftigen zu können.

Die Liebe zur Sprache kann ich sehr gut nachvollziehen … Bei Schauspielern denken ja viele an rote Teppiche und hohe Gagen. Die Wirklichkeit sieht für die große Masse aber nicht so aus, oder?

Nein. Sonst würden wir ja auch nicht die ständig gleichen Nasen über den roten Teppich laufen sehen, sondern die in Deutschland zum Beispiel, grob geschätzt, 25.000 Menschen, die sich hier als Schauspieler bezeichnen.

Was die hohen Gagen betrifft, ist es im Gegenteil so, dass Schauspieler froh sein müssen, wenn sie überhaupt eine kriegen. „Leider keine Gage, dafür lecker Catering“ ist eine gängige Formulierung in Stellenanzeigen unserer Branche. Wer würde darauf kommen, einen Anwalt, einen Klempner oder wen auch immer auf derart ungehörige Weise zu rekrutieren?

Aber es muss ja Schauspieler geben, die das mitmachen, sonst könnte eine solche Dreistigkeit nicht funktionieren.

Dass so etwas funktioniert, hat verschiedene Gründe. Einer davon ist sicher, dass man als Schauspieler schnell ins Abseits gerät, wenn die Vita Lücken aufweist. Wer länger nicht gespielt hat, wird nicht mehr besetzt. Ein Teufelskreis. Also lieber unbezahlt irgendeinen Scheiß machen als gar nichts.

Da jedes Jahr ca. 200 Absolventen von staatlichen und ca. 400 von privaten Schulen, dazu ungezählte Quereinsteiger – da „Schauspieler“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist, kann sich jeder so nennen – neu auf den Markt kommen, die bezahlten Jobs durch Streichung von Subventionen, Reality-Formate mit Laien usw. immer weniger werden, wird man als Schauspieler immer erpressbarer.

Auch die soziale Absicherung ist schwierig. Meistens ist man gezwungen, als Selbständiger zu arbeiten oder die Festanstellungszeiten beschränken sich auf wenige Tage oder Wochen. Sich so einen Anspruch auf Arbeitslosengeld zu erarbeiten, ist für die meisten schwierig bis unmöglich.

In Deutschland können gerade mal zwei Prozent der Schauspieler von ihrem Beruf leben. Die Arbeitslosenquote liegt bei 25 Prozent. Mit einer hohen Dunkelziffer. Manchmal denke ich, der Beruf ist überhaupt nur noch als Hobby für Kinder reicher Eltern machbar. Aber – (lacht) – ich bin ja der Beweis dafür, dass es nicht so ist.

Wie ist es bei dir?

Ich lebe seit elf Jahren von meinem Beruf. Über rote Teppiche gehe ich selten.

Was gehört eigentlich noch zur Arbeit eines Schauspielers, außer dem Spielen selbst?

Für einen Drehtag oder eine Theaterproduktion arbeitet man natürlich viel mehr als die reine Anwesenheitszeit: Allein um überhaupt an den Job zu kommen, muss ein Schauspieler, der keinen Namen hat, viel Zeit für Netzwerkpflege, Bewerbungen und Vorbereitung für Vorsprechen oder Castings aufbringen.

Jeder Schauspieler braucht aktuelle Fotos, Demomaterial und muss seine Webpräsenz pflegen. Seit Neustem wird sogar verlangt, dass er bei sogenannten e-Castings eine vorgegebene Szene einreicht. Er braucht also jemanden, der ihn filmt, ihm die Szene schneidet usw., nur um sich mit hunderten anderen zu bewerben. Auch sein Instrument, also seinen Körper, seine Stimme, seine Konzentrationsfähigkeit muss er in Zeiten ohne Engagement in Schuss halten.

Wenn man zynisch sein will, könnte man sagen, er könne ja froh sein, unbezahlt arbeiten zu dürfen, so spare er sich wenigstens die Kosten für Maßnahmen, für die er sonst bezahlen müsste. Eine ganze Branche lebt inzwischen von arbeitslosen Schauspielern: Workshops, Coaches, Demobandproduzenten …

Hat er dann eine Rolle bekommen, beginnt die Vorbereitung, das Textlernen, die Proben und parallel dazu schon wieder die „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ für die Zeit danach.

Wie sieht dein Alltag aus?

Wenn ich in einer Produktion bin, probe ich von 10-14 Uhr und von 18-22 Uhr, wenn ich „frei“ bin, also verschiedene kleinere Sachen mache, ist jeder Tag anders. Da laufen dann viele Dinge parallel. Die einzigen Konstanten in dieser Zeit sind Büroarbeiten, die ich wie jeder Selbständige machen muss. Und Sport.

Die festen Zeiten sind ja nicht sehr familienfreundlich.

Natürlich bringt es der Beruf mit sich, dass wir gerade dann arbeiten, wenn alle anderen frei haben. Wochenenden, Weihnachten, Silvester … Familie oder ein “normales” Sozialleben ist da schwierig. Kinder sind, würde ich behaupten, ohne Partner, der sehr flexibel ist und zudem den Großteil des Geldes ranschafft, unmöglich.

Du warst gerade drei Monate mit dem Stück Frau Müller auf Tournee. Habt ihr jeden Abend gespielt?

Mit Ausnahme von zwei spielfreien Abenden, ja.

Wie ist das, wenn man so lange auf Tournee ist? Schaltest du beim Spielen irgendwann auf Autopilot?

Es ist ja ein Teil des Berufs, Dinge, die man schon hunderte Male gemacht hat, immer wieder frisch und neu zu machen. Natürlich bekommt man mit der Berufserfahrung auch eine gewisse Routine, geht bei der 50. Vorstellung nicht mehr mit riesigem Lampenfieber auf die Bühne. Anders geht das kräftemäßig auch gar nicht, wenn man den Beruf länger machen will.

Aber schlussendlich ist das ja alles Lebenszeit: Die des Publikums, meiner Mitspieler und nicht zuletzt die meine. Die möchte ich möglichst interessant und, wenn möglich, mit Spaß verbunden verbringen. Schon deshalb ist Autopilot keine Option für mich.

Und wie ist es hinter den Kulissen? Jeden Tag in einer anderen Stadt zu sein, mit denselben Leuten …

Ich mag das Unterwegssein, auch wenn es nach einigen Wochen ganz schön auf die Nerven gehen kann. Ich versuche mir jede Stadt anzusehen, in der ich spiele und habe gemerkt, dass meine Aufmerksamkeit für Skurrilität und Schönheit in diesen Mikrokosmen eine andere ist als zuhause in Berlin. Ich fühle mich auf Tournee immer ein bisschen wie eine Forscherin.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Gar nicht, da gibt es mich ja noch überhaupt nicht.

Was ist dein größter beruflicher Wunsch?

Ich liebe meinen Beruf, würde mir aber wünschen, mich mehr auf das Eigentliche, also das Spielen konzentrieren zu dürfen und weniger um die Organisation des Ganzen.

Ich bin ja aus gutem Grund nicht Buchhalterin oder Managerin, sondern Schauspielerin geworden. Berühmtsein interessiert mich nur in dem Sinn, dass ich mehr Wahlfreiheit hätte. Was will ich machen? Was nicht? Warum? Nachdenken, ausprobieren, scheitern dürfen. Das alles gehört für mich zu einem künstlerischen Prozess. Alles andere ist Dienstleistung.

Irgendjemand hat mal gesagt: „Schauspieler sind Philosophen des Handelns.“ Ich empfinde als Schauspielerin eine gesellschaftliche Verantwortung und habe das Glück, immer wieder Dinge machen zu dürfen, in denen ich das Gefühl habe, diese wahrnehmen zu können. Doch noch sind diese Dinge Luxus.

Ich wünsche mir, mich öfter für sie entscheiden zu dürfen. Ich wünsche mir, immer wieder mit guten Leuten, Kollegen und Regisseuren arbeiten zu dürfen. Mit Künstlern, die ihr Handwerk beherrschen, die mich inspirieren und sich von mir inspirieren lassen, die was zu sagen haben und das auf ihre ganz eigene Art tun. Ich bin idealistisch geblieben.

Liebe Iris, vielen Dank für das Gespräch.

Anmerkung der Redaktion:

Sibylle Berg hat erst am 9. Februar zu diesem Thema in S.P.O.N. auf Spiegel Online geschrieben

Der Geiz hinter der Goldkante

"Menschen brauchen Kunst, damit sie sich nicht aus dem Fenster stürzen. Warum werden Künstler dann so schlecht bezahlt? Politiker missbrauchen Oper und Theater als Spielfläche - und lassen zu, dass die Gelder in der Verwaltung versickern".

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