09.06.2013 08:00 von Friedrich Schiller

Theater in Bonn: DIE RÄUBER - Franz Moor fühlt sich durch Schicksal und Natur benachteiligt

eine Parallele zu den Protestbewegungen unserer Tage

eine Parallele zu den Protestbewegungen unserer Tage; © Lilian Szokody

Von: GFDK - Theater Bonn

Franz Moor fühlt sich durch Schicksal und Natur benachteiligt. Die ganze Liebe und das Erbe des Vaters gehören seinem Bruder Karl, dem Erstgeborenen, dem alles zuzufallen scheint im Leben. Damit will Franz sich nicht abfinden. Er fingiert einen Brief, der seinen Bruder aufs übelste verleumdet. Karl wird von seinem Vater verflucht. Das ohnehin brüchige Weltbild Karls wird durch diesen Liebesentzug erschüttert. Aus Verzweiflung und Trotz beginnt er einen Rachefeldzug gegen alles Verkommene, Alte und Falsche. Er geht in den Untergrund und scharrt eine Terrorbande um sich. Karl kommen Zweifel an der Unternehmung.

Theater in Bonn

Seine Sehnsucht nach Heimat und Liebe treibt ihn zurück nach Hause. Dort hat sich Franz mittlerweile zum Despoten aufgeschwungen. Auf unterschiedliche Weise begehren die beiden Brüder Moor auf gegen eine Ordnung der Welt, die sie als ungerecht empfinden. Ausgangspunkt ihrer Rebellion ist ein Familiekonflikt. Der Vater verteilt seine Liebe willkürlich und ist eine unberechenbare, egomanische, schwächliche und zugleich despotische Gestalt. Beide Söhne leiden unter seelischen Verletzungen: fehlender Anerkennung und Liebesentzug. Schwankend zwischen den Zuständen von Grandiosität und Depression schaffen sie es nicht, sich von der Vaterinstanz wirklich zu lösen. Das Kaputte dieser Vaterordnung spiegelt die Dekadenz einer ganzen Gesellschaft.

Der Widerstand der Räuber gegen diese falschen Zustände jedoch wirkt richtungslos und inkonsequent. In diesem Haufen dubioser Typen, der sich als Kommando Robin Hood versucht, gibt es Gewaltexzesse, Momente der Euphorie genau wie Phasen der Antriebslosigkeit, Missstimmung und Verunsicherung, aber kein klares politisches Programm. Man hat den Eindruck, Widerstand sei für die Räuber zu einem gewissen Teil schlicht eine Pose, in der man sich gefällt.

Schauspiel in Bonn

Hier bietet sich eine Parallele zu den Protestbewegungen unserer Tage: Weil der Feind, gegen den man sich auflehnen will, im Diffusen eines übermächtigen Systems verschwimmt, weil die Muster von Rebellion bereits alle ausprobiert und gescheitert erscheinen, ist der Glaube, wirklich etwas verändern zu können, verloren gegangen. Wird in einer solchen Situation Widerstand zum Schattenboxen? Zum Rollenspiel, das in verschiedener Kostümierung die immer gleichen Schemata wiederholt, ohne etwas zu bewirken?

Schillers „Räuber“ sind eine Anatomie der Leidenschaften. In seinem genialen Erstlingswerk bringt der junge Autor seine Figuren in dramatische Versuchsanordnungen und beobachtet, was passiert, wenn Ideale auf die Gewalt von Emotionen stoßen. Und es zeigt sich, wie gute Ideen im Spannungsfeld extremer und kranker Gefühle in ihr Gegenteil umschlagen, pervertieren können.

Freunde der Kunst

 

Niklas Ritter, geboren 1972 in Berlin, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er arbeitete als freier Regisseur und langjähriger Videokünstler von Armin Petras u.a. am Hans Otto Theater Potsdam, Staatstheater Dresden, Thalia Theater Hamburg, am Deutschen Theater Berlin, am Schauspiel Frankfurt und am Maxim Gorki Theater Berlin. Seit der Spielzeit 2011/12 ist er Leitender Regisseur im Schauspiel am Anhaltischen Theater in Dessau. Nach Brechts LEBEN DES GALILEI ist DIE RÄUBER seine zweite Arbeit in Bonn.

Monika Madert
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Schauspiel
monika.madert@remove-this.bonn.de