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Kaisers-werther Kunst-preis 2005: "Home Sweet Home" von Johanna Rzepka
"God sees no color" 2005 von Johanna Rzepka
Goethe-Festival 2004 "255 Jahre Goethe"

Marina Sailer 2009: Riskante Freiheit
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Manchmal ärgert sich Marina Sailer, dass Freunde, oft selber Künstlerinnen oder Künstler, angesichts ihrer Bilder sagen: „wie kannst du nur ...“; „das geht gar nicht ...“; „das darfst du nicht/darf man nicht malen...“; „so darfst du nicht/darf man nicht malen...“; „Pferde sind kitschig...“ und so weiter.

Nur gut, dass sie sich letztlich nicht davon abbringen lässt zu malen, was darauf dringt gemalt zu werden. „Die einzig wahre Malerei“, sagt Marina Sailer mit Emphase, „ist für mich das, was ich heute, jetzt male, weil ich es heute, jetzt malen muss.“ Sie besteht darauf, dass es diesbezüglich keine Grenzen gibt, die man nicht überschreiten, keine Tabus, die man nicht brechen darf.

Kunsthistorisch ist – eigentlich sollte sich das herumgesprochen haben – jede normative Erwartung an Kunst mindestens seit etwa hundert Jahren erledigt. Wer sich – oder andere! – als Künstler heutzutage noch Normen unterwirft oder Tabus ausspricht, tut dies nicht selten aus einer Haltung des Marktkonformismus heraus. So bricht man in manchen Milieus die Zelte, die man vor ein paar Jahren in Leipzig aufgeschlagen hat, heute wieder ab und verlegt sie nach Berlin; malte man vorvorgestern noch ein wenig wie LucTuymans, so schwenkte man vorgestern auf einen Schuss Daniel Richter und gestern auf ein paar Tropfen Peter Doig um.

Peter Sloterdijk – kein zeitgenössischer Philosoph vermag meiner Meinung nach so kompetent über die Befindlichkeiten heutiger Künstler und die Problemlage der aktuellen Kunst zu schreiben  wie er – bringt es unter Berufung auf Nietzsches „Zarathustra“ auf den Punkt: „Moderne, das bedeutet: Die Evangelien ändern sich. Die schlechten und die guten Nachrichten sind nicht mehr fest an ihren Plätzen. Das Dekorum schwankt, bis es dahin kommt, dass dasGehörige und das Ungehörige die Plätze tauschen. Was nun noch Vorbild sein kann, muss ermittelt werden, fortwährend von neuem.“ Und er fordert die Künstler auf: „Setze Dich selbst, bringe dein Thema zum Zuge! Weil Kraft zur Setzung alles ist, vergiss nicht, dein Zeichen aufzustellen! Nimm teil an dem Experiment, das zeigen wird, was geht und hält (...) Es gibt nur einen Fehler, den, latent zu bleiben. Klugheit bedeutet für die Zukunft: Der Versuchung durch Spurlosigkeit zu widerstehen.“ (P. S., Ich sage euch: Man muss noch Chaos in sich haben, in: Der ästhetische Imperativ, Hamburg 2007, S. 400)

Es kann gar nicht ausbleiben, dass solche Selbstsetzungen und Manifestationen sehr persönlich sind. Marina Sailer spricht davon, dass sie sich mit ihrer Malerei entblöße, sich sozusagen nackt vor uns hinstelle. Wie anders soll man aber auch Sloterdijks Postulat „bringe dein Thema zum Zuge!“ auffassen?

So sind es Erinnerungen Marina Sailers an kleine und große selbsterfahrene visuelle Überraschungen des Alltags, Erinnerungen an die eigene Kindheit, an Geliebte, Freundinnen und Freunde, an Lieder, Bücher, und vor allem an Bilder: Fotos, Filme, Kunstwerke, die die Szenerieen und das Personal ihrer Malerei generieren.

In „Rainbowmakers“ erinnert Marina Sailer sich an Püppchen, die sie auf einem Weihnachtsmarkt entdeckt hat. „Lichtung“ zeigt auf dem Waldboden Spiegelungen von Laternen, die sie bei einem Abendspaziergang – allerdings im Wasser des Rheins und nicht am Waldboden – gesehen hat. In „Miss Van and friends“ zitiert sie in Barcelona gesehene Street Art. Außerdem taucht sie hier als dreifaches Selbstbildnis in Gestalt von Hexen auf, die einem Fantasyfilm entschlüpft sind. Abgesehen davon zitiert Marina Sailer in „Miss Van and friends“ ein eigenes älteres Gemälde. Als „Undine“ schwimmt Marina Sailer im gleichnamigen Bild unter dem Wasserspiegel eines phantastischen, mit buntenSchlingpflanzen durchwucherten Sees. „Besame mucho“ erinnert sowohl an ein Lieblingslied ihrer Mutter alsauch an Hollywoodfilme der vieziger und fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

All diese Ingredienzien werden im Modus einer höchst phantasievollen Kombinatorik und in der Manier einer Max-Ernst`schen heterogenen Homogenität zusammengeführt. Ganz überwiegend entstammen – bei aller Subjektivität der persönlichen Reminiszenzen – die Motive dem kollektiven Gedächtnis des globalen Bilderkonsums.

Allein in diesem Befund liegt schon ein Stück Zeitgenossenschaft der Malerei Marina Sailers begründet. Ihre Bilder belegen, so gesehen, die Stimmigkeit des Konzepts „Pictorial Turn“: Das Bild ist heute längst kulturelles Leitmedium unsere Zeit. Erzähltes – Gehörtes – Gesprochenes – Musiziertes bleiben gegenüber dem Sperrfeuer des Visuellen auch in Marina Sailers Malerei im Hintergrund.

Dass die vielzitierte Bilderflut einen technisch-digital geprägte Phänomenalität aufweist, spiegelt sich sozusagen „seitenverkehrt“ in  der auffällig lustvollen, kulinarischen, eben „analogen“ Handwerklichkeit der Malerei Marina Sailers.

Auch ausgehend von dieser Beobachtung lohnt die Fortsetzung unserer oben begonnenen Peter-Sloterdijk-Lektüre. In seinem Text „Taugenichts kehrt heim“ (a.a.O.) diagnostiziert er die Ausgangslage der Künstler heute dahingehend, dass jeder in die riskante Freiheit entlassen sei, selbst zu sagen, was die Uhr für ihn geschlagen habe. Es gebe z.B. die respektable Haltung für Künstler, „sehr wach an ihrem Ort zu bleiben und im Modus eines (...) ‚zögernden Geöffnetseins‘ abzuwarten, was auf sie zukommt.“ (ebd. S. 460). – Das ist sichtlich und ganz bestimmt nicht Marina Sailers Weg. Sie ist alles andere als zögerlich, sie kann nicht warten; die Bilder drängen sie fortwährend, unbedingt gemalt zu werden, und zwar gleich, noch heute nacht. Auch an diesen Typus Künstler hat Peter Sloterdijk gedacht; auch all die Marina Sailers sind in seiner Prognostik im Hinblick auf die Zukunft der Kunst vorausgesehen und (so verstehe ich ihn) letgitimiert: Er erwartet auch eine „Kunst der Ungeduld und des sofortigen Genusses“ (ebd. S. 462).

Er erwartet jedoch – man hört sehr deutlich heraus, wie er dazu steht – „natürlich auch eine Kunst, die uns wieder so faustdicke Schönheiten auftischen wird, dass dem kritischen Ego nur noch die Flucht in den Zynismus bleibt“ (ebd.).

Dr. Ulrich Heimann, Kunstakademie Düsseldorf