13.10.2012 07:29 Wir meinen: „Ja!“

Ausstellung in Baden Baden: BILDERBEDARF. Braucht Gesellschaft Kunst? vom 20. Oktober 2012 bis 17. Februar 2013

BILDERBEDARF. Braucht Gesellschaft Kunst? vom 20. Oktober 2012 bis 17. Februar 2013

Jeremy Deller, The Battle of Orgreave (an Injury to One is an Injury to all), 2001, Video. Regie: Mike Figgis. © 2012: Artangel

Von: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden



Vom 20. Oktober 2012 an spürt die Ausstellung BILDERBEDARF. Braucht Gesellschaft Kunst? dem konkreten Einfluss von Kunst auf die öffentliche Diskussion nach. Anhand einzelner Kunstwerke beispielsweise von Gerhard Richter, Joseph Beuys und Hans Haacke wird gezeigt, wie und wodurch Kunst in den letzten sechzig Jahren in unsere Gesellschaft eingewirkt hat. Welche Diskurse sie angestoßen und begleitet hat, welche Debatten initiiert.

Die Ausstellung – unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Joachim Gauck – wirft den Blick zurück in die jüngere Zeitgeschichte seit 1945. Die Auswahl der gezeigten Werke erfolgt nach einem zunächst ungewöhnlichen Kriterium: der nachweisbaren Wirkung der jeweiligen künstlerischen Arbeit in einem zivilgesellschaftlichen Umfeld. Illustriert werden Prozesse unterschiedlicher Natur, die dazu geführt haben, dass einzelne Kunstwerke weit über ihre ästhetische Rezeption hinaus zu wichtigen gesellschaftlichen Symbolen avancieren.
 
Ein zentrales Werk der Ausstellung ist Gerhard Richters Gemälde „Onkel Rudi“. So bekannt dieses Bild heute ist, so wenig bekannt ist dessen verwickelte Rezeptionsgeschichte. Sie kann als ein besonderes Beispiel gelesen werden, wie Kunst in die Auseinandersetzung mit historischem Unrecht einzuwirken vermag: 1968 reiste der deutsche Galerist und Kurator René Block mit Werken zeitgenössischer deutscher Künstler nach Prag – darunter auch Gerhard Richters Bild  von seinem Onkel in Wehrmachtsuniform –, um sie dort in einer Galerie auszustellen und sie der Gemeinde Lidice zu schenken. Dieses tschechische Dorf wurde 1941 von den Nationalsozialisten dem Erdboden gleichgemacht. Die Kunstwerke gaben jedoch nur ein kurzes Zwischenspiel: nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen und dem abrupten Ende des Prager Frühlings wurden sie 1968 an einen sicheren Ort gebracht. Erst dreißig Jahre später auf dem Dachboden eines Schlosses unweit von Prag wiederentdeckt, wurden die Werke offiziell der Gedenkstätte Lidice überreicht. Aus einer zunächst privaten Initiative ist so über mehrere Jahrzehnte ein symbolischer Akt der Wiedergutmachung geworden.

Viel unmittelbarer hat Christoph Schlingensiefs Aktion „Ausländer Raus!“ aus dem Jahr 2000 gewirkt. Auf Einladung der Wiener Festwochen hatte Schlingensief in direkter Nachbarschaft zur Wiener Staatsoper ein Containerdorf mit Asylbewerbern errichtet. Durch Telefonwahl oder per Mausklick konnte man sie wie in einer Big Brother-Show des Landes verweisen. Der „Sieger“ schließlich sollte mit einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung durch Ehelichung einer Inländerin prämiert werden. Schlingensiefs Abschiebungsinszenierung, die mit der kurz zuvor angelobten österreichischen Regierungskoalition aus konservativer Volkspartei und der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs unter der Ägide Jörg Haiders koinzidierte, rief ein enormes Echo bei den Bürgern hervor.

Als poetisches Bild für den Anspruch des gesamten Ausstellungsprojektes mag Francis Alÿs’ Installation „When Faith Moves Mountains“ stehen. In einer groß angelegten Aktion versammelte der Künstler 2002 in Lima mehr als 500 Freiwillige, die nur mit Schaufeln ausgestattet den Versuch unternahmen, gemeinsam einen Berg zu bewegen. In diesem so stolzen wie machtlosen Akt gegenüber den Kräften der Natur hat Alÿs eine metaphorische Geste geschaffen. BILDERBEDARF. Braucht Gesellschaft Kunst? dient sie als Parabel für die utopische, da nicht immer in Einklang mit den realen Bedingungen stehende Absicht der Ausstellung.

Mit Werken von Francis Alÿs, Karel Appel, Georg Baselitz, Joseph Beuys, KP Bremer, Christo & Jeanne-Claude, Jeremy Deller, Felix Droese, K. O. Götz, Gotthard Graubner, Hans Haacke, Jörg Immendorff, Alfredo Jaar, Rolf Julius, Käthe Kollwitz, Wolfgang Mattheuer, A. R. Penck, Gerhard Richter, Karin Sander, Christoph Schlingensief, Willi Sitte, Gerhard Wendland, Stephan Wewerka, Klaus Staeck und Hann Trier.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Joachim Gauck.

Im Oktober 2013 wird das Ausstellungsprojekt fortgeführt mit einer Schau, die die Bedeutung von Kunst für einen globalisierten gesellschaftlichen Diskurs im 21. Jahrhundert zum Thema hat.

Katalog  BILDERBEDARF. Braucht Gesellschaft Kunst? / The Civic and the Arts, herausgegeben von Johan Holten, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, mit Texten von Johan Holten (Vorwort), Hendrik Bündge, Regine Ehleiter, Jakob Racek, Dirk Teuber, Wolfgang Ullrich und Christoph Zuschlag, 216 Seiten, deutsch / englisch, 20 €, im Buchhandel 24 €, ISBN: 978-3-86335-247-9

Pressekontakt  Dr. Dirk Teuber, +49 7221-30076-404; Eva Hepper, +49 178 5546704; presse@kunsthalle-baden-baden.de


Die Ausstellung wird finanziert durch das Ministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg und gefördert durch die Baden-Württemberg Stiftung. Medienpartner der Ausstellung sind ARTE Deutschland, SWR2, Badische Neueste Nachrichten und Badisches Tagblatt.

Presse und Kommunikation Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 
Lichtentaler Allee 8a 76530 Baden-Baden Tel. +49 7221-30076-404 BILDERBEDARF. 
 
BRAUCHT GESELLSCHAFT KUNST? Eröffnung: 
19. Oktober, 19 Uhr Ausstellung: 20. Oktober 2012 bis 17. Februar 2013 BILDERBEDARF. 
THE CIVIC AND THE ARTS Opening: 19th of October, 7 PM Exhibition: October 20th, 2012 until February 17th, 2013