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Alfred de Musset´s opulentes Meister-werk: "Lorenzaccio" am Burgtheater Wien am 28.12.2009 sowie 2. und 12.1.2010
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In Florenz herrscht Chaos: ohne Rausch und Orgien vergeht hier weder Tag noch Nacht, vor allem im Karneval. Niemand verkörpert diesen Lebensstil skrupelloser als der regierende Herzog Alessandro de Medici selbst – Seite an Seite mit seinem Cousin Lorenzo, der, soeben aus Rom verbannt, zu seiner Familie nach Florenz zurückgekehrt ist.

In ihrer Liebe zum Wein und zu den Mädchen, zum Luxus und zum lasterhaften Leben bilden die beiden ein unzertrennliches Duo. Lorenzo wird so zum engsten Vertrauten des Herzogs. Doch all die Intriganten, die im Dunstkreis des Herzogs um politischen Einfluss ringen, warnen vor Lorenzaccio, dem „Wüstling“. Zu unnahbar bleibt dieser dandyhafte Zyniker, den sein virtuoses Verstellungsspiel sonderbar gefährlich macht. Dazu kommt, dass Lorenzo mit dem Republikaner Filippo Strozzi, dem alten Gegenspieler Alessandros, in regem Austausch steht. Strozzi hat genug vom moralischen Verfall seiner Heimatstadt. Er beschließt zu handeln. Auch der desillusionierte Lorenzo versucht mit einer einzigen Tat zu sich selbst zurückzufinden. Er plant für den geliebten Herzog ein letztes Rendezvous: Doch im Schlafgemach wartet kein Mädchen, sondern der Tod...

Von der Juli-Revolution in Frankreich bitter enttäuscht, hat Alfred de Musset 1832 mit nur 24 Jahren sein bedeutendstes Stück "Lorenzaccio" verfasst. Ein opulentes Werk, in welchem Musset einschlägige persönliche Erfahrungen raffiniert mit der Historie verknüpft.

 

Am Burgtheater Wien www.burgtheater.at

Termine:

28.12.2009, sowie 2. und 12.1.2010 jeweils um 19 Uhr

 

Foto copyrights: Reinhard Werner

Besetzung:

Regie: Stefan Bachmann

Ausstattung: Johannes Schütz

Musik: Felix Huber

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Barbara Sommer

 

Mit:

mit
Silvia Fenz
Mavie Hörbiger
Melanie Kretschmann
Sebastian Blomberg
Gerrit Jansen
Daniel Jesch
Michael Maertens
Nicholas Ofczarek
Jörg Ratjen
Martin Schwab

Pressestimmen:

Aus Dandys wieder Politiker zu machen, das ist kein leichtes Ding: Es ist vielleicht die provokanteste Aussage dieser leicht daherrollenden, superfein nuancierten Inszenierung, dass einer, Lorenzo alias Lorenzaccio (Maertens), demutsvoll auf dem erdigen Boden kniet, bedächtig Rotwein in sich hineintrinkt und erklärt: Er fühle sich berufen!
Inmitten von Männern, die in gelben Strumpfhosen als Stehlampen dienen (auch als Luisa großartig: Gerrit Jansen) oder in Rot als Kardinäle (Sebastian Blomberg), spürt einer den Auftrag zur historischen Tat in sich. Für diese Anmaßung findet Bachmann auf der von Johannes Schütz golden ummantelten Portalbühne verrückteste, grausame und zugleich lächerliche Ausschmückungen.
Diese entfesselte Welt steckt voller hohler Rituale (selbst die Beichte wird pro forma beim Whiskey im Wohnzimmer abgenommen), nichts zählt mehr etwas. Übrig bleibt die Maskerade haltloser Menschen (u. a. mit Melanie Kretschmann und Mavie Hörbiger), in der regelmäßig der Totenschädel mitmarschiert. Das alles zeigt Bachmann auf frappierend schöne Weise zwischen Drama und Karikatur.
Die dämonisch-depressive Musik von Felix Huber (sie erinnert an die Orgienszenen in Kubricks Eyes Wide Shut) gibt diesem Edel-Untergang zudem eine verstörende Tiefe - und Thrill. Einfach schön. (Der Standard)

Das Drama, das hier gegeben wurde, war wirklich ein Klassiker, "Lorenzaccio" von Alfred de Musset, das 1834 geschriebene Paradestück der französischen Romantik. Es spielt im Stadtstaat Florenz in der italienischen Renaissance, doch Regisseur Stefan Bachmann lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er unsere Gegenwart im Visier hat. Sie skizziert er als ein durch und durch amoralisches Zeitalter, das weniger durch idealistische Ideale als durch die Zuckungen in der Hose geformt wird. Gegen den Reiz der schlechten Sitten kommt keine aufrechte Haltung an. Mit Michael Maertens in der Titelrolle eines modernen Brutus hat diese Haltung ihre perfekte Verkörperung gefunden.
Er ist einer der wendigsten, modernsten Schauspieler auf unseren Bühnen. Hat der Begriff Camp je Sinn gemacht, dann für diesen Schauspieler, der die Grenze zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie zu einer faszinierenden Schlingerpartie macht. Er spielt das Spiel der allgemeinen Verstellung am Hofe des feisten Herzog Allesandro (Nicholas Ofczarek) so lange, bis er zum perfekten Abbild dessen geworden ist, was er verabscheut. Reißt er irgendwann seine Maske herunter, dann kommt darunter nicht der Altruist zum Vorschein, sondern der von den Verführungen der Macht korrumpierte Mitläufer. (Frankfurter Rundschau)

Da haben sich zwei gefunden, nicht nur formal. Auch atmosphärisch ergänzen sich Musset und Bachmann. Wo der Autor den hohen – und oft hohlen – Tragödienton mit schwerem Pathos unterlegt, repliziert der Regisseur mit szenischer Ironie, ohne freilich in Blödeleien zu fallen. Mussets «Lorenzaccio» ist eine ziemliche Schwarte; Bachmanns handwerklich perfekte Umsetzung konzentriert sich auf die knappe Zeichnung der Handlungsstränge. Bedeutungshuberei erspart uns dieses Erzähltheater. Ein zehnköpfiges Ensemble in laufend wechselnden Kostümen genügt für die zahllosen Rollen des florentinischen Mikrokosmos: neben den Protagonisten die Mädchen und Frauen, die der Herzog konsumiert (Melanie Kretschmann als subversive Gräfin; Mavie Hörbiger als Lorenzos tugendhafte Schwester); Lorenzos verhärmte Mutter (Silvia Fenz in grosser Form), ein schmieriger Kardinal (Sebastian Blomberg), die republikanisch gesinnte Strozzi-Familie (mit dem etwas gar grossväterlichen Martin Schwab als Oberhaupt), Minister, Gesandte, Handwerker, Händler, Adlige, Kinder, ein Fechtmeister, ein Maler, eine Gruppe Verbannter. Letztere summen leise das Partisanenlied «Lassù sulle montagne» – und damit kommt Stefan Bachmann wieder bei seinen Grenzen an. Ja, auch in dieser Inszenierung gibt es unter der Fülle intelligenter Synthetisierungen und gewitzter Verknappungen (anmutige Pferdchen in Strumpfhosen, BH und Maske traben um den animalischen Lüstling Alessandro herum) etliche allzu hübsche Nettigkeiten.[…]
Michael Maertens' abgetakelter Lorenzo spielt mit verdeckten Karten. Wer er wirklich ist, verrät er nicht einmal nach einer hastig heruntergespülten Flasche Rotwein. Jedenfalls entspricht sein quecksilbriges Wesen den Bedürfnissen des Herzogs, der ihn mehr benützt als braucht. Alessandro reisst die Stadt als Regent in den moralischen Abgrund; Nicholas Ofczarek aber konterkariert diese Dynamik schauspielerisch als absoluter Herrscher über das Bühnengeschehen. Ein Kind mit Babyspeck, das menschliches Spielzeug verbraucht; ein narzisstischer Egomane, der noch mit Blumenröckchen um den Wanst die Lächerlichkeit seines Aufzugs zerstampft; ein pragmatischer Womanizer, dessen Herz, falls er eines besitzt, im Geschlechtsteil steckt – Weichling und Wüstling in einem, so torkelt Ofczareks Alessandro de'Medici, vom dummen Volk applaudiert, seinem Tod entgegen. Er allein sprengt den vergoldeten Rahmen von Stück und Inszenierung – mit der unauslotbaren Gefährlichkeit grandioser Dekadenz. (Neue Zürcher Zeitung)

[Bachmanns] „Lorenzaccio“ ist ein leichter, souveräner Theaterabend, süffig und ironisch zugleich. Auf der von Johnnes Schütz luxuriös-karg ausgestatteten Bühne (Goldene Wand, erdiger Boden) herrscht permanent dekandente Partystimmung; dauernd traben Menschen mit Pferdemasken durchs Bild, ganz selbstverständlich spielen Frauen Männer und umgekehrt. Die Aufführung fühlt sich an, als hätte Shakespeare ein Königsdrama namens „Ein Käfig voller Narren“ geschrieben.
In der Titelrolle liefert Michael Maertens eine sensationell unausgeschlafene Performance; als rebel without a cause ist dieser Schauspieler in seinem Element. Stark auch Nicholas Ofczarek, der als Fürst noch mehr Mut zur Hässlichkeit beweist, als man das von ihm ohnedies gewohnt ist.
Ofczarek mag es nicht, dass immer über seinen Bauch geschrieben wird. Sorry , aber diesmal muss es sein: Sein Bauch ist der heimliche Star dieses sonst so schlanken Abends. (Falter)

Michael Maertens kann fechten wie der Teufel. Das ist nur eine Überraschung des Abends ... […] Ein tapferes Drama, ganz Plädoyer für Zivilcourage. Nur, dass es halt ein bissl staubt, wenn man ihm anerkennend den Rücken klopftEin Glück. Regisseur Stefan Bachmann hat der zweiköpfigen Hydra Pathos und Patina mit Bravour die Schädel abgeschlagen.
Er entblößt (mit viel nackter Männlichkeit übrigens) die Ironie dieser Geschichte. Und besitzt genug Ernsthaftigkeit, um das alles nicht allzu ernst zu nehmen. Da gibt's Zitate auf Mafiafilme und Italo-Western. Szenen in Peckinpah'scher Zeitlupe. […]Lustig ist's.
Bis sich Alessandro und Lorenzaccio in homoerotischer, tödlicher Umarmung wiederfinden und Lachen wie ein Messer in der Kehle steckt.
Michael Maertens spielt Lorenzaccio. Einen Zerrissenen. Liebling, Hofnarr des Herzogs und Intrigant gegen ihn. Dafür packt der Ausnahmeschauspieler sein reiches Repertoire an Tönen und Zwischentönen aus. Er mimt den Trottel und hat den Herrscher doch längst eingewickelt. Eine Schlange und ihr Opfer. Mit kleinsten Gesten deutet Maertens an, was kommen wird. Ein Erlebnis. Das Erlebnis der Aufführung ist Nicholas Ofczarek als Alessandro. Wie er in Glitzerstrumpfhose und High Heels über die Bühne tänzelt. Wie er gleich einem Baby greint, wenn's nicht nach seinem Kopf geht. Wie er in jeder Minute brandgefährlich ist. Ein Caligula mit schwarz lackierten Fingernägeln. Ein Irrer, der Hälse erst küsst, dann umdreht.
Maertens und Ofczarek sind das Hirn mit Ei dieser Inszenierung. Daneben brillieren Martin Schwab als Filippo Strozzi, Sebastian Blomberg als Kardinal Cibo, Jörg Ratjen, Daniel Jesch, Silvia Fenz, Melanie Kretschmann, Mavie Hörbiger und Nestroypreisträger 2009 Gerrit Jansen. (Kurier)

Die beiden Protagonisten sind aber ein Erlebnis für sich: Nicholas Ofczarek als infantiler Popanz mit tödlicher Ausstrahlung. Und Michael Maertens, dessen vielschichtiger Lorenzo gleich eine Handvoll Schauspielpreise verdienen würde. Auch Sebastian Blomberg und Melanie Kretschmann stechen hervor. Das zehnköpfige Ensemble leistet Schwerarbeit: Rund 50 größere und kleinere Rollen muss es bewältigen, über Geschlechtergrenzen hin-und herwechseln, in Zeitzonen variieren. […]Bachmanns Inszenierung ist über weite Teile amüsant, sarkastisch, bizarr, spektakulär, es fließt reichlich Blut. Über Musik und Geräusche verlinkt er sich mit Kubricks "Clockwork Orange", Tarantinos "Kill Bill", Italowestern, mit Partisanenromantik etc. Sehr gelungen ist das schlichte Bühnenbild, das mit einem golden schimmernden Kubus, einer langen Couch und ein paar Tischen auskommt. (Kleine Zeitung)
Was Stefan Bachmann da also auf die Burgtheater-Bühne hebt, ist als politischer Theaterstoff in praktisch jeder Hinsicht ziemlich weit weg. Und man könnte meinen, es bedürfe beträchtlicher Mühe, das Stück nun in die Nähe eines nachbarschaftlichen Kommentars etwa zu den europäischen Umwälzungen vor zwanzig Jahren zu rücken. Doch wird die neue Wiener Fassung des selten gespielten "Lorenzaccio" erstaunlicherweise zum sehr starken Stück.
Das hat vor allem handwerkliche Gründe. Zum einen hat Bachmann die Modernität im szenischen Gefüge des Dramas (das laut Programmheft auch den glut- und blutvollen amerikanischen Kino-Haudegen Sam Peckinpah beinahe für eine Verfilmung begeistert hätte) auf äußerst trickreiche Weise genutzt. Das Stück strotzt nur so von intelligenten Übergängen von Szene zu Szene. […]Über den wie so oft meisterhaft fahrigen, ironie- wie verzweiflungssatten Michael Maertens in der Titelpartie und über Nicolas Ofczarek, dem es als Fürst Alessandro tatsächlich gelingt, einen Menschen ohne Maß zu erfinden: ein wildes, wüstes, gerne nackt im Dreck sich wälzendes Kind im Kettenhemd, unberechenbar in fast jeder Sekunde, wuchtig und winselnd vor Lust und Gier, debil und delirant in seinen Süchten, unbeirrbar in der todbringenden Energie seines Wesens. Nackt und blutüberströmt lässt der Attentäter dieses Monstrum auf dem Sofa zurück, wie nach einem Kinderspiel, das nur ein bisschen zu weit gegangen ist. […]Bachmanns Inszenierung kann zirkushafte Comedy ebenso beschwören wie musikalische Italianità oder den romantisierenden Eros einer Revolte, die zwar weiß, dass sie wichtig und nötig ist, aber eben nicht, wohin sie streben soll. (Nachtkritik.de)
Silvia Fenz hat als Mutter, Totengräber, Gast et cetera eine unerschütterliche Würde. Gerrit Jansen brilliert mit der nötigen Übertreibung sowohl in Frauenkleidern als auch als Lampenschirmständer und als neuer, goldiger Herzog. Eine Entdeckung. (Die Presse)