25.06.2012 08:40 Abschluss der Theaterbiennale

Ein voller Erfolg in Wiesbaden - Europa war zu Gast am Rhein: Erfreuliche Bilanz der Theaterbiennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA 2012

Fotos, Pressefrühstück mit Preisverleihungen und Bilder zu SPIELPLATZ TARGOVISTE sowie Vater Mutter Geisterbahn zum Abschluss der Theaterbiennale in Wiesbaden (c) Martin Kaufhold/Lena Obst

Von: Lucia Zimmermann - 16 Bilder

Mit einem Pressefrühstück mit Preisverleihungen sowie Arbeitspräsentationen der Foren ging die 11. Edition der Theaterbiennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA in Wiesbaden und Mainz zu Ende. 7800 Zuschauer besuchten vom 14.-24. Juni 2012 die vor 20 Jahren gegründete Theaterbiennale als wichtigstes Schaufenster der zeitgenössischen europäischen Dramatik.

Mit drei Aufführungen aus Deutschland, Rumänien und Island geht die Theaterbiennale NEUE STÜCKE AUS EUROPA am heutigen Sonntag, 24. Juni 2012 zu Ende. Die 11. Edition der Theaterbiennale des international größten Festivals europäischer Dramatik zeigte 31 Produktionen aus 25 Ländern Europas in 54 Vorstellungen.

Durch ihre Stückeauswahl ließen Festivalgründer Manfred Beilharz sowie die weiteren Mitglieder der Künstlerischen Leitung – Tankred Dorst, Ursula Ehler und Maya Schöffel – die ästhetische Vielfalt zeitgenössischer Dramatik aus ganz Europa 11 Tage lang erfahrbar werden. Für das Staatstheater Mainz kuratierte Chefdramaturgin Marie Rötzer.

Die 41 Paten des Festivals, namhafte Dramatikerinnen und Dramatiker aus den jeweiligen europäischen Ländern, halfen mit Empfehlungen bei der Auswahl der Gastspiele. Alle Vorstellungen wurden in der Originalsprache gezeigt und für das Publikum simultan ins Deutsche übersetzt.

EUROPA AUF DER BÜHNE

„In einer enger zusammenrückenden Welt scheint das Theater ein Ort regionaler Selbstverortung zu werden. Bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte erhält das Drama eine wichtige Stimme“, so Manfred Beilharz auf dem abschließenden Pressegespräch. Viele der geladenen Inszenierungen erzählten als Spiegel der Gesellschaft von aktuellen Themen und unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen innerhalb Europas.

Sie fungierten als Ort des kollektiven Gedächtnisses einer bestimmten Region und dienten nicht selten der Aufarbeitung kollektiver Traumata. In diesen Zusammenhang gehört die phänomenale Aufführung THE BLUE BOY Irlands, die sich auf eine performative Weise mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche beschäftigte.

Zu den bemerkenswerten Gastspielen der Biennale zählten unter anderem CIRCO AMBULANTE von Andrej Mogutschij & Maxim Isajew aus Russland, das türkische Stück SȖRNAME 2010. EIN FEST FÜR SÜHENDAN von Yiğit Sertdemir sowie IMMER NOCH STURM, für das Peter Handke kurz vorher mit dem Mühlheimer Dramatiker-Preis 2012 ausgezeichnet wurde.

Gleich zwei Stücke des Autors und Regisseurs Oliver Frljić waren während der Biennale zu sehen: VERDAMMT SEI DER VERRÄTER SEINER HEIMAT! (SLO) sowie ICH HASSE DIE WAHRHEIT (HR). Mit HPYERMNESIE von Selma Spahić war eine bisher erstmalige Koproduktion zwischen Bosnien-Herzegowina, Serbien und dem Kosovo zu Gast.

Im Biennale-Programm 2012 zeichnete sich insbesondere ab: Das Kollektiv ist nicht mehr wegzudenken aus der Dramenproduktion Europas. Seien es Stückentwicklung durch das Ensemble auf der Probe, seien es Autoren, die im Duo schreiben, oder eine kongeniale Zusammenarbeit von Librettist und Komponist – die theatralen Produktionsbedingungen Europas tendieren zum Kollektiv.

Neben Altmeistern dieser Arbeitsweise wie Alvis Hermanis (SCHWARZE MILCH aus Lettland) und sehr etablierten Formen der Zusammenarbeit wie bei Josse de Pauw und Jan Kuijken (DIE GEHÄNGTEN aus Belgien) zeigte das diesjährige Programm auch die jüngste Generation von Teamarbeitern. So beispielsweise ricci/forte aus Italien (GRIMMLESS) oder das slowakische Ensemble rund um Dušan Vicen (STECHER UND LUTSCHER).

PREISE

Im Rahmen des Festivals NEUE STÜCKE AUS EUROPA wurden zwei Preise verliehen. Der Übersetzerpreis des Festivals, den der Wiesbadener Kurier für die beste literarische Stückeübersetzung auslobt, ist mit 1.000 Euro dotiert. Viola Bolduan (Ressortleiterin des Feuilletons des Wiesbadener Kuriers) übergab den Preis an Matthias Knoll für die Übersetzung des Stücks SCHWARZE MILCH von Alvis Hermanis aus dem Lettischen.

In diesem Jahr wurde zum ersten Mal der Publikumspreis verliehen. Die Biennale-Besucher wählten MÖRDER (RU) von Alexander Moltschanow (Regie: Dmitrij Jegorow) zu ihrem Lieblingsstück –  dicht gefolgt von ICH HASSE DIE WAHRHEIT aus Slowenien (Autor/ Regie: Oliver Frljić) und RÜCKSTOSS (BG) von Zachary Karabashliev (Regie: Stayko Murdzhev).

RAHMENPROGRAMM


Ein umfangreiches Rahmenprogramm stellte die geladenen Produktionen in einen Kontext. Podiumsdiskussionen setzten sich mit dem Schreibprozess und der Stückentwicklung auseinander (Warum schreibst du?), aber auch mit dem Schreiben und Theaterschaffen in einem spezifisch europäischen Kontext (Das Grundrecht der Kunstfreiheit in den Ländern der EU).

Das 20-jährige Bestehen der Theaterbiennale, bei der bis heute 310 zeitgenössische europäische Stücke gezeigt wurden, bot die Gelegenheit, zurückzublicken und über fundamentale Veränderungen in Kunst und Gesellschaft in Europa seit 1992 zu reflektieren (20 JAHRE NEUE STÜCKE AUS EUROPA – Was ist neu, was ist ein Stück, was ist Europa). Kurz vor den Wahlen in Griechenland las der griechische Pate Georgios Markaris aus seinem politischen Kriminalroman „Faule Kredite“.

FOREN

Auch in diesem Jahr war die Biennale nicht nur eine Bühne europäischer Theatervielfalt, sondern vor allem auch ein Arbeitstreffen für junge Nachwuchskünstler unter professioneller Anleitung.

20 junge Autorinnen und Autoren erarbeiteten im FORUM JUNGER AUTOREN EUROPAS Texte, die als Nachtwanderung (Einrichtung: Teresa Reiber) dem Publikum präsentiert wurden. Die Dramatikerin Tena Štivičić leitete das englischsprachige Forum, Martin Heckmanns (Autor und Dramaturg sowie Dozent an der Berliner Universität der Künste) die deutschsprachige Arbeitsgruppe. Das FORUM JUNGER AUTOREN wurde unterstützt durch das Goethe-Institut sowie die Europäische Theaterkonvention ETC.

Der newplays-blog.de begleitete in diesem Jahr die Theaterbiennale schon ab der ersten Programmpressekonferenz im Januar. Rund 600 Besucher verfolgten täglich die Berichte der 10 jungen Kultur-Blogger. Sie dokumentierten als Teilnehmer des FORUMS JUNGER THEATERKRITIKER unter der Leitung von Jürgen Berger (Süddeutsche Zeitung), Grete Götze (Frankfurter Rundschau) und Katrin Schmitz (Organisation) das Festival multimedial – mit Kritiken, Interviews und Bildgalerien – auf dem Blog sowie in zwei Ausgaben der Festivalzeitung print2blog, die im gesamten Rhein-Main Gebiet kostenlos verteilt wurden.

Im FORUM THEATERÜBERSETZUNG arbeiteten unter der Leitung von Barbara Christ sechs Theaterübersetzer an Theaterstücken aus Tschechien, der Ukraine, Finnland, Mazedonien, Schweden und den Niederlanden. Die Werkstattergebnisse wurden bei der Veranstaltung STÜCK FÜR STÜCK im Studio des Staatstheaters Wiesbaden in szenischen Lesungen (Regie: Benjamin Schad und Jan Stephan Schmieding) präsentiert. Das FORUM THEATER-ÜBERSETZUNG wurde unterstützt von dem Internationalen Theaterinstitut (ITI).

Das FORUM DRAMATURGIE bot als Offener Campus Studenten aus ganz Deutschland und Amsterdam die Möglichkeit, am Festival zu partizipieren,  Vorträge und Kurzseminare zu besuchen.

Schulklassen begegneten im Forum KINDER ENTDECKEN EUROPA (Leitung: Priska Janssens) Theatermachern aus unterschiedlichen Ländern Europas.

BIENNALE-BILANZ

Die Platzausnutzung für alle Vorstellungen lag in Wiesbaden bei knapp 70 %. Insgesamt besuchten 7800 Zuschauer die Vorstellungen und Sonderveran-staltungen des Festivals. Zu Gast waren Festivalkuratoren und Theaterleiter sowie über 70 Journalisten aus ganz Europa.

80 Dramatikerinnen und Dramatiker reisten an und beteiligten sich in  theoretischen Diskursen, Lesungen und Vorträgen an der Theaterbiennale oder wurden in Autorenporträts vorgestellt.

Die Intendanten Manfred Beilharz und Matthias Fontheim der Staatstheater Wiesbaden und Mainz bedanken sich bei der Kulturstiftung des Bundes, den Ländern Hessen und Rheinland-Pfalz und ihren Ministerpräsidenten und Schirmherren des Festivals, Volker Bouffier und Kurt Beck, der Stadt Wiesbaden, dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain, dem Medienpartner Wiesbadener Kurier, den Kulturpartnern hr2-kultur und SWR2 sowie zahlreichen Sponsoren für die Unterstützung des Festivals.

Das Festival wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und den Kulturfonds Frankfurt  RheinMain, finanziert aus Mitteln der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz sowie der Stadt Wiesbaden und weiteren Sponsoren. Es wird unterstützt von dem Medienpartner Wiesbadener Kurier sowie den Kulturpartnern hr2-Kultur und SWR2.