11.06.2015 08:00 Oscar Wilde

Theater in Göttingen: Ein idealer Gatte - ein Politiker mit unangreifbarem Ruf

Ein idealer Gatte goettingen

Sir Robert Chiltern fürchtet den Verlust von Macht, Ansehen und vor allem den der Liebe seiner moralverliebten Gattin; (c) Thomas Aurin

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Von: GFDK - Deutsches Theater Göttingen

Als die eigene Vergangenheit ihn einholt, befindet sich Sir Robert Chiltern auf der Überholspur der Karriereautobahn. Ein Politiker mit unangreifbarem Ruf, einflussreich, reich und glücklich verheiratet. Das Schicksal begegnet ihm in Gestalt von Lady Cheveley, die plötzlich auf einer der glanzvollen Soireen in seinem Haus auftaucht und ihn wissen lässt, dass sie das kleine schmutzige Geheimnis kennt, auf dem sein Erfolg gegründet ist.

Theater in Göttingen

Dem erfolgreichen Autor Oscar Wilde begegnet das Schicksal in Form einer Karte, die ihm der Portier seines Clubs überreicht und auf der ihn der Marquis von Queensberry, der Vater seines Liebhabers Lord Alfred Douglas, wegen seiner Homosexualität difamiert. Wilde, dessen Homosexualität in der Londoner Gesellschaft kein Geheimnis war, wehrt sich mit einer Klage gegen den Absender.

Sir Robert Chiltern fürchtet den Verlust von Macht, Ansehen und vor allem den der Liebe seiner moralverliebten Gattin, als ihn Lady Cheveley bedeutet, dass sie gedenkt, von ihrem Wissen Gebrauch zu machen und einen Skandal zu provozieren. Als Gegenleistung für ihr Schweigen verlangt sie, dass Chiltern seinen politischen Einfluss nutzt, um gegen sein Gewissen ein Projekt zu lancieren, von dem sie sich reichlich Profit verspricht.

Der Erfolgsmensch fühlt plötzlich, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Oscar Wilde schlägt Warnungen in den Wind, dass der angestrengte Prozess sich gegen ihn wenden könnte und tritt zunächst mit der Selbstsicherheit des erfolgreichen Autors auf. Schnell gelingt es Queensberrys Verteidiger, Wildes Position zu erschüttern und Zug um Zug wird der Autor des »Idealen Gatten« in die Defensive getrieben. Am Ende wird der Marquis freigesprochen und Wilde wegen seiner Kontakte zu jungen homosexuellen Prostituierten angeklagt.

Der Titelfigur seiner Komödie hat der Autor ein Happy End geschrieben. Mit Hilfe seines Freundes Lord Goring gelingt es, Lady Cheveleys Plan zu durchkreuzen. Chiltern und seine hypermoralische Gattin können ihr Leben unangefochten weiterführen und Lord Goring, der Prototyp eines Wildeschen Dandys, macht Miss Mabel Chiltern, Robert Chilterns Schwester, einen Heiratsantrag.

Freunde der Kunst

Für Oscar Wilde gab es kein Happy End. Er wurde zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt und war nach der Haft gesundheitlich stark angeschlagen. Er starb zwei Jahre später verarmt in Paris.
Vielleicht ist es dieses allzu märchenhafte Finale, dass anregt, diese perfekt gebaute Komödie nach Abgründen hinter der glanzvollen Oberfläche zu befragen. Der große Skeptiker Wilde dürfte soviel Glück eigentlich nicht getraut haben, näher liegt die Vermutung, dass da einer, der schon ahnt, dass die Fassade, die er aufgebaut hat, nicht mehr taugt fürs Leben und die Kunst, noch einmal träumt, bevor es ernst wird.

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