27.04.2015 08:00 von Mark Ravenhill

Theater in Essen: Wir sind die Guten - warum werden wir zur Zielscheibe

theater essen

Wir sind weltoffen und tolerant, und der Islam gehört zu Deutschland; Fotograf: Martin Kaufhold

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Von: GFDK - Schauspiel Essen

”Wir sind die Guten! Warum attackiert ihr uns? Wir verstehen es nicht. Wir sind weltoffen und tolerant, und der Islam gehört zu Deutschland.

Theater in Essen

Warum werden wir zur Zielscheibe? Jahrelang haben wir hier in unserem bunten Viertel in guter Nachbarschaft gelebt. Und jetzt fühlen wir uns fremd im eigenen Land und haben Angst, vor die Tür zu treten! Das muss man doch mal sagen dürfen. Sicher wollen wir uns sicher fühlen, und dafür kämpfen wir – notfalls mit Waffengewalt. Wir alle bringen Opfer, nicht zuletzt für eure Freiheit. Ich hör immer Respekt: Aber Respekt ist keine Einbahnstraße. Demokratie fußt nun mal auf der Bereitschaft Kompromisse einzugehen. Und damit sprechen wir nur aus, was die schweigende Mehrheit denkt.”

Schockiert stehen Mittelstandsbürger nach einem verheerenden Attentat vor den Trümmern ihrer ‚Toleranz‘. Hilflos ringen sie um Fassung, suchen nach Lösungen, kämpfen gegen Rachegelüste und Hass und verstehen ihre heile Welt nicht mehr. Mark Ravenhill gehört seit dem durchschlagenden weltweiten Erfolg seines ersten abendfüllenden Stückes “Shoppen und Ficken” im Jahre 1996 zu den führenden zeitgenössischen Dramatikern Großbritanniens. “Shoot / Get Treasure / Repeat” schrieb er 2007 unter dem Eindruck der Bombenattentate auf die Londoner U-Bahn. Diffuse Terrorismusangst, verstärktes Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung, nahezu paranoide Angst vor Islam und allem Fremden, Hoffnung, durch kriegerische Einsätze Herr der bedrohlichen Weltlage zu werden … – dies sind nur einige der Themen, die Ravenhill in seiner Szenenfolge aufgreift.

Freunde der Kunst

Das Stück hat acht Jahre später nichts von seiner Aktualität verloren, im Gegenteil, es gewinnt jetzt, 2015, eine noch größere Brisanz: Pegida, das Attentat auf “Charlie Hebdo” und die heftig geführte Diskussion, die seitdem Deutschland und ganz Europa beherrscht, weisen auf eine tiefe Spaltung unserer Gesellschaft hin. Wo verläuft die Grenze zwischen Toleranz und wehrhafter Demokratie? Gelten unsere westlichen Werte universal? Für welche Werte müssen wir zur Not mit der Waffe in der Hand kämpfen? Darf Satire alles? Wo hört die Meinungsfreiheit auf, wo beginnt Provokation? Ist Respekt vor Religionen der Anfang oder das Ende der Aufklärung? Wovor haben wir wirklich Angst?

martin.siebold@remove-this.schauspiel-essen.de