20.05.2012 15:21 Sonntag, den 20.05.2012, 19.30 Uhr

Platonow - die tödliche Komödie der Egoisten, Frauen wie Männer.‘- Das Schauspielhaus Zürich zu Gast am Staatstheater Wiesbaden

Schauspielhaus Zürich mit Platonow am Staatstheater Wiesbaden - Fotos Lena Obst

Von: Lucia Zimmermann - 8 Bilder von Lena Obst

‚Platonow‘ (auch als ‚Stück ohne Titel‘ oder ‚Die Vaterlosen‘ bekannt) ist ein früher Geniestreich des 18-jährigen Tschechow. In diesem Stück sind bereits alle Themen seiner späteren Meisterwerke versammelt:

Eine orientierungslose Gesellschaft taumelt zwischen Sentimentalität und emotionaler Rohheit, überschuldete Güter stehen kurz vor der Versteigerung, versoffene Ärzte sind selbst ihre besten Patienten und jeder Liebesversuch fährt auf Grundeis, weil sich am Ende doch jeder selbst der Nächste ist.

‚Der ‚Platonow‘ ist die tödliche Komödie der Egoisten, Frauen wie Männer.‘ (Gerhard Stadelmaier)

Tschechow selbst nannte das Stück eine ‚Enzyklopädie des russischen Lebens‘. Er schrieb das Stück im Winter 1880 in Moskau und widmete es der Schauspielerin Marija Jermolowa, die zu dieser Zeit am Maly-Theater beschäftigt war. Er gab das Manuskript persönlich am Maly-Theater ab, wo es jedoch abgelehnt wurde.

Aus Enttäuschung vernichtete er daraufhin das Manuskript. Erst 1920 wurde die Erstfassung in Tschechows Nachlass entdeckt und veröffentlicht. Die Uraufführung fand 1928 am Reußischen Theater Gera statt.

Der Schauplatz ist ein heruntergekommenes Landhaus in der russischen Provinz. Hier lebt der verheiratete Dorfschullehrer Platonow, der einst ein begabter Student war, aber längst allen Ehrgeiz fahren ließ und nur noch in Ruhe gelassen werden möchte.

Er hat sich eingerichtet in einem Zynismus, der die Prinzipien- und Zukunftslosigkeit der Gesellschaft hellsichtig analysiert und sich darin dennoch ganz wohlfühlt. Ausgerechnet die Liebe wird zum Störfaktor in Platonows geistiger Matratzengruft:

Die Frauen projizieren ihre versammelten Erlösungs-Sehnsüchte auf ihn. Nicht nur die Gutsbesitzerin Anna Petrowna, sondern auch Sofja, die Frau ihres Stiefsohns, und eine seiner Kolleginnen verlieben sich in ihn. Mit seiner Unentschlossenheit bringt er Unglück über sie alle:

Seine betrogene Ehefrau Sascha begeht einen Selbstmordversuch; Platonow zieht sich zunehmend in sich selbst und in den Alkohol zurück. Am Ende wird er von Sofja, die erkennt, dass auch sie sich von ihm kein neues Leben erhoffen kann, erschossen.

Die Regisseurin Barbara Frey ist eine Meisterin der scheinbaren Beiläufigkeit. Mit feinem Skalpell durchtrennt sie die Oberfläche der Tschechowschen Figuren und legt Sehnsucht und Elend, Bösartigkeit und Komik frei. Ohne jeden angestrengten Modernismus werden die Figuren zu unseren Zeitgenossen. ‚Platonow‘ ist, nach ‚Onkel Wanja‘ in München und ‚Der Kirschgarten‘ am Deutschen Theater Berlin ihre dritte Tschechow-Inszenierung.

Die Aufführung war 2011 für den Nestroy-Theaterpreis als beste deutschsprachige Aufführung nominiert. Bettina Meyer, die mit Barbara Frey schon auf eine lange, intensive Zusammenarbeit zurück blickt, hat als Schauplatz für die gelangweilte, selbstbezogene Gesellschaft eine Art halbrundes Pantheon gebaut.

In der Mitte der Decke gähnt ein Loch, das jedoch Entrinnbarkeit nur vorgaukelt. Ein unsichtbarer Fernseher verstreut geheimnisvolles Licht – eine scheinbare Verheißung für alle, die nervös an der Fernbedienung herumfingern. Geht es in den Garten des Guts Woinizewa, zaubert eine Discokugel Traumsterne in das Interieur. Dann senkt sich in Originalspurweite ein Schienenstrang hinein. Er führt ins dunkle Nirgendwo.

Nicht zuletzt das glänzend aufspielende Ensemble, allen voran die Schauspiel-Stars Michael Maertens als Platonow, Lambert Hamel und Friederike Wagner, machen diese Inszenierung zu einem Ereignis, das von der Presse einhellig gefeiert wurde.

Barbara Frey (Inszenierung), 1963 in Basel geboren, ist Regisseurin und seit 2009 Intendantin am Schauspielhaus Zürich. Sie studierte in Zürich Germanistik und Philosophie und kam 1988 als Musikerin und Regieassistentin ans Theater Basel unter der damaligen Leitung von Frank Baumbauer. Seit 1992 arbeitet Barbara Frey als Regisseurin.

1999 bis 2001 war sie Hausregisseurin an der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin, 2005 bis 2008 in gleicher Funktion am Deutschen Theater Berlin. Sie inszenierte am Burgtheater Wien und bei den Salzburger Festspielen. 2004 erhielt ihre Inszenierung von ‚Onkel Wanja‘ am Bayerischen Staatsschauspiel München eine Einladung zum Theatertreffen. Diese Inszenierung gastierte 2005 bei den Internationalen Maifestspielen.

Am Schauspielhaus Zürich inszenierte Barbara Frey u.a. Ibsens ‚John Gabriel Borkman‘, Schnitzlers ‚Reigen‘, Schillers ‚Maria Stuart‘, Shakespeares ‚Was ihr wollt‘ sowie die Uraufführung von Lukas Bärfuss’ ‚Malaga‘. Am Burgtheater Wien hatte im November 2011 ihre Inszenierung ‚Der ideale Mann‘ von Oscar Wilde/Elfriede Jelinek Premiere.

Bettina Meyer (Bühne und Kostüme), geboren 1968 in Hamburg, studierte Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule der Künste Berlin. Sie arbeitete zuerst freischaffend sowohl für Schauspiel- als auch für Opernproduktionen. U.a. war sie am Schauspielhaus Zürich, am Burgtheater Wien, an der Staatsoper Unter den Linden, der Schaubühne Berlin und am Deutschen Theater Berlin tätig. Seit 1996 verbindet sie eine feste Zusammenarbeit mit Barbara Frey.

Gemeinsame Projekte waren u.a. die Inszenierungen von Marivaux’ ‚Triumph der Liebe‘ und Euripides’ ‚Medea‘ am Deutschen Theater in Berlin, Heiner Müllers ‚Quartett‘ bei den Salzburger Festspielen, ‚Der Sturm‘ am Burgtheater Wien sowie Friedrich Schillers ‚Maria Stuart‘, ‚Malaga‘ von Lukas Bärfuss, Marieluise Fleißers ‚Fegefeuer in Ingolstadt‘ und Anton Tschechows ‚Platonow‘ am Schauspielhaus Zürich.

Außerdem arbeitet sie mit Stefan Bachmann, Christoph Marthaler, Ruedi Häusermann und Heike M. Goetze zusammen. Seit der Spielzeit 2009/10 ist Bettina Meyer Ausstattungsleiterin am Schauspielhaus Zürich.

Michael Maertens (Platonow) wurde 1963 in Hamburg geboren. Nach dem Besuch der Otto Falckenberg Schule in München ging er 1989 ans Hamburger Thalia Theater. In der ersten Spielzeit erhielt er den begehrten Boy-Gobert-Preis und wurde zum Nachwuchsschauspieler des Jahres gewählt.

Weitere Stationen waren das Schiller Theater und das Deutsche Theater in Berlin, die Münchner Kammerspiele, das Berliner Ensemble, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, das Berliner Maxim Gorki Theater, das Schauspielhaus Bochum und das Burgtheater Wien.

Er arbeitete u.a. mit den Regisseuren Peter Stein, Falk Richter, Harry Kupfer, Stefan Kimmig, Luc Bondy, Jürgen Flimm, Dieter Dorn, Claus Peymann, Matthias Hartmann, Thomas Langhoff, Benno Besson, Jürgen Gosch, Jürgen Flimm, Katharina Thalbach, Alexander Lang, Ruth Berghaus und Philip Tiedemann zusammen.

2001 wurde er zum Schauspieler des Jahres gekürt; 2002 erhielt er den Gertrud-Eysoldt-Ring. Seit der Spielzeit 2005/06 ist Michael Maertens festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich und war dort u.a. 2007 in ‚Der Gott des Gemetzels‘ (Regie: Jürgen Gosch) und 2009 in ‚Immanuel Kant‘ (Regie: Matthias Hartmann) zu sehen. In der Regie von Barbara Frey spielte er 2010 Malvolio in ‚Was ihr wollt‘ und 2011 die Titelrolle in ‚Platonow‘.

Einführung zu ‚Platonow‘, 19.00 Uhr, Foyer

von Anton Tschechow

Deutsch von Werner Buhss

Premiere: 1. April 2011

Sonntag, den 20.05.2012, 19.30 Uhr

Großes Haus

Aufführungsdauer: 2 Stunden 55 Minuten, eine Pause

Inszenierung Barbara Frey
Bühne Bettina Meyer
Kostüme Bettina Munzer
Licht Rainer Küng
Dramaturgie Thomas Jonigk
Mit:
Anna Petrowna Friederike Wagner
Sergej Pawlowitsch Woinizew Nicolas Rosat
Sofja Jegorowna Yvon Jansen
Porfiri Semjonowitsch Glagoljew Lambert Hamel
Kirill Porfirjewitsch Glagoljew Niklas Kohrt
Marja Jefimowna Grekowa Franziska Machens
Pawel Petrowitsch Stscherbuk Siggi Schwientek
Iwan Iwanowitsch Trilezki Gottfried Breitfuss
Nikolai Iwanowitsch Trilezki Markus Scheumann
Abram Abramowitsch Wengerowitsch Klaus Brömmelmeier
Michail Wassiljewitsch Platonow Michael Maertens
Alexandra Iwanowna-Sascha Ursula Doll
Ossip Jan Bluthardt
Katja Miriam Maertens

Die subtile Soiree ist ein Wahnsinnsabend.

Tages-Anzeiger

Trockener Witz, eine sportlich-lakonische Sprache, die viel Komödiantisches zulässt, ohne jemals albern zu wirken, scharfe Dialoge, und – im Mittelpunkt der kleinen Versammlung: eine grandiose Friederike Wagner als Witwe Anna Petrowna, die edel und pragmatisch ist, herausfordernd und hingebungsvoll, streng und großherzig, intelligent und integer – ein ganzes Panorama einer großen Persönlichkeit.

Deutschlandfunk

Barbara Freys Regie verfolgt Tschechows Menschen mit hellwacher – und den Zuschauersaal sofort ansteckender – Neugier. Was aus ihnen herauswächst oder -bricht, entwickelt sich im gesellschaftlichen Brutkasten langsam, spannungsvoll oder abrupt und wirkt jeweils so lange urkomisch, bis es ins Unheimliche rutscht.

Neue Zürcher Zeitung

Michael Maertens (Platonow), der Nervenüberspannungskomiker par excellence, zeigt vom ersten Auftritt an ganz leise und mit eleganter Unterdrückungslaune, dass er vor Ekel und Verzweiflung in dieser Wolfsgesellschaft eigentlich fast umkommt, aber aus seinem Ekel ein geradezu dandyhaftes Vergnügen macht.

Er ist der exzessive Theatraliker seiner depressiven Leiden, die er in vollen Abscheuzügen genießt. ‚Hau ab!‘ ist sein Generalbass. ‚Bleib, hör zu!‘ seine Oberstimme. Ein alter Bub, der sich zwischen Frau und Frau nie entscheiden kann, im Wirbel dazwischen sich wund- und müdtanzt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

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