20.01.2012 07:28 umgang mit Angst, Ohnmacht, Schönheit, Verführung

Werk der Woche: BIANCA PATRICIA thematisiert in ihrer Fotoserie Prozesse der Identitätsfindung und des Identitätsverlustes

(c) Bianca Patricia, JULIA, 2011 Fotografie

Von: GFDK/ Tinatin Ghughunishvili-Brück - 6 Bilder

Der Konzeption der Foto-Serie "Julia" liegt der Glaube als identitätsstiftendes und manipulatives Instrument der Gesellschaft zugrunde. Die Bilder thematisieren diverse Prozesse der Identitätsfindung und des Identitätsverlustes. Sie zeigen den Versuch eine Membran zwischen der Wirklichkeit und dem Ich zu schaffen,  sind ambivalente Projektionsfläche. 

Das in unserer Gegenwart so vertraute Unvermögen, mit Emotionen umzugehen und der ständige Versuch, der sich rasant verändernden Wirklichkeit gegenüber mit unserem Dasein anzupassen, werden in den Bildern inszeniert: Angst, Ohnmacht, Verzweiflung, Spiel, Schönheit, Verführung, Ablehnung, Verschlossenheit und Transformation. Sie bilden die brüchigen Überlebensstrategien im Umgang mit der Gegenwart. Zugleich sind unsere Reaktionen, ohne dass wir uns dessen bewusst wären, oft nur antrainierte, von Außen vorgegebene Verhaltensmuster, welche wir in immer extremerer und intimerer Form von den visuellen Medien vorgelebt bekommen. Wir legen so ein Stück weit die Eigen-Verantwortung ab und werden zu Fremden, zum Eigentum von Ideen, zu einem Element des kollektiven Wahnsinns als Produkte fremder Fantasien und Begierden, und glauben es seien unsere eigenen... 

Diese Anpassungsstrategien und Rollenbilder sollen in der Serie "Julia" hinterfragt und vorgeführt werden. Zugleich ist der Titel "Julia" ein Name der schon mit sehr viel Symbolcharakter, und Assoziationen beladen ist, und die Idee der Weiblichkeit, der romantischen Liebe, der Hingabe und des Todes verkörpert. So kann auch der performative Prozess in der Fotoserie als eine Art Verpuppung, Häutung, Tarnung, Erschaffung oder Selbstvernichtung gedeutet werden.

Zu den Fotoarbeiten von BiANCA PATRiCiA

Text von Tinatin Ghughunishvili-Brück, Kunsthistorikerin M.A.

 

Als eines der wichtigsten Medien der zeitgenössischen Kunst ist die Fotografie in erster Linie die Kunst des Sehens. Ihre kreative Leistung ist die Selektion, gar eine subjektive Wertung der denkbaren, gegebenen oder zu inszenierenden Motive. Alle formalen und inhaltlichen Resultate einer Fotoarbeit sind die Ergebnisse mehrerer Entscheidungen, die der Künstler vor der Aufnahme eines Bildes trifft. Gewiss ist bereits die Wahl des Mediums eine Entscheidung, die zu Realisierung bestimmter Vorstellungen oder Konzepte getroffen wird. Im Falle von BiANCA PATRiCiA kann man von Multimedialität sprechen. Die Künstlerin bedient sich vieler Disziplinen der Bildenden Kunst wie Fotografie, Malerei und Installation gleichermaßen gekonnt. Nichts desto trotz liegt der Schwerpunkt ihrer künstlerischen Annäherung an die Welt in ihrem Blick durch ein Kameraobjektiv. 

 

Ihre Berufung, ihre künstlerische Reife und ihr unerschöpflicher Wissensdrang gaben BiANCA PATRiCiA die Möglichkeit bei den bedeutenden Künstlern wie dem Fotografen Gerhard Vormwald an der Hochschule in Düsseldorf, Jürgen Klauke an der Kunsthochschule für Medien in Köln, bei Yoshiaki Watanabe an der Tokyo National University of Fine Arts and Music und aktuell bei Karin Kneffel an der Akademie der Bildenden Künste München zu studieren. Über diesen überaus spannenden Weg definierte BiANCA PATRiCiA ihre heutige Bildsprache. 

BiANCA PATRiCiAS Fotoarbeiten sind vor allem die Ausführungen ihres eigenen Begriffs vom Bild. Dahinter stehen eine konzeptionelle Grundhaltung und eine makellos durchdachte Inszenierung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Themen. Auf das kompositorische Gleichgewicht, die Konsequenz der Farbtöne und die Oberflächenstruktur wird stets genauestens geachtet. Die Substanz - als Folge einer Filtration der Bildelemente - wird von der Künstlerin in eine markante Mixtur aus Farbe und Licht getaucht. 

 

In vielerlei Hinsicht steht die Bildsprache von BiANCA PATRiCiA in der Tradition der „Subjektiven Fotografie“, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt fand. Formale Anlehnungen finden sich unter anderem an die Düsseldorfer Fotoklasse von Bernd und Hilla Becher. Man denke an die sterile Erhabenheit und Melancholie in den Arbeiten von Candida Höfer oder an die „sublime Strukturen“ in den Stillleben eines Boris Becker. Auch der Mittel der (selbst)inszenierten Fotografie und ihrer Wegbereiter, wie Cindy Sherman, Boyd Webb, Teun Hocks und zu guter Letzt Jürgen Klauke bedient sich BiANCA PATRiCiA eigenständig und selbstbewusst, wobei es ihr weniger um Selbstinszenierung als Aussage, sondern vielmehr um eine Reflexion- zwischen Formwandel und Formrezeption, zwischen Selbsterfahrung und Selbstwahrnehmung und in gewisser Weise auch zwischen Emotionalität und Wirkungskraft- geht. 

Mittels einer spezifischen Erzählstruktur der „photographie mise-en-scène“, einer sachliche Distanz zum Bildgegenstand und einer ordentlichen Prise Provokation werden die sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Konstrukte thematisiert, die die Künstlerin faszinieren oder befremden. Einen Beweis für den bedachten Umgang mit diffizilen Themen, den Mut zur ironischen Aufbereitung gewisser Tabuthemen und ständiger Auseinandersetzung mit ihrer künstlerischen Identität liefert Bianca Patricia beispielsweise in den Serien „Nur Ich“- eine Serie zum Thema Suizid, in dem die Künstlerin ein nüchternes Fotoprotokoll des Entschwindens der unbezweifelbarer Existenzen im „Status ihrer Vergangen-Seins“ zeigt und somit die Brutalität der Vergänglichkeit figuriert, oder „Natura Morte – Sehnsucht“, in der BiANCA PATRiCiA die Erzeugnisse der Sexspielzeugindustrie in Stillleben transformiert, die eine nahezu sakrale Unnahbarkeit und Neutralität  der  rituellen Gegenstände ausstrahlen. Themen wie normierte Identität, Sexualität, Rollenbilder der Geschlechter, Selbstzerstörung, Tradition und Spiritualität werden von BiANCA PATRiCiA in aufwendigen Arbeitsprozessen zu Serien aufgebaut. Der Werkrhythmus, das Wiederholungsschema, die Austauschbarkeit der Bildgegenstände und ihre kühle Eindringlichkeit reizen den Diskurs mit der Rezeptionshaltung des Betrachters aus. 

Das wesentliche Merkmal und das wichtigste künstlerische Potential von BiANCA PATRiCiA stellt jedoch ihre Fähigkeit der wirksamen Verbindung des Leitgedanken als Konzept mit der Bildästhetik dar, welche die Synthese des Gedankenbildes mit dem Schaubild zulässt und jeder dieser Komponenten ihre genaue Definition und Funktion zugesteht. 

 

(Quellen: Ohlsen Nils, Zwischen Schönheit und Sachlichkeit. Kunsthalle in Emden 26. Januar - 14. April 2002. Hrsg. von Achim Sommer, S. 11. 

Hölscher, Stefan: Die Unerzählbarkeit des Todes in Gerhard Richters Gemäldezyklus 18. Oktober, in: Bildmagie und Brunnensturz: visuelle Kommunikation von der klassischen Antike bis zur aktuellen medialen Kriegsberichterstattung / Elisabeth Walde (Hg.).Innsbruck [u.a.]: Studienverlag, 2009, S.96)

BiANCA•PATRiCiA

mobil:01777555771

tel:089-17876375

www.bianca-patricia.de

art@remove-this.bianca-patricia.de

 

 

Galeriekontakt:

Galerie Stephan Stumpf

Schweigerstrasse 8
81541 München

Donnerstag - Samstag
14.30 - 19.30 Uhr

 


fon+49 (0) 89 21 96 90 88
fax+49 (0) 89 21 96 90 87
mobil+49 (0) 171 420 75 39


info@remove-this.galerie-stephanstumpf.com